It Girl

iiiiii

Fast hätte ich meinen Flug von London nach Berlin verpasst, weil ich meinen Rausch am Flughafen ausschlafen musste. Man hat mich sogar ausgerufen. Ich habe mich früher immer gefragt, und das wertfrei, wer diese Menschen sind, die an Flughäfen ausgerufen werden und warum sie ausgerufen werden. Was hält sie auf? Warum sind sie nicht rechtzeitig am Gate? Doch dann ist es mir selbst mehrere Male passiert und ich habe mich das nicht mehr gefragt.

In Berlin gehe ich in eine Bar, um dort einen Bekannten zu treffen. Er schreibt mir, dass er sich verspätet. Es ist noch recht früh und in der Bar ist nicht so viel los. Ein Paar sitzt in einer Ecke und sieht sich verliebt an. Der Bar-Mann poliert Gläser. Musik in Zimmerlautstärke. House.

Eine junge Frau betritt die Bar. Sie ist schlank und trägt ein schwarzes Mini-Kleid mit grauem Kragen, eine schwarze Strumpfhose, Stiefel und eine schwarze Felljacke. Ich kann nicht erkennen, ob das Kunstfell ist oder echt. Zum Glück. Was würde das auch über mich aussagen. Sie ist stark geschminkt. Viel Kajal, roter Lippenstift. Ihre Haarfarbe ist undefinierbar. Eine Mischung aus blond und braun. Die Haare sind unordentlich zusammengebunden. So als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Natürlich ist das Absicht. Sie hat niedliche Hamsterbäckchen. Sie hält ihr Handy in der Hand und sieht mit konzentriertem Blick auf das Display.

Sie geht an die Bar und bestellt sich ein Getränk. Danach sieht sie sich um, sieht mich für einige Sekunden an und kommt auf mich zu. Eine Parfumwolke steigt in meine Nase.

“Hi“, sagt sie. “Bist du Alice?“

“Nein“, sage ich.“

“Ah, ja, sorry, weißt du, ich bin hier mit jemandem verabredet. Es geht um einen Artikel.“

Sie sieht sich wieder in der Bar um.

“Ich bin nämlich Journalistin“, sagt sie wieder mir zugewandt. “Aber mehr kann ich dir leider nicht über den Artikel sagen. Das ist vertraulich, weißt du.“

“Schon in Ordnung“, sage ich höflich. So höflich, dass sie nicht merkt, wie wenig es mich interessiert. Kein bisschen im Grunde genommen. Ich würde lieber in meinem Buch weiterlesen und auf meinen Bekannten warten.

“So leer“, sagt sie. “Ich gehe ja für gewöhnlich nicht in solche Bars. So wenig Ambiente hier. Keine interessanten Menschen. Da fühle ich mich fehl am Platz. Ich halte mich nur in In-Vierteln auf normalerweise.“ Sie macht eine abschätzige Handbewegung. “Ich bin Monja König und du?“

Bevor ich etwas sagen kann, setzt sie sich neben mich. “Ich denke, Alice verspätet sich. Macht es dir etwas aus, wenn ich hier bei dir sitze und auf sie warte? Ich komme mir so komisch vor, wenn ich hier alleine sitze, weißt du. Wer sitzt schon alleine in einer Bar? Ich meine, das ist so, als hätte man keine Freunde und an der Bar beim Barkeeper will ich auch nicht sitzen. Der Barkeeper macht mich ja doch nur an. Ich bin es leid ständig angemacht zu werden. Ich meine, manche unsicheren Frauen freuen sich ja drüber und so, aber ich weiß, dass ich gut ausschau und brauche keine Bestätigung. Das hat jetzt nichts mit Arroganz zu tun. Ich sehe das aus professioneller Sicht. Ich habe ja mal gemodelt, aber ich möchte jetzt lieber schreiben. Weißt du, ich habe so viel zu sagen. Hier, warte mal. Ich zeige dir ein paar meiner Artikel. Ich habe alle meine besten Artikel mit einem Sternchen auf meinem Smartphone markiert. Dann geht das schnell, wenn ich die mal suchen muss.“ Sie lacht. “Nein, eigentlich habe ich alle meine Artikel markiert. Die sind alle gut. Bescheidenheit ist so überholt irgendwie. Man muss zu seinem Talent stehen, auch wenn man mal Selbstzweifel hat und so.“

Ich überfliege ein paar ihrer Artikel.

“Was liest’n du da?“ fragt sie und lehnt sich zu mir herüber. Sie zeigt auf das Buch auf dem Tisch, das ich las, bevor ich die Bekanntschaft mit Monja machen durfte.

“Simone de Beauvoir“, sage ich.

“Ah“, sagt sie. “Habe ich schon mal von gehört. Um was geht es denn da? ‚Das andere Geschlecht‘? Zwitter oder was? Ich habe mal eine Reportage über die gesehen. Voll komisch. Stell dir vor du hast einen Penis und eine Vagina. Ich mein‘, wie pinkelt man denn da?“ Sie kichert. “Oder geht es da um diesen komischen Gender-Mainstream-Kram?“

Ich seufze.

“Müde?“

“Nein.“

“Aber ich. Ich war gestern voll spät noch in der Redaktion. Ich arbeite nämlich bei der Kron-Zeitung, musst du wissen.“

Sie betont das Kron. KRON.

“Und dabei bin ich 21“, sagt Monja. “Na ja, eigentlich, 24, aber ich habe mich ein bisschen jünger gemacht. Das macht sich immer gut. Ich bin da die Jüngste. Ich weiß, ich sehe ein bisschen älter aus, aber das ist nur die Schminke. Von den vielen Partys sehe ich zur Zeit ungeschminkt eigentlich etwas müde aus, aber man will ja, ich sag‘ mal, als junger, aufstrebender Mensch nichts verpassen. Man muss in meinem Beruf auch die richtigen Leute kennenlernen. Kennst du, Leni Bergemann? Die hat’s ja auch nur durch Papi geschafft. Findest du nicht auch? Ich habe keinen reichen Papi wie Leni. Wir sind nur untere Oberschicht und nicht Superreiche mit Luxusvillen oder so. Ich habe nur mein gutes Aussehen und meinen Verstand und musste mir meinen Erfolg selbst erarbeiten. Ich habe keine Millionen und ich hatte auch keine einflussreichen Kontakte in Berlin. Meine Eltern haben mir nur finanziell geholfen. Die Wohnung bezahlt und so. Das ist ja das Mindeste, was man von seinen Eltern erwarten kann. Ich mein‘, habe ich sie gebeten geboren zu werden? Nein. Aber gut, dass ich da bin.“ Sie kichert. “Aussehen und Verstand – Leni hat ja beides nicht.“ Monja verzieht das Gesicht. “Leni und ich sind gute Freundinnen, aber man muss sich ja nicht oft treffen. Weißt du, ja, ich habe mein Aussehen, aber ich find das schrecklich so auf das Aussehen reduziert werden, aber was soll ich machen? Ich kann mich nicht absichtlich hässlich machen. Gutes Aussehen öffnet auch viele Türen, aber ich möchte die Leute mit meinem Verstand überzeugen. Umhauen, weißt du. Da denken immer alle: Ja, die schaut gut aus, aber hat die auch etwas zu sagen? Ist die klug? Und dann sage ich nur: Lest doch meine Texte.“ Sie seufzt. “Ich begreife mich selbst als so eine Art Wunderkind. Wunderkinder werden oft missverstanden, weil es uns so selten gibt.“ Sie seufzt wieder. “Was machst du denn? Beruflich meine ich?‘
Sie sieht mich für einen Moment kurz an. Dann schweift ihr Blick wieder ab.

“Zum Glück habe ich schöne Augen und einen schönen Mund und eine schöne Nase und eine schöne Stirn“, sagt sie. Das macht einiges wett, auch wenn ich müde und ungeschminkt bin. Nur mit meinen Wangen bin ich nicht so zufrieden. Ich hätte gerne so hohe Wangenknochen. Das würde voll edel und aristokratisch aussehen. So adelig halt. Meine Ur-Großeltern sind ja auch adelig gewesen, weißt du. Heute gibt es das ja nicht mehr. Ich wäre schon gerne eine Prinzessin oder eine Herzogin oder Baroness oder so und die Leute müssten immer einen Knicks vor mir machen.“ Sie kichert.

“Weißt du, dass sich die Frauen früher die Haare ausgerissen habe, um so eine hohe Stirn zu bekommen? Im Mittelalter war das oder so. Ich mag meine eher niedrige Stirn. Wie sich die Schönheitsideale ändern. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich habe ein klassisch-schönes Gesicht und das hätte sicher auch gut gepasst. Eigentlich sehe ich auch jetzt edel aus, aber man will ja immer mehr, weißt du. Ich habe ja früher auch gemodelt. Da hat man mir die immer so geschminkt, die hohen Wangenknochen. Sah voll gut aus. Ich kann mich selbst nicht so schminken wie die Make-up-Artists, aber die lernen das ja auch. Das wäre für mich kein guter Beruf, weil der so gar nicht intellektuell ist. Ich brauche das, ich brauche das Intellektuelle und so. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe immer so viel zu erzählen, weißt du. Mein Verstand ist immer so rasend, weil ich mir so viele Gedanken mache. Ah, gestern. Ich war in der Redaktion und der Chefredakteur hat mich mal wieder gelobt. Monja, hat er gesagt. Du bist 21 und schon so weise. Du bist die Stimme deiner Generation, hat er gesagt. Ich habe mich früher noch über solche Komplimente gefreut, aber heute ist das irgendwie so selbstverständlich für mich geworden. Ich bin voll abgestumpft. Klar gibt es auch Hater, aber haters gonna hate. Eigentlich voll schade, dass Lob mir nichts mehr bedeutet. Wir Menschen neigen ja dazu etwas nach einer Weile als selbstverstädlich zu betrachten. Vor allem in unserer Generation. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich schreibe immer über Themen, die mir wichtig sind. Weißt du, mich bewegt so viel und ich freue mich, wenn ich Menschen zum Nachdenken anregen kann. Ich denke so voll viel über dies, das. Unsere Generation denkt ja so wenig, aber wenn ich jetzt anfange darüber zu reden, kann ich gar nicht mehr aufhören. Ich habe ja so viel zu sagen.“ Sie zuckt mit den Achseln.

“Gestern Abend war ich noch bei einer Party von Connie Kornelius. ich bin da von der Redaktion mit dem Taxi hin“, fährt sie fort. “Du kennst sie ja sicher. Ich meine, die kennt jeder? Kennst du sie?“

Ich schüttle den Kopf.

Monja sieht mich verwundert an und sagt dann etwas herablassend. “Macht ja nichts. Du bist sicher nicht aus Berlin. Connies Vater ist Chef vom Heise Theater und dem gehört auch das Magazin ‚VIP- The Who’s Who Berlin‘. Connie ist auch Journalistin wie ich und gemodelt hat die auch, aber die hat eine Hakennase und plattes Haar. Ich habe ja auch mal gemodelt. Connie und ich verstehen uns voll gut. Dabei mag ich keine Frauen oder sagen wir mal so, sie mögen mich nicht. Ich finde das so schade, dass Frauen immer so stutenbissig sein müssen, wenn man gut ausschaut. Da kann ich ja nichts für. Das sind die Gene und eine gute Mascara. Die fühlen sich gleich in ihrer eigenen Schönheit bedroht, wenn eine schönere Frau auftaucht. Ich leide da schon seit Jahren drunter. Dass ich dazu auch noch überdurchschnittlich intelligent bin, macht es ja auch nicht besser. Viele denken ja, dass sei eine Gabe, aber es gibt halt auch voll viele Schattenseiten. Ich fühle mich schon etwas gemobbt und wie der ewige Außenseiter. So wie die Juden damals, weißt du. Mein Therapeut sagt, dass ich ein dickeres Fell bräuchte. Ich bin da einfach so sensibel. Ich nehme auch manchmal Antidepressiva deswegen. Ich war ja früher voll das hässliche Baby, finde ich, und weiß darum, wie es ist hässlich zu sein. Man sagt ja, dass die hässlichen Babys immer am Hübschesten werden später und so war es bei mir auch und seitdem leide ich voll. Der ganze Neid von Frauen, aber ich mache das heimlich. Das Leiden. Ich kann’s ja verstehen, dass sie neidisch sind und dass sie das innerlich zerfrisst. Weißt du, wir sind ja so eine Generation, die immer so einen auf stark und Konkurrenz machen muss, aber hinter verschlossenen Türen leiden wir und posten Bilder von uns, wo alles gut ist und wir gut aussehen im Internet für unsere Follower und Fans. Aber wie es wirklich tief in uns drinnen aussieht, weiß keiner. Das will auch keiner wissen. Jeder sieht nur die schöne Fassade, den scharfen Verstand und unsere gute Kleidung und die ganzen Konsumgüter, die man heute haben muss. Und dann noch ein Filter drübergelegt. Wir sind Generation Filter. Mehr nicht. Das macht mich manchmal echt traurig. Manchmal würde ich mir den Kommunismus wie in Korea wünschen. Hm. War das Nord- oder Süd-Korea? Ich weiß es nicht. Egal. Manchmal wünschte ich, ich wäre hässlicher und dümmer. Das würde einiges leichter machen. Gestern waren da so welche auf der Party. Oh mein Gott, du hättest die sehen müssen. Kein Stil und kein gar nichts. Die haben bestimmt auf Lehramt studiert und sind aus Brandenburg zugezogen.“

Sie kichert wieder und nimmt einen Schluck von ihrem Cocktail.

“Schade, dass man hier nicht rauchen darf“, sagt sie. “Wo war ich stehen geblieben? Ach, richtig. Gestern, die Party. Oh mein Gott. Ich sitze da so da auf dem Kanapee in Connies Wohnung und rauche und trinke meinen Cocktail mit meinem Smartphone in der Hand und hallo? Ich sehe so aus, als ob ich nicht gestört werden will. Was wäre denn deutlich genug für solche penetranten Frauen? Es geht nicht deutlicher, wie ich finde. Da sagt eine so zu mir, die ich so ein bisschen kenne von Partys, eine Dickere, die bestimmt 70 Kilo wiegt und so eine komische Army-Jacke trägt und nicht geschminkt ist und hässliche Dreads hat, die wie Rattenschwänze aussehen, die sagt so fordernd zu mir: Entschuldigung Monja, kann ich mich setzen, kannst du etwas rücken? Und ich sehe sie an und sage so, weil ich einfach voll genervt bin: Ja, wenn du etwas dünner wärst, könntest du hier auch so sitzen und ich müsste nicht rücken und könnte in Ruhe meine Zigarette rauchen, meinen Cocktail trinken, meine Whatsapp-Nachrichten und Emails beantworten und meinen Facebook-Status updaten und auf Twitter tweeten und würde nicht von euch gestört werden. Meine Nachrichten sind nämlich wichtig in meinem Job. Ich muss die stündlich checken. Ich studiere ja nicht auf Lehramt oder Philosophie oder so einen Kack. Und ehrlich gesagt, möchte ich jetzt hier weiter in Ruhe rauchen, trinken und meine Nachrichten beantworten und ich möchte nicht gestört werden. Da drüben ist vielleicht noch etwas frei. Die andere, weil es sind ja zwei, so eine kleine Blonde mit einer kleinen, spitzen Nase, die ein schwarzes Strickleid trägt, das sie bestimmt bei Primark gekauft hat, und so gar nicht stylisch ausschaut, schaut mich böse an und sagt so: Musst du immer so unfreundlich sein? Ich verstehe das nicht. Und ich so: Zum Pöbel muss ich das sein, ja. Einfach, weil ich so voll genervt bin. Sie so voll sauer: Warum verpisst du dich nicht aus Berlin und gehst zurück in deine süße Kleinstadt nach Süddeutschland, wo du hergekommen bist? Und ich so: Wie redest du denn mit mir? Geh du mal zurück nach Brandenburg. Ich kann doch auch nichts für dein Gesicht. Die beiden sehen mich böse an und ich mein‘, es stimmt doch. Kann ich etwas dafür? Die Wahrheit tut eben manchmal weh und weißt du, wenn ich meine Nachrichten beantworte, will ich einfach nicht gestört werden. Die sehen doch, dass ich auf mein Smartphone schaue? Will ich da gestört werden? Nein. Und was heißt Kleinstadt? Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Who cares? Und dann ziehen die beiden Hässlichen endlich ab und ich sage zu Connie, Connie, sage ich. Wo hast du die denn her? Wer ist das? Und Connie sagt, dass die beiden Umwelt-Aktivistinnen wären oder so etwas und die eine hat Politik in Oxford und Harvard oder so studiert und hat mit 15 schon Abi gemacht und bekam mit 16 ein Stipendium und ging weg aus Berlin und sie schreibt auch Bücher über Feminismus und den Klima-Wandel und so und macht so einen Wohltätigkeits-Scheiß für hungernde Kinder in Südamerika oder Afrika oder was weiß ich und die andere wäre Wissenschaftlerin und hat nicht mal Abi gemacht, weil sie das nicht nötig fand, weil es ihr nur Zeit raubt bei ihren ‚Plänen‘ und sie hat voll den hohen IQ und arbeitet jetzt in New York und wäre erst 22 oder so und hat auch eine so eine Wohltätigkeitseinrichtung gegründet. So eine Art Frauenhaus für Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden. Die hätte einen Forscherpreis in den USA gewonnen und das Geld dazu genutzt, um das zu gründen. Mein Gott, ey. Feminismus ist so out. Das braucht heutzutage niemand mehr. Und wenn du von deinem Mann geprügelt wirst, bist du doch auch selbst schuld. Wer zwingt dich denn mit dem zusammenzubleiben? Das gilt auch für diese Magersüchtigen und Bulimikerinnen, Ritzer und anderen Psychos. Selbst schuld. Man muss auch mal in der Gegenwart ankommen, weißt du, und der Klima-Wandel ist auch umstritten. Da ist auch viel Panikmache bei. Und ganz ehrlich, so eine Labormaus im weißen Kittel oder wie ich das nennen soll, beeindruckt mich null. Da hat keinen Glamour. Muss die damit so angeben? Ja und? Ich mein‘, das ist ja alles schön und gut, aber das machen die doch sicher auch hauptsächlich wegen des Ruhms und so was. Jeder denkt dann man wäre voll der Gutmensch und so. Unsere Generation will so viel Anerkennung, weißt du. Da geht es nur um Likes und so. Früher hatten es die Leute so viel einfacher ohne Social Media. Nach dem Krieg zum Beispiel. Ich mein‘, die hatten da nichts. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Das ist doch befreiend. Ich mein‘, Ich habe auch schon mit 15 gemodelt und war selbstständig bis auf das Geld meiner Eltern, das ich bekommen habe und jetzt schreibe ich Artikel, die die Welt zum Denken anregen. Da braucht die nicht so einen auf Elite machen. Ich war mit 15 auch schon viel weiter als andere. Ich hasse Ökös so. Ja, und jetzt sind Friederike und Meike mal wieder in Berlin, hat Connie gesagt. Eigentlich würden die im Amazonas leben und so und auch in New York. Die wären wohl auch lesbisch oder so. So sehen die auch aus ehrlich gesagt. Ich habe ja nichts gegen Lesben, solange die mich nicht anmachen. Ich meine ja nur, weil die so aussehen. Und New York ist auch so überbewertend. Berlin ist heute der Mittelpunkt der Welt. Der Vater von einer der beiden wäre voll das hohe Tier in Berlin und voll reich und so, hat Connie gesagt, aber sie wollte nie sein Geld und ihren eigenen Weg gehen und ich sage: Ja, aber warum zieht die sich dann so an? Das ist ja wie aus der Altkleidersammlung? Ich meine, ich kenne mich mit Mode aus. Ich habe mal für den Heinrich-Katalog gemodelt, als es den noch gab und für Karl-Bauer, das ist so etwas wie Lidl in Österreich und so. Wenn die Geld hat, braucht die doch nicht wie ein versiffter Penner von der Straße rumlaufen? Wie so ein Alko-Junk? Was ist das? Label Kanalratte? Öko Bitch Haute Couture? Und Connie sieht mich nur an und sagt, dass sie Friederike und Meike mag und bewundert und ich etwas netter sein könnte. Ich sei immer so unfreundlich zu Frauen. Und ich erzähle ihr, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben und wollten, dass ich aufstehe, damit sie sich hinsetzen können und mich bei der Arbeit störten und dass sie doch sahen, dass ich arbeite. Und Connie sagt nur, dass das sicher ein Missverständnis war und so.“
Monja verdreht die Augen. “Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese stutenbissigen, hässlichen Ökos mit ihren hässlichen Fratzen und Klamotten“, sagt sie. “Erst kürzlich hat mir jemand einen Blog-Kommentar geschrieben. So etwas wie: ‚Halt’s Maul, du Mediennutte. Du schreibst schlecht und arbeitst bei Kron. Lieber würde ich Klos putzen.‘ Hallo? Ich mein‘, wer sind diese frustrierten Leute? Ich will mich inspirieren lassen von Schönheit und von Geist. Auf Weltbürger wie mich treffen. Nicht auf uncoole Kleingeister. Ich bin so etwas wie ein It-Girl, ehrlich gesagt. Das verstehen die halt nicht. Ich meine, dass so Kommentatoren oder so eine Friederike und Meike mir dumm kommen müssen? Ernsthaft? Ich habe mich dann später noch so halb bei Friederike und Meike entschuldigt, weil man in meinem Job einfach nie wissen kann, wen man mal gebrauchen kann und wenn einer der Väter so ein hohes Tier ist, kann ich mir das ja nicht verscherzen, weil die voll viel Einfluss haben, weißt du, und das kann die Karriere manchmal etwas bremsen, wenn man sich mit einigen nicht gut versteht. Das war schon beim Modeln so. Beim Modeln kamen mir so einige Tussis auch mal dumm. Das kann halt auch nicht jeder machen. Man muss schon den Look haben und dann gibt es eben Zickereien. Ich habe ja auch mal gemodelt, weißt du. Habe ich das schon erwähnt? Modeln ist ja gar nichts für mich. Die anderen Models sind einfach so hohl. Da kann man kein intellektuelles Gespräch führen. Ich habe es ja voll oft versucht bei den Castings, aber die sind einfach zu hohl. Ich bekam wegen dieser Zicken auch nie Aufträge, weil die mich bei Castings gemobbt haben. An mir kann das ja nicht liegen. I got what it takes wie man auf Englisch sagt. Mit denen muss ich mich ja zum Glück nicht mehr abgeben und heimlich kann ich ja über Meike und Friederike denken, was ich will. Aber so muss ich eben tun, als ob ich sie mag.“
Sie lacht.
“Ich lache, aber ich will weinen. Ist das nicht auch Teil unserer Generation?“ sagt sie. “Wir lachen dem ins Gesicht, den wir nicht mögen? Der uns nützlich sein könnte? Wir können nicht wir selber sein? Wir verstellen uns? Wir spielen den anderen so oft etwas vor? Das ist so eine Leistungsgesellschaft, dass ich zu so hässlichen Meikes und Friederikes nett sein muss, obwohl ich das nicht will? Kannst du ein Bild von mir machen für meine Social Media Accounts? Ich sehe heute mal wieder so süß aus und ich habe seit einer Woche nichts mehr gepostet. Man muss sich ja interessant machen. Wenn man jeden Tag postet, denken die Follower, dass man sonst nichts zu tun hat, weißt du. Ah nein, warte mal, hast du einen Spiegel? Ich will schauen, ob mein Make-up verschmiert ist.“
“Bedauere.
“Shit“, sagt sie. “Ich bin in ganz Deutschland berühmt, seit ich der bei Kron-Zeitung arbeite. Ich will keine peinlichen Bilder von mir veröffentlicht sehen. Das ist schlecht fürs Image.“

K-R-O-N.

“Als ich noch gemodelt habe, war ich weniger bekannt. Aber jetzt. Da will ich nicht mit verschmiertem Make-up in der Zeitung stehen, wenn jemand von der Presse da ist und ein Foto knipst. Ich verschwinde mal auf die Toilette.“
“Alles klar.“

“Um was geht es denn jetzt in dem Buch?“ sagt Monja, als sie wieder von der Toilette gekommen ist und zeigt auf mein Buch. Sie trägt nun noch mehr Make-up.

“Weißt du, ich will auch Bücher schreiben. Ich habe so viel zu sagen. Ah, ich denke, das ist Alice. War nett mit mir zu plaudern. Schreib mir doch mal einen Kommentar auf meinem Blog oder unter einen meiner Artikel.“ Sie umarmt mich halbherzig und begrüßt Alice, eine große, schlanke Brünette Ende 20 oder Anfang 30.

Mein Bekannter schreibt mir. Er und seine aktuelle Freundin – eine von vielen – man könnte sagen Eintagsfliegen – und er haben 2C-B genommen. Wir sollen uns in ein paar Stunden treffen.

Ich verlasse die Bar, kaufe mir biligen Wein und sehe nach oben und prüfe, ob ich die Sterne sehen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Er schlägt vorbeigehende Passanten mit einer Plastiktüte und schreit. Ich sehe zu ihm auf. Es ist ein durchdringender Blick. Er erschrickt und schlägt mich nicht. Ich bin das einzig wahre “It Girl“. Mir gehört die Straße.

Phrasen

U

Wer nichts zu sagen hat, redet am meisten. Über sich, über andere, den Ex-Freund, die Ex-Freundin, Geschichten aus der Schule, schlecht gekleidete Menschen und Kinder in zerrissenen Lumpen, Hartz-IV-Empfänger, Diäten, Avocado-Toast, “unsere Generation“, Neid, Sex, Reisen, Tinder, Twitter, Whatsapp, Facebook, Brunch. Über einen “guten“ Artikel, den man gelesen hat, der einen “voll zum Nachdenken angeregt hat“, den Beruf, die Nachbarn, flüchtige Bekannte, Fremde auf der Straße, Tipps, wie man schlank bleibt, Mode-Trends, was man in Frauenzeitschriften gelesen hat, wie es war, als man letztes Wochenende “feiern war“, welches Buch man sich wegen des Covers gekauft hat, wie fett Nina aus der Parallelklasse von früher geworden ist, dass Luisa geheiratet hat, aber scheiße auf den Hochzeitsfotos auf Facebook aussieht, Cellulite, Anti-Feminismus, wer besser keine Hotpants oder Bikini im Sommer tragen sollte, was man sich Neues für die Wohnung gekauft hat, – man hat ja so einen erlesenen Geschmack und kann es sich leisten. Welche Bücher man liest und vor allem nicht liest. Mit wem man sich auf einer Party unterhalten hat, seit wann man in Berlin wohnt, die Floskeln über die AfD – wie ein auswendig gelernter Text – man kennt sich nicht aus mit Politik und es ist auch nicht von Belang – es geht einem ja gut und wen kümmern schon die Armen und Bedürftigen, aber man muss ja so tun, als ob. Man selbst kommt bei diesen endlosen Ausführungen immer am besten weg. Man selbst ist unfehlbar. Hat die Welt durchschaut. Weiß nicht nur, wo der Hase langläuft – nein, man ist ihm immer ein paar Schritte voraus und so gibt man zu allem ein paar Sprüche ab, Meinungen, Halbsätze. Man hält die Nase hoch. So hoch, man sieht den Boden nie.

Meist bekommt man sogar noch Lob dafür von einigen geistig Verwirrten oder weltfremden Kleingeistern, die auch nichts zu sagen haben, aber ihnen fällt im Gegensatz auch nichts ein, worüber sie reden könnten und deshalb hören sie zu und denken, sie hätten soeben ein gutes Gespräch geführt. Jemand hat auf sie eingeredet, der etwas zu sagen hat. Der “klug“ ist und “freche“ Meinungen hat. Wenn es ganz gut läuft, darf man sogar im Feuilleton einer Zeitung schreiben oder ein Buch schreiben gefüllt mit seinen “Meinungen“.

“Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.“
Heinrich Heine

Om shanti om

Der Politkteil stimmt wie immer traurig, aber weiß man von nichts, schottet man sich vor allen Informationen ab- was ist man für ein Mensch? Ja, manche Esoteriker raten dazu. Man soll sich von allem Negativem abschotten- aber ja, die Frage lautet: Was ist man dann für ein Mensch? Ein entspannter Mensch mit Liebe im Herzen und Gelassenheit. Mentally chill statt mentally ill. Man hat die Erleuchtung gesehen. Die Illuminaten klopfen gleich an. Man rutscht Regenbogen herunter, sagt “Om Shanti om“ und trinkt Yogi-Tee, fährt zum Schweige-Retreat ins Kloster, meditiert stundenlang, isst Rohkost, duscht selten, erkennt Wildkräuter, die am Straßenrand in der Stadt wachsen, sagt “Liebe und Licht“, läuft gern barfuß auf Wiesen und Beton, trägt selbstgebatikte T-Shirts aus Bio-Baumwolle oder Funktionssandalen, steht im Park mit einem “Free hugs“-Plakat, geht containern, ist den Jakobsweg schon entlang gepilgert, war in Indien, weil jeder nach Indien fährt, nimmt Drogen, aber kein Aspirin oder Paracetamol oder Ibufen, weil das nicht “natürlich“ ist, mag vegane Brotaufstriche, studiert schon seit 2001, aber man nimmt das Studium eher locker, denn man ist eben nicht einer von diesen “fleißigen Karriereorienterten“, die mit 21 schon im Master-Programm sind. Man sitzt lieber gemütlich zuhause und liest in einem Buch über Kamasutra und Tantra. Man überlegt, ob man sich nicht zu einem Tantra-Masseur ausbilden lassen könnte. Man hat da doch so jemand in Indien kennengelernt. Da könnte man mal anfrufen und fragen. Der hat doch eine Schule mit seiner Frau. Gallensteine könnte man mit Öl aus dem Magen leiten, steht in einem Artikel, den man liest. Na, das geht doch etwas zu weit. Man steht auf und macht sich einen grünen Saft. Om shanti om.

Ich bin noch nicht soweit. Ich lese die Zeitung, ARD und ZDF. Krieg, Umweltkatastrophe, Terror. Fernseher aus. Ich blättere weiter.

Männer und Frauen, meist ab Mitte, Ende 40, im Feuilleton erzählen mir, was jetzt “angesagt“ ist. Wen ich lesen soll. Auf wen ich hören soll. Was “Hipster“ in Berlin bewegt. Wo man gut brunchen kann. Welcher 20-jähriger Sänger, den man schon länger kennt, jetzt der Sänger der Stunde ist. Wer ein ganz tolles Buch über die Generation Y geschrieben hat. “Oh, es erinnert mich an den und den Autoren. Es ist so frech, so rotzig und so pfiffig. So eine Kodderschnauze“ – oder “so traurig, so berührend“. Ich möchte keine “rotzig-frechen“ Bücher lesen. Ich möchte Wahrhaftigkeit.

Ich lege die Zeitungen weg. Ich lese online. Alles wieder schrecklich. Nicht aufregen. Om shanti om. Ich lege das Handy weg und frage mich abschotten oder informieren? Was für ein Mensch möchte man sein?

Man muss sich vielleicht ablenken vom Weltgeschehen.

Ich gehe in die Bibliothek. Ich blättere in einem Bildband. “Die Geschichte der 68er und des Punks in Deutschland“ oder so ähnlich. In diesen Buch wird Matthias Mattussek zitiert. Er sagt: “In Studienzeiten ließ man auch schon mal den Joint herumgehen bei uns in der WG in Stuttgart. Da hörte man noch laut Musik bis nachts um halb zwei. Das waren schon wilde Zeiten.“ Matthias Exzess Mattussek. Ich lege das Buch weg, gehe raus aus der Bibliothek.

Ein Mann sagt “Entschuldigen Sie“. Ich stehe ihm im Weg. “Ist das der Sonderzug nach Pankow?“, sage ich. “Nein.“, sagt er verwirrt. “Sonderzug? Das ist die S-Bahn nach Oranienburg.“ Ein älterer Mann lacht laut auf. Er sitzt auf einer Bank hinter mir. Auf dem Boden vor ihm steht eine Tüte, neben ihm auf der Bank eine weitere, zwischen seinen Füßen schläft ein Hund. Er lacht. Ich auch. Vielleicht sollte ich öfter mal spazieren gehen.