Erfolg

Wenn man dir einredet, dass du etwas Vernünftiges machen sollst, etwas, das alle anderen auch machen, machen wollen; du dort hingehen sollst, wo sich alle tummeln, ein Sandkorn in einer Sanduhr, nach außen glücklich, auf eine unangepasste Art angepasst, aber hinter verschlossenen Türen kommt man dann auch mal ins Grübeln. Wenn man dir sagt, dass du das doch schon erreicht haben solltest oder man dir eine Summe vorgibt, eine Summe, die besagt, wieviel Geld du auf dem Konto haben solltest, eine To-do-Liste ”100 Dinge, die man vor 30 erreicht haben sollte” oder so ähnlich und man dir vorgekaute Meinungen serviert wie früher manche Mütter den Kleinkindern das Essen. Zieh eine Nummer und stell dich an. Such dir Vorbilder mit Ellbogen, großer Klappe, aber mit wenig Moral. Du willst es doch auch ”nach oben” schaffen. Deinen Namen in der Zeitung lesen oder ihn aus den Mündern einflussreicher Leuten hören. Es geht um Geld, Macht und gutes Aussehen. Wie kommt man da nur hin? Mit viel Schein und wenig Sein, mit Sex-Appeal, Provokation, Lügen und großen Sprüchen. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Sich verkaufen können. So läuft das. Fake it ’til you make it. Photoshop-Bildchen von dir für deine tausenden Follower bei den sozialen Medien. Eine kleine, leise Träne läuft deine heißen Wange herunter, weil jemand, den du kennst, vielleicht wart ihr zusammen auf der Schule, noch mehr Follower hat als du. Oder mehr Geld. Und irgendwann stehst auch du vielleicht mit einem Prosecoo-Glas bei einer Stehparty oder hast eine Sekretärin, mit der du verkehrst, sexuell, oder bist im Vorstand oder schreibst Artikel in konservativen und ”linksliberalen” Zeitungen mit deinen ”Gedanken” oder fährst ein ”gutes” Auto und kannst dir zwei Mal im Jahr Urlaub leisten und schimpst auf jeden, der anders ist, anders aussieht, sich verweigert und die Nachbarn grüßen recht freundlich, aber du denkst, dass ist Neid, denn du kennst nur wenige Gefühlsrichtungen und ein Lachen ist oft falsch wie bei dir. Sie sind neidisch, denkst du. Auf dich und deinen Erfolg. ”Wichtig ist, dass sie dir beibringen: Es gibt keine alternative zum Nichtstun” schrieb Ronald M. Schernikau. Du möchtest ja gar nicht nichts tun. Du möchtest kein Hippie sein wie die ganzen Verlierer der Gesellschaft, sagst du verächtlich. Du möchtest nur nicht hart arbeiten. Und das machst du auch nicht. Man kann es auch ohne harte Arbeit zu etwas bringen. Man sieht es ja an dir.

Männerfreundschaft

”Ich würde das auch so machen, wie’s Felix gesagt hat,” sagte Daniel. ”Man muss es noch ausarbeiten, aber ich find’s gut.”

Er sah zu Felix herüber, der zufrieden nickte.

”Meinungen?” sagte der Chef fragend in die Runde.

”Es ist gut, aber ich würde es ein bisschen anders machen,” sagte Lisa. ”Ich denke, dass der Kunde eher nach etwas anderem sucht. Ich habe ihn genau beobachtet und denke, dass Felix’ Einfall gut ist, aber nicht ganz das, was der Kunde möchte.”

Felix fiel die Kinnlade herunter, Daniel riss die Augen und den Mund auf. Er sah aus wie ein Fisch an Land.

”Gut,” sagte der Chef. ”Morgen habe ich Ihre Version auf meinem Schreibtisch, Frau Schwedt. Schönen Tag noch.”
Er stand auf, nahm seine Akten vom Tisch und ging in sein Büro.

”Warum hast du das gemacht?” sagte Felix, als der Chef außer Sicht- und Hörweite war.

”Was?” fragte Lisa.

”Na, das.”

”Was?”

”Gesagt, dass du es anders machen möchtest?”

”Warum nicht? Warum darf ich nicht meine Meinung sagen?” fragte sie nüchtern.

”Ich spüre hier zickige Schwingungen,” sagte Felix.

Daniel lachte.

”Bitte? Eine Frau äußert eine Meinung und ist gleich eine Zicke?”

”Moment mal,” sagte Felix. ”Wer hat dich bitte zickig genannt?”

”Du übertreibst ja maßlos,” sagte Daniel. ”Das hat keiner gesagt. Hast du deine Tage oder was?”

Sie lachten.

”Ich bin mal gespannt, was du aus dem Projekt machst,” sagte Daniel verächtlich.

”Komm, Felix, wir gehen lieber. Hier ist mir die Stimmung zu geladen.”

”Es kann ja nicht jeder mit dem Chef ficken,” sagte Felix.

”Bitte?” sagte Lisa entrüstet. ”Was soll das jetzt hier?”

”Oh, da zickt sie wieder,” sagte Daniel. Beide Männer lachten.

Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und arbeitete ihre Version der Kampagne in einer halben Stunde aus und übergab sie dem Chef.

”So schnell, Frau Schwedt?” sagte der Chef lobend.
Er überflog ihr Konzept. ”Gut,” sagte er. ”Sie halten gleich eine Präsentation und dann entscheide ich mich.”

 

Die Mitarbeiter wurden einberufen und saßen wieder am großen Tisch zusammen.

Lisa war ein bisschen aufgeregt. Sie war noch neu in der Agentur, aber sie wusste, dass sie das machte, was ihr lag. Dass sie Talent hatte. Ihre Stimmte zitterte etwas bei der Präsentation, aber schnell verflog die Aufregung und sie erzählte frei. Der Kunde wollte eine Werbe-Kampagne, die den jungen Mann von heute ansprach. Der Mann, der modern ist und weltoffen. Lisa fiel das leicht. Sie dachte an ihren Bruder, ihren besten Freund und ihren Freund und sie dachte auch daran, wie ein Mann ihrer Meinung nach sein und nicht sein sollte.

”Gut,” sagte der Chef. ”Meinungen?”

Felix räusperte sich. ”Ja, es ist ja nicht schlecht,” sagte er. ”Aber ich muss schon sagen, dass ich als junger, moderner, weltoffener Mann mich da nicht so angesprochen fühle.”

”Ich auch nicht,” warf Daniel ein.

”Es klingt schon etwas zu weiblich. So wie Frauen Männer sehen oder so etwas.”

”Ja, so Sex and the City-mäßig so mit Gefühlen und gut angezogen.”

”Das ist ja keine Kampagne für eine Frauenzeitschrift oder Make-up.”

”Was hat das damit zu tun? Das ist keine konstruktive Kritik. Ich sehe mir nicht Sex and the City an, ich lese keine Zeitschriften und ich trage auch kein Make-up,” sagte Lisa.

”Das solltest du vielleicht mal,” sagte Daniel. ”Würde dir gut stehen.” Er lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

”Das ist doch nur ein Witz,” sagte er. ”Du bist immer so sensibel. Was soll das?”

”Wollen wir professionell arbeiten oder Witze machen?” sagte sie.

”Das ist sie wieder, Lisa, die Zicke,” sagte Felix.

”Meine Herren, verschieben Sie Ihr Geplänkel auf später. Der Kunde wartet. Wir stimmen ab. Wer ist für Herr Schmidt-Finks Kampagne?”

Felix sah zu Matthias. Matthias hob die Hand. Er sah zu Julian, Murat, Ulf, Ralf und Claudia. Sie hoben die Hände. Auch die anderen hoben nacheinander die Hände. Felix lächtelte zufrieden.

”Wer ist für Frau Schwedts Vorschlag?”

Nur Alex hob die Hand, aber er war ohnehin nicht beliebt und würde bald herausfliegen.

”Gut,” sagte der Chef. ”Ich mochte beide Kampagnen, aber Sie haben mich überzeugt.”

Lisa war noch in der Probezeit und musste die Sprüche und gemeinen Zettel nicht lange aushalten. Lisa, die Zicke. Selbst Claudia, die einzige Frau neben Lisa, hielt sich aus der Sache heraus. Sie wollte nicht als Zicke wie Lisa gelten. Sie war nicht so. Sie war ganz anders. Sie stand gerne bei den Männern und spielte sich nicht so auf wie Lisa. Sie war nicht so wie Lisa. Nicht so eine Zicke wie Lisa.

Der Kunde war nicht zufrieden mit Felix’ Vorschlag und man bot ihm nachher Lisas Version an, die ihn begeisterte, aber da war Lisa schon nicht mehr in der Agentur. Sie konnte die Kampagne später im Fernsehen und auf Plakaten bewundern. Die Agentur erhielt ein großes Lob in der Branche und gewann sogar einen Preis. Lisa ging wieder auf Jobsuche. Das war gar nicht so leicht, weil sich herumgesprochen hatte, dass sie ein bisschen schwierg war.

Schöner wohnen

5

„Er muss…“, sagt Ella. “süß und locker sein. Und humorvoll. Nicht so ein spießiger Sockenfalter. Zuverlässig und gerne kochen. Und Margaret Cho kennen.“ “Hast du weitere Wünsche?“, frage ich sie, während wir auf ihrem kleinen Balkon sitzen, uns mit einer Flasche Rotwein betrinken und eine Tüte rauchen. “Nein“, sagt sie und nippt an ihrem Glas. Möge das Casting beginnen.

Ella wohnt mit Bernhard, dem Langweiler, Johannes, dem Jung-Anwalt, Janina, der Modetussi und ihrer Mutter in einer geräumigen 5 1/2-Zimmer-Wohnung in der begehrten Stadtmitte. Ihre Mutter Rosanna, Studentin im dritten Semester (Agrartechnologie), wird ein Praktikum im Ausland absolvieren. Eine Miete weniger. Ella hat in Zeitungen und im Netz inseriert, und zahlreiche Bewerber zeigten großes Interesse. Nun sollen sie kommen. Einer nach dem anderen. Schön, wie sich das gehört. Frauen lehnt Ella ab. Die sind kompliziert und anstrengend, sagt sie.

Als am Donnerstag eine Minute nach vier Frank an der Tür klingelt, sitzen wir zu fünft gespannt am Küchentisch. Ich diene als unparteiischer Berater. Frank trägt einen unförmigen Anzug, eine rote Krawatte und hat Blumen mitgebracht. Er druckst herum. “Blumen. Wie aufmerksam.“ Ella ist entzückt. Ihre Mutter zeigt heimlich mit dem Daumen nach unten. Warum? Hm. Es ist Ellas Mutter. Sie ist, wie sie ist. Vielleicht deshalb? Frank ist um die 40, stottert und schwitzt. Seine Stirn ist bedeckt mit Schweißperlen. Als er sich verabschieden möchte, stößt er gegen den kleinen Tisch, auf dem die zickige Janina die Blumen hergerichtet hat. “Macht doch nichts“, faucht Ellas Mutter und schiebt ihn unsanft zur Tür. “Tschüss.“

Der nächste Bewerber ist Tim. Ella errötet. Das ist ihr Partyflirt. Sie hatten Sex im Auto. In Ellas Fiat Panda. Aber sicher ist sich Ella nicht. Sie war sehr betrunken. Es kann auch nur Petting gewesen sein.

Verstehe.

Als Wasif, ihr langjähriger, bester und selbstverständlich rein platonischer Freund, das sah, haben sich Wasif und Tim gleich am Parkplatz geprügelt, und bei diesem wilden Faustkampf schlug Wasif Tim einen Zahn aus. Anzeigen wollte ihn Tim jedoch nicht. Da war noch diese Sache mit dem illegalem Waffenbesitz. Tim ist vorbestraft. Keine Bullen und so. Das war Wasif recht, denn er hat gar keine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Zähneknirschend gingen die beiden Streithähne auseinander, nicht sich noch ein paar Beleidigungen zuzuwerfen. Ella kann ihrer Mutter nun natürlich nicht mitteilen, warum sie sich gegen einen Einzug Tims ausspricht. Sie ist 21, aber ihre Mutter möchte nicht, dass sie raucht, trinkt oder herumhurt. Nur Drogen sind ok. Wenn Besuch im Hause ist und ein Gläschen Wein oder Bier trinkt, sagt Ellas Mutter: “Du nicht.“ Und stellt ihr ein Glas Hohes C auf den Tisch.

Tim sieht sie irritiert an. Auf einer Skala von null bis Schnaps kann er sich neun an Ella erinnern – und sie? Sie bringt die Führung und den Small-Talk rasch über die Bühne. Als Tim aus der Wohnung ist, sagt Ellas Mutter: “Nett, aber so ’n bisschen ungepflegt. Dem fehlt ja sogar ein Zahn.“

Keine Frauen, sagte Ella, aber dagegen legte Johannes ein Veto ein. Nun steht Roxy in der Tür. Sie sieht aus wie die Frontfrau von Garbage nur in Gegenteil von gutaussehend. Sie trägt schwarz-weiß-gestreifte Armstulpen, ein schwarzes Top, einen kurzen schwarzen Rock, eine Netzstrumpfhose und schwarze Stiefel. Sie beendet jeden Satz mit “und so“. “Ich mein, ey. Ich bin keine Satanistin, weil ich schwarzgefärbte Haare habe und manchmal gelbe Kontaktlinsen einsetze und so. Ich höre Musik von der Band von meinem Freund ‚Schmerz deiner kranken Seele‘, weißt du, und die Leute denken, ich wär‘ scheiße und so. Ich bin voll gegen die konforme Gesellschaft und so. Voll Anti-Mainstream, weil ich anders bin und so.“

Roxy ist Studentin der Sozialpädagogik und fängt mit Janina an einen Streit an. Ihr gefällt Janinas aprilfrische Pastell-Pferdemädchen-Kleidung nicht. Bernhard hat ein Foto von seiner verstorbenen Großmutter in seinem Zimmer aufgestellt. Roxy nimmt es in die Hand mit ihren schwarz lackierten Nägeln und sagt: “Ey, jeder ist irgendwann am Sterben und so. Ist doch geil und so.“ Als sie sich im Bad die Rasierklingen zu lange ansieht, wird sie aussortiert.

Dann kommt Holger. Holger ist um die 50 und hat eine Halbglatze. Er ist Busfahrer und sehr verschmust. Ohne seine Katze Inge kann und möchte er nicht einziehen. Verständnis. Holger kann kochen und mit flotter Musik im Hintergrund putzt er für sein Leben gern. Noch Fragen? Holger soll einziehen. Als ihn Ella drei Tage später anrufen möchte, erfährt sie von seinem Noch-Mitbewohner Manfred, der eine sehr schöne Telefonierstimme hat, dass Holger im Knast sitzt. Er hat wohl ’n paar Rechnungen nicht bezahlt.

Zurück auf vorher. Eduardo kommt. Er ist homo und tatsächlich Friseur. Er siehr sehr gut aus. Ella und er beschimpfen sich wüst und diskutieren über hungernde Kinder in Afrika, nachdem Eduardo es wagte, sein halbvolles Glas ACE-Saft in die Spüle zu schütten. Hendrik, der Sportlehrer, wird von Johannes abgelehnt. Das ist der Typ, der im Fitnesstudio ununterbrochen das Laufband Turbo Super 3000 blockiert. Niemals. Johannes protestiert. Waldemar, Kandidat Nummer 7, spricht Russisch und circa dreißig Wörter Englisch. Ella wird ungeduldig. Der süße Lukas kommt aus Dresden und ist Rapper. Nebenbei studiert er BWL. Ella ist Feuer und Flamme. Als er zu reden beginnt, hält sich Ellas Mutter die Ohren zu. Er ist ihr zu sächsisch. Dismissed. Disqualifiziert. Game over.

Am Ende bin ich dann eingezogen. Zum Probewohnen. Bernhard sah mich ununterbrochen mit lüsternem, stierendem Blick an und wollte mir seine Überraschungseierfiguren-Sammlung in seinem Zimmer präsentieren. Neben Johannes‘ langbeinigen Amazonenfrauen fühlte ich mich wie Supersize-Me-Aschenputtel. Janina wollte mir andauernd ihre Instagram-Seite zeigen und über Detox Tea reden, und Ella war dauerbekifft und extrem unordentlich. Sie strapazierte mein Nervenkostüm durch Dauergestreite mit ihrem Freund. Als ginge es darum einen internationalen Rekord zu halten, knallten die beiden am frühen Morgen mit den Türen und warfen Tassen und Teller an die Wand.

“Gib doch zu, dass du mit der Sprechstundehilfe beim Kieferorthopäden geflirtet hast“, schrie Ella und zielte mit einem Blumenkübel auf Jason. “Nein, habe ich nicht“, entgegnete dieser. “Aber geil war die schon.“ Der Kübel traf ihn am Kopf. Keine Sorge. Die Platzwunde musste nur mit sechs Stichen genäht werden. Drei Nächte lang hatten die beiden daraufhin lauten, ekstatischen Versöhnungssex. Wer von euch schon mal Katzen beim Akt belauschen durfte, weiß, wovon ich spreche.

Ich zog kurz danach aus. WG oh nee. Zum Glück wurde Holger eine Woche später aus dem Gefängnis entlassen und konnte sein Zimmer freudestrahlend beziehen.

Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

It Girl

iiiiii

Fast hätte ich meinen Flug von London nach Berlin verpasst, weil ich meinen Rausch am Flughafen ausschlafen musste. Man hat mich sogar ausgerufen. Ich habe mich früher immer gefragt, und das wertfrei, wer diese Menschen sind, die an Flughäfen ausgerufen werden und warum sie ausgerufen werden. Was hält sie auf? Warum sind sie nicht rechtzeitig am Gate? Doch dann ist es mir selbst mehrere Male passiert und ich habe mich das nicht mehr gefragt.

In Berlin gehe ich in eine Bar, um dort einen Bekannten zu treffen. Er schreibt mir, dass er sich verspätet. Es ist noch recht früh und in der Bar ist nicht so viel los. Ein Paar sitzt in einer Ecke und sieht sich verliebt an. Der Bar-Mann poliert Gläser. Musik in Zimmerlautstärke. House.

Eine junge Frau betritt die Bar. Sie ist schlank und trägt ein schwarzes Mini-Kleid mit grauem Kragen, eine schwarze Strumpfhose, Stiefel und eine schwarze Felljacke. Ich kann nicht erkennen, ob das Kunstfell ist oder echt. Zum Glück. Was würde das auch über mich aussagen. Sie ist stark geschminkt. Viel Kajal, roter Lippenstift. Ihre Haarfarbe ist undefinierbar. Eine Mischung aus blond und braun. Die Haare sind unordentlich zusammengebunden. So als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Natürlich ist das Absicht. Sie hat niedliche Hamsterbäckchen. Sie hält ihr Handy in der Hand und sieht mit konzentriertem Blick auf das Display.

Sie geht an die Bar und bestellt sich ein Getränk. Danach sieht sie sich um, sieht mich für einige Sekunden an und kommt auf mich zu. Eine Parfumwolke steigt in meine Nase.

”Hi”, sagt sie. ”Bist du Alice?”

”Nein”, sage ich.”

”Ah, ja, sorry, weißt du, ich bin hier mit jemandem verabredet. Es geht um einen Artikel.”

Sie sieht sich wieder in der Bar um.

”Ich bin nämlich Journalistin”, sagt sie wieder mir zugewandt. ”Aber mehr kann ich dir leider nicht über den Artikel sagen. Das ist vertraulich, weißt du.”

”Schon in Ordnung”, sage ich höflich. So höflich, dass sie nicht merkt, wie wenig es mich interessiert. Kein bisschen im Grunde genommen. Ich würde lieber in meinem Buch weiterlesen und auf meinen Bekannten warten.

”So leer”, sagt sie. ”Ich gehe ja für gewöhnlich nicht in solche Bars. So wenig Ambiente hier. Keine interessanten Menschen. Da fühle ich mich fehl am Platz. Ich halte mich nur in In-Vierteln auf normalerweise.” Sie macht eine abschätzige Handbewegung. ”Ich bin Monja König und du?”

Bevor ich etwas sagen kann, setzt sie sich neben mich. ”Ich denke, Alice verspätet sich. Macht es dir etwas aus, wenn ich hier bei dir sitze und auf sie warte? Ich komme mir so komisch vor, wenn ich hier alleine sitze, weißt du. Wer sitzt schon alleine in einer Bar? Ich meine, das ist so, als hätte man keine Freunde und an der Bar beim Barkeeper will ich auch nicht sitzen. Der Barkeeper macht mich ja doch nur an. Ich bin es leid ständig angemacht zu werden. Ich meine, manche unsicheren Frauen freuen sich ja drüber und so, aber ich weiß, dass ich gut ausschau und brauche keine Bestätigung. Das hat jetzt nichts mit Arroganz zu tun. Ich sehe das aus professioneller Sicht. Ich habe ja mal gemodelt, aber ich möchte jetzt lieber schreiben. Weißt du, ich habe so viel zu sagen. Hier, warte mal. Ich zeige dir ein paar meiner Artikel. Ich habe alle meine besten Artikel mit einem Sternchen auf meinem Smartphone markiert. Dann geht das schnell, wenn ich die mal suchen muss.” Sie lacht. ”Nein, eigentlich habe ich alle meine Artikel markiert. Die sind alle gut. Bescheidenheit ist so überholt irgendwie. Man muss zu seinem Talent stehen, auch wenn man mal Selbstzweifel hat und so.”

Ich überfliege ein paar ihrer Artikel.

”Was liest’n du da?” fragt sie und lehnt sich zu mir herüber. Sie zeigt auf das Buch auf dem Tisch, das ich las, bevor ich die Bekanntschaft mit Monja machen durfte.

”Simone de Beauvoir”, sage ich.

”Ah”, sagt sie. ”Habe ich schon mal von gehört. Um was geht es denn da? ‘Das andere Geschlecht’? Zwitter oder was? Ich habe mal eine Reportage über die gesehen. Voll komisch. Stell dir vor du hast einen Penis und eine Vagina. Ich mein’, wie pinkelt man denn da?” Sie kichert. ”Oder geht es da um diesen komischen Gender-Mainstream-Kram?”

Ich seufze.

”Müde?”

”Nein.”

”Aber ich. Ich war gestern voll spät noch in der Redaktion. Ich arbeite nämlich bei der Kron-Zeitung, musst du wissen.”

Sie betont das Kron. KRON.

”Und dabei bin ich 21”, sagt Monja. ”Na ja, eigentlich, 24, aber ich habe mich ein bisschen jünger gemacht. Das macht sich immer gut. Ich bin da die Jüngste. Ich weiß, ich sehe ein bisschen älter aus, aber das ist nur die Schminke. Von den vielen Partys sehe ich zur Zeit ungeschminkt eigentlich etwas müde aus, aber man will ja, ich sag’ mal, als junger, aufstrebender Mensch nichts verpassen. Man muss in meinem Beruf auch die richtigen Leute kennenlernen. Kennst du, Leni Bergemann? Die hat’s ja auch nur durch Papi geschafft. Findest du nicht auch? Ich habe keinen reichen Papi wie Leni. Wir sind nur untere Oberschicht und nicht Superreiche mit Luxusvillen oder so. Ich habe nur mein gutes Aussehen und meinen Verstand und musste mir meinen Erfolg selbst erarbeiten. Ich habe keine Millionen und ich hatte auch keine einflussreichen Kontakte in Berlin. Meine Eltern haben mir nur finanziell geholfen. Die Wohnung bezahlt und so. Das ist ja das Mindeste, was man von seinen Eltern erwarten kann. Ich mein’, habe ich sie gebeten geboren zu werden? Nein. Aber gut, dass ich da bin.” Sie kichert. ”Aussehen und Verstand – Leni hat ja beides nicht.” Monja verzieht das Gesicht. ”Leni und ich sind gute Freundinnen, aber man muss sich ja nicht oft treffen. Weißt du, ja, ich habe mein Aussehen, aber ich find das schrecklich so auf das Aussehen reduziert werden, aber was soll ich machen? Ich kann mich nicht absichtlich hässlich machen. Gutes Aussehen öffnet auch viele Türen, aber ich möchte die Leute mit meinem Verstand überzeugen. Umhauen, weißt du. Da denken immer alle: Ja, die schaut gut aus, aber hat die auch etwas zu sagen? Ist die klug? Und dann sage ich nur: Lest doch meine Texte.” Sie seufzt. ”Ich begreife mich selbst als so eine Art Wunderkind. Wunderkinder werden oft missverstanden, weil es uns so selten gibt.” Sie seufzt wieder. ”Was machst du denn? Beruflich meine ich?’
Sie sieht mich für einen Moment kurz an. Dann schweift ihr Blick wieder ab.

”Zum Glück habe ich schöne Augen und einen schönen Mund und eine schöne Nase und eine schöne Stirn”, sagt sie. Das macht einiges wett, auch wenn ich müde und ungeschminkt bin. Nur mit meinen Wangen bin ich nicht so zufrieden. Ich hätte gerne so hohe Wangenknochen. Das würde voll edel und aristokratisch aussehen. So adelig halt. Meine Ur-Großeltern sind ja auch adelig gewesen, weißt du. Heute gibt es das ja nicht mehr. Ich wäre schon gerne eine Prinzessin oder eine Herzogin oder Baroness oder so und die Leute müssten immer einen Knicks vor mir machen.” Sie kichert.

”Weißt du, dass sich die Frauen früher die Haare ausgerissen habe, um so eine hohe Stirn zu bekommen? Im Mittelalter war das oder so. Ich mag meine eher niedrige Stirn. Wie sich die Schönheitsideale ändern. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich habe ein klassisch-schönes Gesicht und das hätte sicher auch gut gepasst. Eigentlich sehe ich auch jetzt edel aus, aber man will ja immer mehr, weißt du. Ich habe ja früher auch gemodelt. Da hat man mir die immer so geschminkt, die hohen Wangenknochen. Sah voll gut aus. Ich kann mich selbst nicht so schminken wie die Make-up-Artists, aber die lernen das ja auch. Das wäre für mich kein guter Beruf, weil der so gar nicht intellektuell ist. Ich brauche das, ich brauche das Intellektuelle und so. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe immer so viel zu erzählen, weißt du. Mein Verstand ist immer so rasend, weil ich mir so viele Gedanken mache. Ah, gestern. Ich war in der Redaktion und der Chefredakteur hat mich mal wieder gelobt. Monja, hat er gesagt. Du bist 21 und schon so weise. Du bist die Stimme deiner Generation, hat er gesagt. Ich habe mich früher noch über solche Komplimente gefreut, aber heute ist das irgendwie so selbstverständlich für mich geworden. Ich bin voll abgestumpft. Klar gibt es auch Hater, aber haters gonna hate. Eigentlich voll schade, dass Lob mir nichts mehr bedeutet. Wir Menschen neigen ja dazu etwas nach einer Weile als selbstverstädlich zu betrachten. Vor allem in unserer Generation. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich schreibe immer über Themen, die mir wichtig sind. Weißt du, mich bewegt so viel und ich freue mich, wenn ich Menschen zum Nachdenken anregen kann. Ich denke so voll viel über dies, das. Unsere Generation denkt ja so wenig, aber wenn ich jetzt anfange darüber zu reden, kann ich gar nicht mehr aufhören. Ich habe ja so viel zu sagen.” Sie zuckt mit den Achseln.

”Gestern Abend war ich noch bei einer Party von Connie Kornelius. ich bin da von der Redaktion mit dem Taxi hin”, fährt sie fort. ”Du kennst sie ja sicher. Ich meine, die kennt jeder? Kennst du sie?”

Ich schüttle den Kopf.

Monja sieht mich verwundert an und sagt dann etwas herablassend. ”Macht ja nichts. Du bist sicher nicht aus Berlin. Connies Vater ist Chef vom Heise Theater und dem gehört auch das Magazin ‘VIP- The Who’s Who Berlin’. Connie ist auch Journalistin wie ich und gemodelt hat die auch, aber die hat eine Hakennase und plattes Haar. Ich habe ja auch mal gemodelt. Connie und ich verstehen uns voll gut. Dabei mag ich keine Frauen oder sagen wir mal so, sie mögen mich nicht. Ich finde das so schade, dass Frauen immer so stutenbissig sein müssen, wenn man gut ausschaut. Da kann ich ja nichts für. Das sind die Gene und eine gute Mascara. Die fühlen sich gleich in ihrer eigenen Schönheit bedroht, wenn eine schönere Frau auftaucht. Ich leide da schon seit Jahren drunter. Dass ich dazu auch noch überdurchschnittlich intelligent bin, macht es ja auch nicht besser. Viele denken ja, dass sei eine Gabe, aber es gibt halt auch voll viele Schattenseiten. Ich fühle mich schon etwas gemobbt und wie der ewige Außenseiter. So wie die Juden damals, weißt du. Mein Therapeut sagt, dass ich ein dickeres Fell bräuchte. Ich bin da einfach so sensibel. Ich nehme auch manchmal Antidepressiva deswegen. Ich war ja früher voll das hässliche Baby, finde ich, und weiß darum, wie es ist hässlich zu sein. Man sagt ja, dass die hässlichen Babys immer am Hübschesten werden später und so war es bei mir auch und seitdem leide ich voll. Der ganze Neid von Frauen, aber ich mache das heimlich. Das Leiden. Ich kann’s ja verstehen, dass sie neidisch sind und dass sie das innerlich zerfrisst. Weißt du, wir sind ja so eine Generation, die immer so einen auf stark und Konkurrenz machen muss, aber hinter verschlossenen Türen leiden wir und posten Bilder von uns, wo alles gut ist und wir gut aussehen im Internet für unsere Follower und Fans. Aber wie es wirklich tief in uns drinnen aussieht, weiß keiner. Das will auch keiner wissen. Jeder sieht nur die schöne Fassade, den scharfen Verstand und unsere gute Kleidung und die ganzen Konsumgüter, die man heute haben muss. Und dann noch ein Filter drübergelegt. Wir sind Generation Filter. Mehr nicht. Das macht mich manchmal echt traurig. Manchmal würde ich mir den Kommunismus wie in Korea wünschen. Hm. War das Nord- oder Süd-Korea? Ich weiß es nicht. Egal. Manchmal wünschte ich, ich wäre hässlicher und dümmer. Das würde einiges leichter machen. Gestern waren da so welche auf der Party. Oh mein Gott, du hättest die sehen müssen. Kein Stil und kein gar nichts. Die haben bestimmt auf Lehramt studiert und sind aus Brandenburg zugezogen.”

Sie kichert wieder und nimmt einen Schluck von ihrem Cocktail.

”Schade, dass man hier nicht rauchen darf”, sagt sie. ”Wo war ich stehen geblieben? Ach, richtig. Gestern, die Party. Oh mein Gott. Ich sitze da so da auf dem Kanapee in Connies Wohnung und rauche und trinke meinen Cocktail mit meinem Smartphone in der Hand und hallo? Ich sehe so aus, als ob ich nicht gestört werden will. Was wäre denn deutlich genug für solche penetranten Frauen? Es geht nicht deutlicher, wie ich finde. Da sagt eine so zu mir, die ich so ein bisschen kenne von Partys, eine Dickere, die bestimmt 70 Kilo wiegt und so eine komische Army-Jacke trägt und nicht geschminkt ist und hässliche Dreads hat, die wie Rattenschwänze aussehen, die sagt so fordernd zu mir: Entschuldigung Monja, kann ich mich setzen, kannst du etwas rücken? Und ich sehe sie an und sage so, weil ich einfach voll genervt bin: Ja, wenn du etwas dünner wärst, könntest du hier auch so sitzen und ich müsste nicht rücken und könnte in Ruhe meine Zigarette rauchen, meinen Cocktail trinken, meine Whatsapp-Nachrichten und Emails beantworten und meinen Facebook-Status updaten und auf Twitter tweeten und würde nicht von euch gestört werden. Meine Nachrichten sind nämlich wichtig in meinem Job. Ich muss die stündlich checken. Ich studiere ja nicht auf Lehramt oder Philosophie oder so einen Kack. Und ehrlich gesagt, möchte ich jetzt hier weiter in Ruhe rauchen, trinken und meine Nachrichten beantworten und ich möchte nicht gestört werden. Da drüben ist vielleicht noch etwas frei. Die andere, weil es sind ja zwei, so eine kleine Blonde mit einer kleinen, spitzen Nase, die ein schwarzes Strickleid trägt, das sie bestimmt bei Primark gekauft hat, und so gar nicht stylisch ausschaut, schaut mich böse an und sagt so: Musst du immer so unfreundlich sein? Ich verstehe das nicht. Und ich so: Zum Pöbel muss ich das sein, ja. Einfach, weil ich so voll genervt bin. Sie so voll sauer: Warum verpisst du dich nicht aus Berlin und gehst zurück in deine süße Kleinstadt nach Süddeutschland, wo du hergekommen bist? Und ich so: Wie redest du denn mit mir? Geh du mal zurück nach Brandenburg. Ich kann doch auch nichts für dein Gesicht. Die beiden sehen mich böse an und ich mein’, es stimmt doch. Kann ich etwas dafür? Die Wahrheit tut eben manchmal weh und weißt du, wenn ich meine Nachrichten beantworte, will ich einfach nicht gestört werden. Die sehen doch, dass ich auf mein Smartphone schaue? Will ich da gestört werden? Nein. Und was heißt Kleinstadt? Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Who cares? Und dann ziehen die beiden Hässlichen endlich ab und ich sage zu Connie, Connie, sage ich. Wo hast du die denn her? Wer ist das? Und Connie sagt, dass die beiden Umwelt-Aktivistinnen wären oder so etwas und die eine hat Politik in Oxford und Harvard oder so studiert und hat mit 15 schon Abi gemacht und bekam mit 16 ein Stipendium und ging weg aus Berlin und sie schreibt auch Bücher über Feminismus und den Klima-Wandel und so und macht so einen Wohltätigkeits-Scheiß für hungernde Kinder in Südamerika oder Afrika oder was weiß ich und die andere wäre Wissenschaftlerin und hat nicht mal Abi gemacht, weil sie das nicht nötig fand, weil es ihr nur Zeit raubt bei ihren ‘Plänen’ und sie hat voll den hohen IQ und arbeitet jetzt in New York und wäre erst 22 oder so und hat auch eine so eine Wohltätigkeitseinrichtung gegründet. So eine Art Frauenhaus für Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden. Die hätte einen Forscherpreis in den USA gewonnen und das Geld dazu genutzt, um das zu gründen. Mein Gott, ey. Feminismus ist so out. Das braucht heutzutage niemand mehr. Und wenn du von deinem Mann geprügelt wirst, bist du doch auch selbst schuld. Wer zwingt dich denn mit dem zusammenzubleiben? Das gilt auch für diese Magersüchtigen und Bulimikerinnen, Ritzer und anderen Psychos. Selbst schuld. Man muss auch mal in der Gegenwart ankommen, weißt du, und der Klima-Wandel ist auch umstritten. Da ist auch viel Panikmache bei. Und ganz ehrlich, so eine Labormaus im weißen Kittel oder wie ich das nennen soll, beeindruckt mich null. Da hat keinen Glamour. Muss die damit so angeben? Ja und? Ich mein’, das ist ja alles schön und gut, aber das machen die doch sicher auch hauptsächlich wegen des Ruhms und so was. Jeder denkt dann man wäre voll der Gutmensch und so. Unsere Generation will so viel Anerkennung, weißt du. Da geht es nur um Likes und so. Früher hatten es die Leute so viel einfacher ohne Social Media. Nach dem Krieg zum Beispiel. Ich mein’, die hatten da nichts. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Das ist doch befreiend. Ich mein’, Ich habe auch schon mit 15 gemodelt und war selbstständig bis auf das Geld meiner Eltern, das ich bekommen habe und jetzt schreibe ich Artikel, die die Welt zum Denken anregen. Da braucht die nicht so einen auf Elite machen. Ich war mit 15 auch schon viel weiter als andere. Ich hasse Ökös so. Ja, und jetzt sind Friederike und Meike mal wieder in Berlin, hat Connie gesagt. Eigentlich würden die im Amazonas leben und so und auch in New York. Die wären wohl auch lesbisch oder so. So sehen die auch aus ehrlich gesagt. Ich habe ja nichts gegen Lesben, solange die mich nicht anmachen. Ich meine ja nur, weil die so aussehen. Und New York ist auch so überbewertend. Berlin ist heute der Mittelpunkt der Welt. Der Vater von einer der beiden wäre voll das hohe Tier in Berlin und voll reich und so, hat Connie gesagt, aber sie wollte nie sein Geld und ihren eigenen Weg gehen und ich sage: Ja, aber warum zieht die sich dann so an? Das ist ja wie aus der Altkleidersammlung? Ich meine, ich kenne mich mit Mode aus. Ich habe mal für den Heinrich-Katalog gemodelt, als es den noch gab und für Karl-Bauer, das ist so etwas wie Lidl in Österreich und so. Wenn die Geld hat, braucht die doch nicht wie ein versiffter Penner von der Straße rumlaufen? Wie so ein Alko-Junk? Was ist das? Label Kanalratte? Öko Bitch Haute Couture? Und Connie sieht mich nur an und sagt, dass sie Friederike und Meike mag und bewundert und ich etwas netter sein könnte. Ich sei immer so unfreundlich zu Frauen. Und ich erzähle ihr, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben und wollten, dass ich aufstehe, damit sie sich hinsetzen können und mich bei der Arbeit störten und dass sie doch sahen, dass ich arbeite. Und Connie sagt nur, dass das sicher ein Missverständnis war und so.”
Monja verdreht die Augen. ”Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese stutenbissigen, hässlichen Ökos mit ihren hässlichen Fratzen und Klamotten”, sagt sie. ”Erst kürzlich hat mir jemand einen Blog-Kommentar geschrieben. So etwas wie: ‘Halt’s Maul, du Mediennutte. Du schreibst schlecht und arbeitst bei Kron. Lieber würde ich Klos putzen.’ Hallo? Ich mein’, wer sind diese frustrierten Leute? Ich will mich inspirieren lassen von Schönheit und von Geist. Auf Weltbürger wie mich treffen. Nicht auf uncoole Kleingeister. Ich bin so etwas wie ein It-Girl, ehrlich gesagt. Das verstehen die halt nicht. Ich meine, dass so Kommentatoren oder so eine Friederike und Meike mir dumm kommen müssen? Ernsthaft? Ich habe mich dann später noch so halb bei Friederike und Meike entschuldigt, weil man in meinem Job einfach nie wissen kann, wen man mal gebrauchen kann und wenn einer der Väter so ein hohes Tier ist, kann ich mir das ja nicht verscherzen, weil die voll viel Einfluss haben, weißt du, und das kann die Karriere manchmal etwas bremsen, wenn man sich mit einigen nicht gut versteht. Das war schon beim Modeln so. Beim Modeln kamen mir so einige Tussis auch mal dumm. Das kann halt auch nicht jeder machen. Man muss schon den Look haben und dann gibt es eben Zickereien. Ich habe ja auch mal gemodelt, weißt du. Habe ich das schon erwähnt? Modeln ist ja gar nichts für mich. Die anderen Models sind einfach so hohl. Da kann man kein intellektuelles Gespräch führen. Ich habe es ja voll oft versucht bei den Castings, aber die sind einfach zu hohl. Ich bekam wegen dieser Zicken auch nie Aufträge, weil die mich bei Castings gemobbt haben. An mir kann das ja nicht liegen. I got what it takes wie man auf Englisch sagt. Mit denen muss ich mich ja zum Glück nicht mehr abgeben und heimlich kann ich ja über Meike und Friederike denken, was ich will. Aber so muss ich eben tun, als ob ich sie mag.”
Sie lacht.
”Ich lache, aber ich will weinen. Ist das nicht auch Teil unserer Generation?” sagt sie. ”Wir lachen dem ins Gesicht, den wir nicht mögen? Der uns nützlich sein könnte? Wir können nicht wir selber sein? Wir verstellen uns? Wir spielen den anderen so oft etwas vor? Das ist so eine Leistungsgesellschaft, dass ich zu so hässlichen Meikes und Friederikes nett sein muss, obwohl ich das nicht will? Kannst du ein Bild von mir machen für meine Social Media Accounts? Ich sehe heute mal wieder so süß aus und ich habe seit einer Woche nichts mehr gepostet. Man muss sich ja interessant machen. Wenn man jeden Tag postet, denken die Follower, dass man sonst nichts zu tun hat, weißt du. Ah nein, warte mal, hast du einen Spiegel? Ich will schauen, ob mein Make-up verschmiert ist.”
”Bedauere.
”Shit”, sagt sie. ”Ich bin in ganz Deutschland berühmt, seit ich der bei Kron-Zeitung arbeite. Ich will keine peinlichen Bilder von mir veröffentlicht sehen. Das ist schlecht fürs Image.”

K-R-O-N.

”Als ich noch gemodelt habe, war ich weniger bekannt. Aber jetzt. Da will ich nicht mit verschmiertem Make-up in der Zeitung stehen, wenn jemand von der Presse da ist und ein Foto knipst. Ich verschwinde mal auf die Toilette.”
”Alles klar.”

”Um was geht es denn jetzt in dem Buch?” sagt Monja, als sie wieder von der Toilette gekommen ist und zeigt auf mein Buch. Sie trägt nun noch mehr Make-up.

”Weißt du, ich will auch Bücher schreiben. Ich habe so viel zu sagen. Ah, ich denke, das ist Alice. War nett mit mir zu plaudern. Schreib mir doch mal einen Kommentar auf meinem Blog oder unter einen meiner Artikel.” Sie umarmt mich halbherzig und begrüßt Alice, eine große, schlanke Brünette Ende 20 oder Anfang 30.

Mein Bekannter schreibt mir. Er und seine aktuelle Freundin – eine von vielen – man könnte sagen Eintagsfliegen – und er haben 2C-B genommen. Wir sollen uns in ein paar Stunden treffen.

Ich verlasse die Bar, kaufe mir biligen Wein und sehe nach oben und prüfe, ob ich die Sterne sehen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Er schlägt vorbeigehende Passanten mit einer Plastiktüte und schreit. Ich sehe zu ihm auf. Es ist ein durchdringender Blick. Er erschrickt und schlägt mich nicht. Ich bin das einzig wahre ”It Girl”. Mir gehört die Straße.

Man muss auch allein sein können. Man muss, man sollte. Allein nachts spazieren gehen, ein Bier in der Hand, Musik auf den Ohren. Man ist allein bis auf ein paar Nachtschwärmern und die Lichter der Stadt. Man muss auch mal allein in seinem Zimmer sitzen, ohne Freunde, ohne Gespräch, ohne Stimulation. Man muss auch mal ganz allein in einer Bar sitzen und sich der beste Freund sein. Man muss sich auch mal mit den großen Denkern begnügen. Ein Buch zur Hand nehmen und lesen, was die schrieben in einer anderen Zeit. Was dachten sie in den 1930ern oder im 15.Jahrhundert? Fühlten sie so ähnlich wie man selbst? Man muss auch mal allein zu einem Konzert gehen oder auf eine Reise. Allein am Strand sitzen oder im Park oder in einem Club. Man muss sich auch mal selbst ein Gericht kochen, nur für sich selbst oder ins Kino gehen. Auch wenn es ein bisschen sticht, auch wenn man die Einsamkeit spürt.

Man muss nicht, man sollte nicht, man kann. Warum nicht? Probier’s.

Phrasen

U

Wer nichts zu sagen hat, redet am meisten. Über sich, über andere, den Ex-Freund, die Ex-Freundin, Geschichten aus der Schule, schlecht gekleidete Menschen und Kinder in zerrissenen Lumpen, Hartz-IV-Empfänger, Diäten, Avocado-Toast, ”unsere Generation”, Neid, Sex, Reisen, Tinder, Twitter, Whatsapp, Facebook, Brunch. Über einen ”guten” Artikel, den man gelesen hat, der einen ”voll zum Nachdenken angeregt hat”, den Beruf, die Nachbarn, flüchtige Bekannte, Fremde auf der Straße, Tipps, wie man schlank bleibt, Mode-Trends, was man in Frauenzeitschriften gelesen hat, wie es war, als man letztes Wochenende ”feiern war”, welches Buch man sich wegen des Covers gekauft hat, wie fett Nina aus der Parallelklasse von früher geworden ist, dass Luisa geheiratet hat, aber scheiße auf den Hochzeitsfotos auf Facebook aussieht, Cellulite, Anti-Feminismus, wer besser keine Hotpants oder Bikini im Sommer tragen sollte, was man sich Neues für die Wohnung gekauft hat, – man hat ja so einen erlesenen Geschmack und kann es sich leisten. Welche Bücher man liest und vor allem nicht liest. Mit wem man sich auf einer Party unterhalten hat, seit wann man in Berlin wohnt, die Floskeln über die AfD – wie ein auswendig gelernter Text – man kennt sich nicht aus mit Politik und es ist auch nicht von Belang – es geht einem ja gut und wen kümmern schon die Armen und Bedürftigen, aber man muss ja so tun, als ob. Man selbst kommt bei diesen endlosen Ausführungen immer am besten weg. Man selbst ist unfehlbar. Hat die Welt durchschaut. Weiß nicht nur, wo der Hase langläuft – nein, man ist ihm immer ein paar Schritte voraus und so gibt man zu allem ein paar Sprüche ab, Meinungen, Halbsätze. Man hält die Nase hoch. So hoch, man sieht den Boden nie.

Meist bekommt man sogar noch Lob dafür von einigen geistig Verwirrten oder weltfremden Kleingeistern, die auch nichts zu sagen haben, aber ihnen fällt im Gegensatz auch nichts ein, worüber sie reden könnten und deshalb hören sie zu und denken, sie hätten soeben ein gutes Gespräch geführt. Jemand hat auf sie eingeredet, der etwas zu sagen hat. Der ”klug” ist und ”freche” Meinungen hat. Wenn es ganz gut läuft, darf man sogar im Feuilleton einer Zeitung schreiben oder ein Buch schreiben gefüllt mit seinen ”Meinungen”.

”Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.”
Heinrich Heine

Gelungene Integration

Berlin

”Diese ganzen Menschen hier mit Migrationshintergrund,” sagt eine junge Frau laut. Sie ist blond und ungefähr Ende 20. ”Ich bin so… so ergriffen,” sagt sie ganz andächtig zu ihrer Begleitung. ”Es war so gut, dass wir entschieden haben herzufahren.” Ihre Begleitung, männlich, im gleichen Alter, blond, nickt zustimmend.

”Wir sind hier live im Migranten-Geschehen,” sagt die Frau. Der Mann nickt wieder. Er macht Bilder mit einer Spiegelreflex-Kamera.

”Ich fühle mich so kulturell bereichert,” sagt die Frau. ”Warte, ah, mir kommen Tränen. Nein, Tillmann, bitte sieh mich nicht an. Das ist mir peinlich. Bitte schau dir hier diese Menschen an.”

”Ich glaube, wir gehen besser nach Hause, Hannah,” sagt der Mann. ”Das war vielleicht alles ein bisschen zu viel für dich.”

”Ja,” sagt die Frau. ”Wir dürften genug Material für den Artikel haben. Hm, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Aus welcher Richtung sind wir gekommen? Von da oder von da?”

”Ich weiß nicht,” sagt der Mann. ”Die ganzen Migranten, Drogendealer, Alkoholiker, Punker und Obdachlosen haben mich irgendwie abgelenkt.”

”Warte, ich frage mal jemanden,” sagt die Frau. Sie geht auf eine junge Frau mit Kopftuch zu. ”E n t s c h u l d i g u n g,” sagt sie. ”Wo ist denn hier die U-B a h n-H a l t e s t e l l e oder B u s h a l t e s t e l l e? Wir sind nicht von hier. Wir müssen nach M i t t e oder zum P r e n z l a u e r b e r g. Do you speak English?”

Die Frau mit Koptuch sagt: ”Sie müssen nicht so mit dir reden. Ich spreche Deutsch. Ich bin in Berlin geboren.”

”Ach, so. Ja, also, können Sie uns sagen, wie wir zur U-Bahn oder zu einer Bushaltestelle kommen?”

Die Frau mit Kopftuch sagt: ”Hier vorne ist gleich die U-Bahn. Sie kommen dann zur U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor. Von dort können Sie weiterfahren.”

”Danke,” sagt die junge Frau. ”Wissen Sie,” fügt sie hinzu. ”Ich finde es ganz toll, dass Sie so gut Deutsch sprechen und hier so unbedarft in dieser No-go-Area wohnen, in diesem sozialen Brennpunkt, und Sie sprechen auch ganz ohne Soziolekt. Das ist wirklich ganz toll. Oder Tillmann? Was sagst du dazu? Das ist doch wirklich toll.”

”Ja, ganz toll.”

”Und wissen Sie, ja, es gibt Deutsche, die keine Migranten mögen und was gegen Moslems und Flüchtlinge haben, aber wir nicht. Wir finden das alles super. Diese kulturelle Bereicherung. Sehen Sie hier diesen Dönerladen oder den Gemüsehändler, die Taxifahrer. Wir glauben nicht, dass alle Migranten kriminell sind. Wir wählen auch nicht die AFD. Wir sind linksliberale, junge Leute. Wir sind weltoffene Journalisten und wir setzen uns für ein tolerantes Berlin ein. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb wir nach Berlin gezogen sind. Oder Tillmann? Wie Sie das alles meistern. Ihre Integration. Ein ganz großes Lob an Sie.”

”Äh, danke,” sagt die Frau mit Kopftuch. ”Ich muss dann mal weiter. Tschüssi.”

Die junge Frau kichert. ”Tschüssi hihi,” sagt sie. ”Ja, Tschüssi. Tillmann, sag mal bitte ”Tschüssi.”

”Tschüssi.”

Die Frau mit Kopftuch lächelt verwirrt und geht weiter.

”Das war so eine schöne Unterhaltung,” sagt die Frau. Sie ist sichtlich gerührt.

”Ja,” sagt der Mann. ”Wir haben aber auch schon mal bei Mc Donald’s mit einem Migranten geredet.”

”Ja, stimmt. Hm, aber nie wieder Mc Donald’s. Ich meine, jetzt nicht wegen der Migranten. Ich meine, das Essen. Das war ja schrecklich.”

”Ja, finde ich auch.”

”Warte mal, Luisa und Ralf haben mir eine Whatsapp geschickt. Die sind doch momentan auf Feurte. Schau mal, wie schön, das Bild. Hm, findest du nicht, dass Luisa ein bisschen zugelegt hat? Na, die lassen es sich aber gut gehen. Man kann ja den Urlaub genießen, aber dass man sich gleich so gehen lässt? Würdest du mich verlassen, wenn ich so zunehme?”

”Nein, warum? Du gehst doch immer ins Gym. Wir sollten echt mal nach Neukölln ziehen. Das ist jetzt voll hip und da gibt es auch voll viele Menschen mit Migrationshintergrund. Juliane und Frederick wohnen doch auch schon da.”

”Ja.”

Ich renne der Frau mit dem Kopftuch hinterher. Ich rede auf sie ein, sage ihr, dass ich mich verlaufen habe und mir ein Schnösel-Paar, Journalisten oder so, nicht weiterhelfen konnte und ich deshalb jemanden fragen wollte, der wie ein echter Berliner aussieht. ”Wo müssen Sie denn hin?” fragt sie.”

”Hm. Rudi-Dutschke-Straße,’‘ sage ich. ”Zu Le Monde diplomatique.” Sie sagt, dass das aber schon ein ganzes Stückchen ist.

Ich muss gar nicht zur Rudi-Dutschke-Straße.

Ich begegne Tilmann und Hannah von eben in der U-Bahn. Sie starren auf die Displays ihrer Handys. ”Guten Tag, die Fahrscheine, bitte,” sagen zwei Männer laut. Ich werde mal wieder beim Schwarzfahren erwischt. Der Kontrolleur, der meine Daten erfasst, wünscht mir ”trotzdem noch einen schönen Tag”. ”Danke, ‘‘, sage ich. Ich vergesse ihm trotzdem auch noch einen schönen Tag zu wünschen. Ich ziehe, gedanklich, 60 Euro von meinem Gehalt ab.

Om shanti om

Der Politkteil stimmt wie immer traurig, aber weiß man von nichts, schottet man sich vor allen Informationen ab- was ist man für ein Mensch? Ja, manche Esoteriker raten dazu. Man soll sich von allem Negativem abschotten- aber ja, die Frage lautet: Was ist man dann für ein Mensch? Ein entspannter Mensch mit Liebe im Herzen und Gelassenheit. Mentally chill statt mentally ill. Man hat die Erleuchtung gesehen. Die Illuminaten klopfen gleich an. Man rutscht Regenbogen herunter, sagt ”Om Shanti om” und trinkt Yogi-Tee, fährt zum Schweige-Retreat ins Kloster, meditiert stundenlang, isst Rohkost, duscht selten, erkennt Wildkräuter, die am Straßenrand in der Stadt wachsen, sagt ”Liebe und Licht”, läuft gern barfuß auf Wiesen und Beton, trägt selbstgebatikte T-Shirts aus Bio-Baumwolle oder Funktionssandalen, steht im Park mit einem ”Free hugs”-Plakat, geht containern, ist den Jakobsweg schon entlang gepilgert, war in Indien, weil jeder nach Indien fährt, nimmt Drogen, aber kein Aspirin oder Paracetamol oder Ibufen, weil das nicht ”natürlich” ist, mag vegane Brotaufstriche, studiert schon seit 2001, aber man nimmt das Studium eher locker, denn man ist eben nicht einer von diesen ”fleißigen Karriereorienterten”, die mit 21 schon im Master-Programm sind. Man sitzt lieber gemütlich zuhause und liest in einem Buch über Kamasutra und Tantra. Man überlegt, ob man sich nicht zu einem Tantra-Masseur ausbilden lassen könnte. Man hat da doch so jemand in Indien kennengelernt. Da könnte man mal anfrufen und fragen. Der hat doch eine Schule mit seiner Frau. Gallensteine könnte man mit Öl aus dem Magen leiten, steht in einem Artikel, den man liest. Na, das geht doch etwas zu weit. Man steht auf und macht sich einen grünen Saft. Om shanti om.

Ich bin noch nicht soweit. Ich lese die Zeitung, ARD und ZDF. Krieg, Umweltkatastrophe, Terror. Fernseher aus. Ich blättere weiter.

Männer und Frauen, meist ab Mitte, Ende 40, im Feuilleton erzählen mir, was jetzt ”angesagt” ist. Wen ich lesen soll. Auf wen ich hören soll. Was ”Hipster” in Berlin bewegt. Wo man gut brunchen kann. Welcher 20-jähriger Sänger, den man schon länger kennt, jetzt der Sänger der Stunde ist. Wer ein ganz tolles Buch über die Generation Y geschrieben hat. ”Oh, es erinnert mich an den und den Autoren. Es ist so frech, so rotzig und so pfiffig. So eine Kodderschnauze” – oder ”so traurig, so berührend”. Ich möchte keine ”rotzig-frechen” Bücher lesen. Ich möchte Wahrhaftigkeit.

Ich lege die Zeitungen weg. Ich lese online. Alles wieder schrecklich. Nicht aufregen. Om shanti om. Ich lege das Handy weg und frage mich abschotten oder informieren? Was für ein Mensch möchte man sein?

Man muss sich vielleicht ablenken vom Weltgeschehen.

Ich gehe in die Bibliothek. Ich blättere in einem Bildband. ”Die Geschichte der 68er und des Punks in Deutschland” oder so ähnlich. In diesen Buch wird Matthias Mattussek zitiert. Er sagt: ”In Studienzeiten ließ man auch schon mal den Joint herumgehen bei uns in der WG in Stuttgart. Da hörte man noch laut Musik bis nachts um halb zwei. Das waren schon wilde Zeiten.” Matthias Exzess Mattussek. Ich lege das Buch weg, gehe raus aus der Bibliothek.

Ein Mann sagt ”Entschuldigen Sie”. Ich stehe ihm im Weg. ”Ist das der Sonderzug nach Pankow?”, sage ich. ”Nein.”, sagt er verwirrt. ”Sonderzug? Das ist die S-Bahn nach Oranienburg.” Ein älterer Mann lacht laut auf. Er sitzt auf einer Bank hinter mir. Auf dem Boden vor ihm steht eine Tüte, neben ihm auf der Bank eine weitere, zwischen seinen Füßen schläft ein Hund. Er lacht. Ich auch. Vielleicht sollte ich öfter mal spazieren gehen.

Mit Julia

Man kann manche Leute gar nicht ernst nehmen. Zum Beispiel Leute, die sich selbst als Rebellen betrachten. Das sind Leute mit welchen man ins Gespräch kommt, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt, den man selbst kennt und irgendwo hat man sich schon mal unterhalten, aber hat keine Erinnerung mehr daran, aber der Rebell erinnert sich. Der Rebell.

Man ist jemand, der ”aneckt”. Jemand, der ”seine eigenen Regeln” aufstellt. Jemand, der nicht einer von den ”Gewöhnlichen” ist. Jemand, der denkt, dass man auch ein bisschen nach unten treten darf. Jemand, der zumindest ein klein bisschen besser ist als die ”anderen”. Vielleicht ein bisschen mehr als nur ein bisschen, aber das darf man ja nicht so sagen. Man darf es nur so ein bisschen andeuten. Man selbst hat den besseren Geschmack, die tiefgründigeren Gedanken. Viel mehr zu sagen und deshalb sagt man auch so etwas wie:  ”Es gibt so Leute, weißt du, da fragt man sich echt: Denken die denn nicht nach irgendwie? Die checken doch gar nichts.” und der Rebell verzieht das Gesicht und man selbst sagt: ”Was sollen die denn ‘checken’?” und der Rebell stöhnt auf, etwas verächtlich, denn offenbar checke ich auch nichts und ich möchte es auch gar nicht.

Der Rebell fängt sich wieder und erzählt weiter: ”Eine Kommiliton geht zu einer Lesung von Julia Engelmann. Das wäre mir ja so peinlich. Wie kann man so etwas lesen?” Und man selbst sagt: ”Ich habe noch nie etwas von ihr gelesen. Nur ein Interview von ihr gesehen. Sie scheint nett zu sein und nicht abgehoben. Das sind doch die Wenigsten mit Erfolg. Wenn’s ihr gefällt, deiner Kommiliton, dann soll sie doch hin.” Und wieder hat man den Rebellen verstimmt und er verdreht die hübsch geschminkten Augen und fährt sich mit den perfekt lackierten Fingern durch das braun getönte Haar, das nach Shampoo mit viel Parfum riecht.

Und dann hat dieser große Rebell, dieser Unangepasste – denn er erzählt ja so viel – als Motto ”live laugh love” oder so ähnlich und vielleicht ein Tattoo mit Schmetterlingen und Schwalben, hat ganz brav Abitur gemacht, Praktika, eine abgeschlosse Ausbildung oder Studium wie sich das gehört, einen Allerweltsnamen wie Julia (wie Julia Engelmann), mag Popcorn-Kino, liest mittelmäßige bis schlechte Romane mit bunten Covern, hat die spießbürgerliche Zeitung ”Die Welt” abonnniert und liest auch gerne mal Frauenzeitschriften oder ”Generationentexte” (nur um sich selbst besser zu verstehen, versteht sich) und redet über die Ex-Freunde, irgendein André und irgendein ein Tom, André kennt sie von Tinder und den anderen aus einem Club, und Julia ist immer noch traurig und hat sich Sendungen auf Netflix angesehen, als sie Liebeskummer hatte und sie möchte 1 1/2 Kilo abnehmen, sagt sie, weil sie über die Feiertage zugenommen hat, damit die Lieblings-Skinny-Jeans wieder passt und Mode ist wichtig, weil Image Image Image und Instagram-Filter und Bilder von Essen oder den Füßen und Facebook-Likes und dann kommt ein Bettler und fragt nach Kleingeld und selbstverständlich gibt Julia nichts, nicht mal einen Cent und man selbst hat viel weniger Geld als Julia, aber man gibt ein bisschen und denkt, nein, man weiß, man hat sich die rebellischen Wunschfantasien eines neoliberalen Spinners angehört und denkt sich, dass die Menschen schon ein bisschen seltsam sind?
Nicht seltsam auf eine angenehme Art. Eine Eissorte, die man noch nie zuvor probiert hat, kann ”seltsam” schmecken und vielleicht mag man sie dann auch. Oder vielleicht klingt eine Band anfangs etwas seltsam und dann mag man sie genauso wie das Eis. Eine japanische Band, deren Mitglieder große Fans von finnischem Metal sind und die japanische Band, oder vielmehr der japanische Sänger oder die japanische Sängerin, singt auf Finnisch und es klingt seltsam, aber irgendwie gut.

Möchtegern-Rebellen sind nur seltsam. Nichts weiter. Selbsteinschätzung ist auch etwas Seltsames. Für manche zumindest. Selbstüberschätzung sowieso.

”Ih, guck dir die mal an.” sagt Julia und zeigt auf ein Mädchen mit ein bisschen Übergewicht. ”Wie kann man sich nur so gehen lassen? Was hat die denn an?” und sie kichert und man kichert nicht mit und dann sieht man auch schon Julias Lui-Witöng-Tasche und es fehlt nur noch der Starbucks-Becher und man denkt aha, okay, Julia.

Man darf sich nicht in Gespräche verwickeln lassen. Am besten zieht man auf die Faröer-Inseln ohne Nachbarn oder vielleicht sollte man auch mal zu einer Lesung von Julia Engelmann, denn wenn ”Rebellen” sie nicht mögen, kann es ja gar nicht so schlecht sein.

Der Rebell redet über sich, aber irgendwo da draußen und auch mal vor unserer Haustür geht die Welt zu Grunde. Das ist für Rebellen wohl nicht von Belang.

Wir stehen vor einem Supermarkt in einer überdachten Einkaufshalle. Auf einem Bildschirm werden die Nachrichten angezeigt.

 ”Was ist mit Aleppo, Julia?” sagt man. Julia verzieht das Gesicht. ”Was ist mit den Menschen, die gerade in Serbien frieren, Julia?” Julia setzt ihr Wichtig-Gesicht auf: ”Ja, du, das ist voll schrecklich, du.”

”Ich muss nach Hause, Julia.”, sagt man. ”Meine Tiefkühl-Erbsen tauen auf.” und Julia nickt verständnisvoll und sieht auf ihr 700-Euro-Smartphone.

Ich sollte mir vielleicht ein Buch von Julia Engelmann bestellen. Vielleicht gibt es online irgendwo ein Gebrauchtes für ein ein paar Euro.