Party People

Hamburg

Ich könnte ja mal nach Hamburg ziehen. Berlin-weggezogen. Dann kann ich mich in Hafenkneipen mit Matrosen betrinken und bei Inas Nacht im Publikum sitzen und mich auch mal schön durchregnen lassen bei ”Schietwetter”.

”Party People nicht erwünscht” steht bei einem Wohnungsinserat und der Inserent schreibt, dass er gerne mal einen Tee abends mit dem WG-Mitbewohner oder der WG-Mitbewohnerin in der Küche trinkt, aber es eher eine Zweck-WG ist und dass seine Freundin, die in einer anderen Stadt studiert, am Wochenende zu ihm kommt und dann eben das ”Party people nicht erwünscht” am Ende der Anzeige und ich denke, dass ich dem Inserenten schreiben sollte, dass das natürlich nicht auf mich zutrifft und ich eher ein ruhiger und friedlicher Mensch bin, der einer geregelten Arbeit nachgeht, gerne im Park joggt, Heidegger und Kriminalromane und auch mal voll ”wilde” und ”verwegene” Popliteratur von Kids aus gutem Hause, die nach Berlin gezogen sind, liest, Fencheltee und Bio-Holunder-Limonade trinkt und manchmal etwas im Baumarkt kauft und ich bin gar nicht arbeitslos und ich bin halt ein ganz normaler Typ und meine Sockenpaare passen und ich trage gerne Khaki-Hosen und Funktionssandelen in gedeckten Farben und Rucksäcke und mache mir jeden Morgen Brote, die ich unterwegs esse und ich hänge nicht immer nur trüben Gedanken nach und so und ich bin ganz ruhig und mag keine Party und ich gönne mir halt mal ein Feierabend-Bier, aber mehr auch nicht und ich ziehe dann in die Wohnung in Hamburg ein und ich habe so zwei Boxen und da dröhnt der Techno raus tagein, tagaus, mit ganz viel Bass, und ich habe auch Turntables und da lege ich immer auf. Natürlich Techno. Ich liebe Techno. Ich bin ein Techno-Jünger. Techno Forever. Ich habe ein Techno-Tattoo auf der Brust. Ich bin Techno.

Ich habe auch noch ein Schlagzeug, das in meinem Zimmer steht und ich liebe es und ich lasse da immer meine Aggressionen raus und ich habe viele, das könnt ihr mir glauben, und ich möchte noch mehr Instrumente erlernen. Ich baue momentan an einer Musikmaschine, mit der ich dann mehrere meiner Instrumente zeitgleich, schlecht, spielen kann. Was ist schon schlecht. Das ist doch relativ. Den Mitbewohner stört’s und besonders nachts, aber mich entspannt’s und das ist enorm wichtig in dieser stressigen Zeit.

Ich tanze auch immer und schreie dabei ganz laut ”Party.” und ”Wo geht die Party ab? Hier geht die Party ab.” und ”Wo seid ihr Party People.” und ”Best party in town.” und ”Mehr Party geht nicht.” und ich reiße beim Tanzen immer die Fäuste ganz nach oben und auf einem alten Fernseher kommt 24 Hours Party People ohne Ton und ich habe noch einen weiteren und da kommt nur ein Testbild; auf meinem Computer gibt es psychedelische Bewegeltbilder und auf meinen Laptop läuft immer nur eine Dokumentation über Kaninchenzucht und ich habe noch ein Tablet und da schaue ich Pornos aus den 70ern, wo alle behaart sind und die Darstellerinnen grell geschminkt und die Haare sind toupiert, aber nur die Kopfhaare und die sind so 70s eben und das ist gut und bunt und ich stelle selbst LSD her ”nur so” für mich, weil mich die chilligen Pornos dazu inspirieren, ihr versteht, man gönnt sich ja sonst nichts; und ich rede immer über die Love Parade in Berlin und trauere der Zeit nach und in meinem Zimmer gibt es Lavalampen und Neonlichter und wenn ich rausgehe, höre ich natürlich Musik mit Kopfhörern und wie immer Techno und ich schreie im Hinausgehen, weil ich ja Musik höre und da schreit man ja manchmal und da schreie ich: ”Was geht ab, Party People. Ich gehe mal Es und Speed kaufen. Dann geht es weiter mit der Party. Macht ihr weiter Party ohne mich, bis ich wieder da bin. Party on, ihr party people.” und meine den Mitbewohner und seine Freunde, die in der WG-Küche am Ikea-Tisch sitzen und bei Selbstgekochtem mit ganz viel Gemüse, das sie zusammen ”geschnippelt” haben, ”klönen” und ein Glas Wein trinken und über ihre Studien und Reisen reden und so eine eingebildete, dünne Blonde ist an der supertollen Springer-Akademie angenohmen worden und zieht bald nach Berlin und ihre Eltern bezahlen ihr natürlich die Gentrifizierungs-Wohnung und dieser Erfolg muss natürlich gefeiert werden und später holt noch jemand eine Gitarre und spielt etwas von Bright Eyes und wer den Text kann, singt mit und da sitzen die dann in ihrer germanischen Zufriedenheit und reden über ihre letzten Posts bei Instagram und wo es gute Burger gibt und über Mode und Jan Böhmermann und sie denken, dass ich fürchterlich komisch bin und der Mitbewohner tut ihnen wahnsinnig leid, dass er sich so eine unerbittliche Partygranate ins Haus geholt hat und sie tuscheln über mich und der Mitbewohner flüstert in die Runde, dass einer meiner Freunde grüngefärbte Dreads hat und die Springertussi sagt: ”Dreadlocks? Ih, wie eklig. So Menschen stinken doch. Wie kann man sich nur so gehen lassen?” und ich bemerke das gar nicht, weil ich so in meiner Party-Welt bin. Wenn ich wiederkomme, höre ich ”I wanna be a hippie” von Technohead in Endlosschleife.

Wenn ich mir mal in der Küche etwas zu essen koche, irgendein Fertiggericht mit extra viel Glutamat, trage ich ein Sven-Väth-T-Shirt und sonst nichts, lass mal untenrum auslüften wa und höre Musik mit Kopfhörern und tanze wie ein Schranzer und schreie ganz laut ”Party.” und ”Gude Laune.”, aber ich habe ja nicht so viel Hunger wegen der ganzen Drogen. Gute Laune habe ich auch nicht meistens nicht. Auch wegen der vielen Drogen.

Tagsüber sitzt immer so ein US-Amerikaner bei mir, der Steve heißt und Kette raucht. Er ist ein bisschen pummelig, trägt eine altmodische Brille, einen Schnäuzer und hat ungekämmtes, braunes Haar und er ist nicht so ganz da, ein bisschen weggetreten, der Gute. Ich habe ihn am Bahnhof kennengelernt, als ich da zu dem Rhythmus der ein- und abfahrenden U-Bahnen tanzte. Steve dachte, dass sei irgendwie cool und er sagte ”Yeah.” und nickte anerkennend.  Wir sind so ziemlich beste Freunde seit dem, wisst ihr. Steve trägt immer Jeans und eine Jeans-Jacke und ein weißes, fleckiges T-Shirt und Cowboyboots. Er sieht leider ein bisschen so aus wie der Mörder von John Lennon. Steve sagt immer nur ”Yeah.” und lacht. Ich sage ”Steve, guck mal, ich habe ein neues Party-Outfit.” und ich zeige ihm mein Regenbogen-Shirt und meine Gabba-Hose und meine Plateuschuhe und meinen Schlapphut und meine lange Glitzerkette und er nur so ”Yeah.” Ich sage: ”Schönes Wetter heute. Wollen wir in den Park?” und er nur so ”Yeah.” Wir gehen dann aber nie in den Park und sitzen nur in meinem Zimmer rum und rauchen Gras und Steve sagt nur yeah.

Wir freunden uns mit ein paar Gras-Dealern an und die hängen dann auch bei mir im Zimmer rum. Die sitzen da immer nur ganz gemütlich und kiffen und ich tanze und schreie ”Party”. Es kommt auch jeden Tag ein schizophrenes Mädchen vorbei, das über Philosophie und Hedonismus reden möchte und auch mal über Aliens und wer sie verfolgt und Stimmen und so und ihre schizophrenen Freunde kommen auch gleich mit und erzählen über Zeitreisen. Ich fange Menschen vor Clubs ab und frage, ob sie zur besten Party Deutschlands mitkommen wollen und dann haben wir das kleine Zimmer voll mit italienischen Touristen, die eigentlich in einen Club wie das Berghain wollten, aber die dann selbstverständlich zur besten Party Deutschlands zu Steve und mir kommen. Vor den Gefägnissen gehen wir zu den Häftlingen, die entlassen werden und vor dem Gefängnistor mit ihren Habseligkeiten stehen, aber nur zu den Ex-Häftlingen, die gegen das BTM verstoßen haben und die dürfen kommen und die haben noch ein bisschen Hoffnung auf La Dolce Vita, ihr vertsteht, und Polizisten werden auch eingeladen, damit die Gäste denken, dass das Stripper sind und das wird so gemütlich und knorke, aber dann sind das so viele in meinem Zimmer und jemand spielt Psytrance und ich hasse Psytrance und Goa-Leute bah, weil die wie nette Hippies aussehen, aber irgendwie unfreundlich sind und ich möchte ihnen die blöden Goa-Hosen runterreißen und sie verjagen und ich werde voll depressiv und schreie, dass die Party People nach Hause gehen sollen und ich weine und singe ”It’s my party and I cry if I want to.” Dann fange ich mich wieder und schreie ”Kurze Stimmungsschwangung. Kurzer Anfall von Hysterie. Die Party geht weiter, Leute. Party on, party people.” und ich schreie: ”Ich hab’s. Wir machen eine Schaumparty.” und das Zimmer füllt sich mit Schaum und die Party-Meute feiert und tanzt ausgelassen und dann ist da der viele Schaum überall im Zimmer verteilt auf 15qm2 und das ist so schön. Ich fühle mich wie auf Wolken oder wie ein Schaf in einer Schafherde und das ist so toll und das ist Party. Party für Schaumschläger, Schaumküsser, Schäumer statt Träumer, Schaumannkai, Schaumstoff, Schaumkrone, Schaum­ge­bo­re­ne. Oh, ja.

Ich werde von dem Nicht-Party-Mitbewohner nach zwei Tagen rausgeschmissen. Fristlos gekündigt. Das mit der Schaumparty kam eher nicht so gut bei ihm an. Es war, wie er sagt, das, was das Fass hat überlaufen lassen und ich frage, ob er damit sagen will, dass er ein Fass Bier hat und ob ich etwas von dem Bier abbekommen könnte, nur so einen Liter und ich schwärme von Bier und informierte ihn darüber, dass Bier für mich wie Tee mit Alkohol-Komponente ist und sich der Konsum von Bier durchaus positiv auf mein Gemüt, aber nicht auf meinen Bauchumpfang, auswirkt, und er wird nur sauer und faselt irgendetwas von einem Anwalt oder so und ich frage, ob einer seiner coolen Freunde (”cool” hehe) Jura studiert und ich sage: ”So sehen die auch aus haha. Wenn sich Klischees bestätigen, Digga.” und krieg mich gar nicht mehr ein vor Lachen und muss mir den Bauch halten und lasse mich auf den Boden fallen und rolle da hin und her. Der Witz kommt aber nicht so gut bei dem Mitbewohner an, so gut war der vielleicht auch nicht, und alles andere, meine Party-Einstellung betreffend, auch nicht und seine komischen, schnarchigen Spießerfreunde sagten, ich mache ihnen irgendwie Angst.

Was soll ich sagen. Man muss schon für Party gemacht worden sein. Du kannst Party nicht wählen, Party wählt dich. Mache ich eben meine eigene hippe,  illegale Underground-Open-Air-Party. Ihr seid alle eingeladen. Liebe Liebe.

 

Mykonos, bitch

 

 

Vielleicht sollte ich auch mal wieder abends ausgehen statt melancholisch herumzuhängen und zunehmen,  aber ich denke aus dem Alter bin ich heraus. Es ist erst wieder “hip” auszugehen, wenn man alt ist. Ab einem gewissen Alter hat das alles so ein bisschen etwas von: Hat er oder sie nichts Besseres zu tun tun? Und meistens ist es ohnehin langweilig. Und dann macht man eine kleine Pause von drei bis vier oder fünf Jahrzehnten und taucht wie Phoenix aus der Asche als Techno-Rentner auf, der länger wachbleiben kann als die jungen Hüpfer und dank neuem Hüftgelenk auch besser tanzen kann. Aber andererseits ist das nur so eine Art “Alters-Shaming”. “Feiern gehen” war schon mit 18 langweilig und nur dank diverser Muntermacher und dergleichen besser als nicht feiern.

Vielleicht ist das auch irgendwie nur eine Winterdepression, die aber einfach ein bisschen aufdringlich ist und sich in allen Jahreszeiten breitmacht.  Ganz schön großes Ego. Vielleicht soll ich sie als Inspiration nehmen.

Bye Berlin

Bye good mdma, pretentious German country bumpkins who think they’ve ”made it” because they moved to Berlin and work in media, ugly architecture, flea markets, techno, S-Bahn acquaintances, high-rise sunsets, dog poo everywhere, people from the US who look like extras from the 90’s film Slacker, bad and terribly biassed journalism, appalling sexism, affordable organic food, tasty veggie burgers, ”don’t mention the war”, endless talks about sausages, people who tell you ”Berlin is the new New York” (it’s not), east Europe bashing and the adoration of Sweden, the holy country for Germans, exorbitant rent increases, tourists talking about Berghain, tourists not used to taking a lot of drugs and taking too many, losing it, the nice lakes in the woods, Kotti, Wedding, Neukölln, gentrification, fifth floor but no lift, stucco, rubbish, cheap wine, people who brag about being successful models but aren’t signed with an agency, sad people, rude people, copycats without original ideas, low priced and good international cuisine, low-key racism, classism, sanctimony, spacious flats, everything’s getting more expensive by the minute, guessing if it’s an eastern European or Scandinavian hipster, loud Americans shouting, tourists taking embarrassing The Memorial to the Murdered Jews of Europe / the Holocaust Memorial selfies, waiting for summer during a seemingly infinite and cold winter, foreign indie bands who moved to Berlin because it’s cheaper and they like the ”vibe”, talking about the new big city everyone should move to if they haven’t already because it isn’t Berlin anymore, that city everyone’s looking for, maybe Leipzig? maybe Warsaw?, bad literature, mediocre music, sometimes a good film, questionable fashion sense with exceptions, unfounded arrogance, cute coffee shops, nice art students and actors, long parties, never saying sorry, show-offs, start-ups, bye Berlin

Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.