Saarbrücken, Bêtise Royale

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Ich bin nach Saarbrücken gefahren, um da meine Angst zu lassen. Warum Saarbrücken? Warum lässt man in Saarbrücken seine Angst zurück? Die Angst ist nicht rational, die Angst ist verrückt, die Angst lässt mich verrückte Sachen machen, obgleich nach Saarbrücken fahren nicht so verrückt ist. Nur ein bisschen zufällig. Man man macht sich selbst zum Feind, den man selbst zieht die Fäden. Man selbst lässt sich von der Angst leiten, verleiten. Die Angst ist dumm, feige und unhöflich. Nein, das ist keine Angst wie sie viele haben. Es gibt berechtige Angst, die man kennt, kennen sollte. Es gibt diese vernünftige Angst und es gibt zu viel Angst. Diese Angst ist ein Diktator. Man kann irgendwann nicht mehr ”funktionieren” und das sollte man in unserer ”Leistungsgesellschaft”. Vielleicht hat man deshalb Angst. Selbst zum Supermarkt zu gehen wird schwer mit der Angst. Warum? Weil man es selbst zugelassen hat, dass es so weit kommt. Man hat aufgegeben. Man hat der Angst zu viel Platz gewährt und sie macht sich breit wie ein ungebetener Gast, der den Kühlschrank leerfrist, in Unterwäsche fernsieht und bleibt. Bis alles in Unordnung gerät. Die Angst ist nicht gut. Die Angst ist kein Gefährte. Die Angst ist bockig und laut. Die Angst stört und ist doch vertraut.

Die Hotelwände in Saarbrücken sehen mich an, das Zimmer ist ein bisschen klein, aber sauber. Ich habe zwei Nächte durchgemacht, nicht geschlafen. Deshalb störe ich mich nicht daran, dass das Zimmer teuer ist. Ich habe die Vorhänge zugezogen. Der Fernseher läuft ohne Ton im Hintergrund. Es ist früher Nachmittag. Die Angst sitzt tief verborgen, aber schweigt ein bisschen. Zumindest im Gegensatz zu sonst. Ich hätte gerne Xanax. Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Stattdessen liege ich im Bett. Die Bettwäsche ist weiß und bequem. Wird man die Angst los, indem man sich im Bett versteckt? Oder muss man aufstehen und wie ein Ritter bei einem Turnier mit einer Lanze gegen die Angst antreten? Man kann nichts für die Angst. Sie kam irgendwann oder war schon immer da. Die Frage ist, was man braucht, um nicht mehr diese Angst haben zu müssen. Therapie hilft, aber ich kenne viele Psychologen, die selbst Hilfe bräuchten. Menschen, die man so bei Partys und abends beim Ausgehen kennenlernt. Menschen, die meist den Drogen nicht abneigt sind und ihr Päckchen voller psychologischer Unzulänglickeiten zu tragen haben. Wie ich. Das Vertrauen ist nicht da. Natürlich kann man von seinem Drogenfreunden Psychopharmaka bekommen und die Angst hält die Klappe für ein paar kurze Stunden, aber davon geht die Angst nicht weg. Sie verschwindet nur kurz und kehrt zurück wie sie das immer gemacht hat. Die Angst ist peinlich, die Angst ist dumm. Man muss die Wurzen herausreißen. Was ist des Pudels Kern? Drogen helfen nicht, Alkohol nur ein bisschen. Wer Angst hat, der muss, selbst herausfinden, was gut für einen ist. Das kann Therapie sein, das kann Yoga und Meditation sein. Sport, Kunst, soziale Arbeit, Erfolg, Liebe. Ich habe zu wenig gemacht und die Angst machen lassen. Versteckspiele und Müßiggang. Schlafloskigkeit.

Saarbrücken ist leise. Hier laufen die Dinge langsamer als in Berlin. Die Menschen sind nett. Ich frage ein Paar nach dem Weg. Sie fahren mich kurzerhand dorthin, wo ich hinmöchte, weil das auf dem Weg liegt. Der Mann ist ein bisschen dunkler und hat einen ausländischen Akzent. Wir reden über Wien, weil ich heute Abend nach Wien fahre. Es ist eine schöne Stadt mit viel Kunst und Architektur”, sage ich. Die Frau erzählt, dass ihre Tochter letztes Jahr in Wien war. ”Ich bin oft da,” sage ich. Ich sage, dass man Deutsche in Wien Piefke nennt. Das wusste die Frau nicht. Ich hatte Angst beim Einsteigen. Wer steigt schon bei fremden Menschen ein? Dafür braucht man keine Angst wie ich, dafür muss man einfach nur ein bisschen klug sein. Damit habe ich es aber nicht so. Ich habe vor allem Angst, aber steige dann bei Fremden ein. Sie sind nett. Es ist eine schöne Fahrt. Ich bin müde von der Angst, von den Zwängen. Ich kann das Paar übernehmen lassen. Sie fahren mich und ich rede mit ihnen und die Angst ist stumm und da denke ich mir, dass das ist, was ich gegen die Angst machen muss. Man muss sich auf nette Menschen einlassen, denn es gibt sie, die netten Menschen. Man kann sich nicht immer von seiner, wie soll man sagen, Misanthropie leiten lassen. Man muss sich auch ein bisschen öffnen. Nein, man sollte nicht bei fremden Menschen in Autos steigen. Ein bisschen reden. Das sollte man tun. Ich bin ein ”einsamer Wolf”, ein Einzelgänger. Da ist man viel mit der Angst allein. Die Angst wird stärker, weil man eine Art der Selbstfolter und Isolation betreibt. Da ist viel Unmut.

Viele Menschen sprechen Französisch in Saarbrücken. Es klingt schön. Ich habe mal einer deutschen Journalistin dabei zugehört, wie sie erzählte, dass sie an der Sorbonne studiert hat und deshalb Französisch spricht. Ihr Französisch war nicht schön. Eine Frau an Bahnschalter am Hauptbahnhof, die vermutlich nicht an der Sorbonne studiert hat, um hier arbeiten zu dürfen, spricht ein schöneres Französisch. Man kann nichts für seinen Akzent. Er ist vermutlich wie die Angst. Man kann aber daran arbeiten. Ich möchte das Französisch der Journalistin auch deshalb nicht, weil sie zickig und arrogant war. Arroganz ist schrecklich. Nur in Deutschland kommt Arroganz so gut an. In jedem anderen Land wird ungebründete Arroganz nicht lobgepriesen. Mit Ausnahme der USA vielleicht, aber Deutschland ist ein bisschen wie die europäischen USA. Hier schreibt man ”Bücher” wie ”Tristesse Royale, Das popkulturelle Quintett”, in dem sich aufgeblasene Idioten: Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg – mindestens drei haben sich bei Springer prostitutiert – im Hotel Adlon treffen und darüber reden, dass man nie in Wohnungen ohne Gästetoilette wohnen würde und auf ”kiffende Hippies” schimpft, ohne selbst etwas geleistet zu haben, Durchsage: Schlechte Bücher schreiben kann jeder und Berlin ist nicht das neue New York. Es kommt auch etwas über ”Lesben”. Über Lesben haben dumme Menschen immer eine Meinung. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass man in einer patriarchalischen Gesellschaft wegen der Verweigerung des heiligen Penisses auf Lesben wütend ist. Meinungen haben und laut verkünden ist keine Leistung. Der betrunkende oder berauschte Obdachlose, der ein Selbstgespräch führt, hat auch Meinungen. Ich würde mir lieber seine Meinungen anhören, als die der Tristesse Royale Herren. Bêtise Royale wäre passender. Auch für meine Angst. Ich habe das Buch bei Oxfam gekauft für einen Euro. Vielleicht waren es auch zwei Euro. Ich habe andere Menschen sozusagen davor gerettet. So viel tue ich für die Menschheit. Ach. Ich wollte nicht, dass es jemand anderes liest und verdorben wird von dieser Arroganz und dann auch so viele ”Meinungen” hat. Ich werfe das Buch auf den Boden. Der Hotelzimmerboden ist mit einem grauen Teppich ausgelegt. Diese Männer, diese hochtrabenenden ”Autoren” halten sich vermutlich für ”Dandies”. Für mich sind sie einfach nur ein bisschen peinlich. Erst dachte ich, dass es gut war, dass ich das Buch bei Oxfam gekauft habe. Ich kaufe meine Bücher lieber da, und nicht bei Amazon, weil das Geld, so könnte man meinen, für einen guten Zweck eingesetzt wird, aber erst vor Kurzem gab es einen ”Sex-Skandal” bei Oxfam. Männer fuhren nach Haiti, um dort zu ”helfen” in Form Frauen in Not für Prostitution bezahlen. Ich weiß nicht mehr, wo ich meine Bücher kaufen soll. Da sollte man sie vielleicht selbst schreiben oder vielleicht kann einen besonders netten Flohmarktverkäufer finden. Und dann denke ich – nachdem ich das Buch auf den Boden geworfen habe- das ist nicht gut für die Angst. Schlechte Bücher lesen, das ist schlecht. Das ist wie Futter für die Angst. Warum mache ich das? Das ist wie schlechte Gesellschaft, falsche Freunde, schlechtes Essen, schlechte Gespräche. Das ist negativ. Das fördert die Angst. Ein gutes Buch, ein gutes Gespräch, gutes Essen. Das ist der Gegensatz. Das sollte man tun. Angst braucht Wut, Langeweile, Schlafmangel, kein oder kaum Essen, negative Gefühle.

Ich habe nicht geschlafen und wenig gegessen. Zu viel Koffein. Das macht die Angst wild wie ein Tier bei Tollwut. Ich hatte die Angst nicht immer so, sie war mal schwächer. Ich war mal ein bisschen mutig, aber die Angst war da. Vielleicht habe ich zu viele Drogen genommmen oder hatte eine Quarter life crisis. Die Angst ist ein Vandale, sie zerstört so viel. Die Angst ist ein Tyrann. Ein Despot. Ein Mobber. Ich habe ein Stück der Angst in Warschau gelassen, aber dann kam sie wieder. Vielleicht bleibt sie in Saarbrücken.

Die Angst wird beim Reisen bei vielen größer. Ist man nicht mutig genug, fährt man nicht nach Südamerika, man fährt nach Saarbrücken und versucht sich ihr langsam zu stellen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Tritt in die Angst für mich.

Alle reden nur über sich

s

Alle reden nur über sich, ich, ich. Alle warten nur darauf, bis sie wieder dran sind mit dem Reden. Eigentlich kann ich nicht alle sagen. Ich kenne sie ja nicht alle. Ich will sie auch nicht kennen. Es hängt wohl auch damit zusammen mit wem man Zeit verbringt, mit wem man im Winter im Park spazieren geht und die Hand hält oder für wen man Playlisten macht oder mit wem man in Bars Whisky und Absinth trinkt und Pläne macht, wo man mal hinfahren könnte und darüber redet, was jetzt der und die macht, die und der und wo der oder die im Urlaub war oder ein Auslandssemsester gemacht und jetzt nach dem Studium hingezogen ist und wie schlecht die Partys sind und wie gut und in welchen Club man nicht mehr gehen kann und wo man vielleicht mal hingehen sollte und was man Leckeres gekocht hat oder wo man gut essen kann und welche neue Band gut ist und welche nicht und warum die neuen deutsche Literatur so schlecht ist und wer jetzt in der Heroin-Entgiftung ist und wer in der Psychiatrie und welche Bio-Limonade die beste ist. Das alles hängt auch immer von einzelnen ab und nicht so sehr von allen. So ist das