Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.

Schöner wohnen

5

„Er muss…“, sagt Ella. “süß und locker sein. Und humorvoll. Nicht so ein spießiger Sockenfalter. Zuverlässig und gerne kochen. Und Margaret Cho kennen.“ “Hast du weitere Wünsche?“, frage ich sie, während wir auf ihrem kleinen Balkon sitzen, uns mit einer Flasche Rotwein betrinken und eine Tüte rauchen. “Nein“, sagt sie und nippt an ihrem Glas. Möge das Casting beginnen.

Ella wohnt mit Bernhard, dem Langweiler, Johannes, dem Jung-Anwalt, Janina, der Modetussi und ihrer Mutter in einer geräumigen 5 1/2-Zimmer-Wohnung in der begehrten Stadtmitte. Ihre Mutter Rosanna, Studentin im dritten Semester (Agrartechnologie), wird ein Praktikum im Ausland absolvieren. Eine Miete weniger. Ella hat in Zeitungen und im Netz inseriert, und zahlreiche Bewerber zeigten großes Interesse. Nun sollen sie kommen. Einer nach dem anderen. Schön, wie sich das gehört. Frauen lehnt Ella ab. Die sind kompliziert und anstrengend, sagt sie.

Als am Donnerstag eine Minute nach vier Frank an der Tür klingelt, sitzen wir zu fünft gespannt am Küchentisch. Ich diene als unparteiischer Berater. Frank trägt einen unförmigen Anzug, eine rote Krawatte und hat Blumen mitgebracht. Er druckst herum. “Blumen. Wie aufmerksam.“ Ella ist entzückt. Ihre Mutter zeigt heimlich mit dem Daumen nach unten. Warum? Hm. Es ist Ellas Mutter. Sie ist, wie sie ist. Vielleicht deshalb? Frank ist um die 40, stottert und schwitzt. Seine Stirn ist bedeckt mit Schweißperlen. Als er sich verabschieden möchte, stößt er gegen den kleinen Tisch, auf dem die zickige Janina die Blumen hergerichtet hat. “Macht doch nichts“, faucht Ellas Mutter und schiebt ihn unsanft zur Tür. “Tschüss.“

Der nächste Bewerber ist Tim. Ella errötet. Das ist ihr Partyflirt. Sie hatten Sex im Auto. In Ellas Fiat Panda. Aber sicher ist sich Ella nicht. Sie war sehr betrunken. Es kann auch nur Petting gewesen sein.

Verstehe.

Als Wasif, ihr langjähriger, bester und selbstverständlich rein platonischer Freund, das sah, haben sich Wasif und Tim gleich am Parkplatz geprügelt, und bei diesem wilden Faustkampf schlug Wasif Tim einen Zahn aus. Anzeigen wollte ihn Tim jedoch nicht. Da war noch diese Sache mit dem illegalem Waffenbesitz. Tim ist vorbestraft. Keine Bullen und so. Das war Wasif recht, denn er hat gar keine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Zähneknirschend gingen die beiden Streithähne auseinander, nicht sich noch ein paar Beleidigungen zuzuwerfen. Ella kann ihrer Mutter nun natürlich nicht mitteilen, warum sie sich gegen einen Einzug Tims ausspricht. Sie ist 21, aber ihre Mutter möchte nicht, dass sie raucht, trinkt oder herumhurt. Nur Drogen sind ok. Wenn Besuch im Hause ist und ein Gläschen Wein oder Bier trinkt, sagt Ellas Mutter: “Du nicht.“ Und stellt ihr ein Glas Hohes C auf den Tisch.

Tim sieht sie irritiert an. Auf einer Skala von null bis Schnaps kann er sich neun an Ella erinnern – und sie? Sie bringt die Führung und den Small-Talk rasch über die Bühne. Als Tim aus der Wohnung ist, sagt Ellas Mutter: “Nett, aber so ’n bisschen ungepflegt. Dem fehlt ja sogar ein Zahn.“

Keine Frauen, sagte Ella, aber dagegen legte Johannes ein Veto ein. Nun steht Roxy in der Tür. Sie sieht aus wie die Frontfrau von Garbage nur in Gegenteil von gutaussehend. Sie trägt schwarz-weiß-gestreifte Armstulpen, ein schwarzes Top, einen kurzen schwarzen Rock, eine Netzstrumpfhose und schwarze Stiefel. Sie beendet jeden Satz mit “und so“. “Ich mein, ey. Ich bin keine Satanistin, weil ich schwarzgefärbte Haare habe und manchmal gelbe Kontaktlinsen einsetze und so. Ich höre Musik von der Band von meinem Freund ‚Schmerz deiner kranken Seele‘, weißt du, und die Leute denken, ich wär‘ scheiße und so. Ich bin voll gegen die konforme Gesellschaft und so. Voll Anti-Mainstream, weil ich anders bin und so.“

Roxy ist Studentin der Sozialpädagogik und fängt mit Janina an einen Streit an. Ihr gefällt Janinas aprilfrische Pastell-Pferdemädchen-Kleidung nicht. Bernhard hat ein Foto von seiner verstorbenen Großmutter in seinem Zimmer aufgestellt. Roxy nimmt es in die Hand mit ihren schwarz lackierten Nägeln und sagt: “Ey, jeder ist irgendwann am Sterben und so. Ist doch geil und so.“ Als sie sich im Bad die Rasierklingen zu lange ansieht, wird sie aussortiert.

Dann kommt Holger. Holger ist um die 50 und hat eine Halbglatze. Er ist Busfahrer und sehr verschmust. Ohne seine Katze Inge kann und möchte er nicht einziehen. Verständnis. Holger kann kochen und mit flotter Musik im Hintergrund putzt er für sein Leben gern. Noch Fragen? Holger soll einziehen. Als ihn Ella drei Tage später anrufen möchte, erfährt sie von seinem Noch-Mitbewohner Manfred, der eine sehr schöne Telefonierstimme hat, dass Holger im Knast sitzt. Er hat wohl ’n paar Rechnungen nicht bezahlt.

Zurück auf vorher. Eduardo kommt. Er ist homo und tatsächlich Friseur. Er siehr sehr gut aus. Ella und er beschimpfen sich wüst und diskutieren über hungernde Kinder in Afrika, nachdem Eduardo es wagte, sein halbvolles Glas ACE-Saft in die Spüle zu schütten. Hendrik, der Sportlehrer, wird von Johannes abgelehnt. Das ist der Typ, der im Fitnesstudio ununterbrochen das Laufband Turbo Super 3000 blockiert. Niemals. Johannes protestiert. Waldemar, Kandidat Nummer 7, spricht Russisch und circa dreißig Wörter Englisch. Ella wird ungeduldig. Der süße Lukas kommt aus Dresden und ist Rapper. Nebenbei studiert er BWL. Ella ist Feuer und Flamme. Als er zu reden beginnt, hält sich Ellas Mutter die Ohren zu. Er ist ihr zu sächsisch. Dismissed. Disqualifiziert. Game over.

Am Ende bin ich dann eingezogen. Zum Probewohnen. Bernhard sah mich ununterbrochen mit lüsternem, stierendem Blick an und wollte mir seine Überraschungseierfiguren-Sammlung in seinem Zimmer präsentieren. Neben Johannes‘ langbeinigen Amazonenfrauen fühlte ich mich wie Supersize-Me-Aschenputtel. Janina wollte mir andauernd ihre Instagram-Seite zeigen und über Detox Tea reden, und Ella war dauerbekifft und extrem unordentlich. Sie strapazierte mein Nervenkostüm durch Dauergestreite mit ihrem Freund. Als ginge es darum einen internationalen Rekord zu halten, knallten die beiden am frühen Morgen mit den Türen und warfen Tassen und Teller an die Wand.

“Gib doch zu, dass du mit der Sprechstundehilfe beim Kieferorthopäden geflirtet hast“, schrie Ella und zielte mit einem Blumenkübel auf Jason. “Nein, habe ich nicht“, entgegnete dieser. “Aber geil war die schon.“ Der Kübel traf ihn am Kopf. Keine Sorge. Die Platzwunde musste nur mit sechs Stichen genäht werden. Drei Nächte lang hatten die beiden daraufhin lauten, ekstatischen Versöhnungssex. Wer von euch schon mal Katzen beim Akt belauschen durfte, weiß, wovon ich spreche.

Ich zog kurz danach aus. WG oh nee. Zum Glück wurde Holger eine Woche später aus dem Gefängnis entlassen und konnte sein Zimmer freudestrahlend beziehen.

Der Autor

Er wollte den ganz großen Roman schreiben, hatte er sich überlegt. Den Roman auf den alle gewartet hatten. Das heißt, alle Männer und ein paar Frauen, aber selbstverständlich nur die coolen Frauen – er wollte keinen Roman für uncoole Frauen schreiben. Es müssten schon die coolen Frauen sein. Nicht die komplizierten Frauen, die immer zicken. Nein, die Frauen, die gerne Bier trinken und Sex haben und nicht zickig sind. Für solche Frauen wollte er ein Buch schreiben. Natürlich müssten sie politisch links sein. Er war gegen Rechte wie die AfD. Das musste man ja immer wieder betonen wie schrecklich das alles ist mit der AfD. Er als linker Mann war so betroffen davon. Seine Leserinnen müssten aber nichts vom Politik verstehen, dachte er. Er wollte kein politisches Buch schreiben. Er würde es nicht zu kompliziert für sie machen. Es würde vielleicht schon ein bisschen Politik im Buch vorkommen, aber das eher versteckt. Man musste schon ganz ausgefuchst sein, um die tiefere Bedeutung zu verstehen. Er würde vielleicht ein paar Anspielungen machen, die nur die ganz Klugen verstehen oder vielleicht Metaphern? Er überlegte, während er auf seinem Sofa saß. Er ließ das Whisky-Glas kreisen. ”Hm,” machte er und beobachtete das Glas in seiner Hand. Das Braun des Whiskys. Er nahm sein Macbook: ”Ihre Haut war so braun wie Single Malt Whisky. Ein sattes Goldbraun,” schrieb er. Damit wollte er andeuten, dass ein Charakter in seinem Buch vorkam, der nicht ganz weiß war. Er war keinesfalls Rassist – er hatte schließlich Sex mit einer Frau, die nicht ganz weiß war und sie kam gleich im ersten Absatz vor. Er beschrieb die namenlose Frau mit der hellbraunen Haut auf über einer Seite. Er überlegte, ob er ihre Scheide beschreiben sollte, aber das kam ihm dann doch etwas zu frivol vor. Er wollte ja als intellektueller Autor wahrgenommen werden. Sein Alter Ego Fritz – er hatte sich bewusst für einen altmodischen Namen entschieden, weil das die Leser irritieren sollte – sie sollten erst mal nicht erahnen, was für ein Testosteron-Protz Fritz war – war ihm zwar ähnlich und beruhte auf ihm, aber durch ihn konnte er seine geheimen Fantasien, die er hegte, doch ein wenig ausleben. Fritz war er, nur hatte Fritz mehr Sex und kam bei den Frauen noch ein bisschen besser an und ja, Fritz’ Penis war an die fünf Zentimeter größer als seiner, aber ansonsten gab es einige Parallelen. Sie beide waren gut angezogen, tranken den besten Whisky, hörten die beste Musik.

Er stand auf und legte eine Vinyl auf. Sollte Musik im Buch vorkommen? Natürlich. Damit würde er seinen guten Musikgeschmack in Buchform verewigen. Er seufzte. Ach, was soll’s, dachte er. Er würde ihre Scheide beschreiben. Warum denn nicht? Er wollte nicht prüde sein. Keinesfalls wollte er prüde sein. Er beschrieb ihre Scheide auf noch einer weiteren Seite und beendete die Schilderungen über die Frau mit: ”… und sie fragte sehnsüchtig, beinahe ein wenig verzweifelt: ”Rufst du mich an?” Er verachtete sie dafür. Er zuckte mit den Achseln und ließ die Zigarette in seinem Mundwinkel absinken. ”Vielleicht, Kleines,” sagte er, ging durch die Tür und rief nie wieder an. Er war zufrieden. Sein Verlager würde es sicher auch sein. Er schätzte sich glücklich, dass er das Angebot bekommen hatte ein Buch zu schreiben. Dass man sein Talent erkannt hatte. Sein Iphone machte einen Ton. Er seufzte. Er sah, wer ihm geschrieben hatte. Es war Julia. Sie fragte, ob er am Freitag zu ihrer Party kommen würde. Er antworte nicht. Er sah nach, ob Franzi schon geschrieben hatte. Hatte sie nicht. Was hatte die schon Besseres zu tun, dachte er. Sie sollte dankbar dafür sein, dass er sich überhaupt mit ihr abgab. Er könnte vielleicht ein kurzes Treffen mit ihr am Freitag einschieben und danach zu Julias Party gehen. Er hatte gehört, dass Meike wieder Single war und zur Party kommen wollte. Sie hatte bei Facebook zugesagt. Er seufzte. Wieder einmal lenkten ihn die Frauen von der Arbeit ab. Er musste weiterschreiben. An seinem Roman.

Er überlegte, wie er den Roman nennen sollte, aber ihm fiel nicht so recht ein guter Name ein. Er ging zu seinem Bücherregal und nahm eines seiner Bukowski-Bücher und blätterte darin, um sich inspirieren zu lassen, aber sein Verstand war wie ein weißes Blatt Papier. Nichts stand drauf. Nur weiß, weiß. Er seufzte und setzte sich wieder auf das Sofa. Vielleicht sollte er sich ein bisschen entspannen und dann würde ihm schon etwas einfallen? Er nahm sein Macbook, klickte auf eine Seite und sah sich an wie eine schlanke Dunkelhäutige gewürgt und angespuckt wurde und dann von hinten ordentlich durchgenommen wurde. Er öffnete die Hose. Ein bisschen Masturbation konnte nicht schaden, dachte er. Nachdem er so hart gearbeitet hatte. Danach döste er ein wenig und hörte Kollegah, aber ein Titel fiel ihm immer noch nicht ein.

Vielleicht sollte er einfach weiterschreiben und wenn das Buch erst mal fertig war, würde er schon einen Titel wissen oder er könnte sich mit seinem Verlag oder Agenten beratschlagen. Er musste weiterschreiben. ”Du musst weiterschreiben,” sagte er laut zu sich selbst. ”Jeden Tag fünf Seiten.” Er hatte heute erst zwei geschrieben.

Wie sollte es weitergehen, überlegte er. Fritz verabschiedet sich von seiner Geliebten – eine von hunderten – meist kurzweilige Abenteuer – aber was geschieht dann? Er legte die rechte Hand an sein markantes Kinn. Er nahm seine Zigaretten und rauchte gedankenverloren. Verrückte Ex-Freundin, dachte er. Er müsste über eine verrückte Ex-Freundin schreiben. Er füllte eine Seite mit einer verrückter Ex-Freundin, die auf Fritz in seiner Wohnung wartet, bis er sie herausschmeißt. Nicht ohne vorher Sex zu haben, denn die Verrückten sind immer gut im Bett. Er war glücklich. Eine Seite mehr. Wie sollte es weitergehen? Wieder fiel ihm nichts ein. Sollte er sich einen Kaffee kochen?

Warum nicht in ein Café gehen und da weiterschreiben? Er mochte die Atmosphäre in Cafés. Ideal zum Schreiben. Auch wenn er es dort meist nicht lange aushielt. Es reichte immer nur für ein paar Seiten. Dann wurde es ihm zu viel. Er war oft abgelenkt, wenn gutaussehende Frauen ins Café kamen. Er konnte sich dann nicht mehr konzentrieren, weil er beim Schreiben darauf achten musste gut zu schreiben und dabei gut auszusehen. Aber männlich-gut, nicht männlich-schwul. Das war gar nicht so leicht. Sicherlich fragten die Frauen sich, woran er da schrieb, wenn er hochkonzentriert auf sein Macbook oder auf sein Moleskine starrte, die Stirn in Falten legte und mit den Fingern trippelte. Am liebsten würde er seine Vintage-Schreibmaschine ins Café mitnehmen – das würde mächtig Eindruck bei den Mädels schinden – aber die war so schwer und passte nicht in seine Ledertasche.

Er zog seinen Mantel an und betrachtete sich im Spiegel. Drei-Tage-Bart. Sein Haar sah etwas unordentlich aus. Etwas wild. So gefiel er sich. Er übte noch kurz im Spiegel, wie er männlich-gut beim Schreiben aussehen könnte. Als er mit seiner Pose zufrieden war, verließ er die Wohnung. Nicht ohne noch kurz vorher etwas Eau de Toilette aufzutragen. Davidhoff Cool Water.

Er ging zur Tür hinaus. Die Helligkeit des Tages knallte ihm entgegen. Das Tosen der Passanten und der vorbeifahrenden Straßenbahn. Auf dem Bordstein blieb er plötzlich stehen und erschrak ein wenig, weil ihm eingefallen war, dass er ja auch ein Autorenfoto benötigte. In allen guten Büchern gibt es immer ein Autorenfoto. Darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht. ”Shit,” fluchte er leise. Warum war ihm das nicht schon vorher eingefallen? Jetzt musste er sich darüber auch noch Gedanken machen. Die Sache mit der Schreiberei – das war so ein Stress – er würde sich heute Abend etwas Koks kaufen müssen, damit er besser arbeiten konnte.

”Hallo Hendrick,” sagte die Bedienung und kicherte. Sie stand sicher auf ihn. ”Hallo Kleines, das Gleiche wie immer,” sagte er cool und nahm seine Sonnenbrille ab. Er sah sich um. Es waren heute keine gutaussehenden Frauen da. Die Rothaarige, die am Tisch in der Ecke saß, war nicht schlecht, dachte er, aber er musste kurz überlegten, ob sie natur oder gefärbt war. Er mochte keine roten Schamhaare.

Die Bedienung brachte ihm seinen Kaffee. Schwarz, ohne Milch und Zucker. ”Danke, Süße,” sagte er und trank sogleich davon. ”Der Kaffee ist brühend heiß,” sagte die Bedienung entsetzt. ”Ich weiß,” sagte er. ”Stör mich jetzt nicht. Ich muss an meinem Roman schreiben.” ”Ist gut,” sagte sie.

Er nahm sein Macbook aus seiner Tasche und kaum hatte er es eingeschaltet und war bereit zum Schreiben, da gab sein Iphone wieder einen Ton von sich. Er sah auf das Display. Anke hatte ihm ein Nacktfoto geschickt. Sie könnte auch mal ein bisschen Sport machen, dachte er, aber im Großen und Ganzen war es kein schlechtes Bild. ”Was machst du am Dienstag um drei Uhr nachts? Ich hätte da Zeit für dich,” schrieb er ihr. Warum hatte ihm Ronja eigentlich noch kein Bild geschickt? Zumindest in sexy Unterwäsche? Es muss ja nicht sofort ein Nacktbild sein. Sie hatte bis jetzt nur Selfies geschickt, auf welchen sie voll bekleidet war. Er schrieb ihr: ”Wie geht’s?” Nun, war aber Schluss mit der Ablenkung. Er stellte sein Iphone auf Lautlos und machte sich ans Werk. Er musste weiterschreiben. Noch drei Seiten.

Das Koffein hatte ihn etwas aufgeweckt, aber ihm wollte nicht so recht ein Gedanke zufallen. Was sollte er schreiben? Nervös sah er auf sein Macbook. Drei Seiten hatte er heute schon geschrieben, es fehlten noch zwei. ”Scheiße,” schrie er laut. Ein paar Leute sahen sich nach ihm um. Er beachtete sie nicht. Er musste weiterschreiben, aber wie konnte er weiterschreiben, wenn der doch eine Schreibblockade hatte? Er nahm sein Handy und schrieb Holger, dass er drei Gramm Koks kaufen wollte. Dann starrte er wieder auf sein Macbook.

Die Tür ging auf. Er konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass gutaussehende Frauen hereinkamen. Er musterte sie verstohlen. Nicht übel, dachte er. Gar nicht mal so übel. Vor allem die Blonde gefiel ihm. Jetzt war schnell handeln angesagt. Er setzte sein männlich-gutes-Schreibgesicht auf, nicht ohne die Frauen weiter heimlich zu beobachten. Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Er würde schnell die drei Seiten schreiben. Die Seiten, die noch fehlten, damit er mit seinem Tages-Vorsatz fertig war und dann würde er mal sehen, ob er irgendwie mit den Frauen connecten könnte. Ein bisschen Augenkontakt hier, ein durchdringender Blick da, aber erst musste er noch weiterschreiben. Worüber sollte er nur schreiben? Worüber nur? Er legte den Kopf schief und legte den Zeigefinger auf seine Lippen. Er sah in die Luft. Da kam ihn ein Gedanke. Er würde über Fritz schreiben. Fritz würde sich vorstellen. Erst kommt die Frau vor, mit der er Sex hat. Die Frau mit der Single Malt-Whisky Haut. Dann die Ex-Freundin. Aber der Leser ist doch neugierig auf Fritz. Der Leser möchte doch wissen, wer Fritz ist. Dass ihm das nicht sofort eingefallen war. Natürlich. Es war doch so simpel. Er sollte vielleicht ein paar Tinder-Dates streichen, etwas mehr schlafen und dann würde ihm so etwas nicht mehr passieren oder nein, er würde einfach ein bisschen Koks ziehen. Dann würde das schon gehen. Er lächelte zufrieden. Heute Abend, dachte er. Er sah zu den Frauen. Sie unterhielten sich angeregt miteinander. Egal. Sie würden schon zu ihm herübersehen, aber erst mal musste er weiterschreiben.

Er schrieb:

”Ich bin Fritz. Gott ist groß, aber nicht so groß wie mein Schwanz.” Er lachte. Der war gut. Die Frauen sahen sich nach ihm um. Großartig, dachte er. Er schrieb weiter: ”Willst du meinen Schwanz? Ja? Du musst dich erst mal hinten anstellen.” Die Frauen steckten die Köpfe zusammen und sahen in seine Richtung. Redeten sie über ihm? Er machte sein männlich-gut-Gesicht und tippte weiter: ”Ich bin tagsüber Arzt und nachts Privat-Detektiv. Mein Schwanz hat nur Zeit für einen Quickie mit dir.” Das war gut, dachte er, das war richtig gut. Er hatte einen Lauf. ”Vergiss alle Männer, die du bisher gekannt hast, denn jetzt kennst du mich. Mein Schwanz fickt dich in tausend Himmel und in die Hölle zurück. Ich brenne wie Feuer. Ich kann jede haben. Ich bin der Erwählte. Der Gesuchte. Merk dir meinen Namen. Du wirst ihn schreien. FRITZ. Mein Schwanz fickt wie der Blitz, aber nur wenn du nicht schon ausgeleiert bist.” Er schrieb drei ganze Seiten voll.

Als er zu Ende geschrieben hatte, sah er auf, aber die Frauen waren schon weg. Er zuckte mit den Achseln. Er war nicht auf sie angewiesen. 80% der eingespeicherten Nummern in seinem Handy waren weiblich und es kamen jeden Tag neue dazu.

Er wollte sich nicht noch mal durchlesen, was er geschrieben hat. Das kam ihm irgendwie verweichlicht vor. Er würde die Seiten einfach seinem Verleger schicken und die sollten das noch mal überarbeiten, falls das überhaupt nötig war. Wahrscheinlich nicht. Er hatte seinem Verleger schon einige Textproben geschickt und er war jedes Mal begeistert gewesen. Er hatte ihn sogar ein Genie genannt. Er hätte dem Verleger gerne lautstark zugestimmt, aber dachte, dass es besser wäre nur stumm zu nicken und kurz: ”Nice.” zu sagen. Der Coolness wegen.

Er war stolz auf sich selbst. Erfolgreich, intelligent, gutaussehend, witzig, cool, ein großer Hit unter den Frauen. Er nahm sein Handy und machte ein paar Selfies. Er wollte schon mal üben, wie er auf seinem Autorenportrait schauen sollte. Eher den Kopf ein bisschen nach links oder rechts? Schlafzimmerblick oder selbstbewusst? Sollte er sein Haar kürzer schneiden oder lang wachsen lassen? Oder so lassen? Mit oder ohne Gel? Wenig Bart, etwas mehr oder glattrasiert? Was sollte er tragen? Er würde das noch mal mit seinem Verleger besprechen müssen. Oder mit Julia. Julia war Mode-Studentin.

Er packte das Handy in seine Hosentasche. Er hatte sich für heute genug mit seinem Debüt-Roman befasst, dachte er. Er verließ das Café und ging in einen Supermarkt. Er kaufte die TAZ, die GQ und ein Bier. An der Kasse sah er ein paar Prolls. Sie trugen Fußball-Trikots und dazu passende Schals. Er mochte zwar hin und wieder Fußball, aber musste man sich so gehen lassen? Diese deutschen Kartoffen, dachte er und verzog das Gesicht. Sie waren nicht so links wie er. Er wollte nach Hause gehen und weiterschreiben. Aber nicht an seinem Roman. Morgen wieder. Nein, daran wollte er heute nicht mehr schreiben.

Er ging nach Hause, öffnete das Bier und setzte sich an den Schreibtisch. Draußen wurde es schon dunkel. Er knipste die Schreibtischlampe an und zündete sich eine Zigarette an. Morgen müsste er sich einen weiblichen Charakter ausdenken, der vielleicht ein paar Sätze spricht. Das war leicht. Er seufzte laut. Frauen haben es einfacher als Männer, dachte er. Eine Frau müsste man sein. Man hat eine sexuelle Macht über Männer und die einzige Sorge, die man hat, ist, was man anziehen soll. Morgen würde er den Charakter erfinden und ohne Anstrengung eine Seite füllen. Aber erst mal musste er an etwas anderem arbeiten.

Er hatte einen Bachelor und Master und jetzt musste er noch an seiner Doktor-Arbeit schreiben. Er stockte. Sein Blick ging ins Leere. Er schüttelte den Kopf ein wenig, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war ein stolzes Lächeln. Er konnte es selbst nicht glauben. Bald würde er Buchautor sein und wenn er die Arbeit abgab – und das würde nicht mehr lange dauern und dann müsste er nur noch ein bisschen warten – ja, dann – er konnte es nicht glauben – er lächelte – ja, dann, würde er – er lächelte verschmitzt, ja, dann würde er Doktor sein. Doktor der Schwanzistik und Linke-Machologie. Und Buchautor. Dabei wollte er früher immer Arzt oder Privat-Detektiv werden. Zumindest war er jetzt Arzt und Privat-Detektiv in seiner Prosa und konnte sich da künstlerisch austoben. Er, Männerautor.