Party People

Hamburg

Ich könnte ja mal nach Hamburg ziehen. Berlin-weggezogen. Dann kann ich mich in Hafenkneipen mit Matrosen betrinken und bei Inas Nacht im Publikum sitzen und mich auch mal schön durchregnen lassen bei ”Schietwetter”.

”Party People nicht erwünscht” steht bei einem Wohnungsinserat und der Inserent schreibt, dass er gerne mal einen Tee abends mit dem WG-Mitbewohner oder der WG-Mitbewohnerin in der Küche trinkt, aber es eher eine Zweck-WG ist und dass seine Freundin, die in einer anderen Stadt studiert, am Wochenende zu ihm kommt und dann eben das ”Party people nicht erwünscht” am Ende der Anzeige und ich denke, dass ich dem Inserenten schreiben sollte, dass das natürlich nicht auf mich zutrifft und ich eher ein ruhiger und friedlicher Mensch bin, der einer geregelten Arbeit nachgeht, gerne im Park joggt, Heidegger und Kriminalromane und auch mal voll ”wilde” und ”verwegene” Popliteratur von Kids aus gutem Hause, die nach Berlin gezogen sind, liest, Fencheltee und Bio-Holunder-Limonade trinkt und manchmal etwas im Baumarkt kauft und ich bin gar nicht arbeitslos und ich bin halt ein ganz normaler Typ und meine Sockenpaare passen und ich trage gerne Khaki-Hosen und Funktionssandelen in gedeckten Farben und Rucksäcke und mache mir jeden Morgen Brote, die ich unterwegs esse und ich hänge nicht immer nur trüben Gedanken nach und so und ich bin ganz ruhig und mag keine Party und ich gönne mir halt mal ein Feierabend-Bier, aber mehr auch nicht und ich ziehe dann in die Wohnung in Hamburg ein und ich habe so zwei Boxen und da dröhnt der Techno raus tagein, tagaus, mit ganz viel Bass, und ich habe auch Turntables und da lege ich immer auf. Natürlich Techno. Ich liebe Techno. Ich bin ein Techno-Jünger. Techno Forever. Ich habe ein Techno-Tattoo auf der Brust. Ich bin Techno.

Ich habe auch noch ein Schlagzeug, das in meinem Zimmer steht und ich liebe es und ich lasse da immer meine Aggressionen raus und ich habe viele, das könnt ihr mir glauben, und ich möchte noch mehr Instrumente erlernen. Ich baue momentan an einer Musikmaschine, mit der ich dann mehrere meiner Instrumente zeitgleich, schlecht, spielen kann. Was ist schon schlecht. Das ist doch relativ. Den Mitbewohner stört’s und besonders nachts, aber mich entspannt’s und das ist enorm wichtig in dieser stressigen Zeit.

Ich tanze auch immer und schreie dabei ganz laut ”Party.” und ”Wo geht die Party ab? Hier geht die Party ab.” und ”Wo seid ihr Party People.” und ”Best party in town.” und ”Mehr Party geht nicht.” und ich reiße beim Tanzen immer die Fäuste ganz nach oben und auf einem alten Fernseher kommt 24 Hours Party People ohne Ton und ich habe noch einen weiteren und da kommt nur ein Testbild; auf meinem Computer gibt es psychedelische Bewegeltbilder und auf meinen Laptop läuft immer nur eine Dokumentation über Kaninchenzucht und ich habe noch ein Tablet und da schaue ich Pornos aus den 70ern, wo alle behaart sind und die Darstellerinnen grell geschminkt und die Haare sind toupiert, aber nur die Kopfhaare und die sind so 70s eben und das ist gut und bunt und ich stelle selbst LSD her ”nur so” für mich, weil mich die chilligen Pornos dazu inspirieren, ihr versteht, man gönnt sich ja sonst nichts; und ich rede immer über die Love Parade in Berlin und trauere der Zeit nach und in meinem Zimmer gibt es Lavalampen und Neonlichter und wenn ich rausgehe, höre ich natürlich Musik mit Kopfhörern und wie immer Techno und ich schreie im Hinausgehen, weil ich ja Musik höre und da schreit man ja manchmal und da schreie ich: ”Was geht ab, Party People. Ich gehe mal Es und Speed kaufen. Dann geht es weiter mit der Party. Macht ihr weiter Party ohne mich, bis ich wieder da bin. Party on, ihr party people.” und meine den Mitbewohner und seine Freunde, die in der WG-Küche am Ikea-Tisch sitzen und bei Selbstgekochtem mit ganz viel Gemüse, das sie zusammen ”geschnippelt” haben, ”klönen” und ein Glas Wein trinken und über ihre Studien und Reisen reden und so eine eingebildete, dünne Blonde ist an der supertollen Springer-Akademie angenohmen worden und zieht bald nach Berlin und ihre Eltern bezahlen ihr natürlich die Gentrifizierungs-Wohnung und dieser Erfolg muss natürlich gefeiert werden und später holt noch jemand eine Gitarre und spielt etwas von Bright Eyes und wer den Text kann, singt mit und da sitzen die dann in ihrer germanischen Zufriedenheit und reden über ihre letzten Posts bei Instagram und wo es gute Burger gibt und über Mode und Jan Böhmermann und sie denken, dass ich fürchterlich komisch bin und der Mitbewohner tut ihnen wahnsinnig leid, dass er sich so eine unerbittliche Partygranate ins Haus geholt hat und sie tuscheln über mich und der Mitbewohner flüstert in die Runde, dass einer meiner Freunde grüngefärbte Dreads hat und die Springertussi sagt: ”Dreadlocks? Ih, wie eklig. So Menschen stinken doch. Wie kann man sich nur so gehen lassen?” und ich bemerke das gar nicht, weil ich so in meiner Party-Welt bin. Wenn ich wiederkomme, höre ich ”I wanna be a hippie” von Technohead in Endlosschleife.

Wenn ich mir mal in der Küche etwas zu essen koche, irgendein Fertiggericht mit extra viel Glutamat, trage ich ein Sven-Väth-T-Shirt und sonst nichts, lass mal untenrum auslüften wa und höre Musik mit Kopfhörern und tanze wie ein Schranzer und schreie ganz laut ”Party.” und ”Gude Laune.”, aber ich habe ja nicht so viel Hunger wegen der ganzen Drogen. Gute Laune habe ich auch nicht meistens nicht. Auch wegen der vielen Drogen.

Tagsüber sitzt immer so ein US-Amerikaner bei mir, der Steve heißt und Kette raucht. Er ist ein bisschen pummelig, trägt eine altmodische Brille, einen Schnäuzer und hat ungekämmtes, braunes Haar und er ist nicht so ganz da, ein bisschen weggetreten, der Gute. Ich habe ihn am Bahnhof kennengelernt, als ich da zu dem Rhythmus der ein- und abfahrenden U-Bahnen tanzte. Steve dachte, dass sei irgendwie cool und er sagte ”Yeah.” und nickte anerkennend.  Wir sind so ziemlich beste Freunde seit dem, wisst ihr. Steve trägt immer Jeans und eine Jeans-Jacke und ein weißes, fleckiges T-Shirt und Cowboyboots. Er sieht leider ein bisschen so aus wie der Mörder von John Lennon. Steve sagt immer nur ”Yeah.” und lacht. Ich sage ”Steve, guck mal, ich habe ein neues Party-Outfit.” und ich zeige ihm mein Regenbogen-Shirt und meine Gabba-Hose und meine Plateuschuhe und meinen Schlapphut und meine lange Glitzerkette und er nur so ”Yeah.” Ich sage: ”Schönes Wetter heute. Wollen wir in den Park?” und er nur so ”Yeah.” Wir gehen dann aber nie in den Park und sitzen nur in meinem Zimmer rum und rauchen Gras und Steve sagt nur yeah.

Wir freunden uns mit ein paar Gras-Dealern an und die hängen dann auch bei mir im Zimmer rum. Die sitzen da immer nur ganz gemütlich und kiffen und ich tanze und schreie ”Party”. Es kommt auch jeden Tag ein schizophrenes Mädchen vorbei, das über Philosophie und Hedonismus reden möchte und auch mal über Aliens und wer sie verfolgt und Stimmen und so und ihre schizophrenen Freunde kommen auch gleich mit und erzählen über Zeitreisen. Ich fange Menschen vor Clubs ab und frage, ob sie zur besten Party Deutschlands mitkommen wollen und dann haben wir das kleine Zimmer voll mit italienischen Touristen, die eigentlich in einen Club wie das Berghain wollten, aber die dann selbstverständlich zur besten Party Deutschlands zu Steve und mir kommen. Vor den Gefägnissen gehen wir zu den Häftlingen, die entlassen werden und vor dem Gefängnistor mit ihren Habseligkeiten stehen, aber nur zu den Ex-Häftlingen, die gegen das BTM verstoßen haben und die dürfen kommen und die haben noch ein bisschen Hoffnung auf La Dolce Vita, ihr vertsteht, und Polizisten werden auch eingeladen, damit die Gäste denken, dass das Stripper sind und das wird so gemütlich und knorke, aber dann sind das so viele in meinem Zimmer und jemand spielt Psytrance und ich hasse Psytrance und Goa-Leute bah, weil die wie nette Hippies aussehen, aber irgendwie unfreundlich sind und ich möchte ihnen die blöden Goa-Hosen runterreißen und sie verjagen und ich werde voll depressiv und schreie, dass die Party People nach Hause gehen sollen und ich weine und singe ”It’s my party and I cry if I want to.” Dann fange ich mich wieder und schreie ”Kurze Stimmungsschwangung. Kurzer Anfall von Hysterie. Die Party geht weiter, Leute. Party on, party people.” und ich schreie: ”Ich hab’s. Wir machen eine Schaumparty.” und das Zimmer füllt sich mit Schaum und die Party-Meute feiert und tanzt ausgelassen und dann ist da der viele Schaum überall im Zimmer verteilt auf 15qm2 und das ist so schön. Ich fühle mich wie auf Wolken oder wie ein Schaf in einer Schafherde und das ist so toll und das ist Party. Party für Schaumschläger, Schaumküsser, Schäumer statt Träumer, Schaumannkai, Schaumstoff, Schaumkrone, Schaum­ge­bo­re­ne. Oh, ja.

Ich werde von dem Nicht-Party-Mitbewohner nach zwei Tagen rausgeschmissen. Fristlos gekündigt. Das mit der Schaumparty kam eher nicht so gut bei ihm an. Es war, wie er sagt, das, was das Fass hat überlaufen lassen und ich frage, ob er damit sagen will, dass er ein Fass Bier hat und ob ich etwas von dem Bier abbekommen könnte, nur so einen Liter und ich schwärme von Bier und informierte ihn darüber, dass Bier für mich wie Tee mit Alkohol-Komponente ist und sich der Konsum von Bier durchaus positiv auf mein Gemüt, aber nicht auf meinen Bauchumpfang, auswirkt, und er wird nur sauer und faselt irgendetwas von einem Anwalt oder so und ich frage, ob einer seiner coolen Freunde (”cool” hehe) Jura studiert und ich sage: ”So sehen die auch aus haha. Wenn sich Klischees bestätigen, Digga.” und krieg mich gar nicht mehr ein vor Lachen und muss mir den Bauch halten und lasse mich auf den Boden fallen und rolle da hin und her. Der Witz kommt aber nicht so gut bei dem Mitbewohner an, so gut war der vielleicht auch nicht, und alles andere, meine Party-Einstellung betreffend, auch nicht und seine komischen, schnarchigen Spießerfreunde sagten, ich mache ihnen irgendwie Angst.

Was soll ich sagen. Man muss schon für Party gemacht worden sein. Du kannst Party nicht wählen, Party wählt dich. Mache ich eben meine eigene hippe,  illegale Underground-Open-Air-Party. Ihr seid alle eingeladen. Liebe Liebe.

 

Mykonos, bitch

 

 

Vielleicht sollte ich auch mal wieder abends ausgehen statt melancholisch herumzuhängen und zunehmen,  aber ich denke aus dem Alter bin ich heraus. Es ist erst wieder “hip” auszugehen, wenn man alt ist. Ab einem gewissen Alter hat das alles so ein bisschen etwas von: Hat er oder sie nichts Besseres zu tun tun? Und meistens ist es ohnehin langweilig. Und dann macht man eine kleine Pause von drei bis vier oder fünf Jahrzehnten und taucht wie Phoenix aus der Asche als Techno-Rentner auf, der länger wachbleiben kann als die jungen Hüpfer und dank neuem Hüftgelenk auch besser tanzen kann. Aber andererseits ist das nur so eine Art “Alters-Shaming”. “Feiern gehen” war schon mit 18 langweilig und nur dank diverser Muntermacher und dergleichen besser als nicht feiern.

Vielleicht ist das auch irgendwie nur eine Winterdepression, die aber einfach ein bisschen aufdringlich ist und sich in allen Jahreszeiten breitmacht.  Ganz schön großes Ego. Vielleicht soll ich sie als Inspiration nehmen.

Amsterdam

In Amsterdam

 

In enem Schreibwarengeschäft. Ich stehe an der Kasse und bezahle. Die Kassierin sieht mich missbilligend an und rollt den zusammengerollten 5-Euro-Schein auf, damit sie ihn in die Kasse legen kann. Ich weiß nicht, wo ich den Schein herhabe. Wechselgeld. Mir ist auch gar nicht aufgefallen, dass er so zusammengerollt ist. Die Kassierin gibt mir mein Wechselgeld. Sie ist unfreundlich und ich muss mir das Grinsen verkneifen. Sie hält mich für ein Party Girl. Es ist fünf Uhr nachmittags und ich habe mir erst mal ein paar Lines genehmigt, denkt sie, bevor ich mir etwas in einem Schreibwarengeschäft kaufe. Ich bin so. Ich bin ein Party Girl, wild und verwegen. Ich habe aber keine Drogen konsumiert. Nur Wodka die Nacht zuvor getrunken. Nicht mal gekifft.

Ich kann die Verkäuferin schon verstehen, wenn sie mich für eine Touristin hält, die in Amsterdam ”Party macht” und sie stören die die vielen Touristen.

Ich muss sagen, dass ich noch nie etwas mit einem 5-Euro-Schein gezogen habe. Es muss schon mindestens ein 10-Euro-Schein ein. Auch Proletarier haben ihren Stolz. Wobei es darauf ankommt, was man zieht. 1 Gramm Koks mit einem 5-Euro-Schein ist laizez-faire, so ein Schrott wie Speed ist irgendwie peinlich, aber dann auch wieder laizez-faire, weil abgefuckt und ”ist mir egal”. (Ich kokse aber nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder).

Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

Fair Trade Kokain

Erkentnisse

Alles ging irgendwie so ein bisschen den Bach herunter seit ich mit dem Koksen aufgehört habe. Das mit dem Ego und der guten Laune und dem Spaß sowieso. Es gibt nur noch Ich-Zerfall. Wäre Koks Alkohol wäre es Prosecco.

Koksen kann natürlich zum Problem werden, aber für wie reich muss man mich halten, dass ich mir so viel leisten könnte, dass es zu einem wird? Nicht reich außer mit Liebe im Herzen.

Meistens ließ ich mich auch nur einladen, aber da auch nur so viel und so oft, dass man von mir als Gegenleistung oder Entgegenkommen nichts oder nur wenig erwartet wurde. Manche nennen das Schnorren, ich nenne das eine kleine Gefälligkeit, wenn man the life of the party bei seiner Party möchte. Es war also alles im grünen Bereich. Oder eher im weißen. 

Was kann nur diese Leere füllen? Und damit ist nicht die Leere in den Nasenlöchern gemeint.

Manche hören mit dem Koksen ihrer Nasenscheidewand zuliebe auf oder weil sie paranoid werden. Ich habe damit aufgehört, weil ich den Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität nicht unterstützen möchte.

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich nicht irgendwann mal schwach werde und vielleicht eine Line ziehe, aber seit mindestens drei Jahren bin ich stark.

Wann gibt es endlich Fair Trade Kokain?

Bye Berlin

Bye good mdma, pretentious German country bumpkins who think they’ve ”made it” because they moved to Berlin and work in media, ugly architecture, flea markets, techno, S-Bahn acquaintances, high-rise sunsets, dog poo everywhere, people from the US who look like extras from the 90’s film Slacker, bad and terribly biassed journalism, appalling sexism, affordable organic food, tasty veggie burgers, ”don’t mention the war”, endless talks about sausages, people who tell you ”Berlin is the new New York” (it’s not), east Europe bashing and the adoration of Sweden, the holy country for Germans, exorbitant rent increases, tourists talking about Berghain, tourists not used to taking a lot of drugs and taking too many, losing it, the nice lakes in the woods, Kotti, Wedding, Neukölln, gentrification, fifth floor but no lift, stucco, rubbish, cheap wine, people who brag about being successful models but aren’t signed with an agency, sad people, rude people, copycats without original ideas, low priced and good international cuisine, low-key racism, classism, sanctimony, spacious flats, everything’s getting more expensive by the minute, guessing if it’s an eastern European or Scandinavian hipster, loud Americans shouting, tourists taking embarrassing The Memorial to the Murdered Jews of Europe / the Holocaust Memorial selfies, waiting for summer during a seemingly infinite and cold winter, foreign indie bands who moved to Berlin because it’s cheaper and they like the ”vibe”, talking about the new big city everyone should move to if they haven’t already because it isn’t Berlin anymore, that city everyone’s looking for, maybe Leipzig? maybe Warsaw?, bad literature, mediocre music, sometimes a good film, questionable fashion sense with exceptions, unfounded arrogance, cute coffee shops, nice art students and actors, long parties, never saying sorry, show-offs, start-ups, bye Berlin