Stürmig

Mein Trash TV-Ersatz als leider Nicht-Fernseher-Besitzerin sind “Shitstorms” in den deutschen Medien. Es geht stürmisch zu. Es ist ständig etwas. Welt, Zeit, Spiegel enttäuschen nicht, ab und zu auch mal die FAZ. Normalerweise müsste bei vielen dieser sogenannten Shitstorms die Karriere des “Journalisten” oder der “Journalistin” vorbei sein, denn wer mag schon dumme, unlustige und arrogante Menschen, aber in Deutschland sind diese Eigenschaften – dumm und arrogant und unlustig – oftmals karriereförderlich und die Karriere fängt gerne dann erst an oder nimmt Aufschwung und der Shitstorm-Lieferant oder die Lieferantin, gibt sogar noch in selbstgetippten Büchern und nicht nur in peinlichen Artikeln die Ignoranz zum “Besten”. Im Ausland ist das ja auch nicht immer viel anders. Auch da gibt es die Shitshorm-Dummsia, aber nach dem ersten Shitstorm gilt man dann eben als “Linker” oder “Rechter” und bleibt bei den entsprechenden Medien und wird nicht wie in Deutschland als Universal-Idiot meist unkritisch bei allen Medien herumgereicht und geht nicht mit seiner grenzenlosen Dummheit wie ein Staubsaugervertreter hausieren (nichts gegen Staubsaugervertreter).
Ich weiß nicht, ob es bei der Süddeutschen schon mal einen Shitstorm gab. Falls nicht, stelle ich mich gerne zur Verfügung und schreibe einen. Bis dahin muss ich mich mit den oben erwähnten Pöbelei-Garanten zufrieden geben.

Dieses Mal kommt der Sturm, mal wieder, beim Spiegel auf. Trash-TV Kolumnistin Anja Rützel schrieb über die Preisverleihung “About you Awards”. So eine Kolumne zu schreiben ist mir schon suspekt. Ich denke, so etwas lesen heimliche Trash-TV-Fanatiker/innen, die sich durch das Heruntermachen von anderen besser fühlen wollen, denn wer sonst sollte so etwas lesen, wenn man ja doch so gut wie keine Namen kennt und nicht weiß, um was es geht. Ich weiß nicht, für was bei den “About you Awards” Preise verliehen werden und da ich für diesen Text hier nicht bezahlt werde, schlage ich auch nicht online bei Ecosia nach. Ich nehme aber mal stark an, dass es trotz des irreführenden Namens, nicht um mich geht, auch wenn ich denke, dass ich viele Preise verdient hätte. Meine Bescheidenheit soll aber in diesem immer noch unbezahlten Text nicht thematisiert werden. Rützel kritisiert in ihrer Kolumne die “Influencer” und Stars der Preisverleihung. Lob gibt es nur für Riccardo Simonetti. Alle anderen fallen Rützel eher negativ auf. Zu oberflächlich, zu heuchlerisch. Das stimmt sicherlich bei einigen, aber dass bei der Veranstaltung verkündet wird, dass Bäume gepflanzt werden, ist gut. Nur weil der oder die mal wieder dies oder das macht oder nicht macht und damit heuchlerisch ist, bedeutet ja nicht, dass man keine Bäume pflanzen sollte, damit man nicht heuchlerisch wirkt. Ich weiß nicht, Anja. Warum ziehst du nicht nackt in den Wald, trinkst Wasser aus einem Bach, isst Rehexkremente und als Toilettenpapier benutzt du abgefallene Blätter, die du recyclest und schreibst deine bereichernden Kolumnen darauf. Be the change you want to see in the world und so.

Was nun bei dieser Kolumne Rützel als vorübergehende Titelträgerin von Germany’s Next Shitstorm Journalist auszeichnete, ist ihre Meinung zu Nicht-Komikerin Enissa Amani. Amani hält bei besagter Preisverleihung (“About you Awards”, nicht Germany’s Next Shitstorm Journalist) eine Rede und sagt, dass sie nicht noch mal Komikerin genannt werden möchte und wenn sie noch mal jemand so nennt, wandert sie aus. Rützel hält das nicht für witzig und fordert die Nicht-Komikerin zur Auswanderung auf. Das erzürnt wiederum Amani, die das als eine Art von Rassismus betrachtet, “dem Ausländer” zu sagen, auszuwandern.

Anja Rützel ist wahrscheinlich nett und nicht mit anderen Shitstorm-Journalist/innen zu vergleichen, aber das alles ist schon ein bisschen zu Deutsch. Jemand mit ausländischem Background ist empfindlich für den oder die Deutsche und statt “Es tut mir leid, dass du das so verstanden hast. Ich habe das nicht so gemeint.” kommt nur Bla bla. Amani übertreibt ein bisschen, aber so ganz unberechtigt ist ihre Kritik an Rützels Kritik ja nicht und wer austeilt, muss eben auch einstecken können.

Es ist ja bei vielen Journalisten und Journalistinnen so: Alle Flüchtlinge sind gut und rein und wer schon ein paar Jahre länger in Deutschland ist und zu gut Deutsch spricht und beinahe schon als Deutsche oder Deutscher mit ungewöhnlichem Namen, anderer Hautfarbe oder Religion durchgeht oder gar einen deutschen Pass hat, der sollte lieber die Klappe halten, denn es gibt keine “Woke points” für die unspektakulären, alten Ausländer. Man ist aber keinesfalls rassistisch, denn man hat mindestens einen nicht-deutschen Bekannten und der Dönermann um die Ecke – man kennt ihn sogar mit Vornamen, weil man sich betrunken mal mit ihm “angefreundet” hat und man unterhält sich auch öfter mal mit seinen ausländischen Taxifahrern in seinem eigenen so schön leicht dekadenten, aber doch so bodenständigen Zugezogen-Großtadt-Laien-Theater.

Süddeutsche schreibt mir wegen des Shitstorm-Artikels.

Echo Verleihung, Kollegah und Farid Bang

Man echauffiert sich in Deutschland gerne über Trump, Orban, die politischen Verhältnisse in Polen und dergleichen und das zu Recht, aber man kehrt doch eher selten vor der eigenen Tür im so unfehlbaren Deutschland. Wenn man in den Feuilletons liest, was da für unterbelichtete Menschen, weiblich, männlich, ”Meinungen” zum ”Besten” geben und wem man in Deutschland Preise verleiht, da denkt man an Deutschland in der Nacht. Preise in Deutschland gehen an Typen wie Kollegah und Farid Bang. Ist das gut?

Es ist ja nicht so, dass die beiden – wie so viele andere der bekannten deutschen ”Rapper” – nicht schon vorher mit frauenfeindlichen Texten aufgefallen wären, was aber unter ”künstlerische Freiheit” fällt und ”das ist eben so beim Rap”.

Man müsse sich einmal vorstellen es gäbe einen weiblichen Rapper, der solche Texte darbieten würde. ”Männnerfeindliche” Texte. Das Geschrei – man würde es von Norden bis Süden, Mitte, Osten, Westen, bis in die entferntesten Ecken und kleinsten Winkeln, Großstädte, Kleinstädte, Dörfer, Waldschrat-Hütten hören. Die armen Männer! ”Männerrechtler” würden gleichzeitig weinen und sich bepinkeln und das würde nur mehr Arbeit für die Frau bedeuten, die ihre Wäsche macht. Der Sexismus, der unsägliche Männerhass! Dafür gäbe es sicherlich keine Preise. Es gäbe nur Vergewaltigungsdrohungen, Beleidigungen und Hass, denn die Weibsbilder brauchen keine ”künstlerische Freiheit”. Die sollen lieber halbnackt auf der Motorhaube posieren und sich für Blowjobs hergeben, denn dafür sind sie bekanntermaßen gut. Die ”billigen Bitches” für Sex und die braven können ein paar Kinder herausdrücken und kochen. Leider aber fordern die wenigen weiblichen Rapperinnen nicht ihre künstlerische Freiheit ein und schießen doch eher gegen andere Frauen in ihren Texten und kein Mann muss zur Toxic Masculinity-Entgiftungs-Kur nach Bayern fahren.

Jetzt sind Kollegah und Farid Bang nicht nur für ihre frauenfeindlichen Texte bekannt. Das sind abwechslungsreiche Künstler. Als wäre die Frauenfeindlichkeit nicht genug, aber das wird gerne toleriert. Die Frauen sollen sich mal nicht so anstellen. Das ist doch nicht so gemeint. Das ist nur ein Witz. Das ist Kunst! Man muss auch mal über sich selbst lachen können! Ihr seid braucht mal wieder Sex! Sonst hättet ihr ein bisschen Humor! Haha! Nein, Kollegah und Farid Bang sind zusätzlich auch noch homophob, aber die schwulen Männer sind ja ein bisschen wie Frauen. Sie haben zu viele Emotionen. Streng genommen sind ja schwule Männer keine richtigen Männer und Halb-Frauen (oder umgekehrt) und deshalb fällt die Beleidigung dieser ebenfalls unter die künstlerische Freiheit der großen deutschen Rapper, die so schreiben, als würden sie mit einem Reimebuch auf dem Schoß ihre Textchen zusammenstellen. Die Frauen und homosexuellen Männer sind ja nicht in etwa so von Sexismus und Gewalt bedroht wie der arme heterosexuelle Mann, der seit Neuestem wegen des internationalem Feministinnentums unter Generalverdacht steht! Da kann man sich in der U-Bahn gar nicht mehr entblößen oder am Arbeitsplatz beherzt der Arbeitskollegin an Brust oder Po fassen, ohne dass ein verrückter Feminazi #metoo schreit! Aber Kunstfreiheit geht über den Homo-Mann wie auch über die Frau. Schützenswert ist das Recht des heterosexuellen Mannes auf künstlerische Freiheit.

Wenn jetzt aber dieser heterosexuelle, männliche, große, talentierte, unverzichtbare Künstler auch noch so ein bisschen antisemitisch ist, ja, da weiß man nicht weiter. Es ist vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist doch Kunst!

Wenn man aber mal ein bisschen nachdenkt – insofern man nicht zu verblödet dafür ist – fällt einem auf, dass der deutsche Rap meistens nichts weiter als eine schlechte Kopie des US-amerikanischen ist und manchmal – wenn man ein bisschen talentierter und kreativer ist – des franzöischen. Es ist meist unoriginell, peinlich und geschmacklos. Die Texte sind so schlecht, dass man meinen könnte, jemand aus dem deutschen Feuilleton oder Literaturbetrieb hätte sich als Ghostwriter betätigt, nachdem er (oder sie!) zu viele Hollywood-”Gangsta”-Filme gesehen hat und da kommt dann so etwas, das sich deutscher Rap nennt und es ist einfach nur p to the einlich. Warum? Weil da dumme Menschen schreiben. Menschen ohne Stil und Moral. Und es passt so gut ins Zeitgeschehen und zu Deutschland und es ist witzig und traurig zugleich.

Ich würde gerne mal mit den Dümmlingen, die Campino kritisieren und als ”Moralapostel” beschimpfen an einem psychologischen Experiment teilnehmen. Es ginge bei diesem Experiment zum Beispiel um menschliche Gier. Man sitzt Personen gegenüber. Vor einem ein Hebel. Wenn man denkt, dass jemand zu viel isst, muss man der Person einen elektrischen Schlag verpassen. Das würde dann etwas über mich als Mensch sagen. Ob ich nett oder gemein bin und es ginge gar nicht um Gier. Ich würde allen Campino-Kritikern gewaltige Stromschläge verpassen und der Leiter oder die Leiterin des Experiments wäre verwirrt und würde sagen: ”Aber er hat doch nur ein trockenes Stück Brot gegessen!” und ich würde laut lachen. In etwa so: ”HAHAHA.” Vielleicht sollte ich mit meinen Gewaltfantasien eine Karriere als Rapper in Betracht ziehen. Nur mit dem Frauenhass, der Homophobie und dem Antisemitismus habe ich es noch nicht so.

Zeigt man mit dem Finger auf andere, zeigen immer vier andere auf einen selbst, Deutschland.

”Feministische” Mode

Aufdrücke wie ”Feminist”, ”Girls support girls” und ”This is what a feminist likes” zieren die T-Shirts und Tops in den Bekleidungsgeschäften westlicher Länder und viele Menschen fragen sich: Ist das feministisch? Ist das feministische Mode?

Zu Recht wird gesagt, dass die Kleidung in ärmeren Ländern wie Bangladesch von Mädchen und Frauen genäht wird, die für einen Hungerlohn arbeiten müssen.

Es war 2014 als Karl Lagerfeld bei der Präsentation der Chanel-Frühlingskollektion mit seinen Models eine feministische Demonstration inszenierte. Ist das Feminismus oder Marketing wurde gefragt. Vermutlich ging es Lagerfeld eher um Geld. Das Auffangen eines Trends. Femnistinnen galten nicht mehr als unmodische lila Latzhosen-Trägerinnen, nein – oftmals jung und aufgeschlossen, kaufkräftig, hip und ”empowered”. Daraus musste Kapital geschlagen werden.

Es geht um Geld in der Mode-Industrie. Die großen Modehäuser möchten verkaufen. Moderne Frauen posten auf sozialen Plattformen wie Instagram über Feminismus. Man ist nicht mehr wie früher die ”behaarte Männerhasserin”. Feminismus ist seit ein paar Jahren ”in”. Der Mainstream-Feminismus ist ein liberaler Feminismus. Die bestimmenden Themen sind sexuelle Freizügigkeit und Unterstützung von Porno-Industrie und Prostitution und ”Identity politics”. Der liberale Feminismus lässt sich gut verkaufen. Man kann ”gut aussehen” und Feministin sein.

Ist es daher gut, wenn meist junge Frauen diese ”feministischer” Mode kaufen?

Ja und nein.

Selbstverständlich ist es nicht gut, dass die so frauenfreundlich-scheinende Kleidung irgendwo in Asien von armen Mädchen und Frauen genäht und dann im Westen verkauft wird, aber zumindest beschäftigen sich die Feministinnen in der westlichen Welt mit Feminismus und stehen dazu, schämen sich nicht mehr, denn auch wenn Feminismus nicht mehr so einen schlechten Ruf  hat – denn den hat er immer noch bei unpolitischen oder konservativen und etwas weltfremden Menschen (wie etwa Jens Jessen) -, und die feministische Bewegung unterstützt wird von aufgeklärten, modernen Menschen, sind noch nicht alle Menschen über Missstände aufgeklärt. Diese sogenannte feministische Mode bietet Berührungsfläche mit dem was Feminismus sein könnte. Es ist oberflächlich, aber es ist eine erste Begegnung und ein Statement: ”Seht her, ich bin Feministin.”

Dass die Tops, Pullover und T-Shirts eben nicht Fair Trade sind- das muss kritisiert werden. Warum nicht jemand unterstützen, der eigene Mode, Mode mit feministischen Aufdrücken, verkauft oder warum nicht selbst machen?

Phrasen

U

Wer nichts zu sagen hat, redet am meisten. Über sich, über andere, den Ex-Freund, die Ex-Freundin, Geschichten aus der Schule, schlecht gekleidete Menschen und Kinder in zerrissenen Lumpen, Hartz-IV-Empfänger, Diäten, Avocado-Toast, ”unsere Generation”, Neid, Sex, Reisen, Tinder, Twitter, Whatsapp, Facebook, Brunch. Über einen ”guten” Artikel, den man gelesen hat, der einen ”voll zum Nachdenken angeregt hat”, den Beruf, die Nachbarn, flüchtige Bekannte, Fremde auf der Straße, Tipps, wie man schlank bleibt, Mode-Trends, was man in Frauenzeitschriften gelesen hat, wie es war, als man letztes Wochenende ”feiern war”, welches Buch man sich wegen des Covers gekauft hat, wie fett Nina aus der Parallelklasse von früher geworden ist, dass Luisa geheiratet hat, aber scheiße auf den Hochzeitsfotos auf Facebook aussieht, Cellulite, Anti-Feminismus, wer besser keine Hotpants oder Bikini im Sommer tragen sollte, was man sich Neues für die Wohnung gekauft hat, – man hat ja so einen erlesenen Geschmack und kann es sich leisten. Welche Bücher man liest und vor allem nicht liest. Mit wem man sich auf einer Party unterhalten hat, seit wann man in Berlin wohnt, die Floskeln über die AfD – wie ein auswendig gelernter Text – man kennt sich nicht aus mit Politik und es ist auch nicht von Belang – es geht einem ja gut und wen kümmern schon die Armen und Bedürftigen, aber man muss ja so tun, als ob. Man selbst kommt bei diesen endlosen Ausführungen immer am besten weg. Man selbst ist unfehlbar. Hat die Welt durchschaut. Weiß nicht nur, wo der Hase langläuft – nein, man ist ihm immer ein paar Schritte voraus und so gibt man zu allem ein paar Sprüche ab, Meinungen, Halbsätze. Man hält die Nase hoch. So hoch, man sieht den Boden nie.

Meist bekommt man sogar noch Lob dafür von einigen geistig Verwirrten oder weltfremden Kleingeistern, die auch nichts zu sagen haben, aber ihnen fällt im Gegensatz auch nichts ein, worüber sie reden könnten und deshalb hören sie zu und denken, sie hätten soeben ein gutes Gespräch geführt. Jemand hat auf sie eingeredet, der etwas zu sagen hat. Der ”klug” ist und ”freche” Meinungen hat. Wenn es ganz gut läuft, darf man sogar im Feuilleton einer Zeitung schreiben oder ein Buch schreiben gefüllt mit seinen ”Meinungen”.

”Ein Kluger bemerkt alles. Ein Dummer macht über alles eine Bemerkung.”
Heinrich Heine