”Selfie-Generation”

Ich poste keine Selfies mehr. Ich mag es nicht. Es hat so etwas Billiges, weil es meist Gepose ist. Halb geöffnete Münder, stark geschminkt, Beine ausstrecken, damit man schlanker wirkt, Brust raus, Bauch rein, Filter und dann möchte man den Ex-Freund vielleicht eifersüchtig machen oder die neue Eroberung an. Es wird geprotzt und versucht gut auszusehen. Nur ”authentisch” sind das Festhalten von schönen Momenten, ein aufrichtiges Lachen.

Wir, die ”Millenials”, sind die ”Selfie-Generation”. Das ist kaum abzustreiten. Das hat aber nicht nur etwas mit ”Generation” zu tun, denn es veröffentlichen Menschen jeden Alters Bilder von sich. Nur die Millenials eben ein bisschen mehr. Das macht die Technik möglich. Dass es mehr junge und noch halbwegs junge Menschen machen, das Posten, ja, das macht die Jugend. Mit mehr Technik hätten die Menschen von früher vermutlich auch ”Selfies” gemacht.

Wie kann man das Posten von Bildern von sich selbst weniger peinlich machen?

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Fernsehauftritt

 

Schon damals, als ich mit Ulf Poschardt in der Sendung ”Willkommen in Österreich” auftrat und über ihn, auf ihn, ein Glas Wasser ausschüttete, wusste ich, dass aus mir mal etwas ganz Großes werden sollte. Dabei war mein Auftritt in dieser Sendung eher ein Missverständnis. Christoph Grissemann und Dirk Stermann hießen die Moderatoren. Das hatte ich nachts bei Wikipedia gelesen. Ich befand mich in einem Zustand der verzehrten Wahrnehmung der sogenannten Realität bedingt durch illegale Substanzen, die ich mir einverleibt hatte, weil ich im Einverleiben ziemlich gut bin. Nicht jeder muss viele Talente haben. Ein oder zwei reichen völlig aus und an den anderen kann man ja arbeiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gehalfen, außer vielleicht ein Genie, was aber die wenigsten Menschen sind. Nach dem Einverleibnis – ich benutze das als schlechten Witz, um zu unterstreichen, dass mein Ego groß genug ist für schlechte Witze – hatte ich das alles ein bisschen verwechselt. Christoph Grissemann hielt ich für den französischen Fußballspieler Antoine Griezmann und freute mich schon auf unser Zusammentreffen. Die Ernüchterung war groß, als ich dann auf einmal vor diesem Thomas Gottschalk, Dolly, das Schaf-Klon saß. Da war noch ein anderer schrecklicher Mann. Brauchte ich eine neue Brille? Mehr Schlaf und Nüchternheit? Oder was war das? Als ich verstanden hatte – ich bin ein Schnellschalter in Denkfragen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte, konnte ich meine Verärgerung und Enttäuschung nur schlecht verstecken. Als dann noch dieser schreckliche Ulf auftrat, da konnte ich mir nicht anders helfen. Es war alles in allem kein sonderlich guter Fernsehauftritt. Nur beim Buffet hatte ich ordentlich zugelangt.  Der Östereicher oder auch die Österreicherin, wenn sie mal reden darf, nennt das Büffet. Der Bauch hing mir schon aus der Hose. Ich hielt ihn mir. ”Voll meta,” sagte der dumme Ulf, den ich deshalb Dulf nannte. ”Bitte nicht meta,” sagte ich. ”Das ist so ein Trend-Wort der Pseudointellektuellen. Ich als Intellektuelle mag das nicht. Ich möchte auch nichts mehr von Filter bubble oder Filterblase hören oder welche Wörter DU nicht magst und bitte keine Witze über Bitcoins und Hipster, du Wichser.” Ich vergaß für einen kurzen Moment meine guten Manieren. Einer der schrecklichen Moderatoren-Männer machte einen ”Witz” über Natascha Kampusch. Ich holte meinen Pfefferspray aus meiner Lui-Witöng-Tasche und sprühte ihn damit ein. Ich musste an Patrick Süskinds ”Das Parfum” denken. Es ist nicht immer leicht ein Star zu sein.

Morgenpost-Kolumne

 

Irgendetwas googlen, auf einem Artikel landen. Eine Kolumne einer Frau Ende 20 aus Berlin. Gut geschrieben meiner Meinung nach. Ich lese gleich mehrere ihrer Artikel, aber dann erschaudere ich ein wenig, als ich bemerke, dass ich auf der Online-Seite der ”Mopo” bin. Springer-Presse. Grauenvoll. Zumindest ist mein Adblocker an (den ich ausschalte bei Seiten, die ich mag). 

Ich google die Autorin. Sie war auf der Springer-Akadamie.

Was, frage ich mich, treibt einen Menschen dazu? Kein Rückgrat, kein Stil, keine Moral? Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten.

Ich habe mal eine Folge ”Wer wird Millionär” gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte. Das ist schon ein bisschen länger her. Ich ziehe zu oft um für Fernseher. Eine junge Frau, blond, blass, schlank, langweilig, aber adrett gekleidet, war als Kandidatin in der Sendung. Die Frau studierte (oder wie sich das nennt, was man da macht) an der Springer-Akademie. Jauch frage nach, schien verstehen zu wollen, was jemand dazu bewegt an der Springer-Akademie studieren. Er schien eher ein bisschen kritisch darüber zu denken, was die Frau aber nicht bemerkte. Jauch ist eben auch eine andere Generation. ”Enteignet Springer” sagt ihm vermutlich mehr als ihr. Er ist vielleicht zu intelligent und stilvoll für Springer. Selbst Jauchs Arbeitgeber RTL ist um einiges besser. Sie war aber so stolz, dass sie es da hin geschafft hatte. Sie verbriet alle Joker und bettelte bei Günther Jauch um Hilfe.”Machen Sie denn irgendetwas selbst?” frage Jauch sichtlich irritiert. Diese Frau war eine gute Präsentation für Springer.

Heutzutage ist Springer nicht mehr so verpönt wie früher. Man kann nicht sagen, dass der Mensch in Deutschland dümmer geworden ist, ohne eine Studie zu machen. Man kann nur annehmen, dass er vielleicht dümmer geworden ist und weniger idealistisch. Mehr karriereorientiert. Konsum. Selbstdarstellung. Likes, Followers. Oberflächlichkeit.

Die Frau bei der Morgenpost.

Ich lese dennoch Kolumne dieses Mal. Ich bin auf eine Art fasziniert, dass ein Mensch sich für Springer hergibt und sich nichts dabei denkt. Auch angeekelt. Das ist ja verständlich.

Die Journalistin schreibt in der Kolumne, die ich lese, über ”Influencer”. Das sind Menschen, die bei Instagram und Youtube hundertausende oder Millionen von Followern haben oder haben wollen und Geld mit Sponsoren verdienen. Mode, Detox tea, Werbung für Hotels, Make-up und dergleichen. Man kann mit vielem Geld verdienen. Die Journalistin geht auf eine Party, wo sie auf eben solche, meist weibliche, Influencer trifft. Die Journalistin urteilt über diese. Spottet.

Moment mal, denke ich. Du arbeitest bei Springer und urteilst über andere? Es gibt, wenn man mal darüber nachdenkt, unfassbar dumme Menschen.

#deletefacebook

Was haben sich diese ganzen Menschen gedacht – oder nicht gedacht, die so erstaunt darüber sind, dass sie von Facebook ”ausgehorcht” werden und #deleteFacebook – auf sozialen Medien – verkünden? Man muss sich doch seit dem NSA-Skandal denken können, dass man sich im Internet nicht ”sicher” fühlen kann.

Dass man im Internet beobachtet wird, haben meine schizophrenen Freunde und Freundinnen schon länger gesagt. ”Ja, ja” habe ich gesagt. Ich frage mich aber mittlerweile, womit sie noch so Recht haben.

Podcasts

Manchmal frage ich ich, ob ich eine der wenigen Menschen bin, die noch keinen Podcast haben oder haben möchten oder einem zuhören. Vermutlich würde ich bei meinem Podcast auch nur nach einer Weile, nach ungefähr drei Minuten ”Warm-up”, über Missstände, Politiker und Medien schreien und mich betrinken und irgendwie ist das nicht so gut. Es gibt sicherlich eine Erklärung dafür, warum das nicht so gut ist, für das Wohlbefinden, die Psyche, und dann muss man auf chinesische Medizin zurückgreifen und mit dem Meditieren anfangen und ins ”Gym” und das klingt mir zu stressig. Lieber denke ich nach, auch wenn es oft zu viel wird. Dabei gäbe es über viel zu schreien. Über die Tafeln, die zu wenig unterstürzt werden, Hebammenmangel, #Metoo, Panama Papers, mal wieder Trump, Anti-Semitismus in Europa und so weiter.

Vielleicht gibt es deshalb diese ganzen Podcasts. Es geht meist um nicht so viel, es ist eher Small-Talk und Selbstdarstellung, seichtes Geplänkel mit wenig Witz, weil es wie so oft die sind, die nichts so viel zu sagen haben, die am lautesten reden, aber vielleicht – vielleicht – ist das gut. Vielleicht braucht der Mensch genau so etwas. Um nicht verrückt zu werden oder verrückter. Einzuschalten um abzuschalten. Vielleicht ist über Podcasts schreiben schon genug.

 

*

Ein Traum von einem Mann

Er war so ein Typ, der Harald-Martenstein-Kolumnen las, und teure Funktionskleidung  in Kotfarben trug, die praktisch war, aber grässlich aussah. Manchmal auch T-Shirts und Dreiviertelhosen oder eine ”einfache Jeans” wie er das nannte. Er machte sich nichts aus Mode, er war Denker. Sein blondes, kurzes Haar glänzte fettig. Man hätte darauf Gammelfleisch braten können. Seinen Kommerz-Film- und Musikgeschmack befand er für gut. Sein Geschmack war erlesen. Deutscher Rap und Trap zum Beispiel, der US-Rapper kopierte. Er dachte, dass der Feminismus zu weit ging. Sein Lieblingsgericht war der billige Döner an der Ecke. Er kochte aber auch gerne mal ein nahrhaftes Gericht. Zu seinen Vorlieben gehörte deutsche Hausmannskost oder ein schmackhaftes Fertiggericht. Hauptsache viel Fleisch. Das durfte aber nicht zu teuer sein. Tiere sind Nahrung. Er betonte gerne, dass er politisch links war, aber dachte, dass die Armen sich schon mal ein bisschen zusammenreißen könnten. Irgendwie waren die auch dumm und selbst schuld. Das hatte er in einem Die Welt-Artikel gelesen und sofort zugestimmt, dabei war er keinesfalls jemand, der einfach so anderen zustimmte. Er war kein Mitläufer. Er hatte sich den schwäbischen Dialekt abtrainiert. Nur manchmal sickerte er noch durch. Wenn er mal zu viel Bier getrunken hatte zum Beispiel. Er schimpfte dann gerne auf andere. Irgendetwas stimmte nie mit ihnen. Zu dumm, zu idealistisch, zu verliebt. Meistens kann niemand etwas für seinen Mundgeruch. Es ist gemein, ihn, den Traum von einem Mann, deshalb nicht zu mögen. Es war nur nicht so schön, als er ungefragt seine nasskalte Zunge in meinen Mund steckte, nachdem er eine Packung Zigaretten geraucht und stundenlang über ”verträumte Linke” gelästert hatte, die die Welt verbessern wollten. Freiwilligen-Arbeit in Afrika oder Südamerika, Spenden, Bettlern Geld geben, Müll trennen, Tierschutz, Fair Trade. Er als einzig wahrer Linker hielt davon nichts. Er war ein Traum von einem Mann. Aus Versehen muss ich seine Nummer blockiert haben.

Schönheit

Photoshop-Schönheit macht ein Bild mit dem Kopf leicht rechts nach unten gesenkt. Der Mund ist rot geschminkt und halb geöffnet. Die Lider hängen schwer. Sie hat das lange einstudiert. Ich lese einen Artikel über sie. Seicht, mittelmäßig und arrogant wird als Provokant und Intellektuell verkauft.

Steh-Party, sie hält ein Glas Weißwein in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Sie ist schlank. Die Hände sind schmal, sie trägt einen Ring und die Nägel sind dunkel lackiert. ”Ficken,” sagt sie. Smokey eyes, kein Parfum, schwarzes Spitzenkleid. Die kleinen Brüste hochgepusht. Ich zucke ein wenig zusammen, leicht angeekelt. ”Die hat sich doch von dem ficken lassen,” sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Sie lacht. Die anderen lachen. Das kommt gut an. Nicht bei mir. ”Ficken,” sagt sie wieder, aber ich höre nicht mehr hin. Ich weiß nicht, um wen es da geht bei diesem ”Gespräch”, Synonym für Lärm. Sie wird lauter. Sie erzählt, dass sie früher ab und zu die Schule schwänzte, mit ihren Freundinnen zu McDondals fuhr und die Mitarbeiter beleidigte. Sie lacht wieder.

”Du bist so erfrischend anders,” sagt ein bebrillter Mann mittleren Alters mit dickem Bauch in einem schlechtsitzenden Anzug, der vermutlich die Hälfte eines Monatsgehaltes eines Mc-Donald’s-Mitarbeiters gekostet hat, zu ihr. Man kann mit Geld keinen Geschmack kaufen. ”Ich bin müde,” sagt sie. ”Dabei arbeite ich nur ein-bis zwei Mal die Woche. Ich weiß gar nicht, was los ist.” ”Ja,” sagt eine Blondine Ende 20, die vorhin mit jemand in fließendem Französisch mit stark deutschen Akzent laut am Handy über ein Inteview, das sie machen möchte, geredet hat. ”Hast du schon mal eine Saftkur probiert? Ich habe damit drei Kilo abgenommen und schlafe besser,” sagt die Blondine. ”Du, ich habe da was, was hilft,” mischt sich ein Typ Ende 30 ins Gespräch ein. Er ist dunkelblond und trägt einen lockeren Anzug. Ein Mann Mitte 40 mit einem zerknautschten Gesicht, leicht speckig, in unmodischer Kleidung, die vermutlich teuer ist, steht daneben. Der Typ Ende 30 holt ein Päckcken aus der Hosentasche. Unschwer zu erkennen ist da ein weißes Pulver. Sie lacht wieder. Die großen zartgelben Zähne blitzen. Sie grinst. ”Ja, Mensch, Moritz.” Sie, die Blondine und die anderen verschwinden in Richtung Toilette.

”Wie ich diese reichen Medien-Wichser hasse,” sage ich zu Lars, dem Schauspielschüler. ”Hassen ist vielleicht übertrieben, aber die sollten alle mal auf Lego treten.”

”Ich auch,” sagt Lars. ”Ich spucke ihnen deshalb immer ins Glas oder fahre mit der Klobürste über ihre Mäntel.”

”Das wäre mir zu viel Aufwand,” sage ich. ”Außerdem sind doch Bakterien auf so einer Klobürste und dann verbreitest du das doch in ganz Berlin. Was ist, wenn die mit der U-Bahn… Ach nein, reiche Wichser fahren Taxi,” sage ich. ”Und ich denke mal nicht, dass der Taxifahrer hinten sitzt und mit den Klobürsten-Bakterien in Berührung kommt.”

Lars nickte. ”Ich geh dann mal klobürsten,” sagt er.

8,50 Euro die Stunde macht 42,50 Euro Verdienst für fünf Stunden. Trinkgeld darf man nicht annehmen. Man bekommt auch keines, außer einer der dümmlichen Männer möchte eine der dümmlichen Ischen beeindrucken.

Lifestyle-Journalistin

”Chia-Samen”, schrie Sophia. ”Trendy Nahrung, Hipster”, murmelte sie. Sie haute in die Tasten auf ihrem Macbook Pro. Sie saß am Küchentisch. Kurz hielt sie inne, legte den Zeigefinger an die Lippen und atmete ein. ”Muss Essen so hip sein?” sagte sie. ”Wie schreibe ich das bissiger? More judgy? Es soll die Leser ja zum Nachdenken anregen und die Hater sauer machen.” Sie lachte und biss in ihren Avocado-Toast. Oder Avo-Toast, wie sie das nannte.

Sophia war Lifestyle-Journalistin bei einer überregionalen Tageszeitung.

Manfred betrat die Küche. Es war früh morgens. Er war noch ein bisschen verschlafen.

”Sophia, kann ich mir Frühstück machen?” sagte er.

”Du siehst doch, dass ich arbeite”, sagte Sophia sauer.

”Ja, ist gut”, sagte Manfred. ”Ich gehe dann mal Piranha füttern.”

Piranha war Manfreds Meerschweinchen. Es hieß Piranha, weil es versuchte Manfred beim Füttern zu beißen. Vielleicht hielt es aber Manfred Finger für Karotten. Detlef rauchte Kette und sie waren ein bisschen verfärbt.

Nachdem Manfred Piranha gefüttert hatte, setzte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer und stopfte Zigaretten. Nach getaner Arbeit, rauchte erst mal eine. Er überlegte vielleicht zu Penny zu gehen.

Da rauschte Sophia ins Wohnzimmer. ”Mann”, schrie sie. ”Rauchst du schon wieder diese stinkenden Kippen? Alter.” Sie nahm eine von ihren aus der Designer-Tasche. Marlboro Lights. ”Rauch doch mal normale Zigaretten, ey”, sagte sie. ”Die hier raucht Kate Moss.” Sie wollte sich eine anzünden, aber fand kein Feuerzeug. Manfred gab ihr Feuer. Sie sagte nicht danke. Sophia rauchte lasziv wie Schauspielerinnen in Filmen. Sie hatte das lange vor dem Spiegel und vor der Kamera ihres Macbooks geübt. Na, gut. Sie rauchte vielleicht nicht ganz so lasziv wie die Schauspielerinnen und ganz so glamorös war sie auch nicht, aber sie war schon nicht so schlecht. Für Berlin.

”Wer?” sagte Manfred, aber Sophia antworte nicht. ”Ich habe eine Whatsapp bekommen. Kannst du mal kurz die Klappe halten? Meine Fresse.”

Sie setzte sich nun aufs Sofa, aber mit Abstand zu Manfred. Sie sah auf ihr Handy. ”Emilia Schüle”, sagte sie. ”DIE HÄSSLICHE SCHLAMPE”, brüllte sie. ”DUMME NUTTE.”

Manfred erschrak. Für gewöhnlich schrie Sophia nicht so. Sie beleidigte erfolgreiche Frauen für gewöhnlich in Zimmerlautstärke.

”Die denkt wohl auch, die wär’s”, fuhr Sophia fort. Sie war schon ganz rot im Gesicht.

”Was ist denn?” fragte Detlef zögerlich.

”Die war wieder bei einer VIP-Party und hat mehr Follower als ich. Dabei bin ich viel klüger und schöner. Diese Schauspielnutte. Was kann die schon.”

”Aha”, sagte Detlef.

Sophia sprang auf und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb weiter an ihrer Kolumne.

”Ob die schöne Emilia Schüle auch trendy Hipster-Nahrung zu sich nimmt? Ist sie deshalb so schön?” schrieb sie. Dann schrie sie laut. ”AHHHHHH.” Der Nachbar von oben klopfte mit dem Besen. ”Halt die Fresse”, schrie Sophia. Sie war so sauer, dass sie sich zum Herunterkommen erst mal ein paar Youtube-Videos ansehen musste und danach noch eine Folge Die Bachelorette. Das war gut für ihr Ego sich diese unterbelichteten Tussis anzusehen, so dachte sie. Sie hatte es schon mit Germany’s Next Topmodel versucht,  und ja, die Määädels waren dümmer als sie, Sophia, aber auch um einiges jünger. Sie hatte vor lauter Wut drei Tage lang nichts gegessen und mit ihrem Freund Schluss gemacht.

”Ich brauche einen Kaffee”, sagte sie und packte das Macbook in die Ledertasche, die sie sich in München gekauft hatte, als sie zu Besuch bei Larissa war. Sie ging in ihr Stammcafé, das genau gegenüber der Wohnung lag.

Sie bestellte sich einen Kaffe für 7.99. ”Überteuerter Szene-Kaffee”, schrieb sie. ”Warum tut es nicht normaler Filterkaffee? Der Kaffee als Statussymbol.”

”Boah, du bisch die Sophia? Ich les deine Artikel voll gerne”, schwäbelte ein dickliches Mädchen zu Sophia. Dabei war Sophia gerade in einem Schreib-Flow. ”Kann ich ein Autogramm haben? Deine Kolumnen regen mich echt voll zum Denken an. Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich denken soll. Ich liebe dich.” Wütend blickte Sophia von ihrem Macbook auf. ”Ja”, sagte sie zerknirscht. Als sich das Mädchen ihr mit dem Rücken zugewandt an einen Tisch setzte, machte sie ein Bild von den Mädchen und schickte es an Larissa. Sie kommentierte es mit ”Schwäbischer Pottwal”. Larissa schickte drei Lach-und-wein-Emojis.

Die arme Sophia – kaum hatte sie ein paar weitere Sätze für ihren Artikel über die Essgewohnheiten hipper Menschen geschrieben, da sprach sie Daniel an. Daniel war Redaktionsleiter einer Zeitung. Vielleicht auch stellvertretender. So genau wusste das Sophia nicht. Es interessierte sie auch nicht sonderlich. Was sie aber wusste war, dass Daniel auf sie stand. Sie war genau sein Beuteschema: klug, aber nicht so klug wie er, so dachte er – dabei waren sie beide eher so, lassen wir das. Gewissermaßen hübsch und um einiges jünger. Das machte aber nichts. Daniel konnte locker mithalten mit seiner jugendlich-feschen Kleidung und der kurzen, peppigen Friseur, die seinen langsam einsetzenden Haarverlust, versteckte. Normalerweise stand er auf noch jüngere. Sophia war mit Mitte 20 schon ein bisschen zu alt für ihn. Er mochte es süß, jung und unverbraucht. Er erklärte den jungen Damen gerne die Welt. ”Sophie”, säuselte er. Er dachte, wenn er ihr einen Spitznamen gab, würde das eine Art Vertrauen signalisieren. Sophie für Sophia war überaus originell. Er beugte sich zu ihr herunter und wollte ihr zwei Küsschen geben. Sophia stand nicht schnell genug auf und ihre Köpfe knallten aneinander. ”Du hier”, sagte er noch, während ihrer Kollision. Eine horizontale Kollision wäre Daniel lieber. Er schraubte schließlich schon lange genug daran. Selbst bei der einen Kleinen von den Identitären über die er einen Artikel geschrieben hatte- über die Mode der Indentitären – hatte er sich die  – noch durchaus guten – Zähne ausgebissen. Warum wollten junge Frauen keinen Sex mit Daniel? Er war darüber nur ein klein bisschen verbittert und man konnte es nur manchmal bei seinen Artikel herauslesen, wenn er auf die Feministinnen schimpfte, die irgendwie an allem Schuld waren. Würde Daniel ernsthafte Artikel schreiben, über Politik und Gesellschaft, hätte er ihnen wahrscheinlich auch noch die Schuld an Klima-Erwärmung und Krieg gegeben, aber Daniel schrieb keine ernsthaften Artikel. Er war Lifestyle-Journalist wie Sophia.

Sie führten ein bisschen Small-Talk. Über Partys, wer fett geworden ist, auf wen mit Erfolg man neidisch ist – das sagte man scherzhaft, aber meinte es ernst, Artikel von Kollegen, wer miteinander Schluss gemacht hat und wer – man munkelt darüber – Sex hatte und dergleichen. ”Du, ich muss jetzt los”, sagte Daniel nach einer Weile. Es klang ein wenig erwartungsvoll. ”Was machst du denn heute Abend?” fragte er. ”Ich muss dir noch von meiner Italien-Reise erzählen. Du hast dir ja meine Posts bei Instagram angesehen.” ”Äh”, sagte Sophia. ”Du, ich habe Karten…”, fuhr er fort, aber Sophia unterbrach ihn. ”Du, sorry”, sagte sie. ”Aber ich muss den Artikel fertigkriegen.” Shit, dachte Daniel. Schon wieder kein Treffer versenkt. ”Ach so”, sagte er und versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Das gelang ihm nur halb. Er tätschelte Sophias Schulter. Das war ihr ein bisschen unangenehm. Sie schlief nur mit Männern mit mehr Einfluss. ”Du, dann, tschüß”, sagte er. ”Tschüß”, sagte Sophia. ”Ich muss auch noch einen Artikel schreiben”, sagte Daniel und winkte. Ein paar Tage später erschien ein Artikel von Daniel: ”Undankbare Feministinnen. Warum Frauen nicht dankbar für Männer mit Manieren sind”. Sophia las ihn beim Sonntags-Frühstück – sie aß nur ein Ei, denn sie wollte nachher noch zum Brunch – und stimmte in vielen Punkten zu und ließ sich für ihre Artikel inspieren. Sie notierte sich ”fette Lesben” als Inspiration und ”passendes Foucault Zitat googlen”. Es kam immer gut an, hatte sie gehört, wenn man Foucalt zitierte. Aber zurück in die Gegenwart.

Sophia atmete tief ein und wieder aus. ”Ich kann so nicht arbeiten,” sagte sie laut. Zuhause war Manfred, aber der hielt wenigstens die Klappe, wenn sie ihm das sagte. Sie war ein wenig erschöpft von der harten Arbeit und überlegte sich ein Taxi zu bestellen, aber entschied sich dann doch dagegen und dachte, dass ein bisschen Bewegung nicht schaden würde. Von frischer Luft konnte ja leider in Neukölln nicht die Rede sein. Sie gab ”fünf Minuten Spazieren” bei ihrer App Fitnesspal ein. Die fünf Minuten bis zur Wohnung zogen sich in eine unerträgliche Länge, aber schließlich war sie angekommen. Home sweet home. Na ja, fast. Schließlich wohnte da leider auch noch Manfred. Vielleicht war er nicht zuhause. Er traf sich manchmal draußen mit seinen versifften Freunden – in die Wohnung durften die ja nicht – oder ging in den Supermarkt, den Tafeln oder zum Jobcenter oder was auch immer. Im Prinzip hatte Sophia nichts gegen arme Leute, aber es war ihr schon lieber, wenn das arme Flüchtlings-Syrer oder so waren. Die machten sich besser auf Selfies. Manfred war nicht sonderlich fotogen und Eindruck schinden konnte man mit ihm auch nicht. Arme Deutsche kamen nicht an, nur Ausländer und da auch nur bestimmte. Osteuropäer zum Beispiel nicht. Die mochte keiner. Selbst wenn das Sinti und Roma waren. Momentan waren Moslems in. Sophia seufzte.

Zu früh gefreut. Leider war Manfred zuhause.

”Was ist denn hier los?” brüllte Sophia, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. ”Was wird das hier? Warum ist das so unordentlich?”

”Aber Sophia”, sagte Manfred erschrocken. ”Ich dachte, du kommst erst abends.”

”Es geht dich nichts an, was ich mache”, brüllte Sophia weiter. ”Ich muss arbeiten. Was ist das hier?”

”Entschuldige bitte, Sophia. Ich wollte Piranha ein Kunststück beibringen. Heute kommt doch Egon.”

”Wer?” brüllte Sophia.

”Egon. Piranhas neuer Freund. Ich hole ihn heute aus dem Tierheim.”

”Was? Du schaffst uns noch mehr von diesen Dingern an?”

”Ja,” sagte Manfred kleinlaut.

”Also, jetzt reicht’s”, sagte Sophia. ”Du zieht heute noch aus.”

”Aber der Vertrag”, sagte Manfred.

”Der Vertrag ist mir egal”, sagte Sophia.

”Wo soll ich denn hin? Ich habe doch meine Wohnung erst nächsten Monat.”

”Das ist mir doch egal. Du kannst ja in ein Obdachlosen-Asyl.”

Das war zu viel. Ja, hatte sie gedacht, es würde sie nicht stören, dass Manfred die Woche bis zum Monatsende hier noch wohnen würde und günstiger war es auch – Manfred bezahlte für diesen Monat noch die Miete und sie musste kein Geld für einen Stauraum für ihre Möbel und Kleidung ausgeben und konnte gleich einziehen, aber das war zu viel. Es ging so nicht mehr weiter. Es war ein Fehler gewesen zu denken, dass sie und Detlef sich schon irgendwie arrangieren würden. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie damit zeigen konnte, wie sozial eingestellt sie war. Sie kamen aus zwei verschiedenen Welten. So viel war klar.

”Ich muss arbeiten”, sagte Sophia etwas versöhnlicher. ”Du störst hier nur. Bitte check es: Das hier ist nicht mehr deine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Du und deinesgleichen – ihr passt hier einfach nicht mehr rein in diesen hippen Szene-Bezirk. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist so.” Sie sah wieder auf das Handy und las einen Artikel ”Sapiosexuel, deminisexuel – ja, gibt’s es denn auch noch Normale?”. ”Darüber schreibe ich auch”, sagte sie gedankenverloren.

Und somit zog Manfred eine Woche früher als gedacht aus der Wohnung. Er und Piranha. Egon konnte er erst später aus dem Tierheim holen. Piranha musst er in der Bahnhofsmission verstecken. Tiere waren da nicht erlaubt.

 

It Girl

iiiiii

Fast hätte ich meinen Flug von London nach Berlin verpasst, weil ich meinen Rausch am Flughafen ausschlafen musste. Man hat mich sogar ausgerufen. Ich habe mich früher immer gefragt, und das wertfrei, wer diese Menschen sind, die an Flughäfen ausgerufen werden und warum sie ausgerufen werden. Was hält sie auf? Warum sind sie nicht rechtzeitig am Gate? Doch dann ist es mir selbst mehrere Male passiert und ich habe mich das nicht mehr gefragt.

In Berlin gehe ich in eine Bar, um dort einen Bekannten zu treffen. Er schreibt mir, dass er sich verspätet. Es ist noch recht früh und in der Bar ist nicht so viel los. Ein Paar sitzt in einer Ecke und sieht sich verliebt an. Der Bar-Mann poliert Gläser. Musik in Zimmerlautstärke. House.

Eine junge Frau betritt die Bar. Sie ist schlank und trägt ein schwarzes Mini-Kleid mit grauem Kragen, eine schwarze Strumpfhose, Stiefel und eine schwarze Felljacke. Ich kann nicht erkennen, ob das Kunstfell ist oder echt. Zum Glück. Was würde das auch über mich aussagen. Sie ist stark geschminkt. Viel Kajal, roter Lippenstift. Ihre Haarfarbe ist undefinierbar. Eine Mischung aus blond und braun. Die Haare sind unordentlich zusammengebunden. So als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Natürlich ist das Absicht. Sie hat niedliche Hamsterbäckchen. Sie hält ihr Handy in der Hand und sieht mit konzentriertem Blick auf das Display.

Sie geht an die Bar und bestellt sich ein Getränk. Danach sieht sie sich um, sieht mich für einige Sekunden an und kommt auf mich zu. Eine Parfumwolke steigt in meine Nase.

”Hi”, sagt sie. ”Bist du Alice?”

”Nein”, sage ich.”

”Ah, ja, sorry, weißt du, ich bin hier mit jemandem verabredet. Es geht um einen Artikel.”

Sie sieht sich wieder in der Bar um.

”Ich bin nämlich Journalistin”, sagt sie wieder mir zugewandt. ”Aber mehr kann ich dir leider nicht über den Artikel sagen. Das ist vertraulich, weißt du.”

”Schon in Ordnung”, sage ich höflich. So höflich, dass sie nicht merkt, wie wenig es mich interessiert. Kein bisschen im Grunde genommen. Ich würde lieber in meinem Buch weiterlesen und auf meinen Bekannten warten.

”So leer”, sagt sie. ”Ich gehe ja für gewöhnlich nicht in solche Bars. So wenig Ambiente hier. Keine interessanten Menschen. Da fühle ich mich fehl am Platz. Ich halte mich nur in In-Vierteln auf normalerweise.” Sie macht eine abschätzige Handbewegung. ”Ich bin Monja König und du?”

Bevor ich etwas sagen kann, setzt sie sich neben mich. ”Ich denke, Alice verspätet sich. Macht es dir etwas aus, wenn ich hier bei dir sitze und auf sie warte? Ich komme mir so komisch vor, wenn ich hier alleine sitze, weißt du. Wer sitzt schon alleine in einer Bar? Ich meine, das ist so, als hätte man keine Freunde und an der Bar beim Barkeeper will ich auch nicht sitzen. Der Barkeeper macht mich ja doch nur an. Ich bin es leid ständig angemacht zu werden. Ich meine, manche unsicheren Frauen freuen sich ja drüber und so, aber ich weiß, dass ich gut ausschau und brauche keine Bestätigung. Das hat jetzt nichts mit Arroganz zu tun. Ich sehe das aus professioneller Sicht. Ich habe ja mal gemodelt, aber ich möchte jetzt lieber schreiben. Weißt du, ich habe so viel zu sagen. Hier, warte mal. Ich zeige dir ein paar meiner Artikel. Ich habe alle meine besten Artikel mit einem Sternchen auf meinem Smartphone markiert. Dann geht das schnell, wenn ich die mal suchen muss.” Sie lacht. ”Nein, eigentlich habe ich alle meine Artikel markiert. Die sind alle gut. Bescheidenheit ist so überholt irgendwie. Man muss zu seinem Talent stehen, auch wenn man mal Selbstzweifel hat und so.”

Ich überfliege ein paar ihrer Artikel.

”Was liest’n du da?” fragt sie und lehnt sich zu mir herüber. Sie zeigt auf das Buch auf dem Tisch, das ich las, bevor ich die Bekanntschaft mit Monja machen durfte.

”Simone de Beauvoir”, sage ich.

”Ah”, sagt sie. ”Habe ich schon mal von gehört. Um was geht es denn da? ‘Das andere Geschlecht’? Zwitter oder was? Ich habe mal eine Reportage über die gesehen. Voll komisch. Stell dir vor du hast einen Penis und eine Vagina. Ich mein’, wie pinkelt man denn da?” Sie kichert. ”Oder geht es da um diesen komischen Gender-Mainstream-Kram?”

Ich seufze.

”Müde?”

”Nein.”

”Aber ich. Ich war gestern voll spät noch in der Redaktion. Ich arbeite nämlich bei der Kron-Zeitung, musst du wissen.”

Sie betont das Kron. KRON.

”Und dabei bin ich 21”, sagt Monja. ”Na ja, eigentlich, 24, aber ich habe mich ein bisschen jünger gemacht. Das macht sich immer gut. Ich bin da die Jüngste. Ich weiß, ich sehe ein bisschen älter aus, aber das ist nur die Schminke. Von den vielen Partys sehe ich zur Zeit ungeschminkt eigentlich etwas müde aus, aber man will ja, ich sag’ mal, als junger, aufstrebender Mensch nichts verpassen. Man muss in meinem Beruf auch die richtigen Leute kennenlernen. Kennst du, Leni Bergemann? Die hat’s ja auch nur durch Papi geschafft. Findest du nicht auch? Ich habe keinen reichen Papi wie Leni. Wir sind nur untere Oberschicht und nicht Superreiche mit Luxusvillen oder so. Ich habe nur mein gutes Aussehen und meinen Verstand und musste mir meinen Erfolg selbst erarbeiten. Ich habe keine Millionen und ich hatte auch keine einflussreichen Kontakte in Berlin. Meine Eltern haben mir nur finanziell geholfen. Die Wohnung bezahlt und so. Das ist ja das Mindeste, was man von seinen Eltern erwarten kann. Ich mein’, habe ich sie gebeten geboren zu werden? Nein. Aber gut, dass ich da bin.” Sie kichert. ”Aussehen und Verstand – Leni hat ja beides nicht.” Monja verzieht das Gesicht. ”Leni und ich sind gute Freundinnen, aber man muss sich ja nicht oft treffen. Weißt du, ja, ich habe mein Aussehen, aber ich find das schrecklich so auf das Aussehen reduziert werden, aber was soll ich machen? Ich kann mich nicht absichtlich hässlich machen. Gutes Aussehen öffnet auch viele Türen, aber ich möchte die Leute mit meinem Verstand überzeugen. Umhauen, weißt du. Da denken immer alle: Ja, die schaut gut aus, aber hat die auch etwas zu sagen? Ist die klug? Und dann sage ich nur: Lest doch meine Texte.” Sie seufzt. ”Ich begreife mich selbst als so eine Art Wunderkind. Wunderkinder werden oft missverstanden, weil es uns so selten gibt.” Sie seufzt wieder. ”Was machst du denn? Beruflich meine ich?’
Sie sieht mich für einen Moment kurz an. Dann schweift ihr Blick wieder ab.

”Zum Glück habe ich schöne Augen und einen schönen Mund und eine schöne Nase und eine schöne Stirn”, sagt sie. Das macht einiges wett, auch wenn ich müde und ungeschminkt bin. Nur mit meinen Wangen bin ich nicht so zufrieden. Ich hätte gerne so hohe Wangenknochen. Das würde voll edel und aristokratisch aussehen. So adelig halt. Meine Ur-Großeltern sind ja auch adelig gewesen, weißt du. Heute gibt es das ja nicht mehr. Ich wäre schon gerne eine Prinzessin oder eine Herzogin oder Baroness oder so und die Leute müssten immer einen Knicks vor mir machen.” Sie kichert.

”Weißt du, dass sich die Frauen früher die Haare ausgerissen habe, um so eine hohe Stirn zu bekommen? Im Mittelalter war das oder so. Ich mag meine eher niedrige Stirn. Wie sich die Schönheitsideale ändern. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich habe ein klassisch-schönes Gesicht und das hätte sicher auch gut gepasst. Eigentlich sehe ich auch jetzt edel aus, aber man will ja immer mehr, weißt du. Ich habe ja früher auch gemodelt. Da hat man mir die immer so geschminkt, die hohen Wangenknochen. Sah voll gut aus. Ich kann mich selbst nicht so schminken wie die Make-up-Artists, aber die lernen das ja auch. Das wäre für mich kein guter Beruf, weil der so gar nicht intellektuell ist. Ich brauche das, ich brauche das Intellektuelle und so. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe immer so viel zu erzählen, weißt du. Mein Verstand ist immer so rasend, weil ich mir so viele Gedanken mache. Ah, gestern. Ich war in der Redaktion und der Chefredakteur hat mich mal wieder gelobt. Monja, hat er gesagt. Du bist 21 und schon so weise. Du bist die Stimme deiner Generation, hat er gesagt. Ich habe mich früher noch über solche Komplimente gefreut, aber heute ist das irgendwie so selbstverständlich für mich geworden. Ich bin voll abgestumpft. Klar gibt es auch Hater, aber haters gonna hate. Eigentlich voll schade, dass Lob mir nichts mehr bedeutet. Wir Menschen neigen ja dazu etwas nach einer Weile als selbstverstädlich zu betrachten. Vor allem in unserer Generation. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich schreibe immer über Themen, die mir wichtig sind. Weißt du, mich bewegt so viel und ich freue mich, wenn ich Menschen zum Nachdenken anregen kann. Ich denke so voll viel über dies, das. Unsere Generation denkt ja so wenig, aber wenn ich jetzt anfange darüber zu reden, kann ich gar nicht mehr aufhören. Ich habe ja so viel zu sagen.” Sie zuckt mit den Achseln.

”Gestern Abend war ich noch bei einer Party von Connie Kornelius. ich bin da von der Redaktion mit dem Taxi hin”, fährt sie fort. ”Du kennst sie ja sicher. Ich meine, die kennt jeder? Kennst du sie?”

Ich schüttle den Kopf.

Monja sieht mich verwundert an und sagt dann etwas herablassend. ”Macht ja nichts. Du bist sicher nicht aus Berlin. Connies Vater ist Chef vom Heise Theater und dem gehört auch das Magazin ‘VIP- The Who’s Who Berlin’. Connie ist auch Journalistin wie ich und gemodelt hat die auch, aber die hat eine Hakennase und plattes Haar. Ich habe ja auch mal gemodelt. Connie und ich verstehen uns voll gut. Dabei mag ich keine Frauen oder sagen wir mal so, sie mögen mich nicht. Ich finde das so schade, dass Frauen immer so stutenbissig sein müssen, wenn man gut ausschaut. Da kann ich ja nichts für. Das sind die Gene und eine gute Mascara. Die fühlen sich gleich in ihrer eigenen Schönheit bedroht, wenn eine schönere Frau auftaucht. Ich leide da schon seit Jahren drunter. Dass ich dazu auch noch überdurchschnittlich intelligent bin, macht es ja auch nicht besser. Viele denken ja, dass sei eine Gabe, aber es gibt halt auch voll viele Schattenseiten. Ich fühle mich schon etwas gemobbt und wie der ewige Außenseiter. So wie die Juden damals, weißt du. Mein Therapeut sagt, dass ich ein dickeres Fell bräuchte. Ich bin da einfach so sensibel. Ich nehme auch manchmal Antidepressiva deswegen. Ich war ja früher voll das hässliche Baby, finde ich, und weiß darum, wie es ist hässlich zu sein. Man sagt ja, dass die hässlichen Babys immer am Hübschesten werden später und so war es bei mir auch und seitdem leide ich voll. Der ganze Neid von Frauen, aber ich mache das heimlich. Das Leiden. Ich kann’s ja verstehen, dass sie neidisch sind und dass sie das innerlich zerfrisst. Weißt du, wir sind ja so eine Generation, die immer so einen auf stark und Konkurrenz machen muss, aber hinter verschlossenen Türen leiden wir und posten Bilder von uns, wo alles gut ist und wir gut aussehen im Internet für unsere Follower und Fans. Aber wie es wirklich tief in uns drinnen aussieht, weiß keiner. Das will auch keiner wissen. Jeder sieht nur die schöne Fassade, den scharfen Verstand und unsere gute Kleidung und die ganzen Konsumgüter, die man heute haben muss. Und dann noch ein Filter drübergelegt. Wir sind Generation Filter. Mehr nicht. Das macht mich manchmal echt traurig. Manchmal würde ich mir den Kommunismus wie in Korea wünschen. Hm. War das Nord- oder Süd-Korea? Ich weiß es nicht. Egal. Manchmal wünschte ich, ich wäre hässlicher und dümmer. Das würde einiges leichter machen. Gestern waren da so welche auf der Party. Oh mein Gott, du hättest die sehen müssen. Kein Stil und kein gar nichts. Die haben bestimmt auf Lehramt studiert und sind aus Brandenburg zugezogen.”

Sie kichert wieder und nimmt einen Schluck von ihrem Cocktail.

”Schade, dass man hier nicht rauchen darf”, sagt sie. ”Wo war ich stehen geblieben? Ach, richtig. Gestern, die Party. Oh mein Gott. Ich sitze da so da auf dem Kanapee in Connies Wohnung und rauche und trinke meinen Cocktail mit meinem Smartphone in der Hand und hallo? Ich sehe so aus, als ob ich nicht gestört werden will. Was wäre denn deutlich genug für solche penetranten Frauen? Es geht nicht deutlicher, wie ich finde. Da sagt eine so zu mir, die ich so ein bisschen kenne von Partys, eine Dickere, die bestimmt 70 Kilo wiegt und so eine komische Army-Jacke trägt und nicht geschminkt ist und hässliche Dreads hat, die wie Rattenschwänze aussehen, die sagt so fordernd zu mir: Entschuldigung Monja, kann ich mich setzen, kannst du etwas rücken? Und ich sehe sie an und sage so, weil ich einfach voll genervt bin: Ja, wenn du etwas dünner wärst, könntest du hier auch so sitzen und ich müsste nicht rücken und könnte in Ruhe meine Zigarette rauchen, meinen Cocktail trinken, meine Whatsapp-Nachrichten und Emails beantworten und meinen Facebook-Status updaten und auf Twitter tweeten und würde nicht von euch gestört werden. Meine Nachrichten sind nämlich wichtig in meinem Job. Ich muss die stündlich checken. Ich studiere ja nicht auf Lehramt oder Philosophie oder so einen Kack. Und ehrlich gesagt, möchte ich jetzt hier weiter in Ruhe rauchen, trinken und meine Nachrichten beantworten und ich möchte nicht gestört werden. Da drüben ist vielleicht noch etwas frei. Die andere, weil es sind ja zwei, so eine kleine Blonde mit einer kleinen, spitzen Nase, die ein schwarzes Strickleid trägt, das sie bestimmt bei Primark gekauft hat, und so gar nicht stylisch ausschaut, schaut mich böse an und sagt so: Musst du immer so unfreundlich sein? Ich verstehe das nicht. Und ich so: Zum Pöbel muss ich das sein, ja. Einfach, weil ich so voll genervt bin. Sie so voll sauer: Warum verpisst du dich nicht aus Berlin und gehst zurück in deine süße Kleinstadt nach Süddeutschland, wo du hergekommen bist? Und ich so: Wie redest du denn mit mir? Geh du mal zurück nach Brandenburg. Ich kann doch auch nichts für dein Gesicht. Die beiden sehen mich böse an und ich mein’, es stimmt doch. Kann ich etwas dafür? Die Wahrheit tut eben manchmal weh und weißt du, wenn ich meine Nachrichten beantworte, will ich einfach nicht gestört werden. Die sehen doch, dass ich auf mein Smartphone schaue? Will ich da gestört werden? Nein. Und was heißt Kleinstadt? Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Who cares? Und dann ziehen die beiden Hässlichen endlich ab und ich sage zu Connie, Connie, sage ich. Wo hast du die denn her? Wer ist das? Und Connie sagt, dass die beiden Umwelt-Aktivistinnen wären oder so etwas und die eine hat Politik in Oxford und Harvard oder so studiert und hat mit 15 schon Abi gemacht und bekam mit 16 ein Stipendium und ging weg aus Berlin und sie schreibt auch Bücher über Feminismus und den Klima-Wandel und so und macht so einen Wohltätigkeits-Scheiß für hungernde Kinder in Südamerika oder Afrika oder was weiß ich und die andere wäre Wissenschaftlerin und hat nicht mal Abi gemacht, weil sie das nicht nötig fand, weil es ihr nur Zeit raubt bei ihren ‘Plänen’ und sie hat voll den hohen IQ und arbeitet jetzt in New York und wäre erst 22 oder so und hat auch eine so eine Wohltätigkeitseinrichtung gegründet. So eine Art Frauenhaus für Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden. Die hätte einen Forscherpreis in den USA gewonnen und das Geld dazu genutzt, um das zu gründen. Mein Gott, ey. Feminismus ist so out. Das braucht heutzutage niemand mehr. Und wenn du von deinem Mann geprügelt wirst, bist du doch auch selbst schuld. Wer zwingt dich denn mit dem zusammenzubleiben? Das gilt auch für diese Magersüchtigen und Bulimikerinnen, Ritzer und anderen Psychos. Selbst schuld. Man muss auch mal in der Gegenwart ankommen, weißt du, und der Klima-Wandel ist auch umstritten. Da ist auch viel Panikmache bei. Und ganz ehrlich, so eine Labormaus im weißen Kittel oder wie ich das nennen soll, beeindruckt mich null. Da hat keinen Glamour. Muss die damit so angeben? Ja und? Ich mein’, das ist ja alles schön und gut, aber das machen die doch sicher auch hauptsächlich wegen des Ruhms und so was. Jeder denkt dann man wäre voll der Gutmensch und so. Unsere Generation will so viel Anerkennung, weißt du. Da geht es nur um Likes und so. Früher hatten es die Leute so viel einfacher ohne Social Media. Nach dem Krieg zum Beispiel. Ich mein’, die hatten da nichts. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Das ist doch befreiend. Ich mein’, Ich habe auch schon mit 15 gemodelt und war selbstständig bis auf das Geld meiner Eltern, das ich bekommen habe und jetzt schreibe ich Artikel, die die Welt zum Denken anregen. Da braucht die nicht so einen auf Elite machen. Ich war mit 15 auch schon viel weiter als andere. Ich hasse Ökös so. Ja, und jetzt sind Friederike und Meike mal wieder in Berlin, hat Connie gesagt. Eigentlich würden die im Amazonas leben und so und auch in New York. Die wären wohl auch lesbisch oder so. So sehen die auch aus ehrlich gesagt. Ich habe ja nichts gegen Lesben, solange die mich nicht anmachen. Ich meine ja nur, weil die so aussehen. Und New York ist auch so überbewertend. Berlin ist heute der Mittelpunkt der Welt. Der Vater von einer der beiden wäre voll das hohe Tier in Berlin und voll reich und so, hat Connie gesagt, aber sie wollte nie sein Geld und ihren eigenen Weg gehen und ich sage: Ja, aber warum zieht die sich dann so an? Das ist ja wie aus der Altkleidersammlung? Ich meine, ich kenne mich mit Mode aus. Ich habe mal für den Heinrich-Katalog gemodelt, als es den noch gab und für Karl-Bauer, das ist so etwas wie Lidl in Österreich und so. Wenn die Geld hat, braucht die doch nicht wie ein versiffter Penner von der Straße rumlaufen? Wie so ein Alko-Junk? Was ist das? Label Kanalratte? Öko Bitch Haute Couture? Und Connie sieht mich nur an und sagt, dass sie Friederike und Meike mag und bewundert und ich etwas netter sein könnte. Ich sei immer so unfreundlich zu Frauen. Und ich erzähle ihr, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben und wollten, dass ich aufstehe, damit sie sich hinsetzen können und mich bei der Arbeit störten und dass sie doch sahen, dass ich arbeite. Und Connie sagt nur, dass das sicher ein Missverständnis war und so.”
Monja verdreht die Augen. ”Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese stutenbissigen, hässlichen Ökos mit ihren hässlichen Fratzen und Klamotten”, sagt sie. ”Erst kürzlich hat mir jemand einen Blog-Kommentar geschrieben. So etwas wie: ‘Halt’s Maul, du Mediennutte. Du schreibst schlecht und arbeitst bei Kron. Lieber würde ich Klos putzen.’ Hallo? Ich mein’, wer sind diese frustrierten Leute? Ich will mich inspirieren lassen von Schönheit und von Geist. Auf Weltbürger wie mich treffen. Nicht auf uncoole Kleingeister. Ich bin so etwas wie ein It-Girl, ehrlich gesagt. Das verstehen die halt nicht. Ich meine, dass so Kommentatoren oder so eine Friederike und Meike mir dumm kommen müssen? Ernsthaft? Ich habe mich dann später noch so halb bei Friederike und Meike entschuldigt, weil man in meinem Job einfach nie wissen kann, wen man mal gebrauchen kann und wenn einer der Väter so ein hohes Tier ist, kann ich mir das ja nicht verscherzen, weil die voll viel Einfluss haben, weißt du, und das kann die Karriere manchmal etwas bremsen, wenn man sich mit einigen nicht gut versteht. Das war schon beim Modeln so. Beim Modeln kamen mir so einige Tussis auch mal dumm. Das kann halt auch nicht jeder machen. Man muss schon den Look haben und dann gibt es eben Zickereien. Ich habe ja auch mal gemodelt, weißt du. Habe ich das schon erwähnt? Modeln ist ja gar nichts für mich. Die anderen Models sind einfach so hohl. Da kann man kein intellektuelles Gespräch führen. Ich habe es ja voll oft versucht bei den Castings, aber die sind einfach zu hohl. Ich bekam wegen dieser Zicken auch nie Aufträge, weil die mich bei Castings gemobbt haben. An mir kann das ja nicht liegen. I got what it takes wie man auf Englisch sagt. Mit denen muss ich mich ja zum Glück nicht mehr abgeben und heimlich kann ich ja über Meike und Friederike denken, was ich will. Aber so muss ich eben tun, als ob ich sie mag.”
Sie lacht.
”Ich lache, aber ich will weinen. Ist das nicht auch Teil unserer Generation?” sagt sie. ”Wir lachen dem ins Gesicht, den wir nicht mögen? Der uns nützlich sein könnte? Wir können nicht wir selber sein? Wir verstellen uns? Wir spielen den anderen so oft etwas vor? Das ist so eine Leistungsgesellschaft, dass ich zu so hässlichen Meikes und Friederikes nett sein muss, obwohl ich das nicht will? Kannst du ein Bild von mir machen für meine Social Media Accounts? Ich sehe heute mal wieder so süß aus und ich habe seit einer Woche nichts mehr gepostet. Man muss sich ja interessant machen. Wenn man jeden Tag postet, denken die Follower, dass man sonst nichts zu tun hat, weißt du. Ah nein, warte mal, hast du einen Spiegel? Ich will schauen, ob mein Make-up verschmiert ist.”
”Bedauere.
”Shit”, sagt sie. ”Ich bin in ganz Deutschland berühmt, seit ich der bei Kron-Zeitung arbeite. Ich will keine peinlichen Bilder von mir veröffentlicht sehen. Das ist schlecht fürs Image.”

K-R-O-N.

”Als ich noch gemodelt habe, war ich weniger bekannt. Aber jetzt. Da will ich nicht mit verschmiertem Make-up in der Zeitung stehen, wenn jemand von der Presse da ist und ein Foto knipst. Ich verschwinde mal auf die Toilette.”
”Alles klar.”

”Um was geht es denn jetzt in dem Buch?” sagt Monja, als sie wieder von der Toilette gekommen ist und zeigt auf mein Buch. Sie trägt nun noch mehr Make-up.

”Weißt du, ich will auch Bücher schreiben. Ich habe so viel zu sagen. Ah, ich denke, das ist Alice. War nett mit mir zu plaudern. Schreib mir doch mal einen Kommentar auf meinem Blog oder unter einen meiner Artikel.” Sie umarmt mich halbherzig und begrüßt Alice, eine große, schlanke Brünette Ende 20 oder Anfang 30.

Mein Bekannter schreibt mir. Er und seine aktuelle Freundin – eine von vielen – man könnte sagen Eintagsfliegen – und er haben 2C-B genommen. Wir sollen uns in ein paar Stunden treffen.

Ich verlasse die Bar, kaufe mir biligen Wein und sehe nach oben und prüfe, ob ich die Sterne sehen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Er schlägt vorbeigehende Passanten mit einer Plastiktüte und schreit. Ich sehe zu ihm auf. Es ist ein durchdringender Blick. Er erschrickt und schlägt mich nicht. Ich bin das einzig wahre ”It Girl”. Mir gehört die Straße.