Nett aber langweilig

Früher in meiner Jugend, Opa erzählt vom Krieg, war Sarah Kuttner so etwas wie der “Shooting-Star” der ‘”Generation Y”, die damals vielleicht gar nicht so hieß und der Kuttner altersmäßig auch gar nicht angehörte. Sie war damals für mich schon “ziemlich alt”, bestimmt Mitte 20. So etwas holt einen meistens ein. Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer jungen Frau in einer Bar. Ich hielt sie für Ende 20, weil sie “business casual” angezogen war. Sie kam gerade von der Arbeit. Es stellte sich heraus, dass sie erst 18 war und sie konnte es nicht fassen, dass ich schon “so alt” sei. Sie war so fasziniert davon, dass sie eine Gruppe jüngerer Männer um die 20 über mein hohes Alter informierte. Mittlerweile ist es mir auch schon passiert dass Teenie-Jungs, als ich sagte, dass sie zu jung für mich wären und mich nicht anmachen sollen, erwiderten, dass sie auf “ältere Frauen” stehen. Über Befindlichkeiten im “Alter” und den Umgang mit der Jugend soll es aber in diesem Text nicht gehen, wenn Opa aber erst mal ins Plaudern kommt.

Zurück zu Sarah Kuttner. Früher war mir nicht so ganz bewusst, warum sie einen gewissen Ruhm genießen konnte. Bis auf ihren recht guten Musikgeschmack – die Indie-Bands, die zu der Zeit so gut wie alle Boys und Girls in Skinny Jeans hörten, die ich auch mochte, wirkte sie auch mich größtenteils nett aber langweilig. Dann gab es noch Charlotte Roche mit eigenwilligen Modegeschmack, ein bisschen alternativer als Kuttner, aber für mich ebenfalls nett und ein bisschen langweilig.

Das hat mich gewissermaßen auch wie das, was ich über das Alter dachte und wann es beginnt, eingeholt.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass da auch eine gewisse deutsche Sozialisation mitspielt. Nicht unbedingt nur Deutsch. Es umfasst vermutlich den gesamten deutschsprachigen Raum. Insbesondere Deutschland und Österreich. Wobei man sich da ganz einfallslos vom großen Bruder USA “inspirieren” lässt. Die Rede ist von “das wird man ja wohl noch sagen dürfen”-Meinungen und “Humor”.

Zadie Smith hat in einem älteren Interview gesagt, dass man besser keine “Opinion pieces” von Journalist/innen lesen sollte und viel besser Hochliteratur. Es ist besonders ratsam diese Empfehlung in Deutschland zu befolgen, wo sich regelmäßig peinliche Brüllaffen zu irgendetwas des Brüllens wegen “äußern”. Journalisten und Journalistinnen, wenn man sie so nennen darf, Autoren und Autorinnen, Komiker und Komikerinnen – wobei der Name für diese ebenfalls deplaziert erscheint, Kabarettisten und Kaberattisten, irgendwelche Wichtigtuer, die Stolz verspüren, weil sie bei Twitter und Instagram ein blaues Häkchen haben und denken, damit zur High Society und geistigen Elite zu gehören und man sie ja doch googeln muss, wenn man zufällig auf ihr Profil mit ihren dämlichen “Selfies” und hihi “ironischen” Sprüchen stößt, die sie von Memes stehlen und auf Deutsch übersetzen und als ihre Witzchen verkaufen, hihi, so bissig, so schlagfertig und man dann ihre selbst verfasste Wikipedia-Seite lesen muss, die vermutlich im Koksrausch geschrieben wurde, wie sich das für ein Medien-“Genie”, so denken sie, der Neuzeit gehört.

Zum tausendsten Mal wird in deutschen Medien “der” Feminismus oder Hashtags wie #metoo kritisiert. Das deutsche “N-Wort” benutzt, weil die anderen sich mal nicht so anstellen sollen und man das immer schon so gesagt hat und mindestens von einer dunkelhäutigen Person gehört hat, dass sie das nicht stört oder weil man selbst als “weißer Anti-Rassist” dieses Wort benutzen “darf”, um auf die anderen Rassisten “humorvoll” hinzuweisen. “Witze” über Autisten und Autistinnen. Ganz lapidar wird das Wort “Krüppel” benutzt oder ein Text oder Stand-up in Bibel-Länge geschrieben und verbissen darauf bestanden, dass man doch noch “Zigeunerschnitzel” sagen darf. Auch dieses Wort hat man doch “schon immer” benutzt. Außer man ist Veganer, aber Veganer sind ohnehin der Prügelknabe oder das weibliche Pendant für so viele der “mutigen” Meinunghaber und Sager. Diese naiven, unverbesserlichen Weltverbesserer und Hippies, die zu viel reisen. Wo bekommen die eigentlich ihr Protein her? Zumindest gibt es, wenn man diese erwähnt, nicht die üblichen “Shitstorms” wie so üblich beim deutschen Shitstorm-Journalismus. Deutschland, das Land in dem eine Kabarettistin wie Hazel Brugger gefeiert wird und als “lustigste Frau im deutschen Fernsehen gilt. Sie hat ein Buch geschrieben. Gleich auf den ersten Seiten redet sie davon dem Hotelpersonal gerne mehr Arbeit zu bereiten. So wahnsinnig “bissig” und “bitterböse” raunt es durch die Massen der Dauerlangweiler, die genauso langweilig sind wie Hazels Treten-nach-unten-Humor wie es ihr schillernde Persönlichkeiten im Olymp der politisch-inkorrekten Dummheit wie Jan Böhmermann zeigen. Ja, “Satire darf alles” wird mantra-artig von den Böhmermann-Jüngern wiederholt. “Sozialkritische” Witze über Erdogan mit rassistischen Kümmeltürke-Vorurteilen, Judenwitze, N-Wort und sonstiges und wenn man etwas dagegen sagt, versteht man eben keine “Satire”. So gute Satire wie die von Serdar Somuncu oder auch Lisa Echkart. Frau Eckhart, wenn auch weniger einschläfernd als so manch andere, hat ein paar Wörter aus dem Fremdwörterbuch bei ihren IPhone-Notizen gespeichert und erwähnt, dass sie Faust und Hegel gelesen hat und schon gilt sie als eloquente Hochbegabte, die in ihrem Programm Witze über Hunde- und Katzen-essende Chinesen macht, darüber dass die Metoo-Aktivistinnen zu prüde wären, Krüppel und Autisten und Veganer kommen auch wie so oft vor und so ist das bei unzähligen Persönlickkeiten im deutschsprachigen Raum. Ganz egal, ob da mal wieder so ein einfach gestrickter Mensch wie Don Alphonso hetzt oder der Welt- oder Zeit-Feuilleton nachziehen. Einige Beispiele unter vielen. Es ist so gut wie immer das Gleiche. Schlägt man den deutschen Feuilleton auf, gibt es das und ähnliches in regelmäßigen Abständen zu lesen. Es hat etwas Weltfremdes, Provinzielles, selbst wenn die selbstgefälligen Verfasser Berlin-Zugezogene sind. Wir haben genug von den lauten Stimmen gehört, die, man kann es annehmen, zu Klaus Kinski-Mitschnitten bei YouTube masturbieren und auch gerne so großartig (Spoiler: Kinski und auch sie sind es nicht) wären. Ja, ja. Erschrocken findet man ja doch wieder zu Max Uthoff und Volker Prispers zurück.

Arroganz ist kein Talent. Politisch-inkorrekte Witze sind nicht mutig.

Wer intelligent und stilvoll ist, darf sich nicht einschüchtern lassen. Wenn Satire alles darf, dann darf sie auch klug sein und es können sich auch mal weniger beschämende Intelligenz- und Stil-Allergiker zu Wort melden. Schwieriger wird es bei den Zeitungen, aber man kann immer noch unlustiger, veganer Weltbesserer werden und den “Kulturteil” der Zeitungen meiden.

Nett, aber ein bisschen langweilig. Das sind genau die Stimmen, die wir wieder dringend brauchen. Vielleicht sind sie gar nicht langweilig, denn ihr wisst schon, stille Wasser sind tief. Vielleicht kommen sie nur nicht zu Wort, weil die anderem so laut schreien. Größenwahn mit mittelmäßigen bis wenig Talent ist genügend da.

Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.