Kaffeehausliteratur

2018-07-04 13.01.09

 

”Du kannst Kinder nicht impfen lassen. Hallo? Da ist Aluminium drin in den Impfstoffen und überhaupt: Impfen macht Kinder autistisch. Willst du ein behindertes Kind, das in seiner eigenen Welt lebt? Willst du das? Ein Kind, das voll weggetreten ist und nicht richtig da und das Kind ist auch nicht eigenständig und behindert halt. Das kannst du doch nicht wollen? Wir müssen unsere Kinder schützen. Man muss angstfrei durchs Leben gehen und nicht auf diese Panikmacherei durch die Medien und die Pharma-Industrie reinfallen. Die verdienen ihr Geld mit uns. Hallo, wach mal auf, bitte”, schreit eine Frau und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk. Sie hat jetzt Schaum an den Lippenrändern von der Soja-Latte. Es könnte aber auch Tollwut sein. Wenn sie Heilkräuter im Wald für ihre Kinder sammelt, kann es schon mal sein, dass sie von wilden Tieren mit Tollwut angefallen wird. Von Füchsen, Wölfen, Luchsen, Wildschweinen, Bären oder Fabelwesen vielleicht.

”Ich habe sogar mal in einem Forum gelesen, dass Kinder davon homosexuell werden können. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber doch nicht das eigene Kind.”

Der Mann, der ihr gegenübersitzt, sieht sie achselzuckend an.

Die Frau schreit: ”Gehirnwäsche, Propaganda.” und schnaubt. ”Ich sag mal so: Wenn Mütter ihre Kinder mal stillen würden, aber nein. Die benutzen lieber Ersatzmilch und impfen. Da sind sie fein raus, denken sie.” und sie gestikuliert wie wild mit den Händen. ”Ein Kind braucht Muttermilch und Liebe. Mehr nicht. Ich erzähle dir jetzt mal was über die pädagogischen Ansätze von Montesorri.”

”Aber Larissa”, wirft der Mann ein. ”Wir wollten doch hier das Klassentreffen planen.”

Kann nicht hier und heute der Verband deutscher Autisten ein Treffen veranstalten oder vielleicht ein Autisten-Forum? Ein autistisches Pärchen könnte sich hier zum Rendezvous oder eine Elterngruppe mit ihren Kindern. Ein Film mit dem Namen ”Herdenimmunität” könnte hier gedreht werden. ”Herdenimmunität- der Film”, der von einem andalusischen Schäferhund und einer Schafherde handelt und der Hund hat ein Lieblingsschaf, aber dann sehen die ja doch alle gleich aus und der Hund hat eine verstümmelte Nase, weil er als Welpe von seinem Vorbesitzer, einem gemeinem Mann aus dem Dorf gequält und später von dem Schafzüchter gerettet und bei sich aufgenommen wurde, aber die Nase wurde nicht mehr und der Hund weiß nicht mehr, welches sein Lieblingsschaf ist und vielleicht riechen die auch alle recht ähnlich und der Schafzüchter wird Alkoholiker, weil seine Frau ihn verlässt und nach Berlin zieht, nach Deutschland, wo die Arbeitsplätze sind, und in diesem Café als Putzfrau zu arbeiten beginnt und der Schafzüchter weint viel und dann sterben alle Schafe und die Sonne erlischt plötzlich und auch alle Menschen sterben, aber der Hund überlebt, weil er von einem kleinen, autistischen Jungen mit Zauberkräften gerettet wird, aber natürlich ist das kein Harry-Potter-Abklatsch, und der Junge baut ein Raumschiff und er und der Hund fliegen ins Weltall, weil auf der Erde ist ja nicht mehr viel, und so endet der Film und der Film räumt alle Preise in Cannes, beim Sundance Festival, bei der Berlinale, bei den BAFTA Awards etc. ab. Tausche diese Frau in diesem Café gegen eine Armada von 1000 Autisten. 100000 Autisten. Eine Million. Sofort.

Die Frau sagt laut ”Hauptschule.” Es klingt als hätte sie etwas Verbotenes gesagt, etwas Konspiratives. Sie redet leiser. ”Legasthenie”, sagt sie. ”ADHS”, ”Ritalin”, ”Verhaltensgestört”, ”Regelschule mit schlecht ausgebildeten Lehrern”, ”Migranten”, ”Magst du Woody Allen? Ich liebe ihn”, ”Drogen in der Grundschule im sozialen Brennpunkt.”

Ich möchte aus dem Café stürzen und zu einem armen Heroinabhängigen laufen, die benutzte Spritze, die er soeben in die Rinne zwischen Bordstein und Bordsteinkante geworfen hat, nehmen und sie der Frau zeigen. Wenn sie panisch schreit, dass sie keine Impfung haben möchte, sage ich: ”Keine Bange, Werteste, meine Pantopon Rose. Das ist nur Diamorphin. Aus der Pflanze Papaver Somniferum. Das reicht zurück bis zu den alten Ägyptern, Liebste.” und die Frau wird erleichtert nicken und sagen: ”Wenn es natürlich ist, kann es nur gut sein. Nur her damit.” und mir schneller als Speedy Gonzales ihren bleichen Arm entgegenstrecken. ”Oh, diese wohlige Wärme. Bekomme ich das im Biomarkt oder im Reformhaus?” und ich werde sagen: ”Das bekommen Sie nur von einem Straßen-Schamanen, Teuerste.”

Ein Junge reißt mich aus meinen Gedanken. ”Haven Sie Stevia?”, fragt er. ”Nein, leider nicht”, sage ich. Der Junge sieht mich enttäuscht an, sagt vorwurfsvoll ”Dann halt nicht”, rümpft die Nase und verlässt das Café mit finsterem Blick.

”Knöpfe sortieren”, sagt die Frau laut. ”Fremdsprachen”, ”Schlafförderlich.”

Ich habe mal darüber gelesen, wie man Schlafmohn-Tee herstellt. Opium tea wie bei Nick Cave. Da sei vor einiger Zeit noch legal gewesen, aber gerade deshalb hatten Mütter Tees für ihre Kinder daraus hergestellt. Das sei so ein altes Rezept. Beruhigend, aus der Natur und ohne Zusatzstoffe. Mehrere Kinder mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Mütter nicht wussten, was sie da eigentlich ihren Kindern gaben. Das wäre mir nicht passiert. Wären die Mütter nur beim Fencheltee geblieben. Es ist traurig, weil sie es ja eigentlich nur gut meinten.

Ich höre die Impfgegner-Mutter laut ”Holundersirup” sagen. Der Mann, auf den sie einredet, lächelt gequält.

Ich bin einfach zu nüchtern. Vielleicht sollte ich mir einen Schnaps genehmigen.

Das Baby der Frau schreit. Sie dreht es im Tragetuch und legt es an ihre linke Brust. Es saugt gierig mit geschlossenen Augen an der Milchdrüse und japst hin und wieder ganz süß. Ihr Kleindkind malt währenddessen mit einem roten Wachsmalstift die Wand an. Ich lächle. Auf die neue Generation. It’s never too late for a happy childhood.

Rechts neben der Theke sitzt eine junge Frau mit einem Mann um die 50 zusammen. Der Mann sieht sie begeistert an. ”Dein Vater hat mir dein Manuskript zum Lesen gegeben”, sagt er. ”Was für geniale Einfälle. Was für ein revolutionäres Talent. Und das alles ohne Hildesheim oder Leipzig. Kann es denn heute noch junge Schriftsteller geben, die dort nicht schreiben lernen? Du bist ein Naturtalent. Dein Manuskript, das hat so etwas Nihilistisches. Techno, Drogen, Liebe, Exzess, reiche Kids, die gelangweilt sind, Berghain. Berlin Mitte. Das ist etwas Noch-Nie-Dagewesenes. Das Selbstzerstörerische, das Gelangweilte. Die Leere. Der Hedonismus. Geld und gutes Aussehen. Kids aus reichem Haus. Das ist Christian Kracht. Das ist Benjamin von Stuckrad-Barre mit persönlicher Note. Du bist die neue Helene Hegemann. Das ist so gut. Das ist gigantisch. Ich kann es nicht fassen. Ich sehe dich schon bei der Buchmesse und auf den Beststeller-Listen. Du wirst auch beim Bachmann-Preis lesen. Da bin ich mir sicher. Der Feuilleton wird dich lieben und über dich schreiben, er wird verzückt sein. Ein deutsches Wunderkind. Reich und gelangweilt. Berlin Roman. Wohlstandsverwahrlosung. Oh mein Gott. Das Noch-Nie-Dagewesene. Ich bin so froh, dass wir dich in unserem Verlag verlegen dürfen. Die Förderung junger Talente liegt mir am Herzen und du bist etwas ganz Großes. Du wirst die Pop-Literatur neu einläuten. Du bist die Stimme deiner Generation.”

“Dank”, sagt die junge Frau, lächelt und blickt kurz von ihrem Smartphone auf.
Mein selektives Hören funktioniert eindeutig zu gut. Ich bin aber auch einfach wirklich zu nüchtern. Ich kokse nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder und der Drogenkartelle und ich trinke nicht mehr so viel, weil ich schon zu viel getrunken habe und es mich langweilt. Happy pills, Psychopharmaka und das ganze Zeug benebeln mich nur und legen einen Schleier über ”unschöne Gefühle”. Gras macht mir nur hungrig und albern, MDMA und LSD kann man nicht immer nehmen, Heroin ist nur am Anfang Spaß, Spaß, Spaß, ja unendlicher Spaß, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt Spaß hatte, und ja, Meth und Crack sind auf Dauer auch nicht das Wahre, versucht habe ich es aber auch nicht. Von Speed kann ich nicht schlafen und ich bin zu traurig beim Come-Down. Sport, Yoga, Meditation, ausgewogene Ernährung, Verantwortungsbewusstsein, ein geregelter Alltag und Liebe geben und zulassen, wäre mal eine kluge Herangehensweise, aber es klingt nach so viel Aufwand. Was bleibt da noch übrig? Nüchtern und frustriert. Oh Baby. Working for the man. Gefangen in den Wirren des kalten Kapitalismus. ”Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu alles für dich.” Ich bin nicht mal Working Class Hero. Ich bin einfach nur Working Class Loser.
Vielleicht bin ich auch nur am falschen Ort. Eine einsame Waldhütte wäre das Paradies. Mit ein paar Hunden und einer Schrotflinte, falls mal jemand vorbeikommt. Nicht dieses ”Szene-Café”. Das wird es sein oder etwa nicht? Ach, was weiß ich schon.
Ich sehe aus dem Fenster. Ein als Clown verkleideter Mann geht vorbei. Er hält den Blick gesenkt. Er sieht traurig aus.

”Einen Kaffee” sagt ein Mann um die 40 zu mir.
”Was für einen Kaffee hätten Sie gern?”, frage ich.
”Normaler Kaffee”, sagt der Mann energisch.
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”
Der Mann stöhnt genervt auf. ”Normaler Kaffee.”
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”, wiederhole ich.
”Filterkaffee mit Milch und Zucker.”
”Wir haben hier keinen Filterkaffee. Das ist eine italienische Kaffee-Kette.”
”Was soll das bedeuten?”
”Das bedeutet, dass es hier nur italienischen Kaffee gibt. Ich bin hier auch nicht der Eigentümer und entscheide das nicht.”
”Bitte? Das kann doch nicht sein.”
”Doch.”
”Ich möchte normalen Kaffee”, fordert der Mann.
”Caffé Espresso, Caffé Corretto, Caffé Lungo, Caffé Latte, Caffé Macchiato, Caffé Risretto, Cappucino, Latte Macchiato, Caffé Freddo oder Caffé Sospeso? Wir haben auch Sojamilch.”
”Warum gibt es hier keinen normalen Kaffee?”
”Wissen Sie”, sage ich. ”Filterkaffee ist so etwas typisch Deutsches. Das ist aber ein italienisches Café. Manche in Italien sagen, dass man in Deutschland keine Kultur hätte. Das haben auch schon die alten Römer gesagt. Die nannten die Deutschen Barbaren. Zumindest ist die Nationalmannschaft in Deutschland besser. Haben Sie die Göttliche Komödie gelesen?”
”Bitte?”
”Ja. Was für einen Kaffee möchten Sie?”
”Latte Matschiato”, sagt der Mann und stockt für einen kurzen Moment.
Dann sagt er: ”Nein, ich möchte keinen. Ich werde dieses Café nie wieder betreten. Es gibt keinen normalen Kaffee. Wo gibt es denn so was?” schimpft er. ”Saftladen.”
”Ja, Saft haben wir auch”, sage ich.
Der Mann sieht mich entgeistert an.
”Wenn man zu dumm ist für einen richtigen Job, muss man eben in einem Café arbeiten”, sagt er triumphierend.
”Sie sind ja anscheinend zu dumm, um Kaffee in einem Café zu bestellen. Das bekomme sogar ich hin- trotz meiner unsäglichen Dummheit. Na dann, werter Freund. Reisende soll man nicht aufhalten. Habe die Ehre. Arrivederci.”
”Unverschämtheit”, ruft der Mann.
”Ist das eine deutsche Filterkaffee-Marke?”
Der Mann sieht mich mit hochrotem Kopf an und geht.
Ciao bello.

Noch fünf Stunden bis Dienstschluss. Ein Mann kommt vor, bestellt ”eine Latte” und lacht. ”Latte haha.” Ich habe den Witz nur schon mindestens fünf Mal heute von Männern gehört und er war schon beim ersten Mal nicht witzig. Ich verziehe das Gesicht. Der Mann sieht mich traurig an. Ich ziehe meinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Das Gesicht des Mannes erhellt sich wieder. Eine Straßenbahn hält gegenüber vom Café an. In großen Lettern steht auf der Straßenbahn: ”Im Gegensatz zu dir bin ich immer breit. BVG. Wir lieben dich.” Ich zeige darauf und sage: ”Bereit.” Der Mann muss lachen. Ich ziehe nun auch den linken Mundwinkel zusätzlich zum rechten hoch. Das freut den Mann. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich räume Tische ab und kehre. Noch fünf Stunden bis Dienstschluss.

Ein dünnes, blondes Mädchen mit einem Dutt sitzt an einem der Tische mit ihren Freunden. Ihre Iphones und Samsung Galaxies liegen neben ihren überteuerten Getränken auf dem Tisch. Sie sagt laut: ”Ich bin doch an der Springer Akademie. Ich habe ein Semester Kommunikationswissenschaften und dann Jura studiert, aber das war nichts für mich. Das haben so viele Mädchen mit blondierten Haaren studiert und so. Das waren halt so Tussis irgendwie. Weißt du so, ich lese Kleist in der Mensa und die Modemagazine. Ich mein’, ich lese auch mal Modemagazine, aber doch nicht nur. Das war mir dann nicht intellektuell genug von den Menschen her. Das bringt mich doch null weiter, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe. Meine Eltern sagten noch, dass ich auf Lehramt studieren könnte, aber da war ich nur in einer Vorlesung. Da waren halt so voll die Mauerblümchen irgendwie. Da habe ich ja gar nicht hingepasst. BWL hätte ich noch gern gemacht, aber das ist ja irgendwie so trocken. Literaturwissenschaften hätte ich auch noch gemacht, weil sich das irgendwie so intellektuell anhört. Da kann man dann sagen, dass man voll belesen ist, weil man ja voll viele Bücher lesen muss und so.” Sie kichert. ”Hm, ja, aber ich wurde dann ja an der Springer Akademie angenommen. Ich bin echt super zufrieden mit der Springer Akademie. Man lernt ja so unglaublich viel an der Klinger Akademie.”
Ihre Freunde nicken.
”Ich habe ja jetzt voll hohe Klickzahlen auf meinem Blog”, sagt ein Mädchen stolz in die Runde. ”Mein Blog heißt ”Books, tea and fashion.”
Das Mädchen hat blondierte Haare. Sie holt ein Buch aus ihrer Tasche, legt es auf den Tisch neben ihre Tasse Kaffee und die Vase mit der pinken Tulpe und macht ein Bild davon. ”Für meinen Blog”, sagt sie.
”Ja, das wäre nichts für mich”, sagt das Mädchen mit dem Dutt. Ich möchte schon authentischen Journalismus machen und nicht nur bloggen. Ich habe ja auch einen Blog, aber das ist doch kein Journalismus. Man lernt bei der Springer Akademie so viel. Das ist ja nicht nur die Bild-Zeitung. Die Leute haben da ja so krass viele Vorurteile. Da gibt es ja auch Zeitungen und Zeitschriften mit hohem Niveau. Da sehe ich mich ja und nicht bei der Bild. Das wäre ja nichts für mich.”
Die Freunde nicken.
”Es ist so nervig immer den Trotteln erklären zu müssen, dass das bei Springer nicht nur die Bild ist. Da gibt es auch seriöse Medien”, sagt sie. ”Da schreiben so krass kluge, innovative Köpfe und da kann nicht einfach jeder mitschreiben. Da muss man schon voll klug sein. Mathis Matschussek hat das auch zu mir gesagt, bevor man ihm gekündigt hat. Man muss auch schon wahnsinnig klug sein, um an der Springer Akademie angenommen zu werden. Wir nehmen da doch nicht jeden an der Springer Akademie. Viele wollen hin, aber es schafft halt nicht jeder. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen die Bild, aber das wäre unter meinem Niveau vom Journalistischen her irgendwie. Die Bild ist aber auch nicht mehr so wie früher und ist jetzt bürgerlich und die lesen ja auch voll viele.”
Die Freunde nicken wieder.
”Meine Eltern meinten gestern so bei Facetime: ‘Such dir doch mal einen Job oder so, weil dann müssen wir dir nicht immer so viel Geld überweisen. Wir zahlen doch schon deine Wohnung und so.’ und ich meine so: ‘Ja, und? Das gehört sich ja wohl so für Eltern. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann. Ich könnte euch ja nach viel mehr Geld fragen. Ihr solltet dankbar dafür sein, dass ich mich mit so wenig zufriedengebe. Ich meine, habe ich euch gebeten geboren zu werden oder was?’ und die so voll angepisst irgendwie: ‘Wir meinen ja nur, Lara.’ und dann sagen sie das noch so voll vorwurfsvoll irgendwie.” Sie seufzt. ”Ich habe dann aber gedacht, dass ich ja echt mal arbeiten könnte. Ich habe mich bei Model-Agenturen beworben, aber die wollten mich alle nicht. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir die Models der Agenturen auf den Homepages angeguckt und ehrlich, die sahen mal gar nicht gut aus. Ich war dann auch echt froh, dass ich nicht genommen wurde. Wisst ihr, vielleicht sah ich zu gut aus und wurde deshalb nicht genommen. Ich mein’, wenn die nur hässliche Mädels wollen? Ich habe mich jetzt mal bei ”Wer wird Millionär” beworben. Da brauche ich dann ja gar nicht arbeiten, wenn ich gewinne. Es reichen ja schon 500 000 Euro oder so. Dann könnte ich mich ganz auf meine Karriere konzentrieren. Ich bin ja jetzt schon voll gestresst. Ich brauche Entspannung.” Sie kichert wieder. ”Wollen wir uns am Wochenende ein Haus an der Nordsee mieten? Ich hätte da voll Bock drauf. Weißt du so Meer und der Wind und so. Ich hätte auch mal wieder Bock auf lecker Fisch.”
”Klingt gut”, kommt als Antwort.
”Oh Gott, ist das da drüben Julia Engelmann?”, sagt sie. ”Ich hasse Poetry Slam und Julia Engelmann. Das ist doch keine Literatur. Kennt ihr das, wenn ihr jemand so gar nicht den Erfolg gönnt? Julia Engelmann hat ja gar kein Talent.” Sie seufzt.

Es ist leider nicht Julia Engelmann. Tausche Julia Engelmann gegen das Mädchen mit dem Dutt. Sofort.

”Habe ich schon gesagt, dass ich bald nach Mailand für eine Reportage fliege? Ich bin so stolz auf mich. Der Chef-Redakteur der Welt schickt mich hin. Dulf Schorchlhardt ist echt so krass sympathisch irgendwie. Ich möchte keine Reportagen in Deutschland machen. Das wäre ja nichts für mich. Kleinstadt-Mief. Es gibt ja hier nur Hamburg und Berlin. Ich möchte eine Zigarette rauchen. Wer kommt mit raus?” Sofort springen zwei Mädchen wie dressierte Zirkus-Affen auf.

Ich trinke einen Espresso und sehe mich gelangweilt um. Ich habe die Ausstrahlung eines arabischen Diktators. Ich bin der schlechtgelaunteste Barrista. Meine Kollegen bekommen alle massig Trinkgeld, ich vielleicht mal zwei Cent.
Ist ein italienisches Café in Berlin Teil der Gentrifizierung oder multikulturelle Bereicherung? Es ist ja eine US-amerikanische Kaffee-Kette. Der ursprüngliche Besitzer stammt aus Italien. Er wanderte aber nach New York aus und wurde reich. Ach, ich versuch’s mir nur schönzureden, dass ich hier arbeite. Ich habe auf die Schnelle nichts anderes gefunden und brauche das Geld und Hartz IV ist mir zu viel Papierkram und es ist unfair den Bedürftigen und Steuerzahlern gegenüber. Ich habe mir ausgesucht ein brotloser Künstler zu sein, der zu wenig Kunst macht und stattdessen zu vielen trüben Gedanken nachhängt und billigen Rotwein in meinem kleinen, unordentlichen Zimmer trinkt und kann mich doch jetzt nicht mehr beklagen. Es ist ein bisschen wie bei Carl Spitzwegs ”Der arme Poet”. Ich bin vermutlich auch gar kein Poet und eher ein träumender Trinker. Oder ein trinkender Träumer. Vielleicht nicht mal das. Ich wische Tische ab.

US-Amerikanische und kanadische Touristen im Café schreien beim Reden wie vermutlich Menschen, die in den Bergen wohnen und ins Tal rufen. Vielleicht rufen sie ihre Kühe. Wenn die Amerikaner wenigstens über interessante Gesprächsthemen schreien würden, aber es ist nur hohles Gefasel über irgendwelche Clubs und wo man gut essen gehen kann und die letzte Partynacht und
wie ausschweifend es noch wurde und wer mit wem Sex auf der Clubtoilette hatte. Das kann ich auch in Deutsch haben, aber in erträglicherer Lautstärke. Ich bin vermutlich bloß neidisch, weil die Amerikaner sich an vielerlei erfreuen können und nicht nur schlechtgelaunt und eigenbrötlerisch herumgängen wie ich. Ein Österreicher sagt laut: ”Das geht sich nichts aus.” zu seiner Begleitung. ”Eh”, sagt seine Begleitung. Ich räume Geschirr in die Spülmaschine.

Eine hübsche, dunkelblonde Frau, ungefähr Mitte 40 mit schönen, graublauen Augen, die modisch, aber unaufdringlich in gedeckten Farben gekleidet ist, sitzt einer hellblonden, sehr dünnen Frau etwa im gleichen Alter gegenüber, die ein weißes, enges Mini-Kleid und grellen, orangestichigen Lippenstift trägt.
Die hellblonde Frau sagt: ”Ich fühle mich so unsichtbar als Frau, verstehst du? So als ob mich die Männer nicht mehr beachten und das Schlimmste ist, dass es jetzt nur noch weiter bergab geht.” Sie seufzt und sieht auf ihre manikürten Hände. Sie fährt mit dem rechten Zeigefinger langsam den Rand ihrer Tasse entlang und folgt dem Finger mit den Augen.
”Ach, Bettina”, sagt die dunkelblonde Frau sanft. ”Du hast seit 30 Jahren nichts als Männer im Kopf und was sie über dich denken. Darüber haben wir doch schon letztes Mal geredet.”
Die dunkelblonde Frau bestellt ein Stück Käsekuchen.
”Das ist heute für Sie umsonst”, sage ich.
”Umsonst?”
”Ja. Sie sind der millionste Besucher, wissen Sie”, sage ich augenzwinkernd.
Die Frau sieht mich ungläubig an und bedankt sich.
”Schade, dass ich spät dran war heute. Sonst hätte ich vielleicht gewonnen, aber ich esse ja ohnehin keinen Zucker mehr”, sagt die hellblonde Frau und lacht.
Die hellblonde Frau wird für immer ein Mädchen bleiben und nie zur Frau, denke ich.

Ich bekomme ein großzügiges Kleingeld von einem netten Paar aus Paris, nachdem wir uns über Balzac unterhalten haben. Die anderen Gäste müssen warten. ”Wenn man seinen Job schlecht macht, muss man eben kündigen”, sagt das Mädchen mit dem Dutt laut und knallt mir das Geld hin. Da hat sie Recht. Ihre Freunde nicken. Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten, denke ich. Das wäre ja nichts für mich.
Ich esse einen glutenfreien Keks und überlege, ob Johanniskraut etwas für mich wäre. Dann zerbrösle ich einen weiteren Keks und lege ein paar Krümel auf die Tische draußen für die Spatzen.

Ein Mann, der vorne an einem Tisch bei den Fenstern sitzt, zündet sich eine Zigarette an. Er trägt einen Anzug.
”Sie können hier nicht rauchen”, sage ich.
”Immer diese Gängelung von Rauchern”, sagt er. ”Ich dachte, das hier wäre der Raucherbereich.”
”Wir haben keinen Raucherbereich”, sage ich.
”Dann wird’s mal Zeit. Man fühlt sich als Raucher ja schon wie als Mensch zweiter Klasse.”
”Guter Mann, hören Sie mal, dieses Café besuchen auch Schwangere oder Eltern mit ihren Kindern und Menschen mit Asthma. Rauchen ist kein Grundrecht. Was kommt als nächstes? Vielleicht können Sie anfangen zu jodeln, weil sie so gerne vor lauter Glück jodeln und Jodeln ist etwas Schönes? Wenn es andere stört, ist das ja egal, oder? Sie können gerne jodeln, wenn es nicht zu laut ist, aber bitte hier nicht rauchen, verstanden?”
Der Mann sieht mich mit offenem Mund an. ”Aber, aber”, sagt er und rümpft die Nase. ”Wie haben Sie mich genannt? So eine Frechheit. Ich werde mich beschweren. Ich bin Journalist. Ich werde über dieses Café schreiben-”
”Rauchen Sie doch mal eine. Das beruhigt sagen Auchrr ”, sage ich. ”Aber bitte vor der Tür.”
Der Mann drückt die Zigarette demonstrativ am Tisch aus, denn Aschenbecher gibt’s ja keine, packt seine Sachen zusammen und geht.

Noch zwei Stunden bis Dienstschluss. Eine dunkelhäutige Frau kommt vor an die Theke. Sie hat ihre Kinder dabei. ”Einen Latte Macchiato, bitte”, sagt sie mit einem Akzent.
Ich schenke den Kindern Kakao. ”Geht aufs Haus”, sage ich.
”Aufs Haus? Das hatte ich ja noch nie.”
”Da war ich ja auch nicht da”, sage ich. ”Ich bin etwas ganz Besonderes.” Es ist ein Scherz.
”Ja”, sagt die Frau und lächelt verwirrt. ”Das stimmt.” Sie bedankt sich, die Kinder bedanken sich.
Ich habe auch heute Morgen schon einem dunkelhäutigen Mann etwas ausgegeben. Er sagte zu mir, dass ihm kalt sei und fragte mich, ob ich ihm sagen könnte, wo er Handschuhe kaufen kann.
”Es ist doch noch nicht so kalt?”, sagte ich. ”Da brauchen Sie doch nicht jetzt schon Handschuhe.”
Der Mann lächelte und sagte: ”Doch. Es ist immer heiß, wo ich herkomme.”
”Wo kommen Sie denn her?”
Der Mann lächelte. ”Sieht man das nicht? Aus Afrika.”
Er bekam seinen Kaffee, natürlich, umsonst.                                  Ich würde das ja nicht machen, wenn es hier Fair Trade-Kaffee und Kakao gäbe, aber so bleibt mir keine andere Wahl. Das muss ich ja so machen. Das ist meine Wiedergutmachung an Afrika für die Kindersklaven, die ausgebeutet werden für den Kakao und die Schokolade und für das Palmöl gleich mit. Von der Kolonisierung früher müssen wir erst gar nicht reden. Ich bin der Bob Geldof der Barrista. Ich bin nur freundlich zu den wenigen dunkelhäutigen Menschen, die das Café betreten und mit einem Akzent reden oder auf Englisch bestellen. Das ist positiver Rassismus und es ist mir egal. Die übrigen Menschen, bis auf Kinder, alte und sehr nette Menschen, mag ich nicht. Wenn arme Menschen kommen würden, würde ich ihnen auch etwas schenken, oder na ja, für sie stehlen, aber die gehen nicht in “Szene-Cafés”.

Später fliege ich raus, weil ich mich weigere für den Kakao, den Kaffee und den Käsekuchen zu bezahlen, den ich verschenkt habe. Der Chef lobt mich sogar für meine Güte, weil er ein netter Mensch ist, aber ihm und den oberen Chefs geht’s nun mal ums Geld und da kann man keine Mitarbeiter gebrauchen, die anderen etwas schenken und nicht dafür bezahlen. ”Das ist eben Kapitalismus”, sagt er. Anzeigen möchte er mich aber nicht. Wir umarmen uns. Er fragt mich, ob ich ein Künstler oder Nachwuchspolitiker sei. ”So ähnlich”, sage ich und frage mich, warum er mich für einen hält.

Mein erster Arbeitstag in dem Café war kein großer Erfolg. Erfolg ist nichts für Arbeiter- und Migrantenkinder wie mich, sage ich tröstend zu mir und klopfe mir auf die Schulter. Kleiner Mann, was nun?
Ich denke öfter mal, dass ich so ein kaputter Typ wie Michel Houellebecq bin. Ohne den Literatur-Erfolg versteht sich.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Ich schreibe ”Eat the Rich” mit Kreide an die Hauswand einer Edel-Boutique.

Würde Würde Würde

Würde? Liebe? Letztlich nur Konjunktive

Wir würden zusammen in den Park gehen und Kirschen essen. Und nachts Baileys auf der Wiese trinken. Wir würden barfuß durch den Regen laufen. Ich würde dir Gedichte vorlesen, während du mit deinem Kopf auf meinem Schoß liegst. Wir würden tanzen. Durch die Nacht. Und Musik hören. Seifenblasen auf dem Feld. Eis essen in der Stadt. Ein Zelt teilen. Grillenzirpen. Ich würde dir meine Bücher leihen. Und Platten. Wir würden zusammen kochen. Und lachen. Du ließest mich mit deinem Auto fahren. Mit geschlossenen Augen. Gegen die eisige Kälte würdest du mich wärmen. Wir würden auf Geländern balancieren. Und nach Italien fahren, um uns alte Häuser anzusehen. Ich wäre deine Prinzessin. Du mein Prinz. Wir würden zusammen Schach spielen und lachen, weil du alle Tricks anwenden würdest, um zu gewinnen. Wir würden uns alte Filme aus den 50-Jahren ansehen. Und Träumen. Von Japan und New York. Und, was die Zukunft so bringt. Wir würden Hand in Hand in den Sonnenuntergang schreiten. Alles ist wie pappsüßes Kaugummi. Wir würden barfuß durch den Schnee gehen. Fotografieren. Diskutieren. Streiten. Versöhnen. Lieben. Wir würden auf dem Flohmarkt alte Hüte anprobieren. Und die Wolken beobachten. Niemand wäre so wie du. Du wärst mein Krieger, mein Held, mein General. Ich würde dich streicheln. Und Küssen. Ganz nahe bei dir liegen, bis die Zeit stehen bleibt. Wir würden uns Edith Piaf anhören und Wein trinken. Sushi essen. Wir würden reisen. In ferne Länder. Ich würde mich an deine Schulter lehnen. Schluchzen. Weinen. Du würdest mich halten. Umarmen. Deine Stimme würde in mein Ohr hauchen wie rauchiger Jazz. Obsessive Momente. Ein unaufhörliches Schweigen, das Stärke gibt. Ein ausgelassenes Lachen, das Freude gibt. Ein unerhörtes Gefühl. Zusammen würden wir die Erdanziehung überwinden. Ich würde dir vergessene Orte zeigen. Du würdest aus deinem Leben erzählen. Seite an Seite würden wir zusammen einschlafen und morgens würde uns sie Sonne wachkitzeln. Ich würde für dich eine Apfel-Tarte backen und dir über deine zarten Locken streichen. Hand in Hand würden wir am See ins Wasser springen. Wir gegen den Rest der Welt. Ich würde dich nachts anrufen und mit dir reden. Einfach so. Bis der Morgen anbricht. Und dir ein Herz in den Schnee malen. Ich wäre dein Engel. Und du mein Beschützer. Ich wäre ein Regentropfen und du fingest mich auf. Ein freier Vogel auf einem sicheren Ast. Ich wäre deine Königin und du mein König. Wir würden nachts ins Schwimmbad gehen und auf dem Jahrmarkt Mandeln essen. In dem alten Programmkino würden wir in der letzten Reihe dicht beieinander sitzen. Und meine Familie im Ausland besuchen. Im Club triefen sich unsere Blicke, obgleich du bei deinen Freunden stündest. Wir wären zwei und doch eines. Es wären Augenblicke voller Wärme. Flackernde Kerzen. Das Gold des Laubes würden wir in uns aufsaugen. Ping Pong spielen. Wir würden an der Nordsee segeln gehen. Und im Süden Lämmer streicheln. Am Meer würdest du mich küssen. Und es würde niemals aufhören. Du würdest mir zart über die Wange fahren. Am Lagerfeuer. Wir würden die Melancholie des Moments genießen. Um uns herum überall die Kirschblüten. Wir würden die Romantik in kleinen Dingen erkennen. Kein Geld, keine Macht. Wir würden nur uns vertrauen.

Doch leider bist du gar nicht mein Typ. Es sind nur Konjunktive. Bei uns. Bloße Fiktion.

*

Ein Traum von einem Mann

Er war so ein Typ, der Harald-Martenstein-Kolumnen las, und teure Funktionskleidung  in Kotfarben trug, die praktisch war, aber grässlich aussah. Manchmal auch T-Shirts und Dreiviertelhosen oder eine ”einfache Jeans” wie er das nannte. Er machte sich nichts aus Mode, er war Denker. Sein blondes, kurzes Haar glänzte fettig. Man hätte darauf Gammelfleisch braten können. Seinen Kommerz-Film- und Musikgeschmack befand er für gut. Sein Geschmack war erlesen. Deutscher Rap und Trap zum Beispiel, der US-Rapper kopierte. Er dachte, dass der Feminismus zu weit ging. Sein Lieblingsgericht war der billige Döner an der Ecke. Er kochte aber auch gerne mal ein nahrhaftes Gericht. Zu seinen Vorlieben gehörte deutsche Hausmannskost oder ein schmackhaftes Fertiggericht. Hauptsache viel Fleisch. Das durfte aber nicht zu teuer sein. Tiere sind Nahrung. Er betonte gerne, dass er politisch links war, aber dachte, dass die Armen sich schon mal ein bisschen zusammenreißen könnten. Irgendwie waren die auch dumm und selbst schuld. Das hatte er in einem Die Welt-Artikel gelesen und sofort zugestimmt, dabei war er keinesfalls jemand, der einfach so anderen zustimmte. Er war kein Mitläufer. Er hatte sich den schwäbischen Dialekt abtrainiert. Nur manchmal sickerte er noch durch. Wenn er mal zu viel Bier getrunken hatte zum Beispiel. Er schimpfte dann gerne auf andere. Irgendetwas stimmte nie mit ihnen. Zu dumm, zu idealistisch, zu verliebt. Meistens kann niemand etwas für seinen Mundgeruch. Es ist gemein, ihn, den Traum von einem Mann, deshalb nicht zu mögen. Es war nur nicht so schön, als er ungefragt seine nasskalte Zunge in meinen Mund steckte, nachdem er eine Packung Zigaretten geraucht und stundenlang über ”verträumte Linke” gelästert hatte, die die Welt verbessern wollten. Freiwilligen-Arbeit in Afrika oder Südamerika, Spenden, Bettlern Geld geben, Müll trennen, Tierschutz, Fair Trade. Er als einzig wahrer Linker hielt davon nichts. Er war ein Traum von einem Mann. Aus Versehen muss ich seine Nummer blockiert haben.

Olelele

1

 

”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

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Paare

mmm

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie Kinder mal haben möchten.

Diät-Käthe

Käthe hatte sich angestrengt und ganze 28 Kilo abgenommen. Ihr war zwar öfter schwindelig und sie fiel manchmal um, aber was machte das schon, wenn sie jetzt Kleidergröße XXS tragen konnte? Strenggenommen passte ihr XXS gar nicht und sie musste die neue Kleidung, die sie gekauft hatte, zum Schneider bringen, damit die Hosen, T-Shirts und Röcke und sonstiges nicht an ihrem dünnen Körper herumschlackerten. ”Kaufen Sie sich doch mal vernünftige Kleidung,” hatte sie schon die Nachbarin aus dem dritten Stock gerügt. Die, die immer so neugierig war. Käthe wog so wenig – man hätte meinen können, dass sie ein Windstoß umnietet, aber Käthe mochte sich so. Das war ihr neues Ich. Sie liebte ihren neuen ”Look”. Sie fühlte sich wohl. Sie aß eine Karotte am Tag, manchmal auch ein Stück Gurke und wenn sie ganz großen Hunger hatte, gab sie Zitronensaft in ihr Wasser. So kam sie auf ganze 50 Kalorien pro Tag. Der Briefträger hatte sie gar nicht mehr wiedererkannt wegen ihrer eingefallenen Wangenknochen.

Der schnieke Detlef war ganz begeistert, als er Käthe sah. Hatte er ihr doch gesagt, dass er nur auf schlanke Frauen steht, als sie sich bei Tinder kennenlernten. Detlef hatte gesagt, dass er eine Aversion gegen ”fette Weiber” hätte und sich ”mit so einer” nicht blicken lassen könnte und nebenbei bemerkt, dass Käthe ”ja schon etwas fülliger” sei. Als Käthe weinte, sagte er, dass er ja nur ehrlich sei und sie an ihrer Figur arbeiten sollte. ”Laut BMI habe ich Normalgewicht,” entgegnete Käthe. ”Willst du mir gefallen oder diesem BMI?” erwiderte Detlef und verzog das Gesicht. ”Ist das ein Schatten oder ein Damenbart, du Fettklops?” sagte er zu ihr sichtlich angewidert, als sie ihm einen Abschiedskuss geben wollte. Mit so einer könnte er nicht ankommen. Was würden die Jungs vom Stammtisch über ihn denken? Für Detlef war sein guter Ruf von großer Bedeutung. Das war schon immer so. Selbst als er mal ein ganz kleiner Detlef gewesen war. Detlef, oh Detlef, du Lebemann.

Käthe fragte: ”Detlef, wann treffen wir uns wieder?” Detlef seufzte laut und sah gar nicht von seinem Handy auf und swipte fleißig nach links und rechts. ”Hm, die ist nicht schlecht,” murmelte er. ”Aber die ist mir zu alt. Die ist ja schon 37.” Detlef war 39. ”Detlef,” schluchzte Käthe, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Nun war Detlef selbst kein Adonis. Gewiss, die Geheimratsecken und die Speckrollen am Bauch, die Schweißfüße und das Furunkel am After und seine schlecht durchbluteten, dicken, bleichen Beinchen machten ihn zu keiner Attraktion für die Damen- oder Homowelt, wenn er im Vorgarten seiner Mutter herumstolzierte und die Nachbarn lautstark auf ihr Fehlverhalten hinwies (wie den Polizisten Rainer, der im Haus schräg gegenüber wohnte und der immer drei Zentimer zu weit auf dem Bordstein mit seinem Privatauto parkte – Detlef hatte nachgemessen – oder die Friseurin Roswitha, die er beschuldigte ein illegales Bordell zu betreiben, weil sie manchmal Männerbesuch bekam), aber darauf kam es nicht an. Bei einem Mann kam es schließlich auf ganz andere Dinge an. Zum Beispiel darauf, dass Detlef so klug war. Er war so klug, dass andere Menschen gar nicht begriffen, dass er so klug war. Nur die Jungs von seinem Stammtisch begriffen das, aber die begriffen so einiges. Die durchschauten einfach alles und Detlef war ihr Anführer. Natürlich hatte man ihn nicht gewählt oder so etwas, aber er war so eine Art stiller Anführer. Das imponierte Käthe mächtig, dass ihr Detlef – nun, bald würde sie ihn den ihren nennen können, so dachte sie – so klug war und so viel wusste und so einen guten Ruf genoss und so viel begriff. Da hatte ihr das bisschen Hungern gar nichts ausgemacht. Erst hatte sie Almased gemacht und dann eine Fastenkur. So hatte sie in Null Komma Nichts abgespeckt und war jetzt rank und schlank. Detlef pfiff vor Begeisterung bei ihrem zweiten Date. ”Käthe,” sagte er. ”Jetzt kannst du dich wahrlich blicken lassen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Käthe, es ist um mich geschehen.” Er fiel vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand – seine war schweißnass – und küsste sie. Käthe schmolz dahin. So einen Kavalier hatte sie noch nie kennengelernt. Wie konnte sie nicht verliebt sein? Selbst sein Beruf begeisterte sie. Steuerberater. Etwas Solides. Wie schneidig er aussah mit den Socken und den Sandalen und dem fettigen, schütteren Haar. Sie mochte den würzig-schweißigen Körpergeruch, der ihr in die Nase stieg – Detlef rauchte Kette, aß nur Fleisch und trank literweise Bier. Da können die Ausdünstungen schon mal etwas pikanter riechen. Käthe kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Das sollte ihr neuer Freund sein? Ihr neuer Freund? Der sah ja fast so gut aus wie Richard Gere in Pretty Woman. Träumte sie oder war ein Rosamunde-Pilcher-Film Realität geworden und sie spielte die Hauptrolle? Es konnte nicht wahr sein. Jemand müsse sie zwicken, dachte Käthe und verdrückte ein paar Freudentränchen. Sie war verliebt, so verliebt.

Detlef, der Genießer, führte sie zum Rendezvous in ein feines Restaurant. Er aß ein Drei-Gänge-Menü und Käthe aß nichts. Sie musste ja ihre Linie halten. Sie trank nur ein Glas Leitungswasser. Nach Zitrone war ihr heute nicht. Sie hatte – seit sie gar nichts mehr aß – Unmengen an Geld übrig und konnte Detlef zum Essen einladen. Sie war spendabel und konnte es auch sein, da ja keine Kosten mehr für Nahrungsmittel für sie selbst anfielen. Detlef griff zu und bestellte das komplette Menü, das er soeben gegessen hatte, gleich noch mal, so hungrig war er. Er rieb sich den Bauch, als er zu Ende gegessen hatte und ließ sich noch drei Schnaps vom Kellner bringen. ”Zur Verdauung,” sagte er und ließ einen fahren. ”Blähungen,” sagte er. Käthe nickte verständnisvoll. Es gefiel ihr, dass Detlef nicht so vornehm war. Ihr letzter Freund, Daniel, war so etepete gewesen und sie war so froh, dass Schluss war und sie sich neu verliebt hatte. Außerdem hatte sie mal gelesen, dass man die Winde nicht halten sollte, wenn sie doch herausmussten. Sie überlegte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wo sie das gelesen hatte. Der Gedanke, die Erinnerung daran, war wie vom Winde verweht. Sie sah Detlef an. Er war mit offenem Mund eingeschlafen und hatte sich ein bisschen vollgesabbert. Sie war entzückt. Seine schwabbelligen, roten Arme kamen mehr als gut zur Geltung, weil er ein sportlich-elegantes Unterhemd trug. Dazu eine modische Radlerhose. Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild von ihm. ”Ist er nicht hinreißend?” schrieb sie ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe ”Magerwahnsinn” und fügte 15 Herzchen-in-Augen-Emojis an. Sie bekam hunderte von Herzchen zurück. ”Was für ein Bild von einem Mann,” schrieb Susi. ”Du Glückliche, ich bin neidisch,” schrieb Julia. ”Hat der einen Bruder, der Single ist?” schrieb Almgart. Käthe seufzte. Sie verspürte ein Bauchkribbeln. Es war Liebe, das musste Liebe sein, dachte sie. Die Astrologin bei AstroTV, die sie angerufen hatte, hatte Recht gehabt. Bald würde sie ihren Herzensmann treffen, hatte sie gesagt und nun saß er vor ihr. Das war die 178,91 Euro wert, die sie für den Anruf bei der Hotline bezahlen musste. Sie war verliebt, so verliebt. So unendlich verliebt.

Detlef erwachte. ”Hab kurz geschlafen,” sagte er. ”Ich habe von so einer geilen Ollen geträumt mit der ich es getrieben habe. Die war so dünn.” Detlef machte es mit den Händen nach. ”So dünn,” sagte er. ”Ihr Hüftumfang war so dünn, guck so. Die hatte aber Silikon-Dinger. So dünne Weiber haben ja oft nichts in der Bluse, wenn du verstehst, aber die hatte mindestens D oder E. Da konnte man ordentlich kneten. Wie Sauerteig oder so was. Die waren ungefähr so groß, so wie Melonen.” Er leckte sich über die braunen, trockenen, fleischigen Wurst-Lippen. ”Wann willst du dir Silikon reinmachen lassen?” fragte er. ”Ich sag’s dir gleich, ich bezahle dir das nicht, ich hasse das, wenn Weiber immer Geld von einem haben wollen. Das sollen die schön selbst bezahlen und du Käthe, hast es bitter nötig, muss ich dir sagen. Deine Euter sehen aus als hätte man da die Luft rausgelassen, jetzt, wo du abgenommen hast und du solltest so schnell wie möglich, ich sag mal, aufrüsten. Wenn du dir kein Silikon reinmachst, kann ich auch nicht treu sein. Eine Frau muss sich schon ein bisschen Mühe geben für einen Mann. Ich bin nur froh, dass du nicht mehr so fett bist. Wären wir in den Bergen zum Wandern gewesen, hätten die Leute ja gedacht, dass eine Lawine auf sie zurollt, wenn sie dich sehen und beim Spaziergang bei Sonnenuntergang am Strand, würden die ja meinen, es gibt eine Sonnenfinsternis, wenn du fette Wachtel mit mir entlangläufst. Oder die von der NASA oder Esta hätten gemeint, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt und dabei wär’s nur dein Hintern. An der Hand hätte ich dich nicht gehalten. Das wäre mir ja peinlich. Ich meine, so einer wie ich kann jede haben. Nur gut, dass du abgenommen hast. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich dich abservieren könnte, ohne deine Gefühle zu verletzen. Ich bin ja kein Unmensch, aber was soll ich machen. Ich weiß über meine Wirkung auf Frauen. Ich bin unwiderstehlich und kann es mir erlauben wählerisch zu sein.” Er rülpste. ”Hast du schon mal von Vaginalverjüngung gehört?” fuhr er fort. ”Wenn du mehr als drei Sexualpartner hattest, wird das nötig sein, denke ich,” sagte er. ”Nur zwei,” sagte Käthe erleichtert. ”Gut, ich kann es mir ja mal anschauen,” meinte Detlef. Käthe nickte. ”Du,” sagte er. ”Jetzt will ich aber ein Dessert. Nachdem ich schon die Torte im Traum vernascht habe.” Er lachte. Er klang wie ein Walross mit Asthma. Er spuckte ein paar Essensreste auf Käthe, die ihm zwischen den Zähnen steckengelieben waren. Seine Zähne waren in BVB-Farben gehalten, dabei war er VfB-Stuttgart-Fan.

Käthe überkam ein Anfall von Eifersucht. Sie schrieb ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe. ”Das war doch nur ein Traum,” schrieb Christiane. ”Sei froh, dass du einen Mann hast. Ist doch egal, was der träumt,” schrieb Gamse. ”Willst du dir so einen Traummann entgegen lassen? Du eifersüchtige Furie,” schrieb Ralph mit Ph und nicht mit F. Nein, sie war schon zu verliebt. ”Was möchtest du denn zum Nachtisch, Schatz?” flötete sie. Detlef grunzte wie ein Schwein. Das ließ sein Nasenhaar vibrieren. ”Herr Ober,” rief er und winkte den Kellner heran. ”Bringen Sie mir alle Ihre Desserts und das ein bisschen plötzlich. Ich brauche was zu mampfen.” ”Sehr wohl,” sagte der Kellner. Kurze Zeit später kam er mit unzähligen Desserts zurück. Käthe wusste teilweise gar nicht, was der Kellner da an ihren Tisch brachte. Das hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie ging ja nie in feine Restaurants. Strenggenommen ging sie nie in irgendwelche Restaurants und jetzt, wo sie nichts mehr aß, schon gar nicht.

Detlef begann zu esssen. Er langte ordentlich zu. Er schmatzte fürchterlich laut und ein paar Leute vom Nachbartisch räusperten sich mehrmals. Damit wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie entrüstet waren und sich gestört fühlten. ”Das ist unerhört,” sagte eine vornehm gekleidete Dame, die ein Chanel Twin-Set und teuren Schmuck trug. Ihre Begleitung nickte. Käthe schrieb ihrer Whatsapp-Gruppe: ”Leute im Restaurant meinen, ich sei nicht gut genug für Detlef” gefolgt von 15 Wein-Emojis.” ”Du musst eben noch mehr abnehmen,” schrieb Lina und Käthe nahm sich fest vor noch schlanker zu werden. Sie müsste mindestens fünf Stunden Sport am Tag machen. Dann würde das schon klappen. Ab sofort würde sie die Karotte, die sie am Tag aß, streichen oder Moment, vielleicht doch besser die Gurke? Was hat weniger Kalorien? Sie wollte googlen oder ihre Whatsapp-Gruppe fragen oder nein, Detlef – der wusste doch so viel. ”Du, Schatz,” sagte sie. ”Schatz.” Aber Detlef reagierte nicht. Er lag mit dem Gesicht im Kuchenteller. ”Schläfst du wieder, Schatz?” fragte sie. ”Schahatz?” Aber Detlef machte keine Regung.

Und das nie wieder. Man stellte bei ihm eine Herzverfettung fest und deshalb hatte er das Zeitliche gesegnet.

Käthe war untröstlich. Wo sollte sie nur wieder so einen tollen Mann herbekommen? Nicht mal ihre Whatsapp-Gruppe wusste Rat.

Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Alle reden nur über sich

s

Alle reden nur über sich, ich, ich. Alle warten nur darauf, bis sie wieder dran sind mit dem Reden. Eigentlich kann ich nicht alle sagen. Ich kenne sie ja nicht alle. Ich will sie auch nicht kennen. Es hängt wohl auch damit zusammen mit wem man Zeit verbringt, mit wem man im Winter im Park spazieren geht und die Hand hält oder für wen man Playlisten macht oder mit wem man in Bars Whisky und Absinth trinkt und Pläne macht, wo man mal hinfahren könnte und darüber redet, was jetzt der und die macht, die und der und wo der oder die im Urlaub war oder ein Auslandssemsester gemacht und jetzt nach dem Studium hingezogen ist und wie schlecht die Partys sind und wie gut und in welchen Club man nicht mehr gehen kann und wo man vielleicht mal hingehen sollte und was man Leckeres gekocht hat oder wo man gut essen kann und welche neue Band gut ist und welche nicht und warum die neuen deutsche Literatur so schlecht ist und wer jetzt in der Heroin-Entgiftung ist und wer in der Psychiatrie und welche Bio-Limonade die beste ist. Das alles hängt auch immer von einzelnen ab und nicht so sehr von allen. So ist das