“Du sprichst aber gut Deutsch”

Celestes Karriere

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Da standen wir bei einem “Kulturevent” und unterhielten uns.

Ich war schon ziemlich angetrunken und lallte über irgendetwas, was nichts Neues oder Außergewöhnliches ist.

Meine Bekannten waren alte Schulkameraden und Kameradinnen. Wir standen in einem Kreis, als ein Mann und eine Frau mittleren Alters uns ansprachen. Eigentlich unterhielten sie sich nur mit Celeste.

“Ich hole mir noch etwas zu trinken”, sagte ich.
“Schon wieder?” fragte Stephanie.
“Der Mensch ist ein Gewöhnheitstier”, entgegnete ich.

Es gab kostenlosen Wein. Ich nahm mir dieses Mal gleich drei Gläsern mit, damit ich nicht ständig neuen Wein holen musste. Die drei Gläser Wein würden für eine halbe Stunde reichen. Das war genug, um betrunken, aber nicht zu betrunken zu werden. Ich hatte mir das mit dem nicht zu Betrunken vorgenommen.

Als ich wieder zu den anderen zurückkam, standen die Frau und der Mann mittleren Alters immer noch um Celeste herum, aber jetzt hatten sich nur mehr Menschen mittleren Alters angesammelt und auch ein paar jüngere Menschen und so standen sie da wie leere Pfandflaschen. Die älteren sahen aus wie CDU und Schmuck aus dem Afrika-Laden, die jüngeren wie Junge Union mit Antifa gemischt. Irgendwie spießig und langweilig, was ihnen aber selbst nicht bewusst war. Solche konnte man drei Meter gegen den Wind erkennen. Sie hielten sich selbst für cool und weltoffen. Sie waren für Flüchtlinge und offene Grenzen, weil das en vogue war. Sie redeten so viel über Flüchtlinge, aber nie mit Flüchtlingen. Wahrscheinlich wählten sie nicht mal CDU. Sie waren so links, dass sie schon konservativ waren. Aber vielleicht irrte ich mich auch. Das soll vorkommen. Besonders bei steigendem Alkoholpegel. Na ja, wenigstens steigt etwas. Eine seltene Erfolgskurve.
Über was unterhielten sie sich, fragte ich mich.

Ich kam ein bisschen näher. Die anderen, Malik, Eze und Stephanie, standen nun auch mit Celeste und den übrigen zusammen. Ah, sie unterhielten sich über Celestes Karriere. In puncto Karriere konnte und wollte ich nicht so recht mitreden und trank lieber von meinem Wein. Celestes berufliche Erfolge waren auch beeindruckend, aber mich beeindruckte eher, dass der Wein nicht wie der Wein, den ich sonst trank, schmeckte. Nicht nach billigem Essig mit Ethanol in einer Garage in einer Kleinstadt zusammengepanscht, wo sich der dortige Puffbetreiber noch eine Nebeneinkunft sichern möchte – als hätte er nicht schon genug Geld – und denkt, er, als “Lebemann” könnte doch Wein herstellen und “Champagner”, den er Schlampagner nennt und der im Gegensatz zu seinem Wein nach Ethanol, Wasser und Zucker schmeckt. Das wird dann im Supermarkt oder wo auch immer verkauft. Der Wein hier bei diesem “Event” war hingegen gut. Ich trank zwei der Gläser aus. Eigentlich war es vorgesehen, dass jeder nur ein Freigetränk bekommen sollte, aber ich war mal so frei. Alkohol ist meistens kein guter Eskapismus, aber größtenteils ein einfacher, solange es nicht zu einer Sucht wird. Das ist ein schmaler Grat, den ich in Kauf nahm.
Ich legte die ausgetrunkenen Gläser ab und hielt nur noch ein Glas in der Hand. Das war so schön normal.

Eine dünne Trulla mit Dutt mit undefinierbarer Haarfarbe, ungefähr Ende 20, wedelte mit ihrer knochigen, rechten Hand umher. In der anderen hielt sie ein Weinglas. Sie trug einen Siegelring am kleinen Finger der rechten Hand und Kleidung in Erdtönen. Die Augen waren schwarz geschminkt, was ihre Schlupflider betonte. Mir fiel das mit den Schlupflidern auf, weil ich über “die größten Make-up-Fehler, die man machen kann” gelesen hatte. Wenn man nur Make-up-Fehler macht, ist ja alles gut. Dazu trug sie noch dunkelroten Lippenstift, der ihre trockenen, vollen Lippen betonte. Sie sah, dass ich sie beobachtete. Ihr betont gelangweilter Blick wechselte zu arrogant. Ich ahnte, dass sie dachte, dass ich sie auf Grund ihrer Schönheit beobachtete. Adriana Lima war das jetzt nicht, aber das interessierte nie jemanden in Deutschland, wenn es um grundlose Arroganz, verzerrte Wahrnehmungen und aufgeblasene Egos ging.

“Ich mein, man sollte seinen Körper schon verbrauchen. Ich gebe da gar nicht drauf auf diesen ganzen Lifestyle-Mist. Wellness, Selbstfindung und sowas. Man sollte trinken rauchen, wenig schlafen, wenn man will. Scheiß auf die Ernährung. Das ist doch das eigene Recht. Warum alles konservieren, wenn man ja doch nur älter wird. Das ist doch egal. Erfolg ist egal. Lass dich gehen. Bleib im Bett liegen. Warum überhaupt aufstehen, wenn es doch im Bett am schönsten ist. Scheiß auf Verantwortung. Wir haben doch alle so Angst vorm Versagen. Warum es nicht einfach mal nicht versuchen. Warum es nicht einfach mal sein lassen. Dieser ganze Erfolgsdruck. Einfach mal nicht hingehen. Liegenbleiben. Einen Monat schlafen.”

“Das ist ein interessanter Ansatz”, sagte eine der mittelalten. Sie trug eine Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover, einen grauen Blazer sowie eine Perlenkette.

“Ja”, sagte einer der Jüngeren begeistert.

“Ja, sie haut immer so kluge Sachen raus”, meinte einer der Älteren.

“Und wie bezahlst du deine Miete?” fragte ich. Alle sahen zu mir herüber. “Hartz IV?”

Sie zuckte zusammen. “Selbstverständlich kein Hartz IV”, sagte sie. “Das habe ich nicht nötig.”

Nicht Adriana Lima, aber auch Einstein nicht.

Die dürre Trulla sah mich ein bisschen erschrocken an. Mit solch einem abstrusen Gedankengang hatte sie nicht gerechnet, aber anscheinend auch niemand ihrer unterbelichteten Feunde.

Da man auf meine Frage keine Antwort wusste, wechselte man das Thema schnell. Sie redeten wieder über Celeste Karriere. Ausbildung, Studium, Freiwillgenarbeit und jetzt auch “Social Media Influencerin”.

“Das ist ja auch so wahnsinnig spannend, dass Sie als Social Media Influencerin arbeiten. Dass Sie das mit diesen ganzen neuen Medien machen. Das ist ja ein ganz neuer Markt. Wer hätte das gedacht, dass das so florieren würde. Dass man damit Geld verdienen kann. Erzählen Sie mal, wie läuft das so ab? Sie machen Videos über Ernährung und was noch?” fragte die ältere Frau.

“Naturkosmetik, Minimalismus, Umweltschutz”, sagte Celeste.

“Das ist ja ganz süß als Hobby, aber das ist doch kein Beruf”, sagte die Dürre. “Wie gesagt halte ich auch von diesem ganzen Wellness-Zeug nichts.”

“Besser als im Bett liegen als Möchtegern-Soziologe”, sagte ich.

“Ich mache ja nicht nur das”, sagte Celeste.

“Sie verdient aber genug”, sagte ich.

“Ich möchte aufklären über Nachhaltigkeit, Selbstliebe, Rassismus”, sagte Celeste. “Das ist eben so, dass man auf diesen Plattformen wie YouTube und Instagram eine große Reichweite hat und ich erreiche so viele Menschen und das ist eine Message, die ich überliefern möchte. Das hat jetzt nichts mit angeben zu tun, aber ich habe bei Instagram und Youtube ungefähr 250.000 Follower und ich möchte auch, dass Menschen, die so aussehen wie ich, repräsentiert werden in den Medien”,

Die Frau unterbrach sie. “Rassismus”, sagte sie. “Rassismus. Ich habe mich schon gefragt, woher Sie so gut Deutsch sprechen können.”

“Ja, ich mich auch”, sagte ein Mann. “Ein großes Lob. Wo haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?”

“Sind Sie Flüchtling?” fragte ein weiterer Mann. Es schien so aufgeregt zu sein wie ein Hund mit dem man gleich Gassi gehen würde. Unterhielt sich eben etwa mit einem echten Flüchtling?

Die Augen der jüngeren und älteren Menschen leuchteten.

Celeste sah sie verwirrt an. “Nein”, sagte sie. “Ich bin in Deutschland aufgewachsen” sagte Celeste. “Ich bin Halb-Deutsche.”

“Du hast so viele Follower?” fragte die Dürre.

Es war mal wieder ein bescheidener Abend. Da hätte man auch gleich zu Hause bleiben können aber da gab es keine Freigetränke.

Gelungene Integration

Berlin

”Diese ganzen Menschen hier mit Migrationshintergrund,” sagt eine junge Frau laut. Sie ist blond und ungefähr Ende 20. ”Ich bin so… so ergriffen,” sagt sie ganz andächtig zu ihrer Begleitung. ”Es war so gut, dass wir entschieden haben herzufahren.” Ihre Begleitung, männlich, im gleichen Alter, blond, nickt zustimmend.

”Wir sind hier live im Migranten-Geschehen,” sagt die Frau. Der Mann nickt wieder. Er macht Bilder mit einer Spiegelreflex-Kamera.

”Ich fühle mich so kulturell bereichert,” sagt die Frau. ”Warte, ah, mir kommen Tränen. Nein, Tillmann, bitte sieh mich nicht an. Das ist mir peinlich. Bitte schau dir hier diese Menschen an.”

”Ich glaube, wir gehen besser nach Hause, Hannah,” sagt der Mann. ”Das war vielleicht alles ein bisschen zu viel für dich.”

”Ja,” sagt die Frau. ”Wir dürften genug Material für den Artikel haben. Hm, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Aus welcher Richtung sind wir gekommen? Von da oder von da?”

”Ich weiß nicht,” sagt der Mann. ”Die ganzen Migranten, Drogendealer, Alkoholiker, Punker und Obdachlosen haben mich irgendwie abgelenkt.”

”Warte, ich frage mal jemanden,” sagt die Frau. Sie geht auf eine junge Frau mit Kopftuch zu. ”E n t s c h u l d i g u n g,” sagt sie. ”Wo ist denn hier die U-B a h n-H a l t e s t e l l e oder B u s h a l t e s t e l l e? Wir sind nicht von hier. Wir müssen nach M i t t e oder zum P r e n z l a u e r b e r g. Do you speak English?”

Die Frau mit Koptuch sagt: ”Sie müssen nicht so mit dir reden. Ich spreche Deutsch. Ich bin in Berlin geboren.”

”Ach, so. Ja, also, können Sie uns sagen, wie wir zur U-Bahn oder zu einer Bushaltestelle kommen?”

Die Frau mit Kopftuch sagt: ”Hier vorne ist gleich die U-Bahn. Sie kommen dann zur U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor. Von dort können Sie weiterfahren.”

”Danke,” sagt die junge Frau. ”Wissen Sie,” fügt sie hinzu. ”Ich finde es ganz toll, dass Sie so gut Deutsch sprechen und hier so unbedarft in dieser No-go-Area wohnen, in diesem sozialen Brennpunkt, und Sie sprechen auch ganz ohne Soziolekt. Das ist wirklich ganz toll. Oder Tillmann? Was sagst du dazu? Das ist doch wirklich toll.”

”Ja, ganz toll.”

”Und wissen Sie, ja, es gibt Deutsche, die keine Migranten mögen und was gegen Moslems und Flüchtlinge haben, aber wir nicht. Wir finden das alles super. Diese kulturelle Bereicherung. Sehen Sie hier diesen Dönerladen oder den Gemüsehändler, die Taxifahrer. Wir glauben nicht, dass alle Migranten kriminell sind. Wir wählen auch nicht die AFD. Wir sind linksliberale, junge Leute. Wir sind weltoffene Journalisten und wir setzen uns für ein tolerantes Berlin ein. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb wir nach Berlin gezogen sind. Oder Tillmann? Wie Sie das alles meistern. Ihre Integration. Ein ganz großes Lob an Sie.”

”Äh, danke,” sagt die Frau mit Kopftuch. ”Ich muss dann mal weiter. Tschüssi.”

Die junge Frau kichert. ”Tschüssi hihi,” sagt sie. ”Ja, Tschüssi. Tillmann, sag mal bitte ”Tschüssi.”

”Tschüssi.”

Die Frau mit Kopftuch lächelt verwirrt und geht weiter.

”Das war so eine schöne Unterhaltung,” sagt die Frau. Sie ist sichtlich gerührt.

”Ja,” sagt der Mann. ”Wir haben aber auch schon mal bei Mc Donald’s mit einem Migranten geredet.”

”Ja, stimmt. Hm, aber nie wieder Mc Donald’s. Ich meine, jetzt nicht wegen der Migranten. Ich meine, das Essen. Das war ja schrecklich.”

”Ja, finde ich auch.”

”Warte mal, Luisa und Ralf haben mir eine Whatsapp geschickt. Die sind doch momentan auf Feurte. Schau mal, wie schön, das Bild. Hm, findest du nicht, dass Luisa ein bisschen zugelegt hat? Na, die lassen es sich aber gut gehen. Man kann ja den Urlaub genießen, aber dass man sich gleich so gehen lässt? Würdest du mich verlassen, wenn ich so zunehme?”

”Nein, warum? Du gehst doch immer ins Gym. Wir sollten echt mal nach Neukölln ziehen. Das ist jetzt voll hip und da gibt es auch voll viele Menschen mit Migrationshintergrund. Juliane und Frederick wohnen doch auch schon da.”

”Ja.”

Ich renne der Frau mit dem Kopftuch hinterher. Ich rede auf sie ein, sage ihr, dass ich mich verlaufen habe und mir ein Schnösel-Paar, Journalisten oder so, nicht weiterhelfen konnte und ich deshalb jemanden fragen wollte, der wie ein echter Berliner aussieht. ”Wo müssen Sie denn hin?” fragt sie.”

”Hm. Rudi-Dutschke-Straße,’‘ sage ich. ”Zu Le Monde diplomatique.” Sie sagt, dass das aber schon ein ganzes Stückchen ist.

Ich muss gar nicht zur Rudi-Dutschke-Straße.

Ich begegne Tilmann und Hannah von eben in der U-Bahn. Sie starren auf die Displays ihrer Handys. ”Guten Tag, die Fahrscheine, bitte,” sagen zwei Männer laut. Ich werde mal wieder beim Schwarzfahren erwischt. Der Kontrolleur, der meine Daten erfasst, wünscht mir ”trotzdem noch einen schönen Tag”. ”Danke, ‘‘, sage ich. Ich vergesse ihm trotzdem auch noch einen schönen Tag zu wünschen. Ich ziehe, gedanklich, 60 Euro von meinem Gehalt ab.