Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Man muss auch allein sein können. Man muss, man sollte. Allein nachts spazieren gehen, ein Bier in der Hand, Musik auf den Ohren. Man ist allein bis auf ein paar Nachtschwärmern und die Lichter der Stadt. Man muss auch mal allein in seinem Zimmer sitzen, ohne Freunde, ohne Gespräch, ohne Stimulation. Man muss auch mal ganz allein in einer Bar sitzen und sich der beste Freund sein. Man muss sich auch mal mit den großen Denkern begnügen. Ein Buch zur Hand nehmen und lesen, was die schrieben in einer anderen Zeit. Was dachten sie in den 1930ern oder im 15.Jahrhundert? Fühlten sie so ähnlich wie man selbst? Man muss auch mal allein zu einem Konzert gehen oder auf eine Reise. Allein am Strand sitzen oder im Park oder in einem Club. Man muss sich auch mal selbst ein Gericht kochen, nur für sich selbst oder ins Kino gehen. Auch wenn es ein bisschen sticht, auch wenn man die Einsamkeit spürt.

Man muss nicht, man sollte nicht, man kann. Warum nicht? Probier’s.

Sarah

alicecatherine92

Sarah ist nicht so groß, eher kleiner, ihre Haare sind kaffeebraun und ihre Augen mandelförmig. Ihr Urururgroß-Vater war Mongole. Von ihm hat sie diese Augen, sagt die Großmutter.

Sarah trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Oberteil mit Schnürung im Nacken. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt schwarzen Lidstrich und ein bisschen roten Lippenstift. Die Wangen sind gerötet, aber das kommt vom Laufen und der Hitze. Ein Kaffee hier, ein Kaffee da, die Spülmaschine ausräumen – und das schnell, die Finger tun ihr fast ein bisschen weh, so heiß ist das Geschirr noch. Dampf steigt aus der Maschine. Ein Kunde ruft: ”Die Rechnug, bitte.” Sarah rennt und stolpert über ihre eigenen Füße, aber sie fällt nicht. Niemals. Kinder schreien. Eine Mutter säugt ihres; Menschen am Nachbartisch sehen pikiert zur Mutter herüber. ”Ja, muss das denn sein?” Sarah geht hastig in die Küche, damit man sich nicht bei ihr über die Mutter beschwert. Sie holt aufgetauten Kuchen – hier wird nicht selbst gebacken – und legt ihn auf kleine Teller in der Theke. Dann fegt sie den Boden. Bestellungen, Rechnungen.

Ein Mann ist wütend, weil es nur noch Stevia und braunen Zucker gibt statt weißem. Sarah zuckt mit den Achseln. ”Morgen wieder.”, sagt sie. Der Mann schnaubt entrüstet. ”Das kann doch nicht sein.”, sagt er. ”Wo gibt’s denn so was?” Sarah seufzt und rennt zu einem der Tische, nimmt eine Bestellung auf. Eine Frau möchte koffeinfreien Kaffee. Sie muss den Kaffee erst aus dem Keller holen. Sie rennt los und rennt beinahe in den Koch hinein. ”Immer langsam.”, sagt er mit polnischem Akzent und lächelt freundlich. Sie lächelt zurück. Sie rennt die Treppen runter, sucht den Koffeinfreien, eine Verpackung, rennt die Treppe wieder hoch. Neue Gäste strömen hinein. Sie schwitzt ein bisschen, ihr ist heiß. Eine Frau beschwert sich darüber, dass es keinen Erdbeerkuchen mehr gibt. ”Es tut mir leid, aber erst heute Abend wieder.”, sagt Sarah. ”Abends?”, sagt die Frau. ”Wird denn hier noch abends gebacken?”

Sie muss auf die Toilette, aber dafür ist keine Zeit da. Nicht bis Marie und Shivana kommen. In einer Stunde. Sie arbeitet heute allein bis zum Abend. Heute insgesamt nur fünf Stunden. 8,50 die Stunde. Reich wird man nicht, aber so gut ist ihr Deutsch auch noch nicht. Sie versteht viel, aber sprechen kann sie noch nicht so gut; nur ein bisschen. Es reicht für die Arbeit im Café oder für Small-Talk; Geplänkel mit Bekannten. Vorher hat sie geputzt und als Küchenhilfe gearbeitet. Als sie ganz neu in Berlin war. Da musste sie gar kein Deutsch sprechen.

Freunde hat sie noch nicht in Berlin, aber das kommt noch, denkt sie. Sie ist ohnehin, das, was man ein wenig schüchtern nennt. So war sie auch zuhause. Sie ist kein Freund der großen Worte. Sie zeichnet gerne, geht ins Museum, kocht, liest Bücher und hört Musik. Clubs und Partys ziehen sie nicht an. Sie sieht sich lieber einen Schwarz-Weiß-Film zuhause in ihrem Bett an – in der kleinen WG mit dem schiefen Fußboden und der alten, schimmeligen Dusche. Oder sie streichelt den einäugigen Kater Max und kocht oder macht Sade an und tanzt.

Sie ist das, was man hübsch nennt. Männer sehen sie an, starren, versuchen sie anzusprechen. Sie ist eine natürliche Schönheit, jemand, der sich seiner Schönheit gar nicht bewusst ist. Sie steht nie lange vor dem Spiegel, sie mag keine Bilder von sich. Würde ihr jemand sagen, wie schön sie ist, sie würde es nicht glauben. Eitelkeit lehnt sie ab. Komplimente schätzt sie nur, wenn man ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten lobt. So wurde sie erzogen. Eitelkeiten sind für Egozentriker, nicht für Menschen mit Herz und Verstand. Was soll man auch mit dieser Schönheit anfangen, wenn sie doch ohnehin verblasst? Die meisten Menschen sind oberflächlich. Irgendwann wird das Starren der Männer weniger werden oder ganz aufhören. Vielleicht ist es einfach für sie, die Schönheit – die konventionelle – abzulehnen, weil sie schön ist. Darüber würde sie sich aber nie Gedanken machen. Sie denkt lieber über Fair Trade-Kleidung nach oder vegane Ernährung, über ihre Lieblingsbands oder Kunst oder welchen Film sie sich im Kino ansehen möchte – Kino ist gut. Dabei lernt sie immer ein paar neue deutsche Wörter. Der letzte, den sie gesehen hat, war Toni Erdmann. Sie war allein im Kino. Sie mag das so. Der Film, der dunkle Kinosaal. Am liebsten eine Nachmittagsvorstellung. Da ist es nicht so voll und niemand stört sie.

Doch möchte sie in Berlin bleiben oder wieder zurück? Vielleicht nicht nach Hause zurück, vielleicht in eine anderes Land, eine andere Stadt? Berlin ist in Ordnung, denkt sie. Man ist freier als zuhause, auch wenn die Großeltern es nicht verstehen. Warum Berlin? Warum nicht Paris? Warum nicht London? Warum nicht New York? Warum nicht Tokio? Warum nicht Stockholm? Das fragten sie. Sie weiß es nicht. Nach Berlin wollte sie ziehen, weil sie Berlin Calling gesehen hat mit Ezra. Sie war aber nur in wenigen Techno-Clubs. Ein paar mal im Berghain, Sisyphos und Kater Blau. Es ist nichts für sie. Es ist ihr zu laut und zu voll und Techno mag sie nicht. Drogen mag sie auch nicht. Ein Mann, mit dem sie sich in einem Club unterhielt, hat ihr gesagt, dass Berlin ”passé” sei. Alle interessanten Menschen sind nach Leipzig gezogen und die guten Clubs haben zugemacht. ”Berlin is over.”, hat er gesagt. ”Berlin is uncool now. Everywhere gentrification.” Es ist doch auch ein bisschen schön hier, hat Sarah gesagt, aber da war der Mann schön weg.

Was hält sie noch hier? Sie möchte die Sprache lernen, dann weiterziehen. Sie mag Sprachen. Sie würde auch gerne Spanisch lernen. In einem Buchladen mit gebrauchten Büchern hat sie sich ein Buch gekauft. Kafka auf Deutsch. Wenn sie das lesen kann, ohne viele Wörter nachschlagen zu müssen, wird sie in eine andere Stadt ziehen. Paris? Oder die Ostküste Spaniens. Wien? Südamerika? Russland? Afrika?

”Ich war eben auf der Toilette.”, sagt eine Frau. ”Machen Sie da mal sauber. Da sieht’s ja aus.”, sagt sie energisch. Sarah nimmt sich einen Eimer, füllt ihn mit Wasser und nimmt einen Putzlappen. Eigentlich ist das nicht ihre Aufgabe, aber wer soll es sonst machen?

An einem Tisch sitzt eine Gruppe junger Menschen. Sind vielleicht um die 18, 20. Sie unterhalten sich oder hängen über ihren Handys. Manchmal auch beides. Das nennt sich wohl Multi-Tasking. Sie sind laut. Eines der Mädchen war ein bisschen gemein zu Sarah bei der Bestellung. Etwas von oben herab war sie, aber so sind viele der Gäste.

Sie reden über eine Sendung mit Jan Böhmermann und lachen. Dann geht es um ein Mädchen. ”Das ist so eine Schlampe.”, ruft eines der Mädchen. Alle lachen wieder. ”Guckt mal, was mir Mia geschickt hat.”, sagt ein anderes. Alle beugen sich über das Handy. ”Ich muss nach Hause. Ich muss noch etwas für meinen Vortrag über das Judentum früher und heute machen.”, sagt eines der Mädchen und verdreht die Augen. ”Macht ihr das an der Uni auch? Vorträge über Juden oder muss man dann nicht mehr, weil es kotzt mich echt an.”, sagt sie zu einem Jungen, der von oben bis unten in Markenkleidung gekleidet ist. ”Nein.”, sagt der Junge. ”Nur wenn man so was wie Geschichte studiert.” Das Mädchen seufzt. ”Ich wollte den Vortrag nicht machen. Ich wollte lieber einen Vortrag über Facebook machen, aber den macht schon Daniel. Immer müssen wir über die Juden sprechen. Das ist schon voll lange her. Wie oft müssen wir das noch durchkauen? Können wir denn etwas dafür?” Alle in der Runde stimmen zu. ”Immer hört man so viel darüber. Was können wir denn dafür?”, sagt ein Junge. ”Die Juden werden heute nicht mehr verfolgt. Ich verstehe nicht, warum immer irgendetwas mit denen ist.”, sagt ein anderer Junge. ”Es ist doch übertrieben, dass man darüber in Geschichte in der Oberstufe so viel spricht. Ich meine, es gab ja auch noch andere Opfer während des zweiten Weltkrieges. Nicht immer nur die Juden.” Alle nicken. ”Ich find’s gut.”, sagt ein Mädchen leise, aber dann sprechen sie auch schon über eine Party und das Mädchen schweigt. Ein Junge hat zu viel getrunken und peinliche Snapchats gemacht. ”Der feiert sich selbst voll, aber ist so unfassbar dumm.”, sagt ein Junge und sieht wieder auf sein Smartphone.

Marie kommt. ”Du kannst gehen”, sagt die blonde Marie mit den blauen Augen. Sarah nickt. Sie legt die Schürze ab und nimmt ihr Handy und den Schlüssel aus der Schublade und steckt beides in die Hosentasche. ”Bis morgen.”, sagt sie. ”Ich bin morgen nicht da.”, sagt Marie. Da kommt schon eine Frau und fragt nach glutenfreiem Kuchen. ”Das haben wir leider nicht.”, sagt Marie. Die Frau schimpft und fragt: ”Warum haben Sie das nicht?” Marie seufzt. ”Ich arbeite hier nur und bin nicht der Chef. Ich kann Ihnen gerne mal die Nummer von ihm geben und vielleicht gibt’s dann für Sie etwas ohne Gluten.” ”Als ob. Ich gehe woanders hin.”, sagt die Frau schnippisch und geht. Marie verdreht die Augen. Sarah lächelt Marie an. Marie grinst.

Sarah geht nach draußen und spürt die Abendluft auf ihrer Haut. Das ist angenehm. Sie greift in ihren Ausschnitt und zieht den Anhänger raus und sieht ihn sich an, überlegt, ob sie ihn nicht vielleicht wieder unter dem Stoff verstecken soll, gleich auf ihrer Brust neben ihrem Herzen. Sie schiebt den Davidstern wieder unter den Stoff.

Bild: alicecatherine92