Influencer

“Influencer” haben einen schlechten Ruf.
Vergleicht man den Beruf des Influencers mit einem ähnlichen Beruf in den Medien wie z.B. Kulturjournalist oder Kulturjournalistin in einem deutschen Feuilleton, genießt doch die Person, die bei der Zeitung arbeitet, einen viel höheren Ruf als der vermeintlich kapitalistische, oberflächliche, faule Influencer. Du arbeitest bei einer Zeitung? Großartig.
Man denkt nicht, dass der Influencer sich vielleicht mit Nachhaltigkeit beschäftigt und der erfolgreiche Journalist über so etwas wie “Was ich bei Netflix mag” oder “Trends, die ich nicht mag” schreibt oder eben Rezensionen zu Büchern, die man im dritten Strandurlaub in diesem Jahres gelesen hat – und damit man auch ein bisschen tiefgründig wirkt, wird noch der ein oder andere sozialkritische Text schnell auf dem MacBook in der Zwei- bis Dreizimmer-Altbauwohnung, die man im post-gentrifizierten “Szene-Viertel” allein bewohnt, getippt. Da schreibt man dann eben schnell mal wieder etwas über die AfD. Das Thema Flüchtlinge ist ja wieder “out”. Ein Journalist des Feuilletons ist eben kein Kriegsreporter oder Gühnter Wallraff. Schreiben kann so gut wie jeder, Meinungen zu irgendetwas hat auch jeder und oft kommt es eben mehr auf Kontakte als auf Inhalt und Talent an.

Der Beruf des Influencers – “Das ist doch kein Beruf”, spotten manche. Alles, womit man gewissermaßen Geld verdient, ist ein Beruf.
“Das ist keine harte Arbeit”, heißt es weiter. Auch andere, meist angesehene Berufe in den Medien sind nicht immer anstrengend – im Vergleich zu vielen anderen “normalen” Berufen zumindest. Jeder Beruf kann auf seine eigene Art anstrengend sein, auch ein Medienberuf, aber dazu kommt auch noch die meist gute Bezahlung bei vielen Berufen im Medienbereich. Ein Moderator oder eine Moderatorin arbeitet anders, weniger und verdient meist mehr als Krankenpfleger, Kanalarbeiter, Handwerker, Arzt oder Ärztin oder jemand bei der Feuerwehr. Viele Berufe in den Medien – das ist selten “harte Arbeit”, aber am besten vergleichbar mit der Tätigkeit der Influencer.

Muss Arbeit denn “hart” sein? Warum sich und andere über die Arbeit definieren? Im Kapitalismus ist das eben so. Arbeitsverweigerung wie von manchen als “anarchistische Gesellschaftkritik” betrieben, ist dann doch nicht so revolutionär, wenn man dennoch Hartz IV bezieht. Sich in einem harten Beruf zu Grunde arbeiten, weil man etwas leisten “muss”, ist aber genauso falsch. Warum nicht mal den leichten Weg wählen? Warum nicht das Hobby zum Beruf machen? Man kann unabhängig sein und das ist doch schön.

Influencer ist immer etwas, was man selbst daraus macht. Was man selbst als Influencer postet und wofür man sich als Konsument/in entscheidet. Man entscheidet selbst, wem man aktiv folgt und wem eben nicht. Mir ist ein Influencer, der oder die über Zero Waste, Fair Fashion, Umwelt- und Tierschutz, Feminismus, Rassismus, Kinder- und Altersarmut sowie Rezepte, Bücher, Musik und Filme, DIY, Reisen, Kunst, Fotografie und “Aussteigen” aus der Gesellschaft als Selbstversorger und dergleichen postet – und die gibt es ja auch – millionen Mal lieber als jemand, der kein Influencer ist, aber der oder die in den Medien steht und das nur als Selbstvermarktung betrachtet und seine Plattform nie oder so gut wie nie für soziale Zwecke oder Aufklärung nutzt – und das machen ja viele nicht, die entsprechende Follower-Zahlen haben.

Sicherlich gibt es bei vielen Influencern einiges zu kritisieren: Konsum, Zurschaustellung von Reichtum, verletzte Persönlichkeitrechte der eigenen Kinder, Oberflächlichkeiten, das übermäßige Bearbeiten von Bildern, teilweise schlechte Vorbilder für jüngere Follower und so weiter, aber es sind nun mal nicht alle Influencer so. Es ist doch großartig, dass man heutzutage ein Publikum für seine Bilder und Musik online finden kann. Dass man reisen und seine Follower daran teilhaben lassen kann. Dass man sich mitteilen kann und gehört wird. Dass man auf Themen aufmerksam machen kann. Dass man Freunde kennenlernen kann. Dass man andere inspirieren und sich selbst inspirieren lassen kann. Dass man damit Geld verdienen kann, bedeutet nicht, dass es grundsätzlich schlecht ist. Der Influencer entscheidet selbst, wofür er oder sie sich hergibt. Auch ein Nicht-Influencer, der oder die bekannt ist, macht nicht immer ethisch vertretbare Werbung oder hat einen moralisch einwandfreien Arbeitgeber und meist hat er oder sie gar selbst fragwürdige Meinungen.

Soziale Medien liefern uns nicht nur Schlechtes. Wie einfach ist es heute zu wissen, wie es Menschen in anderen Teilen der Welt geht. Wie viele politische Aktivist/innen gibt es, die Plattformen wie Instagram, Youtube und Twitter oder Blogs nutzen, die sich ohne all dies nicht Gehör verschaffen könnten, weil sie von etablierten Zeitungen ignoriert oder vom ihren Regierungen unterdrückt werden. Wie schön ist es, dass es heute auch Body Positivity gibt statt nur “Heroin Chic” und “Size Zero” und das Meinungsmonopol in Modefragen nicht nur bei frauenverachten Menschen aus der Modebranche liegt und dank sozialen Medien auch “normale” Menschen mitreden können.

Ein weitere Kritik, die Influencern entgegen geworfen wird – dies kann kein Beruf mit Zukunft sein. Man muss etwas “Vernünftiges” machen. Man muss leisten. Aber man kann auch in einem “vernünftigem Beruf” redundant gemacht werden oder man kann als Influencer arbeiten und nebenbei oder nach der Influencer-Karriere immer noch eine Ausbildung machen und wenn man gut verdient, hat man ohnehin früh ausgesorgt.
Dieses “Mach etwas Vernünftiges” kennen ja nicht nur Influencer. Man sagt kleinen Kindern schon, dass sie etwas “Vernünftiges” machen sollen. Immer geht es nur um Geld und Anerkennung. Was ist, wenn man nichts Vernünftiges machen will? Was ist, wenn man mit wenig Geld auskommt? Was ist, wenn man etwas Kreatives machen möchte, das nicht viel Geld abwirft? Was ist, wenn man etwas Unterforderndes machen möchte, weil mal Arbeit als Mittel zum Zweck sieht und sich dafür keinesfalls aufopfern möchte oder seinen Wert als Mensch darüber definiert? Arbeit ist Arbeit. Mensch ist Mensch. Sagt euren Kindern, dass sie nette Menschen werden sollen, wenn sie mal groß sind. Das wäre mal ein guter Anfang für eine neue, bessere Welt.

Ich könnte es mir eher weniger vorstellen als Influencer zu arbeiten, weil ich Privatsphäre schätze, aber das bedeutet nicht, dass ich jeden Influencer ablehne, weil es viele gibt, die mir nicht sonderlich zusagen. Statt die Influencer, die man nicht mag, ständig zu kritisieren, auch wenn bei vielen Kritik berechtigt ist, kann man doch mal die guten, die sich Gedanken machen, pushen.

Bewerbung als Reporterin

SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG

Ericusspitze 1

20457 Hamburg

Hi, ihr Süßen,

ich habe gehört, dass bei euch eine Stelle frei geworden ist, da Claas Relotius gekündigt wurde hihi.

Ich bin momentan auf Expedition in Südamerika, in Bolivien genauer gesagt, wo ich ein Naturvolk entdeckt habe über das es noch keine Erforschungen gibt. Ich bin hier seit einem Monat und habe inzwischen die Sprache des Stammes, der mich aufgenommen hat, erlernt. Erst waren die Ureinwohner misstrauisch auf Grund meiner schönen, blonden Haare, aber mittlerweile haben sie mich ins Herz geschlossen. Ich bin ja auch ziemlich süß und liebenswürdig. Der Häuptling hat bestimmt, dass ich seine Nachfolge antreten soll, da er inzwischen in die Jahre gekommen ist. Ich denke aber nicht, dass ich das Angebot annehmen kann.

Ich bin noch ein bisschen erschöpft von meiner Reise an den Kilimanjaro, den ich schuhlos in Rekordzeit von einer Stunde allein bestiegen habe – nicht ganz – mit einem Alpaka mit dem ich mich angefreundet habe und mit dem ich über intentionale Schwingungen – ein physikalisches Phänomen, das ich auch entdeckt habe – kommuniziert habe. Ich warte noch auf die Email des Guiness-Buch der Rekorde, die bestätigt, dass ich mit meinem neuen Rekord aufgenommen wurde. Es ist ärgerlich, dass hier im Urwald der Empfang nicht so gut ist. Ich kann auch nur schlecht in Kontakt mit der syrischen Familie bleiben, die ich bei der Besteigung des Kilimanjaros kennengelernt habe. Das ist eine ganz witzige Geschichte.

Hoch oben auf dem Gipfel traf ich eine Familie mit drei kleinen Kindern. Sie sahen müde aus und waren ausgemergelt, aber hatten ein Leuchten auf den zarten Gesichtern. Zu meinem großem Erstaunen hatten sie eine Deutschlandfahne auf dem Gipfel drapiert. “Warum hängt hier eine Deutschlandfahne?” fragte ich auf Syrisch, das ich kürzlich dank einer App, die ich selbst entwickelt habe, erlernt hatte.

“Wir sind hier in Deutschland”, sagte der Vater stolz. Er zeigte auf etwas. Ich trat näher. Ein Bild von Bundeskanzlerin Merkel. Eingerahmt. Es stand auf so etwas wie einer Kommode. Nicht fachmännisch zusammengezimmert und mit Schnee bedeckt.
Der Vater erzählte von der mühsamen Reise, von Geld, das von einer Hand in die andere wechselte, von schlaflosen Nächten und Hungersnot. Die Flucht – angetrieben von Angst aber auch Zuversicht.
Ich versuchte den Syrern zu erklären, dass sie falsch lagen. Dass dies nicht Deutschland war. Ungläubig blickte man mich an. Mein blondes, teutonisches Haare blendete sie und meine Worte sorgten für Verwirrung. Es stellte sich heraus, dass sie einmal links falsch abgebogen waren. Ich versprach wiederzukommen und die Familie nach Deutschland zu führen. Ich rufe deshalb zu einer Spendenaktion in Ihrem Blatt für diese Familie auf. Ich werde das Geld, das zusammenkommt, selbstlos verwalten und es persönlich übermitteln. Vielleicht fliege ich dafür mit einem Raumschiff nach Deutschland. Mein Altruismus ist grenzenlos.

Ich lernte in Brasilien ein weiteres Urvolk kennen, das den Kontakt zu jeglicher Zivilisation scheut. Mein blondes Haar wirkte vertrauenswürdig und nach kurzem Small Talk auf Spanisch, das ich ebenfalls fließend wie Tagalog, Ungarisch, Französisch, Englisch, Latein, Alt-Griechisch und Zulu beherrsche und das ein Jüngling, der Sohn des reichsten Mannes dieses Volkes, der einige Zeit in Andalusien verbracht hatte, sprechen konnte und sich mit mir angeregt unterhielt, führte man mich zu einem Feld und sagte, dass dort regelmäßig ein UFO landete und man in Kontakt zu Außerirdischen stünde. Ich muss aber noch einmal zurück und das Ganze erforschen. Ich lerne derzeit brasilianisches Portugiesisch, was mir meine Erforschungen erleichtern wird. Ich möchte ja keine Fake News verbreiten. Ich mache keine Lügenpresse, hihi.

Das erinnert mich aber ein wenig an meine Reise nach Indonesien, wo ich beinahe ein neues Welt-Wunder entdeckte, aber es dann doch nicht dazu kam, weil ich eine gesamte Großstadt durch meine außerordentlichen Fähigkeiten rettete.

Ich bin ein bescheidener Mensch und es beschämt mich, dass das hier den Anschein erwecken könnte, dass ich mich selbst rühme. Mein Talent als Reporter ist aber unleugbar, wenn ich das so sagen darf. 

Ich kann nicht so viel schreiben, weil ich ein gestohlenes Kunstwerk an seinen rechtmäßigen Platz in einem südeuropäischen Museum mit meinem selbstgebauten Hubschrauber zurückfliegen muss. Ich habe dafür einen Deal mit einem international bekannten Kunstfälscher und einem russischen Oligarchen in Tokio ausgehandelt, sodass das gestohlene Gemälde wieder in Kürze im Museum von der Öffentlichkeit studiert werden darf. Das ist alles top secret und leider kann ich noch nicht so viel darüber schreiben. Ich habe dafür meine Kontakte spielen lassen und gegen Diamanten, die mir ein afrikanischer Prinz hat zukommen lassen, eingetauscht. Ich und meine Deals, hihi. Ich hätte sie natürlich auch selbst behalten können, aber so bin ich nicht.

Ich muss mich eigentlich für meine Rolle als neuer James Bond vorbereiten, aber es gibt so viel zu tun als erfolgreicher Reporter. Mein Handy klingelt. Wer kann das sein? Ah, es ist Trump, dieser US-amerikanische Trottel. Sicherlich möchte er mich mal wieder zum Golfspielen einladen, aber dabei bin ich schon mit Obama verabredet. Trump hat mir erzählt, dass er eine Rakete aus Mexikanern bauen und dann im Mittleren Osten abwerfen lassen wollte. Ich konnte es ihm aber durch mein diplomatisches Gespür ausreden, habe aber auch auf meine saudi-arabischen Kontakte gesetzt. Ich habe unzählige Kontakte und habe so viel zu tun, aber helfe, wo ich kann.

Edward Snowden, Julian Assange und ich arbeiten momentan an einer gemeinsamen Fernsehserie für Netflix und ich habe 100 Kinder aus Syrien und dem Irak bei mir aufgenommen, aber ich hätte Zeit, um bei Ihnen als Reporter anzufangen.

Kiss
❤❤❤❤❤

Vom Erfolg verwöhnt

Der 10-Euro-Schein wird jetzt auch im Discounter geprüft.

 

Assoziationen dazu

 

Erfolg

reich aussehen

Rich bitch

Forbes-Liste

Financial Times

Konto in der Schweiz

Monaco

Ski fahren in St. Moritz

Penthouse in den Weltmetropolen New York, Tokio, London, Paris

Hubschrauber-Taxi

Champagner in einer Wasserpistole aus Gold für Wasserspiele auf Kokain in Miami

Shopping in Dubai

Den Lieblings-Friseur von einer Oligarchen-Hochzeit aus Russland einfliegen lassen, wo Beyoncé gesungen hat

Ein Hollywood-Schauspieler sitzt in meinem Jacuzzi auf der Terrasse meines Hauses in den Hollywood-Hills

Ich zünde mir kubanische Zigarren mit Schweizer Franken an

CEOs und ich haben den gleichen Dealer

Ich lasse meinen Fitness-Trainer mit meinem Privatjet nach Paris kommen. Er kommt von Meghan Markle

 

 

 

 

Aber merke:

Geld allein macht nicht glücklich

 

Careerwoman

Ich habe mich um einen Job beworben und mir dafür eine seriöse Email-Adresse gemacht und mit dieser die Bewerbung abgeschickt. Nicht so etwas wie 420legalizeitalter@aol.de oder so. Ich war da so müde und habe die Emailadresse vergessen. Jetzt muss ich vielleicht von 420legalizealter@aol.de schreiben: ”Ey Bruder, hast du meine Bewerbung bekommen? Ich habe meine Email vergessen. Deshalb muss ich von der hier antworten. Also, was ist jetzt? Von der schnellen Sorte bist du aber nicht. Wenn du mir bis 12 Uhr nicht antwortest, suche ich mir etwas Neues.” und wenn er dann immer noch nicht schreibt, schreibe ich noch mal: ”Schreibst du jetzt mal oder was?” und dann wie ein beleidiger ”Nice Guy” schreibe ich: ”Ich will deinen dummen Job sowieso nicht.” und dann noch ein paar Beleidigungen das Aussehen des Mannes betreffend wie ”Du bist mir sowieso zu hässlich. Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt geschrieben habe. Ich kann jeden haben. Ich habe deinen Job nicht nötig. Was denkst du denn, wer du bist, Schlampe”, aber er scheint ein netter Typ zu sein, mein neuer Nicht-Chef.

Männerfreundschaft

”Ich würde das auch so machen, wie’s Felix gesagt hat,” sagte Daniel. ”Man muss es noch ausarbeiten, aber ich find’s gut.”

Er sah zu Felix herüber, der zufrieden nickte.

”Meinungen?” sagte der Chef fragend in die Runde.

”Es ist gut, aber ich würde es ein bisschen anders machen,” sagte Lisa. ”Ich denke, dass der Kunde eher nach etwas anderem sucht. Ich habe ihn genau beobachtet und denke, dass Felix’ Einfall gut ist, aber nicht ganz das, was der Kunde möchte.”

Felix fiel die Kinnlade herunter, Daniel riss die Augen und den Mund auf. Er sah aus wie ein Fisch an Land.

”Gut,” sagte der Chef. ”Morgen habe ich Ihre Version auf meinem Schreibtisch, Frau Schwedt. Schönen Tag noch.”
Er stand auf, nahm die Akten vom Tisch und ging in sein Büro.

”Warum hast du das gemacht?” sagte Felix, als der Chef außer Sicht- und Hörweite war.

”Was?” fragte Lisa.

”Na, das.”

”Was?”

”Gesagt, dass du es anders machen möchtest?”

”Warum nicht? Warum darf ich nicht meine Meinung sagen?” fragte sie nüchtern.

”Ich spüre hier zickige Schwingungen,” sagte Felix.

Daniel lachte.

”Bitte? Eine Frau äußert eine Meinung und ist gleich eine Zicke?”

”Moment mal,” sagte Felix. ”Wer hat dich bitte zickig genannt?”

”Du übertreibst ja maßlos,” sagte Daniel. ”Das hat keiner gesagt. Hast du deine Tage oder was?”

Sie lachten.

”Ich bin mal gespannt, was du aus dem Projekt machst,” sagte Daniel verächtlich.

”Komm, Felix, wir gehen lieber. Hier ist mir die Stimmung zu geladen.”

”Es kann ja nicht jeder mit dem Chef ficken,” sagte Felix.

”Bitte?” sagte Lisa entrüstet. ”Was soll das jetzt hier?”

”Oh, da zickt sie wieder,” sagte Daniel. Beide Männer lachten.

Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und arbeitete ihre Version der Kampagne in einer halben Stunde aus und übergab sie dem Chef.

”So schnell, Frau Schwedt?” sagte der Chef lobend.
Er überflog ihr Konzept. ”Gut,” sagte er. ”Sie halten gleich eine Präsentation und dann entscheide ich mich.”

 

Die Mitarbeiter wurden einberufen und saßen wieder am großen Tisch zusammen.

Lisa war ein bisschen aufgeregt. Sie war noch neu in der Agentur, aber sie wusste, dass sie das machte, was ihr lag. Dass sie Talent hatte. Ihre Stimmte zitterte etwas bei der Präsentation, aber schnell verflog die Aufregung und sie erzählte frei. Der Kunde wollte eine Werbe-Kampagne, die den jungen Mann von heute ansprach. Der Mann, der modern ist und weltoffen. Lisa fiel das leicht. Sie dachte an ihren Bruder, ihren besten Freund und ihren Freund und sie dachte auch daran, wie ein Mann ihrer Meinung nach sein und nicht sein sollte.

”Gut,” sagte der Chef. ”Meinungen?”

Felix räusperte sich. ”Ja, es ist ja nicht schlecht,” sagte er. ”Aber ich muss schon sagen, dass ich als junger, moderner, weltoffener Mann mich da nicht so angesprochen fühle.”

”Ich auch nicht,” warf Daniel ein.

”Es klingt schon etwas zu weiblich. So wie Frauen Männer sehen oder so etwas.”

”Ja, so Sex and the City-mäßig. Gefühle und gut angezogen.”

”Das ist ja keine Kampagne für eine Frauenzeitschrift oder Make-up.”

”Was hat das damit zu tun? Das ist keine konstruktive Kritik. Ich sehe mir nicht Sex and the City an, ich lese keine Zeitschriften und ich trage auch kein Make-up,” sagte Lisa.

”Das solltest du vielleicht mal,” sagte Daniel. ”Würde dir gut stehen.” Er lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

”Das ist doch nur ein Witz,” sagte er. ”Du bist immer so sensibel. Was soll das?”

”Wollen wir professionell arbeiten oder Witze machen?” sagte sie.

”Das ist sie wieder, Lisa, die Zicke,” sagte Felix.

”Meine Herren, verschieben Sie Ihr Geplänkel auf später. Der Kunde wartet. Wir stimmen ab. Wer ist für Herr Schmidt-Finks Kampagne?”

Felix sah zu Matthias. Matthias hob die Hand. Er sah zu Julian, Murat, Ulf, Ralf und Claudia. Sie hoben die Hände. Auch die anderen hoben nacheinander die Hände. Felix lächtelte zufrieden.

”Wer ist für Frau Schwedts Vorschlag?”

Nur Alex hob die Hand, aber er war ohnehin nicht beliebt und würde bald herausfliegen.

”Gut,” sagte der Chef. ”Ich mochte beide Kampagnen, aber Sie haben mich überzeugt.”

Lisa war noch in der Probezeit und musste die Sprüche und gemeinen Zettel nicht lange aushalten. Lisa, die Zicke. Selbst Claudia, die einzige Frau neben Lisa, hielt sich aus der Sache heraus. Sie wollte nicht als Zicke wie Lisa gelten. Sie war nicht so. Sie war ganz anders. Sie stand gerne bei den Männern und spielte sich nicht so auf wie Lisa. Sie war nicht so wie Lisa. Nicht so eine Zicke wie Lisa.

Der Kunde war nicht zufrieden mit Felix’ Vorschlag und man bot ihm nachher Lisas Version an, die ihn begeisterte, aber da war Lisa schon nicht mehr in der Agentur. Sie konnte die Kampagne später im Fernsehen und auf Plakaten bewundern. Die Agentur erhielt ein großes Lob in der Branche und gewann sogar einen Preis. Lisa ging wieder auf Jobsuche. Das war gar nicht so leicht, weil sich herumgesprochen hatte, dass sie ein bisschen schwierg war.