Tipp für die Ladies

Ich war vor Kurzem mal in einer Bar mit einem Freund. Es war schon Morgen und Resteficken-Zeit.

Ein Typ nach dem anderen wollte mich ”klarmachen”, was mir wenig schmeichelte, da sie alle betrunken oder auf Drogen waren (oder beides) und ich, neben einer mürrisch blickenden Goth-Braut mit der Ausstrahlung eines unkastrierten Pitbulls, die mich finster ansah, die einzige Frau in dieser heruntergekommen Kneipe war.

Ich rede mit dem Freund und da kommt so einer an und sagt: ”Worüber redet ihr?”

Das war so ein ”Hipster-Bro”, der vermutlich gerne Bier trinkt, How I met your mother guckt, Tiefkühlpizza isst (mache ich natürlich auch), Internet-Pornos und Tattoos mag und denkt, dass er ein guter Skater sei und unpolitisch ist und Kollegah ist sein großes Vorbild, aber nicht Haftbefehl, denn der ist zu straße und zu ghetto und damit kann man sich so schlecht identifizieren.

Er trug eine Wollmütze. Das ist ja der Hipster-Bro-Style.

Der Typ kommt zu mir und sagt: ”Worüber redet ihr?” und ich sage wahrheitsgemäß: ”Feminismus.”

Der Typ sieht mich angeekelt an und sagt ”Igitt.” und will gehen.

Ich, in meiner bierseeligen Stimmung, möchte nett sein und ihm erklären, was Feminismus ist, weil die Ignoranten, die den Feminismus nicht ”mögen”, wissen ja nie, was das ist. Sie sind ja nicht umsonst ignorant mit Tendenz zur Dummheit. Die denken, dass Feministinnen allesamt behaarte Kampflesben sind, die Männer hassen (shout-out to euch, ich mag euch. Lasst es sprießen) oder ”leichte Mädchen”, die so hohl und narzisstisch sind, dass ihr Horizont sich auf #freethenipple und ihre Unzufriedenheit oder Zufriedenheit mit ihrem Körper beschränkt und warum Polyamorie das viel bessere Beziehungs-Modell ist und die spießigen Zweier-Paare haben das nur nicht begriffen und ”queer” sind diese Trend-Feministinnen natürlich auch, aber sie sind nie mit Frauen zusammen und Femen sind ja voll toll und so und Pussy Riot, omg, so krass toll und so.

Ich wollte dem Hipster-Bro erklären, dass es Strömungen im Feminismus gibt und dass Feminismus eine internationale Bewegung ist mit vielen verschieden Meinungen, was nun gut oder die ”Wahrheit” ist und dass Feminismus etwas ist, dass jeder vernunftbegabte, intelligente Mensch unterstützt und dass es eben immer noch viel zu tun gibt, was die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft und nur ein Trottel würde das nicht verstehen, aber der Hipster-Bro hatte es ja so eilig wegzukommen und da dachte ich mir, dass ich endlich weiß, wie man aufdringliche Typen los wird:

Fangt an über Feminismus zu reden und schlagt sie in die Flucht.

Das dürfte auch bei ”Prolls” klappen. Prolls sind die, die jeden Sommer an den Ballermann fahren und da One-Night-Stands haben oder es versuchen und die mal eine Statistenrolle bei Berlin Tag und Nacht hatten und die schon mal bei einem Frauenarzt-Konzert (der Rapper) waren und auch bei Bass Sultan Hengzt und deren Lieblings-Djs sind David Guetta und Robin Schulz und ihre Mutter macht noch ihre Wäsche. Die sind eigentlich ganz nett, aber ihr werdet sie mit Feminismus langweilen.

Vorsicht:

Passt auf, dass ihr nicht an den ”Feminismus-Versteher” geratet. Das ist der, der so tun wird, als sei Feminismus auch für ihn wichtig und er macht einen auf verständnisvoll und hört euch zu und so, aber das macht er nur, weil ihr eine Vagina habt (oder nicht, aber eine Frau seid) und er einen Penis und er denkt, dass die beiden sich mal näherkommen sollten.

Mit wirklichen ”männlichen Feministen” solltet ihr natürlich munter drauflosschnackseln oder ihr könnt heiraten und nach Norwegen auswandern oder so oder Freunde werden oder ein gutes Gespräch führen und nett sein. Falls ihr Kinder bekommt, impft die doch bitte und verlasst euch nicht auf die Herdenimmunität.

Bitte, gern.

Fastenkur

Sie sagte, dass sie einen Monat nichts mehr essen wollte, vielleicht auch sechs Wochen. Sie wollte sich nur noch von Licht und Glück ernähren. Sie wollte zu sich finden.

Dass sie mal so etwas bringen würde, hatte ich mir sofort gedacht, als ich sie das erste Mal sah. Sie trug eine bunte Haremshose, ein weißes, langes Top und eine weite Jacke darüber und hatte langes, hellblondes Haar. Sie war gebräunt, aber nicht geschminkt. Sie trug keine Schuhe. So sah sie eigentlich immer aus. Nur ab und zu trug sie mal Schuhe. Irgendein Paar, das sie sich mal auf Bali gekauft hatte. Ich hatte gedacht, dass sie vielleicht Kifferin sein würde, aber davon hielt sie leider nichts. Ich mochte sie, aber das war eine Enttäuschung. Es muss ja nicht jeder Kiffer sein, aber versuchen kann man es  zumindest. Nicht mal LSD oder Pilze nahm sie. Ich war darüber schon ein bisschen enttäuscht. Ich hatte gedacht sie sei ein Hippie, dabei war sie nur Esoterikerin. Die beiden Begriffe können sich überschneiden, aber leider nicht immer.

”Ich werde dann auch mal in den Wald gehen”, sagte sie.

”Okay”, sagte ich.

”Und meditieren.”

”Klingt gut.”

Ich war nicht so begeistert, dass sie ging, ohne mich zu fragen, was ich heute noch so machen würde. Ich lege großen Wert auf Höflichkeit wie man sich denken kann. Als könnte sie meine Gedanken lesen, drehte sie sich um.

”Und was machst du heute noch so?” fragte sie.

”Das sage ich nicht”, sagte ich. Ich bin jemand, der großen Wert auf Privatsphäre legt.

”Ach, so”, sagte sie.

”Wenn Fabian vorbekommt, kannst du ihm sagen, wo ich bin?”

”Ja”, sagte ich.

Fabian war ihr Freund. Sie nannte ihn aber nicht ”ihren Freund”, weil sie meinte, dass das zu besitzergreifend klang. Fabian wollte sich mit ihr verloben, aber das lehnte sie konsequent ab. Sie kamen zusammen, als sie beide 15 waren. Das heißt 12 Jahre waren sie jetzt schon ein Paar. Erst hatte sie Fabians Heiratsanträge immer so abgelehnt, indem sie sagte, dass sie erst heiraten wollte, wenn auch die Homo-Ehe legal sein würde. Als es dann so weit war, sagte sie einfach immer nur nein. Fabian hatte es schon mit Rosen, Kerzen, Geigern, mit einer romantischen Reise auf die Malediven als Vor-Hochzeitsreise sozusagen, einem Tattoo mit ihrem Namen auf der Haut über seinen Herzen und selbstgeschriebenen Gedichten, versucht, aber nichts konnte sie umstimmen. Fabian wollte unbedingt heiraten. Fabian war Scheidungskind.

”Kannst du ihm auch sagen, dass ich nein sage, falls er wieder mit einem blöden Heiratsantrag ankommt?”

”Ja”, sagte ich.

Ich war froh darüber, dass sie für ein paar Stunden im Wald bleiben würde. Endlich konnte ich mich nackt ausziehen. Na ja, nicht ganz. Ich trug noch ein Bikini-Oberteil. Ich mag das nicht so, wenn die Brüste herumschwingen. Wäre ich Jennifer Lopez, würde ich mir vielleicht jemanden einstellen, der mir die Brüste hält, aber so tat es das Oberteil.

Was würde ich machen? Ich betrank mich mit zwei Flaschen Wein und tanzte in der Küche und im Wohnzimmer. Ich konnte das aber nicht so genießen, weil ich nicht wusste, wann sie nach Hause vom Meditieren kommen würde. Ich bin ein bisschen schüchtern und möchte nicht, dass mich jemand nackt sieht. Das gehört sich irgendwie nicht. Das könnt ihr nicht verstehen. Ihr seid ja alle verdorben. Sie kam aber auch nach Mitternacht nicht. Ich schickte Fabian eine SMS und fragte, wann sie kommen würde. ”Sie bleibt im Wald”, schrieb Fabian zurück. ”Wie meinst du das?” fragte ich. ”Wegen der Fastenkur”, schrieb er. ”Wie lange macht sie das?” fragte ich. ”Das hat sie doch gesagt. Sie hat gesagt mindestens einen Monat. Vielleicht kürzer, vielleicht länger. Es hängt davon ab, ob sie die Fastenkur durchhält.” Dann folgte noch ein ellenlanger Monolog über das, was Fabian dachte. Er hatte Angst, dass sie bei seinem nächsten Heiratsantrag vielleicht zu hungrig sein würde und nicht mehr ganz bei Verstand und wenn sie annahm, dann meinte sie das vielleicht nicht so. Ich brauchte zehn Minuten, um das zu überfliegen. Ich schrieb zurück ”k”.

An sich freute ich mich darüber, dass ich die Wohnung ein paar Tage oder vielleicht ein bisschen länge für mich allein haben würde, aber ich konnte mich nicht so gut entspannen, weil ich mich immer fragte, wann ich mich anziehen müsste und sie nach Hause kommen würde. Ich wollte ja nicht nackt sein. Das hatte ich bereits erwähnt. Wenn ihr nicht so verdorben wärt, würdet ihr das verstehen. Ein paar Tage ging das so. Ich versuchte, aber konnte es nicht genießen. Ich sagte mir immer wieder, dass ich es genießen sollte und dann genoss ich es kurz und vergass es wieder und dachte darüber nach, dass sie ja bald kommen würde und wie schnell könnte ich mich anziehen, bevor ich die Tür hörte und sie mich nackt sah? Ich trank Energy-Drinks, damit ich nicht schlief und mir keine Sekunde allein zu Hause entging. Ich war ein bisschen zittrig davon und nach einer kurzen Zeit fühlte ich mich so, als hätte ich Halluzinationen. ”Was ist denn das für ein Zeug”, schimpfte ich und dachte darüber nach mir Speed zu kaufen. Davon bekam ich zumindest keine Halluzinationen, aber Speed war mir irgendwie zu unglamorös und ich bin meiner Meinung nach eher glamorös. Und außerdem musste man beim Speed-Kauf auch immer so blöden Small-Talk mit dem Dealer führen. Ich kenne leider keinen wortkargen Dealer. Alle reden sie auf einen über irgendeinen Mist ein, der mich so gar nicht interessiert. Beim Energy-Drink-Kauf muss man nur kurz hallo und danke sagen. Man kann Blickkontakt vermeiden. Ja, sicher. Man kann beim Drogenkauf Sonnenbrille tragen und wenn man das beim Energy-Drink-Kauf im Supermarkt macht, konnt man so möchtegern-cool herüber, wenn man die Brille nicht an der Kasse abnimmt, aber ich weiß auch nicht. Supermarkt ist unpersönlicher. Aber wenn man da immer hingeht, kennen sie einen ja auch als die Verrückte, die immer Energy Drinks kauft und dann muss man immer zu anderen Supermärkten, bevor jemand einen kennt. Immer noch besser als Dealer. Außerdem bieten mir Dealer oft etwas ”umonst” an gegen Sex, aber ich möchte mich nicht für Speed prostitutieren. Dreier mit ihren Drogenfreundinnen bietet man mir auch an, aber ich möchte keine Dreier mit dünnen, blassen Frauen und Männern zu lautem Techno in einer deprimierienden Wohnung. Ich mag eher braungebraunte, wohlgenährte Menschen. Ein Dreier klingt mir aber auch zu stressig irgendwie.

So ging das noch ein paar Tage weiter und dann hörte ich sie. Sie war an der Tür. Die Tür wurde geöffnet und sie war zurück. Ich hatte mich dazu entschieden auch das Bikini-Unterteil dauerhaft zu tragen und hatte nicht mehr so große Angst von ihr nackt gesehen zu werden. Bikini war mir auch ein bisschen unangenehmen, ich bin ja nicht so drauf wie ihr, aber es war nicht nackt.

Ich erschrak ein bisschen. ”Wie siehst du denn aus?” fragte ich.

Ihr Haar sah zerzaust aus. Sonst war es immer schön weich. Sie hatte Erde im Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie sich ”black face” gemacht. Sie stank auch ein bisschen. Und sah unfassbar dünn aus.

”Ich habe mit Pflanzen gesprochen”, sagte sie. ”Ich habe mich von Licht ernährt. Ich hbae mich verletzt und geheilt. Ich habe auf dem Boden gelegen und mich in der Erde gewälzt. Ich habe die Luft inhaliert. Ich habe mich mit Tieren angefreundet. Ich habe Käfer gestreichelt”, sagte sie.

”Hast du abgenommen?” fragte ich. ”Vielleicht sollte ich auch mal in den Wald.”

”Ja”, sagte sie.

Dann ging aber auch schon die Tür auf und Fabian stürmte herein.

”Mein Baby”, brüllte er und fiel ihr in die Arme. Sie fingen an sich laut mit viel Zunge zu küssen.

”Ich habe dich so vermisst”, sagte sie.

”Ich dich auch”, sagte er. ”Willst du mich jetzt endlich heiraten?”

”JA”, sagte sie.

”Du meinst es doch auch?”

”JA’,’ schrie sie.

”Nein, Baby. Erst musst du wieder essen und dieses Mal musst du mich fragen, wenn du willst.”

”Ja.”

”Wisst ihr”, sagte ich. ”Fabian scheint der Richtige zu sein. Ich stehe hier im Bikini und er hat mich nicht mal angesehen, dabei bin ich ein Prachtweib. Ich mag das auch, dass Fabian dich nur heiraten möchte, wenn du auch willst. Er fragt vielleicht zu oft, aber er möchte dich nur heiraten, wenn du auch willst”

”Äh”, sagte Fabian beschämt. ”Danke.”

Er nahm seinen Jutebeutel und holte Karotten heraus und begann seine Bald-Verlobte zu füttern. Das war Romantik. Ich würde bei der Hochzeit das Blumenmädchen sein, sagte ich.

Würde Würde Würde

Würde? Liebe? Letztlich nur Konjunktive

Wir würden zusammen in den Park gehen und Kirschen essen. Und nachts Baileys auf der Wiese trinken. Wir würden barfuß durch den Regen laufen. Ich würde dir Gedichte vorlesen, während du mit deinem Kopf auf meinem Schoß liegst. Wir würden tanzen. Durch die Nacht. Und Musik hören. Seifenblasen auf dem Feld. Eis essen in der Stadt. Ein Zelt teilen. Grillenzirpen. Ich würde dir meine Bücher leihen. Und Platten. Wir würden zusammen kochen. Und lachen. Du ließest mich mit deinem Auto fahren. Mit geschlossenen Augen. Gegen die eisige Kälte würdest du mich wärmen. Wir würden auf Geländern balancieren. Und nach Italien fahren, um uns alte Häuser anzusehen. Ich wäre deine Prinzessin. Du mein Prinz. Wir würden zusammen Schach spielen und lachen, weil du alle Tricks anwenden würdest, um zu gewinnen. Wir würden uns alte Filme aus den 50-Jahren ansehen. Und Träumen. Von Japan und New York. Und, was die Zukunft so bringt. Wir würden Hand in Hand in den Sonnenuntergang schreiten. Alles ist wie pappsüßes Kaugummi. Wir würden barfuß durch den Schnee gehen. Fotografieren. Diskutieren. Streiten. Versöhnen. Lieben. Wir würden auf dem Flohmarkt alte Hüte anprobieren. Und die Wolken beobachten. Niemand wäre so wie du. Du wärst mein Krieger, mein Held, mein General. Ich würde dich streicheln. Und Küssen. Ganz nahe bei dir liegen, bis die Zeit stehen bleibt. Wir würden uns Edith Piaf anhören und Wein trinken. Sushi essen. Wir würden reisen. In ferne Länder. Ich würde mich an deine Schulter lehnen. Schluchzen. Weinen. Du würdest mich halten. Umarmen. Deine Stimme würde in mein Ohr hauchen wie rauchiger Jazz. Obsessive Momente. Ein unaufhörliches Schweigen, das Stärke gibt. Ein ausgelassenes Lachen, das Freude gibt. Ein unerhörtes Gefühl. Zusammen würden wir die Erdanziehung überwinden. Ich würde dir vergessene Orte zeigen. Du würdest aus deinem Leben erzählen. Seite an Seite würden wir zusammen einschlafen und morgens würde uns sie Sonne wachkitzeln. Ich würde für dich eine Apfel-Tarte backen und dir über deine zarten Locken streichen. Hand in Hand würden wir am See ins Wasser springen. Wir gegen den Rest der Welt. Ich würde dich nachts anrufen und mit dir reden. Einfach so. Bis der Morgen anbricht. Und dir ein Herz in den Schnee malen. Ich wäre dein Engel. Und du mein Beschützer. Ich wäre ein Regentropfen und du fingest mich auf. Ein freier Vogel auf einem sicheren Ast. Ich wäre deine Königin und du mein König. Wir würden nachts ins Schwimmbad gehen und auf dem Jahrmarkt Mandeln essen. In dem alten Programmkino würden wir in der letzten Reihe dicht beieinander sitzen. Und meine Familie im Ausland besuchen. Im Club triefen sich unsere Blicke, obgleich du bei deinen Freunden stündest. Wir wären zwei und doch eines. Es wären Augenblicke voller Wärme. Flackernde Kerzen. Das Gold des Laubes würden wir in uns aufsaugen. Ping Pong spielen. Wir würden an der Nordsee segeln gehen. Und im Süden Lämmer streicheln. Am Meer würdest du mich küssen. Und es würde niemals aufhören. Du würdest mir zart über die Wange fahren. Am Lagerfeuer. Wir würden die Melancholie des Moments genießen. Um uns herum überall die Kirschblüten. Wir würden die Romantik in kleinen Dingen erkennen. Kein Geld, keine Macht. Wir würden nur uns vertrauen.

Doch leider bist du gar nicht mein Typ. Es sind nur Konjunktive. Bei uns. Bloße Fiktion.

Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

Podcasts

Manchmal frage ich ich, ob ich eine der wenigen Menschen bin, die noch keinen Podcast haben oder haben möchten oder einem zuhören. Vermutlich würde ich bei meinem Podcast auch nur nach einer Weile, nach ungefähr drei Minuten ”Warm-up”, über Missstände, Politiker und Medien schreien und mich betrinken und irgendwie ist das nicht so gut. Es gibt sicherlich eine Erklärung dafür, warum das nicht so gut ist, für das Wohlbefinden, die Psyche, und dann muss man auf chinesische Medizin zurückgreifen und mit dem Meditieren anfangen und ins ”Gym” und das klingt mir zu stressig. Lieber denke ich nach, auch wenn es oft zu viel wird. Dabei gäbe es über viel zu schreien. Über die Tafeln, die zu wenig unterstürzt werden, Hebammenmangel, #Metoo, Panama Papers, mal wieder Trump, Anti-Semitismus in Europa und so weiter.

Vielleicht gibt es deshalb diese ganzen Podcasts. Es geht meist um nicht so viel, es ist eher Small-Talk und Selbstdarstellung, seichtes Geplänkel mit wenig Witz, weil es wie so oft die sind, die nichts so viel zu sagen haben, die am lautesten reden, aber vielleicht – vielleicht – ist das gut. Vielleicht braucht der Mensch genau so etwas. Um nicht verrückt zu werden oder verrückter. Einzuschalten um abzuschalten. Vielleicht ist über Podcasts schreiben schon genug.

 

Sind Sie Künstler?

”Meine Kunst muss authentisch sein,” sagte sie. Ich verstand nicht, denn ich wusste nicht, ob ich ein Künstler bin oder sein möchte. Was ist ein Künstler? Was macht jemanden zu einem Künstler? Heutzutage sind die Grenzen vermischt. Jeder kann etwas machen, herstellen, veröffentlichen. Das macht das Internet möglich oder Eigeninitiative. Wer ist heute Künstler? Warum sollte das eine Kunstgalerie bestimmen, ein Agent, eine Schule, ein Verlag, wenn man sich selbst ein Publikum suchen kann. Oder nicht. Man kann auch Künstler ohne Publikum sein. Vielleicht ist man dann erst authentisch, weil man sich nicht verstellt oder auf andere reagiert, sich abhängig macht. ”Authentisch,” wiederholte sie, so als hätte ich es nicht gehört. Ich nickte. ”Was ist für dich authentisch?” fragte ich. ”Es muss aus mir herauskommen, es muss widerspiegeln, was ich denke und fühle. Es darf nicht falsch sein, es darf nicht unecht sein. Es muss ich sein.” ”Dafür muss man sich selbst kennen,” sagte ich. ”Weiß man das denn immer? Wer man ist?” ”Dann darf man vielleicht keine Kunst machen,” sagte sie. ”Ist das nicht sehr analytisch?”, sagte ich. ”Geht es bei Kunst nicht auch um Gefühl, das man nicht erläutern kann?” ”Nein, es muss authentisch sein. Es muss eine Message haben. Es muss man selbst sein. Sonst ist das keine gute Kunst. Sonst ist das irgendetwas, aber keine Kunst. Das ist ein Anspruch, den ich mir stelle. Ich bin anspruchsvoll an mich und an andere. Das leugne ich nicht. Deshalb mache ich es mir nicht leicht, weil ich nur aufrichtige Kunst machen möchte, die tief aus mir herauskommt und zu der ich stehen kann. Worüber ich micht nicht schämen muss. Etwas, das nicht halbfertig ist, halbgar, unverdaubar. Es soll die Leute aufrütteln, bewegen, nachdenken lassen, fühlen, verstören, glücklich machen, alles, weil ich das alles bin. Ich kann mich deshalb nicht ablenken lassen von Dingen wie anderen Menschen. Kurzweilige Liebeleien, Shopping oder sonst etwas. Ich gebe mich meiner Kunst hin und deshalb muss ich authentisch sein.”

Ich dachte noch lange darüber nach, wie sie das gemeint hatte. Ich verstand es, aber verstand es auch nicht.

*

1

 

”Kognitive Dissonanz”, sagte sie. Ihre Stimme klang tief. Sie zog an ihrer Zigarette.
”Ja”, sagte er und lachte. ”Weißt du”, fuhr er fort. ”Es ist so eine Sache mit der Identität.”
”Ja”, stimmte sie zu. ”Es ist so krass schwer zu wissen, wer man ist.”
”Ja”, sagte er betroffen. ”Der Mensch strebt nach Identität. Laut dem Soziologen Lothar Krappmann ändert sich die Identität eines Menschen, wenn er auf andere Menschen trifft. Er ist nicht immer gleich und ändert sich stets bei unterschiedlichen Menschen mit denen man es zu tun hat.
Sie stockte kurz. Dann sagte sie: ”Das ist ja wahnsinnig spannend. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber jetzt, wo du es sagt, finde ich, dieser Soziologe – wie heißt der noch gleich?”
”Lothar Krappmann.”
”Lothar Krappmann hat Recht. Es ist wirklich so. Man ist nicht bei allen Menschen gleich.”
”Ja, es ist immer ein Zusammenspiel. Es geht um Kommunikation.”

Erst redeten sie über ihre ”Identität”, dann darüber, was soziale Medien ”mit uns” machen, ”unsere Generation”, Tinder, das sie nicht benutzte, er schon und über das nach Berlin ziehen.

”Jeder macht da so einen riesen Ding draus”, sagte sie. ”Über das nach Berlin ziehen. Für mich ist das nichts Besonderes.”

Dann redeten sie eine halbe Stunde über das nach Berlin ziehen.

Sie sagte: ”Wie findet man sich? Ohne jetzt nach Asien oder Indien zu fahren und sich da ficken zu lassen und Kumbaya nach dem Yoga-Retreat zu singen.” Sie lachten beide.

”Indien liegt in Asien”, sagte er schließlich. ”Ich hoffe, dass das jetzt nicht so klugscheißerisch herüberkam”, fügte er schnell hinzu.

”Nein, du, gar nicht”, sagte sie und lachte. Sie fuhr sich durchs Haar.

Dann redeten sie darüber, dass sie schon ein bisschen betrunken waren.

Wobei wir beim Thema waren.

Ich war es leider noch nicht.

”Könnt ihr jetzt mal die Klappe halten? Was soll das mit eurem dummen Gerede? Ich möchte mich hier in dieser abgefuckten Bar besaufen und nicht eurem deutschen Streber-Gedöns zuhören müssen. Was macht ihr überhaupt hier? Habt ihr Wohlstandskinder euch verlaufen?” aber ich sagte dann doch nichts, weil die bestimmt mindestens einen Anwalt kennen. Es ist der Vater oder der Onkel oder vielleicht auch die Tante und ich hatte schon Ärger mit der BVG, die lügt, wenn sie sagt, dass sie mich liebt und wollte mich nicht noch mit Bonzen auf Selbstfindungstrip anlegen. Sie dachten wohl, diese Bar würde unterstreichen, dass sie so ”ganz anders” waren und in solche Bar gingen und nicht nur in die vornehmen. Ich holte meine Kopfhörer aus der Tasche, legte sie laut seufzend mit viel Augen verdrehen an und hörte mir von den Kanalratten ”Bonzenschweine” an.

Ich war dann doch ein wenig betrunken, denn ich dachte darüber nach, dass ich Schweine mag, nur Bonzen nicht. Ich esse sie auch nicht. Also, die Schweine. Ich sah zu dem jungen Mann und der Frau, die am Nachbartisch saßen. Ihre Münder bewegten sich, aber ich konnte nicht mehr hören, was sie sagten. Ich lachte zufrieden und begann laut bei dem Lied mitzusingen. Sie sahen irritiert zu mir herüber. Ich war betrunken. Es war mir egal.

Schönheit

Photoshop-Schönheit macht ein Bild mit dem Kopf leicht rechts nach unten gesenkt. Der Mund ist rot geschminkt und halb geöffnet. Die Lider hängen schwer. Sie hat das lange einstudiert. Ich lese einen Artikel über sie. Seicht, mittelmäßig und arrogant wird als Provokant und Intellektuell verkauft.

Steh-Party, sie hält ein Glas Weißwein in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Sie ist schlank. Die Hände sind schmal, sie trägt einen Ring und die Nägel sind dunkel lackiert. ”Ficken,” sagt sie. Smokey eyes, kein Parfum, schwarzes Spitzenkleid. Die kleinen Brüste hochgepusht. Ich zucke ein wenig zusammen, leicht angeekelt. ”Die hat sich doch von dem ficken lassen,” sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Sie lacht. Die anderen lachen. Das kommt gut an. Nicht bei mir. ”Ficken,” sagt sie wieder, aber ich höre nicht mehr hin. Ich weiß nicht, um wen es da geht bei diesem ”Gespräch”, Synonym für Lärm. Sie wird lauter. Sie erzählt, dass sie früher ab und zu die Schule schwänzte, mit ihren Freundinnen zu McDondals fuhr und die Mitarbeiter beleidigte. Sie lacht wieder.

”Du bist so erfrischend anders,” sagt ein bebrillter Mann mittleren Alters mit dickem Bauch in einem schlechtsitzenden Anzug, der vermutlich die Hälfte eines Monatsgehaltes eines Mc-Donald’s-Mitarbeiters gekostet hat, zu ihr. Man kann mit Geld keinen Geschmack kaufen. ”Ich bin müde,” sagt sie. ”Dabei arbeite ich nur ein-bis zwei Mal die Woche. Ich weiß gar nicht, was los ist.” ”Ja,” sagt eine Blondine Ende 20, die vorhin mit jemand in fließendem Französisch mit stark deutschen Akzent laut am Handy über ein Inteview, das sie machen möchte, geredet hat. ”Hast du schon mal eine Saftkur probiert? Ich habe damit drei Kilo abgenommen und schlafe besser,” sagt die Blondine. ”Du, ich habe da was, was hilft,” mischt sich ein Typ Ende 30 ins Gespräch ein. Er ist dunkelblond und trägt einen lockeren Anzug. Ein Mann Mitte 40 mit einem zerknautschten Gesicht, leicht speckig, in unmodischer Kleidung, die vermutlich teuer ist, steht daneben. Der Typ Ende 30 holt ein Päckcken aus der Hosentasche. Unschwer zu erkennen ist da ein weißes Pulver. Sie lacht wieder. Die großen zartgelben Zähne blitzen. Sie grinst. ”Ja, Mensch, Moritz.” Sie, die Blondine und die anderen verschwinden in Richtung Toilette.

”Wie ich diese reichen Medien-Wichser hasse,” sage ich zu Lars, dem Schauspielschüler. ”Hassen ist vielleicht übertrieben, aber die sollten alle mal auf Lego treten.”

”Ich auch,” sagt Lars. ”Ich spucke ihnen deshalb immer ins Glas oder fahre mit der Klobürste über ihre Mäntel.”

”Das wäre mir zu viel Aufwand,” sage ich. ”Außerdem sind doch Bakterien auf so einer Klobürste und dann verbreitest du das doch in ganz Berlin. Was ist, wenn die mit der U-Bahn… Ach nein, reiche Wichser fahren Taxi,” sage ich. ”Und ich denke mal nicht, dass der Taxifahrer hinten sitzt und mit den Klobürsten-Bakterien in Berührung kommt.”

Lars nickte. ”Ich geh dann mal klobürsten,” sagt er.

8,50 Euro die Stunde macht 42,50 Euro Verdienst für fünf Stunden. Trinkgeld darf man nicht annehmen. Man bekommt auch keines, außer einer der dümmlichen Männer möchte eine der dümmlichen Ischen beeindrucken.

Lifestyle-Journalistin

”Chia-Samen”, schrie Sophia. ”Trendy Nahrung, Hipster”, murmelte sie. Sie haute in die Tasten auf ihrem Macbook Pro. Sie saß am Küchentisch. Kurz hielt sie inne, legte den Zeigefinger an die Lippen und atmete ein. ”Muss Essen so hip sein?” sagte sie. ”Wie schreibe ich das bissiger? More judgy? Es soll die Leser ja zum Nachdenken anregen und die Hater sauer machen.” Sie lachte und biss in ihren Avocado-Toast. Oder Avo-Toast, wie sie das nannte.

Sophia war Lifestyle-Journalistin bei einer überregionalen Tageszeitung.

Manfred betrat die Küche. Es war früh morgens. Er war noch ein bisschen verschlafen.

”Sophia, kann ich mir Frühstück machen?” sagte er.

”Du siehst doch, dass ich arbeite”, sagte Sophia sauer.

”Ja, ist gut”, sagte Manfred. ”Ich gehe dann mal Piranha füttern.”

Piranha war Manfreds Meerschweinchen. Es hieß Piranha, weil es versuchte Manfred beim Füttern zu beißen. Vielleicht hielt es aber Manfred Finger für Karotten. Detlef rauchte Kette und sie waren ein bisschen verfärbt.

Nachdem Manfred Piranha gefüttert hatte, setzte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer und stopfte Zigaretten. Nach getaner Arbeit, rauchte erst mal eine. Er überlegte vielleicht zu Penny zu gehen.

Da rauschte Sophia ins Wohnzimmer. ”Mann”, schrie sie. ”Rauchst du schon wieder diese stinkenden Kippen? Alter.” Sie nahm eine von ihren aus der Designer-Tasche. Marlboro Lights. ”Rauch doch mal normale Zigaretten, ey”, sagte sie. ”Die hier raucht Kate Moss.” Sie wollte sich eine anzünden, aber fand kein Feuerzeug. Manfred gab ihr Feuer. Sie sagte nicht danke. Sophia rauchte lasziv wie Schauspielerinnen in Filmen. Sie hatte das lange vor dem Spiegel und vor der Kamera ihres Macbooks geübt. Na, gut. Sie rauchte vielleicht nicht ganz so lasziv wie die Schauspielerinnen und ganz so glamorös war sie auch nicht, aber sie war schon nicht so schlecht. Für Berlin.

”Wer?” sagte Manfred, aber Sophia antworte nicht. ”Ich habe eine Whatsapp bekommen. Kannst du mal kurz die Klappe halten? Meine Fresse.”

Sie setzte sich nun aufs Sofa, aber mit Abstand zu Manfred. Sie sah auf ihr Handy. ”Emilia Schüle”, sagte sie. ”DIE HÄSSLICHE SCHLAMPE”, brüllte sie. ”DUMME NUTTE.”

Manfred erschrak. Für gewöhnlich schrie Sophia nicht so. Sie beleidigte erfolgreiche Frauen für gewöhnlich in Zimmerlautstärke.

”Die denkt wohl auch, die wär’s”, fuhr Sophia fort. Sie war schon ganz rot im Gesicht.

”Was ist denn?” fragte Detlef zögerlich.

”Die war wieder bei einer VIP-Party und hat mehr Follower als ich. Dabei bin ich viel klüger und schöner. Diese Schauspielnutte. Was kann die schon.”

”Aha”, sagte Detlef.

Sophia sprang auf und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb weiter an ihrer Kolumne.

”Ob die schöne Emilia Schüle auch trendy Hipster-Nahrung zu sich nimmt? Ist sie deshalb so schön?” schrieb sie. Dann schrie sie laut. ”AHHHHHH.” Der Nachbar von oben klopfte mit dem Besen. ”Halt die Fresse”, schrie Sophia. Sie war so sauer, dass sie sich zum Herunterkommen erst mal ein paar Youtube-Videos ansehen musste und danach noch eine Folge Die Bachelorette. Das war gut für ihr Ego sich diese unterbelichteten Tussis anzusehen, so dachte sie. Sie hatte es schon mit Germany’s Next Topmodel versucht,  und ja, die Määädels waren dümmer als sie, Sophia, aber auch um einiges jünger. Sie hatte vor lauter Wut drei Tage lang nichts gegessen und mit ihrem Freund Schluss gemacht.

”Ich brauche einen Kaffee”, sagte sie und packte das Macbook in die Ledertasche, die sie sich in München gekauft hatte, als sie zu Besuch bei Larissa war. Sie ging in ihr Stammcafé, das genau gegenüber der Wohnung lag.

Sie bestellte sich einen Kaffe für 7.99. ”Überteuerter Szene-Kaffee”, schrieb sie. ”Warum tut es nicht normaler Filterkaffee? Der Kaffee als Statussymbol.”

”Boah, du bisch die Sophia? Ich les deine Artikel voll gerne”, schwäbelte ein dickliches Mädchen zu Sophia. Dabei war Sophia gerade in einem Schreib-Flow. ”Kann ich ein Autogramm haben? Deine Kolumnen regen mich echt voll zum Denken an. Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich denken soll. Ich liebe dich.” Wütend blickte Sophia von ihrem Macbook auf. ”Ja”, sagte sie zerknirscht. Als sich das Mädchen ihr mit dem Rücken zugewandt an einen Tisch setzte, machte sie ein Bild von den Mädchen und schickte es an Larissa. Sie kommentierte es mit ”Schwäbischer Pottwal”. Larissa schickte drei Lach-und-wein-Emojis.

Die arme Sophia – kaum hatte sie ein paar weitere Sätze für ihren Artikel über die Essgewohnheiten hipper Menschen geschrieben, da sprach sie Daniel an. Daniel war Redaktionsleiter einer Zeitung. Vielleicht auch stellvertretender. So genau wusste das Sophia nicht. Es interessierte sie auch nicht sonderlich. Was sie aber wusste war, dass Daniel auf sie stand. Sie war genau sein Beuteschema: klug, aber nicht so klug wie er, so dachte er – dabei waren sie beide eher so, lassen wir das. Gewissermaßen hübsch und um einiges jünger. Das machte aber nichts. Daniel konnte locker mithalten mit seiner jugendlich-feschen Kleidung und der kurzen, peppigen Friseur, die seinen langsam einsetzenden Haarverlust, versteckte. Normalerweise stand er auf noch jüngere. Sophia war mit Mitte 20 schon ein bisschen zu alt für ihn. Er mochte es süß, jung und unverbraucht. Er erklärte den jungen Damen gerne die Welt. ”Sophie”, säuselte er. Er dachte, wenn er ihr einen Spitznamen gab, würde das eine Art Vertrauen signalisieren. Sophie für Sophia war überaus originell. Er beugte sich zu ihr herunter und wollte ihr zwei Küsschen geben. Sophia stand nicht schnell genug auf und ihre Köpfe knallten aneinander. ”Du hier”, sagte er noch, während ihrer Kollision. Eine horizontale Kollision wäre Daniel lieber. Er schraubte schließlich schon lange genug daran. Selbst bei der einen Kleinen von den Identitären über die er einen Artikel geschrieben hatte- über die Mode der Indentitären – hatte er sich die  – noch durchaus guten – Zähne ausgebissen. Warum wollten junge Frauen keinen Sex mit Daniel? Er war darüber nur ein klein bisschen verbittert und man konnte es nur manchmal bei seinen Artikel herauslesen, wenn er auf die Feministinnen schimpfte, die irgendwie an allem Schuld waren. Würde Daniel ernsthafte Artikel schreiben, über Politik und Gesellschaft, hätte er ihnen wahrscheinlich auch noch die Schuld an Klima-Erwärmung und Krieg gegeben, aber Daniel schrieb keine ernsthaften Artikel. Er war Lifestyle-Journalist wie Sophia.

Sie führten ein bisschen Small-Talk. Über Partys, wer fett geworden ist, auf wen mit Erfolg man neidisch ist – das sagte man scherzhaft, aber meinte es ernst, Artikel von Kollegen, wer miteinander Schluss gemacht hat und wer – man munkelt darüber – Sex hatte und dergleichen. ”Du, ich muss jetzt los”, sagte Daniel nach einer Weile. Es klang ein wenig erwartungsvoll. ”Was machst du denn heute Abend?” fragte er. ”Ich muss dir noch von meiner Italien-Reise erzählen. Du hast dir ja meine Posts bei Instagram angesehen.” ”Äh”, sagte Sophia. ”Du, ich habe Karten…”, fuhr er fort, aber Sophia unterbrach ihn. ”Du, sorry”, sagte sie. ”Aber ich muss den Artikel fertigkriegen.” Shit, dachte Daniel. Schon wieder kein Treffer versenkt. ”Ach so”, sagte er und versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Das gelang ihm nur halb. Er tätschelte Sophias Schulter. Das war ihr ein bisschen unangenehm. Sie schlief nur mit Männern mit mehr Einfluss. ”Du, dann, tschüß”, sagte er. ”Tschüß”, sagte Sophia. ”Ich muss auch noch einen Artikel schreiben”, sagte Daniel und winkte. Ein paar Tage später erschien ein Artikel von Daniel: ”Undankbare Feministinnen. Warum Frauen nicht dankbar für Männer mit Manieren sind”. Sophia las ihn beim Sonntags-Frühstück – sie aß nur ein Ei, denn sie wollte nachher noch zum Brunch – und stimmte in vielen Punkten zu und ließ sich für ihre Artikel inspieren. Sie notierte sich ”fette Lesben” als Inspiration und ”passendes Foucault Zitat googlen”. Es kam immer gut an, hatte sie gehört, wenn man Foucalt zitierte. Aber zurück in die Gegenwart.

Sophia atmete tief ein und wieder aus. ”Ich kann so nicht arbeiten,” sagte sie laut. Zuhause war Manfred, aber der hielt wenigstens die Klappe, wenn sie ihm das sagte. Sie war ein wenig erschöpft von der harten Arbeit und überlegte sich ein Taxi zu bestellen, aber entschied sich dann doch dagegen und dachte, dass ein bisschen Bewegung nicht schaden würde. Von frischer Luft konnte ja leider in Neukölln nicht die Rede sein. Sie gab ”fünf Minuten Spazieren” bei ihrer App Fitnesspal ein. Die fünf Minuten bis zur Wohnung zogen sich in eine unerträgliche Länge, aber schließlich war sie angekommen. Home sweet home. Na ja, fast. Schließlich wohnte da leider auch noch Manfred. Vielleicht war er nicht zuhause. Er traf sich manchmal draußen mit seinen versifften Freunden – in die Wohnung durften die ja nicht – oder ging in den Supermarkt, den Tafeln oder zum Jobcenter oder was auch immer. Im Prinzip hatte Sophia nichts gegen arme Leute, aber es war ihr schon lieber, wenn das arme Flüchtlings-Syrer oder so waren. Die machten sich besser auf Selfies. Manfred war nicht sonderlich fotogen und Eindruck schinden konnte man mit ihm auch nicht. Arme Deutsche kamen nicht an, nur Ausländer und da auch nur bestimmte. Osteuropäer zum Beispiel nicht. Die mochte keiner. Selbst wenn das Sinti und Roma waren. Momentan waren Moslems in. Sophia seufzte.

Zu früh gefreut. Leider war Manfred zuhause.

”Was ist denn hier los?” brüllte Sophia, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. ”Was wird das hier? Warum ist das so unordentlich?”

”Aber Sophia”, sagte Manfred erschrocken. ”Ich dachte, du kommst erst abends.”

”Es geht dich nichts an, was ich mache”, brüllte Sophia weiter. ”Ich muss arbeiten. Was ist das hier?”

”Entschuldige bitte, Sophia. Ich wollte Piranha ein Kunststück beibringen. Heute kommt doch Egon.”

”Wer?” brüllte Sophia.

”Egon. Piranhas neuer Freund. Ich hole ihn heute aus dem Tierheim.”

”Was? Du schaffst uns noch mehr von diesen Dingern an?”

”Ja,” sagte Manfred kleinlaut.

”Also, jetzt reicht’s”, sagte Sophia. ”Du zieht heute noch aus.”

”Aber der Vertrag”, sagte Manfred.

”Der Vertrag ist mir egal”, sagte Sophia.

”Wo soll ich denn hin? Ich habe doch meine Wohnung erst nächsten Monat.”

”Das ist mir doch egal. Du kannst ja in ein Obdachlosen-Asyl.”

Das war zu viel. Ja, hatte sie gedacht, es würde sie nicht stören, dass Manfred die Woche bis zum Monatsende hier noch wohnen würde und günstiger war es auch – Manfred bezahlte für diesen Monat noch die Miete und sie musste kein Geld für einen Stauraum für ihre Möbel und Kleidung ausgeben und konnte gleich einziehen, aber das war zu viel. Es ging so nicht mehr weiter. Es war ein Fehler gewesen zu denken, dass sie und Detlef sich schon irgendwie arrangieren würden. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie damit zeigen konnte, wie sozial eingestellt sie war. Sie kamen aus zwei verschiedenen Welten. So viel war klar.

”Ich muss arbeiten”, sagte Sophia etwas versöhnlicher. ”Du störst hier nur. Bitte check es: Das hier ist nicht mehr deine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Du und deinesgleichen – ihr passt hier einfach nicht mehr rein in diesen hippen Szene-Bezirk. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist so.” Sie sah wieder auf das Handy und las einen Artikel ”Sapiosexuel, deminisexuel – ja, gibt’s es denn auch noch Normale?”. ”Darüber schreibe ich auch”, sagte sie gedankenverloren.

Und somit zog Manfred eine Woche früher als gedacht aus der Wohnung. Er und Piranha. Egon konnte er erst später aus dem Tierheim holen. Piranha musst er in der Bahnhofsmission verstecken. Tiere waren da nicht erlaubt.

 

Olelele

1

 

”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

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Paare

mmm

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie Kinder mal haben möchten.

Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.

Erfolg

Wenn man dir einredet, dass du etwas Vernünftiges machen sollst, etwas, das alle anderen auch machen, machen wollen; du dort hingehen sollst, wo sich alle tummeln, ein Sandkorn in einer Sanduhr, nach außen glücklich, auf eine unangepasste Art angepasst, aber hinter verschlossenen Türen kommt man dann auch mal ins Grübeln. Wenn man dir sagt, dass du das doch schon erreicht haben solltest oder man dir eine Summe vorgibt, eine Summe, die besagt, wieviel Geld du auf dem Konto haben solltest, eine To-do-Liste ”100 Dinge, die man vor 30 erreicht haben sollte” oder so ähnlich und man dir vorgekaute Meinungen serviert wie früher manche Mütter den Kleinkindern das Essen. Zieh eine Nummer und stell dich an. Such dir Vorbilder mit Ellbogen, großer Klappe, aber mit wenig Moral. Du willst es doch auch ”nach oben” schaffen. Deinen Namen in der Zeitung lesen oder ihn aus den Mündern einflussreicher Leuten hören. Es geht um Geld, Macht und gutes Aussehen. Wie kommt man da nur hin? Mit viel Schein und wenig Sein, mit Sex-Appeal, Provokation, Lügen und großen Sprüchen. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Sich verkaufen können. So läuft das. Fake it ’til you make it. Photoshop-Bildchen von dir für deine tausenden Follower bei den sozialen Medien. Eine kleine, leise Träne läuft deine heißen Wange herunter, weil jemand, den du kennst, vielleicht wart ihr zusammen auf der Schule, noch mehr Follower hat als du. Oder mehr Geld. Und irgendwann stehst auch du vielleicht mit einem Prosecoo-Glas bei einer Stehparty oder hast eine Sekretärin, mit der du verkehrst, sexuell, oder bist im Vorstand oder schreibst Artikel in konservativen und ”linksliberalen” Zeitungen mit deinen ”Gedanken” oder fährst ein ”gutes” Auto und kannst dir zwei Mal im Jahr Urlaub leisten und schimpst auf jeden, der anders ist, anders aussieht, sich verweigert und die Nachbarn grüßen recht freundlich, aber du denkst, dass ist Neid, denn du kennst nur wenige Gefühlsrichtungen und ein Lachen ist oft falsch wie bei dir. Sie sind neidisch, denkst du. Auf dich und deinen Erfolg. ”Wichtig ist, dass sie dir beibringen: Es gibt keine alternative zum Nichtstun” schrieb Ronald M. Schernikau. Du möchtest ja gar nicht nichts tun. Du möchtest kein Hippie sein wie die ganzen Verlierer der Gesellschaft, sagst du verächtlich. Du möchtest nur nicht hart arbeiten. Und das machst du auch nicht. Man kann es auch ohne harte Arbeit zu etwas bringen. Man sieht es ja an dir.

Diät-Käthe

Käthe hatte sich angestrengt und ganze 28 Kilo abgenommen. Ihr war zwar öfter schwindelig und sie fiel manchmal um, aber was machte das schon, wenn sie jetzt Kleidergröße XXS tragen konnte? Strenggenommen passte ihr XXS gar nicht und sie musste die neue Kleidung, die sie gekauft hatte, zum Schneider bringen, damit die Hosen, T-Shirts und Röcke und sonstiges nicht an ihrem dünnen Körper herumschlackerten. ”Kaufen Sie sich doch mal vernünftige Kleidung,” hatte sie schon die Nachbarin aus dem dritten Stock gerügt. Die, die immer so neugierig war. Käthe wog so wenig – man hätte meinen können, dass sie ein Windstoß umnietet, aber Käthe mochte sich so. Das war ihr neues Ich. Sie liebte ihren neuen ”Look”. Sie fühlte sich wohl. Sie aß eine Karotte am Tag, manchmal auch ein Stück Gurke und wenn sie ganz großen Hunger hatte, gab sie Zitronensaft in ihr Wasser. So kam sie auf ganze 50 Kalorien pro Tag. Der Briefträger hatte sie gar nicht mehr wiedererkannt wegen ihrer eingefallenen Wangenknochen.

Der schnieke Detlef war ganz begeistert, als er Käthe sah. Hatte er ihr doch gesagt, dass er nur auf schlanke Frauen steht, als sie sich bei Tinder kennenlernten. Detlef hatte gesagt, dass er eine Aversion gegen ”fette Weiber” hätte und sich ”mit so einer” nicht blicken lassen könnte und nebenbei bemerkt, dass Käthe ”ja schon etwas fülliger” sei. Als Käthe weinte, sagte er, dass er ja nur ehrlich sei und sie an ihrer Figur arbeiten sollte. ”Laut BMI habe ich Normalgewicht,” entgegnete Käthe. ”Willst du mir gefallen oder diesem BMI?” erwiderte Detlef und verzog das Gesicht. ”Ist das ein Schatten oder ein Damenbart, du Fettklops?” sagte er zu ihr sichtlich angewidert, als sie ihm einen Abschiedskuss geben wollte. Mit so einer könnte er nicht ankommen. Was würden die Jungs vom Stammtisch über ihn denken? Für Detlef war sein guter Ruf von großer Bedeutung. Das war schon immer so. Selbst als er mal ein ganz kleiner Detlef gewesen war. Detlef, oh Detlef, du Lebemann.

Käthe fragte: ”Detlef, wann treffen wir uns wieder?” Detlef seufzte laut und sah gar nicht von seinem Handy auf und swipte fleißig nach links und rechts. ”Hm, die ist nicht schlecht,” murmelte er. ”Aber die ist mir zu alt. Die ist ja schon 37.” Detlef war 39. ”Detlef,” schluchzte Käthe, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Nun war Detlef selbst kein Adonis. Gewiss, die Geheimratsecken und die Speckrollen am Bauch, die Schweißfüße und das Furunkel am After und seine schlecht durchbluteten, dicken, bleichen Beinchen machten ihn zu keiner Attraktion für die Damen- oder Homowelt, wenn er im Vorgarten seiner Mutter herumstolzierte und die Nachbarn lautstark auf ihr Fehlverhalten hinwies (wie den Polizisten Rainer, der im Haus schräg gegenüber wohnte und der immer drei Zentimer zu weit auf dem Bordstein mit seinem Privatauto parkte – Detlef hatte nachgemessen – oder die Friseurin Roswitha, die er beschuldigte ein illegales Bordell zu betreiben, weil sie manchmal Männerbesuch bekam), aber darauf kam es nicht an. Bei einem Mann kam es schließlich auf ganz andere Dinge an. Zum Beispiel darauf, dass Detlef so klug war. Er war so klug, dass andere Menschen gar nicht begriffen, dass er so klug war. Nur die Jungs von seinem Stammtisch begriffen das, aber die begriffen so einiges. Die durchschauten einfach alles und Detlef war ihr Anführer. Natürlich hatte man ihn nicht gewählt oder so etwas, aber er war so eine Art stiller Anführer. Das imponierte Käthe mächtig, dass ihr Detlef – nun, bald würde sie ihn den ihren nennen können, so dachte sie – so klug war und so viel wusste und so einen guten Ruf genoss und so viel begriff. Da hatte ihr das bisschen Hungern gar nichts ausgemacht. Erst hatte sie Almased gemacht und dann eine Fastenkur. So hatte sie in Null Komma Nichts abgespeckt und war jetzt rank und schlank. Detlef pfiff vor Begeisterung bei ihrem zweiten Date. ”Käthe,” sagte er. ”Jetzt kannst du dich wahrlich blicken lassen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Käthe, es ist um mich geschehen.” Er fiel vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand – seine war schweißnass – und küsste sie. Käthe schmolz dahin. So einen Kavalier hatte sie noch nie kennengelernt. Wie konnte sie nicht verliebt sein? Selbst sein Beruf begeisterte sie. Steuerberater. Etwas Solides. Wie schneidig er aussah mit den Socken und den Sandalen und dem fettigen, schütteren Haar. Sie mochte den würzig-schweißigen Körpergeruch, der ihr in die Nase stieg – Detlef rauchte Kette, aß nur Fleisch und trank literweise Bier. Da können die Ausdünstungen schon mal etwas pikanter riechen. Käthe kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Das sollte ihr neuer Freund sein? Ihr neuer Freund? Der sah ja fast so gut aus wie Richard Gere in Pretty Woman. Träumte sie oder war ein Rosamunde-Pilcher-Film Realität geworden und sie spielte die Hauptrolle? Es konnte nicht wahr sein. Jemand müsse sie zwicken, dachte Käthe und verdrückte ein paar Freudentränchen. Sie war verliebt, so verliebt.

Detlef, der Genießer, führte sie zum Rendezvous in ein feines Restaurant. Er aß ein Drei-Gänge-Menü und Käthe aß nichts. Sie musste ja ihre Linie halten. Sie trank nur ein Glas Leitungswasser. Nach Zitrone war ihr heute nicht. Sie hatte – seit sie gar nichts mehr aß – Unmengen an Geld übrig und konnte Detlef zum Essen einladen. Sie war spendabel und konnte es auch sein, da ja keine Kosten mehr für Nahrungsmittel für sie selbst anfielen. Detlef griff zu und bestellte das komplette Menü, das er soeben gegessen hatte, gleich noch mal, so hungrig war er. Er rieb sich den Bauch, als er zu Ende gegessen hatte und ließ sich noch drei Schnaps vom Kellner bringen. ”Zur Verdauung,” sagte er und ließ einen fahren. ”Blähungen,” sagte er. Käthe nickte verständnisvoll. Es gefiel ihr, dass Detlef nicht so vornehm war. Ihr letzter Freund, Daniel, war so etepete gewesen und sie war so froh, dass Schluss war und sie sich neu verliebt hatte. Außerdem hatte sie mal gelesen, dass man die Winde nicht halten sollte, wenn sie doch herausmussten. Sie überlegte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wo sie das gelesen hatte. Der Gedanke, die Erinnerung daran, war wie vom Winde verweht. Sie sah Detlef an. Er war mit offenem Mund eingeschlafen und hatte sich ein bisschen vollgesabbert. Sie war entzückt. Seine schwabbelligen, roten Arme kamen mehr als gut zur Geltung, weil er ein sportlich-elegantes Unterhemd trug. Dazu eine modische Radlerhose. Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild von ihm. ”Ist er nicht hinreißend?” schrieb sie ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe ”Magerwahnsinn” und fügte 15 Herzchen-in-Augen-Emojis an. Sie bekam hunderte von Herzchen zurück. ”Was für ein Bild von einem Mann,” schrieb Susi. ”Du Glückliche, ich bin neidisch,” schrieb Julia. ”Hat der einen Bruder, der Single ist?” schrieb Almgart. Käthe seufzte. Sie verspürte ein Bauchkribbeln. Es war Liebe, das musste Liebe sein, dachte sie. Die Astrologin bei AstroTV, die sie angerufen hatte, hatte Recht gehabt. Bald würde sie ihren Herzensmann treffen, hatte sie gesagt und nun saß er vor ihr. Das war die 178,91 Euro wert, die sie für den Anruf bei der Hotline bezahlen musste. Sie war verliebt, so verliebt. So unendlich verliebt.

Detlef erwachte. ”Hab kurz geschlafen,” sagte er. ”Ich habe von so einer geilen Ollen geträumt mit der ich es getrieben habe. Die war so dünn.” Detlef machte es mit den Händen nach. ”So dünn,” sagte er. ”Ihr Hüftumfang war so dünn, guck so. Die hatte aber Silikon-Dinger. So dünne Weiber haben ja oft nichts in der Bluse, wenn du verstehst, aber die hatte mindestens D oder E. Da konnte man ordentlich kneten. Wie Sauerteig oder so was. Die waren ungefähr so groß, so wie Melonen.” Er leckte sich über die braunen, trockenen, fleischigen Wurst-Lippen. ”Wann willst du dir Silikon reinmachen lassen?” fragte er. ”Ich sag’s dir gleich, ich bezahle dir das nicht, ich hasse das, wenn Weiber immer Geld von einem haben wollen. Das sollen die schön selbst bezahlen und du Käthe, hast es bitter nötig, muss ich dir sagen. Deine Euter sehen aus als hätte man da die Luft rausgelassen, jetzt, wo du abgenommen hast und du solltest so schnell wie möglich, ich sag mal, aufrüsten. Wenn du dir kein Silikon reinmachst, kann ich auch nicht treu sein. Eine Frau muss sich schon ein bisschen Mühe geben für einen Mann. Ich bin nur froh, dass du nicht mehr so fett bist. Wären wir in den Bergen zum Wandern gewesen, hätten die Leute ja gedacht, dass eine Lawine auf sie zurollt, wenn sie dich sehen und beim Spaziergang bei Sonnenuntergang am Strand, würden die ja meinen, es gibt eine Sonnenfinsternis, wenn du fette Wachtel mit mir entlangläufst. Oder die von der NASA oder Esta hätten gemeint, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt und dabei wär’s nur dein Hintern. An der Hand hätte ich dich nicht gehalten. Das wäre mir ja peinlich. Ich meine, so einer wie ich kann jede haben. Nur gut, dass du abgenommen hast. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich dich abservieren könnte, ohne deine Gefühle zu verletzen. Ich bin ja kein Unmensch, aber was soll ich machen. Ich weiß über meine Wirkung auf Frauen. Ich bin unwiderstehlich und kann es mir erlauben wählerisch zu sein.” Er rülpste. ”Hast du schon mal von Vaginalverjüngung gehört?” fuhr er fort. ”Wenn du mehr als drei Sexualpartner hattest, wird das nötig sein, denke ich,” sagte er. ”Nur zwei,” sagte Käthe erleichtert. ”Gut, ich kann es mir ja mal anschauen,” meinte Detlef. Käthe nickte. ”Du,” sagte er. ”Jetzt will ich aber ein Dessert. Nachdem ich schon die Torte im Traum vernascht habe.” Er lachte. Er klang wie ein Walross mit Asthma. Er spuckte ein paar Essensreste auf Käthe, die ihm zwischen den Zähnen steckengelieben waren. Seine Zähne waren in BVB-Farben gehalten, dabei war er VfB-Stuttgart-Fan.

Käthe überkam ein Anfall von Eifersucht. Sie schrieb ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe. ”Das war doch nur ein Traum,” schrieb Christiane. ”Sei froh, dass du einen Mann hast. Ist doch egal, was der träumt,” schrieb Gamse. ”Willst du dir so einen Traummann entgegen lassen? Du eifersüchtige Furie,” schrieb Ralph mit Ph und nicht mit F. Nein, sie war schon zu verliebt. ”Was möchtest du denn zum Nachtisch, Schatz?” flötete sie. Detlef grunzte wie ein Schwein. Das ließ sein Nasenhaar vibrieren. ”Herr Ober,” rief er und winkte den Kellner heran. ”Bringen Sie mir alle Ihre Desserts und das ein bisschen plötzlich. Ich brauche was zu mampfen.” ”Sehr wohl,” sagte der Kellner. Kurze Zeit später kam er mit unzähligen Desserts zurück. Käthe wusste teilweise gar nicht, was der Kellner da an ihren Tisch brachte. Das hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie ging ja nie in feine Restaurants. Strenggenommen ging sie nie in irgendwelche Restaurants und jetzt, wo sie nichts mehr aß, schon gar nicht.

Detlef begann zu esssen. Er langte ordentlich zu. Er schmatzte fürchterlich laut und ein paar Leute vom Nachbartisch räusperten sich mehrmals. Damit wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie entrüstet waren und sich gestört fühlten. ”Das ist unerhört,” sagte eine vornehm gekleidete Dame, die ein Chanel Twin-Set und teuren Schmuck trug. Ihre Begleitung nickte. Käthe schrieb ihrer Whatsapp-Gruppe: ”Leute im Restaurant meinen, ich sei nicht gut genug für Detlef” gefolgt von 15 Wein-Emojis.” ”Du musst eben noch mehr abnehmen,” schrieb Lina und Käthe nahm sich fest vor noch schlanker zu werden. Sie müsste mindestens fünf Stunden Sport am Tag machen. Dann würde das schon klappen. Ab sofort würde sie die Karotte, die sie am Tag aß, streichen oder Moment, vielleicht doch besser die Gurke? Was hat weniger Kalorien? Sie wollte googlen oder ihre Whatsapp-Gruppe fragen oder nein, Detlef – der wusste doch so viel. ”Du, Schatz,” sagte sie. ”Schatz.” Aber Detlef reagierte nicht. Er lag mit dem Gesicht im Kuchenteller. ”Schläfst du wieder, Schatz?” fragte sie. ”Schahatz?” Aber Detlef machte keine Regung.

Und das nie wieder. Man stellte bei ihm eine Herzverfettung fest und deshalb hatte er das Zeitliche gesegnet.

Käthe war untröstlich. Wo sollte sie nur wieder so einen tollen Mann herbekommen? Nicht mal ihre Whatsapp-Gruppe wusste Rat.

Männerfreundschaft

”Ich würde das auch so machen, wie’s Felix gesagt hat,” sagte Daniel. ”Man muss es noch ausarbeiten, aber ich find’s gut.”

Er sah zu Felix herüber, der zufrieden nickte.

”Meinungen?” sagte der Chef fragend in die Runde.

”Es ist gut, aber ich würde es ein bisschen anders machen,” sagte Lisa. ”Ich denke, dass der Kunde eher nach etwas anderem sucht. Ich habe ihn genau beobachtet und denke, dass Felix’ Einfall gut ist, aber nicht ganz das, was der Kunde möchte.”

Felix fiel die Kinnlade herunter, Daniel riss die Augen und den Mund auf. Er sah aus wie ein Fisch an Land.

”Gut,” sagte der Chef. ”Morgen habe ich Ihre Version auf meinem Schreibtisch, Frau Schwedt. Schönen Tag noch.”
Er stand auf, nahm seine Akten vom Tisch und ging in sein Büro.

”Warum hast du das gemacht?” sagte Felix, als der Chef außer Sicht- und Hörweite war.

”Was?” fragte Lisa.

”Na, das.”

”Was?”

”Gesagt, dass du es anders machen möchtest?”

”Warum nicht? Warum darf ich nicht meine Meinung sagen?” fragte sie nüchtern.

”Ich spüre hier zickige Schwingungen,” sagte Felix.

Daniel lachte.

”Bitte? Eine Frau äußert eine Meinung und ist gleich eine Zicke?”

”Moment mal,” sagte Felix. ”Wer hat dich bitte zickig genannt?”

”Du übertreibst ja maßlos,” sagte Daniel. ”Das hat keiner gesagt. Hast du deine Tage oder was?”

Sie lachten.

”Ich bin mal gespannt, was du aus dem Projekt machst,” sagte Daniel verächtlich.

”Komm, Felix, wir gehen lieber. Hier ist mir die Stimmung zu geladen.”

”Es kann ja nicht jeder mit dem Chef ficken,” sagte Felix.

”Bitte?” sagte Lisa entrüstet. ”Was soll das jetzt hier?”

”Oh, da zickt sie wieder,” sagte Daniel. Beide Männer lachten.

Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und arbeitete ihre Version der Kampagne in einer halben Stunde aus und übergab sie dem Chef.

”So schnell, Frau Schwedt?” sagte der Chef lobend.
Er überflog ihr Konzept. ”Gut,” sagte er. ”Sie halten gleich eine Präsentation und dann entscheide ich mich.”

 

Die Mitarbeiter wurden einberufen und saßen wieder am großen Tisch zusammen.

Lisa war ein bisschen aufgeregt. Sie war noch neu in der Agentur, aber sie wusste, dass sie das machte, was ihr lag. Dass sie Talent hatte. Ihre Stimmte zitterte etwas bei der Präsentation, aber schnell verflog die Aufregung und sie erzählte frei. Der Kunde wollte eine Werbe-Kampagne, die den jungen Mann von heute ansprach. Der Mann, der modern ist und weltoffen. Lisa fiel das leicht. Sie dachte an ihren Bruder, ihren besten Freund und ihren Freund und sie dachte auch daran, wie ein Mann ihrer Meinung nach sein und nicht sein sollte.

”Gut,” sagte der Chef. ”Meinungen?”

Felix räusperte sich. ”Ja, es ist ja nicht schlecht,” sagte er. ”Aber ich muss schon sagen, dass ich als junger, moderner, weltoffener Mann mich da nicht so angesprochen fühle.”

”Ich auch nicht,” warf Daniel ein.

”Es klingt schon etwas zu weiblich. So wie Frauen Männer sehen oder so etwas.”

”Ja, so Sex and the City-mäßig so mit Gefühlen und gut angezogen.”

”Das ist ja keine Kampagne für eine Frauenzeitschrift oder Make-up.”

”Was hat das damit zu tun? Das ist keine konstruktive Kritik. Ich sehe mir nicht Sex and the City an, ich lese keine Zeitschriften und ich trage auch kein Make-up,” sagte Lisa.

”Das solltest du vielleicht mal,” sagte Daniel. ”Würde dir gut stehen.” Er lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

”Das ist doch nur ein Witz,” sagte er. ”Du bist immer so sensibel. Was soll das?”

”Wollen wir professionell arbeiten oder Witze machen?” sagte sie.

”Das ist sie wieder, Lisa, die Zicke,” sagte Felix.

”Meine Herren, verschieben Sie Ihr Geplänkel auf später. Der Kunde wartet. Wir stimmen ab. Wer ist für Herr Schmidt-Finks Kampagne?”

Felix sah zu Matthias. Matthias hob die Hand. Er sah zu Julian, Murat, Ulf, Ralf und Claudia. Sie hoben die Hände. Auch die anderen hoben nacheinander die Hände. Felix lächtelte zufrieden.

”Wer ist für Frau Schwedts Vorschlag?”

Nur Alex hob die Hand, aber er war ohnehin nicht beliebt und würde bald herausfliegen.

”Gut,” sagte der Chef. ”Ich mochte beide Kampagnen, aber Sie haben mich überzeugt.”

Lisa war noch in der Probezeit und musste die Sprüche und gemeinen Zettel nicht lange aushalten. Lisa, die Zicke. Selbst Claudia, die einzige Frau neben Lisa, hielt sich aus der Sache heraus. Sie wollte nicht als Zicke wie Lisa gelten. Sie war nicht so. Sie war ganz anders. Sie stand gerne bei den Männern und spielte sich nicht so auf wie Lisa. Sie war nicht so wie Lisa. Nicht so eine Zicke wie Lisa.

Der Kunde war nicht zufrieden mit Felix’ Vorschlag und man bot ihm nachher Lisas Version an, die ihn begeisterte, aber da war Lisa schon nicht mehr in der Agentur. Sie konnte die Kampagne später im Fernsehen und auf Plakaten bewundern. Die Agentur erhielt ein großes Lob in der Branche und gewann sogar einen Preis. Lisa ging wieder auf Jobsuche. Das war gar nicht so leicht, weil sich herumgesprochen hatte, dass sie ein bisschen schwierg war.