Bewerbung als Reporterin

SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG

Ericusspitze 1

20457 Hamburg

Hi, ihr Süßen,

ich habe gehört, dass bei euch eine Stelle frei geworden ist, da Claas Relotius gekündigt wurde hihi.

Ich bin momentan auf Expedition in Südamerika, in Bolivien genauer gesagt, wo ich ein Naturvolk entdeckt habe über das es noch keine Erforschungen gibt. Ich bin hier seit einem Monat und habe inzwischen die Sprache des Stammes, der mich aufgenommen hat, erlernt. Erst waren die Ureinwohner misstrauisch auf Grund meiner schönen, blonden Haare, aber mittlerweile haben sie mich ins Herz geschlossen. Ich bin ja auch ziemlich süß und liebenswürdig. Der Häuptling hat bestimmt, dass ich seine Nachfolge antreten soll, da er inzwischen in die Jahre gekommen ist. Ich denke aber nicht, dass ich das Angebot annehmen kann.

Ich bin noch ein bisschen erschöpft von meiner Reise an den Kilimanjaro, den ich schuhlos in Rekordzeit von einer Stunde allein bestiegen habe – nicht ganz – mit einem Alpaka mit dem ich mich angefreundet habe und mit dem ich über intentionale Schwingungen – ein physikalisches Phänomen, das ich auch entdeckt habe – kommuniziert habe. Ich warte noch auf die Email des Guiness-Buch der Rekorde, die bestätigt, dass ich mit meinem neuen Rekord aufgenommen wurde. Es ist ärgerlich, dass hier im Urwald der Empfang nicht so gut ist. Ich kann auch nur schlecht in Kontakt mit der syrischen Familie bleiben, die ich bei der Besteigung des Kilimanjaros kennengelernt habe. Das ist eine ganz witzige Geschichte.

Hoch oben auf dem Gipfel traf ich eine Familie mit drei kleinen Kindern. Sie sahen müde aus und waren ausgemergelt, aber hatten ein Leuchten auf den zarten Gesichtern. Zu meinem großem Erstaunen hatten sie eine Deutschlandfahne auf dem Gipfel drapiert. “Warum hängt hier eine Deutschlandfahne?” fragte ich auf Syrisch, das ich kürzlich dank einer App, die ich selbst entwickelt habe, erlernt hatte.

“Wir sind hier in Deutschland”, sagte der Vater stolz. Er zeigte auf etwas. Ich trat näher. Ein Bild von Bundeskanzlerin Merkel. Eingerahmt. Es stand auf so etwas wie einer Kommode. Nicht fachmännisch zusammengezimmert und mit Schnee bedeckt.
Der Vater erzählte von der mühsamen Reise, von Geld, das von einer Hand in die andere wechselte, von schlaflosen Nächten und Hungersnot. Die Flucht – angetrieben von Angst aber auch Zuversicht.
Ich versuchte den Syrern zu erklären, dass sie falsch lagen. Dass dies nicht Deutschland war. Ungläubig blickte man mich an. Mein blondes, teutonisches Haare blendete sie und meine Worte sorgten für Verwirrung. Es stellte sich heraus, dass sie einmal links falsch abgebogen waren. Ich versprach wiederzukommen und die Familie nach Deutschland zu führen. Ich rufe deshalb zu einer Spendenaktion in Ihrem Blatt für diese Familie auf. Ich werde das Geld, das zusammenkommt, selbstlos verwalten und es persönlich übermitteln. Vielleicht fliege ich dafür mit einem Raumschiff nach Deutschland. Mein Altruismus ist grenzenlos.

Ich lernte in Brasilien ein weiteres Urvolk kennen, das den Kontakt zu jeglicher Zivilisation scheut. Mein blondes Haar wirkte vertrauenswürdig und nach kurzem Small Talk auf Spanisch, das ich ebenfalls fließend wie Tagalog, Ungarisch, Französisch, Englisch, Latein, Alt-Griechisch und Zulu beherrsche und das ein Jüngling, der Sohn des reichsten Mannes dieses Volkes, der einige Zeit in Andalusien verbracht hatte, sprechen konnte und sich mit mir angeregt unterhielt, führte man mich zu einem Feld und sagte, dass dort regelmäßig ein UFO landete und man in Kontakt zu Außerirdischen stünde. Ich muss aber noch einmal zurück und das Ganze erforschen. Ich lerne derzeit brasilianisches Portugiesisch, was mir meine Erforschungen erleichtern wird. Ich möchte ja keine Fake News verbreiten. Ich mache keine Lügenpresse, hihi.

Das erinnert mich aber ein wenig an meine Reise nach Indonesien, wo ich beinahe ein neues Welt-Wunder entdeckte, aber es dann doch nicht dazu kam, weil ich eine gesamte Großstadt durch meine außerordentlichen Fähigkeiten rettete.

Ich bin ein bescheidener Mensch und es beschämt mich, dass das hier den Anschein erwecken könnte, dass ich mich selbst rühme. Mein Talent als Reporter ist aber unleugbar, wenn ich das so sagen darf. 

Ich kann nicht so viel schreiben, weil ich ein gestohlenes Kunstwerk an seinen rechtmäßigen Platz in einem südeuropäischen Museum mit meinem selbstgebauten Hubschrauber zurückfliegen muss. Ich habe dafür einen Deal mit einem international bekannten Kunstfälscher und einem russischen Oligarchen in Tokio ausgehandelt, sodass das gestohlene Gemälde wieder in Kürze im Museum von der Öffentlichkeit studiert werden darf. Das ist alles top secret und leider kann ich noch nicht so viel darüber schreiben. Ich habe dafür meine Kontakte spielen lassen und gegen Diamanten, die mir ein afrikanischer Prinz hat zukommen lassen, eingetauscht. Ich und meine Deals, hihi. Ich hätte sie natürlich auch selbst behalten können, aber so bin ich nicht.

Ich muss mich eigentlich für meine Rolle als neuer James Bond vorbereiten, aber es gibt so viel zu tun als erfolgreicher Reporter. Mein Handy klingelt. Wer kann das sein? Ah, es ist Trump, dieser US-amerikanische Trottel. Sicherlich möchte er mich mal wieder zum Golfspielen einladen, aber dabei bin ich schon mit Obama verabredet. Trump hat mir erzählt, dass er eine Rakete aus Mexikanern bauen und dann im Mittleren Osten abwerfen lassen wollte. Ich konnte es ihm aber durch mein diplomatisches Gespür ausreden, habe aber auch auf meine saudi-arabischen Kontakte gesetzt. Ich habe unzählige Kontakte und habe so viel zu tun, aber helfe, wo ich kann.

Edward Snowden, Julian Assange und ich arbeiten momentan an einer gemeinsamen Fernsehserie für Netflix und ich habe 100 Kinder aus Syrien und dem Irak bei mir aufgenommen, aber ich hätte Zeit, um bei Ihnen als Reporter anzufangen.

Kiss
❤❤❤❤❤

Nett aber langweilig

Früher in meiner Jugend, Opa erzählt vom Krieg, war Sarah Kuttner so etwas wie der “Shooting-Star” der ‘”Generation Y”, die damals vielleicht gar nicht so hieß und der Kuttner altersmäßig auch gar nicht angehörte. Sie war damals für mich schon “ziemlich alt”, bestimmt Mitte 20. So etwas holt einen meistens ein. Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer jungen Frau in einer Bar. Ich hielt sie für Ende 20, weil sie “business casual” angezogen war. Sie kam gerade von der Arbeit. Es stellte sich heraus, dass sie erst 18 war und sie konnte es nicht fassen, dass ich schon “so alt” sei. Sie war so fasziniert davon, dass sie eine Gruppe jüngerer Männer um die 20 über mein hohes Alter informierte. Mittlerweile ist es mir auch schon passiert dass Teenie-Jungs, als ich sagte, dass sie zu jung für mich wären und mich nicht anmachen sollen, erwiderten, dass sie auf “ältere Frauen” stehen. Über Befindlichkeiten im “Alter” und den Umgang mit der Jugend soll es aber in diesem Text nicht gehen, wenn Opa aber erst mal ins Plaudern kommt.

Zurück zu Sarah Kuttner. Früher war mir nicht so ganz bewusst, warum sie einen gewissen Ruhm genießen konnte. Bis auf ihren recht guten Musikgeschmack – die Indie-Bands, die zu der Zeit so gut wie alle Boys und Girls in Skinny Jeans hörten, die ich auch mochte, wirkte sie auch mich größtenteils nett aber langweilig. Dann gab es noch Charlotte Roche mit eigenwilligen Modegeschmack, ein bisschen alternativer als Kuttner, aber für mich ebenfalls nett und ein bisschen langweilig.

Das hat mich gewissermaßen auch wie das, was ich über das Alter dachte und wann es beginnt, eingeholt.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass da auch eine gewisse deutsche Sozialisation mitspielt. Nicht unbedingt nur Deutsch. Es umfasst vermutlich den gesamten deutschsprachigen Raum. Insbesondere Deutschland und Österreich. Wobei man sich da ganz einfallslos vom großen Bruder USA “inspirieren” lässt. Die Rede ist von “das wird man ja wohl noch sagen dürfen”-Meinungen und “Humor”.

Zadie Smith hat in einem älteren Interview gesagt, dass man besser keine “Opinion pieces” von Journalist/innen lesen sollte und viel besser Hochliteratur. Es ist besonders ratsam diese Empfehlung in Deutschland zu befolgen, wo sich regelmäßig peinliche Brüllaffen zu irgendetwas des Brüllens wegen “äußern”. Journalisten und Journalistinnen, wenn man sie so nennen darf, Autoren und Autorinnen, Komiker und Komikerinnen – wobei der Name für diese ebenfalls deplaziert erscheint, Kabarettisten und Kaberattisten, irgendwelche Wichtigtuer, die Stolz verspüren, weil sie bei Twitter und Instagram ein blaues Häkchen haben und denken, damit zur High Society und geistigen Elite zu gehören und man sie ja doch googeln muss, wenn man zufällig auf ihr Profil mit ihren dämlichen “Selfies” und hihi “ironischen” Sprüchen stößt, die sie von Memes stehlen und auf Deutsch übersetzen und als ihre Witzchen verkaufen, hihi, so bissig, so schlagfertig und man dann ihre selbst verfasste Wikipedia-Seite lesen muss, die vermutlich im Koksrausch geschrieben wurde, wie sich das für ein Medien-“Genie”, so denken sie, der Neuzeit gehört.

Zum tausendsten Mal wird in deutschen Medien “der” Feminismus oder Hashtags wie #metoo kritisiert. Das deutsche “N-Wort” benutzt, weil die anderen sich mal nicht so anstellen sollen und man das immer schon so gesagt hat und mindestens von einer dunkelhäutigen Person gehört hat, dass sie das nicht stört oder weil man selbst als “weißer Anti-Rassist” dieses Wort benutzen “darf”, um auf die anderen Rassisten “humorvoll” hinzuweisen. “Witze” über Autisten und Autistinnen. Ganz lapidar wird das Wort “Krüppel” benutzt oder ein Text oder Stand-up in Bibel-Länge geschrieben und verbissen darauf bestanden, dass man doch noch “Zigeunerschnitzel” sagen darf. Auch dieses Wort hat man doch “schon immer” benutzt. Außer man ist Veganer, aber Veganer sind ohnehin der Prügelknabe oder das weibliche Pendant für so viele der “mutigen” Meinunghaber und Sager. Diese naiven, unverbesserlichen Weltverbesserer und Hippies, die zu viel reisen. Wo bekommen die eigentlich ihr Protein her? Zumindest gibt es, wenn man diese erwähnt, nicht die üblichen “Shitstorms” wie so üblich beim deutschen Shitstorm-Journalismus. Deutschland, das Land in dem eine Kabarettistin wie Hazel Brugger gefeiert wird und als “lustigste Frau im deutschen Fernsehen gilt. Sie hat ein Buch geschrieben. Gleich auf den ersten Seiten redet sie davon dem Hotelpersonal gerne mehr Arbeit zu bereiten. So wahnsinnig “bissig” und “bitterböse” raunt es durch die Massen der Dauerlangweiler, die genauso langweilig sind wie Hazels Treten-nach-unten-Humor wie es ihr schillernde Persönlichkeiten im Olymp der politisch-inkorrekten Dummheit wie Jan Böhmermann zeigen. Ja, “Satire darf alles” wird mantra-artig von den Böhmermann-Jüngern wiederholt. “Sozialkritische” Witze über Erdogan mit rassistischen Kümmeltürke-Vorurteilen, Judenwitze, N-Wort und sonstiges und wenn man etwas dagegen sagt, versteht man eben keine “Satire”. So gute Satire wie die von Serdar Somuncu oder auch Lisa Echkart. Frau Eckhart, wenn auch weniger einschläfernd als so manch andere, hat ein paar Wörter aus dem Fremdwörterbuch bei ihren IPhone-Notizen gespeichert und erwähnt, dass sie Faust und Hegel gelesen hat und schon gilt sie als eloquente Hochbegabte, die in ihrem Programm Witze über Hunde- und Katzen-essende Chinesen macht, darüber dass die Metoo-Aktivistinnen zu prüde wären, Krüppel und Autisten und Veganer kommen auch wie so oft vor und so ist das bei unzähligen Persönlickkeiten im deutschsprachigen Raum. Ganz egal, ob da mal wieder so ein einfach gestrickter Mensch wie Don Alphonso hetzt oder der Welt- oder Zeit-Feuilleton nachziehen. Einige Beispiele unter vielen. Es ist so gut wie immer das Gleiche. Schlägt man den deutschen Feuilleton auf, gibt es das und ähnliches in regelmäßigen Abständen zu lesen. Es hat etwas Weltfremdes, Provinzielles, selbst wenn die selbstgefälligen Verfasser Berlin-Zugezogene sind. Wir haben genug von den lauten Stimmen gehört, die, man kann es annehmen, zu Klaus Kinski-Mitschnitten bei YouTube masturbieren und auch gerne so großartig (Spoiler: Kinski und auch sie sind es nicht) wären. Ja, ja. Erschrocken findet man ja doch wieder zu Max Uthoff und Volker Prispers zurück.

Arroganz ist kein Talent. Politisch-inkorrekte Witze sind nicht mutig.

Wer intelligent und stilvoll ist, darf sich nicht einschüchtern lassen. Wenn Satire alles darf, dann darf sie auch klug sein und es können sich auch mal weniger beschämende Intelligenz- und Stil-Allergiker zu Wort melden. Schwieriger wird es bei den Zeitungen, aber man kann immer noch unlustiger, veganer Weltbesserer werden und den “Kulturteil” der Zeitungen meiden.

Nett, aber ein bisschen langweilig. Das sind genau die Stimmen, die wir wieder dringend brauchen. Vielleicht sind sie gar nicht langweilig, denn ihr wisst schon, stille Wasser sind tief. Vielleicht kommen sie nur nicht zu Wort, weil die anderem so laut schreien. Größenwahn mit mittelmäßigen bis wenig Talent ist genügend da.

Schönheit

Photoshop-Schönheit macht ein Bild mit dem Kopf leicht rechts nach unten gesenkt. Der Mund ist rot geschminkt und halb geöffnet. Die Lider hängen schwer. Sie hat das lange einstudiert. Ich lese einen Artikel über sie. Seicht, mittelmäßig und arrogant wird als Provokant und Intellektuell verkauft.

Steh-Party, sie hält ein Glas Weißwein in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Sie ist schlank. Die Hände sind schmal, sie trägt einen Ring und die Nägel sind dunkel lackiert. ”Ficken,” sagt sie. Smokey eyes, kein Parfum, schwarzes Spitzenkleid. Die kleinen Brüste hochgepusht. Ich zucke ein wenig zusammen, leicht angeekelt. ”Die hat sich doch von dem ficken lassen,” sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Sie lacht. Die anderen lachen. Das kommt gut an. Nicht bei mir. ”Ficken,” sagt sie wieder, aber ich höre nicht mehr hin. Ich weiß nicht, um wen es da geht bei diesem ”Gespräch”, Synonym für Lärm. Sie wird lauter. Sie erzählt, dass sie früher ab und zu die Schule schwänzte, mit ihren Freundinnen zu McDondals fuhr und die Mitarbeiter beleidigte. Sie lacht wieder.

”Du bist so erfrischend anders,” sagt ein bebrillter Mann mittleren Alters mit dickem Bauch in einem schlechtsitzenden Anzug, der vermutlich die Hälfte eines Monatsgehaltes eines Mc-Donald’s-Mitarbeiters gekostet hat, zu ihr. Man kann mit Geld keinen Geschmack kaufen. ”Ich bin müde,” sagt sie. ”Dabei arbeite ich nur ein-bis zwei Mal die Woche. Ich weiß gar nicht, was los ist.” ”Ja,” sagt eine Blondine Ende 20, die vorhin mit jemand in fließendem Französisch mit stark deutschen Akzent laut am Handy über ein Inteview, das sie machen möchte, geredet hat. ”Hast du schon mal eine Saftkur probiert? Ich habe damit drei Kilo abgenommen und schlafe besser,” sagt die Blondine. ”Du, ich habe da was, was hilft,” mischt sich ein Typ Ende 30 ins Gespräch ein. Er ist dunkelblond und trägt einen lockeren Anzug. Ein Mann Mitte 40 mit einem zerknautschten Gesicht, leicht speckig, in unmodischer Kleidung, die vermutlich teuer ist, steht daneben. Der Typ Ende 30 holt ein Päckcken aus der Hosentasche. Unschwer zu erkennen ist da ein weißes Pulver. Sie lacht wieder. Die großen zartgelben Zähne blitzen. Sie grinst. ”Ja, Mensch, Moritz.” Sie, die Blondine und die anderen verschwinden in Richtung Toilette.

”Wie ich diese reichen Medien-Wichser hasse,” sage ich zu Lars, dem Schauspielschüler. ”Hassen ist vielleicht übertrieben, aber die sollten alle mal auf Lego treten.”

”Ich auch,” sagt Lars. ”Ich spucke ihnen deshalb immer ins Glas oder fahre mit der Klobürste über ihre Mäntel.”

”Das wäre mir zu viel Aufwand,” sage ich. ”Außerdem sind doch Bakterien auf so einer Klobürste und dann verbreitest du das doch in ganz Berlin. Was ist, wenn die mit der U-Bahn… Ach nein, reiche Wichser fahren Taxi,” sage ich. ”Und ich denke mal nicht, dass der Taxifahrer hinten sitzt und mit den Klobürsten-Bakterien in Berührung kommt.”

Lars nickte. ”Ich geh dann mal klobürsten,” sagt er.

8,50 Euro die Stunde macht 42,50 Euro Verdienst für fünf Stunden. Trinkgeld darf man nicht annehmen. Man bekommt auch keines, außer einer der dümmlichen Männer möchte eine der dümmlichen Ischen beeindrucken.

Gelungene Integration

Berlin

”Diese ganzen Menschen hier mit Migrationshintergrund,” sagt eine junge Frau laut. Sie ist blond und ungefähr Ende 20. ”Ich bin so… so ergriffen,” sagt sie ganz andächtig zu ihrer Begleitung. ”Es war so gut, dass wir entschieden haben herzufahren.” Ihre Begleitung, männlich, im gleichen Alter, blond, nickt zustimmend.

”Wir sind hier live im Migranten-Geschehen,” sagt die Frau. Der Mann nickt wieder. Er macht Bilder mit einer Spiegelreflex-Kamera.

”Ich fühle mich so kulturell bereichert,” sagt die Frau. ”Warte, ah, mir kommen Tränen. Nein, Tillmann, bitte sieh mich nicht an. Das ist mir peinlich. Bitte schau dir hier diese Menschen an.”

”Ich glaube, wir gehen besser nach Hause, Hannah,” sagt der Mann. ”Das war vielleicht alles ein bisschen zu viel für dich.”

”Ja,” sagt die Frau. ”Wir dürften genug Material für den Artikel haben. Hm, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Aus welcher Richtung sind wir gekommen? Von da oder von da?”

”Ich weiß nicht,” sagt der Mann. ”Die ganzen Migranten, Drogendealer, Alkoholiker, Punker und Obdachlosen haben mich irgendwie abgelenkt.”

”Warte, ich frage mal jemanden,” sagt die Frau. Sie geht auf eine junge Frau mit Kopftuch zu. ”E n t s c h u l d i g u n g,” sagt sie. ”Wo ist denn hier die U-B a h n-H a l t e s t e l l e oder B u s h a l t e s t e l l e? Wir sind nicht von hier. Wir müssen nach M i t t e oder zum P r e n z l a u e r b e r g. Do you speak English?”

Die Frau mit Koptuch sagt: ”Sie müssen nicht so mit dir reden. Ich spreche Deutsch. Ich bin in Berlin geboren.”

”Ach, so. Ja, also, können Sie uns sagen, wie wir zur U-Bahn oder zu einer Bushaltestelle kommen?”

Die Frau mit Kopftuch sagt: ”Hier vorne ist gleich die U-Bahn. Sie kommen dann zur U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor. Von dort können Sie weiterfahren.”

”Danke,” sagt die junge Frau. ”Wissen Sie,” fügt sie hinzu. ”Ich finde es ganz toll, dass Sie so gut Deutsch sprechen und hier so unbedarft in dieser No-go-Area wohnen, in diesem sozialen Brennpunkt, und Sie sprechen auch ganz ohne Soziolekt. Das ist wirklich ganz toll. Oder Tillmann? Was sagst du dazu? Das ist doch wirklich toll.”

”Ja, ganz toll.”

”Und wissen Sie, ja, es gibt Deutsche, die keine Migranten mögen und was gegen Moslems und Flüchtlinge haben, aber wir nicht. Wir finden das alles super. Diese kulturelle Bereicherung. Sehen Sie hier diesen Dönerladen oder den Gemüsehändler, die Taxifahrer. Wir glauben nicht, dass alle Migranten kriminell sind. Wir wählen auch nicht die AFD. Wir sind linksliberale, junge Leute. Wir sind weltoffene Journalisten und wir setzen uns für ein tolerantes Berlin ein. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb wir nach Berlin gezogen sind. Oder Tillmann? Wie Sie das alles meistern. Ihre Integration. Ein ganz großes Lob an Sie.”

”Äh, danke,” sagt die Frau mit Kopftuch. ”Ich muss dann mal weiter. Tschüssi.”

Die junge Frau kichert. ”Tschüssi hihi,” sagt sie. ”Ja, Tschüssi. Tillmann, sag mal bitte ”Tschüssi.”

”Tschüssi.”

Die Frau mit Kopftuch lächelt verwirrt und geht weiter.

”Das war so eine schöne Unterhaltung,” sagt die Frau. Sie ist sichtlich gerührt.

”Ja,” sagt der Mann. ”Wir haben aber auch schon mal bei Mc Donald’s mit einem Migranten geredet.”

”Ja, stimmt. Hm, aber nie wieder Mc Donald’s. Ich meine, jetzt nicht wegen der Migranten. Ich meine, das Essen. Das war ja schrecklich.”

”Ja, finde ich auch.”

”Warte mal, Luisa und Ralf haben mir eine Whatsapp geschickt. Die sind doch momentan auf Feurte. Schau mal, wie schön, das Bild. Hm, findest du nicht, dass Luisa ein bisschen zugelegt hat? Na, die lassen es sich aber gut gehen. Man kann ja den Urlaub genießen, aber dass man sich gleich so gehen lässt? Würdest du mich verlassen, wenn ich so zunehme?”

”Nein, warum? Du gehst doch immer ins Gym. Wir sollten echt mal nach Neukölln ziehen. Das ist jetzt voll hip und da gibt es auch voll viele Menschen mit Migrationshintergrund. Juliane und Frederick wohnen doch auch schon da.”

”Ja.”

Ich renne der Frau mit dem Kopftuch hinterher. Ich rede auf sie ein, sage ihr, dass ich mich verlaufen habe und mir ein Schnösel-Paar, Journalisten oder so, nicht weiterhelfen konnte und ich deshalb jemanden fragen wollte, der wie ein echter Berliner aussieht. ”Wo müssen Sie denn hin?” fragt sie.”

”Hm. Rudi-Dutschke-Straße,’‘ sage ich. ”Zu Le Monde diplomatique.” Sie sagt, dass das aber schon ein ganzes Stückchen ist.

Ich muss gar nicht zur Rudi-Dutschke-Straße.

Ich begegne Tilmann und Hannah von eben in der U-Bahn. Sie starren auf die Displays ihrer Handys. ”Guten Tag, die Fahrscheine, bitte,” sagen zwei Männer laut. Ich werde mal wieder beim Schwarzfahren erwischt. Der Kontrolleur, der meine Daten erfasst, wünscht mir ”trotzdem noch einen schönen Tag”. ”Danke, ‘‘, sage ich. Ich vergesse ihm trotzdem auch noch einen schönen Tag zu wünschen. Ich ziehe, gedanklich, 60 Euro von meinem Gehalt ab.