Schönheit

Photoshop-Schönheit macht ein Bild mit dem Kopf leicht rechts nach unten gesenkt. Der Mund ist rot geschminkt und halb geöffnet. Die Lider hängen schwer. Sie hat das lange einstudiert. Ich lese einen Artikel über sie. Seicht, mittelmäßig und arrogant wird als Provokant und Intellektuell verkauft.

Steh-Party, sie hält ein Glas Weißwein in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Sie ist schlank. Die Hände sind schmal, sie trägt einen Ring und die Nägel sind dunkel lackiert. ”Ficken,” sagt sie. Smokey eyes, kein Parfum, schwarzes Spitzenkleid. Die kleinen Brüste hochgepusht. Ich zucke ein wenig zusammen, leicht angeekelt. ”Die hat sich doch von dem ficken lassen,” sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Sie lacht. Die anderen lachen. Das kommt gut an. Nicht bei mir. ”Ficken,” sagt sie wieder, aber ich höre nicht mehr hin. Ich weiß nicht, um wen es da geht bei diesem ”Gespräch”, Synonym für Lärm. Sie wird lauter. Sie erzählt, dass sie früher ab und zu die Schule schwänzte, mit ihren Freundinnen zu McDondals fuhr und die Mitarbeiter beleidigte. Sie lacht wieder.

”Du bist so erfrischend anders,” sagt ein bebrillter Mann mittleren Alters mit dickem Bauch in einem schlechtsitzenden Anzug, der vermutlich die Hälfte eines Monatsgehaltes eines Mc-Donald’s-Mitarbeiters gekostet hat, zu ihr. Man kann mit Geld keinen Geschmack kaufen. ”Ich bin müde,” sagt sie. ”Dabei arbeite ich nur ein-bis zwei Mal die Woche. Ich weiß gar nicht, was los ist.” ”Ja,” sagt eine Blondine Ende 20, die vorhin mit jemand in fließendem Französisch mit stark deutschen Akzent laut am Handy über ein Inteview, das sie machen möchte, geredet hat. ”Hast du schon mal eine Saftkur probiert? Ich habe damit drei Kilo abgenommen und schlafe besser,” sagt die Blondine. ”Du, ich habe da was, was hilft,” mischt sich ein Typ Ende 30 ins Gespräch ein. Er ist dunkelblond und trägt einen lockeren Anzug. Ein Mann Mitte 40 mit einem zerknautschten Gesicht, leicht speckig, in unmodischer Kleidung, die vermutlich teuer ist, steht daneben. Der Typ Ende 30 holt ein Päckcken aus der Hosentasche. Unschwer zu erkennen ist da ein weißes Pulver. Sie lacht wieder. Die großen zartgelben Zähne blitzen. Sie grinst. ”Ja, Mensch, Moritz.” Sie, die Blondine und die anderen verschwinden in Richtung Toilette.

”Wie ich diese reichen Medien-Wichser hasse,” sage ich zu Lars, dem Schauspielschüler. ”Hassen ist vielleicht übertrieben, aber die sollten alle mal auf Lego treten.”

”Ich auch,” sagt Lars. ”Ich spucke ihnen deshalb immer ins Glas oder fahre mit der Klobürste über ihre Mäntel.”

”Das wäre mir zu viel Aufwand,” sage ich. ”Außerdem sind doch Bakterien auf so einer Klobürste und dann verbreitest du das doch in ganz Berlin. Was ist, wenn die mit der U-Bahn… Ach nein, reiche Wichser fahren Taxi,” sage ich. ”Und ich denke mal nicht, dass der Taxifahrer hinten sitzt und mit den Klobürsten-Bakterien in Berührung kommt.”

Lars nickte. ”Ich geh dann mal klobürsten,” sagt er.

8,50 Euro die Stunde macht 42,50 Euro Verdienst für fünf Stunden. Trinkgeld darf man nicht annehmen. Man bekommt auch keines, außer einer der dümmlichen Männer möchte eine der dümmlichen Ischen beeindrucken.

Gelungene Integration

Berlin

”Diese ganzen Menschen hier mit Migrationshintergrund,” sagt eine junge Frau laut. Sie ist blond und ungefähr Ende 20. ”Ich bin so… so ergriffen,” sagt sie ganz andächtig zu ihrer Begleitung. ”Es war so gut, dass wir entschieden haben herzufahren.” Ihre Begleitung, männlich, im gleichen Alter, blond, nickt zustimmend.

”Wir sind hier live im Migranten-Geschehen,” sagt die Frau. Der Mann nickt wieder. Er macht Bilder mit einer Spiegelreflex-Kamera.

”Ich fühle mich so kulturell bereichert,” sagt die Frau. ”Warte, ah, mir kommen Tränen. Nein, Tillmann, bitte sieh mich nicht an. Das ist mir peinlich. Bitte schau dir hier diese Menschen an.”

”Ich glaube, wir gehen besser nach Hause, Hannah,” sagt der Mann. ”Das war vielleicht alles ein bisschen zu viel für dich.”

”Ja,” sagt die Frau. ”Wir dürften genug Material für den Artikel haben. Hm, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Aus welcher Richtung sind wir gekommen? Von da oder von da?”

”Ich weiß nicht,” sagt der Mann. ”Die ganzen Migranten, Drogendealer, Alkoholiker, Punker und Obdachlosen haben mich irgendwie abgelenkt.”

”Warte, ich frage mal jemanden,” sagt die Frau. Sie geht auf eine junge Frau mit Kopftuch zu. ”E n t s c h u l d i g u n g,” sagt sie. ”Wo ist denn hier die U-B a h n-H a l t e s t e l l e oder B u s h a l t e s t e l l e? Wir sind nicht von hier. Wir müssen nach M i t t e oder zum P r e n z l a u e r b e r g. Do you speak English?”

Die Frau mit Koptuch sagt: ”Sie müssen nicht so mit dir reden. Ich spreche Deutsch. Ich bin in Berlin geboren.”

”Ach, so. Ja, also, können Sie uns sagen, wie wir zur U-Bahn oder zu einer Bushaltestelle kommen?”

Die Frau mit Kopftuch sagt: ”Hier vorne ist gleich die U-Bahn. Sie kommen dann zur U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor. Von dort können Sie weiterfahren.”

”Danke,” sagt die junge Frau. ”Wissen Sie,” fügt sie hinzu. ”Ich finde es ganz toll, dass Sie so gut Deutsch sprechen und hier so unbedarft in dieser No-go-Area wohnen, in diesem sozialen Brennpunkt, und Sie sprechen auch ganz ohne Soziolekt. Das ist wirklich ganz toll. Oder Tillmann? Was sagst du dazu? Das ist doch wirklich toll.”

”Ja, ganz toll.”

”Und wissen Sie, ja, es gibt Deutsche, die keine Migranten mögen und was gegen Moslems und Flüchtlinge haben, aber wir nicht. Wir finden das alles super. Diese kulturelle Bereicherung. Sehen Sie hier diesen Dönerladen oder den Gemüsehändler, die Taxifahrer. Wir glauben nicht, dass alle Migranten kriminell sind. Wir wählen auch nicht die AFD. Wir sind linksliberale, junge Leute. Wir sind weltoffene Journalisten und wir setzen uns für ein tolerantes Berlin ein. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb wir nach Berlin gezogen sind. Oder Tillmann? Wie Sie das alles meistern. Ihre Integration. Ein ganz großes Lob an Sie.”

”Äh, danke,” sagt die Frau mit Kopftuch. ”Ich muss dann mal weiter. Tschüssi.”

Die junge Frau kichert. ”Tschüssi hihi,” sagt sie. ”Ja, Tschüssi. Tillmann, sag mal bitte ”Tschüssi.”

”Tschüssi.”

Die Frau mit Kopftuch lächelt verwirrt und geht weiter.

”Das war so eine schöne Unterhaltung,” sagt die Frau. Sie ist sichtlich gerührt.

”Ja,” sagt der Mann. ”Wir haben aber auch schon mal bei Mc Donald’s mit einem Migranten geredet.”

”Ja, stimmt. Hm, aber nie wieder Mc Donald’s. Ich meine, jetzt nicht wegen der Migranten. Ich meine, das Essen. Das war ja schrecklich.”

”Ja, finde ich auch.”

”Warte mal, Luisa und Ralf haben mir eine Whatsapp geschickt. Die sind doch momentan auf Feurte. Schau mal, wie schön, das Bild. Hm, findest du nicht, dass Luisa ein bisschen zugelegt hat? Na, die lassen es sich aber gut gehen. Man kann ja den Urlaub genießen, aber dass man sich gleich so gehen lässt? Würdest du mich verlassen, wenn ich so zunehme?”

”Nein, warum? Du gehst doch immer ins Gym. Wir sollten echt mal nach Neukölln ziehen. Das ist jetzt voll hip und da gibt es auch voll viele Menschen mit Migrationshintergrund. Juliane und Frederick wohnen doch auch schon da.”

”Ja.”

Ich renne der Frau mit dem Kopftuch hinterher. Ich rede auf sie ein, sage ihr, dass ich mich verlaufen habe und mir ein Schnösel-Paar, Journalisten oder so, nicht weiterhelfen konnte und ich deshalb jemanden fragen wollte, der wie ein echter Berliner aussieht. ”Wo müssen Sie denn hin?” fragt sie.”

”Hm. Rudi-Dutschke-Straße,’‘ sage ich. ”Zu Le Monde diplomatique.” Sie sagt, dass das aber schon ein ganzes Stückchen ist.

Ich muss gar nicht zur Rudi-Dutschke-Straße.

Ich begegne Tilmann und Hannah von eben in der U-Bahn. Sie starren auf die Displays ihrer Handys. ”Guten Tag, die Fahrscheine, bitte,” sagen zwei Männer laut. Ich werde mal wieder beim Schwarzfahren erwischt. Der Kontrolleur, der meine Daten erfasst, wünscht mir ”trotzdem noch einen schönen Tag”. ”Danke, ‘‘, sage ich. Ich vergesse ihm trotzdem auch noch einen schönen Tag zu wünschen. Ich ziehe, gedanklich, 60 Euro von meinem Gehalt ab.