Kaffeehausliteratur

2018-07-04 13.01.09

 

”Du kannst Kinder nicht impfen lassen. Hallo? Da ist Aluminium drin in den Impfstoffen und überhaupt: Impfen macht Kinder autistisch. Willst du ein behindertes Kind, das in seiner eigenen Welt lebt? Willst du das? Ein Kind, das voll weggetreten ist und nicht richtig da und das Kind ist auch nicht eigenständig und behindert halt. Das kannst du doch nicht wollen? Wir müssen unsere Kinder schützen. Man muss angstfrei durchs Leben gehen und nicht auf diese Panikmacherei durch die Medien und die Pharma-Industrie reinfallen. Die verdienen ihr Geld mit uns. Hallo, wach mal auf, bitte”, schreit eine Frau und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk. Sie hat jetzt Schaum an den Lippenrändern von der Soja-Latte. Es könnte aber auch Tollwut sein. Wenn sie Heilkräuter im Wald für ihre Kinder sammelt, kann es schon mal sein, dass sie von wilden Tieren mit Tollwut angefallen wird. Von Füchsen, Wölfen, Luchsen, Wildschweinen, Bären oder Fabelwesen vielleicht.

”Ich habe sogar mal in einem Forum gelesen, dass Kinder davon homosexuell werden können. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber doch nicht das eigene Kind.”

Der Mann, der ihr gegenübersitzt, sieht sie achselzuckend an.

Die Frau schreit: ”Gehirnwäsche, Propaganda.” und schnaubt. ”Ich sag mal so: Wenn Mütter ihre Kinder mal stillen würden, aber nein. Die benutzen lieber Ersatzmilch und impfen. Da sind sie fein raus, denken sie.” und sie gestikuliert wie wild mit den Händen. ”Ein Kind braucht Muttermilch und Liebe. Mehr nicht. Ich erzähle dir jetzt mal was über die pädagogischen Ansätze von Montesorri.”

”Aber Larissa”, wirft der Mann ein. ”Wir wollten doch hier das Klassentreffen planen.”

Kann nicht hier und heute der Verband deutscher Autisten ein Treffen veranstalten oder vielleicht ein Autisten-Forum? Ein autistisches Pärchen könnte sich hier zum Rendezvous oder eine Elterngruppe mit ihren Kindern. Ein Film mit dem Namen ”Herdenimmunität” könnte hier gedreht werden. ”Herdenimmunität- der Film”, der von einem andalusischen Schäferhund und einer Schafherde handelt und der Hund hat ein Lieblingsschaf, aber dann sehen die ja doch alle gleich aus und der Hund hat eine verstümmelte Nase, weil er als Welpe von seinem Vorbesitzer, einem gemeinem Mann aus dem Dorf gequält und später von dem Schafzüchter gerettet und bei sich aufgenommen wurde, aber die Nase wurde nicht mehr und der Hund weiß nicht mehr, welches sein Lieblingsschaf ist und vielleicht riechen die auch alle recht ähnlich und der Schafzüchter wird Alkoholiker, weil seine Frau ihn verlässt und nach Berlin zieht, nach Deutschland, wo die Arbeitsplätze sind, und in diesem Café als Putzfrau zu arbeiten beginnt und der Schafzüchter weint viel und dann sterben alle Schafe und die Sonne erlischt plötzlich und auch alle Menschen sterben, aber der Hund überlebt, weil er von einem kleinen, autistischen Jungen mit Zauberkräften gerettet wird, aber natürlich ist das kein Harry-Potter-Abklatsch, und der Junge baut ein Raumschiff und er und der Hund fliegen ins Weltall, weil auf der Erde ist ja nicht mehr viel, und so endet der Film und der Film räumt alle Preise in Cannes, beim Sundance Festival, bei der Berlinale, bei den BAFTA Awards etc. ab. Tausche diese Frau in diesem Café gegen eine Armada von 1000 Autisten. 100000 Autisten. Eine Million. Sofort.

Die Frau sagt laut ”Hauptschule.” Es klingt als hätte sie etwas Verbotenes gesagt, etwas Konspiratives. Sie redet leiser. ”Legasthenie”, sagt sie. ”ADHS”, ”Ritalin”, ”Verhaltensgestört”, ”Regelschule mit schlecht ausgebildeten Lehrern”, ”Migranten”, ”Magst du Woody Allen? Ich liebe ihn”, ”Drogen in der Grundschule im sozialen Brennpunkt.”

Ich möchte aus dem Café stürzen und zu einem armen Heroinabhängigen laufen, die benutzte Spritze, die er soeben in die Rinne zwischen Bordstein und Bordsteinkante geworfen hat, nehmen und sie der Frau zeigen. Wenn sie panisch schreit, dass sie keine Impfung haben möchte, sage ich: ”Keine Bange, Werteste, meine Pantopon Rose. Das ist nur Diamorphin. Aus der Pflanze Papaver Somniferum. Das reicht zurück bis zu den alten Ägyptern, Liebste.” und die Frau wird erleichtert nicken und sagen: ”Wenn es natürlich ist, kann es nur gut sein. Nur her damit.” und mir schneller als Speedy Gonzales ihren bleichen Arm entgegenstrecken. ”Oh, diese wohlige Wärme. Bekomme ich das im Biomarkt oder im Reformhaus?” und ich werde sagen: ”Das bekommen Sie nur von einem Straßen-Schamanen, Teuerste.”

Ein Junge reißt mich aus meinen Gedanken. ”Haven Sie Stevia?”, fragt er. ”Nein, leider nicht”, sage ich. Der Junge sieht mich enttäuscht an, sagt vorwurfsvoll ”Dann halt nicht”, rümpft die Nase und verlässt das Café mit finsterem Blick.

”Knöpfe sortieren”, sagt die Frau laut. ”Fremdsprachen”, ”Schlafförderlich.”

Ich habe mal darüber gelesen, wie man Schlafmohn-Tee herstellt. Opium tea wie bei Nick Cave. Da sei vor einiger Zeit noch legal gewesen, aber gerade deshalb hatten Mütter Tees für ihre Kinder daraus hergestellt. Das sei so ein altes Rezept. Beruhigend, aus der Natur und ohne Zusatzstoffe. Mehrere Kinder mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Mütter nicht wussten, was sie da eigentlich ihren Kindern gaben. Das wäre mir nicht passiert. Wären die Mütter nur beim Fencheltee geblieben. Es ist traurig, weil sie es ja eigentlich nur gut meinten.

Ich höre die Impfgegner-Mutter laut ”Holundersirup” sagen. Der Mann, auf den sie einredet, lächelt gequält.

Ich bin einfach zu nüchtern. Vielleicht sollte ich mir einen Schnaps genehmigen.

Das Baby der Frau schreit. Sie dreht es im Tragetuch und legt es an ihre linke Brust. Es saugt gierig mit geschlossenen Augen an der Milchdrüse und japst hin und wieder ganz süß. Ihr Kleindkind malt währenddessen mit einem roten Wachsmalstift die Wand an. Ich lächle. Auf die neue Generation. It’s never too late for a happy childhood.

Rechts neben der Theke sitzt eine junge Frau mit einem Mann um die 50 zusammen. Der Mann sieht sie begeistert an. ”Dein Vater hat mir dein Manuskript zum Lesen gegeben”, sagt er. ”Was für geniale Einfälle. Was für ein revolutionäres Talent. Und das alles ohne Hildesheim oder Leipzig. Kann es denn heute noch junge Schriftsteller geben, die dort nicht schreiben lernen? Du bist ein Naturtalent. Dein Manuskript, das hat so etwas Nihilistisches. Techno, Drogen, Liebe, Exzess, reiche Kids, die gelangweilt sind, Berghain. Berlin Mitte. Das ist etwas Noch-Nie-Dagewesenes. Das Selbstzerstörerische, das Gelangweilte. Die Leere. Der Hedonismus. Geld und gutes Aussehen. Kids aus reichem Haus. Das ist Christian Kracht. Das ist Benjamin von Stuckrad-Barre mit persönlicher Note. Du bist die neue Helene Hegemann. Das ist so gut. Das ist gigantisch. Ich kann es nicht fassen. Ich sehe dich schon bei der Buchmesse und auf den Beststeller-Listen. Du wirst auch beim Bachmann-Preis lesen. Da bin ich mir sicher. Der Feuilleton wird dich lieben und über dich schreiben, er wird verzückt sein. Ein deutsches Wunderkind. Reich und gelangweilt. Berlin Roman. Wohlstandsverwahrlosung. Oh mein Gott. Das Noch-Nie-Dagewesene. Ich bin so froh, dass wir dich in unserem Verlag verlegen dürfen. Die Förderung junger Talente liegt mir am Herzen und du bist etwas ganz Großes. Du wirst die Pop-Literatur neu einläuten. Du bist die Stimme deiner Generation.”

“Dank”, sagt die junge Frau, lächelt und blickt kurz von ihrem Smartphone auf.
Mein selektives Hören funktioniert eindeutig zu gut. Ich bin aber auch einfach wirklich zu nüchtern. Ich kokse nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder und der Drogenkartelle und ich trinke nicht mehr so viel, weil ich schon zu viel getrunken habe und es mich langweilt. Happy pills, Psychopharmaka und das ganze Zeug benebeln mich nur und legen einen Schleier über ”unschöne Gefühle”. Gras macht mir nur hungrig und albern, MDMA und LSD kann man nicht immer nehmen, Heroin ist nur am Anfang Spaß, Spaß, Spaß, ja unendlicher Spaß, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt Spaß hatte, und ja, Meth und Crack sind auf Dauer auch nicht das Wahre, versucht habe ich es aber auch nicht. Von Speed kann ich nicht schlafen und ich bin zu traurig beim Come-Down. Sport, Yoga, Meditation, ausgewogene Ernährung, Verantwortungsbewusstsein, ein geregelter Alltag und Liebe geben und zulassen, wäre mal eine kluge Herangehensweise, aber es klingt nach so viel Aufwand. Was bleibt da noch übrig? Nüchtern und frustriert. Oh Baby. Working for the man. Gefangen in den Wirren des kalten Kapitalismus. ”Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu alles für dich.” Ich bin nicht mal Working Class Hero. Ich bin einfach nur Working Class Loser.
Vielleicht bin ich auch nur am falschen Ort. Eine einsame Waldhütte wäre das Paradies. Mit ein paar Hunden und einer Schrotflinte, falls mal jemand vorbeikommt. Nicht dieses ”Szene-Café”. Das wird es sein oder etwa nicht? Ach, was weiß ich schon.
Ich sehe aus dem Fenster. Ein als Clown verkleideter Mann geht vorbei. Er hält den Blick gesenkt. Er sieht traurig aus.

”Einen Kaffee” sagt ein Mann um die 40 zu mir.
”Was für einen Kaffee hätten Sie gern?”, frage ich.
”Normaler Kaffee”, sagt der Mann energisch.
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”
Der Mann stöhnt genervt auf. ”Normaler Kaffee.”
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”, wiederhole ich.
”Filterkaffee mit Milch und Zucker.”
”Wir haben hier keinen Filterkaffee. Das ist eine italienische Kaffee-Kette.”
”Was soll das bedeuten?”
”Das bedeutet, dass es hier nur italienischen Kaffee gibt. Ich bin hier auch nicht der Eigentümer und entscheide das nicht.”
”Bitte? Das kann doch nicht sein.”
”Doch.”
”Ich möchte normalen Kaffee”, fordert der Mann.
”Caffé Espresso, Caffé Corretto, Caffé Lungo, Caffé Latte, Caffé Macchiato, Caffé Risretto, Cappucino, Latte Macchiato, Caffé Freddo oder Caffé Sospeso? Wir haben auch Sojamilch.”
”Warum gibt es hier keinen normalen Kaffee?”
”Wissen Sie”, sage ich. ”Filterkaffee ist so etwas typisch Deutsches. Das ist aber ein italienisches Café. Manche in Italien sagen, dass man in Deutschland keine Kultur hätte. Das haben auch schon die alten Römer gesagt. Die nannten die Deutschen Barbaren. Zumindest ist die Nationalmannschaft in Deutschland besser. Haben Sie die Göttliche Komödie gelesen?”
”Bitte?”
”Ja. Was für einen Kaffee möchten Sie?”
”Latte Matschiato”, sagt der Mann und stockt für einen kurzen Moment.
Dann sagt er: ”Nein, ich möchte keinen. Ich werde dieses Café nie wieder betreten. Es gibt keinen normalen Kaffee. Wo gibt es denn so was?” schimpft er. ”Saftladen.”
”Ja, Saft haben wir auch”, sage ich.
Der Mann sieht mich entgeistert an.
”Wenn man zu dumm ist für einen richtigen Job, muss man eben in einem Café arbeiten”, sagt er triumphierend.
”Sie sind ja anscheinend zu dumm, um Kaffee in einem Café zu bestellen. Das bekomme sogar ich hin- trotz meiner unsäglichen Dummheit. Na dann, werter Freund. Reisende soll man nicht aufhalten. Habe die Ehre. Arrivederci.”
”Unverschämtheit”, ruft der Mann.
”Ist das eine deutsche Filterkaffee-Marke?”
Der Mann sieht mich mit hochrotem Kopf an und geht.
Ciao bello.

Noch fünf Stunden bis Dienstschluss. Ein Mann kommt vor, bestellt ”eine Latte” und lacht. ”Latte haha.” Ich habe den Witz nur schon mindestens fünf Mal heute von Männern gehört und er war schon beim ersten Mal nicht witzig. Ich verziehe das Gesicht. Der Mann sieht mich traurig an. Ich ziehe meinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Das Gesicht des Mannes erhellt sich wieder. Eine Straßenbahn hält gegenüber vom Café an. In großen Lettern steht auf der Straßenbahn: ”Im Gegensatz zu dir bin ich immer breit. BVG. Wir lieben dich.” Ich zeige darauf und sage: ”Bereit.” Der Mann muss lachen. Ich ziehe nun auch den linken Mundwinkel zusätzlich zum rechten hoch. Das freut den Mann. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich räume Tische ab und kehre. Noch fünf Stunden bis Dienstschluss.

Ein dünnes, blondes Mädchen mit einem Dutt sitzt an einem der Tische mit ihren Freunden. Ihre Iphones und Samsung Galaxies liegen neben ihren überteuerten Getränken auf dem Tisch. Sie sagt laut: ”Ich bin doch an der Springer Akademie. Ich habe ein Semester Kommunikationswissenschaften und dann Jura studiert, aber das war nichts für mich. Das haben so viele Mädchen mit blondierten Haaren studiert und so. Das waren halt so Tussis irgendwie. Weißt du so, ich lese Kleist in der Mensa und die Modemagazine. Ich mein’, ich lese auch mal Modemagazine, aber doch nicht nur. Das war mir dann nicht intellektuell genug von den Menschen her. Das bringt mich doch null weiter, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe. Meine Eltern sagten noch, dass ich auf Lehramt studieren könnte, aber da war ich nur in einer Vorlesung. Da waren halt so voll die Mauerblümchen irgendwie. Da habe ich ja gar nicht hingepasst. BWL hätte ich noch gern gemacht, aber das ist ja irgendwie so trocken. Literaturwissenschaften hätte ich auch noch gemacht, weil sich das irgendwie so intellektuell anhört. Da kann man dann sagen, dass man voll belesen ist, weil man ja voll viele Bücher lesen muss und so.” Sie kichert. ”Hm, ja, aber ich wurde dann ja an der Springer Akademie angenommen. Ich bin echt super zufrieden mit der Springer Akademie. Man lernt ja so unglaublich viel an der Klinger Akademie.”
Ihre Freunde nicken.
”Ich habe ja jetzt voll hohe Klickzahlen auf meinem Blog”, sagt ein Mädchen stolz in die Runde. ”Mein Blog heißt ”Books, tea and fashion.”
Das Mädchen hat blondierte Haare. Sie holt ein Buch aus ihrer Tasche, legt es auf den Tisch neben ihre Tasse Kaffee und die Vase mit der pinken Tulpe und macht ein Bild davon. ”Für meinen Blog”, sagt sie.
”Ja, das wäre nichts für mich”, sagt das Mädchen mit dem Dutt. Ich möchte schon authentischen Journalismus machen und nicht nur bloggen. Ich habe ja auch einen Blog, aber das ist doch kein Journalismus. Man lernt bei der Springer Akademie so viel. Das ist ja nicht nur die Bild-Zeitung. Die Leute haben da ja so krass viele Vorurteile. Da gibt es ja auch Zeitungen und Zeitschriften mit hohem Niveau. Da sehe ich mich ja und nicht bei der Bild. Das wäre ja nichts für mich.”
Die Freunde nicken.
”Es ist so nervig immer den Trotteln erklären zu müssen, dass das bei Springer nicht nur die Bild ist. Da gibt es auch seriöse Medien”, sagt sie. ”Da schreiben so krass kluge, innovative Köpfe und da kann nicht einfach jeder mitschreiben. Da muss man schon voll klug sein. Mathis Matschussek hat das auch zu mir gesagt, bevor man ihm gekündigt hat. Man muss auch schon wahnsinnig klug sein, um an der Springer Akademie angenommen zu werden. Wir nehmen da doch nicht jeden an der Springer Akademie. Viele wollen hin, aber es schafft halt nicht jeder. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen die Bild, aber das wäre unter meinem Niveau vom Journalistischen her irgendwie. Die Bild ist aber auch nicht mehr so wie früher und ist jetzt bürgerlich und die lesen ja auch voll viele.”
Die Freunde nicken wieder.
”Meine Eltern meinten gestern so bei Facetime: ‘Such dir doch mal einen Job oder so, weil dann müssen wir dir nicht immer so viel Geld überweisen. Wir zahlen doch schon deine Wohnung und so.’ und ich meine so: ‘Ja, und? Das gehört sich ja wohl so für Eltern. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann. Ich könnte euch ja nach viel mehr Geld fragen. Ihr solltet dankbar dafür sein, dass ich mich mit so wenig zufriedengebe. Ich meine, habe ich euch gebeten geboren zu werden oder was?’ und die so voll angepisst irgendwie: ‘Wir meinen ja nur, Lara.’ und dann sagen sie das noch so voll vorwurfsvoll irgendwie.” Sie seufzt. ”Ich habe dann aber gedacht, dass ich ja echt mal arbeiten könnte. Ich habe mich bei Model-Agenturen beworben, aber die wollten mich alle nicht. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir die Models der Agenturen auf den Homepages angeguckt und ehrlich, die sahen mal gar nicht gut aus. Ich war dann auch echt froh, dass ich nicht genommen wurde. Wisst ihr, vielleicht sah ich zu gut aus und wurde deshalb nicht genommen. Ich mein’, wenn die nur hässliche Mädels wollen? Ich habe mich jetzt mal bei ”Wer wird Millionär” beworben. Da brauche ich dann ja gar nicht arbeiten, wenn ich gewinne. Es reichen ja schon 500 000 Euro oder so. Dann könnte ich mich ganz auf meine Karriere konzentrieren. Ich bin ja jetzt schon voll gestresst. Ich brauche Entspannung.” Sie kichert wieder. ”Wollen wir uns am Wochenende ein Haus an der Nordsee mieten? Ich hätte da voll Bock drauf. Weißt du so Meer und der Wind und so. Ich hätte auch mal wieder Bock auf lecker Fisch.”
”Klingt gut”, kommt als Antwort.
”Oh Gott, ist das da drüben Julia Engelmann?”, sagt sie. ”Ich hasse Poetry Slam und Julia Engelmann. Das ist doch keine Literatur. Kennt ihr das, wenn ihr jemand so gar nicht den Erfolg gönnt? Julia Engelmann hat ja gar kein Talent.” Sie seufzt.

Es ist leider nicht Julia Engelmann. Tausche Julia Engelmann gegen das Mädchen mit dem Dutt. Sofort.

”Habe ich schon gesagt, dass ich bald nach Mailand für eine Reportage fliege? Ich bin so stolz auf mich. Der Chef-Redakteur der Welt schickt mich hin. Dulf Schorchlhardt ist echt so krass sympathisch irgendwie. Ich möchte keine Reportagen in Deutschland machen. Das wäre ja nichts für mich. Kleinstadt-Mief. Es gibt ja hier nur Hamburg und Berlin. Ich möchte eine Zigarette rauchen. Wer kommt mit raus?” Sofort springen zwei Mädchen wie dressierte Zirkus-Affen auf.

Ich trinke einen Espresso und sehe mich gelangweilt um. Ich habe die Ausstrahlung eines arabischen Diktators. Ich bin der schlechtgelaunteste Barrista. Meine Kollegen bekommen alle massig Trinkgeld, ich vielleicht mal zwei Cent.
Ist ein italienisches Café in Berlin Teil der Gentrifizierung oder multikulturelle Bereicherung? Es ist ja eine US-amerikanische Kaffee-Kette. Der ursprüngliche Besitzer stammt aus Italien. Er wanderte aber nach New York aus und wurde reich. Ach, ich versuch’s mir nur schönzureden, dass ich hier arbeite. Ich habe auf die Schnelle nichts anderes gefunden und brauche das Geld und Hartz IV ist mir zu viel Papierkram und es ist unfair den Bedürftigen und Steuerzahlern gegenüber. Ich habe mir ausgesucht ein brotloser Künstler zu sein, der zu wenig Kunst macht und stattdessen zu vielen trüben Gedanken nachhängt und billigen Rotwein in meinem kleinen, unordentlichen Zimmer trinkt und kann mich doch jetzt nicht mehr beklagen. Es ist ein bisschen wie bei Carl Spitzwegs ”Der arme Poet”. Ich bin vermutlich auch gar kein Poet und eher ein träumender Trinker. Oder ein trinkender Träumer. Vielleicht nicht mal das. Ich wische Tische ab.

US-Amerikanische und kanadische Touristen im Café schreien beim Reden wie vermutlich Menschen, die in den Bergen wohnen und ins Tal rufen. Vielleicht rufen sie ihre Kühe. Wenn die Amerikaner wenigstens über interessante Gesprächsthemen schreien würden, aber es ist nur hohles Gefasel über irgendwelche Clubs und wo man gut essen gehen kann und die letzte Partynacht und
wie ausschweifend es noch wurde und wer mit wem Sex auf der Clubtoilette hatte. Das kann ich auch in Deutsch haben, aber in erträglicherer Lautstärke. Ich bin vermutlich bloß neidisch, weil die Amerikaner sich an vielerlei erfreuen können und nicht nur schlechtgelaunt und eigenbrötlerisch herumgängen wie ich. Ein Österreicher sagt laut: ”Das geht sich nichts aus.” zu seiner Begleitung. ”Eh”, sagt seine Begleitung. Ich räume Geschirr in die Spülmaschine.

Eine hübsche, dunkelblonde Frau, ungefähr Mitte 40 mit schönen, graublauen Augen, die modisch, aber unaufdringlich in gedeckten Farben gekleidet ist, sitzt einer hellblonden, sehr dünnen Frau etwa im gleichen Alter gegenüber, die ein weißes, enges Mini-Kleid und grellen, orangestichigen Lippenstift trägt.
Die hellblonde Frau sagt: ”Ich fühle mich so unsichtbar als Frau, verstehst du? So als ob mich die Männer nicht mehr beachten und das Schlimmste ist, dass es jetzt nur noch weiter bergab geht.” Sie seufzt und sieht auf ihre manikürten Hände. Sie fährt mit dem rechten Zeigefinger langsam den Rand ihrer Tasse entlang und folgt dem Finger mit den Augen.
”Ach, Bettina”, sagt die dunkelblonde Frau sanft. ”Du hast seit 30 Jahren nichts als Männer im Kopf und was sie über dich denken. Darüber haben wir doch schon letztes Mal geredet.”
Die dunkelblonde Frau bestellt ein Stück Käsekuchen.
”Das ist heute für Sie umsonst”, sage ich.
”Umsonst?”
”Ja. Sie sind der millionste Besucher, wissen Sie”, sage ich augenzwinkernd.
Die Frau sieht mich ungläubig an und bedankt sich.
”Schade, dass ich spät dran war heute. Sonst hätte ich vielleicht gewonnen, aber ich esse ja ohnehin keinen Zucker mehr”, sagt die hellblonde Frau und lacht.
Die hellblonde Frau wird für immer ein Mädchen bleiben und nie zur Frau, denke ich.

Ich bekomme ein großzügiges Kleingeld von einem netten Paar aus Paris, nachdem wir uns über Balzac unterhalten haben. Die anderen Gäste müssen warten. ”Wenn man seinen Job schlecht macht, muss man eben kündigen”, sagt das Mädchen mit dem Dutt laut und knallt mir das Geld hin. Da hat sie Recht. Ihre Freunde nicken. Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten, denke ich. Das wäre ja nichts für mich.
Ich esse einen glutenfreien Keks und überlege, ob Johanniskraut etwas für mich wäre. Dann zerbrösle ich einen weiteren Keks und lege ein paar Krümel auf die Tische draußen für die Spatzen.

Ein Mann, der vorne an einem Tisch bei den Fenstern sitzt, zündet sich eine Zigarette an. Er trägt einen Anzug.
”Sie können hier nicht rauchen”, sage ich.
”Immer diese Gängelung von Rauchern”, sagt er. ”Ich dachte, das hier wäre der Raucherbereich.”
”Wir haben keinen Raucherbereich”, sage ich.
”Dann wird’s mal Zeit. Man fühlt sich als Raucher ja schon wie als Mensch zweiter Klasse.”
”Guter Mann, hören Sie mal, dieses Café besuchen auch Schwangere oder Eltern mit ihren Kindern und Menschen mit Asthma. Rauchen ist kein Grundrecht. Was kommt als nächstes? Vielleicht können Sie anfangen zu jodeln, weil sie so gerne vor lauter Glück jodeln und Jodeln ist etwas Schönes? Wenn es andere stört, ist das ja egal, oder? Sie können gerne jodeln, wenn es nicht zu laut ist, aber bitte hier nicht rauchen, verstanden?”
Der Mann sieht mich mit offenem Mund an. ”Aber, aber”, sagt er und rümpft die Nase. ”Wie haben Sie mich genannt? So eine Frechheit. Ich werde mich beschweren. Ich bin Journalist. Ich werde über dieses Café schreiben-”
”Rauchen Sie doch mal eine. Das beruhigt sagen Auchrr ”, sage ich. ”Aber bitte vor der Tür.”
Der Mann drückt die Zigarette demonstrativ am Tisch aus, denn Aschenbecher gibt’s ja keine, packt seine Sachen zusammen und geht.

Noch zwei Stunden bis Dienstschluss. Eine dunkelhäutige Frau kommt vor an die Theke. Sie hat ihre Kinder dabei. ”Einen Latte Macchiato, bitte”, sagt sie mit einem Akzent.
Ich schenke den Kindern Kakao. ”Geht aufs Haus”, sage ich.
”Aufs Haus? Das hatte ich ja noch nie.”
”Da war ich ja auch nicht da”, sage ich. ”Ich bin etwas ganz Besonderes.” Es ist ein Scherz.
”Ja”, sagt die Frau und lächelt verwirrt. ”Das stimmt.” Sie bedankt sich, die Kinder bedanken sich.
Ich habe auch heute Morgen schon einem dunkelhäutigen Mann etwas ausgegeben. Er sagte zu mir, dass ihm kalt sei und fragte mich, ob ich ihm sagen könnte, wo er Handschuhe kaufen kann.
”Es ist doch noch nicht so kalt?”, sagte ich. ”Da brauchen Sie doch nicht jetzt schon Handschuhe.”
Der Mann lächelte und sagte: ”Doch. Es ist immer heiß, wo ich herkomme.”
”Wo kommen Sie denn her?”
Der Mann lächelte. ”Sieht man das nicht? Aus Afrika.”
Er bekam seinen Kaffee, natürlich, umsonst.                                  Ich würde das ja nicht machen, wenn es hier Fair Trade-Kaffee und Kakao gäbe, aber so bleibt mir keine andere Wahl. Das muss ich ja so machen. Das ist meine Wiedergutmachung an Afrika für die Kindersklaven, die ausgebeutet werden für den Kakao und die Schokolade und für das Palmöl gleich mit. Von der Kolonisierung früher müssen wir erst gar nicht reden. Ich bin der Bob Geldof der Barrista. Ich bin nur freundlich zu den wenigen dunkelhäutigen Menschen, die das Café betreten und mit einem Akzent reden oder auf Englisch bestellen. Das ist positiver Rassismus und es ist mir egal. Die übrigen Menschen, bis auf Kinder, alte und sehr nette Menschen, mag ich nicht. Wenn arme Menschen kommen würden, würde ich ihnen auch etwas schenken, oder na ja, für sie stehlen, aber die gehen nicht in “Szene-Cafés”.

Später fliege ich raus, weil ich mich weigere für den Kakao, den Kaffee und den Käsekuchen zu bezahlen, den ich verschenkt habe. Der Chef lobt mich sogar für meine Güte, weil er ein netter Mensch ist, aber ihm und den oberen Chefs geht’s nun mal ums Geld und da kann man keine Mitarbeiter gebrauchen, die anderen etwas schenken und nicht dafür bezahlen. ”Das ist eben Kapitalismus”, sagt er. Anzeigen möchte er mich aber nicht. Wir umarmen uns. Er fragt mich, ob ich ein Künstler oder Nachwuchspolitiker sei. ”So ähnlich”, sage ich und frage mich, warum er mich für einen hält.

Mein erster Arbeitstag in dem Café war kein großer Erfolg. Erfolg ist nichts für Arbeiter- und Migrantenkinder wie mich, sage ich tröstend zu mir und klopfe mir auf die Schulter. Kleiner Mann, was nun?
Ich denke öfter mal, dass ich so ein kaputter Typ wie Michel Houellebecq bin. Ohne den Literatur-Erfolg versteht sich.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Ich schreibe ”Eat the Rich” mit Kreide an die Hauswand einer Edel-Boutique.

Sarah

alicecatherine92

Sarah ist nicht so groß, eher kleiner, ihre Haare sind kaffeebraun und ihre Augen mandelförmig. Ihr Urururgroß-Vater war Mongole. Von ihm hat sie diese Augen, sagt die Großmutter.

Sarah trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Oberteil mit Schnürung im Nacken. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt schwarzen Lidstrich und ein bisschen roten Lippenstift. Die Wangen sind gerötet, aber das kommt vom Laufen und der Hitze. Ein Kaffee hier, ein Kaffee da, die Spülmaschine ausräumen – und das schnell, die Finger tun ihr fast ein bisschen weh, so heiß ist das Geschirr noch. Dampf steigt aus der Maschine. Ein Kunde ruft: ”Die Rechnug, bitte.” Sarah rennt und stolpert über ihre eigenen Füße, aber sie fällt nicht. Niemals. Kinder schreien. Eine Mutter säugt ihres; Menschen am Nachbartisch sehen pikiert zur Mutter herüber. ”Ja, muss das denn sein?” Sarah geht hastig in die Küche, damit man sich nicht bei ihr über die Mutter beschwert. Sie holt aufgetauten Kuchen – hier wird nicht selbst gebacken – und legt ihn auf kleine Teller in der Theke. Dann fegt sie den Boden. Bestellungen, Rechnungen.

Ein Mann ist wütend, weil es nur noch Stevia und braunen Zucker gibt statt weißem. Sarah zuckt mit den Achseln. ”Morgen wieder.”, sagt sie. Der Mann schnaubt entrüstet. ”Das kann doch nicht sein.”, sagt er. ”Wo gibt’s denn so was?” Sarah seufzt und rennt zu einem der Tische, nimmt eine Bestellung auf. Eine Frau möchte koffeinfreien Kaffee. Sie muss den Kaffee erst aus dem Keller holen. Sie rennt los und rennt beinahe in den Koch hinein. ”Immer langsam.”, sagt er mit polnischem Akzent und lächelt freundlich. Sie lächelt zurück. Sie rennt die Treppen runter, sucht den Koffeinfreien, eine Verpackung, rennt die Treppe wieder hoch. Neue Gäste strömen hinein. Sie schwitzt ein bisschen, ihr ist heiß. Eine Frau beschwert sich darüber, dass es keinen Erdbeerkuchen mehr gibt. ”Es tut mir leid, aber erst heute Abend wieder.”, sagt Sarah. ”Abends?”, sagt die Frau. ”Wird denn hier noch abends gebacken?”

Sie muss auf die Toilette, aber dafür ist keine Zeit da. Nicht bis Marie und Shivana kommen. In einer Stunde. Sie arbeitet heute allein bis zum Abend. Heute insgesamt nur fünf Stunden. 8,50 die Stunde. Reich wird man nicht, aber so gut ist ihr Deutsch auch noch nicht. Sie versteht viel, aber sprechen kann sie noch nicht so gut; nur ein bisschen. Es reicht für die Arbeit im Café oder für Small-Talk; Geplänkel mit Bekannten. Vorher hat sie geputzt und als Küchenhilfe gearbeitet. Als sie ganz neu in Berlin war. Da musste sie gar kein Deutsch sprechen.

Freunde hat sie noch nicht in Berlin, aber das kommt noch, denkt sie. Sie ist ohnehin, das, was man ein wenig schüchtern nennt. So war sie auch zuhause. Sie ist kein Freund der großen Worte. Sie zeichnet gerne, geht ins Museum, kocht, liest Bücher und hört Musik. Clubs und Partys ziehen sie nicht an. Sie sieht sich lieber einen Schwarz-Weiß-Film zuhause in ihrem Bett an – in der kleinen WG mit dem schiefen Fußboden und der alten, schimmeligen Dusche. Oder sie streichelt den einäugigen Kater Max und kocht oder macht Sade an und tanzt.

Sie ist das, was man hübsch nennt. Männer sehen sie an, starren, versuchen sie anzusprechen. Sie ist eine natürliche Schönheit, jemand, der sich seiner Schönheit gar nicht bewusst ist. Sie steht nie lange vor dem Spiegel, sie mag keine Bilder von sich. Würde ihr jemand sagen, wie schön sie ist, sie würde es nicht glauben. Eitelkeit lehnt sie ab. Komplimente schätzt sie nur, wenn man ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten lobt. So wurde sie erzogen. Eitelkeiten sind für Egozentriker, nicht für Menschen mit Herz und Verstand. Was soll man auch mit dieser Schönheit anfangen, wenn sie doch ohnehin verblasst? Die meisten Menschen sind oberflächlich. Irgendwann wird das Starren der Männer weniger werden oder ganz aufhören. Vielleicht ist es einfach für sie, die Schönheit – die konventionelle – abzulehnen, weil sie schön ist. Darüber würde sie sich aber nie Gedanken machen. Sie denkt lieber über Fair Trade-Kleidung nach oder vegane Ernährung, über ihre Lieblingsbands oder Kunst oder welchen Film sie sich im Kino ansehen möchte – Kino ist gut. Dabei lernt sie immer ein paar neue deutsche Wörter. Der letzte, den sie gesehen hat, war Toni Erdmann. Sie war allein im Kino. Sie mag das so. Der Film, der dunkle Kinosaal. Am liebsten eine Nachmittagsvorstellung. Da ist es nicht so voll und niemand stört sie.

Doch möchte sie in Berlin bleiben oder wieder zurück? Vielleicht nicht nach Hause zurück, vielleicht in eine anderes Land, eine andere Stadt? Berlin ist in Ordnung, denkt sie. Man ist freier als zuhause, auch wenn die Großeltern es nicht verstehen. Warum Berlin? Warum nicht Paris? Warum nicht London? Warum nicht New York? Warum nicht Tokio? Warum nicht Stockholm? Das fragten sie. Sie weiß es nicht. Nach Berlin wollte sie ziehen, weil sie Berlin Calling gesehen hat mit Ezra. Sie war aber nur in wenigen Techno-Clubs. Ein paar mal im Berghain, Sisyphos und Kater Blau. Es ist nichts für sie. Es ist ihr zu laut und zu voll und Techno mag sie nicht. Drogen mag sie auch nicht. Ein Mann, mit dem sie sich in einem Club unterhielt, hat ihr gesagt, dass Berlin ”passé” sei. Alle interessanten Menschen sind nach Leipzig gezogen und die guten Clubs haben zugemacht. ”Berlin is over.”, hat er gesagt. ”Berlin is uncool now. Everywhere gentrification.” Es ist doch auch ein bisschen schön hier, hat Sarah gesagt, aber da war der Mann schön weg.

Was hält sie noch hier? Sie möchte die Sprache lernen, dann weiterziehen. Sie mag Sprachen. Sie würde auch gerne Spanisch lernen. In einem Buchladen mit gebrauchten Büchern hat sie sich ein Buch gekauft. Kafka auf Deutsch. Wenn sie das lesen kann, ohne viele Wörter nachschlagen zu müssen, wird sie in eine andere Stadt ziehen. Paris? Oder die Ostküste Spaniens. Wien? Südamerika? Russland? Afrika?

”Ich war eben auf der Toilette.”, sagt eine Frau. ”Machen Sie da mal sauber. Da sieht’s ja aus.”, sagt sie energisch. Sarah nimmt sich einen Eimer, füllt ihn mit Wasser und nimmt einen Putzlappen. Eigentlich ist das nicht ihre Aufgabe, aber wer soll es sonst machen?

An einem Tisch sitzt eine Gruppe junger Menschen. Sind vielleicht um die 18, 20. Sie unterhalten sich oder hängen über ihren Handys. Manchmal auch beides. Das nennt sich wohl Multi-Tasking. Sie sind laut. Eines der Mädchen war ein bisschen gemein zu Sarah bei der Bestellung. Etwas von oben herab war sie, aber so sind viele der Gäste.

Sie reden über eine Sendung mit Jan Böhmermann und lachen. Dann geht es um ein Mädchen. ”Das ist so eine Schlampe.”, ruft eines der Mädchen. Alle lachen wieder. ”Guckt mal, was mir Mia geschickt hat.”, sagt ein anderes. Alle beugen sich über das Handy. ”Ich muss nach Hause. Ich muss noch etwas für meinen Vortrag über das Judentum früher und heute machen.”, sagt eines der Mädchen und verdreht die Augen. ”Macht ihr das an der Uni auch? Vorträge über Juden oder muss man dann nicht mehr, weil es kotzt mich echt an.”, sagt sie zu einem Jungen, der von oben bis unten in Markenkleidung gekleidet ist. ”Nein.”, sagt der Junge. ”Nur wenn man so was wie Geschichte studiert.” Das Mädchen seufzt. ”Ich wollte den Vortrag nicht machen. Ich wollte lieber einen Vortrag über Facebook machen, aber den macht schon Daniel. Immer müssen wir über die Juden sprechen. Das ist schon voll lange her. Wie oft müssen wir das noch durchkauen? Können wir denn etwas dafür?” Alle in der Runde stimmen zu. ”Immer hört man so viel darüber. Was können wir denn dafür?”, sagt ein Junge. ”Die Juden werden heute nicht mehr verfolgt. Ich verstehe nicht, warum immer irgendetwas mit denen ist.”, sagt ein anderer Junge. ”Es ist doch übertrieben, dass man darüber in Geschichte in der Oberstufe so viel spricht. Ich meine, es gab ja auch noch andere Opfer während des zweiten Weltkrieges. Nicht immer nur die Juden.” Alle nicken. ”Ich find’s gut.”, sagt ein Mädchen leise, aber dann sprechen sie auch schon über eine Party und das Mädchen schweigt. Ein Junge hat zu viel getrunken und peinliche Snapchats gemacht. ”Der feiert sich selbst voll, aber ist so unfassbar dumm.”, sagt ein Junge und sieht wieder auf sein Smartphone.

Marie kommt. ”Du kannst gehen”, sagt die blonde Marie mit den blauen Augen. Sarah nickt. Sie legt die Schürze ab und nimmt ihr Handy und den Schlüssel aus der Schublade und steckt beides in die Hosentasche. ”Bis morgen.”, sagt sie. ”Ich bin morgen nicht da.”, sagt Marie. Da kommt schon eine Frau und fragt nach glutenfreiem Kuchen. ”Das haben wir leider nicht.”, sagt Marie. Die Frau schimpft und fragt: ”Warum haben Sie das nicht?” Marie seufzt. ”Ich arbeite hier nur und bin nicht der Chef. Ich kann Ihnen gerne mal die Nummer von ihm geben und vielleicht gibt’s dann für Sie etwas ohne Gluten.” ”Als ob. Ich gehe woanders hin.”, sagt die Frau schnippisch und geht. Marie verdreht die Augen. Sarah lächelt Marie an. Marie grinst.

Sarah geht nach draußen und spürt die Abendluft auf ihrer Haut. Das ist angenehm. Sie greift in ihren Ausschnitt und zieht den Anhänger raus und sieht ihn sich an, überlegt, ob sie ihn nicht vielleicht wieder unter dem Stoff verstecken soll, gleich auf ihrer Brust neben ihrem Herzen. Sie schiebt den Davidstern wieder unter den Stoff.

Bild: alicecatherine92

Mit Julia

Man kann manche Leute gar nicht ernst nehmen. Zum Beispiel Leute, die sich selbst als Rebellen betrachten. Das sind Leute mit welchen man ins Gespräch kommt, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt, den man selbst kennt und irgendwo hat man sich schon mal unterhalten, aber hat keine Erinnerung mehr daran, aber der Rebell erinnert sich. Der Rebell.

Man ist jemand, der ”aneckt”. Jemand, der ”seine eigenen Regeln” aufstellt. Jemand, der nicht einer von den ”Gewöhnlichen” ist. Jemand, der denkt, dass man auch ein bisschen nach unten treten darf. Jemand, der zumindest ein klein bisschen besser ist als die ”anderen”. Vielleicht ein bisschen mehr als nur ein bisschen, aber das darf man ja nicht so sagen. Man darf es nur so ein bisschen andeuten. Man selbst hat den besseren Geschmack, die tiefgründigeren Gedanken. Viel mehr zu sagen und deshalb sagt man auch so etwas wie:  ”Es gibt so Leute, weißt du, da fragt man sich echt: Denken die denn nicht nach irgendwie? Die checken doch gar nichts.” und der Rebell verzieht das Gesicht und man selbst sagt: ”Was sollen die denn ‘checken’?” und der Rebell stöhnt auf, etwas verächtlich, denn offenbar checke ich auch nichts und ich möchte es auch gar nicht.

Der Rebell fängt sich wieder und erzählt weiter: ”Eine Kommiliton geht zu einer Lesung von Julia Engelmann. Das wäre mir ja so peinlich. Wie kann man so etwas lesen?” Und man selbst sagt: ”Ich habe noch nie etwas von ihr gelesen. Nur ein Interview von ihr gesehen. Sie scheint nett zu sein und nicht abgehoben. Das sind doch die Wenigsten mit Erfolg. Wenn’s ihr gefällt, deiner Kommiliton, dann soll sie doch hin.” Und wieder hat man den Rebellen verstimmt und er verdreht die hübsch geschminkten Augen und fährt sich mit den perfekt lackierten Fingern durch das braun getönte Haar, das nach Shampoo mit viel Parfum riecht.

Und dann hat dieser große Rebell, dieser Unangepasste – denn er erzählt ja so viel – als Motto ”live laugh love” oder so ähnlich und vielleicht ein Tattoo mit Schmetterlingen und Schwalben, hat ganz brav Abitur gemacht, Praktika, eine abgeschlosse Ausbildung oder Studium wie sich das gehört, einen Allerweltsnamen wie Julia (wie Julia Engelmann), mag Popcorn-Kino, liest mittelmäßige bis schlechte Romane mit bunten Covern, hat die spießbürgerliche Zeitung ”Die Welt” abonnniert und liest auch gerne mal Frauenzeitschriften oder ”Generationentexte” (nur um sich selbst besser zu verstehen, versteht sich) und redet über die Ex-Freunde, irgendein André und irgendein ein Tom, André kennt sie von Tinder und den anderen aus einem Club, und Julia ist immer noch traurig und hat sich Sendungen auf Netflix angesehen, als sie Liebeskummer hatte und sie möchte 1 1/2 Kilo abnehmen, sagt sie, weil sie über die Feiertage zugenommen hat, damit die Lieblings-Skinny-Jeans wieder passt und Mode ist wichtig, weil Image Image Image und Instagram-Filter und Bilder von Essen oder den Füßen und Facebook-Likes und dann kommt ein Bettler und fragt nach Kleingeld und selbstverständlich gibt Julia nichts, nicht mal einen Cent und man selbst hat viel weniger Geld als Julia, aber man gibt ein bisschen und denkt, nein, man weiß, man hat sich die rebellischen Wunschfantasien eines neoliberalen Spinners angehört und denkt sich, dass die Menschen schon ein bisschen seltsam sind?
Nicht seltsam auf eine angenehme Art. Eine Eissorte, die man noch nie zuvor probiert hat, kann ”seltsam” schmecken und vielleicht mag man sie dann auch. Oder vielleicht klingt eine Band anfangs etwas seltsam und dann mag man sie genauso wie das Eis. Eine japanische Band, deren Mitglieder große Fans von finnischem Metal sind und die japanische Band, oder vielmehr der japanische Sänger oder die japanische Sängerin, singt auf Finnisch und es klingt seltsam, aber irgendwie gut.

Möchtegern-Rebellen sind nur seltsam. Nichts weiter. Selbsteinschätzung ist auch etwas Seltsames. Für manche zumindest. Selbstüberschätzung sowieso.

”Ih, guck dir die mal an.” sagt Julia und zeigt auf ein Mädchen mit ein bisschen Übergewicht. ”Wie kann man sich nur so gehen lassen? Was hat die denn an?” und sie kichert und man kichert nicht mit und dann sieht man auch schon Julias Lui-Witöng-Tasche und es fehlt nur noch der Starbucks-Becher und man denkt aha, okay, Julia.

Man darf sich nicht in Gespräche verwickeln lassen. Am besten zieht man auf die Faröer-Inseln ohne Nachbarn oder vielleicht sollte man auch mal zu einer Lesung von Julia Engelmann, denn wenn ”Rebellen” sie nicht mögen, kann es ja gar nicht so schlecht sein.

Der Rebell redet über sich, aber irgendwo da draußen und auch mal vor unserer Haustür geht die Welt zu Grunde. Das ist für Rebellen wohl nicht von Belang.

Wir stehen vor einem Supermarkt in einer überdachten Einkaufshalle. Auf einem Bildschirm werden die Nachrichten angezeigt.

 ”Was ist mit Aleppo, Julia?” sagt man. Julia verzieht das Gesicht. ”Was ist mit den Menschen, die gerade in Serbien frieren, Julia?” Julia setzt ihr Wichtig-Gesicht auf: ”Ja, du, das ist voll schrecklich, du.”

”Ich muss nach Hause, Julia.”, sagt man. ”Meine Tiefkühl-Erbsen tauen auf.” und Julia nickt verständnisvoll und sieht auf ihr 700-Euro-Smartphone.

Ich sollte mir vielleicht ein Buch von Julia Engelmann bestellen. Vielleicht gibt es online irgendwo ein Gebrauchtes für ein ein paar Euro.