”Selfie-Generation”

Ich poste keine Selfies mehr. Ich mag es nicht. Es hat so etwas Billiges, weil es meist Gepose ist. Halb geöffnete Münder, stark geschminkt, Beine ausstrecken, damit man schlanker wirkt, Brust raus, Bauch rein, Filter und dann möchte man den Ex-Freund vielleicht eifersüchtig machen oder die neue Eroberung an. Es wird geprotzt und versucht gut auszusehen. Nur ”authentisch” sind das Festhalten von schönen Momenten, ein aufrichtiges Lachen.

Wir, die ”Millenials”, sind die ”Selfie-Generation”. Das ist kaum abzustreiten. Das hat aber nicht nur etwas mit ”Generation” zu tun, denn es veröffentlichen Menschen jeden Alters Bilder von sich. Nur die Millenials eben ein bisschen mehr. Das macht die Technik möglich. Dass es mehr junge und noch halbwegs junge Menschen machen, das Posten, ja, das macht die Jugend. Mit mehr Technik hätten die Menschen von früher vermutlich auch ”Selfies” gemacht.

Wie kann man das Posten von Bildern von sich selbst weniger peinlich machen?

Lifestyle-Journalistin

”Chia-Samen”, schrie Sophia. ”Trendy Nahrung, Hipster”, murmelte sie. Sie haute in die Tasten auf ihrem Macbook Pro. Sie saß am Küchentisch. Kurz hielt sie inne, legte den Zeigefinger an die Lippen und atmete ein. ”Muss Essen so hip sein?” sagte sie. ”Wie schreibe ich das bissiger? More judgy? Es soll die Leser ja zum Nachdenken anregen und die Hater sauer machen.” Sie lachte und biss in ihren Avocado-Toast. Oder Avo-Toast, wie sie das nannte.

Sophia war Lifestyle-Journalistin bei einer überregionalen Tageszeitung.

Manfred betrat die Küche. Es war früh morgens. Er war noch ein bisschen verschlafen.

”Sophia, kann ich mir Frühstück machen?” sagte er.

”Du siehst doch, dass ich arbeite”, sagte Sophia sauer.

”Ja, ist gut”, sagte Manfred. ”Ich gehe dann mal Piranha füttern.”

Piranha war Manfreds Meerschweinchen. Es hieß Piranha, weil es versuchte Manfred beim Füttern zu beißen. Vielleicht hielt es aber Manfred Finger für Karotten. Detlef rauchte Kette und sie waren ein bisschen verfärbt.

Nachdem Manfred Piranha gefüttert hatte, setzte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer und stopfte Zigaretten. Nach getaner Arbeit, rauchte erst mal eine. Er überlegte vielleicht zu Penny zu gehen.

Da rauschte Sophia ins Wohnzimmer. ”Mann”, schrie sie. ”Rauchst du schon wieder diese stinkenden Kippen? Alter.” Sie nahm eine von ihren aus der Designer-Tasche. Marlboro Lights. ”Rauch doch mal normale Zigaretten, ey”, sagte sie. ”Die hier raucht Kate Moss.” Sie wollte sich eine anzünden, aber fand kein Feuerzeug. Manfred gab ihr Feuer. Sie sagte nicht danke. Sophia rauchte lasziv wie Schauspielerinnen in Filmen. Sie hatte das lange vor dem Spiegel und vor der Kamera ihres Macbooks geübt. Na, gut. Sie rauchte vielleicht nicht ganz so lasziv wie die Schauspielerinnen und ganz so glamorös war sie auch nicht, aber sie war schon nicht so schlecht. Für Berlin.

”Wer?” sagte Manfred, aber Sophia antworte nicht. ”Ich habe eine Whatsapp bekommen. Kannst du mal kurz die Klappe halten? Meine Fresse.”

Sie setzte sich nun aufs Sofa, aber mit Abstand zu Manfred. Sie sah auf ihr Handy. ”Emilia Schüle”, sagte sie. ”DIE HÄSSLICHE SCHLAMPE”, brüllte sie. ”DUMME NUTTE.”

Manfred erschrak. Für gewöhnlich schrie Sophia nicht so. Sie beleidigte erfolgreiche Frauen für gewöhnlich in Zimmerlautstärke.

”Die denkt wohl auch, die wär’s”, fuhr Sophia fort. Sie war schon ganz rot im Gesicht.

”Was ist denn?” fragte Detlef zögerlich.

”Die war wieder bei einer VIP-Party und hat mehr Follower als ich. Dabei bin ich viel klüger und schöner. Diese Schauspielnutte. Was kann die schon.”

”Aha”, sagte Detlef.

Sophia sprang auf und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb weiter an ihrer Kolumne.

”Ob die schöne Emilia Schüle auch trendy Hipster-Nahrung zu sich nimmt? Ist sie deshalb so schön?” schrieb sie. Dann schrie sie laut. ”AHHHHHH.” Der Nachbar von oben klopfte mit dem Besen. ”Halt die Fresse”, schrie Sophia. Sie war so sauer, dass sie sich zum Herunterkommen erst mal ein paar Youtube-Videos ansehen musste und danach noch eine Folge Die Bachelorette. Das war gut für ihr Ego sich diese unterbelichteten Tussis anzusehen, so dachte sie. Sie hatte es schon mit Germany’s Next Topmodel versucht,  und ja, die Määädels waren dümmer als sie, Sophia, aber auch um einiges jünger. Sie hatte vor lauter Wut drei Tage lang nichts gegessen und mit ihrem Freund Schluss gemacht.

”Ich brauche einen Kaffee”, sagte sie und packte das Macbook in die Ledertasche, die sie sich in München gekauft hatte, als sie zu Besuch bei Larissa war. Sie ging in ihr Stammcafé, das genau gegenüber der Wohnung lag.

Sie bestellte sich einen Kaffe für 7.99. ”Überteuerter Szene-Kaffee”, schrieb sie. ”Warum tut es nicht normaler Filterkaffee? Der Kaffee als Statussymbol.”

”Boah, du bisch die Sophia? Ich les deine Artikel voll gerne”, schwäbelte ein dickliches Mädchen zu Sophia. Dabei war Sophia gerade in einem Schreib-Flow. ”Kann ich ein Autogramm haben? Deine Kolumnen regen mich echt voll zum Denken an. Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich denken soll. Ich liebe dich.” Wütend blickte Sophia von ihrem Macbook auf. ”Ja”, sagte sie zerknirscht. Als sich das Mädchen ihr mit dem Rücken zugewandt an einen Tisch setzte, machte sie ein Bild von den Mädchen und schickte es an Larissa. Sie kommentierte es mit ”Schwäbischer Pottwal”. Larissa schickte drei Lach-und-wein-Emojis.

Die arme Sophia – kaum hatte sie ein paar weitere Sätze für ihren Artikel über die Essgewohnheiten hipper Menschen geschrieben, da sprach sie Daniel an. Daniel war Redaktionsleiter einer Zeitung. Vielleicht auch stellvertretender. So genau wusste das Sophia nicht. Es interessierte sie auch nicht sonderlich. Was sie aber wusste war, dass Daniel auf sie stand. Sie war genau sein Beuteschema: klug, aber nicht so klug wie er, so dachte er – dabei waren sie beide eher so, lassen wir das. Gewissermaßen hübsch und um einiges jünger. Das machte aber nichts. Daniel konnte locker mithalten mit seiner jugendlich-feschen Kleidung und der kurzen, peppigen Friseur, die seinen langsam einsetzenden Haarverlust, versteckte. Normalerweise stand er auf noch jüngere. Sophia war mit Mitte 20 schon ein bisschen zu alt für ihn. Er mochte es süß, jung und unverbraucht. Er erklärte den jungen Damen gerne die Welt. ”Sophie”, säuselte er. Er dachte, wenn er ihr einen Spitznamen gab, würde das eine Art Vertrauen signalisieren. Sophie für Sophia war überaus originell. Er beugte sich zu ihr herunter und wollte ihr zwei Küsschen geben. Sophia stand nicht schnell genug auf und ihre Köpfe knallten aneinander. ”Du hier”, sagte er noch, während ihrer Kollision. Eine horizontale Kollision wäre Daniel lieber. Er schraubte schließlich schon lange genug daran. Selbst bei der einen Kleinen von den Identitären über die er einen Artikel geschrieben hatte- über die Mode der Indentitären – hatte er sich die  – noch durchaus guten – Zähne ausgebissen. Warum wollten junge Frauen keinen Sex mit Daniel? Er war darüber nur ein klein bisschen verbittert und man konnte es nur manchmal bei seinen Artikel herauslesen, wenn er auf die Feministinnen schimpfte, die irgendwie an allem Schuld waren. Würde Daniel ernsthafte Artikel schreiben, über Politik und Gesellschaft, hätte er ihnen wahrscheinlich auch noch die Schuld an Klima-Erwärmung und Krieg gegeben, aber Daniel schrieb keine ernsthaften Artikel. Er war Lifestyle-Journalist wie Sophia.

Sie führten ein bisschen Small-Talk. Über Partys, wer fett geworden ist, auf wen mit Erfolg man neidisch ist – das sagte man scherzhaft, aber meinte es ernst, Artikel von Kollegen, wer miteinander Schluss gemacht hat und wer – man munkelt darüber – Sex hatte und dergleichen. ”Du, ich muss jetzt los”, sagte Daniel nach einer Weile. Es klang ein wenig erwartungsvoll. ”Was machst du denn heute Abend?” fragte er. ”Ich muss dir noch von meiner Italien-Reise erzählen. Du hast dir ja meine Posts bei Instagram angesehen.” ”Äh”, sagte Sophia. ”Du, ich habe Karten…”, fuhr er fort, aber Sophia unterbrach ihn. ”Du, sorry”, sagte sie. ”Aber ich muss den Artikel fertigkriegen.” Shit, dachte Daniel. Schon wieder kein Treffer versenkt. ”Ach so”, sagte er und versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Das gelang ihm nur halb. Er tätschelte Sophias Schulter. Das war ihr ein bisschen unangenehm. Sie schlief nur mit Männern mit mehr Einfluss. ”Du, dann, tschüß”, sagte er. ”Tschüß”, sagte Sophia. ”Ich muss auch noch einen Artikel schreiben”, sagte Daniel und winkte. Ein paar Tage später erschien ein Artikel von Daniel: ”Undankbare Feministinnen. Warum Frauen nicht dankbar für Männer mit Manieren sind”. Sophia las ihn beim Sonntags-Frühstück – sie aß nur ein Ei, denn sie wollte nachher noch zum Brunch – und stimmte in vielen Punkten zu und ließ sich für ihre Artikel inspieren. Sie notierte sich ”fette Lesben” als Inspiration und ”passendes Foucault Zitat googlen”. Es kam immer gut an, hatte sie gehört, wenn man Foucalt zitierte. Aber zurück in die Gegenwart.

Sophia atmete tief ein und wieder aus. ”Ich kann so nicht arbeiten,” sagte sie laut. Zuhause war Manfred, aber der hielt wenigstens die Klappe, wenn sie ihm das sagte. Sie war ein wenig erschöpft von der harten Arbeit und überlegte sich ein Taxi zu bestellen, aber entschied sich dann doch dagegen und dachte, dass ein bisschen Bewegung nicht schaden würde. Von frischer Luft konnte ja leider in Neukölln nicht die Rede sein. Sie gab ”fünf Minuten Spazieren” bei ihrer App Fitnesspal ein. Die fünf Minuten bis zur Wohnung zogen sich in eine unerträgliche Länge, aber schließlich war sie angekommen. Home sweet home. Na ja, fast. Schließlich wohnte da leider auch noch Manfred. Vielleicht war er nicht zuhause. Er traf sich manchmal draußen mit seinen versifften Freunden – in die Wohnung durften die ja nicht – oder ging in den Supermarkt, den Tafeln oder zum Jobcenter oder was auch immer. Im Prinzip hatte Sophia nichts gegen arme Leute, aber es war ihr schon lieber, wenn das arme Flüchtlings-Syrer oder so waren. Die machten sich besser auf Selfies. Manfred war nicht sonderlich fotogen und Eindruck schinden konnte man mit ihm auch nicht. Arme Deutsche kamen nicht an, nur Ausländer und da auch nur bestimmte. Osteuropäer zum Beispiel nicht. Die mochte keiner. Selbst wenn das Sinti und Roma waren. Momentan waren Moslems in. Sophia seufzte.

Zu früh gefreut. Leider war Manfred zuhause.

”Was ist denn hier los?” brüllte Sophia, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. ”Was wird das hier? Warum ist das so unordentlich?”

”Aber Sophia”, sagte Manfred erschrocken. ”Ich dachte, du kommst erst abends.”

”Es geht dich nichts an, was ich mache”, brüllte Sophia weiter. ”Ich muss arbeiten. Was ist das hier?”

”Entschuldige bitte, Sophia. Ich wollte Piranha ein Kunststück beibringen. Heute kommt doch Egon.”

”Wer?” brüllte Sophia.

”Egon. Piranhas neuer Freund. Ich hole ihn heute aus dem Tierheim.”

”Was? Du schaffst uns noch mehr von diesen Dingern an?”

”Ja,” sagte Manfred kleinlaut.

”Also, jetzt reicht’s”, sagte Sophia. ”Du zieht heute noch aus.”

”Aber der Vertrag”, sagte Manfred.

”Der Vertrag ist mir egal”, sagte Sophia.

”Wo soll ich denn hin? Ich habe doch meine Wohnung erst nächsten Monat.”

”Das ist mir doch egal. Du kannst ja in ein Obdachlosen-Asyl.”

Das war zu viel. Ja, hatte sie gedacht, es würde sie nicht stören, dass Manfred die Woche bis zum Monatsende hier noch wohnen würde und günstiger war es auch – Manfred bezahlte für diesen Monat noch die Miete und sie musste kein Geld für einen Stauraum für ihre Möbel und Kleidung ausgeben und konnte gleich einziehen, aber das war zu viel. Es ging so nicht mehr weiter. Es war ein Fehler gewesen zu denken, dass sie und Detlef sich schon irgendwie arrangieren würden. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie damit zeigen konnte, wie sozial eingestellt sie war. Sie kamen aus zwei verschiedenen Welten. So viel war klar.

”Ich muss arbeiten”, sagte Sophia etwas versöhnlicher. ”Du störst hier nur. Bitte check es: Das hier ist nicht mehr deine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Du und deinesgleichen – ihr passt hier einfach nicht mehr rein in diesen hippen Szene-Bezirk. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist so.” Sie sah wieder auf das Handy und las einen Artikel ”Sapiosexuel, deminisexuel – ja, gibt’s es denn auch noch Normale?”. ”Darüber schreibe ich auch”, sagte sie gedankenverloren.

Und somit zog Manfred eine Woche früher als gedacht aus der Wohnung. Er und Piranha. Egon konnte er erst später aus dem Tierheim holen. Piranha musst er in der Bahnhofsmission verstecken. Tiere waren da nicht erlaubt.

 

Olelele

1

 

”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

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”I think I understood something. You see, I’ve never liked my generation. Facebook, texts, all that – it has no romanticism. And then, when I came here, and discovered techno and that whole scene, I felt like I belonged to my generation. And I think you have to be modern, absolutely modern. So, as I’m proud of my generation, I decided to stop running away from modernity. I can’t remember who said this but it’s something like: whoever puts his hands in the wheel of time gets his arm ripped off. I belong to my time; we have our music and our drugs. And I don’t want to be like all the people who talk about all that but I have no choice. I want to abandon myself to modernity.”

Oscar Coop-Phane

Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Om shanti om

Der Politkteil stimmt wie immer traurig, aber weiß man von nichts, schottet man sich vor allen Informationen ab- was ist man für ein Mensch? Ja, manche Esoteriker raten dazu. Man soll sich von allem Negativem abschotten- aber ja, die Frage lautet: Was ist man dann für ein Mensch? Ein entspannter Mensch mit Liebe im Herzen und Gelassenheit. Mentally chill statt mentally ill. Man hat die Erleuchtung gesehen. Die Illuminaten klopfen gleich an. Man rutscht Regenbogen herunter, sagt ”Om Shanti om” und trinkt Yogi-Tee, fährt zum Schweige-Retreat ins Kloster, meditiert stundenlang, isst Rohkost, duscht selten, erkennt Wildkräuter, die am Straßenrand in der Stadt wachsen, sagt ”Liebe und Licht”, läuft gern barfuß auf Wiesen und Beton, trägt selbstgebatikte T-Shirts aus Bio-Baumwolle oder Funktionssandalen, steht im Park mit einem ”Free hugs”-Plakat, geht containern, ist den Jakobsweg schon entlang gepilgert, war in Indien, weil jeder nach Indien fährt, nimmt Drogen, aber kein Aspirin oder Paracetamol oder Ibufen, weil das nicht ”natürlich” ist, mag vegane Brotaufstriche, studiert schon seit 2001, aber man nimmt das Studium eher locker, denn man ist eben nicht einer von diesen ”fleißigen Karriereorienterten”, die mit 21 schon im Master-Programm sind. Man sitzt lieber gemütlich zuhause und liest in einem Buch über Kamasutra und Tantra. Man überlegt, ob man sich nicht zu einem Tantra-Masseur ausbilden lassen könnte. Man hat da doch so jemand in Indien kennengelernt. Da könnte man mal anfrufen und fragen. Der hat doch eine Schule mit seiner Frau. Gallensteine könnte man mit Öl aus dem Magen leiten, steht in einem Artikel, den man liest. Na, das geht doch etwas zu weit. Man steht auf und macht sich einen grünen Saft. Om shanti om.

Ich bin noch nicht soweit. Ich lese die Zeitung, ARD und ZDF. Krieg, Umweltkatastrophe, Terror. Fernseher aus. Ich blättere weiter.

Männer und Frauen, meist ab Mitte, Ende 40, im Feuilleton erzählen mir, was jetzt ”angesagt” ist. Wen ich lesen soll. Auf wen ich hören soll. Was ”Hipster” in Berlin bewegt. Wo man gut brunchen kann. Welcher 20-jähriger Sänger, den man schon länger kennt, jetzt der Sänger der Stunde ist. Wer ein ganz tolles Buch über die Generation Y geschrieben hat. ”Oh, es erinnert mich an den und den Autoren. Es ist so frech, so rotzig und so pfiffig. So eine Kodderschnauze” – oder ”so traurig, so berührend”. Ich möchte keine ”rotzig-frechen” Bücher lesen. Ich möchte Wahrhaftigkeit.

Ich lege die Zeitungen weg. Ich lese online. Alles wieder schrecklich. Nicht aufregen. Om shanti om. Ich lege das Handy weg und frage mich abschotten oder informieren? Was für ein Mensch möchte man sein?

Man muss sich vielleicht ablenken vom Weltgeschehen.

Ich gehe in die Bibliothek. Ich blättere in einem Bildband. ”Die Geschichte der 68er und des Punks in Deutschland” oder so ähnlich. In diesen Buch wird Matthias Mattussek zitiert. Er sagt: ”In Studienzeiten ließ man auch schon mal den Joint herumgehen bei uns in der WG in Stuttgart. Da hörte man noch laut Musik bis nachts um halb zwei. Das waren schon wilde Zeiten.” Matthias Exzess Mattussek. Ich lege das Buch weg, gehe raus aus der Bibliothek.

Ein Mann sagt ”Entschuldigen Sie”. Ich stehe ihm im Weg. ”Ist das der Sonderzug nach Pankow?”, sage ich. ”Nein.”, sagt er verwirrt. ”Sonderzug? Das ist die S-Bahn nach Oranienburg.” Ein älterer Mann lacht laut auf. Er sitzt auf einer Bank hinter mir. Auf dem Boden vor ihm steht eine Tüte, neben ihm auf der Bank eine weitere, zwischen seinen Füßen schläft ein Hund. Er lacht. Ich auch. Vielleicht sollte ich öfter mal spazieren gehen.