Olelele

1

 

”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

”Da gab’s so lecker Avocado-Toast”, schreit der Mann. ”Ich habe da so einen Artikel in Der ZEIT gelesen. Der hat mich voll zum Denken angeregt”, schreit er. ”Oder nein, war‘s die WELT?”, ”Hast du meinen neuen Artikel gelesen? Dein Artikel über unsere Generation war voll gut und so. Keine Generation hatte es so schwer wie unsere. Wir haben einfach so viele Auswahlmöglichkeiten.”, ”Manche Leute haben ja echt keinen Stil irgendwie”, sagt er. ”Polen und Ungarn sind doch voll scheiße. Wir Deutschen sind jetzt die Guten. Die nehmen ja gar keine Flüchtlinge auf und wir zahlen auch noch für die. Wir sollten denen kein Geld mehr geben.”, ”Haha, mein Tinder-Match hat ja voll den Ossi-Namen.”, ”Oh mein Gott, wenn du nichts Vernünftiges gelernt hast, wirst du Youtuber.”, ”Das wäre schon nice irgendwie, wenn ich einen Adelstitel hätte.”, ”Die macht doch nur diesen Charity-Scheiß, weil dann die Leute denken, die wäre voll der gute Mensch.”

Ein paar Minuten geht das so. Die Frau sieht kaum von ihrem Iphone auf.

”Guck mal, die”, sagt die Frau schließlich. ”Boah, wenn ich so Oberschenkel hätte, würde ich aber keine Hotpants tragen.”

Sie kichern.

Ich hole mein Handy und tue so, als würde ich telefonieren. ”Wenn ich unfassbar dumm wäre, würde ich nicht die ganze Zeit reden”, sage ich.

Die Frau und der Mann sehen mich sprachlos mit offenen Mündern an.

”Wenn man zu lange den Mund geöffnet hält, fliegt vielleicht eine Fliege hinein”, sage ich ins Handy. ”Das hat ein chinesischer Philosoph aus dem 16. Jahrhundert gesagt.”

Ich stehe auf und setze mich in ein anderes Abteil. Da sitzt nur ein alter Mann. Er führt ein Selbstgespräch.

”Früher hamse das nicht gemacht”, murmelt er. ”Kaiser Wilhelm”, sagt er und seufzt laut. Er holt ein Dosenbier aus einer Plastiktüte und öffnet es ungeschickt mit zittrigen Händen. Sie sind faltig und trocken. Blaue Adern schimmern durch. Das Bier spritzt auf sein rechtes Hosenbein. Es ist jetzt ganz nass und es sieht so aus, als hätte ihn jemand angepinkelt. Ein Hund vielleicht. Oder ein Verrückter. Der Mann stöhnt laut auf.

”Wollen Sie ein Taschentuch?” frage ich.
Er reagiert nicht.
”Wollen Sie ein Taschentuch?” wiederhole ich. Dieses Mal lauter.
”Was?” sagt der Mann.
Ich stehe auf und gebe ihm gleich ein paar.
Verwirrt sieht er mich an.

 

Der Zug rollt los und lässt die Stadt hinter sich herziehen. Häuser, Straßen, vereinzelte Menschen, Autos, Träume, Geschichten. In Hamburg sagt man Tschüss.

 

In Spandau steigen einige Frauen und Männer ein. Sie sind Ende 20, Anfang 30. Sie sitzen jetzt mir gegenüber. Der alte Mann ist noch in Hamburg ausgestiegen.

Eine der Frauen erzählt über einen Stuhl, den sie gebraucht gekauft und selbst restauriert hat. Ein Mann erzählt von einer Reise nach Afrika. Er hat dort mit Kindern gearbeitet. Unentgeltlich. Ein Junge hat laut geweint, als der Mann wieder nach Deutschland zurück musste. ”Warum kannst du nicht bleiben? Ich spiele auch mit dir”, hat er gesagt. Der Junge hat dem Mann ein kleines Holzpferd geschenkt. Eine Figur für die der Mann einen passenden Platz in seiner Wohnung sucht. Einen Ehrenplatz. Die Freunde beratschlagen sich darüber, welcher Platz dafür geeignet wäre.

Ein junges Paar steigt ein. Sie küssen sich wild und hemmungslos.

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen. Außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen.

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Speichel austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.
Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen.

Liebe ist das Schönste und Großartigste.

Ich lächle dem Paar zu, aber sie beachten mich nicht.

 

Die Zugfahrt geht schnell vorbei. Ich höre Musik und lese Gedichte von Rimbaud. Als ich sie das letzte Mal gelesen habe, war ich so alt wie er, als er sie geschrieben hat. Süßer Vogel Jugend.

 

Ich steige aus. Die Luft ist warm und angenehm.

Ein Bettler fragt nach ein bisschen Kleingeld, ich trinke Kaffee und denke ans Meer. Ich krame in meinen Taschen, ich gebe ihm ein bisschen Geld. ”Da ein Riß ist durch die Welt! Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen Von oben nach unten fällt”.

Ich schreibe in mein Notizbuch

Getriebene, du kennst den billigen Wein und das Schlafen auf Parkbänken. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist der schwermütige Gast der Party zu der dich niemand eingeladen hat. Du bist der, der sich selbst in einen Käfig gesteckt hat. Schwermut, Melancholie. Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol. Selbstfolter. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist das Kind, das allein gekommen ist. Du bist der Poet ohne Gedichte. Du bist der Narr, den niemand kennt. Halbwissen und Bücher, billiger Wein. Angst, Depression. Du wanderst ohne Ziel, du versuchst dich zu verstecken. Das ist zu viel Gefühl. Zu viel Angst. Die Angst ist dein Käfig. Erzähl mir keine Geschichten, ich kenne sie alle schon. Ich sehe die Menschen an, unsere Blicke treffen sich, ich sehe weg, sehe auf den Boden. Ein Windhauch, die Sonne bricht durch Wolken. Ich bin ein Träumer. Ich habe mich in Träumen verloren. Da ist ein Buch in einem Second-Hand-Buchladen. Ein Buch über Pompeji. Ein Bildband mit geschichtlichen Fakten. Vor dem jüdischen Laden steht wie immer Polizei. Die Menschen ändern sich nie, es ändern sich nur die Zeiten. Ich versuch zu schlafen. Leg mich ins Bett. Betrunken vom billigen Wein. Niemand ruft mich an, ist mir egal. Verkorkst, derangiert, alles ist in Unordnung geraten. Wo der Bettler heute schläft, ob er auch ein bisschen Wein hat? Ob er mal jemanden hatte, der ihm die Hand hält? Ich sitze auf den Dächern der Großstädte, lese Gedichte im Park, betrunken, ein bisschen traurig. Wer die Menschen kennt, ist traurig. Ich verstecke mich vor der Realität im Nichts. Ich trage eine Maske aus falschen Floskeln. Ich bleibe distanziert. Ich bleibe Beobachter, misstrauisch, scheu.

Poète maudit, denke ich. Nichtsnutz. Baby, you’re so repulsive.

”Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen und dein Mund ist viel zu groß”, singt Hilde.

Ich rufe Finn an, aber er ist im Entzug. Alex ist wieder in der Psychiatrie. Die Alten waren im Krieg, die Jungen spielen Krieg.

 

Ich treffe mich mit Freunden.

”Selbstdarstellung – das hatte etwas Avantgardistisches, früher, weißt du, da hat man geschrieben oder sich in Salons getroffen, in Gesellschaften diskutiert, gezeichnet und gemalt, Gedichte geschrieben, Theaterstücke, Romane oder man traf sich im Café oder in Kneipen, in Varietés und Theatern, in der Oper und bei Bällen, Empfängen, Ballett, auf dem Schiff nach Amerika oder durch Bekannte oder Freunde und als es dann schon Kameras gab, machte man Fotos von sich selbst – aber nicht nur – man experimentierte, und als der Film aufkam, machte man Filme, surrealistische zum Beispiel, und man machte Kunst, viel Kunst, und erfand vielleicht sogar eine neue Kunstrichtung. Eine neue Epoche. Man war Künstler. Man schrieb und reiste, zog nach Paris oder New York oder Berlin. Später gab es dann Andy Warhol. 15 Minuten Ruhm. Selbstdarstellung ist seit Warhol vulgär. Niemand hat es so gut wie er gemacht. Die Konservendosen? Die Bananen? Das Alltägliche zu etwas Besonderem machen mit der richtigen Attitüde. Ein paar Bands haben sich noch in den 80ern inszeniert. Menschen im Internet auf Plattformen wie Myspace. Instagram war noch ganz cool, als es noch nicht jeder hatte, aber jetzt kannst du das ja völlig vergessen. Das hat doch jetzt jeder und das mit der Selbstdarstellung ist so peinlich, so peinlich. Ich bin zu pomo für Selfies. Ich habe mich da völlig zurückgezogen. Bekannte fragen mich schon, warum ich nie etwas poste. Ich sehe mir auch nie Posts von anderen an. Na ja, so gut wie nie. Es ist aber meist langweilig”, sagt Mascha. Sie wirft ihr langes, blondes Haar in den Nacken.

”Was ist pomo?” frage ich.

”Postmodern”, sagt Mascha. ”Ich habe mir eine Literatursendung angesehen”, sagt sie. ”Ich möchte auf dem Laufenden bleiben. Kultur in Deutschland. Ich lese immer nur die alten Schriftsteller und aus dem Ausland. Du weißt, wen ich mag. Da war auch eine dieser Selbstdarsteller. Irgend so eine Bloggerin, die ein Buch geschrieben hat. Ich habe darin geblättert – schrecklich, unoriginell, gewöhnlich, schlecht geschrieben, kein Tiefgang, unwahr, snobistisch, bourgeois, spießig, mechanisch, plump, wertlos, unnütz. Es soll sich verkaufen und so ist es geschrieben. Nur Phrasen und Worthülsen, Selbstbeweihräucherung. Das Treten nach unten und Eitelkeit. Niemand ist wie die Autorin. Ich würde ja Protagonistin sagen, aber die Protagonistin ist die Autorin. Die Autorin hat im Interview gesagt, dass sie keine Fantasie hat und das Schreiben hasst, verabscheut. Warum schreibt sie? Ein Autor ohne Fantasie schreibt nur über sich oder seine Freunde. Zu mehr reicht es nicht. Die Autorin ist dann sogar noch eingebildet und sagt, sie sei ein ”Schreib-Talent”. Sieh dir die Sendung in der Mediathek an. Der Moderator, ein älterer Herr mit Halbglatze und Bierbauch und teurem, schlechtsitzendem Anzug, sieht so aus als ob er einen trockenen Samenerguss bekommt, weil die Autorin so begnadet ist und dann noch so schön. Schön. Waren diese Männer noch nie in Paris? Oder Los Angeles? Brasilien? Frankreich? Italien? Asien? Ein schlechtes Buch kann man verzeihen, aber ein schlechtes Buch und Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, das ist unverzeihlich. Warum lässt man sie Bücher schreiben? Ich verstehe es nicht.” Sie nimmt einen Schluck von ihrem Whisky. ”Ich dachte anfangs, dass ich neidisch auf diese Autorin bin, aber ich bin nur neidisch auf das Geld, das sie mit dieser Faux-Literatur verdient. Ich bin nicht neidisch auf Ruhm und Einladungen in Fernsehsendungen. Es wäre mir peinlich so ein Buch zu schreiben und damit im Fernsehen aufzutreten. Es geht mir nur ums Geld. Aus Scheiße Gold machen – es klingt nach wenig Arbeit für austauschbare Bücher von Langweilern, aber ich würde das nicht machen. Ich möchte nicht die Kunst verkaufen. Kein Ausverkauf der Kunst für Anti-Intellektualität. Ich bin ihr treu. Sie ist mein partner in crime.”

”Ist der Massengeschmack nicht immer so? Das Mittelmäßige – oder etwas besser als das Schlechte – setzt sich durch mit den richtigen Kontakten und überzogenem, unbegründetem Selbstbewusstsein?”

”Das kann sein”, sagt Mascha und macht ein nachdenkliches Gesicht.

”Mascha, was ist das für ein Lippenstift?” fragt ein kleines, hellbondes Mädchen mit blauen Augen. Sie ist blass und trägt ein lockersitzendes, weißes Tanktop, einen weißen BH und eine graue skinny Jeans. Ich glaube, sie ist aus Finnland. Ihr Deutsch ist schon so gut. ‘‘Ich wollte euch nicht unterbrechen,” fügt sie hinzu. Sie ist auf MDMA.

”Der ist von DM oder Rossmann”, sagt Mascha. ”Ein günstiger, denke ich, aber ich weiß leider nicht mehr welcher.”

Das Mädchen lacht. ”Ich hätte gedacht, dass du nur so etwas wie Chanel nimmst.”

”Nein, warum das?” sagt Mascha. ”Ich gebe mein Geld lieber für Reisen, Drogen, Bücher, Mode und Champagner aus.”

Das Mädchen verschwindet, geht zu ihren Freunden und sie tanzen zu Devendra Banhart. Gleich danach kommt ein Lied von Adele.

”Die Talentierten setzen sich nicht durch, weil sie Selbstzweifel und Angst haben. Sie möchten immer noch üben, umschreiben, lernen und die anderen machen. Sie denken nicht so viel, sie zögern nicht,” sage ich.

”Die mit dem meisten Talent zweifeln am meisten.”

”Es gibt heute nicht mehr so viel gute Musik, Literatur und Kunst.”

”Irgendjemand, vielleicht Karl Kraus oder ein US-Amerikaner, hat gesagt, dass man nicht Talent haben muss. Man muss ein Talent sein oder so ähnlich, aber das sind die wenigsten. Man muss kein Talent mehr sein. Man muss sich nur gut verkaufen, eine Marke sein und nicht zu gut.”

”Die Masse möchte nichts lesen, was gut ist. Man würde es ja doch nicht verstehen.”

”Nicht die Leute verschrecken, Darling. Die sollen doch weiterkaufen.”

”Mascha, hast du mal wieder etwas geschrieben, etwas gemalt, fotografiert?”

”Ich verweigere mich.”

”Du sagst, dass es so wenig gute Literatur und Kunst gibt, aber du machst selbst nichts? Du könntest. Warum machst du es nicht? Vielleicht denkt jeder mit Talent so wie du. Die Künstler haben sich von Selbstdarstellern verdrängen lassen und die Kunstliebhaber sind Konsumenten. Es gibt keine Hochkultur mehr, es gibt Unterhaltung.”

Mascha nickt.

”Bist du zu postmodern zum Künstler sein? Zu pomo? Ich denke, du bist es. Du bist für alles zu postmodern. Alles, was du früher mochtest. Sieh dich an, wie du schlank du bist. Du isst nicht mal mehr und früher hast du es so geliebt. Was machst du?”

”Ich schreibe nicht. Ich mache keine Musik. Ich mache keine Kunst.”

”Du möchtest nicht so sein wie diese eingebildete Bloggerin oder die anderen, die kein oder wenig Talent haben, aber du musst dich doch nicht der Kunst verweigern? Du wirst keinen Erfolg beim Mainstream haben und die ans Mittelmaß-gewohnten-Massen überzeugen, aber du überzeugst dich und die anderen Künstler. It takes one to know one’’, sage ich. ”If a poet has a dream, it is not of becoming famous, but of being believed. Jean Cocteau.”

Mascha holt ein kleines, dunkelblaues Moleskine aus ihrer Tasche und schreibt etwas auf.

”Was schreibst du?” frage ich.

”Einen Songtext”, sagt sie. ”Ich schreibe wieder.” Sie lacht.

”Worüber redet ihr?” fragt Kijoko.

”Über die Revolution”, sage ich.

”Kann ich mitmachen?” fragt sie.

”Möchtest du in ihr tanzen?”

”Was wäre das denn sonst für eine Revolution”, sagt sie.

”Kein Verstecken mehr. Wagnisse und Mut. L’art pour l’art”, sage ich.

 

Ich denke nach.

Da ist Liebe, da ist Kunst. Da sind alte Zeiten, Nostalgie. Wir fühlen uns unserer Zeit nicht verbunden. Alles fühlt sich gekünstelt an, nichts ist echt. Alles ist Trugschluss und Fassade. Billige Kopien, keine Kreativität, nur Blabla. Früher war es underground, heute sieht man es sich im Internet an, aber man kann sich nicht immer verstecken, wenn man etwas kreieren möchte, muss. Nur weil die Arroganten und Lauten bei den Dummen ankommen. Was hat das mit uns zu tun? Wenn da ein Gefühl ist, eine inneres Verlangen? Man kann sich nicht nur betrinken oder mit Drogen berauschen. Man muss etwas erschaffen oder etwas Gutes tun. Für die Welt, für sich, für die Kunst. Man muss Kunst machen, ohne Erfolg. Helfen. Wenn zehn Menschen deinen Namen kennen, reicht das völlig aus. Wahrhaftigkeit. Wir müssen in unserer Zeit ankommen. Auch ohne Proust oder Camus und die anderen. Ohne die Komponisten oder Bands der 60er. Wir müssen unsere eigenen Künstler und Intellektuellen sein. Wir müssen uns nur trauen. Nicht nur jammern.

Ich tänzle die Treppen herunter, gehe nach Hause. Nach Hause. Was ist da schon? Doch nur da, wo die Bücher sind.

Ich lese einen Text online
Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, “unsere Generation“ und warum man “den“ Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die “richtigen Kontakte“, die sie “nach oben“ führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei “VIP-Partys“, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Ich öffne ein Bier und lache. Ich betrinke mich und gehe hinaus in die Nacht. Die Nacht glitzert und leuchtet. Da ist ein Funkeln. Es ist elektrisierend. Es nimmt dich mit, es ist wie Fliegen. Mein Herz ist sehnsüchtig und wach. Ich möchte auf Künstler treffen. Sie sind irgendwo da draußen. Wir müssen nur mehr vertrauen. Bleib hungrig.

”I think I understood something. You see, I’ve never liked my generation. Facebook, texts, all that – it has no romanticism. And then, when I came here, and discovered techno and that whole scene, I felt like I belonged to my generation. And I think you have to be modern, absolutely modern. So, as I’m proud of my generation, I decided to stop running away from modernity. I can’t remember who said this but it’s something like: whoever puts his hands in the wheel of time gets his arm ripped off. I belong to my time; we have our music and our drugs. And I don’t want to be like all the people who talk about all that but I have no choice. I want to abandon myself to modernity.”

Oscar Coop-Phane

Stay gold

Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, ”unsere Generation” und warum man ”den” Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die ”richtigen Kontakte”, die sie ”nach oben” führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei ”VIP-Partys”, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Om shanti om

Der Politkteil stimmt wie immer traurig, aber weiß man von nichts, schottet man sich vor allen Informationen ab- was ist man für ein Mensch? Ja, manche Esoteriker raten dazu. Man soll sich von allem Negativem abschotten- aber ja, die Frage lautet: Was ist man dann für ein Mensch? Ein entspannter Mensch mit Liebe im Herzen und Gelassenheit. Mentally chill statt mentally ill. Man hat die Erleuchtung gesehen. Die Illuminaten klopfen gleich an. Man rutscht Regenbogen herunter, sagt ”Om Shanti om” und trinkt Yogi-Tee, fährt zum Schweige-Retreat ins Kloster, meditiert stundenlang, isst Rohkost, duscht selten, erkennt Wildkräuter, die am Straßenrand in der Stadt wachsen, sagt ”Liebe und Licht”, läuft gern barfuß auf Wiesen und Beton, trägt selbstgebatikte T-Shirts aus Bio-Baumwolle oder Funktionssandalen, steht im Park mit einem ”Free hugs”-Plakat, geht containern, ist den Jakobsweg schon entlang gepilgert, war in Indien, weil jeder nach Indien fährt, nimmt Drogen, aber kein Aspirin oder Paracetamol oder Ibufen, weil das nicht ”natürlich” ist, mag vegane Brotaufstriche, studiert schon seit 2001, aber man nimmt das Studium eher locker, denn man ist eben nicht einer von diesen ”fleißigen Karriereorienterten”, die mit 21 schon im Master-Programm sind. Man sitzt lieber gemütlich zuhause und liest in einem Buch über Kamasutra und Tantra. Man überlegt, ob man sich nicht zu einem Tantra-Masseur ausbilden lassen könnte. Man hat da doch so jemand in Indien kennengelernt. Da könnte man mal anfrufen und fragen. Der hat doch eine Schule mit seiner Frau. Gallensteine könnte man mit Öl aus dem Magen leiten, steht in einem Artikel, den man liest. Na, das geht doch etwas zu weit. Man steht auf und macht sich einen grünen Saft. Om shanti om.

Ich bin noch nicht soweit. Ich lese die Zeitung, ARD und ZDF. Krieg, Umweltkatastrophe, Terror. Fernseher aus. Ich blättere weiter.

Männer und Frauen, meist ab Mitte, Ende 40, im Feuilleton erzählen mir, was jetzt ”angesagt” ist. Wen ich lesen soll. Auf wen ich hören soll. Was ”Hipster” in Berlin bewegt. Wo man gut brunchen kann. Welcher 20-jähriger Sänger, den man schon länger kennt, jetzt der Sänger der Stunde ist. Wer ein ganz tolles Buch über die Generation Y geschrieben hat. ”Oh, es erinnert mich an den und den Autoren. Es ist so frech, so rotzig und so pfiffig. So eine Kodderschnauze” – oder ”so traurig, so berührend”. Ich möchte keine ”rotzig-frechen” Bücher lesen. Ich möchte Wahrhaftigkeit.

Ich lege die Zeitungen weg. Ich lese online. Alles wieder schrecklich. Nicht aufregen. Om shanti om. Ich lege das Handy weg und frage mich abschotten oder informieren? Was für ein Mensch möchte man sein?

Man muss sich vielleicht ablenken vom Weltgeschehen.

Ich gehe in die Bibliothek. Ich blättere in einem Bildband. ”Die Geschichte der 68er und des Punks in Deutschland” oder so ähnlich. In diesen Buch wird Matthias Mattussek zitiert. Er sagt: ”In Studienzeiten ließ man auch schon mal den Joint herumgehen bei uns in der WG in Stuttgart. Da hörte man noch laut Musik bis nachts um halb zwei. Das waren schon wilde Zeiten.” Matthias Exzess Mattussek. Ich lege das Buch weg, gehe raus aus der Bibliothek.

Ein Mann sagt ”Entschuldigen Sie”. Ich stehe ihm im Weg. ”Ist das der Sonderzug nach Pankow?”, sage ich. ”Nein.”, sagt er verwirrt. ”Sonderzug? Das ist die S-Bahn nach Oranienburg.” Ein älterer Mann lacht laut auf. Er sitzt auf einer Bank hinter mir. Auf dem Boden vor ihm steht eine Tüte, neben ihm auf der Bank eine weitere, zwischen seinen Füßen schläft ein Hund. Er lacht. Ich auch. Vielleicht sollte ich öfter mal spazieren gehen.