Zunehm-Freunde

Man muss gute Geschäftsideen haben. Eine Selbsthilfe-Gruppe für dünne Menschen, die zunehmen möchten statt abnehmen zum Beispiel, wo jeder 250 Euro für zwei Stunden bezahlen muss. Damit bin ich sozusagen dick im Geschäft. Ich nenne sie Zunehm-Freunde.

 

“Ich nehme einfach nicht zu. Ich habe schon ein Stück Zwieback und eine Möhre mehr am Tag gegessen und nehme nicht zu. Ich kann essen, was ich will und nehme nicht zu“, sagt Bohnenstangen-Manfred und sieht ganz traurig aus. Er scharrt mit dem Fuß am Boden herum wie ein bestürztes Fohlen. Er trägt Funktions-Sandalen ohne Socken, graue Khahi-Shorts und ein schwarzes Motörhead-T-Shirt. Seine Haare sind lang und grau und er trägt einen Pferdeschwanz.

“Ich auch nicht“, sagt die magere Margarete und wischt sich Tränen mit dem Ärmel ab. Ihr Gesicht ist lang und hager. Sie hat lange, graue Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und trägt eine pinkfarbene Funktions-Jacke mit weißen Streifen an der Seite, einen grauen Wollrock, der bis zu ihren spitzen Knien reicht und braune Trekkingsandalen.

“Ich verstehe das nicht“, sagt der dünne Roland. “Ich esse doch genug.“ Er holt eine kleine Tupperdose aus seinem Jutebeutel, öffnet diese, holt eine grüne Paprika heraus und knabbert daran. Er trägt eine Jeans, gelbe Flipflops, ein buntes Regenbogen-Batik-Shirt und seine Haare sind lang, grau und er trägt sie in einem Pferdeschwanz.

“Ja“, stimmt Magerquark-Mark zu und wirft sein langes, graues Haar in den Nacken. Er trägt eine Lederhose. Er trägt keine Schuhe und sein Oberkörper ist nackt. Man kann jede Rippe sehen. Er hat sich zwei Zigaretten angesteckt. Er hält eine in der linken, die andere in der rechten und zieht abwechselnd genüsslich daran und ab und zu auch an beiden gleichzeitig. Er sagt, dass an ihn das an die Brüste seiner Mutter erinnert, die ihn mit neun noch gesäugt hat.

Die gertenschlanke Gerda, der dürre Hans-Georg, der knochige Knackbert, Strichmännchen-Steffen, Size-Zero-Sören und die anderen nicken.

Es gibt einen Konferenzraum in dem Luxushotel. Da ist ein Sofa aufgebaut und noch ein Fernseher. Dann gibt es noch ein Bett und eine Küchenzeile mit Kühlschrank und einen Herd.

Die Kursteilnehmer müssen sich um mich herum stellen und machen sich Notizen.

“So“, sage ich. “Ich liege jetzt hier auf dem Sofa und starre an die Decke und denke nach.“

“Über was denkst du denn nach?“ fragt die gertenschlanke Gerda, die sich als Anführerin der Gruppe behaupten möchte, nach ungefähr einer Stunde.

“Über so Sachen“, sage ich. “Geht dich doch nichts an, worüber kluge Leute nachdenken.“

“Hm“, macht die gertenschlanke Gerda und sieht die anderen fragend an, die mit den Schultern zucken.

Ich stehe auf. Alles sieht mich fragend an. Ich gehe zur Küchenzeile, nehme mir eine Tüte Chips und einen Tiefkühl-Kuchen. Den Kuchen lege ich auf einen kleinen Tisch zum Auftauen neben das Sofa. Ich lege mich wieder aufs Sofa. Ich lege mich auf den Rücken. Die Chipstüte lege ich auf den Bauch und esse die Chips. “Ey du, Magerquark-Max“, sage ich. “Ich heiße Magerquark-Mark“, sagt dieser. “Ja ja“, sage ich. “Gib mir mal die Fernbedienung.“ Magerquark-Mark reicht mir die Fernbedienung. Ich mache irgendetwas an und starre gebannt auf den Fernseher, während ich meine Chips weiteresse. Es ist etwas, das mich gar nicht interessiert. Nach einer Weile fällt mir ein, dass ich ja auch umschalten kann. Fernsehen ist so überfordernd irgendwie. Ich schalte um. Ich möchte nun meinen Kuchen essen. Es ist ein schöner Schokoladenkuchen. Ich strecke meinen Arm aus, aber komme nicht so recht an den Küchen heran. Ich rücke immer einen Zentimeter weiter- bin aber zu erschöpft von dem Marsch vom Sofa zur Küchenzeile, um aufzustehen, und rücke immer weiter bis ich den Kuchen mit den Fingern zu mir schieben kann. Da ich kein Messer habe, um den Kuchen zu schneiden und ich vorhin ja schon die fünf Meter zur Küchenzeile gelaufen bin, greife ich mit der Hand in den Kuchen und stopfe ihn mir so in den Mund. Als ich den Kuchen gegessen habe, mache ich erst mal Mittagsschlaf. Mein engelsgleiches Gesicht ist vom Schokoladenkuchen verschmiert.

Ich erwache aus süßem Schlafe und trinke erst mal eine 2-Liter-Flasche Cola. Dann lege ich mich noch mal aufs Sofa und sprühe mir eine Sprühsahnen-Flasche in den Mund. Danach mache ich meinen zweiten Mittagsschlaf. Während ich schlafe, esse ich Schokolade. Ich wache immer kurz auf, beiße ab und schlafe weiter und beiße wieder ab.

“Wir müssen jetzt einkaufen gehen“, sage ich nach meinem zweiten Mittagsschlaf zu meinen Schützlingen. “Zum Supermarkt. Da lernt ihr mit mir, wie man richtig einkauft, ihr dünnen Heringe.“ Ich klatsche in die Hände.

“Willst du nicht dein Gesicht waschen?“ fragt Gerippe-Günni. “Du hast ja überall Schokolade.“

“Sag mir nicht, was ich machen soll“, herrsche ich ihn an.

Der ermüdente Fußmarsch von etwa 500 langen Metern führt uns an einer Eisdiele vorbei, wo wir uns erst mal stärken. “Meister, lass das gleich mal mit den Kugeln. Das ist doch nichts“, sage ich zu dem Eisdielenverkäufer. “Da wird doch kein Mensch satt von. Jeder bekommt einen Bottich für sich allein. Wie viele Kugeln sind in so einem Behälter? Spargeltarzan-Eckbert, welche Eissorte willst du? Hörst du, Eisdielenverkäufer, gib dem Mann Banane, aber flott.“ und so isst jeder eine ganze Eissorte auf. Draußen vor der Tür plärren ein paar kleine Kinder, dass die gemeinen Erwachsenen das ganze Eis aufgegessen haben. Der schmale Hans findet ein Päckchen Kaugummis in seiner Hosentasche und bittet den Bälgern versöhnlich Kaugummis an. Die Kaugummis sind zuckerfrei. Ich sehe ihn verächtlich an.

Es ist Zeit aufzubrechen.

Im Supermark marschiere ich schnurstracks zu einem Käsestand, wo man kostenlos Käse probieren kann. Die Frau am Käsestand hat Zahnstocher in einzelne Käsestücke gesteckt. Ich nehme mehrere und beiße den Käse ab. “Schmeckt gut“, sage ich mit vollem Mund und winke die Kursteilnehmer heran. “Kann ich noch mal von dem da probieren?“ sage ich und zeige auf einen Blauschimmelkäse. Die Frau sieht mich etwas verwirrt an. Da ich alle Käsestücke gegessen habe, muss sie erst weiteren Käse in Stückchen schneiden und mit Zahnstochern drapieren. “Ist schon gut“, sage ich. “Ich nehme einfach das ganze Stück.“ und beiße herzhaft hinein. “Kann ich auch von dem hier probieren?“ Nach kurzer Zeit hat die Frau keinen Käse mehr. “Na, so was“, sage ich. “Wer hat denn hier denn ganzen Käse gegessen?“ Ich lache und signalisiere den Dünnen, dass es an der Zeit ist weiterzuziehen. “Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Hunger“, sage ich. “Jeder nimmt sich einen Einkaufswagen und ihr kauft schön ein“, sage ich.

“Das ist so anstrengend mit euch und ich mag euch alle auch gar nicht“, sage ich zur Gruppe. “Ich muss mich erst mal von den Strapazen erholen.“ In einem der Gänge gibt es Camping-Ausrüstungen wie Zelte, Stühle usw. Ich setze mich in einen Klappstuhl und ordne Skinny-Steve an mir beim Bäcker zehn belegte Brötchen zu kaufen. Die anderen schicke ich los ihre Einkaufswagen mit Waren zu füllen. Ich lasse mir die Brötchen schmecken und schwelge in Erinerungen an meinen schönen Schokoladenkuchen. Als ich die Brötchen gegessen habe, sage ich der spitzen Silke, dass sie mir Kuchen beim Bäcker kaufen soll. Ich mache danach noch ein Schläfchen.

Die Kursteilnehmer kehren mit ihren Einkaufswagen zurück. Bevor sie an die Kasse gehen, prüfe ich erst, was sie gekauft haben. Ich bin mit einigen sehr, sehr unzufrieden. “Was ist das?“ schreie ich Knochengerüst-Kevin an. “Das ist Salat. Was willst du denn damit? Das einzige Grüne, das du Idiot kaufen sollst, sind die grünen Pringles.“ Ich schreie, bis ich ganz rot im Gesicht werde. “Das einzige Rote, das du kaufen kannst, sind rote Pringles“, sage ich und werfe Tomaten aus dem Einkaufswagen. Die scharfkantige Svetlana weint ein bisschen. “Zuckerbrot und Peitsche“, rufe ich. “Sonst lernt ihr das ja nie. Wollt ihr dick und schick werden oder nicht?“ Die scharfkantige Svetlana nickt. “Na, also“, sage ich.

Ich laufe durch die Gänge und reiße Chips, Schokolade, Pizza, Pommes frites, Sahne, Mayonnaise, Eis, Kuchen, Gebäck aus den Fächern, Regaln und Schränken und werfe das alles in die Einkaufswagen. “So“, sage ich zufrieden.

Auf dem Heimweg bin ich zu müde zum Laufen und muss vom schmalen Hans und Spargeltarzan-Eckbert getragen werden. Vor lauter Hunger und Müdigkeit bin ich ganz ausgemergelt. “Ich habe seit einer Stunde nicht mehr geschlafen und seit zehn Minuten nichts mehr gegessen“, sage ich verzweifelt und auch ein bisschen vorwurfsvoll. “Wenn ich mit euch Idioten hier nicht herumhängen müsste, könnte ich jetzt schön zuhause essen“, sage ich schmollend. Schacklikspieß-Erwin möchte mich besänftigen und füttert mich mit Bonbons. Vor lauter Hunger beiße ich ihm ein bisschen in die Hand. “Ist schon gut“, sagt er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der mickrige Mustafa möchte es Schachlikspieß-Erwin gleichtun und reicht mir eine Gurke. “Ich will deine dämliche Gurke nicht“, schreie ich.

Wir pausieren an einer Frittenbude und ich esse ein Kilo Pommes-Rot-Weiß.

“Gartenzaun-Gerda, mach mir Nudeln mit Käse-Sahne-Soße“, sage ich im Hotel angekommen. “Ich heiße gertenschlanke Gerda“, sage sie. Ich stöhne genervt auf. “Es ist mir egal, wie du blöde Funzel hast. Mach mir endlich etwas zu essen“, brülle ich. Die gertenschlanke Gerda beginnt Nudeln zu kochen. “Salz, Salz“, brülle ich. “Eine ganze Packung rein.“ – “Wieviele Nudeln möchtest du?“ fragt sie mich. “Was ist das für eine dumme Frage, du hysterische Kuh? Natürlich fünf Packungen.“ Ich bin wirklich außer mir vor Wut. “’Ich kann so nicht arbeiten“, sage ich. Als dann diese verblödete Schnepfe versucht Soße mit nur einer Packung Sahne und einer Packung Käse zu machen, reicht es mir und ich bereite mir meinen Nachmittags-Imbiss lieber selbst zu. Die Situation eskaliert und ich schreie: “Raus, raus, raus mit euch, es reicht. Raus mit euch, ihr unkultivierten Barbaren“, sage ich, mache mir meine leckeren Nudeln und lasse es mir erst mal schmecken.

Natürlich bekommt niemand sein Geld zurück.

Lifestyle-Journalistin

”Chia-Samen”, schrie Sophia. ”Trendy Nahrung, Hipster”, murmelte sie. Sie haute in die Tasten auf ihrem Macbook Pro. Sie saß am Küchentisch. Kurz hielt sie inne, legte den Zeigefinger an die Lippen und atmete ein. ”Muss Essen so hip sein?” sagte sie. ”Wie schreibe ich das bissiger? More judgy? Es soll die Leser ja zum Nachdenken anregen und die Hater sauer machen.” Sie lachte und biss in ihren Avocado-Toast. Oder Avo-Toast, wie sie das nannte.

Sophia war Lifestyle-Journalistin bei einer überregionalen Tageszeitung.

Manfred betrat die Küche. Es war früh morgens. Er war noch ein bisschen verschlafen.

”Sophia, kann ich mir Frühstück machen?” sagte er.

”Du siehst doch, dass ich arbeite”, sagte Sophia sauer.

”Ja, ist gut”, sagte Manfred. ”Ich gehe dann mal Piranha füttern.”

Piranha war Manfreds Meerschweinchen. Es hieß Piranha, weil es versuchte Manfred beim Füttern zu beißen. Vielleicht hielt es aber Manfred Finger für Karotten. Detlef rauchte Kette und sie waren ein bisschen verfärbt.

Nachdem Manfred Piranha gefüttert hatte, setzte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer und stopfte Zigaretten. Nach getaner Arbeit, rauchte erst mal eine. Er überlegte vielleicht zu Penny zu gehen.

Da rauschte Sophia ins Wohnzimmer. ”Mann”, schrie sie. ”Rauchst du schon wieder diese stinkenden Kippen? Alter.” Sie nahm eine von ihren aus der Designer-Tasche. Marlboro Lights. ”Rauch doch mal normale Zigaretten, ey”, sagte sie. ”Die hier raucht Kate Moss.” Sie wollte sich eine anzünden, aber fand kein Feuerzeug. Manfred gab ihr Feuer. Sie sagte nicht danke. Sophia rauchte lasziv wie Schauspielerinnen in Filmen. Sie hatte das lange vor dem Spiegel und vor der Kamera ihres Macbooks geübt. Na, gut. Sie rauchte vielleicht nicht ganz so lasziv wie die Schauspielerinnen und ganz so glamorös war sie auch nicht, aber sie war schon nicht so schlecht. Für Berlin.

”Wer?” sagte Manfred, aber Sophia antworte nicht. ”Ich habe eine Whatsapp bekommen. Kannst du mal kurz die Klappe halten? Meine Fresse.”

Sie setzte sich nun aufs Sofa, aber mit Abstand zu Manfred. Sie sah auf ihr Handy. ”Emilia Schüle”, sagte sie. ”DIE HÄSSLICHE SCHLAMPE”, brüllte sie. ”DUMME NUTTE.”

Manfred erschrak. Für gewöhnlich schrie Sophia nicht so. Sie beleidigte erfolgreiche Frauen für gewöhnlich in Zimmerlautstärke.

”Die denkt wohl auch, die wär’s”, fuhr Sophia fort. Sie war schon ganz rot im Gesicht.

”Was ist denn?” fragte Detlef zögerlich.

”Die war wieder bei einer VIP-Party und hat mehr Follower als ich. Dabei bin ich viel klüger und schöner. Diese Schauspielnutte. Was kann die schon.”

”Aha”, sagte Detlef.

Sophia sprang auf und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb weiter an ihrer Kolumne.

”Ob die schöne Emilia Schüle auch trendy Hipster-Nahrung zu sich nimmt? Ist sie deshalb so schön?” schrieb sie. Dann schrie sie laut. ”AHHHHHH.” Der Nachbar von oben klopfte mit dem Besen. ”Halt die Fresse”, schrie Sophia. Sie war so sauer, dass sie sich zum Herunterkommen erst mal ein paar Youtube-Videos ansehen musste und danach noch eine Folge Die Bachelorette. Das war gut für ihr Ego sich diese unterbelichteten Tussis anzusehen, so dachte sie. Sie hatte es schon mit Germany’s Next Topmodel versucht,  und ja, die Määädels waren dümmer als sie, Sophia, aber auch um einiges jünger. Sie hatte vor lauter Wut drei Tage lang nichts gegessen und mit ihrem Freund Schluss gemacht.

”Ich brauche einen Kaffee”, sagte sie und packte das Macbook in die Ledertasche, die sie sich in München gekauft hatte, als sie zu Besuch bei Larissa war. Sie ging in ihr Stammcafé, das genau gegenüber der Wohnung lag.

Sie bestellte sich einen Kaffe für 7.99. ”Überteuerter Szene-Kaffee”, schrieb sie. ”Warum tut es nicht normaler Filterkaffee? Der Kaffee als Statussymbol.”

”Boah, du bisch die Sophia? Ich les deine Artikel voll gerne”, schwäbelte ein dickliches Mädchen zu Sophia. Dabei war Sophia gerade in einem Schreib-Flow. ”Kann ich ein Autogramm haben? Deine Kolumnen regen mich echt voll zum Denken an. Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich denken soll. Ich liebe dich.” Wütend blickte Sophia von ihrem Macbook auf. ”Ja”, sagte sie zerknirscht. Als sich das Mädchen ihr mit dem Rücken zugewandt an einen Tisch setzte, machte sie ein Bild von den Mädchen und schickte es an Larissa. Sie kommentierte es mit ”Schwäbischer Pottwal”. Larissa schickte drei Lach-und-wein-Emojis.

Die arme Sophia – kaum hatte sie ein paar weitere Sätze für ihren Artikel über die Essgewohnheiten hipper Menschen geschrieben, da sprach sie Daniel an. Daniel war Redaktionsleiter einer Zeitung. Vielleicht auch stellvertretender. So genau wusste das Sophia nicht. Es interessierte sie auch nicht sonderlich. Was sie aber wusste war, dass Daniel auf sie stand. Sie war genau sein Beuteschema: klug, aber nicht so klug wie er, so dachte er – dabei waren sie beide eher so, lassen wir das. Gewissermaßen hübsch und um einiges jünger. Das machte aber nichts. Daniel konnte locker mithalten mit seiner jugendlich-feschen Kleidung und der kurzen, peppigen Friseur, die seinen langsam einsetzenden Haarverlust, versteckte. Normalerweise stand er auf noch jüngere. Sophia war mit Mitte 20 schon ein bisschen zu alt für ihn. Er mochte es süß, jung und unverbraucht. Er erklärte den jungen Damen gerne die Welt. ”Sophie”, säuselte er. Er dachte, wenn er ihr einen Spitznamen gab, würde das eine Art Vertrauen signalisieren. Sophie für Sophia war überaus originell. Er beugte sich zu ihr herunter und wollte ihr zwei Küsschen geben. Sophia stand nicht schnell genug auf und ihre Köpfe knallten aneinander. ”Du hier”, sagte er noch, während ihrer Kollision. Eine horizontale Kollision wäre Daniel lieber. Er schraubte schließlich schon lange genug daran. Selbst bei der einen Kleinen von den Identitären über die er einen Artikel geschrieben hatte- über die Mode der Indentitären – hatte er sich die  – noch durchaus guten – Zähne ausgebissen. Warum wollten junge Frauen keinen Sex mit Daniel? Er war darüber nur ein klein bisschen verbittert und man konnte es nur manchmal bei seinen Artikel herauslesen, wenn er auf die Feministinnen schimpfte, die irgendwie an allem Schuld waren. Würde Daniel ernsthafte Artikel schreiben, über Politik und Gesellschaft, hätte er ihnen wahrscheinlich auch noch die Schuld an Klima-Erwärmung und Krieg gegeben, aber Daniel schrieb keine ernsthaften Artikel. Er war Lifestyle-Journalist wie Sophia.

Sie führten ein bisschen Small-Talk. Über Partys, wer fett geworden ist, auf wen mit Erfolg man neidisch ist – das sagte man scherzhaft, aber meinte es ernst, Artikel von Kollegen, wer miteinander Schluss gemacht hat und wer – man munkelt darüber – Sex hatte und dergleichen. ”Du, ich muss jetzt los”, sagte Daniel nach einer Weile. Es klang ein wenig erwartungsvoll. ”Was machst du denn heute Abend?” fragte er. ”Ich muss dir noch von meiner Italien-Reise erzählen. Du hast dir ja meine Posts bei Instagram angesehen.” ”Äh”, sagte Sophia. ”Du, ich habe Karten…”, fuhr er fort, aber Sophia unterbrach ihn. ”Du, sorry”, sagte sie. ”Aber ich muss den Artikel fertigkriegen.” Shit, dachte Daniel. Schon wieder kein Treffer versenkt. ”Ach so”, sagte er und versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Das gelang ihm nur halb. Er tätschelte Sophias Schulter. Das war ihr ein bisschen unangenehm. Sie schlief nur mit Männern mit mehr Einfluss. ”Du, dann, tschüß”, sagte er. ”Tschüß”, sagte Sophia. ”Ich muss auch noch einen Artikel schreiben”, sagte Daniel und winkte. Ein paar Tage später erschien ein Artikel von Daniel: ”Undankbare Feministinnen. Warum Frauen nicht dankbar für Männer mit Manieren sind”. Sophia las ihn beim Sonntags-Frühstück – sie aß nur ein Ei, denn sie wollte nachher noch zum Brunch – und stimmte in vielen Punkten zu und ließ sich für ihre Artikel inspieren. Sie notierte sich ”fette Lesben” als Inspiration und ”passendes Foucault Zitat googlen”. Es kam immer gut an, hatte sie gehört, wenn man Foucalt zitierte. Aber zurück in die Gegenwart.

Sophia atmete tief ein und wieder aus. ”Ich kann so nicht arbeiten,” sagte sie laut. Zuhause war Manfred, aber der hielt wenigstens die Klappe, wenn sie ihm das sagte. Sie war ein wenig erschöpft von der harten Arbeit und überlegte sich ein Taxi zu bestellen, aber entschied sich dann doch dagegen und dachte, dass ein bisschen Bewegung nicht schaden würde. Von frischer Luft konnte ja leider in Neukölln nicht die Rede sein. Sie gab ”fünf Minuten Spazieren” bei ihrer App Fitnesspal ein. Die fünf Minuten bis zur Wohnung zogen sich in eine unerträgliche Länge, aber schließlich war sie angekommen. Home sweet home. Na ja, fast. Schließlich wohnte da leider auch noch Manfred. Vielleicht war er nicht zuhause. Er traf sich manchmal draußen mit seinen versifften Freunden – in die Wohnung durften die ja nicht – oder ging in den Supermarkt, den Tafeln oder zum Jobcenter oder was auch immer. Im Prinzip hatte Sophia nichts gegen arme Leute, aber es war ihr schon lieber, wenn das arme Flüchtlings-Syrer oder so waren. Die machten sich besser auf Selfies. Manfred war nicht sonderlich fotogen und Eindruck schinden konnte man mit ihm auch nicht. Arme Deutsche kamen nicht an, nur Ausländer und da auch nur bestimmte. Osteuropäer zum Beispiel nicht. Die mochte keiner. Selbst wenn das Sinti und Roma waren. Momentan waren Moslems in. Sophia seufzte.

Zu früh gefreut. Leider war Manfred zuhause.

”Was ist denn hier los?” brüllte Sophia, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. ”Was wird das hier? Warum ist das so unordentlich?”

”Aber Sophia”, sagte Manfred erschrocken. ”Ich dachte, du kommst erst abends.”

”Es geht dich nichts an, was ich mache”, brüllte Sophia weiter. ”Ich muss arbeiten. Was ist das hier?”

”Entschuldige bitte, Sophia. Ich wollte Piranha ein Kunststück beibringen. Heute kommt doch Egon.”

”Wer?” brüllte Sophia.

”Egon. Piranhas neuer Freund. Ich hole ihn heute aus dem Tierheim.”

”Was? Du schaffst uns noch mehr von diesen Dingern an?”

”Ja,” sagte Manfred kleinlaut.

”Also, jetzt reicht’s”, sagte Sophia. ”Du zieht heute noch aus.”

”Aber der Vertrag”, sagte Manfred.

”Der Vertrag ist mir egal”, sagte Sophia.

”Wo soll ich denn hin? Ich habe doch meine Wohnung erst nächsten Monat.”

”Das ist mir doch egal. Du kannst ja in ein Obdachlosen-Asyl.”

Das war zu viel. Ja, hatte sie gedacht, es würde sie nicht stören, dass Manfred die Woche bis zum Monatsende hier noch wohnen würde und günstiger war es auch – Manfred bezahlte für diesen Monat noch die Miete und sie musste kein Geld für einen Stauraum für ihre Möbel und Kleidung ausgeben und konnte gleich einziehen, aber das war zu viel. Es ging so nicht mehr weiter. Es war ein Fehler gewesen zu denken, dass sie und Detlef sich schon irgendwie arrangieren würden. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie damit zeigen konnte, wie sozial eingestellt sie war. Sie kamen aus zwei verschiedenen Welten. So viel war klar.

”Ich muss arbeiten”, sagte Sophia etwas versöhnlicher. ”Du störst hier nur. Bitte check es: Das hier ist nicht mehr deine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Du und deinesgleichen – ihr passt hier einfach nicht mehr rein in diesen hippen Szene-Bezirk. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist so.” Sie sah wieder auf das Handy und las einen Artikel ”Sapiosexuel, deminisexuel – ja, gibt’s es denn auch noch Normale?”. ”Darüber schreibe ich auch”, sagte sie gedankenverloren.

Und somit zog Manfred eine Woche früher als gedacht aus der Wohnung. Er und Piranha. Egon konnte er erst später aus dem Tierheim holen. Piranha musst er in der Bahnhofsmission verstecken. Tiere waren da nicht erlaubt.