Kaffeehausliteratur

2018-07-04 13.01.09

 

”Du kannst Kinder nicht impfen lassen. Hallo? Da ist Aluminium drin in den Impfstoffen und überhaupt: Impfen macht Kinder autistisch. Willst du ein behindertes Kind, das in seiner eigenen Welt lebt? Willst du das? Ein Kind, das voll weggetreten ist und nicht richtig da und das Kind ist auch nicht eigenständig und behindert halt. Das kannst du doch nicht wollen? Wir müssen unsere Kinder schützen. Man muss angstfrei durchs Leben gehen und nicht auf diese Panikmacherei durch die Medien und die Pharma-Industrie reinfallen. Die verdienen ihr Geld mit uns. Hallo, wach mal auf, bitte”, schreit eine Frau und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk. Sie hat jetzt Schaum an den Lippenrändern von der Soja-Latte. Es könnte aber auch Tollwut sein. Wenn sie Heilkräuter im Wald für ihre Kinder sammelt, kann es schon mal sein, dass sie von wilden Tieren mit Tollwut angefallen wird. Von Füchsen, Wölfen, Luchsen, Wildschweinen, Bären oder Fabelwesen vielleicht.

”Ich habe sogar mal in einem Forum gelesen, dass Kinder davon homosexuell werden können. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber doch nicht das eigene Kind.”

Der Mann, der ihr gegenübersitzt, sieht sie achselzuckend an.

Die Frau schreit: ”Gehirnwäsche, Propaganda.” und schnaubt. ”Ich sag mal so: Wenn Mütter ihre Kinder mal stillen würden, aber nein. Die benutzen lieber Ersatzmilch und impfen. Da sind sie fein raus, denken sie.” und sie gestikuliert wie wild mit den Händen. ”Ein Kind braucht Muttermilch und Liebe. Mehr nicht. Ich erzähle dir jetzt mal was über die pädagogischen Ansätze von Montesorri.”

”Aber Larissa”, wirft der Mann ein. ”Wir wollten doch hier das Klassentreffen planen.”

Kann nicht hier und heute der Verband deutscher Autisten ein Treffen veranstalten oder vielleicht ein Autisten-Forum? Ein autistisches Pärchen könnte sich hier zum Rendezvous oder eine Elterngruppe mit ihren Kindern. Ein Film mit dem Namen ”Herdenimmunität” könnte hier gedreht werden. ”Herdenimmunität- der Film”, der von einem andalusischen Schäferhund und einer Schafherde handelt und der Hund hat ein Lieblingsschaf, aber dann sehen die ja doch alle gleich aus und der Hund hat eine verstümmelte Nase, weil er als Welpe von seinem Vorbesitzer, einem gemeinem Mann aus dem Dorf gequält und später von dem Schafzüchter gerettet und bei sich aufgenommen wurde, aber die Nase wurde nicht mehr und der Hund weiß nicht mehr, welches sein Lieblingsschaf ist und vielleicht riechen die auch alle recht ähnlich und der Schafzüchter wird Alkoholiker, weil seine Frau ihn verlässt und nach Berlin zieht, nach Deutschland, wo die Arbeitsplätze sind, und in diesem Café als Putzfrau zu arbeiten beginnt und der Schafzüchter weint viel und dann sterben alle Schafe und die Sonne erlischt plötzlich und auch alle Menschen sterben, aber der Hund überlebt, weil er von einem kleinen, autistischen Jungen mit Zauberkräften gerettet wird, aber natürlich ist das kein Harry-Potter-Abklatsch, und der Junge baut ein Raumschiff und er und der Hund fliegen ins Weltall, weil auf der Erde ist ja nicht mehr viel, und so endet der Film und der Film räumt alle Preise in Cannes, beim Sundance Festival, bei der Berlinale, bei den BAFTA Awards etc. ab. Tausche diese Frau in diesem Café gegen eine Armada von 1000 Autisten. 100000 Autisten. Eine Million. Sofort.

Die Frau sagt laut ”Hauptschule.” Es klingt als hätte sie etwas Verbotenes gesagt, etwas Konspiratives. Sie redet leiser. ”Legasthenie”, sagt sie. ”ADHS”, ”Ritalin”, ”Verhaltensgestört”, ”Regelschule mit schlecht ausgebildeten Lehrern”, ”Migranten”, ”Magst du Woody Allen? Ich liebe ihn”, ”Drogen in der Grundschule im sozialen Brennpunkt.”

Ich möchte aus dem Café stürzen und zu einem armen Heroinabhängigen laufen, die benutzte Spritze, die er soeben in die Rinne zwischen Bordstein und Bordsteinkante geworfen hat, nehmen und sie der Frau zeigen. Wenn sie panisch schreit, dass sie keine Impfung haben möchte, sage ich: ”Keine Bange, Werteste, meine Pantopon Rose. Das ist nur Diamorphin. Aus der Pflanze Papaver Somniferum. Das reicht zurück bis zu den alten Ägyptern, Liebste.” und die Frau wird erleichtert nicken und sagen: ”Wenn es natürlich ist, kann es nur gut sein. Nur her damit.” und mir schneller als Speedy Gonzales ihren bleichen Arm entgegenstrecken. ”Oh, diese wohlige Wärme. Bekomme ich das im Biomarkt oder im Reformhaus?” und ich werde sagen: ”Das bekommen Sie nur von einem Straßen-Schamanen, Teuerste.”

Ein Junge reißt mich aus meinen Gedanken. ”Haven Sie Stevia?”, fragt er. ”Nein, leider nicht”, sage ich. Der Junge sieht mich enttäuscht an, sagt vorwurfsvoll ”Dann halt nicht”, rümpft die Nase und verlässt das Café mit finsterem Blick.

”Knöpfe sortieren”, sagt die Frau laut. ”Fremdsprachen”, ”Schlafförderlich.”

Ich habe mal darüber gelesen, wie man Schlafmohn-Tee herstellt. Opium tea wie bei Nick Cave. Da sei vor einiger Zeit noch legal gewesen, aber gerade deshalb hatten Mütter Tees für ihre Kinder daraus hergestellt. Das sei so ein altes Rezept. Beruhigend, aus der Natur und ohne Zusatzstoffe. Mehrere Kinder mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Mütter nicht wussten, was sie da eigentlich ihren Kindern gaben. Das wäre mir nicht passiert. Wären die Mütter nur beim Fencheltee geblieben. Es ist traurig, weil sie es ja eigentlich nur gut meinten.

Ich höre die Impfgegner-Mutter laut ”Holundersirup” sagen. Der Mann, auf den sie einredet, lächelt gequält.

Ich bin einfach zu nüchtern. Vielleicht sollte ich mir einen Schnaps genehmigen.

Das Baby der Frau schreit. Sie dreht es im Tragetuch und legt es an ihre linke Brust. Es saugt gierig mit geschlossenen Augen an der Milchdrüse und japst hin und wieder ganz süß. Ihr Kleindkind malt währenddessen mit einem roten Wachsmalstift die Wand an. Ich lächle. Auf die neue Generation. It’s never too late for a happy childhood.

Rechts neben der Theke sitzt eine junge Frau mit einem Mann um die 50 zusammen. Der Mann sieht sie begeistert an. ”Dein Vater hat mir dein Manuskript zum Lesen gegeben”, sagt er. ”Was für geniale Einfälle. Was für ein revolutionäres Talent. Und das alles ohne Hildesheim oder Leipzig. Kann es denn heute noch junge Schriftsteller geben, die dort nicht schreiben lernen? Du bist ein Naturtalent. Dein Manuskript, das hat so etwas Nihilistisches. Techno, Drogen, Liebe, Exzess, reiche Kids, die gelangweilt sind, Berghain. Berlin Mitte. Das ist etwas Noch-Nie-Dagewesenes. Das Selbstzerstörerische, das Gelangweilte. Die Leere. Der Hedonismus. Geld und gutes Aussehen. Kids aus reichem Haus. Das ist Christian Kracht. Das ist Benjamin von Stuckrad-Barre mit persönlicher Note. Du bist die neue Helene Hegemann. Das ist so gut. Das ist gigantisch. Ich kann es nicht fassen. Ich sehe dich schon bei der Buchmesse und auf den Beststeller-Listen. Du wirst auch beim Bachmann-Preis lesen. Da bin ich mir sicher. Der Feuilleton wird dich lieben und über dich schreiben, er wird verzückt sein. Ein deutsches Wunderkind. Reich und gelangweilt. Berlin Roman. Wohlstandsverwahrlosung. Oh mein Gott. Das Noch-Nie-Dagewesene. Ich bin so froh, dass wir dich in unserem Verlag verlegen dürfen. Die Förderung junger Talente liegt mir am Herzen und du bist etwas ganz Großes. Du wirst die Pop-Literatur neu einläuten. Du bist die Stimme deiner Generation.”

“Dank”, sagt die junge Frau, lächelt und blickt kurz von ihrem Smartphone auf.
Mein selektives Hören funktioniert eindeutig zu gut. Ich bin aber auch einfach wirklich zu nüchtern. Ich kokse nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder und der Drogenkartelle und ich trinke nicht mehr so viel, weil ich schon zu viel getrunken habe und es mich langweilt. Happy pills, Psychopharmaka und das ganze Zeug benebeln mich nur und legen einen Schleier über ”unschöne Gefühle”. Gras macht mir nur hungrig und albern, MDMA und LSD kann man nicht immer nehmen, Heroin ist nur am Anfang Spaß, Spaß, Spaß, ja unendlicher Spaß, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt Spaß hatte, und ja, Meth und Crack sind auf Dauer auch nicht das Wahre, versucht habe ich es aber auch nicht. Von Speed kann ich nicht schlafen und ich bin zu traurig beim Come-Down. Sport, Yoga, Meditation, ausgewogene Ernährung, Verantwortungsbewusstsein, ein geregelter Alltag und Liebe geben und zulassen, wäre mal eine kluge Herangehensweise, aber es klingt nach so viel Aufwand. Was bleibt da noch übrig? Nüchtern und frustriert. Oh Baby. Working for the man. Gefangen in den Wirren des kalten Kapitalismus. ”Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu alles für dich.” Ich bin nicht mal Working Class Hero. Ich bin einfach nur Working Class Loser.
Vielleicht bin ich auch nur am falschen Ort. Eine einsame Waldhütte wäre das Paradies. Mit ein paar Hunden und einer Schrotflinte, falls mal jemand vorbeikommt. Nicht dieses ”Szene-Café”. Das wird es sein oder etwa nicht? Ach, was weiß ich schon.
Ich sehe aus dem Fenster. Ein als Clown verkleideter Mann geht vorbei. Er hält den Blick gesenkt. Er sieht traurig aus.

”Einen Kaffee” sagt ein Mann um die 40 zu mir.
”Was für einen Kaffee hätten Sie gern?”, frage ich.
”Normaler Kaffee”, sagt der Mann energisch.
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”
Der Mann stöhnt genervt auf. ”Normaler Kaffee.”
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”, wiederhole ich.
”Filterkaffee mit Milch und Zucker.”
”Wir haben hier keinen Filterkaffee. Das ist eine italienische Kaffee-Kette.”
”Was soll das bedeuten?”
”Das bedeutet, dass es hier nur italienischen Kaffee gibt. Ich bin hier auch nicht der Eigentümer und entscheide das nicht.”
”Bitte? Das kann doch nicht sein.”
”Doch.”
”Ich möchte normalen Kaffee”, fordert der Mann.
”Caffé Espresso, Caffé Corretto, Caffé Lungo, Caffé Latte, Caffé Macchiato, Caffé Risretto, Cappucino, Latte Macchiato, Caffé Freddo oder Caffé Sospeso? Wir haben auch Sojamilch.”
”Warum gibt es hier keinen normalen Kaffee?”
”Wissen Sie”, sage ich. ”Filterkaffee ist so etwas typisch Deutsches. Das ist aber ein italienisches Café. Manche in Italien sagen, dass man in Deutschland keine Kultur hätte. Das haben auch schon die alten Römer gesagt. Die nannten die Deutschen Barbaren. Zumindest ist die Nationalmannschaft in Deutschland besser. Haben Sie die Göttliche Komödie gelesen?”
”Bitte?”
”Ja. Was für einen Kaffee möchten Sie?”
”Latte Matschiato”, sagt der Mann und stockt für einen kurzen Moment.
Dann sagt er: ”Nein, ich möchte keinen. Ich werde dieses Café nie wieder betreten. Es gibt keinen normalen Kaffee. Wo gibt es denn so was?” schimpft er. ”Saftladen.”
”Ja, Saft haben wir auch”, sage ich.
Der Mann sieht mich entgeistert an.
”Wenn man zu dumm ist für einen richtigen Job, muss man eben in einem Café arbeiten”, sagt er triumphierend.
”Sie sind ja anscheinend zu dumm, um Kaffee in einem Café zu bestellen. Das bekomme sogar ich hin- trotz meiner unsäglichen Dummheit. Na dann, werter Freund. Reisende soll man nicht aufhalten. Habe die Ehre. Arrivederci.”
”Unverschämtheit”, ruft der Mann.
”Ist das eine deutsche Filterkaffee-Marke?”
Der Mann sieht mich mit hochrotem Kopf an und geht.
Ciao bello.

Noch fünf Stunden bis Dienstschluss. Ein Mann kommt vor, bestellt ”eine Latte” und lacht. ”Latte haha.” Ich habe den Witz nur schon mindestens fünf Mal heute von Männern gehört und er war schon beim ersten Mal nicht witzig. Ich verziehe das Gesicht. Der Mann sieht mich traurig an. Ich ziehe meinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Das Gesicht des Mannes erhellt sich wieder. Eine Straßenbahn hält gegenüber vom Café an. In großen Lettern steht auf der Straßenbahn: ”Im Gegensatz zu dir bin ich immer breit. BVG. Wir lieben dich.” Ich zeige darauf und sage: ”Bereit.” Der Mann muss lachen. Ich ziehe nun auch den linken Mundwinkel zusätzlich zum rechten hoch. Das freut den Mann. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich räume Tische ab und kehre. Noch fünf Stunden bis Dienstschluss.

Ein dünnes, blondes Mädchen mit einem Dutt sitzt an einem der Tische mit ihren Freunden. Ihre Iphones und Samsung Galaxies liegen neben ihren überteuerten Getränken auf dem Tisch. Sie sagt laut: ”Ich bin doch an der Springer Akademie. Ich habe ein Semester Kommunikationswissenschaften und dann Jura studiert, aber das war nichts für mich. Das haben so viele Mädchen mit blondierten Haaren studiert und so. Das waren halt so Tussis irgendwie. Weißt du so, ich lese Kleist in der Mensa und die Modemagazine. Ich mein’, ich lese auch mal Modemagazine, aber doch nicht nur. Das war mir dann nicht intellektuell genug von den Menschen her. Das bringt mich doch null weiter, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe. Meine Eltern sagten noch, dass ich auf Lehramt studieren könnte, aber da war ich nur in einer Vorlesung. Da waren halt so voll die Mauerblümchen irgendwie. Da habe ich ja gar nicht hingepasst. BWL hätte ich noch gern gemacht, aber das ist ja irgendwie so trocken. Literaturwissenschaften hätte ich auch noch gemacht, weil sich das irgendwie so intellektuell anhört. Da kann man dann sagen, dass man voll belesen ist, weil man ja voll viele Bücher lesen muss und so.” Sie kichert. ”Hm, ja, aber ich wurde dann ja an der Springer Akademie angenommen. Ich bin echt super zufrieden mit der Springer Akademie. Man lernt ja so unglaublich viel an der Klinger Akademie.”
Ihre Freunde nicken.
”Ich habe ja jetzt voll hohe Klickzahlen auf meinem Blog”, sagt ein Mädchen stolz in die Runde. ”Mein Blog heißt ”Books, tea and fashion.”
Das Mädchen hat blondierte Haare. Sie holt ein Buch aus ihrer Tasche, legt es auf den Tisch neben ihre Tasse Kaffee und die Vase mit der pinken Tulpe und macht ein Bild davon. ”Für meinen Blog”, sagt sie.
”Ja, das wäre nichts für mich”, sagt das Mädchen mit dem Dutt. Ich möchte schon authentischen Journalismus machen und nicht nur bloggen. Ich habe ja auch einen Blog, aber das ist doch kein Journalismus. Man lernt bei der Springer Akademie so viel. Das ist ja nicht nur die Bild-Zeitung. Die Leute haben da ja so krass viele Vorurteile. Da gibt es ja auch Zeitungen und Zeitschriften mit hohem Niveau. Da sehe ich mich ja und nicht bei der Bild. Das wäre ja nichts für mich.”
Die Freunde nicken.
”Es ist so nervig immer den Trotteln erklären zu müssen, dass das bei Springer nicht nur die Bild ist. Da gibt es auch seriöse Medien”, sagt sie. ”Da schreiben so krass kluge, innovative Köpfe und da kann nicht einfach jeder mitschreiben. Da muss man schon voll klug sein. Mathis Matschussek hat das auch zu mir gesagt, bevor man ihm gekündigt hat. Man muss auch schon wahnsinnig klug sein, um an der Springer Akademie angenommen zu werden. Wir nehmen da doch nicht jeden an der Springer Akademie. Viele wollen hin, aber es schafft halt nicht jeder. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen die Bild, aber das wäre unter meinem Niveau vom Journalistischen her irgendwie. Die Bild ist aber auch nicht mehr so wie früher und ist jetzt bürgerlich und die lesen ja auch voll viele.”
Die Freunde nicken wieder.
”Meine Eltern meinten gestern so bei Facetime: ‘Such dir doch mal einen Job oder so, weil dann müssen wir dir nicht immer so viel Geld überweisen. Wir zahlen doch schon deine Wohnung und so.’ und ich meine so: ‘Ja, und? Das gehört sich ja wohl so für Eltern. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann. Ich könnte euch ja nach viel mehr Geld fragen. Ihr solltet dankbar dafür sein, dass ich mich mit so wenig zufriedengebe. Ich meine, habe ich euch gebeten geboren zu werden oder was?’ und die so voll angepisst irgendwie: ‘Wir meinen ja nur, Lara.’ und dann sagen sie das noch so voll vorwurfsvoll irgendwie.” Sie seufzt. ”Ich habe dann aber gedacht, dass ich ja echt mal arbeiten könnte. Ich habe mich bei Model-Agenturen beworben, aber die wollten mich alle nicht. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir die Models der Agenturen auf den Homepages angeguckt und ehrlich, die sahen mal gar nicht gut aus. Ich war dann auch echt froh, dass ich nicht genommen wurde. Wisst ihr, vielleicht sah ich zu gut aus und wurde deshalb nicht genommen. Ich mein’, wenn die nur hässliche Mädels wollen? Ich habe mich jetzt mal bei ”Wer wird Millionär” beworben. Da brauche ich dann ja gar nicht arbeiten, wenn ich gewinne. Es reichen ja schon 500 000 Euro oder so. Dann könnte ich mich ganz auf meine Karriere konzentrieren. Ich bin ja jetzt schon voll gestresst. Ich brauche Entspannung.” Sie kichert wieder. ”Wollen wir uns am Wochenende ein Haus an der Nordsee mieten? Ich hätte da voll Bock drauf. Weißt du so Meer und der Wind und so. Ich hätte auch mal wieder Bock auf lecker Fisch.”
”Klingt gut”, kommt als Antwort.
”Oh Gott, ist das da drüben Julia Engelmann?”, sagt sie. ”Ich hasse Poetry Slam und Julia Engelmann. Das ist doch keine Literatur. Kennt ihr das, wenn ihr jemand so gar nicht den Erfolg gönnt? Julia Engelmann hat ja gar kein Talent.” Sie seufzt.

Es ist leider nicht Julia Engelmann. Tausche Julia Engelmann gegen das Mädchen mit dem Dutt. Sofort.

”Habe ich schon gesagt, dass ich bald nach Mailand für eine Reportage fliege? Ich bin so stolz auf mich. Der Chef-Redakteur der Welt schickt mich hin. Dulf Schorchlhardt ist echt so krass sympathisch irgendwie. Ich möchte keine Reportagen in Deutschland machen. Das wäre ja nichts für mich. Kleinstadt-Mief. Es gibt ja hier nur Hamburg und Berlin. Ich möchte eine Zigarette rauchen. Wer kommt mit raus?” Sofort springen zwei Mädchen wie dressierte Zirkus-Affen auf.

Ich trinke einen Espresso und sehe mich gelangweilt um. Ich habe die Ausstrahlung eines arabischen Diktators. Ich bin der schlechtgelaunteste Barrista. Meine Kollegen bekommen alle massig Trinkgeld, ich vielleicht mal zwei Cent.
Ist ein italienisches Café in Berlin Teil der Gentrifizierung oder multikulturelle Bereicherung? Es ist ja eine US-amerikanische Kaffee-Kette. Der ursprüngliche Besitzer stammt aus Italien. Er wanderte aber nach New York aus und wurde reich. Ach, ich versuch’s mir nur schönzureden, dass ich hier arbeite. Ich habe auf die Schnelle nichts anderes gefunden und brauche das Geld und Hartz IV ist mir zu viel Papierkram und es ist unfair den Bedürftigen und Steuerzahlern gegenüber. Ich habe mir ausgesucht ein brotloser Künstler zu sein, der zu wenig Kunst macht und stattdessen zu vielen trüben Gedanken nachhängt und billigen Rotwein in meinem kleinen, unordentlichen Zimmer trinkt und kann mich doch jetzt nicht mehr beklagen. Es ist ein bisschen wie bei Carl Spitzwegs ”Der arme Poet”. Ich bin vermutlich auch gar kein Poet und eher ein träumender Trinker. Oder ein trinkender Träumer. Vielleicht nicht mal das. Ich wische Tische ab.

US-Amerikanische und kanadische Touristen im Café schreien beim Reden wie vermutlich Menschen, die in den Bergen wohnen und ins Tal rufen. Vielleicht rufen sie ihre Kühe. Wenn die Amerikaner wenigstens über interessante Gesprächsthemen schreien würden, aber es ist nur hohles Gefasel über irgendwelche Clubs und wo man gut essen gehen kann und die letzte Partynacht und
wie ausschweifend es noch wurde und wer mit wem Sex auf der Clubtoilette hatte. Das kann ich auch in Deutsch haben, aber in erträglicherer Lautstärke. Ich bin vermutlich bloß neidisch, weil die Amerikaner sich an vielerlei erfreuen können und nicht nur schlechtgelaunt und eigenbrötlerisch herumgängen wie ich. Ein Österreicher sagt laut: ”Das geht sich nichts aus.” zu seiner Begleitung. ”Eh”, sagt seine Begleitung. Ich räume Geschirr in die Spülmaschine.

Eine hübsche, dunkelblonde Frau, ungefähr Mitte 40 mit schönen, graublauen Augen, die modisch, aber unaufdringlich in gedeckten Farben gekleidet ist, sitzt einer hellblonden, sehr dünnen Frau etwa im gleichen Alter gegenüber, die ein weißes, enges Mini-Kleid und grellen, orangestichigen Lippenstift trägt.
Die hellblonde Frau sagt: ”Ich fühle mich so unsichtbar als Frau, verstehst du? So als ob mich die Männer nicht mehr beachten und das Schlimmste ist, dass es jetzt nur noch weiter bergab geht.” Sie seufzt und sieht auf ihre manikürten Hände. Sie fährt mit dem rechten Zeigefinger langsam den Rand ihrer Tasse entlang und folgt dem Finger mit den Augen.
”Ach, Bettina”, sagt die dunkelblonde Frau sanft. ”Du hast seit 30 Jahren nichts als Männer im Kopf und was sie über dich denken. Darüber haben wir doch schon letztes Mal geredet.”
Die dunkelblonde Frau bestellt ein Stück Käsekuchen.
”Das ist heute für Sie umsonst”, sage ich.
”Umsonst?”
”Ja. Sie sind der millionste Besucher, wissen Sie”, sage ich augenzwinkernd.
Die Frau sieht mich ungläubig an und bedankt sich.
”Schade, dass ich spät dran war heute. Sonst hätte ich vielleicht gewonnen, aber ich esse ja ohnehin keinen Zucker mehr”, sagt die hellblonde Frau und lacht.
Die hellblonde Frau wird für immer ein Mädchen bleiben und nie zur Frau, denke ich.

Ich bekomme ein großzügiges Kleingeld von einem netten Paar aus Paris, nachdem wir uns über Balzac unterhalten haben. Die anderen Gäste müssen warten. ”Wenn man seinen Job schlecht macht, muss man eben kündigen”, sagt das Mädchen mit dem Dutt laut und knallt mir das Geld hin. Da hat sie Recht. Ihre Freunde nicken. Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten, denke ich. Das wäre ja nichts für mich.
Ich esse einen glutenfreien Keks und überlege, ob Johanniskraut etwas für mich wäre. Dann zerbrösle ich einen weiteren Keks und lege ein paar Krümel auf die Tische draußen für die Spatzen.

Ein Mann, der vorne an einem Tisch bei den Fenstern sitzt, zündet sich eine Zigarette an. Er trägt einen Anzug.
”Sie können hier nicht rauchen”, sage ich.
”Immer diese Gängelung von Rauchern”, sagt er. ”Ich dachte, das hier wäre der Raucherbereich.”
”Wir haben keinen Raucherbereich”, sage ich.
”Dann wird’s mal Zeit. Man fühlt sich als Raucher ja schon wie als Mensch zweiter Klasse.”
”Guter Mann, hören Sie mal, dieses Café besuchen auch Schwangere oder Eltern mit ihren Kindern und Menschen mit Asthma. Rauchen ist kein Grundrecht. Was kommt als nächstes? Vielleicht können Sie anfangen zu jodeln, weil sie so gerne vor lauter Glück jodeln und Jodeln ist etwas Schönes? Wenn es andere stört, ist das ja egal, oder? Sie können gerne jodeln, wenn es nicht zu laut ist, aber bitte hier nicht rauchen, verstanden?”
Der Mann sieht mich mit offenem Mund an. ”Aber, aber”, sagt er und rümpft die Nase. ”Wie haben Sie mich genannt? So eine Frechheit. Ich werde mich beschweren. Ich bin Journalist. Ich werde über dieses Café schreiben-”
”Rauchen Sie doch mal eine. Das beruhigt sagen Auchrr ”, sage ich. ”Aber bitte vor der Tür.”
Der Mann drückt die Zigarette demonstrativ am Tisch aus, denn Aschenbecher gibt’s ja keine, packt seine Sachen zusammen und geht.

Noch zwei Stunden bis Dienstschluss. Eine dunkelhäutige Frau kommt vor an die Theke. Sie hat ihre Kinder dabei. ”Einen Latte Macchiato, bitte”, sagt sie mit einem Akzent.
Ich schenke den Kindern Kakao. ”Geht aufs Haus”, sage ich.
”Aufs Haus? Das hatte ich ja noch nie.”
”Da war ich ja auch nicht da”, sage ich. ”Ich bin etwas ganz Besonderes.” Es ist ein Scherz.
”Ja”, sagt die Frau und lächelt verwirrt. ”Das stimmt.” Sie bedankt sich, die Kinder bedanken sich.
Ich habe auch heute Morgen schon einem dunkelhäutigen Mann etwas ausgegeben. Er sagte zu mir, dass ihm kalt sei und fragte mich, ob ich ihm sagen könnte, wo er Handschuhe kaufen kann.
”Es ist doch noch nicht so kalt?”, sagte ich. ”Da brauchen Sie doch nicht jetzt schon Handschuhe.”
Der Mann lächelte und sagte: ”Doch. Es ist immer heiß, wo ich herkomme.”
”Wo kommen Sie denn her?”
Der Mann lächelte. ”Sieht man das nicht? Aus Afrika.”
Er bekam seinen Kaffee, natürlich, umsonst.                                  Ich würde das ja nicht machen, wenn es hier Fair Trade-Kaffee und Kakao gäbe, aber so bleibt mir keine andere Wahl. Das muss ich ja so machen. Das ist meine Wiedergutmachung an Afrika für die Kindersklaven, die ausgebeutet werden für den Kakao und die Schokolade und für das Palmöl gleich mit. Von der Kolonisierung früher müssen wir erst gar nicht reden. Ich bin der Bob Geldof der Barrista. Ich bin nur freundlich zu den wenigen dunkelhäutigen Menschen, die das Café betreten und mit einem Akzent reden oder auf Englisch bestellen. Das ist positiver Rassismus und es ist mir egal. Die übrigen Menschen, bis auf Kinder, alte und sehr nette Menschen, mag ich nicht. Wenn arme Menschen kommen würden, würde ich ihnen auch etwas schenken, oder na ja, für sie stehlen, aber die gehen nicht in “Szene-Cafés”.

Später fliege ich raus, weil ich mich weigere für den Kakao, den Kaffee und den Käsekuchen zu bezahlen, den ich verschenkt habe. Der Chef lobt mich sogar für meine Güte, weil er ein netter Mensch ist, aber ihm und den oberen Chefs geht’s nun mal ums Geld und da kann man keine Mitarbeiter gebrauchen, die anderen etwas schenken und nicht dafür bezahlen. ”Das ist eben Kapitalismus”, sagt er. Anzeigen möchte er mich aber nicht. Wir umarmen uns. Er fragt mich, ob ich ein Künstler oder Nachwuchspolitiker sei. ”So ähnlich”, sage ich und frage mich, warum er mich für einen hält.

Mein erster Arbeitstag in dem Café war kein großer Erfolg. Erfolg ist nichts für Arbeiter- und Migrantenkinder wie mich, sage ich tröstend zu mir und klopfe mir auf die Schulter. Kleiner Mann, was nun?
Ich denke öfter mal, dass ich so ein kaputter Typ wie Michel Houellebecq bin. Ohne den Literatur-Erfolg versteht sich.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Ich schreibe ”Eat the Rich” mit Kreide an die Hauswand einer Edel-Boutique.

Zunehm-Freunde

Man muss gute Geschäftsideen haben. Eine Selbsthilfe-Gruppe für dünne Menschen, die zunehmen möchten statt abnehmen zum Beispiel, wo jeder 250 Euro für zwei Stunden bezahlen muss. Damit bin ich sozusagen dick im Geschäft. Ich nenne sie Zunehm-Freunde.

 

“Ich nehme einfach nicht zu. Ich habe schon ein Stück Zwieback und eine Möhre mehr am Tag gegessen und nehme nicht zu. Ich kann essen, was ich will und nehme nicht zu“, sagt Bohnenstangen-Manfred und sieht ganz traurig aus. Er scharrt mit dem Fuß am Boden herum wie ein bestürztes Fohlen. Er trägt Funktions-Sandalen ohne Socken, graue Khahi-Shorts und ein schwarzes Motörhead-T-Shirt. Seine Haare sind lang und grau und er trägt einen Pferdeschwanz.

“Ich auch nicht“, sagt die magere Margarete und wischt sich Tränen mit dem Ärmel ab. Ihr Gesicht ist lang und hager. Sie hat lange, graue Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und trägt eine pinkfarbene Funktions-Jacke mit weißen Streifen an der Seite, einen grauen Wollrock, der bis zu ihren spitzen Knien reicht und braune Trekkingsandalen.

“Ich verstehe das nicht“, sagt der dünne Roland. “Ich esse doch genug.“ Er holt eine kleine Tupperdose aus seinem Jutebeutel, öffnet diese, holt eine grüne Paprika heraus und knabbert daran. Er trägt eine Jeans, gelbe Flipflops, ein buntes Regenbogen-Batik-Shirt und seine Haare sind lang, grau und er trägt sie in einem Pferdeschwanz.

“Ja“, stimmt Magerquark-Mark zu und wirft sein langes, graues Haar in den Nacken. Er trägt eine Lederhose. Er trägt keine Schuhe und sein Oberkörper ist nackt. Man kann jede Rippe sehen. Er hat sich zwei Zigaretten angesteckt. Er hält eine in der linken, die andere in der rechten und zieht abwechselnd genüsslich daran und ab und zu auch an beiden gleichzeitig. Er sagt, dass an ihn das an die Brüste seiner Mutter erinnert, die ihn mit neun noch gesäugt hat.

Die gertenschlanke Gerda, der dürre Hans-Georg, der knochige Knackbert, Strichmännchen-Steffen, Size-Zero-Sören und die anderen nicken.

Es gibt einen Konferenzraum in dem Luxushotel. Da ist ein Sofa aufgebaut und noch ein Fernseher. Dann gibt es noch ein Bett und eine Küchenzeile mit Kühlschrank und einen Herd.

Die Kursteilnehmer müssen sich um mich herum stellen und machen sich Notizen.

“So“, sage ich. “Ich liege jetzt hier auf dem Sofa und starre an die Decke und denke nach.“

“Über was denkst du denn nach?“ fragt die gertenschlanke Gerda, die sich als Anführerin der Gruppe behaupten möchte, nach ungefähr einer Stunde.

“Über so Sachen“, sage ich. “Geht dich doch nichts an, worüber kluge Leute nachdenken.“

“Hm“, macht die gertenschlanke Gerda und sieht die anderen fragend an, die mit den Schultern zucken.

Ich stehe auf. Alles sieht mich fragend an. Ich gehe zur Küchenzeile, nehme mir eine Tüte Chips und einen Tiefkühl-Kuchen. Den Kuchen lege ich auf einen kleinen Tisch zum Auftauen neben das Sofa. Ich lege mich wieder aufs Sofa. Ich lege mich auf den Rücken. Die Chipstüte lege ich auf den Bauch und esse die Chips. “Ey du, Magerquark-Max“, sage ich. “Ich heiße Magerquark-Mark“, sagt dieser. “Ja ja“, sage ich. “Gib mir mal die Fernbedienung.“ Magerquark-Mark reicht mir die Fernbedienung. Ich mache irgendetwas an und starre gebannt auf den Fernseher, während ich meine Chips weiteresse. Es ist etwas, das mich gar nicht interessiert. Nach einer Weile fällt mir ein, dass ich ja auch umschalten kann. Fernsehen ist so überfordernd irgendwie. Ich schalte um. Ich möchte nun meinen Kuchen essen. Es ist ein schöner Schokoladenkuchen. Ich strecke meinen Arm aus, aber komme nicht so recht an den Küchen heran. Ich rücke immer einen Zentimeter weiter- bin aber zu erschöpft von dem Marsch vom Sofa zur Küchenzeile, um aufzustehen, und rücke immer weiter bis ich den Kuchen mit den Fingern zu mir schieben kann. Da ich kein Messer habe, um den Kuchen zu schneiden und ich vorhin ja schon die fünf Meter zur Küchenzeile gelaufen bin, greife ich mit der Hand in den Kuchen und stopfe ihn mir so in den Mund. Als ich den Kuchen gegessen habe, mache ich erst mal Mittagsschlaf. Mein engelsgleiches Gesicht ist vom Schokoladenkuchen verschmiert.

Ich erwache aus süßem Schlafe und trinke erst mal eine 2-Liter-Flasche Cola. Dann lege ich mich noch mal aufs Sofa und sprühe mir eine Sprühsahnen-Flasche in den Mund. Danach mache ich meinen zweiten Mittagsschlaf. Während ich schlafe, esse ich Schokolade. Ich wache immer kurz auf, beiße ab und schlafe weiter und beiße wieder ab.

“Wir müssen jetzt einkaufen gehen“, sage ich nach meinem zweiten Mittagsschlaf zu meinen Schützlingen. “Zum Supermarkt. Da lernt ihr mit mir, wie man richtig einkauft, ihr dünnen Heringe.“ Ich klatsche in die Hände.

“Willst du nicht dein Gesicht waschen?“ fragt Gerippe-Günni. “Du hast ja überall Schokolade.“

“Sag mir nicht, was ich machen soll“, herrsche ich ihn an.

Der ermüdente Fußmarsch von etwa 500 langen Metern führt uns an einer Eisdiele vorbei, wo wir uns erst mal stärken. “Meister, lass das gleich mal mit den Kugeln. Das ist doch nichts“, sage ich zu dem Eisdielenverkäufer. “Da wird doch kein Mensch satt von. Jeder bekommt einen Bottich für sich allein. Wie viele Kugeln sind in so einem Behälter? Spargeltarzan-Eckbert, welche Eissorte willst du? Hörst du, Eisdielenverkäufer, gib dem Mann Banane, aber flott.“ und so isst jeder eine ganze Eissorte auf. Draußen vor der Tür plärren ein paar kleine Kinder, dass die gemeinen Erwachsenen das ganze Eis aufgegessen haben. Der schmale Hans findet ein Päckchen Kaugummis in seiner Hosentasche und bittet den Bälgern versöhnlich Kaugummis an. Die Kaugummis sind zuckerfrei. Ich sehe ihn verächtlich an.

Es ist Zeit aufzubrechen.

Im Supermark marschiere ich schnurstracks zu einem Käsestand, wo man kostenlos Käse probieren kann. Die Frau am Käsestand hat Zahnstocher in einzelne Käsestücke gesteckt. Ich nehme mehrere und beiße den Käse ab. “Schmeckt gut“, sage ich mit vollem Mund und winke die Kursteilnehmer heran. “Kann ich noch mal von dem da probieren?“ sage ich und zeige auf einen Blauschimmelkäse. Die Frau sieht mich etwas verwirrt an. Da ich alle Käsestücke gegessen habe, muss sie erst weiteren Käse in Stückchen schneiden und mit Zahnstochern drapieren. “Ist schon gut“, sage ich. “Ich nehme einfach das ganze Stück.“ und beiße herzhaft hinein. “Kann ich auch von dem hier probieren?“ Nach kurzer Zeit hat die Frau keinen Käse mehr. “Na, so was“, sage ich. “Wer hat denn hier denn ganzen Käse gegessen?“ Ich lache und signalisiere den Dünnen, dass es an der Zeit ist weiterzuziehen. “Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Hunger“, sage ich. “Jeder nimmt sich einen Einkaufswagen und ihr kauft schön ein“, sage ich.

“Das ist so anstrengend mit euch und ich mag euch alle auch gar nicht“, sage ich zur Gruppe. “Ich muss mich erst mal von den Strapazen erholen.“ In einem der Gänge gibt es Camping-Ausrüstungen wie Zelte, Stühle usw. Ich setze mich in einen Klappstuhl und ordne Skinny-Steve an mir beim Bäcker zehn belegte Brötchen zu kaufen. Die anderen schicke ich los ihre Einkaufswagen mit Waren zu füllen. Ich lasse mir die Brötchen schmecken und schwelge in Erinerungen an meinen schönen Schokoladenkuchen. Als ich die Brötchen gegessen habe, sage ich der spitzen Silke, dass sie mir Kuchen beim Bäcker kaufen soll. Ich mache danach noch ein Schläfchen.

Die Kursteilnehmer kehren mit ihren Einkaufswagen zurück. Bevor sie an die Kasse gehen, prüfe ich erst, was sie gekauft haben. Ich bin mit einigen sehr, sehr unzufrieden. “Was ist das?“ schreie ich Knochengerüst-Kevin an. “Das ist Salat. Was willst du denn damit? Das einzige Grüne, das du Idiot kaufen sollst, sind die grünen Pringles.“ Ich schreie, bis ich ganz rot im Gesicht werde. “Das einzige Rote, das du kaufen kannst, sind rote Pringles“, sage ich und werfe Tomaten aus dem Einkaufswagen. Die scharfkantige Svetlana weint ein bisschen. “Zuckerbrot und Peitsche“, rufe ich. “Sonst lernt ihr das ja nie. Wollt ihr dick und schick werden oder nicht?“ Die scharfkantige Svetlana nickt. “Na, also“, sage ich.

Ich laufe durch die Gänge und reiße Chips, Schokolade, Pizza, Pommes frites, Sahne, Mayonnaise, Eis, Kuchen, Gebäck aus den Fächern, Regaln und Schränken und werfe das alles in die Einkaufswagen. “So“, sage ich zufrieden.

Auf dem Heimweg bin ich zu müde zum Laufen und muss vom schmalen Hans und Spargeltarzan-Eckbert getragen werden. Vor lauter Hunger und Müdigkeit bin ich ganz ausgemergelt. “Ich habe seit einer Stunde nicht mehr geschlafen und seit zehn Minuten nichts mehr gegessen“, sage ich verzweifelt und auch ein bisschen vorwurfsvoll. “Wenn ich mit euch Idioten hier nicht herumhängen müsste, könnte ich jetzt schön zuhause essen“, sage ich schmollend. Schacklikspieß-Erwin möchte mich besänftigen und füttert mich mit Bonbons. Vor lauter Hunger beiße ich ihm ein bisschen in die Hand. “Ist schon gut“, sagt er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der mickrige Mustafa möchte es Schachlikspieß-Erwin gleichtun und reicht mir eine Gurke. “Ich will deine dämliche Gurke nicht“, schreie ich.

Wir pausieren an einer Frittenbude und ich esse ein Kilo Pommes-Rot-Weiß.

“Gartenzaun-Gerda, mach mir Nudeln mit Käse-Sahne-Soße“, sage ich im Hotel angekommen. “Ich heiße gertenschlanke Gerda“, sage sie. Ich stöhne genervt auf. “Es ist mir egal, wie du blöde Funzel hast. Mach mir endlich etwas zu essen“, brülle ich. Die gertenschlanke Gerda beginnt Nudeln zu kochen. “Salz, Salz“, brülle ich. “Eine ganze Packung rein.“ – “Wieviele Nudeln möchtest du?“ fragt sie mich. “Was ist das für eine dumme Frage, du hysterische Kuh? Natürlich fünf Packungen.“ Ich bin wirklich außer mir vor Wut. “’Ich kann so nicht arbeiten“, sage ich. Als dann diese verblödete Schnepfe versucht Soße mit nur einer Packung Sahne und einer Packung Käse zu machen, reicht es mir und ich bereite mir meinen Nachmittags-Imbiss lieber selbst zu. Die Situation eskaliert und ich schreie: “Raus, raus, raus mit euch, es reicht. Raus mit euch, ihr unkultivierten Barbaren“, sage ich, mache mir meine leckeren Nudeln und lasse es mir erst mal schmecken.

Natürlich bekommt niemand sein Geld zurück.

Fastenkur

Sie sagte, dass sie einen Monat nichts mehr essen wollte, vielleicht auch sechs Wochen. Sie wollte sich nur noch von Licht und Glück ernähren. Sie wollte zu sich finden.

Dass sie mal so etwas bringen würde, hatte ich mir sofort gedacht, als ich sie das erste Mal sah. Sie trug eine bunte Haremshose, ein weißes, langes Top und eine weite Jacke darüber und hatte langes, hellblondes Haar. Sie war gebräunt, aber nicht geschminkt. Sie trug keine Schuhe. So sah sie eigentlich immer aus. Nur ab und zu trug sie mal Schuhe. Irgendein Paar, das sie sich mal auf Bali gekauft hatte. Ich hatte gedacht, dass sie vielleicht Kifferin sein würde, aber davon hielt sie leider nichts. Ich mochte sie, aber das war eine Enttäuschung. Es muss ja nicht jeder Kiffer sein, aber versuchen kann man es  zumindest. Nicht mal LSD oder Pilze nahm sie. Ich war darüber schon ein bisschen enttäuscht. Ich hatte gedacht sie sei ein Hippie, dabei war sie nur Esoterikerin. Die beiden Begriffe können sich überschneiden, aber leider nicht immer.

”Ich werde dann auch mal in den Wald gehen”, sagte sie.

”Okay”, sagte ich.

”Und meditieren.”

”Klingt gut.”

Ich war nicht so begeistert, dass sie ging, ohne mich zu fragen, was ich heute noch so machen würde. Ich lege großen Wert auf Höflichkeit wie man sich denken kann. Als könnte sie meine Gedanken lesen, drehte sie sich um.

”Und was machst du heute noch so?” fragte sie.

”Das sage ich nicht”, sagte ich. Ich bin jemand, der großen Wert auf Privatsphäre legt.

”Ach, so”, sagte sie.

”Wenn Fabian vorbekommt, kannst du ihm sagen, wo ich bin?”

”Ja”, sagte ich.

Fabian war ihr Freund. Sie nannte ihn aber nicht ”ihren Freund”, weil sie meinte, dass das zu besitzergreifend klang. Fabian wollte sich mit ihr verloben, aber das lehnte sie konsequent ab. Sie kamen zusammen, als sie beide 15 waren. Das heißt 12 Jahre waren sie jetzt schon ein Paar. Erst hatte sie Fabians Heiratsanträge immer so abgelehnt, indem sie sagte, dass sie erst heiraten wollte, wenn auch die Homo-Ehe legal sein würde. Als es dann so weit war, sagte sie einfach immer nur nein. Fabian hatte es schon mit Rosen, Kerzen, Geigern, mit einer romantischen Reise auf die Malediven als Vor-Hochzeitsreise sozusagen, einem Tattoo mit ihrem Namen auf der Haut über seinen Herzen und selbstgeschriebenen Gedichten, versucht, aber nichts konnte sie umstimmen. Fabian wollte unbedingt heiraten. Fabian war Scheidungskind.

”Kannst du ihm auch sagen, dass ich nein sage, falls er wieder mit einem blöden Heiratsantrag ankommt?”

”Ja”, sagte ich.

Ich war froh darüber, dass sie für ein paar Stunden im Wald bleiben würde. Endlich konnte ich mich nackt ausziehen. Na ja, nicht ganz. Ich trug noch ein Bikini-Oberteil. Ich mag das nicht so, wenn die Brüste herumschwingen. Wäre ich Jennifer Lopez, würde ich mir vielleicht jemanden einstellen, der mir die Brüste hält, aber so tat es das Oberteil.

Was würde ich machen? Ich betrank mich mit zwei Flaschen Wein und tanzte in der Küche und im Wohnzimmer. Ich konnte das aber nicht so genießen, weil ich nicht wusste, wann sie nach Hause vom Meditieren kommen würde. Ich bin ein bisschen schüchtern und möchte nicht, dass mich jemand nackt sieht. Das gehört sich irgendwie nicht. Das könnt ihr nicht verstehen. Ihr seid ja alle verdorben. Sie kam aber auch nach Mitternacht nicht. Ich schickte Fabian eine SMS und fragte, wann sie kommen würde. ”Sie bleibt im Wald”, schrieb Fabian zurück. ”Wie meinst du das?” fragte ich. ”Wegen der Fastenkur”, schrieb er. ”Wie lange macht sie das?” fragte ich. ”Das hat sie doch gesagt. Sie hat gesagt mindestens einen Monat. Vielleicht kürzer, vielleicht länger. Es hängt davon ab, ob sie die Fastenkur durchhält.” Dann folgte noch ein ellenlanger Monolog über das, was Fabian dachte. Er hatte Angst, dass sie bei seinem nächsten Heiratsantrag vielleicht zu hungrig sein würde und nicht mehr ganz bei Verstand und wenn sie annahm, dann meinte sie das vielleicht nicht so. Ich brauchte zehn Minuten, um das zu überfliegen. Ich schrieb zurück ”k”.

An sich freute ich mich darüber, dass ich die Wohnung ein paar Tage oder vielleicht ein bisschen länge für mich allein haben würde, aber ich konnte mich nicht so gut entspannen, weil ich mich immer fragte, wann ich mich anziehen müsste und sie nach Hause kommen würde. Ich wollte ja nicht nackt sein. Das hatte ich bereits erwähnt. Wenn ihr nicht so verdorben wärt, würdet ihr das verstehen. Ein paar Tage ging das so. Ich versuchte, aber konnte es nicht genießen. Ich sagte mir immer wieder, dass ich es genießen sollte und dann genoss ich es kurz und vergass es wieder und dachte darüber nach, dass sie ja bald kommen würde und wie schnell könnte ich mich anziehen, bevor ich die Tür hörte und sie mich nackt sah? Ich trank Energy-Drinks, damit ich nicht schlief und mir keine Sekunde allein zu Hause entging. Ich war ein bisschen zittrig davon und nach einer kurzen Zeit fühlte ich mich so, als hätte ich Halluzinationen. ”Was ist denn das für ein Zeug”, schimpfte ich und dachte darüber nach mir Speed zu kaufen. Davon bekam ich zumindest keine Halluzinationen, aber Speed war mir irgendwie zu unglamorös und ich bin meiner Meinung nach eher glamorös. Und außerdem musste man beim Speed-Kauf auch immer so blöden Small-Talk mit dem Dealer führen. Ich kenne leider keinen wortkargen Dealer. Alle reden sie auf einen über irgendeinen Mist ein, der mich so gar nicht interessiert. Beim Energy-Drink-Kauf muss man nur kurz hallo und danke sagen. Man kann Blickkontakt vermeiden. Ja, sicher. Man kann beim Drogenkauf Sonnenbrille tragen und wenn man das beim Energy-Drink-Kauf im Supermarkt macht, konnt man so möchtegern-cool herüber, wenn man die Brille nicht an der Kasse abnimmt, aber ich weiß auch nicht. Supermarkt ist unpersönlicher. Aber wenn man da immer hingeht, kennen sie einen ja auch als die Verrückte, die immer Energy Drinks kauft und dann muss man immer zu anderen Supermärkten, bevor jemand einen kennt. Immer noch besser als Dealer. Außerdem bieten mir Dealer oft etwas ”umonst” an gegen Sex, aber ich möchte mich nicht für Speed prostitutieren. Dreier mit ihren Drogenfreundinnen bietet man mir auch an, aber ich möchte keine Dreier mit dünnen, blassen Frauen und Männern zu lautem Techno in einer deprimierienden Wohnung. Ich mag eher braungebraunte, wohlgenährte Menschen. Ein Dreier klingt mir aber auch zu stressig irgendwie.

So ging das noch ein paar Tage weiter und dann hörte ich sie. Sie war an der Tür. Die Tür wurde geöffnet und sie war zurück. Ich hatte mich dazu entschieden auch das Bikini-Unterteil dauerhaft zu tragen und hatte nicht mehr so große Angst von ihr nackt gesehen zu werden. Bikini war mir auch ein bisschen unangenehmen, ich bin ja nicht so drauf wie ihr, aber es war nicht nackt.

Ich erschrak ein bisschen. ”Wie siehst du denn aus?” fragte ich.

Ihr Haar sah zerzaust aus. Sonst war es immer schön weich. Sie hatte Erde im Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie sich ”black face” gemacht. Sie stank auch ein bisschen. Und sah unfassbar dünn aus.

”Ich habe mit Pflanzen gesprochen”, sagte sie. ”Ich habe mich von Licht ernährt. Ich hbae mich verletzt und geheilt. Ich habe auf dem Boden gelegen und mich in der Erde gewälzt. Ich habe die Luft inhaliert. Ich habe mich mit Tieren angefreundet. Ich habe Käfer gestreichelt”, sagte sie.

”Hast du abgenommen?” fragte ich. ”Vielleicht sollte ich auch mal in den Wald.”

”Ja”, sagte sie.

Dann ging aber auch schon die Tür auf und Fabian stürmte herein.

”Mein Baby”, brüllte er und fiel ihr in die Arme. Sie fingen an sich laut mit viel Zunge zu küssen.

”Ich habe dich so vermisst”, sagte sie.

”Ich dich auch”, sagte er. ”Willst du mich jetzt endlich heiraten?”

”JA”, sagte sie.

”Du meinst es doch auch?”

”JA’,’ schrie sie.

”Nein, Baby. Erst musst du wieder essen und dieses Mal musst du mich fragen, wenn du willst.”

”Ja.”

”Wisst ihr”, sagte ich. ”Fabian scheint der Richtige zu sein. Ich stehe hier im Bikini und er hat mich nicht mal angesehen, dabei bin ich ein Prachtweib. Ich mag das auch, dass Fabian dich nur heiraten möchte, wenn du auch willst. Er fragt vielleicht zu oft, aber er möchte dich nur heiraten, wenn du auch willst”

”Äh”, sagte Fabian beschämt. ”Danke.”

Er nahm seinen Jutebeutel und holte Karotten heraus und begann seine Bald-Verlobte zu füttern. Das war Romantik. Ich würde bei der Hochzeit das Blumenmädchen sein, sagte ich.

Sex

”Wenn man zu viel Sex hat,” sagt die Frau in der Fernsehsendung bei den öffentlich Rechtlichen.

Ich kichere.

Ich bin gefühlt ein 12-jähriger Junge.

”Wenn man zu viel Omega-6 isst,” verbessert sich die Frau schnell.

Es ist eine Sendung über Bratöle. Man kann, sagt die Bratöl- und Sechs-Expertin, Sonnenblumenöl oder Rapsöl nehmen und braucht nichts anderes wie Kokosfett zu kaufen.

 

Diät-Käthe

Käthe hatte sich angestrengt und ganze 28 Kilo abgenommen. Ihr war zwar öfter schwindelig und sie fiel manchmal um, aber was machte das schon, wenn sie jetzt Kleidergröße XXS tragen konnte? Strenggenommen passte ihr XXS gar nicht und sie musste die neue Kleidung, die sie gekauft hatte, zum Schneider bringen, damit die Hosen, T-Shirts und Röcke und sonstiges nicht an ihrem dünnen Körper herumschlackerten. ”Kaufen Sie sich doch mal vernünftige Kleidung,” hatte sie schon die Nachbarin aus dem dritten Stock gerügt. Die, die immer so neugierig war. Käthe wog so wenig – man hätte meinen können, dass sie ein Windstoß umnietet, aber Käthe mochte sich so. Das war ihr neues Ich. Sie liebte ihren neuen ”Look”. Sie fühlte sich wohl. Sie aß eine Karotte am Tag, manchmal auch ein Stück Gurke und wenn sie ganz großen Hunger hatte, gab sie Zitronensaft in ihr Wasser. So kam sie auf ganze 50 Kalorien pro Tag. Der Briefträger hatte sie gar nicht mehr wiedererkannt wegen ihrer eingefallenen Wangenknochen.

Der schnieke Detlef war ganz begeistert, als er Käthe sah. Hatte er ihr doch gesagt, dass er nur auf schlanke Frauen steht, als sie sich bei Tinder kennenlernten. Detlef hatte gesagt, dass er eine Aversion gegen ”fette Weiber” hätte und sich ”mit so einer” nicht blicken lassen könnte und nebenbei bemerkt, dass Käthe ”ja schon etwas fülliger” sei. Als Käthe weinte, sagte er, dass er ja nur ehrlich sei und sie an ihrer Figur arbeiten sollte. ”Laut BMI habe ich Normalgewicht,” entgegnete Käthe. ”Willst du mir gefallen oder diesem BMI?” erwiderte Detlef und verzog das Gesicht. ”Ist das ein Schatten oder ein Damenbart, du Fettklops?” sagte er zu ihr sichtlich angewidert, als sie ihm einen Abschiedskuss geben wollte. Mit so einer könnte er nicht ankommen. Was würden die Jungs vom Stammtisch über ihn denken? Für Detlef war sein guter Ruf von großer Bedeutung. Das war schon immer so. Selbst als er mal ein ganz kleiner Detlef gewesen war. Detlef, oh Detlef, du Lebemann.

Käthe fragte: ”Detlef, wann treffen wir uns wieder?” Detlef seufzte laut und sah gar nicht von seinem Handy auf und swipte fleißig nach links und rechts. ”Hm, die ist nicht schlecht,” murmelte er. ”Aber die ist mir zu alt. Die ist ja schon 37.” Detlef war 39. ”Detlef,” schluchzte Käthe, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Nun war Detlef selbst kein Adonis. Gewiss, die Geheimratsecken und die Speckrollen am Bauch, die Schweißfüße und das Furunkel am After und seine schlecht durchbluteten, dicken, bleichen Beinchen machten ihn zu keiner Attraktion für die Damen- oder Homowelt, wenn er im Vorgarten seiner Mutter herumstolzierte und die Nachbarn lautstark auf ihr Fehlverhalten hinwies (wie den Polizisten Rainer, der im Haus schräg gegenüber wohnte und der immer drei Zentimer zu weit auf dem Bordstein mit seinem Privatauto parkte – Detlef hatte nachgemessen – oder die Friseurin Roswitha, die er beschuldigte ein illegales Bordell zu betreiben, weil sie manchmal Männerbesuch bekam), aber darauf kam es nicht an. Bei einem Mann kam es schließlich auf ganz andere Dinge an. Zum Beispiel darauf, dass Detlef so klug war. Er war so klug, dass andere Menschen gar nicht begriffen, dass er so klug war. Nur die Jungs von seinem Stammtisch begriffen das, aber die begriffen so einiges. Die durchschauten einfach alles und Detlef war ihr Anführer. Natürlich hatte man ihn nicht gewählt oder so etwas, aber er war so eine Art stiller Anführer. Das imponierte Käthe mächtig, dass ihr Detlef – nun, bald würde sie ihn den ihren nennen können, so dachte sie – so klug war und so viel wusste und so einen guten Ruf genoss und so viel begriff. Da hatte ihr das bisschen Hungern gar nichts ausgemacht. Erst hatte sie Almased gemacht und dann eine Fastenkur. So hatte sie in Null Komma Nichts abgespeckt und war jetzt rank und schlank. Detlef pfiff vor Begeisterung bei ihrem zweiten Date. ”Käthe,” sagte er. ”Jetzt kannst du dich wahrlich blicken lassen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Käthe, es ist um mich geschehen.” Er fiel vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand – seine war schweißnass – und küsste sie. Käthe schmolz dahin. So einen Kavalier hatte sie noch nie kennengelernt. Wie konnte sie nicht verliebt sein? Selbst sein Beruf begeisterte sie. Steuerberater. Etwas Solides. Wie schneidig er aussah mit den Socken und den Sandalen und dem fettigen, schütteren Haar. Sie mochte den würzig-schweißigen Körpergeruch, der ihr in die Nase stieg – Detlef rauchte Kette, aß nur Fleisch und trank literweise Bier. Da können die Ausdünstungen schon mal etwas pikanter riechen. Käthe kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Das sollte ihr neuer Freund sein? Ihr neuer Freund? Der sah ja fast so gut aus wie Richard Gere in Pretty Woman. Träumte sie oder war ein Rosamunde-Pilcher-Film Realität geworden und sie spielte die Hauptrolle? Es konnte nicht wahr sein. Jemand müsse sie zwicken, dachte Käthe und verdrückte ein paar Freudentränchen. Sie war verliebt, so verliebt.

Detlef, der Genießer, führte sie zum Rendezvous in ein feines Restaurant. Er aß ein Drei-Gänge-Menü und Käthe aß nichts. Sie musste ja ihre Linie halten. Sie trank nur ein Glas Leitungswasser. Nach Zitrone war ihr heute nicht. Sie hatte – seit sie gar nichts mehr aß – Unmengen an Geld übrig und konnte Detlef zum Essen einladen. Sie war spendabel und konnte es auch sein, da ja keine Kosten mehr für Nahrungsmittel für sie selbst anfielen. Detlef griff zu und bestellte das komplette Menü, das er soeben gegessen hatte, gleich noch mal, so hungrig war er. Er rieb sich den Bauch, als er zu Ende gegessen hatte und ließ sich noch drei Schnaps vom Kellner bringen. ”Zur Verdauung,” sagte er und ließ einen fahren. ”Blähungen,” sagte er. Käthe nickte verständnisvoll. Es gefiel ihr, dass Detlef nicht so vornehm war. Ihr letzter Freund, Daniel, war so etepete gewesen und sie war so froh, dass Schluss war und sie sich neu verliebt hatte. Außerdem hatte sie mal gelesen, dass man die Winde nicht halten sollte, wenn sie doch herausmussten. Sie überlegte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wo sie das gelesen hatte. Der Gedanke, die Erinnerung daran, war wie vom Winde verweht. Sie sah Detlef an. Er war mit offenem Mund eingeschlafen und hatte sich ein bisschen vollgesabbert. Sie war entzückt. Seine schwabbelligen, roten Arme kamen mehr als gut zur Geltung, weil er ein sportlich-elegantes Unterhemd trug. Dazu eine modische Radlerhose. Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild von ihm. ”Ist er nicht hinreißend?” schrieb sie ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe ”Magerwahnsinn” und fügte 15 Herzchen-in-Augen-Emojis an. Sie bekam hunderte von Herzchen zurück. ”Was für ein Bild von einem Mann,” schrieb Susi. ”Du Glückliche, ich bin neidisch,” schrieb Julia. ”Hat der einen Bruder, der Single ist?” schrieb Almgart. Käthe seufzte. Sie verspürte ein Bauchkribbeln. Es war Liebe, das musste Liebe sein, dachte sie. Die Astrologin bei AstroTV, die sie angerufen hatte, hatte Recht gehabt. Bald würde sie ihren Herzensmann treffen, hatte sie gesagt und nun saß er vor ihr. Das war die 178,91 Euro wert, die sie für den Anruf bei der Hotline bezahlen musste. Sie war verliebt, so verliebt. So unendlich verliebt.

Detlef erwachte. ”Hab kurz geschlafen,” sagte er. ”Ich habe von so einer geilen Ollen geträumt mit der ich es getrieben habe. Die war so dünn.” Detlef machte es mit den Händen nach. ”So dünn,” sagte er. ”Ihr Hüftumfang war so dünn, guck so. Die hatte aber Silikon-Dinger. So dünne Weiber haben ja oft nichts in der Bluse, wenn du verstehst, aber die hatte mindestens D oder E. Da konnte man ordentlich kneten. Wie Sauerteig oder so was. Die waren ungefähr so groß, so wie Melonen.” Er leckte sich über die braunen, trockenen, fleischigen Wurst-Lippen. ”Wann willst du dir Silikon reinmachen lassen?” fragte er. ”Ich sag’s dir gleich, ich bezahle dir das nicht, ich hasse das, wenn Weiber immer Geld von einem haben wollen. Das sollen die schön selbst bezahlen und du Käthe, hast es bitter nötig, muss ich dir sagen. Deine Euter sehen aus als hätte man da die Luft rausgelassen, jetzt, wo du abgenommen hast und du solltest so schnell wie möglich, ich sag mal, aufrüsten. Wenn du dir kein Silikon reinmachst, kann ich auch nicht treu sein. Eine Frau muss sich schon ein bisschen Mühe geben für einen Mann. Ich bin nur froh, dass du nicht mehr so fett bist. Wären wir in den Bergen zum Wandern gewesen, hätten die Leute ja gedacht, dass eine Lawine auf sie zurollt, wenn sie dich sehen und beim Spaziergang bei Sonnenuntergang am Strand, würden die ja meinen, es gibt eine Sonnenfinsternis, wenn du fette Wachtel mit mir entlangläufst. Oder die von der NASA oder Esta hätten gemeint, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt und dabei wär’s nur dein Hintern. An der Hand hätte ich dich nicht gehalten. Das wäre mir ja peinlich. Ich meine, so einer wie ich kann jede haben. Nur gut, dass du abgenommen hast. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich dich abservieren könnte, ohne deine Gefühle zu verletzen. Ich bin ja kein Unmensch, aber was soll ich machen. Ich weiß über meine Wirkung auf Frauen. Ich bin unwiderstehlich und kann es mir erlauben wählerisch zu sein.” Er rülpste. ”Hast du schon mal von Vaginalverjüngung gehört?” fuhr er fort. ”Wenn du mehr als drei Sexualpartner hattest, wird das nötig sein, denke ich,” sagte er. ”Nur zwei,” sagte Käthe erleichtert. ”Gut, ich kann es mir ja mal anschauen,” meinte Detlef. Käthe nickte. ”Du,” sagte er. ”Jetzt will ich aber ein Dessert. Nachdem ich schon die Torte im Traum vernascht habe.” Er lachte. Er klang wie ein Walross mit Asthma. Er spuckte ein paar Essensreste auf Käthe, die ihm zwischen den Zähnen steckengelieben waren. Seine Zähne waren in BVB-Farben gehalten, dabei war er VfB-Stuttgart-Fan.

Käthe überkam ein Anfall von Eifersucht. Sie schrieb ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe. ”Das war doch nur ein Traum,” schrieb Christiane. ”Sei froh, dass du einen Mann hast. Ist doch egal, was der träumt,” schrieb Gamse. ”Willst du dir so einen Traummann entgegen lassen? Du eifersüchtige Furie,” schrieb Ralph mit Ph und nicht mit F. Nein, sie war schon zu verliebt. ”Was möchtest du denn zum Nachtisch, Schatz?” flötete sie. Detlef grunzte wie ein Schwein. Das ließ sein Nasenhaar vibrieren. ”Herr Ober,” rief er und winkte den Kellner heran. ”Bringen Sie mir alle Ihre Desserts und das ein bisschen plötzlich. Ich brauche was zu mampfen.” ”Sehr wohl,” sagte der Kellner. Kurze Zeit später kam er mit unzähligen Desserts zurück. Käthe wusste teilweise gar nicht, was der Kellner da an ihren Tisch brachte. Das hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie ging ja nie in feine Restaurants. Strenggenommen ging sie nie in irgendwelche Restaurants und jetzt, wo sie nichts mehr aß, schon gar nicht.

Detlef begann zu esssen. Er langte ordentlich zu. Er schmatzte fürchterlich laut und ein paar Leute vom Nachbartisch räusperten sich mehrmals. Damit wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie entrüstet waren und sich gestört fühlten. ”Das ist unerhört,” sagte eine vornehm gekleidete Dame, die ein Chanel Twin-Set und teuren Schmuck trug. Ihre Begleitung nickte. Käthe schrieb ihrer Whatsapp-Gruppe: ”Leute im Restaurant meinen, ich sei nicht gut genug für Detlef” gefolgt von 15 Wein-Emojis.” ”Du musst eben noch mehr abnehmen,” schrieb Lina und Käthe nahm sich fest vor noch schlanker zu werden. Sie müsste mindestens fünf Stunden Sport am Tag machen. Dann würde das schon klappen. Ab sofort würde sie die Karotte, die sie am Tag aß, streichen oder Moment, vielleicht doch besser die Gurke? Was hat weniger Kalorien? Sie wollte googlen oder ihre Whatsapp-Gruppe fragen oder nein, Detlef – der wusste doch so viel. ”Du, Schatz,” sagte sie. ”Schatz.” Aber Detlef reagierte nicht. Er lag mit dem Gesicht im Kuchenteller. ”Schläfst du wieder, Schatz?” fragte sie. ”Schahatz?” Aber Detlef machte keine Regung.

Und das nie wieder. Man stellte bei ihm eine Herzverfettung fest und deshalb hatte er das Zeitliche gesegnet.

Käthe war untröstlich. Wo sollte sie nur wieder so einen tollen Mann herbekommen? Nicht mal ihre Whatsapp-Gruppe wusste Rat.