Amsterdam

In Amsterdam

 

In enem Schreibwarengeschäft. Ich stehe an der Kasse und bezahle. Die Kassierin sieht mich missbilligend an und rollt den zusammengerollten 5-Euro-Schein auf, damit sie ihn in die Kasse legen kann. Ich weiß nicht, wo ich den Schein herhabe. Wechselgeld. Mir ist auch gar nicht aufgefallen, dass er so zusammengerollt ist. Die Kassierin gibt mir mein Wechselgeld. Sie ist unfreundlich und ich muss mir das Grinsen verkneifen. Sie hält mich für ein Party Girl. Es ist fünf Uhr nachmittags und ich habe mir erst mal ein paar Lines genehmigt, denkt sie, bevor ich mir etwas in einem Schreibwarengeschäft kaufe. Ich bin so. Ich bin ein Party Girl, wild und verwegen. Ich habe aber keine Drogen konsumiert. Nur Wodka die Nacht zuvor getrunken. Nicht mal gekifft.

Ich kann die Verkäuferin schon verstehen, wenn sie mich für eine Touristin hält, die in Amsterdam ”Party macht” und sie stören die die vielen Touristen.

Ich muss sagen, dass ich noch nie etwas mit einem 5-Euro-Schein gezogen habe. Es muss schon mindestens ein 10-Euro-Schein ein. Auch Proletarier haben ihren Stolz. Wobei es darauf ankommt, was man zieht. 1 Gramm Koks mit einem 5-Euro-Schein ist laizez-faire, so ein Schrott wie Speed ist irgendwie peinlich, aber dann auch wieder laizez-faire, weil abgefuckt und ”ist mir egal”. (Ich kokse aber nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder).

Fastenkur

Sie sagte, dass sie einen Monat nichts mehr essen wollte, vielleicht auch sechs Wochen. Sie wollte sich nur noch von Licht und Glück ernähren. Sie wollte zu sich finden.

Dass sie mal so etwas bringen würde, hatte ich mir sofort gedacht, als ich sie das erste Mal sah. Sie trug eine bunte Haremshose, ein weißes, langes Top und eine weite Jacke darüber und hatte langes, hellblondes Haar. Sie war gebräunt, aber nicht geschminkt. Sie trug keine Schuhe. So sah sie eigentlich immer aus. Nur ab und zu trug sie mal Schuhe. Irgendein Paar, das sie sich mal auf Bali gekauft hatte. Ich hatte gedacht, dass sie vielleicht Kifferin sein würde, aber davon hielt sie leider nichts. Ich mochte sie, aber das war eine Enttäuschung. Es muss ja nicht jeder Kiffer sein, aber versuchen kann man es  zumindest. Nicht mal LSD oder Pilze nahm sie. Ich war darüber schon ein bisschen enttäuscht. Ich hatte gedacht sie sei ein Hippie, dabei war sie nur Esoterikerin. Die beiden Begriffe können sich überschneiden, aber leider nicht immer.

”Ich werde dann auch mal in den Wald gehen”, sagte sie.

”Okay”, sagte ich.

”Und meditieren.”

”Klingt gut.”

Ich war nicht so begeistert, dass sie ging, ohne mich zu fragen, was ich heute noch so machen würde. Ich lege großen Wert auf Höflichkeit wie man sich denken kann. Als könnte sie meine Gedanken lesen, drehte sie sich um.

”Und was machst du heute noch so?” fragte sie.

”Das sage ich nicht”, sagte ich. Ich bin jemand, der großen Wert auf Privatsphäre legt.

”Ach, so”, sagte sie.

”Wenn Fabian vorbekommt, kannst du ihm sagen, wo ich bin?”

”Ja”, sagte ich.

Fabian war ihr Freund. Sie nannte ihn aber nicht ”ihren Freund”, weil sie meinte, dass das zu besitzergreifend klang. Fabian wollte sich mit ihr verloben, aber das lehnte sie konsequent ab. Sie kamen zusammen, als sie beide 15 waren. Das heißt 12 Jahre waren sie jetzt schon ein Paar. Erst hatte sie Fabians Heiratsanträge immer so abgelehnt, indem sie sagte, dass sie erst heiraten wollte, wenn auch die Homo-Ehe legal sein würde. Als es dann so weit war, sagte sie einfach immer nur nein. Fabian hatte es schon mit Rosen, Kerzen, Geigern, mit einer romantischen Reise auf die Malediven als Vor-Hochzeitsreise sozusagen, einem Tattoo mit ihrem Namen auf der Haut über seinen Herzen und selbstgeschriebenen Gedichten, versucht, aber nichts konnte sie umstimmen. Fabian wollte unbedingt heiraten. Fabian war Scheidungskind.

”Kannst du ihm auch sagen, dass ich nein sage, falls er wieder mit einem blöden Heiratsantrag ankommt?”

”Ja”, sagte ich.

Ich war froh darüber, dass sie für ein paar Stunden im Wald bleiben würde. Endlich konnte ich mich nackt ausziehen. Na ja, nicht ganz. Ich trug noch ein Bikini-Oberteil. Ich mag das nicht so, wenn die Brüste herumschwingen. Wäre ich Jennifer Lopez, würde ich mir vielleicht jemanden einstellen, der mir die Brüste hält, aber so tat es das Oberteil.

Was würde ich machen? Ich betrank mich mit zwei Flaschen Wein und tanzte in der Küche und im Wohnzimmer. Ich konnte das aber nicht so genießen, weil ich nicht wusste, wann sie nach Hause vom Meditieren kommen würde. Ich bin ein bisschen schüchtern und möchte nicht, dass mich jemand nackt sieht. Das gehört sich irgendwie nicht. Das könnt ihr nicht verstehen. Ihr seid ja alle verdorben. Sie kam aber auch nach Mitternacht nicht. Ich schickte Fabian eine SMS und fragte, wann sie kommen würde. ”Sie bleibt im Wald”, schrieb Fabian zurück. ”Wie meinst du das?” fragte ich. ”Wegen der Fastenkur”, schrieb er. ”Wie lange macht sie das?” fragte ich. ”Das hat sie doch gesagt. Sie hat gesagt mindestens einen Monat. Vielleicht kürzer, vielleicht länger. Es hängt davon ab, ob sie die Fastenkur durchhält.” Dann folgte noch ein ellenlanger Monolog über das, was Fabian dachte. Er hatte Angst, dass sie bei seinem nächsten Heiratsantrag vielleicht zu hungrig sein würde und nicht mehr ganz bei Verstand und wenn sie annahm, dann meinte sie das vielleicht nicht so. Ich brauchte zehn Minuten, um das zu überfliegen. Ich schrieb zurück ”k”.

An sich freute ich mich darüber, dass ich die Wohnung ein paar Tage oder vielleicht ein bisschen länge für mich allein haben würde, aber ich konnte mich nicht so gut entspannen, weil ich mich immer fragte, wann ich mich anziehen müsste und sie nach Hause kommen würde. Ich wollte ja nicht nackt sein. Das hatte ich bereits erwähnt. Wenn ihr nicht so verdorben wärt, würdet ihr das verstehen. Ein paar Tage ging das so. Ich versuchte, aber konnte es nicht genießen. Ich sagte mir immer wieder, dass ich es genießen sollte und dann genoss ich es kurz und vergass es wieder und dachte darüber nach, dass sie ja bald kommen würde und wie schnell könnte ich mich anziehen, bevor ich die Tür hörte und sie mich nackt sah? Ich trank Energy-Drinks, damit ich nicht schlief und mir keine Sekunde allein zu Hause entging. Ich war ein bisschen zittrig davon und nach einer kurzen Zeit fühlte ich mich so, als hätte ich Halluzinationen. ”Was ist denn das für ein Zeug”, schimpfte ich und dachte darüber nach mir Speed zu kaufen. Davon bekam ich zumindest keine Halluzinationen, aber Speed war mir irgendwie zu unglamorös und ich bin meiner Meinung nach eher glamorös. Und außerdem musste man beim Speed-Kauf auch immer so blöden Small-Talk mit dem Dealer führen. Ich kenne leider keinen wortkargen Dealer. Alle reden sie auf einen über irgendeinen Mist ein, der mich so gar nicht interessiert. Beim Energy-Drink-Kauf muss man nur kurz hallo und danke sagen. Man kann Blickkontakt vermeiden. Ja, sicher. Man kann beim Drogenkauf Sonnenbrille tragen und wenn man das beim Energy-Drink-Kauf im Supermarkt macht, konnt man so möchtegern-cool herüber, wenn man die Brille nicht an der Kasse abnimmt, aber ich weiß auch nicht. Supermarkt ist unpersönlicher. Aber wenn man da immer hingeht, kennen sie einen ja auch als die Verrückte, die immer Energy Drinks kauft und dann muss man immer zu anderen Supermärkten, bevor jemand einen kennt. Immer noch besser als Dealer. Außerdem bieten mir Dealer oft etwas ”umonst” an gegen Sex, aber ich möchte mich nicht für Speed prostitutieren. Dreier mit ihren Drogenfreundinnen bietet man mir auch an, aber ich möchte keine Dreier mit dünnen, blassen Frauen und Männern zu lautem Techno in einer deprimierienden Wohnung. Ich mag eher braungebraunte, wohlgenährte Menschen. Ein Dreier klingt mir aber auch zu stressig irgendwie.

So ging das noch ein paar Tage weiter und dann hörte ich sie. Sie war an der Tür. Die Tür wurde geöffnet und sie war zurück. Ich hatte mich dazu entschieden auch das Bikini-Unterteil dauerhaft zu tragen und hatte nicht mehr so große Angst von ihr nackt gesehen zu werden. Bikini war mir auch ein bisschen unangenehmen, ich bin ja nicht so drauf wie ihr, aber es war nicht nackt.

Ich erschrak ein bisschen. ”Wie siehst du denn aus?” fragte ich.

Ihr Haar sah zerzaust aus. Sonst war es immer schön weich. Sie hatte Erde im Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie sich ”black face” gemacht. Sie stank auch ein bisschen. Und sah unfassbar dünn aus.

”Ich habe mit Pflanzen gesprochen”, sagte sie. ”Ich habe mich von Licht ernährt. Ich hbae mich verletzt und geheilt. Ich habe auf dem Boden gelegen und mich in der Erde gewälzt. Ich habe die Luft inhaliert. Ich habe mich mit Tieren angefreundet. Ich habe Käfer gestreichelt”, sagte sie.

”Hast du abgenommen?” fragte ich. ”Vielleicht sollte ich auch mal in den Wald.”

”Ja”, sagte sie.

Dann ging aber auch schon die Tür auf und Fabian stürmte herein.

”Mein Baby”, brüllte er und fiel ihr in die Arme. Sie fingen an sich laut mit viel Zunge zu küssen.

”Ich habe dich so vermisst”, sagte sie.

”Ich dich auch”, sagte er. ”Willst du mich jetzt endlich heiraten?”

”JA”, sagte sie.

”Du meinst es doch auch?”

”JA’,’ schrie sie.

”Nein, Baby. Erst musst du wieder essen und dieses Mal musst du mich fragen, wenn du willst.”

”Ja.”

”Wisst ihr”, sagte ich. ”Fabian scheint der Richtige zu sein. Ich stehe hier im Bikini und er hat mich nicht mal angesehen, dabei bin ich ein Prachtweib. Ich mag das auch, dass Fabian dich nur heiraten möchte, wenn du auch willst. Er fragt vielleicht zu oft, aber er möchte dich nur heiraten, wenn du auch willst”

”Äh”, sagte Fabian beschämt. ”Danke.”

Er nahm seinen Jutebeutel und holte Karotten heraus und begann seine Bald-Verlobte zu füttern. Das war Romantik. Ich würde bei der Hochzeit das Blumenmädchen sein, sagte ich.

Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

Generation Z

Ein paar junge Frauen Anfang 20. Nicht älter als 22. Die älteste ist vor drei Wochen 22 geworden und fühlt sich ”alt”. Wie ich. ”Damals”. Ich unterhalte mich mit ihnen in Frankreich. Sie sind US-Amerikannerinnen, eine Französin, eine Britin. Sie sind hübsch, modisch, nett. Sie haben sich bei Instagram kennengelernt. Sie sind so jung und auf eine Art auch weise. Vor allem für ihr Alter. Die eine ist sogar erst 17. Sie unterhalten sich über Liebe, Selbstfindung und Einsamkeit, Selbstliebe, ”what’s your purpose”. Die eine liest Eckhart Tolle. Sie sind völlig unironisch und cool. Ironisch ist ja eher etwas, dass man ”meiner Generation” zuschreibt. Sie fragen mich nach Instagram. Es ist mir ein bisschen peinlich, weil ich Instagram nicht benutze und bei meinem Account vielleicht 20 Follower habe. Sie haben alle über 100 000. Sie reden so, als wären wir im gleichen Alter. Ich sage nichts.

Es ist schön mit ihnen zu reden. Sind sie doch ganz anders. Zwei von ihnen sind ein Paar. Sie halten sich an den Händen und küssen sich. Sie fragen mich, ob ich mit ihnen Acid nehmen möchte. Ich verneine. Ich fühle mich schon ein bisschen so als hätte ich es genommen. Die Jugend von heute.

Fair Trade Kokain

Erkentnisse

Alles ging irgendwie so ein bisschen den Bach herunter seit ich mit dem Koksen aufgehört habe. Das mit dem Ego und der guten Laune und dem Spaß sowieso. Es gibt nur noch Ich-Zerfall. Wäre Koks Alkohol wäre es Prosecco.

Koksen kann natürlich zum Problem werden, aber für wie reich muss man mich halten, dass ich mir so viel leisten könnte, dass es zu einem wird? Nicht reich außer mit Liebe im Herzen.

Meistens ließ ich mich auch nur einladen, aber da auch nur so viel und so oft, dass man von mir als Gegenleistung oder Entgegenkommen nichts oder nur wenig erwartet wurde. Manche nennen das Schnorren, ich nenne das eine kleine Gefälligkeit, wenn man the life of the party bei seiner Party möchte. Es war also alles im grünen Bereich. Oder eher im weißen. 

Was kann nur diese Leere füllen? Und damit ist nicht die Leere in den Nasenlöchern gemeint.

Manche hören mit dem Koksen ihrer Nasenscheidewand zuliebe auf oder weil sie paranoid werden. Ich habe damit aufgehört, weil ich den Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität nicht unterstützen möchte.

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich nicht irgendwann mal schwach werde und vielleicht eine Line ziehe, aber seit mindestens drei Jahren bin ich stark.

Wann gibt es endlich Fair Trade Kokain?

*

Fernsehauftritt

 

Schon damals, als ich mit Ulf Poschardt in der Sendung ”Willkommen in Österreich” auftrat und über ihn, auf ihn, ein Glas Wasser ausschüttete, wusste ich, dass aus mir mal etwas ganz Großes werden sollte. Dabei war mein Auftritt in dieser Sendung eher ein Missverständnis. Christoph Grissemann und Dirk Stermann hießen die Moderatoren. Das hatte ich nachts bei Wikipedia gelesen. Ich befand mich in einem Zustand der verzehrten Wahrnehmung der sogenannten Realität bedingt durch illegale Substanzen, die ich mir einverleibt hatte, weil ich im Einverleiben ziemlich gut bin. Nicht jeder muss viele Talente haben. Ein oder zwei reichen völlig aus und an den anderen kann man ja arbeiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gehalfen, außer vielleicht ein Genie, was aber die wenigsten Menschen sind. Nach dem Einverleibnis – ich benutze das als schlechten Witz, um zu unterstreichen, dass mein Ego groß genug ist für schlechte Witze – hatte ich das alles ein bisschen verwechselt. Christoph Grissemann hielt ich für den französischen Fußballspieler Antoine Griezmann und freute mich schon auf unser Zusammentreffen. Die Ernüchterung war groß, als ich dann auf einmal vor diesem Thomas Gottschalk, Dolly, das Schaf-Klon saß. Da war noch ein anderer schrecklicher Mann. Brauchte ich eine neue Brille? Mehr Schlaf und Nüchternheit? Oder was war das? Als ich verstanden hatte – ich bin ein Schnellschalter in Denkfragen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte, konnte ich meine Verärgerung und Enttäuschung nur schlecht verstecken. Als dann noch dieser schreckliche Ulf auftrat, da konnte ich mir nicht anders helfen. Es war alles in allem kein sonderlich guter Fernsehauftritt. Nur beim Buffet hatte ich ordentlich zugelangt.  Der Östereicher oder auch die Österreicherin, wenn sie mal reden darf, nennt das Büffet. Der Bauch hing mir schon aus der Hose. Ich hielt ihn mir. ”Voll meta,” sagte der dumme Ulf, den ich deshalb Dulf nannte. ”Bitte nicht meta,” sagte ich. ”Das ist so ein Trend-Wort der Pseudointellektuellen. Ich als Intellektuelle mag das nicht. Ich möchte auch nichts mehr von Filter bubble oder Filterblase hören oder welche Wörter DU nicht magst und bitte keine Witze über Bitcoins und Hipster, du Wichser.” Ich vergaß für einen kurzen Moment meine guten Manieren. Einer der schrecklichen Moderatoren-Männer machte einen ”Witz” über Natascha Kampusch. Ich holte meinen Pfefferspray aus meiner Lui-Witöng-Tasche und sprühte ihn damit ein. Ich musste an Patrick Süskinds ”Das Parfum” denken. Es ist nicht immer leicht ein Star zu sein.

Schönheit

Photoshop-Schönheit macht ein Bild mit dem Kopf leicht rechts nach unten gesenkt. Der Mund ist rot geschminkt und halb geöffnet. Die Lider hängen schwer. Sie hat das lange einstudiert. Ich lese einen Artikel über sie. Seicht, mittelmäßig und arrogant wird als Provokant und Intellektuell verkauft.

Steh-Party, sie hält ein Glas Weißwein in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Sie ist schlank. Die Hände sind schmal, sie trägt einen Ring und die Nägel sind dunkel lackiert. ”Ficken,” sagt sie. Smokey eyes, kein Parfum, schwarzes Spitzenkleid. Die kleinen Brüste hochgepusht. Ich zucke ein wenig zusammen, leicht angeekelt. ”Die hat sich doch von dem ficken lassen,” sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Sie lacht. Die anderen lachen. Das kommt gut an. Nicht bei mir. ”Ficken,” sagt sie wieder, aber ich höre nicht mehr hin. Ich weiß nicht, um wen es da geht bei diesem ”Gespräch”, Synonym für Lärm. Sie wird lauter. Sie erzählt, dass sie früher ab und zu die Schule schwänzte, mit ihren Freundinnen zu McDondals fuhr und die Mitarbeiter beleidigte. Sie lacht wieder.

”Du bist so erfrischend anders,” sagt ein bebrillter Mann mittleren Alters mit dickem Bauch in einem schlechtsitzenden Anzug, der vermutlich die Hälfte eines Monatsgehaltes eines Mc-Donald’s-Mitarbeiters gekostet hat, zu ihr. Man kann mit Geld keinen Geschmack kaufen. ”Ich bin müde,” sagt sie. ”Dabei arbeite ich nur ein-bis zwei Mal die Woche. Ich weiß gar nicht, was los ist.” ”Ja,” sagt eine Blondine Ende 20, die vorhin mit jemand in fließendem Französisch mit stark deutschen Akzent laut am Handy über ein Inteview, das sie machen möchte, geredet hat. ”Hast du schon mal eine Saftkur probiert? Ich habe damit drei Kilo abgenommen und schlafe besser,” sagt die Blondine. ”Du, ich habe da was, was hilft,” mischt sich ein Typ Ende 30 ins Gespräch ein. Er ist dunkelblond und trägt einen lockeren Anzug. Ein Mann Mitte 40 mit einem zerknautschten Gesicht, leicht speckig, in unmodischer Kleidung, die vermutlich teuer ist, steht daneben. Der Typ Ende 30 holt ein Päckcken aus der Hosentasche. Unschwer zu erkennen ist da ein weißes Pulver. Sie lacht wieder. Die großen zartgelben Zähne blitzen. Sie grinst. ”Ja, Mensch, Moritz.” Sie, die Blondine und die anderen verschwinden in Richtung Toilette.

”Wie ich diese reichen Medien-Wichser hasse,” sage ich zu Lars, dem Schauspielschüler. ”Hassen ist vielleicht übertrieben, aber die sollten alle mal auf Lego treten.”

”Ich auch,” sagt Lars. ”Ich spucke ihnen deshalb immer ins Glas oder fahre mit der Klobürste über ihre Mäntel.”

”Das wäre mir zu viel Aufwand,” sage ich. ”Außerdem sind doch Bakterien auf so einer Klobürste und dann verbreitest du das doch in ganz Berlin. Was ist, wenn die mit der U-Bahn… Ach nein, reiche Wichser fahren Taxi,” sage ich. ”Und ich denke mal nicht, dass der Taxifahrer hinten sitzt und mit den Klobürsten-Bakterien in Berührung kommt.”

Lars nickte. ”Ich geh dann mal klobürsten,” sagt er.

8,50 Euro die Stunde macht 42,50 Euro Verdienst für fünf Stunden. Trinkgeld darf man nicht annehmen. Man bekommt auch keines, außer einer der dümmlichen Männer möchte eine der dümmlichen Ischen beeindrucken.

Saarbrücken, Bêtise Royale

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Ich bin nach Saarbrücken gefahren, um da meine Angst zu lassen. Warum Saarbrücken? Warum lässt man in Saarbrücken seine Angst zurück? Die Angst ist nicht rational, die Angst ist verrückt, die Angst lässt mich verrückte Sachen machen, obgleich nach Saarbrücken fahren nicht so verrückt ist. Nur ein bisschen zufällig. Man man macht sich selbst zum Feind, den man selbst zieht die Fäden. Man selbst lässt sich von der Angst leiten, verleiten. Die Angst ist dumm, feige und unhöflich. Nein, das ist keine Angst wie sie viele haben. Es gibt berechtige Angst, die man kennt, kennen sollte. Es gibt diese vernünftige Angst und es gibt zu viel Angst. Diese Angst ist ein Diktator. Man kann irgendwann nicht mehr ”funktionieren” und das sollte man in unserer ”Leistungsgesellschaft”. Vielleicht hat man deshalb Angst. Selbst zum Supermarkt zu gehen wird schwer mit der Angst. Warum? Weil man es selbst zugelassen hat, dass es so weit kommt. Man hat aufgegeben. Man hat der Angst zu viel Platz gewährt und sie macht sich breit wie ein ungebetener Gast, der den Kühlschrank leerfrist, in Unterwäsche fernsieht und bleibt. Bis alles in Unordnung gerät. Die Angst ist nicht gut. Die Angst ist kein Gefährte. Die Angst ist bockig und laut. Die Angst stört und ist doch vertraut.

Die Hotelwände in Saarbrücken sehen mich an, das Zimmer ist ein bisschen klein, aber sauber. Ich habe zwei Nächte durchgemacht, nicht geschlafen. Deshalb störe ich mich nicht daran, dass das Zimmer teuer ist. Ich habe die Vorhänge zugezogen. Der Fernseher läuft ohne Ton im Hintergrund. Es ist früher Nachmittag. Die Angst sitzt tief verborgen, aber schweigt ein bisschen. Zumindest im Gegensatz zu sonst. Ich hätte gerne Xanax. Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Stattdessen liege ich im Bett. Die Bettwäsche ist weiß und bequem. Wird man die Angst los, indem man sich im Bett versteckt? Oder muss man aufstehen und wie ein Ritter bei einem Turnier mit einer Lanze gegen die Angst antreten? Man kann nichts für die Angst. Sie kam irgendwann oder war schon immer da. Die Frage ist, was man braucht, um nicht mehr diese Angst haben zu müssen. Therapie hilft, aber ich kenne viele Psychologen, die selbst Hilfe bräuchten. Menschen, die man so bei Partys und abends beim Ausgehen kennenlernt. Menschen, die meist den Drogen nicht abneigt sind und ihr Päckchen voller psychologischer Unzulänglickeiten zu tragen haben. Wie ich. Das Vertrauen ist nicht da. Natürlich kann man von seinem Drogenfreunden Psychopharmaka bekommen und die Angst hält die Klappe für ein paar kurze Stunden, aber davon geht die Angst nicht weg. Sie verschwindet nur kurz und kehrt zurück wie sie das immer gemacht hat. Die Angst ist peinlich, die Angst ist dumm. Man muss die Wurzen herausreißen. Was ist des Pudels Kern? Drogen helfen nicht, Alkohol nur ein bisschen. Wer Angst hat, der muss, selbst herausfinden, was gut für einen ist. Das kann Therapie sein, das kann Yoga und Meditation sein. Sport, Kunst, soziale Arbeit, Erfolg, Liebe. Ich habe zu wenig gemacht und die Angst machen lassen. Versteckspiele und Müßiggang. Schlafloskigkeit.

Saarbrücken ist leise. Hier laufen die Dinge langsamer als in Berlin. Die Menschen sind nett. Ich frage ein Paar nach dem Weg. Sie fahren mich kurzerhand dorthin, wo ich hinmöchte, weil das auf dem Weg liegt. Der Mann ist ein bisschen dunkler und hat einen ausländischen Akzent. Wir reden über Wien, weil ich heute Abend nach Wien fahre. Es ist eine schöne Stadt mit viel Kunst und Architektur”, sage ich. Die Frau erzählt, dass ihre Tochter letztes Jahr in Wien war. ”Ich bin oft da,” sage ich. Ich sage, dass man Deutsche in Wien Piefke nennt. Das wusste die Frau nicht. Ich hatte Angst beim Einsteigen. Wer steigt schon bei fremden Menschen ein? Dafür braucht man keine Angst wie ich, dafür muss man einfach nur ein bisschen klug sein. Damit habe ich es aber nicht so. Ich habe vor allem Angst, aber steige dann bei Fremden ein. Sie sind nett. Es ist eine schöne Fahrt. Ich bin müde von der Angst, von den Zwängen. Ich kann das Paar übernehmen lassen. Sie fahren mich und ich rede mit ihnen und die Angst ist stumm und da denke ich mir, dass das ist, was ich gegen die Angst machen muss. Man muss sich auf nette Menschen einlassen, denn es gibt sie, die netten Menschen. Man kann sich nicht immer von seiner, wie soll man sagen, Misanthropie leiten lassen. Man muss sich auch ein bisschen öffnen. Nein, man sollte nicht bei fremden Menschen in Autos steigen. Ein bisschen reden. Das sollte man tun. Ich bin ein ”einsamer Wolf”, ein Einzelgänger. Da ist man viel mit der Angst allein. Die Angst wird stärker, weil man eine Art der Selbstfolter und Isolation betreibt. Da ist viel Unmut.

Viele Menschen sprechen Französisch in Saarbrücken. Es klingt schön. Ich habe mal einer deutschen Journalistin dabei zugehört, wie sie erzählte, dass sie an der Sorbonne studiert hat und deshalb Französisch spricht. Ihr Französisch war nicht schön. Eine Frau an Bahnschalter am Hauptbahnhof, die vermutlich nicht an der Sorbonne studiert hat, um hier arbeiten zu dürfen, spricht ein schöneres Französisch. Man kann nichts für seinen Akzent. Er ist vermutlich wie die Angst. Man kann aber daran arbeiten. Ich möchte das Französisch der Journalistin auch deshalb nicht, weil sie zickig und arrogant war. Arroganz ist schrecklich. Nur in Deutschland kommt Arroganz so gut an. In jedem anderen Land wird ungebründete Arroganz nicht lobgepriesen. Mit Ausnahme der USA vielleicht, aber Deutschland ist ein bisschen wie die europäischen USA. Hier schreibt man ”Bücher” wie ”Tristesse Royale, Das popkulturelle Quintett”, in dem sich aufgeblasene Idioten: Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg – mindestens drei haben sich bei Springer prostitutiert – im Hotel Adlon treffen und darüber reden, dass man nie in Wohnungen ohne Gästetoilette wohnen würde und auf ”kiffende Hippies” schimpft, ohne selbst etwas geleistet zu haben, Durchsage: Schlechte Bücher schreiben kann jeder und Berlin ist nicht das neue New York. Es kommt auch etwas über ”Lesben”. Über Lesben haben dumme Menschen immer eine Meinung. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass man in einer patriarchalischen Gesellschaft wegen der Verweigerung des heiligen Penisses auf Lesben wütend ist. Meinungen haben und laut verkünden ist keine Leistung. Der betrunkende oder berauschte Obdachlose, der ein Selbstgespräch führt, hat auch Meinungen. Ich würde mir lieber seine Meinungen anhören, als die der Tristesse Royale Herren. Bêtise Royale wäre passender. Auch für meine Angst. Ich habe das Buch bei Oxfam gekauft für einen Euro. Vielleicht waren es auch zwei Euro. Ich habe andere Menschen sozusagen davor gerettet. So viel tue ich für die Menschheit. Ach. Ich wollte nicht, dass es jemand anderes liest und verdorben wird von dieser Arroganz und dann auch so viele ”Meinungen” hat. Ich werfe das Buch auf den Boden. Der Hotelzimmerboden ist mit einem grauen Teppich ausgelegt. Diese Männer, diese hochtrabenenden ”Autoren” halten sich vermutlich für ”Dandies”. Für mich sind sie einfach nur ein bisschen peinlich. Erst dachte ich, dass es gut war, dass ich das Buch bei Oxfam gekauft habe. Ich kaufe meine Bücher lieber da, und nicht bei Amazon, weil das Geld, so könnte man meinen, für einen guten Zweck eingesetzt wird, aber erst vor Kurzem gab es einen ”Sex-Skandal” bei Oxfam. Männer fuhren nach Haiti, um dort zu ”helfen” in Form Frauen in Not für Prostitution bezahlen. Ich weiß nicht mehr, wo ich meine Bücher kaufen soll. Da sollte man sie vielleicht selbst schreiben oder vielleicht kann einen besonders netten Flohmarktverkäufer finden. Und dann denke ich – nachdem ich das Buch auf den Boden geworfen habe- das ist nicht gut für die Angst. Schlechte Bücher lesen, das ist schlecht. Das ist wie Futter für die Angst. Warum mache ich das? Das ist wie schlechte Gesellschaft, falsche Freunde, schlechtes Essen, schlechte Gespräche. Das ist negativ. Das fördert die Angst. Ein gutes Buch, ein gutes Gespräch, gutes Essen. Das ist der Gegensatz. Das sollte man tun. Angst braucht Wut, Langeweile, Schlafmangel, kein oder kaum Essen, negative Gefühle.

Ich habe nicht geschlafen und wenig gegessen. Zu viel Koffein. Das macht die Angst wild wie ein Tier bei Tollwut. Ich hatte die Angst nicht immer so, sie war mal schwächer. Ich war mal ein bisschen mutig, aber die Angst war da. Vielleicht habe ich zu viele Drogen genommmen oder hatte eine Quarter life crisis. Die Angst ist ein Vandale, sie zerstört so viel. Die Angst ist ein Tyrann. Ein Despot. Ein Mobber. Ich habe ein Stück der Angst in Warschau gelassen, aber dann kam sie wieder. Vielleicht bleibt sie in Saarbrücken.

Die Angst wird beim Reisen bei vielen größer. Ist man nicht mutig genug, fährt man nicht nach Südamerika, man fährt nach Saarbrücken und versucht sich ihr langsam zu stellen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Tritt in die Angst für mich.

It Girl

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Fast hätte ich meinen Flug von London nach Berlin verpasst, weil ich meinen Rausch am Flughafen ausschlafen musste. Man hat mich sogar ausgerufen. Ich habe mich früher immer gefragt, und das wertfrei, wer diese Menschen sind, die an Flughäfen ausgerufen werden und warum sie ausgerufen werden. Was hält sie auf? Warum sind sie nicht rechtzeitig am Gate? Doch dann ist es mir selbst mehrere Male passiert und ich habe mich das nicht mehr gefragt.

In Berlin gehe ich in eine Bar, um dort einen Bekannten zu treffen. Er schreibt mir, dass er sich verspätet. Es ist noch recht früh und in der Bar ist nicht so viel los. Ein Paar sitzt in einer Ecke und sieht sich verliebt an. Der Bar-Mann poliert Gläser. Musik in Zimmerlautstärke. House.

Eine junge Frau betritt die Bar. Sie ist schlank und trägt ein schwarzes Mini-Kleid mit grauem Kragen, eine schwarze Strumpfhose, Stiefel und eine schwarze Felljacke. Ich kann nicht erkennen, ob das Kunstfell ist oder echt. Zum Glück. Was würde das auch über mich aussagen. Sie ist stark geschminkt. Viel Kajal, roter Lippenstift. Ihre Haarfarbe ist undefinierbar. Eine Mischung aus blond und braun. Die Haare sind unordentlich zusammengebunden. So als wäre sie gerade aus dem Bett gefallen. Natürlich ist das Absicht. Sie hat niedliche Hamsterbäckchen. Sie hält ihr Handy in der Hand und sieht mit konzentriertem Blick auf das Display.

Sie geht an die Bar und bestellt sich ein Getränk. Danach sieht sie sich um, sieht mich für einige Sekunden an und kommt auf mich zu. Eine Parfumwolke steigt in meine Nase.

”Hi”, sagt sie. ”Bist du Alice?”

”Nein”, sage ich.”

”Ah, ja, sorry, weißt du, ich bin hier mit jemandem verabredet. Es geht um einen Artikel.”

Sie sieht sich wieder in der Bar um.

”Ich bin nämlich Journalistin”, sagt sie wieder mir zugewandt. ”Aber mehr kann ich dir leider nicht über den Artikel sagen. Das ist vertraulich, weißt du.”

”Schon in Ordnung”, sage ich höflich. So höflich, dass sie nicht merkt, wie wenig es mich interessiert. Kein bisschen im Grunde genommen. Ich würde lieber in meinem Buch weiterlesen und auf meinen Bekannten warten.

”So leer”, sagt sie. ”Ich gehe ja für gewöhnlich nicht in solche Bars. So wenig Ambiente hier. Keine interessanten Menschen. Da fühle ich mich fehl am Platz. Ich halte mich nur in In-Vierteln auf normalerweise.” Sie macht eine abschätzige Handbewegung. ”Ich bin Monja König und du?”

Bevor ich etwas sagen kann, setzt sie sich neben mich. ”Ich denke, Alice verspätet sich. Macht es dir etwas aus, wenn ich hier bei dir sitze und auf sie warte? Ich komme mir so komisch vor, wenn ich hier alleine sitze, weißt du. Wer sitzt schon alleine in einer Bar? Ich meine, das ist so, als hätte man keine Freunde und an der Bar beim Barkeeper will ich auch nicht sitzen. Der Barkeeper macht mich ja doch nur an. Ich bin es leid ständig angemacht zu werden. Ich meine, manche unsicheren Frauen freuen sich ja drüber und so, aber ich weiß, dass ich gut ausschau und brauche keine Bestätigung. Das hat jetzt nichts mit Arroganz zu tun. Ich sehe das aus professioneller Sicht. Ich habe ja mal gemodelt, aber ich möchte jetzt lieber schreiben. Weißt du, ich habe so viel zu sagen. Hier, warte mal. Ich zeige dir ein paar meiner Artikel. Ich habe alle meine besten Artikel mit einem Sternchen auf meinem Smartphone markiert. Dann geht das schnell, wenn ich die mal suchen muss.” Sie lacht. ”Nein, eigentlich habe ich alle meine Artikel markiert. Die sind alle gut. Bescheidenheit ist so überholt irgendwie. Man muss zu seinem Talent stehen, auch wenn man mal Selbstzweifel hat und so.”

Ich überfliege ein paar ihrer Artikel.

”Was liest’n du da?” fragt sie und lehnt sich zu mir herüber. Sie zeigt auf das Buch auf dem Tisch, das ich las, bevor ich die Bekanntschaft mit Monja machen durfte.

”Simone de Beauvoir”, sage ich.

”Ah”, sagt sie. ”Habe ich schon mal von gehört. Um was geht es denn da? ‘Das andere Geschlecht’? Zwitter oder was? Ich habe mal eine Reportage über die gesehen. Voll komisch. Stell dir vor du hast einen Penis und eine Vagina. Ich mein’, wie pinkelt man denn da?” Sie kichert. ”Oder geht es da um diesen komischen Gender-Mainstream-Kram?”

Ich seufze.

”Müde?”

”Nein.”

”Aber ich. Ich war gestern voll spät noch in der Redaktion. Ich arbeite nämlich bei der Kron-Zeitung, musst du wissen.”

Sie betont das Kron. KRON.

”Und dabei bin ich 21”, sagt Monja. ”Na ja, eigentlich, 24, aber ich habe mich ein bisschen jünger gemacht. Das macht sich immer gut. Ich bin da die Jüngste. Ich weiß, ich sehe ein bisschen älter aus, aber das ist nur die Schminke. Von den vielen Partys sehe ich zur Zeit ungeschminkt eigentlich etwas müde aus, aber man will ja, ich sag’ mal, als junger, aufstrebender Mensch nichts verpassen. Man muss in meinem Beruf auch die richtigen Leute kennenlernen. Kennst du, Leni Bergemann? Die hat’s ja auch nur durch Papi geschafft. Findest du nicht auch? Ich habe keinen reichen Papi wie Leni. Wir sind nur untere Oberschicht und nicht Superreiche mit Luxusvillen oder so. Ich habe nur mein gutes Aussehen und meinen Verstand und musste mir meinen Erfolg selbst erarbeiten. Ich habe keine Millionen und ich hatte auch keine einflussreichen Kontakte in Berlin. Meine Eltern haben mir nur finanziell geholfen. Die Wohnung bezahlt und so. Das ist ja das Mindeste, was man von seinen Eltern erwarten kann. Ich mein’, habe ich sie gebeten geboren zu werden? Nein. Aber gut, dass ich da bin.” Sie kichert. ”Aussehen und Verstand – Leni hat ja beides nicht.” Monja verzieht das Gesicht. ”Leni und ich sind gute Freundinnen, aber man muss sich ja nicht oft treffen. Weißt du, ja, ich habe mein Aussehen, aber ich find das schrecklich so auf das Aussehen reduziert werden, aber was soll ich machen? Ich kann mich nicht absichtlich hässlich machen. Gutes Aussehen öffnet auch viele Türen, aber ich möchte die Leute mit meinem Verstand überzeugen. Umhauen, weißt du. Da denken immer alle: Ja, die schaut gut aus, aber hat die auch etwas zu sagen? Ist die klug? Und dann sage ich nur: Lest doch meine Texte.” Sie seufzt. ”Ich begreife mich selbst als so eine Art Wunderkind. Wunderkinder werden oft missverstanden, weil es uns so selten gibt.” Sie seufzt wieder. ”Was machst du denn? Beruflich meine ich?’
Sie sieht mich für einen Moment kurz an. Dann schweift ihr Blick wieder ab.

”Zum Glück habe ich schöne Augen und einen schönen Mund und eine schöne Nase und eine schöne Stirn”, sagt sie. Das macht einiges wett, auch wenn ich müde und ungeschminkt bin. Nur mit meinen Wangen bin ich nicht so zufrieden. Ich hätte gerne so hohe Wangenknochen. Das würde voll edel und aristokratisch aussehen. So adelig halt. Meine Ur-Großeltern sind ja auch adelig gewesen, weißt du. Heute gibt es das ja nicht mehr. Ich wäre schon gerne eine Prinzessin oder eine Herzogin oder Baroness oder so und die Leute müssten immer einen Knicks vor mir machen.” Sie kichert.

”Weißt du, dass sich die Frauen früher die Haare ausgerissen habe, um so eine hohe Stirn zu bekommen? Im Mittelalter war das oder so. Ich mag meine eher niedrige Stirn. Wie sich die Schönheitsideale ändern. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich habe ein klassisch-schönes Gesicht und das hätte sicher auch gut gepasst. Eigentlich sehe ich auch jetzt edel aus, aber man will ja immer mehr, weißt du. Ich habe ja früher auch gemodelt. Da hat man mir die immer so geschminkt, die hohen Wangenknochen. Sah voll gut aus. Ich kann mich selbst nicht so schminken wie die Make-up-Artists, aber die lernen das ja auch. Das wäre für mich kein guter Beruf, weil der so gar nicht intellektuell ist. Ich brauche das, ich brauche das Intellektuelle und so. Wo war ich stehen geblieben? Ich habe immer so viel zu erzählen, weißt du. Mein Verstand ist immer so rasend, weil ich mir so viele Gedanken mache. Ah, gestern. Ich war in der Redaktion und der Chefredakteur hat mich mal wieder gelobt. Monja, hat er gesagt. Du bist 21 und schon so weise. Du bist die Stimme deiner Generation, hat er gesagt. Ich habe mich früher noch über solche Komplimente gefreut, aber heute ist das irgendwie so selbstverständlich für mich geworden. Ich bin voll abgestumpft. Klar gibt es auch Hater, aber haters gonna hate. Eigentlich voll schade, dass Lob mir nichts mehr bedeutet. Wir Menschen neigen ja dazu etwas nach einer Weile als selbstverstädlich zu betrachten. Vor allem in unserer Generation. Darüber habe ich auch schon mal einen Artikel geschrieben. Ich schreibe immer über Themen, die mir wichtig sind. Weißt du, mich bewegt so viel und ich freue mich, wenn ich Menschen zum Nachdenken anregen kann. Ich denke so voll viel über dies, das. Unsere Generation denkt ja so wenig, aber wenn ich jetzt anfange darüber zu reden, kann ich gar nicht mehr aufhören. Ich habe ja so viel zu sagen.” Sie zuckt mit den Achseln.

”Gestern Abend war ich noch bei einer Party von Connie Kornelius. ich bin da von der Redaktion mit dem Taxi hin”, fährt sie fort. ”Du kennst sie ja sicher. Ich meine, die kennt jeder? Kennst du sie?”

Ich schüttle den Kopf.

Monja sieht mich verwundert an und sagt dann etwas herablassend. ”Macht ja nichts. Du bist sicher nicht aus Berlin. Connies Vater ist Chef vom Heise Theater und dem gehört auch das Magazin ‘VIP- The Who’s Who Berlin’. Connie ist auch Journalistin wie ich und gemodelt hat die auch, aber die hat eine Hakennase und plattes Haar. Ich habe ja auch mal gemodelt. Connie und ich verstehen uns voll gut. Dabei mag ich keine Frauen oder sagen wir mal so, sie mögen mich nicht. Ich finde das so schade, dass Frauen immer so stutenbissig sein müssen, wenn man gut ausschaut. Da kann ich ja nichts für. Das sind die Gene und eine gute Mascara. Die fühlen sich gleich in ihrer eigenen Schönheit bedroht, wenn eine schönere Frau auftaucht. Ich leide da schon seit Jahren drunter. Dass ich dazu auch noch überdurchschnittlich intelligent bin, macht es ja auch nicht besser. Viele denken ja, dass sei eine Gabe, aber es gibt halt auch voll viele Schattenseiten. Ich fühle mich schon etwas gemobbt und wie der ewige Außenseiter. So wie die Juden damals, weißt du. Mein Therapeut sagt, dass ich ein dickeres Fell bräuchte. Ich bin da einfach so sensibel. Ich nehme auch manchmal Antidepressiva deswegen. Ich war ja früher voll das hässliche Baby, finde ich, und weiß darum, wie es ist hässlich zu sein. Man sagt ja, dass die hässlichen Babys immer am Hübschesten werden später und so war es bei mir auch und seitdem leide ich voll. Der ganze Neid von Frauen, aber ich mache das heimlich. Das Leiden. Ich kann’s ja verstehen, dass sie neidisch sind und dass sie das innerlich zerfrisst. Weißt du, wir sind ja so eine Generation, die immer so einen auf stark und Konkurrenz machen muss, aber hinter verschlossenen Türen leiden wir und posten Bilder von uns, wo alles gut ist und wir gut aussehen im Internet für unsere Follower und Fans. Aber wie es wirklich tief in uns drinnen aussieht, weiß keiner. Das will auch keiner wissen. Jeder sieht nur die schöne Fassade, den scharfen Verstand und unsere gute Kleidung und die ganzen Konsumgüter, die man heute haben muss. Und dann noch ein Filter drübergelegt. Wir sind Generation Filter. Mehr nicht. Das macht mich manchmal echt traurig. Manchmal würde ich mir den Kommunismus wie in Korea wünschen. Hm. War das Nord- oder Süd-Korea? Ich weiß es nicht. Egal. Manchmal wünschte ich, ich wäre hässlicher und dümmer. Das würde einiges leichter machen. Gestern waren da so welche auf der Party. Oh mein Gott, du hättest die sehen müssen. Kein Stil und kein gar nichts. Die haben bestimmt auf Lehramt studiert und sind aus Brandenburg zugezogen.”

Sie kichert wieder und nimmt einen Schluck von ihrem Cocktail.

”Schade, dass man hier nicht rauchen darf”, sagt sie. ”Wo war ich stehen geblieben? Ach, richtig. Gestern, die Party. Oh mein Gott. Ich sitze da so da auf dem Kanapee in Connies Wohnung und rauche und trinke meinen Cocktail mit meinem Smartphone in der Hand und hallo? Ich sehe so aus, als ob ich nicht gestört werden will. Was wäre denn deutlich genug für solche penetranten Frauen? Es geht nicht deutlicher, wie ich finde. Da sagt eine so zu mir, die ich so ein bisschen kenne von Partys, eine Dickere, die bestimmt 70 Kilo wiegt und so eine komische Army-Jacke trägt und nicht geschminkt ist und hässliche Dreads hat, die wie Rattenschwänze aussehen, die sagt so fordernd zu mir: Entschuldigung Monja, kann ich mich setzen, kannst du etwas rücken? Und ich sehe sie an und sage so, weil ich einfach voll genervt bin: Ja, wenn du etwas dünner wärst, könntest du hier auch so sitzen und ich müsste nicht rücken und könnte in Ruhe meine Zigarette rauchen, meinen Cocktail trinken, meine Whatsapp-Nachrichten und Emails beantworten und meinen Facebook-Status updaten und auf Twitter tweeten und würde nicht von euch gestört werden. Meine Nachrichten sind nämlich wichtig in meinem Job. Ich muss die stündlich checken. Ich studiere ja nicht auf Lehramt oder Philosophie oder so einen Kack. Und ehrlich gesagt, möchte ich jetzt hier weiter in Ruhe rauchen, trinken und meine Nachrichten beantworten und ich möchte nicht gestört werden. Da drüben ist vielleicht noch etwas frei. Die andere, weil es sind ja zwei, so eine kleine Blonde mit einer kleinen, spitzen Nase, die ein schwarzes Strickleid trägt, das sie bestimmt bei Primark gekauft hat, und so gar nicht stylisch ausschaut, schaut mich böse an und sagt so: Musst du immer so unfreundlich sein? Ich verstehe das nicht. Und ich so: Zum Pöbel muss ich das sein, ja. Einfach, weil ich so voll genervt bin. Sie so voll sauer: Warum verpisst du dich nicht aus Berlin und gehst zurück in deine süße Kleinstadt nach Süddeutschland, wo du hergekommen bist? Und ich so: Wie redest du denn mit mir? Geh du mal zurück nach Brandenburg. Ich kann doch auch nichts für dein Gesicht. Die beiden sehen mich böse an und ich mein’, es stimmt doch. Kann ich etwas dafür? Die Wahrheit tut eben manchmal weh und weißt du, wenn ich meine Nachrichten beantworte, will ich einfach nicht gestört werden. Die sehen doch, dass ich auf mein Smartphone schaue? Will ich da gestört werden? Nein. Und was heißt Kleinstadt? Ich wohne schon seit zwei Jahren hier. Who cares? Und dann ziehen die beiden Hässlichen endlich ab und ich sage zu Connie, Connie, sage ich. Wo hast du die denn her? Wer ist das? Und Connie sagt, dass die beiden Umwelt-Aktivistinnen wären oder so etwas und die eine hat Politik in Oxford und Harvard oder so studiert und hat mit 15 schon Abi gemacht und bekam mit 16 ein Stipendium und ging weg aus Berlin und sie schreibt auch Bücher über Feminismus und den Klima-Wandel und so und macht so einen Wohltätigkeits-Scheiß für hungernde Kinder in Südamerika oder Afrika oder was weiß ich und die andere wäre Wissenschaftlerin und hat nicht mal Abi gemacht, weil sie das nicht nötig fand, weil es ihr nur Zeit raubt bei ihren ‘Plänen’ und sie hat voll den hohen IQ und arbeitet jetzt in New York und wäre erst 22 oder so und hat auch eine so eine Wohltätigkeitseinrichtung gegründet. So eine Art Frauenhaus für Frauen, die von ihren Männern verprügelt werden. Die hätte einen Forscherpreis in den USA gewonnen und das Geld dazu genutzt, um das zu gründen. Mein Gott, ey. Feminismus ist so out. Das braucht heutzutage niemand mehr. Und wenn du von deinem Mann geprügelt wirst, bist du doch auch selbst schuld. Wer zwingt dich denn mit dem zusammenzubleiben? Das gilt auch für diese Magersüchtigen und Bulimikerinnen, Ritzer und anderen Psychos. Selbst schuld. Man muss auch mal in der Gegenwart ankommen, weißt du, und der Klima-Wandel ist auch umstritten. Da ist auch viel Panikmache bei. Und ganz ehrlich, so eine Labormaus im weißen Kittel oder wie ich das nennen soll, beeindruckt mich null. Da hat keinen Glamour. Muss die damit so angeben? Ja und? Ich mein’, das ist ja alles schön und gut, aber das machen die doch sicher auch hauptsächlich wegen des Ruhms und so was. Jeder denkt dann man wäre voll der Gutmensch und so. Unsere Generation will so viel Anerkennung, weißt du. Da geht es nur um Likes und so. Früher hatten es die Leute so viel einfacher ohne Social Media. Nach dem Krieg zum Beispiel. Ich mein’, die hatten da nichts. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Das ist doch befreiend. Ich mein’, Ich habe auch schon mit 15 gemodelt und war selbstständig bis auf das Geld meiner Eltern, das ich bekommen habe und jetzt schreibe ich Artikel, die die Welt zum Denken anregen. Da braucht die nicht so einen auf Elite machen. Ich war mit 15 auch schon viel weiter als andere. Ich hasse Ökös so. Ja, und jetzt sind Friederike und Meike mal wieder in Berlin, hat Connie gesagt. Eigentlich würden die im Amazonas leben und so und auch in New York. Die wären wohl auch lesbisch oder so. So sehen die auch aus ehrlich gesagt. Ich habe ja nichts gegen Lesben, solange die mich nicht anmachen. Ich meine ja nur, weil die so aussehen. Und New York ist auch so überbewertend. Berlin ist heute der Mittelpunkt der Welt. Der Vater von einer der beiden wäre voll das hohe Tier in Berlin und voll reich und so, hat Connie gesagt, aber sie wollte nie sein Geld und ihren eigenen Weg gehen und ich sage: Ja, aber warum zieht die sich dann so an? Das ist ja wie aus der Altkleidersammlung? Ich meine, ich kenne mich mit Mode aus. Ich habe mal für den Heinrich-Katalog gemodelt, als es den noch gab und für Karl-Bauer, das ist so etwas wie Lidl in Österreich und so. Wenn die Geld hat, braucht die doch nicht wie ein versiffter Penner von der Straße rumlaufen? Wie so ein Alko-Junk? Was ist das? Label Kanalratte? Öko Bitch Haute Couture? Und Connie sieht mich nur an und sagt, dass sie Friederike und Meike mag und bewundert und ich etwas netter sein könnte. Ich sei immer so unfreundlich zu Frauen. Und ich erzähle ihr, wie sie sich mir gegenüber verhalten haben und wollten, dass ich aufstehe, damit sie sich hinsetzen können und mich bei der Arbeit störten und dass sie doch sahen, dass ich arbeite. Und Connie sagt nur, dass das sicher ein Missverständnis war und so.”
Monja verdreht die Augen. ”Ich habe einfach keinen Bock mehr auf diese stutenbissigen, hässlichen Ökos mit ihren hässlichen Fratzen und Klamotten”, sagt sie. ”Erst kürzlich hat mir jemand einen Blog-Kommentar geschrieben. So etwas wie: ‘Halt’s Maul, du Mediennutte. Du schreibst schlecht und arbeitst bei Kron. Lieber würde ich Klos putzen.’ Hallo? Ich mein’, wer sind diese frustrierten Leute? Ich will mich inspirieren lassen von Schönheit und von Geist. Auf Weltbürger wie mich treffen. Nicht auf uncoole Kleingeister. Ich bin so etwas wie ein It-Girl, ehrlich gesagt. Das verstehen die halt nicht. Ich meine, dass so Kommentatoren oder so eine Friederike und Meike mir dumm kommen müssen? Ernsthaft? Ich habe mich dann später noch so halb bei Friederike und Meike entschuldigt, weil man in meinem Job einfach nie wissen kann, wen man mal gebrauchen kann und wenn einer der Väter so ein hohes Tier ist, kann ich mir das ja nicht verscherzen, weil die voll viel Einfluss haben, weißt du, und das kann die Karriere manchmal etwas bremsen, wenn man sich mit einigen nicht gut versteht. Das war schon beim Modeln so. Beim Modeln kamen mir so einige Tussis auch mal dumm. Das kann halt auch nicht jeder machen. Man muss schon den Look haben und dann gibt es eben Zickereien. Ich habe ja auch mal gemodelt, weißt du. Habe ich das schon erwähnt? Modeln ist ja gar nichts für mich. Die anderen Models sind einfach so hohl. Da kann man kein intellektuelles Gespräch führen. Ich habe es ja voll oft versucht bei den Castings, aber die sind einfach zu hohl. Ich bekam wegen dieser Zicken auch nie Aufträge, weil die mich bei Castings gemobbt haben. An mir kann das ja nicht liegen. I got what it takes wie man auf Englisch sagt. Mit denen muss ich mich ja zum Glück nicht mehr abgeben und heimlich kann ich ja über Meike und Friederike denken, was ich will. Aber so muss ich eben tun, als ob ich sie mag.”
Sie lacht.
”Ich lache, aber ich will weinen. Ist das nicht auch Teil unserer Generation?” sagt sie. ”Wir lachen dem ins Gesicht, den wir nicht mögen? Der uns nützlich sein könnte? Wir können nicht wir selber sein? Wir verstellen uns? Wir spielen den anderen so oft etwas vor? Das ist so eine Leistungsgesellschaft, dass ich zu so hässlichen Meikes und Friederikes nett sein muss, obwohl ich das nicht will? Kannst du ein Bild von mir machen für meine Social Media Accounts? Ich sehe heute mal wieder so süß aus und ich habe seit einer Woche nichts mehr gepostet. Man muss sich ja interessant machen. Wenn man jeden Tag postet, denken die Follower, dass man sonst nichts zu tun hat, weißt du. Ah nein, warte mal, hast du einen Spiegel? Ich will schauen, ob mein Make-up verschmiert ist.”
”Bedauere.
”Shit”, sagt sie. ”Ich bin in ganz Deutschland berühmt, seit ich der bei Kron-Zeitung arbeite. Ich will keine peinlichen Bilder von mir veröffentlicht sehen. Das ist schlecht fürs Image.”

K-R-O-N.

”Als ich noch gemodelt habe, war ich weniger bekannt. Aber jetzt. Da will ich nicht mit verschmiertem Make-up in der Zeitung stehen, wenn jemand von der Presse da ist und ein Foto knipst. Ich verschwinde mal auf die Toilette.”
”Alles klar.”

”Um was geht es denn jetzt in dem Buch?” sagt Monja, als sie wieder von der Toilette gekommen ist und zeigt auf mein Buch. Sie trägt nun noch mehr Make-up.

”Weißt du, ich will auch Bücher schreiben. Ich habe so viel zu sagen. Ah, ich denke, das ist Alice. War nett mit mir zu plaudern. Schreib mir doch mal einen Kommentar auf meinem Blog oder unter einen meiner Artikel.” Sie umarmt mich halbherzig und begrüßt Alice, eine große, schlanke Brünette Ende 20 oder Anfang 30.

Mein Bekannter schreibt mir. Er und seine aktuelle Freundin – eine von vielen – man könnte sagen Eintagsfliegen – und er haben 2C-B genommen. Wir sollen uns in ein paar Stunden treffen.

Ich verlasse die Bar, kaufe mir biligen Wein und sehe nach oben und prüfe, ob ich die Sterne sehen kann. Ein Mann kommt mir entgegen. Er schlägt vorbeigehende Passanten mit einer Plastiktüte und schreit. Ich sehe zu ihm auf. Es ist ein durchdringender Blick. Er erschrickt und schlägt mich nicht. Ich bin das einzig wahre ”It Girl”. Mir gehört die Straße.

Cat Marnell

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Ich wollte mir das Buch von Cat Marnell zunächst nicht kaufen, weil sie Pelz trägt, aber in einem Interview sagte sie, dass sie Pelz als Neujahrsvorsatz aufgegeben hat.

Cats Autobiografie, die sie mit gerade mal 34 veröffentlicht hat, How to Murder Your Life erscheint am 22. April nun auch auf Deutsch bei Rowohlt und wird noch mit dem albernen Zusatz ”Selbstporträt eines Hochglanzjunkies” versehen.

Bekannt wurde Cat durch ihre Artikel auf der US-amerikanischen Seite XoJane. Danach schrieb sie für Vice.

Das Buch ist in einem einfachen, schnellen Ton geschrieben.

Cat erzählt über ihre Kindheit, ihre Arbeit als Beauty-Redakteurin bei Frauenzeitschriften, New York, Ex-Freunde, Bulimie und Drogen. Sie ist aus gutem Hause – eine klassische ”Poor little rich girl”-Geschichte.

Man muss nicht hervorragend Englisch sprechen, um das Buch zu lesen. Die Sprache ist nicht kompliziert, aber wer möchte, kann die deutsche Veröffentlichung abwarten.

Das Buch ist allen party girls and gay dudes gewidmet.

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Sarah

alicecatherine92

Sarah ist nicht so groß, eher kleiner, ihre Haare sind kaffeebraun und ihre Augen mandelförmig. Ihr Urururgroß-Vater war Mongole. Von ihm hat sie diese Augen, sagt die Großmutter.

Sarah trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Oberteil mit Schnürung im Nacken. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt schwarzen Lidstrich und ein bisschen roten Lippenstift. Die Wangen sind gerötet, aber das kommt vom Laufen und der Hitze. Ein Kaffee hier, ein Kaffee da, die Spülmaschine ausräumen – und das schnell, die Finger tun ihr fast ein bisschen weh, so heiß ist das Geschirr noch. Dampf steigt aus der Maschine. Ein Kunde ruft: ”Die Rechnug, bitte.” Sarah rennt und stolpert über ihre eigenen Füße, aber sie fällt nicht. Niemals. Kinder schreien. Eine Mutter säugt ihres; Menschen am Nachbartisch sehen pikiert zur Mutter herüber. ”Ja, muss das denn sein?” Sarah geht hastig in die Küche, damit man sich nicht bei ihr über die Mutter beschwert. Sie holt aufgetauten Kuchen – hier wird nicht selbst gebacken – und legt ihn auf kleine Teller in der Theke. Dann fegt sie den Boden. Bestellungen, Rechnungen.

Ein Mann ist wütend, weil es nur noch Stevia und braunen Zucker gibt statt weißem. Sarah zuckt mit den Achseln. ”Morgen wieder.”, sagt sie. Der Mann schnaubt entrüstet. ”Das kann doch nicht sein.”, sagt er. ”Wo gibt’s denn so was?” Sarah seufzt und rennt zu einem der Tische, nimmt eine Bestellung auf. Eine Frau möchte koffeinfreien Kaffee. Sie muss den Kaffee erst aus dem Keller holen. Sie rennt los und rennt beinahe in den Koch hinein. ”Immer langsam.”, sagt er mit polnischem Akzent und lächelt freundlich. Sie lächelt zurück. Sie rennt die Treppen runter, sucht den Koffeinfreien, eine Verpackung, rennt die Treppe wieder hoch. Neue Gäste strömen hinein. Sie schwitzt ein bisschen, ihr ist heiß. Eine Frau beschwert sich darüber, dass es keinen Erdbeerkuchen mehr gibt. ”Es tut mir leid, aber erst heute Abend wieder.”, sagt Sarah. ”Abends?”, sagt die Frau. ”Wird denn hier noch abends gebacken?”

Sie muss auf die Toilette, aber dafür ist keine Zeit da. Nicht bis Marie und Shivana kommen. In einer Stunde. Sie arbeitet heute allein bis zum Abend. Heute insgesamt nur fünf Stunden. 8,50 die Stunde. Reich wird man nicht, aber so gut ist ihr Deutsch auch noch nicht. Sie versteht viel, aber sprechen kann sie noch nicht so gut; nur ein bisschen. Es reicht für die Arbeit im Café oder für Small-Talk; Geplänkel mit Bekannten. Vorher hat sie geputzt und als Küchenhilfe gearbeitet. Als sie ganz neu in Berlin war. Da musste sie gar kein Deutsch sprechen.

Freunde hat sie noch nicht in Berlin, aber das kommt noch, denkt sie. Sie ist ohnehin, das, was man ein wenig schüchtern nennt. So war sie auch zuhause. Sie ist kein Freund der großen Worte. Sie zeichnet gerne, geht ins Museum, kocht, liest Bücher und hört Musik. Clubs und Partys ziehen sie nicht an. Sie sieht sich lieber einen Schwarz-Weiß-Film zuhause in ihrem Bett an – in der kleinen WG mit dem schiefen Fußboden und der alten, schimmeligen Dusche. Oder sie streichelt den einäugigen Kater Max und kocht oder macht Sade an und tanzt.

Sie ist das, was man hübsch nennt. Männer sehen sie an, starren, versuchen sie anzusprechen. Sie ist eine natürliche Schönheit, jemand, der sich seiner Schönheit gar nicht bewusst ist. Sie steht nie lange vor dem Spiegel, sie mag keine Bilder von sich. Würde ihr jemand sagen, wie schön sie ist, sie würde es nicht glauben. Eitelkeit lehnt sie ab. Komplimente schätzt sie nur, wenn man ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten lobt. So wurde sie erzogen. Eitelkeiten sind für Egozentriker, nicht für Menschen mit Herz und Verstand. Was soll man auch mit dieser Schönheit anfangen, wenn sie doch ohnehin verblasst? Die meisten Menschen sind oberflächlich. Irgendwann wird das Starren der Männer weniger werden oder ganz aufhören. Vielleicht ist es einfach für sie, die Schönheit – die konventionelle – abzulehnen, weil sie schön ist. Darüber würde sie sich aber nie Gedanken machen. Sie denkt lieber über Fair Trade-Kleidung nach oder vegane Ernährung, über ihre Lieblingsbands oder Kunst oder welchen Film sie sich im Kino ansehen möchte – Kino ist gut. Dabei lernt sie immer ein paar neue deutsche Wörter. Der letzte, den sie gesehen hat, war Toni Erdmann. Sie war allein im Kino. Sie mag das so. Der Film, der dunkle Kinosaal. Am liebsten eine Nachmittagsvorstellung. Da ist es nicht so voll und niemand stört sie.

Doch möchte sie in Berlin bleiben oder wieder zurück? Vielleicht nicht nach Hause zurück, vielleicht in eine anderes Land, eine andere Stadt? Berlin ist in Ordnung, denkt sie. Man ist freier als zuhause, auch wenn die Großeltern es nicht verstehen. Warum Berlin? Warum nicht Paris? Warum nicht London? Warum nicht New York? Warum nicht Tokio? Warum nicht Stockholm? Das fragten sie. Sie weiß es nicht. Nach Berlin wollte sie ziehen, weil sie Berlin Calling gesehen hat mit Ezra. Sie war aber nur in wenigen Techno-Clubs. Ein paar mal im Berghain, Sisyphos und Kater Blau. Es ist nichts für sie. Es ist ihr zu laut und zu voll und Techno mag sie nicht. Drogen mag sie auch nicht. Ein Mann, mit dem sie sich in einem Club unterhielt, hat ihr gesagt, dass Berlin ”passé” sei. Alle interessanten Menschen sind nach Leipzig gezogen und die guten Clubs haben zugemacht. ”Berlin is over.”, hat er gesagt. ”Berlin is uncool now. Everywhere gentrification.” Es ist doch auch ein bisschen schön hier, hat Sarah gesagt, aber da war der Mann schön weg.

Was hält sie noch hier? Sie möchte die Sprache lernen, dann weiterziehen. Sie mag Sprachen. Sie würde auch gerne Spanisch lernen. In einem Buchladen mit gebrauchten Büchern hat sie sich ein Buch gekauft. Kafka auf Deutsch. Wenn sie das lesen kann, ohne viele Wörter nachschlagen zu müssen, wird sie in eine andere Stadt ziehen. Paris? Oder die Ostküste Spaniens. Wien? Südamerika? Russland? Afrika?

”Ich war eben auf der Toilette.”, sagt eine Frau. ”Machen Sie da mal sauber. Da sieht’s ja aus.”, sagt sie energisch. Sarah nimmt sich einen Eimer, füllt ihn mit Wasser und nimmt einen Putzlappen. Eigentlich ist das nicht ihre Aufgabe, aber wer soll es sonst machen?

An einem Tisch sitzt eine Gruppe junger Menschen. Sind vielleicht um die 18, 20. Sie unterhalten sich oder hängen über ihren Handys. Manchmal auch beides. Das nennt sich wohl Multi-Tasking. Sie sind laut. Eines der Mädchen war ein bisschen gemein zu Sarah bei der Bestellung. Etwas von oben herab war sie, aber so sind viele der Gäste.

Sie reden über eine Sendung mit Jan Böhmermann und lachen. Dann geht es um ein Mädchen. ”Das ist so eine Schlampe.”, ruft eines der Mädchen. Alle lachen wieder. ”Guckt mal, was mir Mia geschickt hat.”, sagt ein anderes. Alle beugen sich über das Handy. ”Ich muss nach Hause. Ich muss noch etwas für meinen Vortrag über das Judentum früher und heute machen.”, sagt eines der Mädchen und verdreht die Augen. ”Macht ihr das an der Uni auch? Vorträge über Juden oder muss man dann nicht mehr, weil es kotzt mich echt an.”, sagt sie zu einem Jungen, der von oben bis unten in Markenkleidung gekleidet ist. ”Nein.”, sagt der Junge. ”Nur wenn man so was wie Geschichte studiert.” Das Mädchen seufzt. ”Ich wollte den Vortrag nicht machen. Ich wollte lieber einen Vortrag über Facebook machen, aber den macht schon Daniel. Immer müssen wir über die Juden sprechen. Das ist schon voll lange her. Wie oft müssen wir das noch durchkauen? Können wir denn etwas dafür?” Alle in der Runde stimmen zu. ”Immer hört man so viel darüber. Was können wir denn dafür?”, sagt ein Junge. ”Die Juden werden heute nicht mehr verfolgt. Ich verstehe nicht, warum immer irgendetwas mit denen ist.”, sagt ein anderer Junge. ”Es ist doch übertrieben, dass man darüber in Geschichte in der Oberstufe so viel spricht. Ich meine, es gab ja auch noch andere Opfer während des zweiten Weltkrieges. Nicht immer nur die Juden.” Alle nicken. ”Ich find’s gut.”, sagt ein Mädchen leise, aber dann sprechen sie auch schon über eine Party und das Mädchen schweigt. Ein Junge hat zu viel getrunken und peinliche Snapchats gemacht. ”Der feiert sich selbst voll, aber ist so unfassbar dumm.”, sagt ein Junge und sieht wieder auf sein Smartphone.

Marie kommt. ”Du kannst gehen”, sagt die blonde Marie mit den blauen Augen. Sarah nickt. Sie legt die Schürze ab und nimmt ihr Handy und den Schlüssel aus der Schublade und steckt beides in die Hosentasche. ”Bis morgen.”, sagt sie. ”Ich bin morgen nicht da.”, sagt Marie. Da kommt schon eine Frau und fragt nach glutenfreiem Kuchen. ”Das haben wir leider nicht.”, sagt Marie. Die Frau schimpft und fragt: ”Warum haben Sie das nicht?” Marie seufzt. ”Ich arbeite hier nur und bin nicht der Chef. Ich kann Ihnen gerne mal die Nummer von ihm geben und vielleicht gibt’s dann für Sie etwas ohne Gluten.” ”Als ob. Ich gehe woanders hin.”, sagt die Frau schnippisch und geht. Marie verdreht die Augen. Sarah lächelt Marie an. Marie grinst.

Sarah geht nach draußen und spürt die Abendluft auf ihrer Haut. Das ist angenehm. Sie greift in ihren Ausschnitt und zieht den Anhänger raus und sieht ihn sich an, überlegt, ob sie ihn nicht vielleicht wieder unter dem Stoff verstecken soll, gleich auf ihrer Brust neben ihrem Herzen. Sie schiebt den Davidstern wieder unter den Stoff.

Bild: alicecatherine92