Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

Morgenpost-Kolumne

 

Irgendetwas googlen, auf einem Artikel landen. Eine Kolumne einer Frau Ende 20 aus Berlin. Gut geschrieben meiner Meinung nach. Ich lese gleich mehrere ihrer Artikel, aber dann erschaudere ich ein wenig, als ich bemerke, dass ich auf der Online-Seite der ”Mopo” bin. Springer-Presse. Grauenvoll. Zumindest ist mein Adblocker an (den ich ausschalte bei Seiten, die ich mag). 

Ich google die Autorin. Sie war auf der Springer-Akadamie.

Was, frage ich mich, treibt einen Menschen dazu? Kein Rückgrat, kein Stil, keine Moral? Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten.

Ich habe mal eine Folge ”Wer wird Millionär” gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte. Das ist schon ein bisschen länger her. Ich ziehe zu oft um für Fernseher. Eine junge Frau, blond, blass, schlank, langweilig, aber adrett gekleidet, war als Kandidatin in der Sendung. Die Frau studierte (oder wie sich das nennt, was man da macht) an der Springer-Akademie. Jauch frage nach, schien verstehen zu wollen, was jemand dazu bewegt an der Springer-Akademie studieren. Er schien eher ein bisschen kritisch darüber zu denken, was die Frau aber nicht bemerkte. Jauch ist eben auch eine andere Generation. ”Enteignet Springer” sagt ihm vermutlich mehr als ihr. Er ist vielleicht zu intelligent und stilvoll für Springer. Selbst Jauchs Arbeitgeber RTL ist um einiges besser. Sie war aber so stolz, dass sie es da hin geschafft hatte. Sie verbriet alle Joker und bettelte bei Günther Jauch um Hilfe.”Machen Sie denn irgendetwas selbst?” frage Jauch sichtlich irritiert. Diese Frau war eine gute Präsentation für Springer.

Heutzutage ist Springer nicht mehr so verpönt wie früher. Man kann nicht sagen, dass der Mensch in Deutschland dümmer geworden ist, ohne eine Studie zu machen. Man kann nur annehmen, dass er vielleicht dümmer geworden ist und weniger idealistisch. Mehr karriereorientiert. Konsum. Selbstdarstellung. Likes, Followers. Oberflächlichkeit.

Die Frau bei der Morgenpost.

Ich lese dennoch Kolumne dieses Mal. Ich bin auf eine Art fasziniert, dass ein Mensch sich für Springer hergibt und sich nichts dabei denkt. Auch angeekelt. Das ist ja verständlich.

Die Journalistin schreibt in der Kolumne, die ich lese, über ”Influencer”. Das sind Menschen, die bei Instagram und Youtube hundertausende oder Millionen von Followern haben oder haben wollen und Geld mit Sponsoren verdienen. Mode, Detox tea, Werbung für Hotels, Make-up und dergleichen. Man kann mit vielem Geld verdienen. Die Journalistin geht auf eine Party, wo sie auf eben solche, meist weibliche, Influencer trifft. Die Journalistin urteilt über diese. Spottet.

Moment mal, denke ich. Du arbeitest bei Springer und urteilst über andere? Es gibt, wenn man mal darüber nachdenkt, unfassbar dumme Menschen.

Echo Verleihung, Kollegah und Farid Bang

Man echauffiert sich in Deutschland gerne über Trump, Orban, die politischen Verhältnisse in Polen und dergleichen und das zu Recht, aber man kehrt doch eher selten vor der eigenen Tür im so unfehlbaren Deutschland. Wenn man in den Feuilletons liest, was da für unterbelichtete Menschen, weiblich, männlich, ”Meinungen” zum ”Besten” geben und wem man in Deutschland Preise verleiht, da denkt man an Deutschland in der Nacht. Preise in Deutschland gehen an Typen wie Kollegah und Farid Bang. Ist das gut?

Es ist ja nicht so, dass die beiden – wie so viele andere der bekannten deutschen ”Rapper” – nicht schon vorher mit frauenfeindlichen Texten aufgefallen wären, was aber unter ”künstlerische Freiheit” fällt und ”das ist eben so beim Rap”.

Man müsse sich einmal vorstellen es gäbe einen weiblichen Rapper, der solche Texte darbieten würde. ”Männnerfeindliche” Texte. Das Geschrei – man würde es von Norden bis Süden, Mitte, Osten, Westen, bis in die entferntesten Ecken und kleinsten Winkeln, Großstädte, Kleinstädte, Dörfer, Waldschrat-Hütten hören. Die armen Männer! ”Männerrechtler” würden gleichzeitig weinen und sich bepinkeln und das würde nur mehr Arbeit für die Frau bedeuten, die ihre Wäsche macht. Der Sexismus, der unsägliche Männerhass! Dafür gäbe es sicherlich keine Preise. Es gäbe nur Vergewaltigungsdrohungen, Beleidigungen und Hass, denn die Weibsbilder brauchen keine ”künstlerische Freiheit”. Die sollen lieber halbnackt auf der Motorhaube posieren und sich für Blowjobs hergeben, denn dafür sind sie bekanntermaßen gut. Die ”billigen Bitches” für Sex und die braven können ein paar Kinder herausdrücken und kochen. Leider aber fordern die wenigen weiblichen Rapperinnen nicht ihre künstlerische Freiheit ein und schießen doch eher gegen andere Frauen in ihren Texten und kein Mann muss zur Toxic Masculinity-Entgiftungs-Kur nach Bayern fahren.

Jetzt sind Kollegah und Farid Bang nicht nur für ihre frauenfeindlichen Texte bekannt. Das sind abwechslungsreiche Künstler. Als wäre die Frauenfeindlichkeit nicht genug, aber das wird gerne toleriert. Die Frauen sollen sich mal nicht so anstellen. Das ist doch nicht so gemeint. Das ist nur ein Witz. Das ist Kunst! Man muss auch mal über sich selbst lachen können! Ihr seid braucht mal wieder Sex! Sonst hättet ihr ein bisschen Humor! Haha! Nein, Kollegah und Farid Bang sind zusätzlich auch noch homophob, aber die schwulen Männer sind ja ein bisschen wie Frauen. Sie haben zu viele Emotionen. Streng genommen sind ja schwule Männer keine richtigen Männer und Halb-Frauen (oder umgekehrt) und deshalb fällt die Beleidigung dieser ebenfalls unter die künstlerische Freiheit der großen deutschen Rapper, die so schreiben, als würden sie mit einem Reimebuch auf dem Schoß ihre Textchen zusammenstellen. Die Frauen und homosexuellen Männer sind ja nicht in etwa so von Sexismus und Gewalt bedroht wie der arme heterosexuelle Mann, der seit Neuestem wegen des internationalem Feministinnentums unter Generalverdacht steht! Da kann man sich in der U-Bahn gar nicht mehr entblößen oder am Arbeitsplatz beherzt der Arbeitskollegin an Brust oder Po fassen, ohne dass ein verrückter Feminazi #metoo schreit! Aber Kunstfreiheit geht über den Homo-Mann wie auch über die Frau. Schützenswert ist das Recht des heterosexuellen Mannes auf künstlerische Freiheit.

Wenn jetzt aber dieser heterosexuelle, männliche, große, talentierte, unverzichtbare Künstler auch noch so ein bisschen antisemitisch ist, ja, da weiß man nicht weiter. Es ist vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist doch Kunst!

Wenn man aber mal ein bisschen nachdenkt – insofern man nicht zu verblödet dafür ist – fällt einem auf, dass der deutsche Rap meistens nichts weiter als eine schlechte Kopie des US-amerikanischen ist und manchmal – wenn man ein bisschen talentierter und kreativer ist – des franzöischen. Es ist meist unoriginell, peinlich und geschmacklos. Die Texte sind so schlecht, dass man meinen könnte, jemand aus dem deutschen Feuilleton oder Literaturbetrieb hätte sich als Ghostwriter betätigt, nachdem er (oder sie!) zu viele Hollywood-”Gangsta”-Filme gesehen hat und da kommt dann so etwas, das sich deutscher Rap nennt und es ist einfach nur p to the einlich. Warum? Weil da dumme Menschen schreiben. Menschen ohne Stil und Moral. Und es passt so gut ins Zeitgeschehen und zu Deutschland und es ist witzig und traurig zugleich.

Ich würde gerne mal mit den Dümmlingen, die Campino kritisieren und als ”Moralapostel” beschimpfen an einem psychologischen Experiment teilnehmen. Es ginge bei diesem Experiment zum Beispiel um menschliche Gier. Man sitzt Personen gegenüber. Vor einem ein Hebel. Wenn man denkt, dass jemand zu viel isst, muss man der Person einen elektrischen Schlag verpassen. Das würde dann etwas über mich als Mensch sagen. Ob ich nett oder gemein bin und es ginge gar nicht um Gier. Ich würde allen Campino-Kritikern gewaltige Stromschläge verpassen und der Leiter oder die Leiterin des Experiments wäre verwirrt und würde sagen: ”Aber er hat doch nur ein trockenes Stück Brot gegessen!” und ich würde laut lachen. In etwa so: ”HAHAHA.” Vielleicht sollte ich mit meinen Gewaltfantasien eine Karriere als Rapper in Betracht ziehen. Nur mit dem Frauenhass, der Homophobie und dem Antisemitismus habe ich es noch nicht so.

Zeigt man mit dem Finger auf andere, zeigen immer vier andere auf einen selbst, Deutschland.

Podcasts

Manchmal frage ich ich, ob ich eine der wenigen Menschen bin, die noch keinen Podcast haben oder haben möchten oder einem zuhören. Vermutlich würde ich bei meinem Podcast auch nur nach einer Weile, nach ungefähr drei Minuten ”Warm-up”, über Missstände, Politiker und Medien schreien und mich betrinken und irgendwie ist das nicht so gut. Es gibt sicherlich eine Erklärung dafür, warum das nicht so gut ist, für das Wohlbefinden, die Psyche, und dann muss man auf chinesische Medizin zurückgreifen und mit dem Meditieren anfangen und ins ”Gym” und das klingt mir zu stressig. Lieber denke ich nach, auch wenn es oft zu viel wird. Dabei gäbe es über viel zu schreien. Über die Tafeln, die zu wenig unterstürzt werden, Hebammenmangel, #Metoo, Panama Papers, mal wieder Trump, Anti-Semitismus in Europa und so weiter.

Vielleicht gibt es deshalb diese ganzen Podcasts. Es geht meist um nicht so viel, es ist eher Small-Talk und Selbstdarstellung, seichtes Geplänkel mit wenig Witz, weil es wie so oft die sind, die nichts so viel zu sagen haben, die am lautesten reden, aber vielleicht – vielleicht – ist das gut. Vielleicht braucht der Mensch genau so etwas. Um nicht verrückt zu werden oder verrückter. Einzuschalten um abzuschalten. Vielleicht ist über Podcasts schreiben schon genug.