“Du sprichst aber gut Deutsch”

Celestes Karriere

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Da standen wir bei einem “Kulturevent” und unterhielten uns.

Ich war schon ziemlich angetrunken und lallte über irgendetwas, was nichts Neues oder Außergewöhnliches ist.

Meine Bekannten waren alte Schulkameraden und Kameradinnen. Wir standen in einem Kreis, als ein Mann und eine Frau mittleren Alters uns ansprachen. Eigentlich unterhielten sie sich nur mit Celeste.

“Ich hole mir noch etwas zu trinken”, sagte ich.
“Schon wieder?” fragte Stephanie.
“Der Mensch ist ein Gewöhnheitstier”, entgegnete ich.

Es gab kostenlosen Wein. Ich nahm mir dieses Mal gleich drei Gläsern mit, damit ich nicht ständig neuen Wein holen musste. Die drei Gläser Wein würden für eine halbe Stunde reichen. Das war genug, um betrunken, aber nicht zu betrunken zu werden. Ich hatte mir das mit dem nicht zu Betrunken vorgenommen.

Als ich wieder zu den anderen zurückkam, standen die Frau und der Mann mittleren Alters immer noch um Celeste herum, aber jetzt hatten sich nur mehr Menschen mittleren Alters angesammelt und auch ein paar jüngere Menschen und so standen sie da wie leere Pfandflaschen. Die älteren sahen aus wie CDU und Schmuck aus dem Afrika-Laden, die jüngeren wie Junge Union mit Antifa gemischt. Irgendwie spießig und langweilig, was ihnen aber selbst nicht bewusst war. Solche konnte man drei Meter gegen den Wind erkennen. Sie hielten sich selbst für cool und weltoffen. Sie waren für Flüchtlinge und offene Grenzen, weil das en vogue war. Sie redeten so viel über Flüchtlinge, aber nie mit Flüchtlingen. Wahrscheinlich wählten sie nicht mal CDU. Sie waren so links, dass sie schon konservativ waren. Aber vielleicht irrte ich mich auch. Das soll vorkommen. Besonders bei steigendem Alkoholpegel. Na ja, wenigstens steigt etwas. Eine seltene Erfolgskurve.
Über was unterhielten sie sich, fragte ich mich.

Ich kam ein bisschen näher. Die anderen, Malik, Eze und Stephanie, standen nun auch mit Celeste und den übrigen zusammen. Ah, sie unterhielten sich über Celestes Karriere. In puncto Karriere konnte und wollte ich nicht so recht mitreden und trank lieber von meinem Wein. Celestes berufliche Erfolge waren auch beeindruckend, aber mich beeindruckte eher, dass der Wein nicht wie der Wein, den ich sonst trank, schmeckte. Nicht nach billigem Essig mit Ethanol in einer Garage in einer Kleinstadt zusammengepanscht, wo sich der dortige Puffbetreiber noch eine Nebeneinkunft sichern möchte – als hätte er nicht schon genug Geld – und denkt, er, als “Lebemann” könnte doch Wein herstellen und “Champagner”, den er Schlampagner nennt und der im Gegensatz zu seinem Wein nach Ethanol, Wasser und Zucker schmeckt. Das wird dann im Supermarkt oder wo auch immer verkauft. Der Wein hier bei diesem “Event” war hingegen gut. Ich trank zwei der Gläser aus. Eigentlich war es vorgesehen, dass jeder nur ein Freigetränk bekommen sollte, aber ich war mal so frei. Alkohol ist meistens kein guter Eskapismus, aber größtenteils ein einfacher, solange es nicht zu einer Sucht wird. Das ist ein schmaler Grat, den ich in Kauf nahm.
Ich legte die ausgetrunkenen Gläser ab und hielt nur noch ein Glas in der Hand. Das war so schön normal.

Eine dünne Trulla mit Dutt mit undefinierbarer Haarfarbe, ungefähr Ende 20, wedelte mit ihrer knochigen, rechten Hand umher. In der anderen hielt sie ein Weinglas. Sie trug einen Siegelring am kleinen Finger der rechten Hand und Kleidung in Erdtönen. Die Augen waren schwarz geschminkt, was ihre Schlupflider betonte. Mir fiel das mit den Schlupflidern auf, weil ich über “die größten Make-up-Fehler, die man machen kann” gelesen hatte. Wenn man nur Make-up-Fehler macht, ist ja alles gut. Dazu trug sie noch dunkelroten Lippenstift, der ihre trockenen, vollen Lippen betonte. Sie sah, dass ich sie beobachtete. Ihr betont gelangweilter Blick wechselte zu arrogant. Ich ahnte, dass sie dachte, dass ich sie auf Grund ihrer Schönheit beobachtete. Adriana Lima war das jetzt nicht, aber das interessierte nie jemanden in Deutschland, wenn es um grundlose Arroganz, verzerrte Wahrnehmungen und aufgeblasene Egos ging.

“Ich mein, man sollte seinen Körper schon verbrauchen. Ich gebe da gar nicht drauf auf diesen ganzen Lifestyle-Mist. Wellness, Selbstfindung und sowas. Man sollte trinken rauchen, wenig schlafen, wenn man will. Scheiß auf die Ernährung. Das ist doch das eigene Recht. Warum alles konservieren, wenn man ja doch nur älter wird. Das ist doch egal. Erfolg ist egal. Lass dich gehen. Bleib im Bett liegen. Warum überhaupt aufstehen, wenn es doch im Bett am schönsten ist. Scheiß auf Verantwortung. Wir haben doch alle so Angst vorm Versagen. Warum es nicht einfach mal nicht versuchen. Warum es nicht einfach mal sein lassen. Dieser ganze Erfolgsdruck. Einfach mal nicht hingehen. Liegenbleiben. Einen Monat schlafen.”

“Das ist ein interessanter Ansatz”, sagte eine der mittelalten. Sie trug eine Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover, einen grauen Blazer sowie eine Perlenkette.

“Ja”, sagte einer der Jüngeren begeistert.

“Ja, sie haut immer so kluge Sachen raus”, meinte einer der Älteren.

“Und wie bezahlst du deine Miete?” fragte ich. Alle sahen zu mir herüber. “Hartz IV?”

Sie zuckte zusammen. “Selbstverständlich kein Hartz IV”, sagte sie. “Das habe ich nicht nötig.”

Nicht Adriana Lima, aber auch Einstein nicht.

Die dürre Trulla sah mich ein bisschen erschrocken an. Mit solch einem abstrusen Gedankengang hatte sie nicht gerechnet, aber anscheinend auch niemand ihrer unterbelichteten Feunde.

Da man auf meine Frage keine Antwort wusste, wechselte man das Thema schnell. Sie redeten wieder über Celeste Karriere. Ausbildung, Studium, Freiwillgenarbeit und jetzt auch “Social Media Influencerin”.

“Das ist ja auch so wahnsinnig spannend, dass Sie als Social Media Influencerin arbeiten. Dass Sie das mit diesen ganzen neuen Medien machen. Das ist ja ein ganz neuer Markt. Wer hätte das gedacht, dass das so florieren würde. Dass man damit Geld verdienen kann. Erzählen Sie mal, wie läuft das so ab? Sie machen Videos über Ernährung und was noch?” fragte die ältere Frau.

“Naturkosmetik, Minimalismus, Umweltschutz”, sagte Celeste.

“Das ist ja ganz süß als Hobby, aber das ist doch kein Beruf”, sagte die Dürre. “Wie gesagt halte ich auch von diesem ganzen Wellness-Zeug nichts.”

“Besser als im Bett liegen als Möchtegern-Soziologe”, sagte ich.

“Ich mache ja nicht nur das”, sagte Celeste.

“Sie verdient aber genug”, sagte ich.

“Ich möchte aufklären über Nachhaltigkeit, Selbstliebe, Rassismus”, sagte Celeste. “Das ist eben so, dass man auf diesen Plattformen wie YouTube und Instagram eine große Reichweite hat und ich erreiche so viele Menschen und das ist eine Message, die ich überliefern möchte. Das hat jetzt nichts mit angeben zu tun, aber ich habe bei Instagram und Youtube ungefähr 250.000 Follower und ich möchte auch, dass Menschen, die so aussehen wie ich, repräsentiert werden in den Medien”,

Die Frau unterbrach sie. “Rassismus”, sagte sie. “Rassismus. Ich habe mich schon gefragt, woher Sie so gut Deutsch sprechen können.”

“Ja, ich mich auch”, sagte ein Mann. “Ein großes Lob. Wo haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?”

“Sind Sie Flüchtling?” fragte ein weiterer Mann. Es schien so aufgeregt zu sein wie ein Hund mit dem man gleich Gassi gehen würde. Unterhielt sich eben etwa mit einem echten Flüchtling?

Die Augen der jüngeren und älteren Menschen leuchteten.

Celeste sah sie verwirrt an. “Nein”, sagte sie. “Ich bin in Deutschland aufgewachsen” sagte Celeste. “Ich bin Halb-Deutsche.”

“Du hast so viele Follower?” fragte die Dürre.

Es war mal wieder ein bescheidener Abend. Da hätte man auch gleich zu Hause bleiben können aber da gab es keine Freigetränke.

Kaffeehausliteratur

2018-07-04 13.01.09

 

”Du kannst Kinder nicht impfen lassen. Hallo? Da ist Aluminium drin in den Impfstoffen und überhaupt: Impfen macht Kinder autistisch. Willst du ein behindertes Kind, das in seiner eigenen Welt lebt? Willst du das? Ein Kind, das voll weggetreten ist und nicht richtig da und das Kind ist auch nicht eigenständig und behindert halt. Das kannst du doch nicht wollen? Wir müssen unsere Kinder schützen. Man muss angstfrei durchs Leben gehen und nicht auf diese Panikmacherei durch die Medien und die Pharma-Industrie reinfallen. Die verdienen ihr Geld mit uns. Hallo, wach mal auf, bitte”, schreit eine Frau und nimmt einen Schluck von ihrem Getränk. Sie hat jetzt Schaum an den Lippenrändern von der Soja-Latte. Es könnte aber auch Tollwut sein. Wenn sie Heilkräuter im Wald für ihre Kinder sammelt, kann es schon mal sein, dass sie von wilden Tieren mit Tollwut angefallen wird. Von Füchsen, Wölfen, Luchsen, Wildschweinen, Bären oder Fabelwesen vielleicht.

”Ich habe sogar mal in einem Forum gelesen, dass Kinder davon homosexuell werden können. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen Homosexuelle, aber doch nicht das eigene Kind.”

Der Mann, der ihr gegenübersitzt, sieht sie achselzuckend an.

Die Frau schreit: ”Gehirnwäsche, Propaganda.” und schnaubt. ”Ich sag mal so: Wenn Mütter ihre Kinder mal stillen würden, aber nein. Die benutzen lieber Ersatzmilch und impfen. Da sind sie fein raus, denken sie.” und sie gestikuliert wie wild mit den Händen. ”Ein Kind braucht Muttermilch und Liebe. Mehr nicht. Ich erzähle dir jetzt mal was über die pädagogischen Ansätze von Montesorri.”

”Aber Larissa”, wirft der Mann ein. ”Wir wollten doch hier das Klassentreffen planen.”

Kann nicht hier und heute der Verband deutscher Autisten ein Treffen veranstalten oder vielleicht ein Autisten-Forum? Ein autistisches Pärchen könnte sich hier zum Rendezvous oder eine Elterngruppe mit ihren Kindern. Ein Film mit dem Namen ”Herdenimmunität” könnte hier gedreht werden. ”Herdenimmunität- der Film”, der von einem andalusischen Schäferhund und einer Schafherde handelt und der Hund hat ein Lieblingsschaf, aber dann sehen die ja doch alle gleich aus und der Hund hat eine verstümmelte Nase, weil er als Welpe von seinem Vorbesitzer, einem gemeinem Mann aus dem Dorf gequält und später von dem Schafzüchter gerettet und bei sich aufgenommen wurde, aber die Nase wurde nicht mehr und der Hund weiß nicht mehr, welches sein Lieblingsschaf ist und vielleicht riechen die auch alle recht ähnlich und der Schafzüchter wird Alkoholiker, weil seine Frau ihn verlässt und nach Berlin zieht, nach Deutschland, wo die Arbeitsplätze sind, und in diesem Café als Putzfrau zu arbeiten beginnt und der Schafzüchter weint viel und dann sterben alle Schafe und die Sonne erlischt plötzlich und auch alle Menschen sterben, aber der Hund überlebt, weil er von einem kleinen, autistischen Jungen mit Zauberkräften gerettet wird, aber natürlich ist das kein Harry-Potter-Abklatsch, und der Junge baut ein Raumschiff und er und der Hund fliegen ins Weltall, weil auf der Erde ist ja nicht mehr viel, und so endet der Film und der Film räumt alle Preise in Cannes, beim Sundance Festival, bei der Berlinale, bei den BAFTA Awards etc. ab. Tausche diese Frau in diesem Café gegen eine Armada von 1000 Autisten. 100000 Autisten. Eine Million. Sofort.

Die Frau sagt laut ”Hauptschule.” Es klingt als hätte sie etwas Verbotenes gesagt, etwas Konspiratives. Sie redet leiser. ”Legasthenie”, sagt sie. ”ADHS”, ”Ritalin”, ”Verhaltensgestört”, ”Regelschule mit schlecht ausgebildeten Lehrern”, ”Migranten”, ”Magst du Woody Allen? Ich liebe ihn”, ”Drogen in der Grundschule im sozialen Brennpunkt.”

Ich möchte aus dem Café stürzen und zu einem armen Heroinabhängigen laufen, die benutzte Spritze, die er soeben in die Rinne zwischen Bordstein und Bordsteinkante geworfen hat, nehmen und sie der Frau zeigen. Wenn sie panisch schreit, dass sie keine Impfung haben möchte, sage ich: ”Keine Bange, Werteste, meine Pantopon Rose. Das ist nur Diamorphin. Aus der Pflanze Papaver Somniferum. Das reicht zurück bis zu den alten Ägyptern, Liebste.” und die Frau wird erleichtert nicken und sagen: ”Wenn es natürlich ist, kann es nur gut sein. Nur her damit.” und mir schneller als Speedy Gonzales ihren bleichen Arm entgegenstrecken. ”Oh, diese wohlige Wärme. Bekomme ich das im Biomarkt oder im Reformhaus?” und ich werde sagen: ”Das bekommen Sie nur von einem Straßen-Schamanen, Teuerste.”

Ein Junge reißt mich aus meinen Gedanken. ”Haven Sie Stevia?”, fragt er. ”Nein, leider nicht”, sage ich. Der Junge sieht mich enttäuscht an, sagt vorwurfsvoll ”Dann halt nicht”, rümpft die Nase und verlässt das Café mit finsterem Blick.

”Knöpfe sortieren”, sagt die Frau laut. ”Fremdsprachen”, ”Schlafförderlich.”

Ich habe mal darüber gelesen, wie man Schlafmohn-Tee herstellt. Opium tea wie bei Nick Cave. Da sei vor einiger Zeit noch legal gewesen, aber gerade deshalb hatten Mütter Tees für ihre Kinder daraus hergestellt. Das sei so ein altes Rezept. Beruhigend, aus der Natur und ohne Zusatzstoffe. Mehrere Kinder mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil die Mütter nicht wussten, was sie da eigentlich ihren Kindern gaben. Das wäre mir nicht passiert. Wären die Mütter nur beim Fencheltee geblieben. Es ist traurig, weil sie es ja eigentlich nur gut meinten.

Ich höre die Impfgegner-Mutter laut ”Holundersirup” sagen. Der Mann, auf den sie einredet, lächelt gequält.

Ich bin einfach zu nüchtern. Vielleicht sollte ich mir einen Schnaps genehmigen.

Das Baby der Frau schreit. Sie dreht es im Tragetuch und legt es an ihre linke Brust. Es saugt gierig mit geschlossenen Augen an der Milchdrüse und japst hin und wieder ganz süß. Ihr Kleindkind malt währenddessen mit einem roten Wachsmalstift die Wand an. Ich lächle. Auf die neue Generation. It’s never too late for a happy childhood.

Rechts neben der Theke sitzt eine junge Frau mit einem Mann um die 50 zusammen. Der Mann sieht sie begeistert an. ”Dein Vater hat mir dein Manuskript zum Lesen gegeben”, sagt er. ”Was für geniale Einfälle. Was für ein revolutionäres Talent. Und das alles ohne Hildesheim oder Leipzig. Kann es denn heute noch junge Schriftsteller geben, die dort nicht schreiben lernen? Du bist ein Naturtalent. Dein Manuskript, das hat so etwas Nihilistisches. Techno, Drogen, Liebe, Exzess, reiche Kids, die gelangweilt sind, Berghain. Berlin Mitte. Das ist etwas Noch-Nie-Dagewesenes. Das Selbstzerstörerische, das Gelangweilte. Die Leere. Der Hedonismus. Geld und gutes Aussehen. Kids aus reichem Haus. Das ist Christian Kracht. Das ist Benjamin von Stuckrad-Barre mit persönlicher Note. Du bist die neue Helene Hegemann. Das ist so gut. Das ist gigantisch. Ich kann es nicht fassen. Ich sehe dich schon bei der Buchmesse und auf den Beststeller-Listen. Du wirst auch beim Bachmann-Preis lesen. Da bin ich mir sicher. Der Feuilleton wird dich lieben und über dich schreiben, er wird verzückt sein. Ein deutsches Wunderkind. Reich und gelangweilt. Berlin Roman. Wohlstandsverwahrlosung. Oh mein Gott. Das Noch-Nie-Dagewesene. Ich bin so froh, dass wir dich in unserem Verlag verlegen dürfen. Die Förderung junger Talente liegt mir am Herzen und du bist etwas ganz Großes. Du wirst die Pop-Literatur neu einläuten. Du bist die Stimme deiner Generation.”

“Dank”, sagt die junge Frau, lächelt und blickt kurz von ihrem Smartphone auf.
Mein selektives Hören funktioniert eindeutig zu gut. Ich bin aber auch einfach wirklich zu nüchtern. Ich kokse nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder und der Drogenkartelle und ich trinke nicht mehr so viel, weil ich schon zu viel getrunken habe und es mich langweilt. Happy pills, Psychopharmaka und das ganze Zeug benebeln mich nur und legen einen Schleier über ”unschöne Gefühle”. Gras macht mir nur hungrig und albern, MDMA und LSD kann man nicht immer nehmen, Heroin ist nur am Anfang Spaß, Spaß, Spaß, ja unendlicher Spaß, ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich zuletzt Spaß hatte, und ja, Meth und Crack sind auf Dauer auch nicht das Wahre, versucht habe ich es aber auch nicht. Von Speed kann ich nicht schlafen und ich bin zu traurig beim Come-Down. Sport, Yoga, Meditation, ausgewogene Ernährung, Verantwortungsbewusstsein, ein geregelter Alltag und Liebe geben und zulassen, wäre mal eine kluge Herangehensweise, aber es klingt nach so viel Aufwand. Was bleibt da noch übrig? Nüchtern und frustriert. Oh Baby. Working for the man. Gefangen in den Wirren des kalten Kapitalismus. ”Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu alles für dich.” Ich bin nicht mal Working Class Hero. Ich bin einfach nur Working Class Loser.
Vielleicht bin ich auch nur am falschen Ort. Eine einsame Waldhütte wäre das Paradies. Mit ein paar Hunden und einer Schrotflinte, falls mal jemand vorbeikommt. Nicht dieses ”Szene-Café”. Das wird es sein oder etwa nicht? Ach, was weiß ich schon.
Ich sehe aus dem Fenster. Ein als Clown verkleideter Mann geht vorbei. Er hält den Blick gesenkt. Er sieht traurig aus.

”Einen Kaffee” sagt ein Mann um die 40 zu mir.
”Was für einen Kaffee hätten Sie gern?”, frage ich.
”Normaler Kaffee”, sagt der Mann energisch.
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”
Der Mann stöhnt genervt auf. ”Normaler Kaffee.”
”Was ist normaler Kaffee für Sie?”, wiederhole ich.
”Filterkaffee mit Milch und Zucker.”
”Wir haben hier keinen Filterkaffee. Das ist eine italienische Kaffee-Kette.”
”Was soll das bedeuten?”
”Das bedeutet, dass es hier nur italienischen Kaffee gibt. Ich bin hier auch nicht der Eigentümer und entscheide das nicht.”
”Bitte? Das kann doch nicht sein.”
”Doch.”
”Ich möchte normalen Kaffee”, fordert der Mann.
”Caffé Espresso, Caffé Corretto, Caffé Lungo, Caffé Latte, Caffé Macchiato, Caffé Risretto, Cappucino, Latte Macchiato, Caffé Freddo oder Caffé Sospeso? Wir haben auch Sojamilch.”
”Warum gibt es hier keinen normalen Kaffee?”
”Wissen Sie”, sage ich. ”Filterkaffee ist so etwas typisch Deutsches. Das ist aber ein italienisches Café. Manche in Italien sagen, dass man in Deutschland keine Kultur hätte. Das haben auch schon die alten Römer gesagt. Die nannten die Deutschen Barbaren. Zumindest ist die Nationalmannschaft in Deutschland besser. Haben Sie die Göttliche Komödie gelesen?”
”Bitte?”
”Ja. Was für einen Kaffee möchten Sie?”
”Latte Matschiato”, sagt der Mann und stockt für einen kurzen Moment.
Dann sagt er: ”Nein, ich möchte keinen. Ich werde dieses Café nie wieder betreten. Es gibt keinen normalen Kaffee. Wo gibt es denn so was?” schimpft er. ”Saftladen.”
”Ja, Saft haben wir auch”, sage ich.
Der Mann sieht mich entgeistert an.
”Wenn man zu dumm ist für einen richtigen Job, muss man eben in einem Café arbeiten”, sagt er triumphierend.
”Sie sind ja anscheinend zu dumm, um Kaffee in einem Café zu bestellen. Das bekomme sogar ich hin- trotz meiner unsäglichen Dummheit. Na dann, werter Freund. Reisende soll man nicht aufhalten. Habe die Ehre. Arrivederci.”
”Unverschämtheit”, ruft der Mann.
”Ist das eine deutsche Filterkaffee-Marke?”
Der Mann sieht mich mit hochrotem Kopf an und geht.
Ciao bello.

Noch fünf Stunden bis Dienstschluss. Ein Mann kommt vor, bestellt ”eine Latte” und lacht. ”Latte haha.” Ich habe den Witz nur schon mindestens fünf Mal heute von Männern gehört und er war schon beim ersten Mal nicht witzig. Ich verziehe das Gesicht. Der Mann sieht mich traurig an. Ich ziehe meinen rechten Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Das Gesicht des Mannes erhellt sich wieder. Eine Straßenbahn hält gegenüber vom Café an. In großen Lettern steht auf der Straßenbahn: ”Im Gegensatz zu dir bin ich immer breit. BVG. Wir lieben dich.” Ich zeige darauf und sage: ”Bereit.” Der Mann muss lachen. Ich ziehe nun auch den linken Mundwinkel zusätzlich zum rechten hoch. Das freut den Mann. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich räume Tische ab und kehre. Noch fünf Stunden bis Dienstschluss.

Ein dünnes, blondes Mädchen mit einem Dutt sitzt an einem der Tische mit ihren Freunden. Ihre Iphones und Samsung Galaxies liegen neben ihren überteuerten Getränken auf dem Tisch. Sie sagt laut: ”Ich bin doch an der Springer Akademie. Ich habe ein Semester Kommunikationswissenschaften und dann Jura studiert, aber das war nichts für mich. Das haben so viele Mädchen mit blondierten Haaren studiert und so. Das waren halt so Tussis irgendwie. Weißt du so, ich lese Kleist in der Mensa und die Modemagazine. Ich mein’, ich lese auch mal Modemagazine, aber doch nicht nur. Das war mir dann nicht intellektuell genug von den Menschen her. Das bringt mich doch null weiter, wenn ich mit solchen Menschen zu tun habe. Meine Eltern sagten noch, dass ich auf Lehramt studieren könnte, aber da war ich nur in einer Vorlesung. Da waren halt so voll die Mauerblümchen irgendwie. Da habe ich ja gar nicht hingepasst. BWL hätte ich noch gern gemacht, aber das ist ja irgendwie so trocken. Literaturwissenschaften hätte ich auch noch gemacht, weil sich das irgendwie so intellektuell anhört. Da kann man dann sagen, dass man voll belesen ist, weil man ja voll viele Bücher lesen muss und so.” Sie kichert. ”Hm, ja, aber ich wurde dann ja an der Springer Akademie angenommen. Ich bin echt super zufrieden mit der Springer Akademie. Man lernt ja so unglaublich viel an der Klinger Akademie.”
Ihre Freunde nicken.
”Ich habe ja jetzt voll hohe Klickzahlen auf meinem Blog”, sagt ein Mädchen stolz in die Runde. ”Mein Blog heißt ”Books, tea and fashion.”
Das Mädchen hat blondierte Haare. Sie holt ein Buch aus ihrer Tasche, legt es auf den Tisch neben ihre Tasse Kaffee und die Vase mit der pinken Tulpe und macht ein Bild davon. ”Für meinen Blog”, sagt sie.
”Ja, das wäre nichts für mich”, sagt das Mädchen mit dem Dutt. Ich möchte schon authentischen Journalismus machen und nicht nur bloggen. Ich habe ja auch einen Blog, aber das ist doch kein Journalismus. Man lernt bei der Springer Akademie so viel. Das ist ja nicht nur die Bild-Zeitung. Die Leute haben da ja so krass viele Vorurteile. Da gibt es ja auch Zeitungen und Zeitschriften mit hohem Niveau. Da sehe ich mich ja und nicht bei der Bild. Das wäre ja nichts für mich.”
Die Freunde nicken.
”Es ist so nervig immer den Trotteln erklären zu müssen, dass das bei Springer nicht nur die Bild ist. Da gibt es auch seriöse Medien”, sagt sie. ”Da schreiben so krass kluge, innovative Köpfe und da kann nicht einfach jeder mitschreiben. Da muss man schon voll klug sein. Mathis Matschussek hat das auch zu mir gesagt, bevor man ihm gekündigt hat. Man muss auch schon wahnsinnig klug sein, um an der Springer Akademie angenommen zu werden. Wir nehmen da doch nicht jeden an der Springer Akademie. Viele wollen hin, aber es schafft halt nicht jeder. Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich mein’, ich habe ja nichts gegen die Bild, aber das wäre unter meinem Niveau vom Journalistischen her irgendwie. Die Bild ist aber auch nicht mehr so wie früher und ist jetzt bürgerlich und die lesen ja auch voll viele.”
Die Freunde nicken wieder.
”Meine Eltern meinten gestern so bei Facetime: ‘Such dir doch mal einen Job oder so, weil dann müssen wir dir nicht immer so viel Geld überweisen. Wir zahlen doch schon deine Wohnung und so.’ und ich meine so: ‘Ja, und? Das gehört sich ja wohl so für Eltern. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann. Ich könnte euch ja nach viel mehr Geld fragen. Ihr solltet dankbar dafür sein, dass ich mich mit so wenig zufriedengebe. Ich meine, habe ich euch gebeten geboren zu werden oder was?’ und die so voll angepisst irgendwie: ‘Wir meinen ja nur, Lara.’ und dann sagen sie das noch so voll vorwurfsvoll irgendwie.” Sie seufzt. ”Ich habe dann aber gedacht, dass ich ja echt mal arbeiten könnte. Ich habe mich bei Model-Agenturen beworben, aber die wollten mich alle nicht. Könnt ihr euch das vorstellen? Ich habe mir die Models der Agenturen auf den Homepages angeguckt und ehrlich, die sahen mal gar nicht gut aus. Ich war dann auch echt froh, dass ich nicht genommen wurde. Wisst ihr, vielleicht sah ich zu gut aus und wurde deshalb nicht genommen. Ich mein’, wenn die nur hässliche Mädels wollen? Ich habe mich jetzt mal bei ”Wer wird Millionär” beworben. Da brauche ich dann ja gar nicht arbeiten, wenn ich gewinne. Es reichen ja schon 500 000 Euro oder so. Dann könnte ich mich ganz auf meine Karriere konzentrieren. Ich bin ja jetzt schon voll gestresst. Ich brauche Entspannung.” Sie kichert wieder. ”Wollen wir uns am Wochenende ein Haus an der Nordsee mieten? Ich hätte da voll Bock drauf. Weißt du so Meer und der Wind und so. Ich hätte auch mal wieder Bock auf lecker Fisch.”
”Klingt gut”, kommt als Antwort.
”Oh Gott, ist das da drüben Julia Engelmann?”, sagt sie. ”Ich hasse Poetry Slam und Julia Engelmann. Das ist doch keine Literatur. Kennt ihr das, wenn ihr jemand so gar nicht den Erfolg gönnt? Julia Engelmann hat ja gar kein Talent.” Sie seufzt.

Es ist leider nicht Julia Engelmann. Tausche Julia Engelmann gegen das Mädchen mit dem Dutt. Sofort.

”Habe ich schon gesagt, dass ich bald nach Mailand für eine Reportage fliege? Ich bin so stolz auf mich. Der Chef-Redakteur der Welt schickt mich hin. Dulf Schorchlhardt ist echt so krass sympathisch irgendwie. Ich möchte keine Reportagen in Deutschland machen. Das wäre ja nichts für mich. Kleinstadt-Mief. Es gibt ja hier nur Hamburg und Berlin. Ich möchte eine Zigarette rauchen. Wer kommt mit raus?” Sofort springen zwei Mädchen wie dressierte Zirkus-Affen auf.

Ich trinke einen Espresso und sehe mich gelangweilt um. Ich habe die Ausstrahlung eines arabischen Diktators. Ich bin der schlechtgelaunteste Barrista. Meine Kollegen bekommen alle massig Trinkgeld, ich vielleicht mal zwei Cent.
Ist ein italienisches Café in Berlin Teil der Gentrifizierung oder multikulturelle Bereicherung? Es ist ja eine US-amerikanische Kaffee-Kette. Der ursprüngliche Besitzer stammt aus Italien. Er wanderte aber nach New York aus und wurde reich. Ach, ich versuch’s mir nur schönzureden, dass ich hier arbeite. Ich habe auf die Schnelle nichts anderes gefunden und brauche das Geld und Hartz IV ist mir zu viel Papierkram und es ist unfair den Bedürftigen und Steuerzahlern gegenüber. Ich habe mir ausgesucht ein brotloser Künstler zu sein, der zu wenig Kunst macht und stattdessen zu vielen trüben Gedanken nachhängt und billigen Rotwein in meinem kleinen, unordentlichen Zimmer trinkt und kann mich doch jetzt nicht mehr beklagen. Es ist ein bisschen wie bei Carl Spitzwegs ”Der arme Poet”. Ich bin vermutlich auch gar kein Poet und eher ein träumender Trinker. Oder ein trinkender Träumer. Vielleicht nicht mal das. Ich wische Tische ab.

US-Amerikanische und kanadische Touristen im Café schreien beim Reden wie vermutlich Menschen, die in den Bergen wohnen und ins Tal rufen. Vielleicht rufen sie ihre Kühe. Wenn die Amerikaner wenigstens über interessante Gesprächsthemen schreien würden, aber es ist nur hohles Gefasel über irgendwelche Clubs und wo man gut essen gehen kann und die letzte Partynacht und
wie ausschweifend es noch wurde und wer mit wem Sex auf der Clubtoilette hatte. Das kann ich auch in Deutsch haben, aber in erträglicherer Lautstärke. Ich bin vermutlich bloß neidisch, weil die Amerikaner sich an vielerlei erfreuen können und nicht nur schlechtgelaunt und eigenbrötlerisch herumgängen wie ich. Ein Österreicher sagt laut: ”Das geht sich nichts aus.” zu seiner Begleitung. ”Eh”, sagt seine Begleitung. Ich räume Geschirr in die Spülmaschine.

Eine hübsche, dunkelblonde Frau, ungefähr Mitte 40 mit schönen, graublauen Augen, die modisch, aber unaufdringlich in gedeckten Farben gekleidet ist, sitzt einer hellblonden, sehr dünnen Frau etwa im gleichen Alter gegenüber, die ein weißes, enges Mini-Kleid und grellen, orangestichigen Lippenstift trägt.
Die hellblonde Frau sagt: ”Ich fühle mich so unsichtbar als Frau, verstehst du? So als ob mich die Männer nicht mehr beachten und das Schlimmste ist, dass es jetzt nur noch weiter bergab geht.” Sie seufzt und sieht auf ihre manikürten Hände. Sie fährt mit dem rechten Zeigefinger langsam den Rand ihrer Tasse entlang und folgt dem Finger mit den Augen.
”Ach, Bettina”, sagt die dunkelblonde Frau sanft. ”Du hast seit 30 Jahren nichts als Männer im Kopf und was sie über dich denken. Darüber haben wir doch schon letztes Mal geredet.”
Die dunkelblonde Frau bestellt ein Stück Käsekuchen.
”Das ist heute für Sie umsonst”, sage ich.
”Umsonst?”
”Ja. Sie sind der millionste Besucher, wissen Sie”, sage ich augenzwinkernd.
Die Frau sieht mich ungläubig an und bedankt sich.
”Schade, dass ich spät dran war heute. Sonst hätte ich vielleicht gewonnen, aber ich esse ja ohnehin keinen Zucker mehr”, sagt die hellblonde Frau und lacht.
Die hellblonde Frau wird für immer ein Mädchen bleiben und nie zur Frau, denke ich.

Ich bekomme ein großzügiges Kleingeld von einem netten Paar aus Paris, nachdem wir uns über Balzac unterhalten haben. Die anderen Gäste müssen warten. ”Wenn man seinen Job schlecht macht, muss man eben kündigen”, sagt das Mädchen mit dem Dutt laut und knallt mir das Geld hin. Da hat sie Recht. Ihre Freunde nicken. Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten, denke ich. Das wäre ja nichts für mich.
Ich esse einen glutenfreien Keks und überlege, ob Johanniskraut etwas für mich wäre. Dann zerbrösle ich einen weiteren Keks und lege ein paar Krümel auf die Tische draußen für die Spatzen.

Ein Mann, der vorne an einem Tisch bei den Fenstern sitzt, zündet sich eine Zigarette an. Er trägt einen Anzug.
”Sie können hier nicht rauchen”, sage ich.
”Immer diese Gängelung von Rauchern”, sagt er. ”Ich dachte, das hier wäre der Raucherbereich.”
”Wir haben keinen Raucherbereich”, sage ich.
”Dann wird’s mal Zeit. Man fühlt sich als Raucher ja schon wie als Mensch zweiter Klasse.”
”Guter Mann, hören Sie mal, dieses Café besuchen auch Schwangere oder Eltern mit ihren Kindern und Menschen mit Asthma. Rauchen ist kein Grundrecht. Was kommt als nächstes? Vielleicht können Sie anfangen zu jodeln, weil sie so gerne vor lauter Glück jodeln und Jodeln ist etwas Schönes? Wenn es andere stört, ist das ja egal, oder? Sie können gerne jodeln, wenn es nicht zu laut ist, aber bitte hier nicht rauchen, verstanden?”
Der Mann sieht mich mit offenem Mund an. ”Aber, aber”, sagt er und rümpft die Nase. ”Wie haben Sie mich genannt? So eine Frechheit. Ich werde mich beschweren. Ich bin Journalist. Ich werde über dieses Café schreiben-”
”Rauchen Sie doch mal eine. Das beruhigt sagen Auchrr ”, sage ich. ”Aber bitte vor der Tür.”
Der Mann drückt die Zigarette demonstrativ am Tisch aus, denn Aschenbecher gibt’s ja keine, packt seine Sachen zusammen und geht.

Noch zwei Stunden bis Dienstschluss. Eine dunkelhäutige Frau kommt vor an die Theke. Sie hat ihre Kinder dabei. ”Einen Latte Macchiato, bitte”, sagt sie mit einem Akzent.
Ich schenke den Kindern Kakao. ”Geht aufs Haus”, sage ich.
”Aufs Haus? Das hatte ich ja noch nie.”
”Da war ich ja auch nicht da”, sage ich. ”Ich bin etwas ganz Besonderes.” Es ist ein Scherz.
”Ja”, sagt die Frau und lächelt verwirrt. ”Das stimmt.” Sie bedankt sich, die Kinder bedanken sich.
Ich habe auch heute Morgen schon einem dunkelhäutigen Mann etwas ausgegeben. Er sagte zu mir, dass ihm kalt sei und fragte mich, ob ich ihm sagen könnte, wo er Handschuhe kaufen kann.
”Es ist doch noch nicht so kalt?”, sagte ich. ”Da brauchen Sie doch nicht jetzt schon Handschuhe.”
Der Mann lächelte und sagte: ”Doch. Es ist immer heiß, wo ich herkomme.”
”Wo kommen Sie denn her?”
Der Mann lächelte. ”Sieht man das nicht? Aus Afrika.”
Er bekam seinen Kaffee, natürlich, umsonst.                                  Ich würde das ja nicht machen, wenn es hier Fair Trade-Kaffee und Kakao gäbe, aber so bleibt mir keine andere Wahl. Das muss ich ja so machen. Das ist meine Wiedergutmachung an Afrika für die Kindersklaven, die ausgebeutet werden für den Kakao und die Schokolade und für das Palmöl gleich mit. Von der Kolonisierung früher müssen wir erst gar nicht reden. Ich bin der Bob Geldof der Barrista. Ich bin nur freundlich zu den wenigen dunkelhäutigen Menschen, die das Café betreten und mit einem Akzent reden oder auf Englisch bestellen. Das ist positiver Rassismus und es ist mir egal. Die übrigen Menschen, bis auf Kinder, alte und sehr nette Menschen, mag ich nicht. Wenn arme Menschen kommen würden, würde ich ihnen auch etwas schenken, oder na ja, für sie stehlen, aber die gehen nicht in “Szene-Cafés”.

Später fliege ich raus, weil ich mich weigere für den Kakao, den Kaffee und den Käsekuchen zu bezahlen, den ich verschenkt habe. Der Chef lobt mich sogar für meine Güte, weil er ein netter Mensch ist, aber ihm und den oberen Chefs geht’s nun mal ums Geld und da kann man keine Mitarbeiter gebrauchen, die anderen etwas schenken und nicht dafür bezahlen. ”Das ist eben Kapitalismus”, sagt er. Anzeigen möchte er mich aber nicht. Wir umarmen uns. Er fragt mich, ob ich ein Künstler oder Nachwuchspolitiker sei. ”So ähnlich”, sage ich und frage mich, warum er mich für einen hält.

Mein erster Arbeitstag in dem Café war kein großer Erfolg. Erfolg ist nichts für Arbeiter- und Migrantenkinder wie mich, sage ich tröstend zu mir und klopfe mir auf die Schulter. Kleiner Mann, was nun?
Ich denke öfter mal, dass ich so ein kaputter Typ wie Michel Houellebecq bin. Ohne den Literatur-Erfolg versteht sich.

Es ist Zeit nach Hause zu gehen. Ich schreibe ”Eat the Rich” mit Kreide an die Hauswand einer Edel-Boutique.

Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

Morgenpost-Kolumne

 

Irgendetwas googlen, auf einem Artikel landen. Eine Kolumne einer Frau Ende 20 aus Berlin. Gut geschrieben meiner Meinung nach. Ich lese gleich mehrere ihrer Artikel, aber dann erschaudere ich ein wenig, als ich bemerke, dass ich auf der Online-Seite der ”Mopo” bin. Springer-Presse. Grauenvoll. Zumindest ist mein Adblocker an (den ich ausschalte bei Seiten, die ich mag). 

Ich google die Autorin. Sie war auf der Springer-Akadamie.

Was, frage ich mich, treibt einen Menschen dazu? Kein Rückgrat, kein Stil, keine Moral? Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten.

Ich habe mal eine Folge ”Wer wird Millionär” gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte. Das ist schon ein bisschen länger her. Ich ziehe zu oft um für Fernseher. Eine junge Frau, blond, blass, schlank, langweilig, aber adrett gekleidet, war als Kandidatin in der Sendung. Die Frau studierte (oder wie sich das nennt, was man da macht) an der Springer-Akademie. Jauch frage nach, schien verstehen zu wollen, was jemand dazu bewegt an der Springer-Akademie studieren. Er schien eher ein bisschen kritisch darüber zu denken, was die Frau aber nicht bemerkte. Jauch ist eben auch eine andere Generation. ”Enteignet Springer” sagt ihm vermutlich mehr als ihr. Er ist vielleicht zu intelligent und stilvoll für Springer. Selbst Jauchs Arbeitgeber RTL ist um einiges besser. Sie war aber so stolz, dass sie es da hin geschafft hatte. Sie verbriet alle Joker und bettelte bei Günther Jauch um Hilfe.”Machen Sie denn irgendetwas selbst?” frage Jauch sichtlich irritiert. Diese Frau war eine gute Präsentation für Springer.

Heutzutage ist Springer nicht mehr so verpönt wie früher. Man kann nicht sagen, dass der Mensch in Deutschland dümmer geworden ist, ohne eine Studie zu machen. Man kann nur annehmen, dass er vielleicht dümmer geworden ist und weniger idealistisch. Mehr karriereorientiert. Konsum. Selbstdarstellung. Likes, Followers. Oberflächlichkeit.

Die Frau bei der Morgenpost.

Ich lese dennoch Kolumne dieses Mal. Ich bin auf eine Art fasziniert, dass ein Mensch sich für Springer hergibt und sich nichts dabei denkt. Auch angeekelt. Das ist ja verständlich.

Die Journalistin schreibt in der Kolumne, die ich lese, über ”Influencer”. Das sind Menschen, die bei Instagram und Youtube hundertausende oder Millionen von Followern haben oder haben wollen und Geld mit Sponsoren verdienen. Mode, Detox tea, Werbung für Hotels, Make-up und dergleichen. Man kann mit vielem Geld verdienen. Die Journalistin geht auf eine Party, wo sie auf eben solche, meist weibliche, Influencer trifft. Die Journalistin urteilt über diese. Spottet.

Moment mal, denke ich. Du arbeitest bei Springer und urteilst über andere? Es gibt, wenn man mal darüber nachdenkt, unfassbar dumme Menschen.

Echo Verleihung, Kollegah und Farid Bang

Man echauffiert sich in Deutschland gerne über Trump, Orban, die politischen Verhältnisse in Polen und dergleichen und das zu Recht, aber man kehrt doch eher selten vor der eigenen Tür im so unfehlbaren Deutschland. Wenn man in den Feuilletons liest, was da für unterbelichtete Menschen, weiblich, männlich, ”Meinungen” zum ”Besten” geben und wem man in Deutschland Preise verleiht, da denkt man an Deutschland in der Nacht. Preise in Deutschland gehen an Typen wie Kollegah und Farid Bang. Ist das gut?

Es ist ja nicht so, dass die beiden – wie so viele andere der bekannten deutschen ”Rapper” – nicht schon vorher mit frauenfeindlichen Texten aufgefallen wären, was aber unter ”künstlerische Freiheit” fällt und ”das ist eben so beim Rap”.

Man müsse sich einmal vorstellen es gäbe einen weiblichen Rapper, der solche Texte darbieten würde. ”Männnerfeindliche” Texte. Das Geschrei – man würde es von Norden bis Süden, Mitte, Osten, Westen, bis in die entferntesten Ecken und kleinsten Winkeln, Großstädte, Kleinstädte, Dörfer, Waldschrat-Hütten hören. Die armen Männer! ”Männerrechtler” würden gleichzeitig weinen und sich bepinkeln und das würde nur mehr Arbeit für die Frau bedeuten, die ihre Wäsche macht. Der Sexismus, der unsägliche Männerhass! Dafür gäbe es sicherlich keine Preise. Es gäbe nur Vergewaltigungsdrohungen, Beleidigungen und Hass, denn die Weibsbilder brauchen keine ”künstlerische Freiheit”. Die sollen lieber halbnackt auf der Motorhaube posieren und sich für Blowjobs hergeben, denn dafür sind sie bekanntermaßen gut. Die ”billigen Bitches” für Sex und die braven können ein paar Kinder herausdrücken und kochen. Leider aber fordern die wenigen weiblichen Rapperinnen nicht ihre künstlerische Freiheit ein und schießen doch eher gegen andere Frauen in ihren Texten und kein Mann muss zur Toxic Masculinity-Entgiftungs-Kur nach Bayern fahren.

Jetzt sind Kollegah und Farid Bang nicht nur für ihre frauenfeindlichen Texte bekannt. Das sind abwechslungsreiche Künstler. Als wäre die Frauenfeindlichkeit nicht genug, aber das wird gerne toleriert. Die Frauen sollen sich mal nicht so anstellen. Das ist doch nicht so gemeint. Das ist nur ein Witz. Das ist Kunst! Man muss auch mal über sich selbst lachen können! Ihr seid braucht mal wieder Sex! Sonst hättet ihr ein bisschen Humor! Haha! Nein, Kollegah und Farid Bang sind zusätzlich auch noch homophob, aber die schwulen Männer sind ja ein bisschen wie Frauen. Sie haben zu viele Emotionen. Streng genommen sind ja schwule Männer keine richtigen Männer und Halb-Frauen (oder umgekehrt) und deshalb fällt die Beleidigung dieser ebenfalls unter die künstlerische Freiheit der großen deutschen Rapper, die so schreiben, als würden sie mit einem Reimebuch auf dem Schoß ihre Textchen zusammenstellen. Die Frauen und homosexuellen Männer sind ja nicht in etwa so von Sexismus und Gewalt bedroht wie der arme heterosexuelle Mann, der seit Neuestem wegen des internationalem Feministinnentums unter Generalverdacht steht! Da kann man sich in der U-Bahn gar nicht mehr entblößen oder am Arbeitsplatz beherzt der Arbeitskollegin an Brust oder Po fassen, ohne dass ein verrückter Feminazi #metoo schreit! Aber Kunstfreiheit geht über den Homo-Mann wie auch über die Frau. Schützenswert ist das Recht des heterosexuellen Mannes auf künstlerische Freiheit.

Wenn jetzt aber dieser heterosexuelle, männliche, große, talentierte, unverzichtbare Künstler auch noch so ein bisschen antisemitisch ist, ja, da weiß man nicht weiter. Es ist vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist doch Kunst!

Wenn man aber mal ein bisschen nachdenkt – insofern man nicht zu verblödet dafür ist – fällt einem auf, dass der deutsche Rap meistens nichts weiter als eine schlechte Kopie des US-amerikanischen ist und manchmal – wenn man ein bisschen talentierter und kreativer ist – des franzöischen. Es ist meist unoriginell, peinlich und geschmacklos. Die Texte sind so schlecht, dass man meinen könnte, jemand aus dem deutschen Feuilleton oder Literaturbetrieb hätte sich als Ghostwriter betätigt, nachdem er (oder sie!) zu viele Hollywood-”Gangsta”-Filme gesehen hat und da kommt dann so etwas, das sich deutscher Rap nennt und es ist einfach nur p to the einlich. Warum? Weil da dumme Menschen schreiben. Menschen ohne Stil und Moral. Und es passt so gut ins Zeitgeschehen und zu Deutschland und es ist witzig und traurig zugleich.

Ich würde gerne mal mit den Dümmlingen, die Campino kritisieren und als ”Moralapostel” beschimpfen an einem psychologischen Experiment teilnehmen. Es ginge bei diesem Experiment zum Beispiel um menschliche Gier. Man sitzt Personen gegenüber. Vor einem ein Hebel. Wenn man denkt, dass jemand zu viel isst, muss man der Person einen elektrischen Schlag verpassen. Das würde dann etwas über mich als Mensch sagen. Ob ich nett oder gemein bin und es ginge gar nicht um Gier. Ich würde allen Campino-Kritikern gewaltige Stromschläge verpassen und der Leiter oder die Leiterin des Experiments wäre verwirrt und würde sagen: ”Aber er hat doch nur ein trockenes Stück Brot gegessen!” und ich würde laut lachen. In etwa so: ”HAHAHA.” Vielleicht sollte ich mit meinen Gewaltfantasien eine Karriere als Rapper in Betracht ziehen. Nur mit dem Frauenhass, der Homophobie und dem Antisemitismus habe ich es noch nicht so.

Zeigt man mit dem Finger auf andere, zeigen immer vier andere auf einen selbst, Deutschland.

Podcasts

Manchmal frage ich ich, ob ich eine der wenigen Menschen bin, die noch keinen Podcast haben oder haben möchten oder einem zuhören. Vermutlich würde ich bei meinem Podcast auch nur nach einer Weile, nach ungefähr drei Minuten ”Warm-up”, über Missstände, Politiker und Medien schreien und mich betrinken und irgendwie ist das nicht so gut. Es gibt sicherlich eine Erklärung dafür, warum das nicht so gut ist, für das Wohlbefinden, die Psyche, und dann muss man auf chinesische Medizin zurückgreifen und mit dem Meditieren anfangen und ins ”Gym” und das klingt mir zu stressig. Lieber denke ich nach, auch wenn es oft zu viel wird. Dabei gäbe es über viel zu schreien. Über die Tafeln, die zu wenig unterstürzt werden, Hebammenmangel, #Metoo, Panama Papers, mal wieder Trump, Anti-Semitismus in Europa und so weiter.

Vielleicht gibt es deshalb diese ganzen Podcasts. Es geht meist um nicht so viel, es ist eher Small-Talk und Selbstdarstellung, seichtes Geplänkel mit wenig Witz, weil es wie so oft die sind, die nichts so viel zu sagen haben, die am lautesten reden, aber vielleicht – vielleicht – ist das gut. Vielleicht braucht der Mensch genau so etwas. Um nicht verrückt zu werden oder verrückter. Einzuschalten um abzuschalten. Vielleicht ist über Podcasts schreiben schon genug.