Gelungene Integration

Berlin

”Diese ganzen Menschen hier mit Migrationshintergrund,” sagt eine junge Frau laut. Sie ist blond und ungefähr Ende 20. ”Ich bin so… so ergriffen,” sagt sie ganz andächtig zu ihrer Begleitung. ”Es war so gut, dass wir entschieden haben herzufahren.” Ihre Begleitung, männlich, im gleichen Alter, blond, nickt zustimmend.

”Wir sind hier live im Migranten-Geschehen,” sagt die Frau. Der Mann nickt wieder. Er macht Bilder mit einer Spiegelreflex-Kamera.

”Ich fühle mich so kulturell bereichert,” sagt die Frau. ”Warte, ah, mir kommen Tränen. Nein, Tillmann, bitte sieh mich nicht an. Das ist mir peinlich. Bitte schau dir hier diese Menschen an.”

”Ich glaube, wir gehen besser nach Hause, Hannah,” sagt der Mann. ”Das war vielleicht alles ein bisschen zu viel für dich.”

”Ja,” sagt die Frau. ”Wir dürften genug Material für den Artikel haben. Hm, wie kommen wir denn jetzt nach Hause? Aus welcher Richtung sind wir gekommen? Von da oder von da?”

”Ich weiß nicht,” sagt der Mann. ”Die ganzen Migranten, Drogendealer, Alkoholiker, Punker und Obdachlosen haben mich irgendwie abgelenkt.”

”Warte, ich frage mal jemanden,” sagt die Frau. Sie geht auf eine junge Frau mit Kopftuch zu. ”E n t s c h u l d i g u n g,” sagt sie. ”Wo ist denn hier die U-B a h n-H a l t e s t e l l e oder B u s h a l t e s t e l l e? Wir sind nicht von hier. Wir müssen nach M i t t e oder zum P r e n z l a u e r b e r g. Do you speak English?”

Die Frau mit Koptuch sagt: ”Sie müssen nicht so mit dir reden. Ich spreche Deutsch. Ich bin in Berlin geboren.”

”Ach, so. Ja, also, können Sie uns sagen, wie wir zur U-Bahn oder zu einer Bushaltestelle kommen?”

Die Frau mit Kopftuch sagt: ”Hier vorne ist gleich die U-Bahn. Sie kommen dann zur U-Bahn-Haltestelle Kottbusser Tor. Von dort können Sie weiterfahren.”

”Danke,” sagt die junge Frau. ”Wissen Sie,” fügt sie hinzu. ”Ich finde es ganz toll, dass Sie so gut Deutsch sprechen und hier so unbedarft in dieser No-go-Area wohnen, in diesem sozialen Brennpunkt, und Sie sprechen auch ganz ohne Soziolekt. Das ist wirklich ganz toll. Oder Tillmann? Was sagst du dazu? Das ist doch wirklich toll.”

”Ja, ganz toll.”

”Und wissen Sie, ja, es gibt Deutsche, die keine Migranten mögen und was gegen Moslems und Flüchtlinge haben, aber wir nicht. Wir finden das alles super. Diese kulturelle Bereicherung. Sehen Sie hier diesen Dönerladen oder den Gemüsehändler, die Taxifahrer. Wir glauben nicht, dass alle Migranten kriminell sind. Wir wählen auch nicht die AFD. Wir sind linksliberale, junge Leute. Wir sind weltoffene Journalisten und wir setzen uns für ein tolerantes Berlin ein. Das ist einer der vielen Gründe, weshalb wir nach Berlin gezogen sind. Oder Tillmann? Wie Sie das alles meistern. Ihre Integration. Ein ganz großes Lob an Sie.”

”Äh, danke,” sagt die Frau mit Kopftuch. ”Ich muss dann mal weiter. Tschüssi.”

Die junge Frau kichert. ”Tschüssi hihi,” sagt sie. ”Ja, Tschüssi. Tillmann, sag mal bitte ”Tschüssi.”

”Tschüssi.”

Die Frau mit Kopftuch lächelt verwirrt und geht weiter.

”Das war so eine schöne Unterhaltung,” sagt die Frau. Sie ist sichtlich gerührt.

”Ja,” sagt der Mann. ”Wir haben aber auch schon mal bei Mc Donald’s mit einem Migranten geredet.”

”Ja, stimmt. Hm, aber nie wieder Mc Donald’s. Ich meine, jetzt nicht wegen der Migranten. Ich meine, das Essen. Das war ja schrecklich.”

”Ja, finde ich auch.”

”Warte mal, Luisa und Ralf haben mir eine Whatsapp geschickt. Die sind doch momentan auf Feurte. Schau mal, wie schön, das Bild. Hm, findest du nicht, dass Luisa ein bisschen zugelegt hat? Na, die lassen es sich aber gut gehen. Man kann ja den Urlaub genießen, aber dass man sich gleich so gehen lässt? Würdest du mich verlassen, wenn ich so zunehme?”

”Nein, warum? Du gehst doch immer ins Gym. Wir sollten echt mal nach Neukölln ziehen. Das ist jetzt voll hip und da gibt es auch voll viele Menschen mit Migrationshintergrund. Juliane und Frederick wohnen doch auch schon da.”

”Ja.”

Ich renne der Frau mit dem Kopftuch hinterher. Ich rede auf sie ein, sage ihr, dass ich mich verlaufen habe und mir ein Schnösel-Paar, Journalisten oder so, nicht weiterhelfen konnte und ich deshalb jemanden fragen wollte, der wie ein echter Berliner aussieht. ”Wo müssen Sie denn hin?” fragt sie.”

”Hm. Rudi-Dutschke-Straße,’‘ sage ich. ”Zu Le Monde diplomatique.” Sie sagt, dass das aber schon ein ganzes Stückchen ist.

Ich muss gar nicht zur Rudi-Dutschke-Straße.

Ich begegne Tilmann und Hannah von eben in der U-Bahn. Sie starren auf die Displays ihrer Handys. ”Guten Tag, die Fahrscheine, bitte,” sagen zwei Männer laut. Ich werde mal wieder beim Schwarzfahren erwischt. Der Kontrolleur, der meine Daten erfasst, wünscht mir ”trotzdem noch einen schönen Tag”. ”Danke, ‘‘, sage ich. Ich vergesse ihm trotzdem auch noch einen schönen Tag zu wünschen. Ich ziehe, gedanklich, 60 Euro von meinem Gehalt ab.

Sarah

alicecatherine92

Sarah ist nicht so groß, eher kleiner, ihre Haare sind kaffeebraun und ihre Augen mandelförmig. Ihr Urururgroß-Vater war Mongole. Von ihm hat sie diese Augen, sagt die Großmutter.

Sarah trägt dunkelblaue Jeans und ein schwarzes Oberteil mit Schnürung im Nacken. Sie hat die Haare hochgesteckt, trägt schwarzen Lidstrich und ein bisschen roten Lippenstift. Die Wangen sind gerötet, aber das kommt vom Laufen und der Hitze. Ein Kaffee hier, ein Kaffee da, die Spülmaschine ausräumen – und das schnell, die Finger tun ihr fast ein bisschen weh, so heiß ist das Geschirr noch. Dampf steigt aus der Maschine. Ein Kunde ruft: ”Die Rechnug, bitte.” Sarah rennt und stolpert über ihre eigenen Füße, aber sie fällt nicht. Niemals. Kinder schreien. Eine Mutter säugt ihres; Menschen am Nachbartisch sehen pikiert zur Mutter herüber. ”Ja, muss das denn sein?” Sarah geht hastig in die Küche, damit man sich nicht bei ihr über die Mutter beschwert. Sie holt aufgetauten Kuchen – hier wird nicht selbst gebacken – und legt ihn auf kleine Teller in der Theke. Dann fegt sie den Boden. Bestellungen, Rechnungen.

Ein Mann ist wütend, weil es nur noch Stevia und braunen Zucker gibt statt weißem. Sarah zuckt mit den Achseln. ”Morgen wieder.”, sagt sie. Der Mann schnaubt entrüstet. ”Das kann doch nicht sein.”, sagt er. ”Wo gibt’s denn so was?” Sarah seufzt und rennt zu einem der Tische, nimmt eine Bestellung auf. Eine Frau möchte koffeinfreien Kaffee. Sie muss den Kaffee erst aus dem Keller holen. Sie rennt los und rennt beinahe in den Koch hinein. ”Immer langsam.”, sagt er mit polnischem Akzent und lächelt freundlich. Sie lächelt zurück. Sie rennt die Treppen runter, sucht den Koffeinfreien, eine Verpackung, rennt die Treppe wieder hoch. Neue Gäste strömen hinein. Sie schwitzt ein bisschen, ihr ist heiß. Eine Frau beschwert sich darüber, dass es keinen Erdbeerkuchen mehr gibt. ”Es tut mir leid, aber erst heute Abend wieder.”, sagt Sarah. ”Abends?”, sagt die Frau. ”Wird denn hier noch abends gebacken?”

Sie muss auf die Toilette, aber dafür ist keine Zeit da. Nicht bis Marie und Shivana kommen. In einer Stunde. Sie arbeitet heute allein bis zum Abend. Heute insgesamt nur fünf Stunden. 8,50 die Stunde. Reich wird man nicht, aber so gut ist ihr Deutsch auch noch nicht. Sie versteht viel, aber sprechen kann sie noch nicht so gut; nur ein bisschen. Es reicht für die Arbeit im Café oder für Small-Talk; Geplänkel mit Bekannten. Vorher hat sie geputzt und als Küchenhilfe gearbeitet. Als sie ganz neu in Berlin war. Da musste sie gar kein Deutsch sprechen.

Freunde hat sie noch nicht in Berlin, aber das kommt noch, denkt sie. Sie ist ohnehin, das, was man ein wenig schüchtern nennt. So war sie auch zuhause. Sie ist kein Freund der großen Worte. Sie zeichnet gerne, geht ins Museum, kocht, liest Bücher und hört Musik. Clubs und Partys ziehen sie nicht an. Sie sieht sich lieber einen Schwarz-Weiß-Film zuhause in ihrem Bett an – in der kleinen WG mit dem schiefen Fußboden und der alten, schimmeligen Dusche. Oder sie streichelt den einäugigen Kater Max und kocht oder macht Sade an und tanzt.

Sie ist das, was man hübsch nennt. Männer sehen sie an, starren, versuchen sie anzusprechen. Sie ist eine natürliche Schönheit, jemand, der sich seiner Schönheit gar nicht bewusst ist. Sie steht nie lange vor dem Spiegel, sie mag keine Bilder von sich. Würde ihr jemand sagen, wie schön sie ist, sie würde es nicht glauben. Eitelkeit lehnt sie ab. Komplimente schätzt sie nur, wenn man ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten lobt. So wurde sie erzogen. Eitelkeiten sind für Egozentriker, nicht für Menschen mit Herz und Verstand. Was soll man auch mit dieser Schönheit anfangen, wenn sie doch ohnehin verblasst? Die meisten Menschen sind oberflächlich. Irgendwann wird das Starren der Männer weniger werden oder ganz aufhören. Vielleicht ist es einfach für sie, die Schönheit – die konventionelle – abzulehnen, weil sie schön ist. Darüber würde sie sich aber nie Gedanken machen. Sie denkt lieber über Fair Trade-Kleidung nach oder vegane Ernährung, über ihre Lieblingsbands oder Kunst oder welchen Film sie sich im Kino ansehen möchte – Kino ist gut. Dabei lernt sie immer ein paar neue deutsche Wörter. Der letzte, den sie gesehen hat, war Toni Erdmann. Sie war allein im Kino. Sie mag das so. Der Film, der dunkle Kinosaal. Am liebsten eine Nachmittagsvorstellung. Da ist es nicht so voll und niemand stört sie.

Doch möchte sie in Berlin bleiben oder wieder zurück? Vielleicht nicht nach Hause zurück, vielleicht in eine anderes Land, eine andere Stadt? Berlin ist in Ordnung, denkt sie. Man ist freier als zuhause, auch wenn die Großeltern es nicht verstehen. Warum Berlin? Warum nicht Paris? Warum nicht London? Warum nicht New York? Warum nicht Tokio? Warum nicht Stockholm? Das fragten sie. Sie weiß es nicht. Nach Berlin wollte sie ziehen, weil sie Berlin Calling gesehen hat mit Ezra. Sie war aber nur in wenigen Techno-Clubs. Ein paar mal im Berghain, Sisyphos und Kater Blau. Es ist nichts für sie. Es ist ihr zu laut und zu voll und Techno mag sie nicht. Drogen mag sie auch nicht. Ein Mann, mit dem sie sich in einem Club unterhielt, hat ihr gesagt, dass Berlin ”passé” sei. Alle interessanten Menschen sind nach Leipzig gezogen und die guten Clubs haben zugemacht. ”Berlin is over.”, hat er gesagt. ”Berlin is uncool now. Everywhere gentrification.” Es ist doch auch ein bisschen schön hier, hat Sarah gesagt, aber da war der Mann schön weg.

Was hält sie noch hier? Sie möchte die Sprache lernen, dann weiterziehen. Sie mag Sprachen. Sie würde auch gerne Spanisch lernen. In einem Buchladen mit gebrauchten Büchern hat sie sich ein Buch gekauft. Kafka auf Deutsch. Wenn sie das lesen kann, ohne viele Wörter nachschlagen zu müssen, wird sie in eine andere Stadt ziehen. Paris? Oder die Ostküste Spaniens. Wien? Südamerika? Russland? Afrika?

”Ich war eben auf der Toilette.”, sagt eine Frau. ”Machen Sie da mal sauber. Da sieht’s ja aus.”, sagt sie energisch. Sarah nimmt sich einen Eimer, füllt ihn mit Wasser und nimmt einen Putzlappen. Eigentlich ist das nicht ihre Aufgabe, aber wer soll es sonst machen?

An einem Tisch sitzt eine Gruppe junger Menschen. Sind vielleicht um die 18, 20. Sie unterhalten sich oder hängen über ihren Handys. Manchmal auch beides. Das nennt sich wohl Multi-Tasking. Sie sind laut. Eines der Mädchen war ein bisschen gemein zu Sarah bei der Bestellung. Etwas von oben herab war sie, aber so sind viele der Gäste.

Sie reden über eine Sendung mit Jan Böhmermann und lachen. Dann geht es um ein Mädchen. ”Das ist so eine Schlampe.”, ruft eines der Mädchen. Alle lachen wieder. ”Guckt mal, was mir Mia geschickt hat.”, sagt ein anderes. Alle beugen sich über das Handy. ”Ich muss nach Hause. Ich muss noch etwas für meinen Vortrag über das Judentum früher und heute machen.”, sagt eines der Mädchen und verdreht die Augen. ”Macht ihr das an der Uni auch? Vorträge über Juden oder muss man dann nicht mehr, weil es kotzt mich echt an.”, sagt sie zu einem Jungen, der von oben bis unten in Markenkleidung gekleidet ist. ”Nein.”, sagt der Junge. ”Nur wenn man so was wie Geschichte studiert.” Das Mädchen seufzt. ”Ich wollte den Vortrag nicht machen. Ich wollte lieber einen Vortrag über Facebook machen, aber den macht schon Daniel. Immer müssen wir über die Juden sprechen. Das ist schon voll lange her. Wie oft müssen wir das noch durchkauen? Können wir denn etwas dafür?” Alle in der Runde stimmen zu. ”Immer hört man so viel darüber. Was können wir denn dafür?”, sagt ein Junge. ”Die Juden werden heute nicht mehr verfolgt. Ich verstehe nicht, warum immer irgendetwas mit denen ist.”, sagt ein anderer Junge. ”Es ist doch übertrieben, dass man darüber in Geschichte in der Oberstufe so viel spricht. Ich meine, es gab ja auch noch andere Opfer während des zweiten Weltkrieges. Nicht immer nur die Juden.” Alle nicken. ”Ich find’s gut.”, sagt ein Mädchen leise, aber dann sprechen sie auch schon über eine Party und das Mädchen schweigt. Ein Junge hat zu viel getrunken und peinliche Snapchats gemacht. ”Der feiert sich selbst voll, aber ist so unfassbar dumm.”, sagt ein Junge und sieht wieder auf sein Smartphone.

Marie kommt. ”Du kannst gehen”, sagt die blonde Marie mit den blauen Augen. Sarah nickt. Sie legt die Schürze ab und nimmt ihr Handy und den Schlüssel aus der Schublade und steckt beides in die Hosentasche. ”Bis morgen.”, sagt sie. ”Ich bin morgen nicht da.”, sagt Marie. Da kommt schon eine Frau und fragt nach glutenfreiem Kuchen. ”Das haben wir leider nicht.”, sagt Marie. Die Frau schimpft und fragt: ”Warum haben Sie das nicht?” Marie seufzt. ”Ich arbeite hier nur und bin nicht der Chef. Ich kann Ihnen gerne mal die Nummer von ihm geben und vielleicht gibt’s dann für Sie etwas ohne Gluten.” ”Als ob. Ich gehe woanders hin.”, sagt die Frau schnippisch und geht. Marie verdreht die Augen. Sarah lächelt Marie an. Marie grinst.

Sarah geht nach draußen und spürt die Abendluft auf ihrer Haut. Das ist angenehm. Sie greift in ihren Ausschnitt und zieht den Anhänger raus und sieht ihn sich an, überlegt, ob sie ihn nicht vielleicht wieder unter dem Stoff verstecken soll, gleich auf ihrer Brust neben ihrem Herzen. Sie schiebt den Davidstern wieder unter den Stoff.

Bild: alicecatherine92