Paare

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn sie sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligte/r sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie mal Kinder haben möchten.

Vielleicht sollte man aber auch nur mit asexuellen Menschen befreundet sein oder mit gar keinen und sich ein paar Katzen zulegen. Ungefähr 50 Stück. Aber dafür braucht man Platz, Zeit und vermutlich einen guten Staubsauber. Es sei denn man entscheidet sich als Crazy Cat Lady für Nackkatzen. Das juckt dann auch nicht so, wenn 50 Katzen einem im Schlaf über das Gesicht klettern und man das ein oder andere Katzengesäß aus nächster Nähe begutachten darf.

Das katzenlose Single-Dasein hat aber auch seine Vorteile. Single zu sein kann gut sein. Denn die Angst vorm Alleinsein ist nicht das, was uns zu lieben fähig macht. Jemanden zu “brauchen”, der oder die einen “komplettiert”, ist nicht gut. Es macht verzweifelt und lässt uns den Erstbesten oder die Estbeste wählen, die uns ein wenig Aufmerksamkeit schenkt, uns aber gar nicht zu schätzen weiß. So entstehen Beziehungen, die eigentlich gar keine sind. Ja, glücklich verliebt, ist schön und für viele Menschen schöner als Single zu sein, aber eine Zwecksgemeinschaft, weil gerade nichts “Besseres” da ist, mag für eine Weile funktionieren, aber so richtig wächst man doch meist als Person nicht dabei, wenn man sich nur an jemand klammert, weil man sich einredet nicht Single sein zu können. Es geht auch als Single.

Glücklich als Single bedeutet, dass man nicht bei jedem Mann oder jeder Frau, der oder die süß ist, gleich an die große Liebe denkt und sich zu schnell in etwas hineinsteigert. Man macht das eigene Ego nicht von einer Person abhängig. Man hat Zeit für Hobbys. Freiheit. Vielleicht engagiert man sich auch sozial oder für die Umwelt. Man “findet sich selbst” oder sieht sich mit zu viel Rotwein Filme an. Ist doch egal. Du bist kein Regal, das zusammengebaut werden muss. Es ist vielleicht eine Schraube locker, aber es fehlt keine. Du bist nicht unvollständig. Du bist kein Projekt, das noch fertig gestellt werden muss. Kein leeres Haus, das noch eingerichtet werden muss. Kein Fehler-Modell, das ausgebessert werden muss. Man ist auch allein komplett. Ein Ganzes. Niemand muss sich komplettieren. Du bist einzeln großartig. Ein Partner sollte dich bereichern. Nicht retten.

Freundschaften knüpfen, neue Hobbys finden, kreativ sein, etwas lernen, fremde Länder erkunden, an deiner Karriere arbeiten, beim Tierschutz aktiv sein, nichts tun – dafür brauchst du keinen Partner. Hast du schon mal daran gedacht, dass du vielleicht Single bist, weil du momentan nicht bereit für eine Beziehung bereit bist und dass Hollywood-Filme genau das sind, nämlich Filme, und dich nicht unter Druck setzen sollten? Und was die “Gesellschaft” sagt, kann dir auch egal sein. Wie oft befragt die Gesellschaft denn dich zu deiner Meinung?

Das denke zumindest ich und vielleicht denkst du mal darüber nach.

Tinder

So stelle ich mir Tinder vor

 

Malte-Erik, 26: “Öhm ja, ich hatte schon voll viele Tinder-Dates und so, ja. Das letzte war schrecklich. Das lief erst mal so voll gut, die sah voll gut aus und war auch übelst klug und so, weil beim Date meinte sie so: “Omg ja, wir sind irgendwie voll die verlorene Generation und so. Weil, weißt du so, wir haben so krass viel Verantwortung und so. Welchen Filter nehme ich bei Instagräm, soll ich meinen Ex-Freund bei Facebook als Freund löschen, weil ich jetzt mit seinem Bruder zusammen bin, ist es uncool, wenn ich zu einem Vortrag in meiner Uni von Michael Nast gehe, obwohl sein Buch doch so voll wichtig ist und so, aber mein Ex-Freund meinte, der wäre irgendwie uncool, hm, und Michael Nast ist doch irgendwie so voll süß und ich weiß jetzt gar nicht, was ich machen soll, ich habe doch schon die Karten für Michael Nast, hm ja und soll ich lieber einen Mode- oder Food-Blog haben, zu welcher Fäschn Week soll ich gehen, welchen Detox Tea kaufen und hm, und ähm, ja, und was ich auch noch sagen wollte, ist, ja, also, ich sage das jetzt einfach mal, dass das nämlich ja auch irgendwie voll scheiße ist irgendwie, auf gut Deutsch gesagt, und das muss auch mal gesagt werden, und darum sage ich das jetzt mal, ja, also, ich wollte sagen, dass der zweite Weltkrieg jetzt schon sooooo lang her ist und wir Deutschen sind ja immer noch voll schuld wegen der ganzen Juden und so. Können die Juden nicht mal irgendwie aufhören rumzustressen? Omg, war das jetzt rassistisch oder so? Ich habe nichts gegen Juden. Die sollen halt nur mal irgendwie über was anderes reden und so. Das sind irgendwie voll die Hobbylosen und so. Und warum sind wir Deutschen immer schuld? Was ist denn mit den blöden Ösis? Ich meine ja nur, Malte-Erik.“ und ich sagte: “Endlich mal eine kluge Frau. Ich dachte, es gäbe nur Dumme. Ja, Stalin hat ja auch voll viele umgebracht und Maoam auch und so. Das habe ich mal bei einer Ntv-Dokumentation gesehen. Darüber redet ja auch keiner. Immer nur wir Deutschen. Hm, oder war das auf N24?“ und sie so: “Stalin? Ist das ein DJ? Ich glaub, ich habe den schon mal im Berghain gesehen.“ und da war ich voll beeindruckt irgendwie, mein Herz pochte ganz laut und ich hatte gleichzeitig eine Erektion und das war so Herz-Emoji irgendwie und ich konnte es nicht glauben, dass ich mit so einer klugen Frau bei einem Date bin, die sich irgendwie voll viele Gedanken macht und so und ich wollte halt schon ein Start-up-Unternehmen mit ihr gründen, als sie meinte, dass sie immer ironisch ins St. Oberholz geht, weil sie da um die Ecke wohnt und sie hat zwar auch ein Macbook, aber das nimmt sie da nicht mit, weil ihr das irgendwie peinlich wäre, weil sie ja nur einen Kaffee trinken will und die im St. Oberholz haben ja eh irgendwie nichts zu sagen und sollten aufhören zu schreiben und so, weil sie hat viel mehr zu sagen. So voll einsteinmäßig, ja, aber dann, dann hat sie Foucault falsch ausgesprochen, Foucault, weil sie hat nämlich Fucker gesagt und sie meinte, sie hat ihn gelesen, weil das ja voll zu einem intellektuellen Menschen irgendwie dazugehört, dass man den liest, aber sie hat gar nicht verstanden, was er da schreibt und so und dann hat sie ihn bei unserem Date falsch ausgesprochen und das war so schrecklich irgendwie. Da habe ich das Date gleich abgebrochen und bin schreiend rausgerannt und musste einen frischen, grünen Smoothie für 10 Euro trinken, weil wegen der Vitamine und der freien Radikale und so, weil ich die nach dem Date dringend brauchte für meinen Detox. Hm, ja.“ und er fängt an zu weinen. “Ich studiere Soziologie. Und dann das. Bitte, schnell. Bring mir einen Smoothie. Fucker!“ und er bricht zusammmen, kauert auf dem Boden in der Ecke und schlägt mit dem Kopf gegen die Wand. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. “Ich leide an posttraumatischer Belastungsstörung! Smoothie! Schnell. Hiiiiiiiiiilfe! Buhuhu. Foucault! Ich werde allein sterben! Niemand liebt mich! Ich will zu meiner Mama! Ich hasse euch alle!“

Julia, Nickname Bi-Girl69, 24 schreibt: “Ich habe in meinem Profil geschrieben, dass ich natürlich Feministin bin, damit die geilen Weiber, die Feministinnen sind, nicht denken, dass ich was gegen sie habe. Ich habe geschrieben: “Ein bisschen bi, schadet nie. Schreibt mir, ihr heißen Girls.“ Und da kommt so eine zum Date und die ist irgendwie so voll behaaart, so voll Urwald-mäßg, und ungeschminkt? Und ich so wtf?! Und ich so: ‘ewwwww. Wie siehst du denn aus?‘ und die so: ‘Warum?‘ – ‘Ja, du bist so behaart und hässlich halt?‘ und dann kam dann raus, dass das irgendwie voll das Missverständnis war. Ich: Feminismus= freethenippple, sex positive, Porn is empowering for women, omg, you guys, habt voll viel Sex mit jedem, weil sonst seid ihr voll prüde lolz und Christen halt, Prostitution is empowering for women, Pussy Riot, Femen und die so: Typ Kampflesbe in Flanell, BMI mindestens 28, kauft Sexspielzeug im Baumarkt, second Wave Feministin. Hm ja, dann date ich jetzt vielleicht doch wieder nur süße Boys und keine hässlichen Weiber. Am besten Boys in Bands, aber nur der Sänger oder vielleicht noch der Gitarrist. Weißt du, was ich meine?“

Daniel-Hendrick, 28: “Jan Böhmermann ist so voll witzig haha. Das ist der beste Satiriker vom Deutschland. Omg, Satire darf alles, okay? Das mit dem Ziegenficken hahahahaha. So witzig. Oder waren das Schafe? Ich liebe Böhmi so. Wie viele Satiriker ich sonst noch kenne? Ja, öhm, keine. Nein, warte mal, Klaus Winterschledt? Und Otto Walkes. Ist Otto Walkes ein Satiriker? Ja, oder? Hm, dann noch Mario Barth vielleicht. Und du so?“

Dennis 26: “Es ist echt wichtig informiert zu sein und Nachrichten und so zu lesen. Ich bewundere ja total Leute, die bei Springer arbeiten. Ich würde da auch voll gerne arbeiten, aber ich bin halt nicht so talentiert. Ich meine, Frededick Schniedeln omg, das ist so ein voll krasser Hipster-Typ. Der ist so der König von Mitte, ey. So wie halt der König von Mallorca Jürgen Drews, aber Mitte-Hipster halt und nicht Mallorca oder meinst du der wohnt im Prenzlberg? Omg, ich wohne auch im Prenzlberg. Letztens war ich so in Kreuzberg gewesen. Omg, das war voll dreckig da irgendwie und die chicks waren auch nicht so prall. Ich mein, ich konnte die gar nicht auschecken, weil die halt so ihre Moslemtücher umgebunden haben und so. Frededick ❤ Ich will auch so ein cooler Hipster-Typ sein. Ist das jetzt irgendwie gay? Liest du gerne den Focus und die Welt? Diese Zeitungen regen voll zum Nachdenken an. Denken ist ja eigentlich voll lame so und macht voll müde. Ich lese ja sonst nur die Schlagzeilen der Bild im Spätkauf lolz. So voll gut. Ich habe früher auch voll gerne die FHM gelesen, aber die gibt es ja leider nicht mehr. Ich liebe auch Don Alphonso. Der ist so klug, ey.  Der ist jetzt auch bei der Welt hihi. Was liest du denn so? Hm, kenne ich nicht. Klingt irgendwie langweilig und so. Bücher von französischen Autoren? Ich kenne mich schon mit Französisch aus, aber nicht mit Büchern hahahahahaha. Wolle wu kuschä aveck moah? Hahahahahahahahahahahahahahahahaha. Blasen geht auch. Hahahahahaha. Kannst du mir mal ein Nacktbild von dir schicken? Ich will ja schon mal vorher checken, ob sich ein Treffen mit dir überhaupt lohnt, Baby. Magst du anal?“

Marvin, 23: “Du kennst ja irgendwie nur so alte Musik und Filme und Bücher und so? Voll langweilig.“

Ingo, 30: “Ich liebe dich, warum schreibst du mir nicht? Ich habe dir vor zwei Minuten schon mal geschrieben und du ignorierst mich? Wer denkst du, wer du bist, du dumme Schlampe? Ich bin dir wohl nicht gut genug, was? Ihr Frauen wollt doch eh nur Typen mit Geld und einem dicken Auto. Ich wollte dir gar nicht schreiben. Ich habe mich verklickt. Dir will doch sowieso keiner schreiben. Darum hast du dich auch hier angemeldet, weil du keinen abkriegst. Du hässliche Schabracke. Du bist so dumm.“ Weitere Nachricht: “Hure.“

Patrick, 29: “Dickpic“.

Daniel, 35: “Sorry, du bist mir zu alt. Ich suche nur 18 – 23”.

Luis, 28: “Nein, das hier ist keine kostenlose Werbung für mich, aber geh mal auf diese Seite. Das ist mein Unternehmen. Wenn du Waren im Wert von 1000 Euro bestellst, können wir ein Date haben. Vielleicht kaufst du bei unserem Date noch mehr.”

Finn-Luca, 18: “Wollen wir uns treffen, bae? Ich steh voll auf Milfs und du bist echt #onfleek Mein Opa sagt auf alten Schiffen lernt man segeln. Magst du Bibi’s Beautyplace? Wer ist deine Lieblings-Kardashian? Was trinkst du gerne bei Starbucks? Findest du auch, dass Justin Bieber jetzt cool geworden ist? In meinem Profil steht zwar 18, aber ich bin erst 16. Deshalb vor meinem 18. Geburtstag nur Petting lmao. Ich fasse dich kurz für eine Sekunde am Arm oder Ohr an oder so, du stöhnst ganz laut und dann cumshot wie in den Pornos. Du willst ja nicht in den Knast? Wie bei Orange is the new Black rofl. Age is just a number und 1 Gefängniszelle ist auch nur 1 Raum bahahahaha muahahaha. Auf, schreib, mir, grandma. Komm schon, hoe. Bist du gut in Englisch? Ich bräuchte Hilfe bei den Hausaufgaben. Ich bin versetzungsgefährdet. Hast du 1 Auto? Du kannst mich gerne mal von der Schule abholen und meinen bros und mir Bier kaufen. No homo. Ich und meine bros hätten voll gerne Tattoos. Wir dachten so an Tränen unter den Augen. Kannst du mit ins Tattoo-Studio kommen und sagen, dass du unsere Mom bist? Du hast halt früh angefangen lmfao. Bitch lol.” Augerginen-Emojis.

Pollyanna 27 und Manfred 30: “Hi, wir sind ein Poly-Paar und suchen eine Gespielin. Wärst du interessiert? Wir wollen aber noch mal explizit erwähnen, dass wir POLY sind. Das heißt, wir schnackseln mit jedem und kennen keine Eifersucht. Hi, jetzt schreibt Manfred. Also, ich war schon mal eifersüchtig, als die Pollymaus was mit meinem Chef hatte, die haben es wie die Karnickel auf dem Kopierer getrieben, aber das war ja nur ein Quickie. Das ist einfach dieses soziale Konstrukt der Monogamie, das uns aufgezwungen wurde, das mich noch voll an den Eiern hat, aber ich löse mich immer mehr. Hier wieder, Pollyanna. Ja, also, wir wollen nur mal schreiben, dass die Scheiß-Monogamie so voll obsolet ist. Diese ganze heteronormative Spießerscheiße, ey. Die Leute lügen sich nur was vor und die sind halt mal so gar nicht glücklich. Also, was ist? Kommst zu zum Schnackseln vorbei? Wir können uns auch bei dir treffen. Was sind deine sexuellen Vorlieben und Tabus? Kannst du vorher einen Chlamydien-Test machen? Manfred hat schon mal Chlamydien von seinem Bankberater bekommen und das hat so gejuckt. Bist du rasiert? Manfreds Maße sind 19×6. Heiße Küsse, Pollyanna und Manfred.”

Julia, 25: “Ich bin Journalistin und Autorin. Ich wohne in BERLIN. BERLIN ist das neue New York. Das sogenannte New new York. Ich bin nur hier wegen eines Artikels über Tinder. Soll ich dir von meinem Tag erzählen? Ein Mann in billigen, verschlissenen Klamotten sieht MICH an, wie ICH ins Taxi steige. Sein schmutziges Gesicht ekelt MICH an. Ja, ICH habe Geld, armer, hässlicher Mann. Ja, ICH steige ins Taxi. Ja, ICH fahre in die Redaktion. Ja, ICH treffe mich mit meinem CHEFredakteur Dulf Schnorchlhardt und du bist arbeitslos. Ja, ICH. ICH rauche eine Zigarette und blase ihm den Rauch ins Gesicht. Er will Kleingeld. ICH gebe ihm keines. “Verpiss dich, hässlicher Mann“, sage ICH. “Du bist arm und erbärmlich und ICH bin eine überaus erfolgreiche, talentierte Medien-Lady.“ ICH fahre im Taxi an Jugendlichen vorbei. ICH hasse sie. Da sind auch noch hässliche Frauen. Überall sind die. ICH hasse auch sie, diese unterbelichteten Nutten, aber ich verspüre auch etwas Mitleid. Sie können nichts dafür, dass sie nicht ICH sein können. ICH. Es ist Wetter, es ist ein Tag. Das Wetter tut, was das Wetter tut. Schlapp wettert es sich vor sich hin. Das Wetter, es ist nicht Jörg Kachelmann. ICH bin nicht das Wetter. ICH bin. ICH. ICH. Unsere Generation ist depressiv. Ennui, Ennui. ICH, ICH. Der Tag tagt mal wieder eine Tagung. Bis die Tage will ICH sagen, aber morgen wird schon ein neuer Tag sein. Das ist, was der Tag macht, er kommt immer wieder wie Herpes. Man kann den Tag nicht vertagen. Tag ein, Tag aus, ist da Tag, so viel Tag und das Wetter, das Wetter, ja, das auch. Wir sind reich und darum so arm. ICH bin so tiefgründig. ICH bin ICH. ICH gucke mir Tschörmani’s Näxt Topfmodel an. ICH bin schöner als wie die alle. ICH. ICH bin zu famous geworden. Darum lege ich mir ein Pseudonym zu. ICH bin ja auch irgendwie voll pseudo hihi. ICH nenne MICH Schwére von Bägriffe. Das Von bitte nicht vergessen. ICH bin schön und klug und ihr seid alle dumm und ekelhaft. Kauft euch Rotkäppchen-Sekt von eurem Hartz IV. Ihr widerliches Gesindel. Pöbel. Seid ihr dumme, fette, feministische Kampflesben oder Psycho-Autisten oder beides irgendwie? Gebt MIR Geld, ihr dummen, primitiven Affen. ICH fahre an euren Arme-Leute-Hochhäusern und der Klapse vorbei und lache euch aus. Ihr werdet nie ICH sein.“

Ralph-Thorben, 49: “Willst du nicht mal einen richtigen Mann? Diese ganzen Grünschnabel haben doch nichts drauf, Süße. Die arbeiten doch alle bei Vice or machen ein Praktikum und nehmen schlechtes Koks. Du willst dich doch nicht auf einer dreckigen Matratze in einem WG-Zimmer von so einem schwängern lassen? Versau dir nicht die Zukunft, Mädchen. Mir gehört eine Werbeagentur und ich habe gutes Koks. Ich habe eine Eigentumswohnung mit Dachterrasse. Also, was ist? Schick mir mal deine Nummer? Ich habe das ja hier alles eigentlich gar nicht nötig, aber ich war mal neugierig, Darling.“

Julian, 25: “Nein, Schatz, ich bin hier nicht angemeldet, um Frauen kennenzulernen. Bist du dumm? Wie kommst du darauf, dass ich das hier machen will? Was unterstellst du mir? Ich will nur dich. Du bist ja paranoid. Ja, und? Ist es verboten sein Bild bei Tinder zu ändern? Das bedeutet nicht, dass ich hier aktiv bin. Du bist doch verrückt. Nein, das war keine Benachrichtigung von Tinder. Ja, das weiß ich doch nicht, warum Tinder mir das schickt. Du solltest eine Therapie wegen deiner Eifersucht machen. Das ist ja nicht normal. Ja, deine Freundinnen haben mich bei Tinder gesehen, als wir Streit hatten, weil du wieder so zickig und eifersüchtig warst und ich mich ablenken musste. Ich brauche das für meine Ego. Ich suche nur Freunde. Ich weiß nicht, warum ich mich hier angemeldet habe. Mein Hund hat sich bei Tinder eingeloggt.”

Horst-Joachim, 82: “Na, du kesse Biene. Willst du mal um meinen Stängel herumschwrirren? Ich habe euch eine Ladung Nektar für dich. Ich habe eine Großpackung Viagra. Magst du Rollenspiele?“

 

Alle erwähnten Personen sind natürlich frei erfunden.

Zusammen

Sie hatten sich ein Reihenhaus gekauft. Tillman, Larissa die zwei Kinder und der Hund. Die Kinder sagten, sie hätten noch gerne ein Meerschweinchen, aber Tillmann und Larissa wussten nicht so recht, ob der Hund nicht schon als Haustier ausreichte. Man musste so oft mit ihm Gassi gehen und er war süß, aber groß und nahm viel Platz in Anspruch und jetzt auch noch ein Meerschweinchen? Sie waren sich nicht sicher. Zu zwei Meerschweinchen hatte ihnen Klothilde, die Tierfreundin aus der Nachbarschaft, mit der sie manchmal Smalltalk führten, geraten. Man hält mindestens zwei Meerschweinchen, nicht eines allein, sagte Klothilde. So ein Meerschweinchen, oder zwei besser gesagt, das nimmt nicht viel Zeit und Platz in Anspruch, so dachten sie, aber zusätzlich zum Hund noch zwei Meerschweinchen? Würde das nicht zu viel werden für sie und die Kinder? Die Kinder waren noch klein und die meiste Arbeit den Hund betreffend fiel auf sie ab. Tillmann und Larissa sagten zwar “sie”, aber meinten damit eigentlich nur Larissa.

“Es ist jetzt fünf Jahre her, dass wir uns bei einer Dating-App kennengelernt haben”, sagte Larissa, nachdem die Kinder im Bett waren.

“Ja, das ist doch schön Schatz”, sagte Tillmann.

“Ein Arbeitskollege, Luis, hat schon wieder gefragt”.
“Schöne Grüße”, sagte Tillmann.

“Und der Paketbote.”
“Ist der nicht schon in Rente?”

“Nein.”

“Der sieht so alt aus.”
“Schatz.”
“Was kochst du heute? Ich hätte mal wieder Lust auf Thüringer Klöße”, sagte Tillman.
Larrisa stöhnte.
“Müde, Schatz?”
“Nein”, sagte Larissa. “Ich würde nur gerne mit dir reden.”
“Das trifft sich gut. Ich auch mit dir. Hast du schon über die Meerschweinchen nachgedacht?”

“Schatz, können wir darüber bitte ein anderes Mal reden?”
“Aber Larissa”, sagte Tillmann. “Willst du nicht, dass die Kinder happy sind?”
“Nein,” sagte Larissa laut. “Ich meine doch.”
Eines der Kinder weinte.
“Na toll, Larissa. Jetzt hast du die Kinder geweckt.”
Larissa seufzte. “Ich gucke mal, was er hat.” Aber da verstummte das Kind wieder.
“Er schläft weiter”, sagte Larissa.
“Ja”, sagte Tillmann und blickte wie hypnotisiert auf sein Handy-Display.
“Zwei Meerschweinchen, Schatz?” fragte er.
“Tillmann, ich muss mit dir reden.”
Tillmann stöhnte auf. “Was ist denn, Larissa? Hast du deine Tage?”
“Nein, aber ich will mit dir reden.”
Tillmann blickte nicht vom Handy auf.
“Ich rede mit dir”, sagte Larissa.
“Was?” sagte Tillmann gereizt.
“Sind wir zusammen oder nicht?” sagte Larissa.
“Fängst du schon wieder damit an?” sagte Tillmann. “Ich habe dir gesagt, dass ich keine Labels mag. Du sollst nicht immer so emotional und aufdringlich sein.”
“Wir sind seit über fünf Jahren zusammen, haben Kinder und ein Haus.”
“Hund”, sagte Tillmann.
“Bitte?” sagte Larissa.
“Wir haben auch einen Hund und vielleicht auch noch Meerschweinchen.”

Tipp für die Ladies

Ich war vor Kurzem mal in einer Bar mit einem Freund. Es war schon Morgen und Resteficken-Zeit.

Ein Typ nach dem anderen wollte mich ”klarmachen”, was mir wenig schmeichelte, da sie alle betrunken oder auf Drogen waren (oder beides) und ich, neben einer mürrisch blickenden Goth-Braut mit der Ausstrahlung eines unkastrierten Pitbulls, die mich finster ansah, die einzige Frau in dieser heruntergekommen Kneipe war.

Ich rede mit dem Freund und da kommt so einer an und sagt: ”Worüber redet ihr?”

Das war so ein ”Hipster-Bro”, der vermutlich gerne Bier trinkt, How I met your mother guckt, Tiefkühlpizza isst (mache ich natürlich auch), Internet-Pornos und Tattoos mag und denkt, dass er ein guter Skater sei und unpolitisch ist und Kollegah ist sein großes Vorbild, aber nicht Haftbefehl, denn der ist zu straße und zu ghetto und damit kann man sich so schlecht identifizieren.

Er trug eine Wollmütze. Das ist ja der Hipster-Bro-Style.

Der Typ kommt zu mir und sagt: ”Worüber redet ihr?” und ich sage wahrheitsgemäß: ”Feminismus.”

Der Typ sieht mich angeekelt an und sagt ”Igitt.” und will gehen.

Ich, in meiner bierseeligen Stimmung, möchte nett sein und ihm erklären, was Feminismus ist, weil die Ignoranten, die den Feminismus nicht ”mögen”, wissen ja nie, was das ist. Sie sind ja nicht umsonst ignorant mit Tendenz zur Dummheit. Die denken, dass Feministinnen allesamt behaarte Kampflesben sind, die Männer hassen (shout-out to euch, ich mag euch. Lasst es sprießen) oder ”leichte Mädchen”, die so hohl und narzisstisch sind, dass ihr Horizont sich auf #freethenipple und ihre Unzufriedenheit oder Zufriedenheit mit ihrem Körper beschränkt und warum Polyamorie das viel bessere Beziehungs-Modell ist und die spießigen Zweier-Paare haben das nur nicht begriffen und ”queer” sind diese Trend-Feministinnen natürlich auch, aber sie sind nie mit Frauen zusammen und Femen sind ja voll toll und so und Pussy Riot, omg, so krass toll und so.

Ich wollte dem Hipster-Bro erklären, dass es Strömungen im Feminismus gibt und dass Feminismus eine internationale Bewegung ist mit vielen verschieden Meinungen, was nun gut oder die ”Wahrheit” ist und dass Feminismus etwas ist, dass jeder vernunftbegabte, intelligente Mensch unterstützt und dass es eben immer noch viel zu tun gibt, was die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft und nur ein Trottel würde das nicht verstehen, aber der Hipster-Bro hatte es ja so eilig wegzukommen und da dachte ich mir, dass ich endlich weiß, wie man aufdringliche Typen los wird:

Fangt an über Feminismus zu reden und schlagt sie in die Flucht.

Das dürfte auch bei ”Prolls” klappen. Prolls sind die, die jeden Sommer an den Ballermann fahren und da One-Night-Stands haben oder es versuchen und die mal eine Statistenrolle bei Berlin Tag und Nacht hatten und die schon mal bei einem Frauenarzt-Konzert (der Rapper) waren und auch bei Bass Sultan Hengzt und deren Lieblings-Djs sind David Guetta und Robin Schulz und ihre Mutter macht noch ihre Wäsche. Die sind eigentlich ganz nett, aber ihr werdet sie mit Feminismus langweilen.

Vorsicht:

Passt auf, dass ihr nicht an den ”Feminismus-Versteher” geratet. Das ist der, der so tun wird, als sei Feminismus auch für ihn wichtig und er macht einen auf verständnisvoll und hört euch zu und so, aber das macht er nur, weil ihr eine Vagina habt (oder nicht, aber eine Frau seid) und er einen Penis und er denkt, dass die beiden sich mal näherkommen sollten.

Mit wirklichen ”männlichen Feministen” solltet ihr natürlich munter drauflosschnackseln oder ihr könnt heiraten und nach Norwegen auswandern oder so oder Freunde werden oder ein gutes Gespräch führen und nett sein. Falls ihr Kinder bekommt, impft die doch bitte und verlasst euch nicht auf die Herdenimmunität.

Bitte, gern.

Würde Würde Würde

Würde? Liebe? Letztlich nur Konjunktive

Wir würden zusammen in den Park gehen und Kirschen essen. Und nachts Baileys auf der Wiese trinken. Wir würden barfuß durch den Regen laufen. Ich würde dir Gedichte vorlesen, während du mit deinem Kopf auf meinem Schoß liegst. Wir würden tanzen. Durch die Nacht. Und Musik hören. Seifenblasen auf dem Feld. Eis essen in der Stadt. Ein Zelt teilen. Grillenzirpen. Ich würde dir meine Bücher leihen. Und Platten. Wir würden zusammen kochen. Und lachen. Du ließest mich mit deinem Auto fahren. Mit geschlossenen Augen. Gegen die eisige Kälte würdest du mich wärmen. Wir würden auf Geländern balancieren. Und nach Italien fahren, um uns alte Häuser anzusehen. Ich wäre deine Prinzessin. Du mein Prinz. Wir würden zusammen Schach spielen und lachen, weil du alle Tricks anwenden würdest, um zu gewinnen. Wir würden uns alte Filme aus den 50-Jahren ansehen. Und Träumen. Von Japan und New York. Und, was die Zukunft so bringt. Wir würden Hand in Hand in den Sonnenuntergang schreiten. Alles ist wie pappsüßes Kaugummi. Wir würden barfuß durch den Schnee gehen. Fotografieren. Diskutieren. Streiten. Versöhnen. Lieben. Wir würden auf dem Flohmarkt alte Hüte anprobieren. Und die Wolken beobachten. Niemand wäre so wie du. Du wärst mein Krieger, mein Held, mein General. Ich würde dich streicheln. Und Küssen. Ganz nahe bei dir liegen, bis die Zeit stehen bleibt. Wir würden uns Edith Piaf anhören und Wein trinken. Sushi essen. Wir würden reisen. In ferne Länder. Ich würde mich an deine Schulter lehnen. Schluchzen. Weinen. Du würdest mich halten. Umarmen. Deine Stimme würde in mein Ohr hauchen wie rauchiger Jazz. Obsessive Momente. Ein unaufhörliches Schweigen, das Stärke gibt. Ein ausgelassenes Lachen, das Freude gibt. Ein unerhörtes Gefühl. Zusammen würden wir die Erdanziehung überwinden. Ich würde dir vergessene Orte zeigen. Du würdest aus deinem Leben erzählen. Seite an Seite würden wir zusammen einschlafen und morgens würde uns sie Sonne wachkitzeln. Ich würde für dich eine Apfel-Tarte backen und dir über deine zarten Locken streichen. Hand in Hand würden wir am See ins Wasser springen. Wir gegen den Rest der Welt. Ich würde dich nachts anrufen und mit dir reden. Einfach so. Bis der Morgen anbricht. Und dir ein Herz in den Schnee malen. Ich wäre dein Engel. Und du mein Beschützer. Ich wäre ein Regentropfen und du fingest mich auf. Ein freier Vogel auf einem sicheren Ast. Ich wäre deine Königin und du mein König. Wir würden nachts ins Schwimmbad gehen und auf dem Jahrmarkt Mandeln essen. In dem alten Programmkino würden wir in der letzten Reihe dicht beieinander sitzen. Und meine Familie im Ausland besuchen. Im Club triefen sich unsere Blicke, obgleich du bei deinen Freunden stündest. Wir wären zwei und doch eines. Es wären Augenblicke voller Wärme. Flackernde Kerzen. Das Gold des Laubes würden wir in uns aufsaugen. Ping Pong spielen. Wir würden an der Nordsee segeln gehen. Und im Süden Lämmer streicheln. Am Meer würdest du mich küssen. Und es würde niemals aufhören. Du würdest mir zart über die Wange fahren. Am Lagerfeuer. Wir würden die Melancholie des Moments genießen. Um uns herum überall die Kirschblüten. Wir würden die Romantik in kleinen Dingen erkennen. Kein Geld, keine Macht. Wir würden nur uns vertrauen.

Doch leider bist du gar nicht mein Typ. Es sind nur Konjunktive. Bei uns. Bloße Fiktion.

Ein Traum von einem Mann

 

Er war so ein Typ, der Harald-Martenstein-Kolumnen las, und teure Funktionskleidung  in Kotfarben trug, die praktisch war, aber grässlich aussah. Manchmal auch T-Shirts und Dreiviertelhosen oder eine ”einfache Jeans” wie er das nannte. Er machte sich nichts aus Mode, er war Denker. Sein blondes, kurzes Haar glänzte fettig. Man hätte darauf Gammelfleisch braten können. Seinen Kommerz-Film- und Musikgeschmack befand er für gut. Sein Geschmack war erlesen. Deutscher Rap und Trap zum Beispiel, der US-Rapper kopierte. Er dachte, dass der Feminismus zu weit ging. Sein Lieblingsgericht war der billige Döner an der Ecke. Er kochte aber auch gerne mal ein nahrhaftes Gericht. Zu seinen Vorlieben gehörte deutsche Hausmannskost oder ein schmackhaftes Fertiggericht. Hauptsache viel Fleisch. Das durfte aber nicht zu teuer sein. Tiere sind Nahrung. Er betonte gerne, dass er politisch links war, aber dachte, dass die Armen sich schon mal ein bisschen zusammenreißen könnten. Irgendwie waren die auch dumm und selbst schuld. Das hatte er in einem Die Welt-Artikel gelesen und sofort zugestimmt, dabei war er keinesfalls jemand, der einfach so anderen zustimmte. Er war kein Mitläufer. Er hatte sich den schwäbischen Dialekt abtrainiert. Nur manchmal sickerte er noch durch. Wenn er mal zu viel Bier getrunken hatte zum Beispiel. Er schimpfte dann gerne auf andere. Irgendetwas stimmte nie mit ihnen. Zu dumm, zu idealistisch, zu verliebt. Meistens kann niemand etwas für seinen Mundgeruch. Es ist gemein, ihn, den Traum von einem Mann, deshalb nicht zu mögen. Es war nur nicht so schön, als er ungefragt seine nasskalte Zunge in meinen Mund steckte, nachdem er eine Packung Zigaretten geraucht und stundenlang über ”verträumte Linke” gelästert hatte, die die Welt verbessern wollten. Freiwilligen-Arbeit in Afrika oder Südamerika, Spenden, Bettlern Geld geben, Müll trennen, Tierschutz, Fair Trade. Er als einzig wahrer Linker hielt davon nichts. Er war ein Traum von einem Mann. Aus Versehen muss ich seine Nummer blockiert haben.

Paare

mmm

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie Kinder mal haben möchten.

Diät-Käthe

Käthe hatte sich angestrengt und ganze 28 Kilo abgenommen. Ihr war zwar öfter schwindelig und sie fiel manchmal um, aber was machte das schon, wenn sie jetzt Kleidergröße XXS tragen konnte? Strenggenommen passte ihr XXS gar nicht und sie musste die neue Kleidung, die sie gekauft hatte, zum Schneider bringen, damit die Hosen, T-Shirts und Röcke und sonstiges nicht an ihrem dünnen Körper herumschlackerten. ”Kaufen Sie sich doch mal vernünftige Kleidung,” hatte sie schon die Nachbarin aus dem dritten Stock gerügt. Die, die immer so neugierig war. Käthe wog so wenig – man hätte meinen können, dass sie ein Windstoß umnietet, aber Käthe mochte sich so. Das war ihr neues Ich. Sie liebte ihren neuen ”Look”. Sie fühlte sich wohl. Sie aß eine Karotte am Tag, manchmal auch ein Stück Gurke und wenn sie ganz großen Hunger hatte, gab sie Zitronensaft in ihr Wasser. So kam sie auf ganze 50 Kalorien pro Tag. Der Briefträger hatte sie gar nicht mehr wiedererkannt wegen ihrer eingefallenen Wangenknochen.

Der schnieke Detlef war ganz begeistert, als er Käthe sah. Hatte er ihr doch gesagt, dass er nur auf schlanke Frauen steht, als sie sich bei Tinder kennenlernten. Detlef hatte gesagt, dass er eine Aversion gegen ”fette Weiber” hätte und sich ”mit so einer” nicht blicken lassen könnte und nebenbei bemerkt, dass Käthe ”ja schon etwas fülliger” sei. Als Käthe weinte, sagte er, dass er ja nur ehrlich sei und sie an ihrer Figur arbeiten sollte. ”Laut BMI habe ich Normalgewicht,” entgegnete Käthe. ”Willst du mir gefallen oder diesem BMI?” erwiderte Detlef und verzog das Gesicht. ”Ist das ein Schatten oder ein Damenbart, du Fettklops?” sagte er zu ihr sichtlich angewidert, als sie ihm einen Abschiedskuss geben wollte. Mit so einer könnte er nicht ankommen. Was würden die Jungs vom Stammtisch über ihn denken? Für Detlef war sein guter Ruf von großer Bedeutung. Das war schon immer so. Selbst als er mal ein ganz kleiner Detlef gewesen war. Detlef, oh Detlef, du Lebemann.

Käthe fragte: ”Detlef, wann treffen wir uns wieder?” Detlef seufzte laut und sah gar nicht von seinem Handy auf und swipte fleißig nach links und rechts. ”Hm, die ist nicht schlecht,” murmelte er. ”Aber die ist mir zu alt. Die ist ja schon 37.” Detlef war 39. ”Detlef,” schluchzte Käthe, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Nun war Detlef selbst kein Adonis. Gewiss, die Geheimratsecken und die Speckrollen am Bauch, die Schweißfüße und das Furunkel am After und seine schlecht durchbluteten, dicken, bleichen Beinchen machten ihn zu keiner Attraktion für die Damen- oder Homowelt, wenn er im Vorgarten seiner Mutter herumstolzierte und die Nachbarn lautstark auf ihr Fehlverhalten hinwies (wie den Polizisten Rainer, der im Haus schräg gegenüber wohnte und der immer drei Zentimer zu weit auf dem Bordstein mit seinem Privatauto parkte – Detlef hatte nachgemessen – oder die Friseurin Roswitha, die er beschuldigte ein illegales Bordell zu betreiben, weil sie manchmal Männerbesuch bekam), aber darauf kam es nicht an. Bei einem Mann kam es schließlich auf ganz andere Dinge an. Zum Beispiel darauf, dass Detlef so klug war. Er war so klug, dass andere Menschen gar nicht begriffen, dass er so klug war. Nur die Jungs von seinem Stammtisch begriffen das, aber die begriffen so einiges. Die durchschauten einfach alles und Detlef war ihr Anführer. Natürlich hatte man ihn nicht gewählt oder so etwas, aber er war so eine Art stiller Anführer. Das imponierte Käthe mächtig, dass ihr Detlef – nun, bald würde sie ihn den ihren nennen können, so dachte sie – so klug war und so viel wusste und so einen guten Ruf genoss und so viel begriff. Da hatte ihr das bisschen Hungern gar nichts ausgemacht. Erst hatte sie Almased gemacht und dann eine Fastenkur. So hatte sie in Null Komma Nichts abgespeckt und war jetzt rank und schlank. Detlef pfiff vor Begeisterung bei ihrem zweiten Date. ”Käthe,” sagte er. ”Jetzt kannst du dich wahrlich blicken lassen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Käthe, es ist um mich geschehen.” Er fiel vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand – seine war schweißnass – und küsste sie. Käthe schmolz dahin. So einen Kavalier hatte sie noch nie kennengelernt. Wie konnte sie nicht verliebt sein? Selbst sein Beruf begeisterte sie. Steuerberater. Etwas Solides. Wie schneidig er aussah mit den Socken und den Sandalen und dem fettigen, schütteren Haar. Sie mochte den würzig-schweißigen Körpergeruch, der ihr in die Nase stieg – Detlef rauchte Kette, aß nur Fleisch und trank literweise Bier. Da können die Ausdünstungen schon mal etwas pikanter riechen. Käthe kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Das sollte ihr neuer Freund sein? Ihr neuer Freund? Der sah ja fast so gut aus wie Richard Gere in Pretty Woman. Träumte sie oder war ein Rosamunde-Pilcher-Film Realität geworden und sie spielte die Hauptrolle? Es konnte nicht wahr sein. Jemand müsse sie zwicken, dachte Käthe und verdrückte ein paar Freudentränchen. Sie war verliebt, so verliebt.

Detlef, der Genießer, führte sie zum Rendezvous in ein feines Restaurant. Er aß ein Drei-Gänge-Menü und Käthe aß nichts. Sie musste ja ihre Linie halten. Sie trank nur ein Glas Leitungswasser. Nach Zitrone war ihr heute nicht. Sie hatte – seit sie gar nichts mehr aß – Unmengen an Geld übrig und konnte Detlef zum Essen einladen. Sie war spendabel und konnte es auch sein, da ja keine Kosten mehr für Nahrungsmittel für sie selbst anfielen. Detlef griff zu und bestellte das komplette Menü, das er soeben gegessen hatte, gleich noch mal, so hungrig war er. Er rieb sich den Bauch, als er zu Ende gegessen hatte und ließ sich noch drei Schnaps vom Kellner bringen. ”Zur Verdauung,” sagte er und ließ einen fahren. ”Blähungen,” sagte er. Käthe nickte verständnisvoll. Es gefiel ihr, dass Detlef nicht so vornehm war. Ihr letzter Freund, Daniel, war so etepete gewesen und sie war so froh, dass Schluss war und sie sich neu verliebt hatte. Außerdem hatte sie mal gelesen, dass man die Winde nicht halten sollte, wenn sie doch herausmussten. Sie überlegte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wo sie das gelesen hatte. Der Gedanke, die Erinnerung daran, war wie vom Winde verweht. Sie sah Detlef an. Er war mit offenem Mund eingeschlafen und hatte sich ein bisschen vollgesabbert. Sie war entzückt. Seine schwabbelligen, roten Arme kamen mehr als gut zur Geltung, weil er ein sportlich-elegantes Unterhemd trug. Dazu eine modische Radlerhose. Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild von ihm. ”Ist er nicht hinreißend?” schrieb sie ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe ”Magerwahnsinn” und fügte 15 Herzchen-in-Augen-Emojis an. Sie bekam hunderte von Herzchen zurück. ”Was für ein Bild von einem Mann,” schrieb Susi. ”Du Glückliche, ich bin neidisch,” schrieb Julia. ”Hat der einen Bruder, der Single ist?” schrieb Almgart. Käthe seufzte. Sie verspürte ein Bauchkribbeln. Es war Liebe, das musste Liebe sein, dachte sie. Die Astrologin bei AstroTV, die sie angerufen hatte, hatte Recht gehabt. Bald würde sie ihren Herzensmann treffen, hatte sie gesagt und nun saß er vor ihr. Das war die 178,91 Euro wert, die sie für den Anruf bei der Hotline bezahlen musste. Sie war verliebt, so verliebt. So unendlich verliebt.

Detlef erwachte. ”Hab kurz geschlafen,” sagte er. ”Ich habe von so einer geilen Ollen geträumt mit der ich es getrieben habe. Die war so dünn.” Detlef machte es mit den Händen nach. ”So dünn,” sagte er. ”Ihr Hüftumfang war so dünn, guck so. Die hatte aber Silikon-Dinger. So dünne Weiber haben ja oft nichts in der Bluse, wenn du verstehst, aber die hatte mindestens D oder E. Da konnte man ordentlich kneten. Wie Sauerteig oder so was. Die waren ungefähr so groß, so wie Melonen.” Er leckte sich über die braunen, trockenen, fleischigen Wurst-Lippen. ”Wann willst du dir Silikon reinmachen lassen?” fragte er. ”Ich sag’s dir gleich, ich bezahle dir das nicht, ich hasse das, wenn Weiber immer Geld von einem haben wollen. Das sollen die schön selbst bezahlen und du Käthe, hast es bitter nötig, muss ich dir sagen. Deine Euter sehen aus als hätte man da die Luft rausgelassen, jetzt, wo du abgenommen hast und du solltest so schnell wie möglich, ich sag mal, aufrüsten. Wenn du dir kein Silikon reinmachst, kann ich auch nicht treu sein. Eine Frau muss sich schon ein bisschen Mühe geben für einen Mann. Ich bin nur froh, dass du nicht mehr so fett bist. Wären wir in den Bergen zum Wandern gewesen, hätten die Leute ja gedacht, dass eine Lawine auf sie zurollt, wenn sie dich sehen und beim Spaziergang bei Sonnenuntergang am Strand, würden die ja meinen, es gibt eine Sonnenfinsternis, wenn du fette Wachtel mit mir entlangläufst. Oder die von der NASA oder Esta hätten gemeint, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt und dabei wär’s nur dein Hintern. An der Hand hätte ich dich nicht gehalten. Das wäre mir ja peinlich. Ich meine, so einer wie ich kann jede haben. Nur gut, dass du abgenommen hast. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich dich abservieren könnte, ohne deine Gefühle zu verletzen. Ich bin ja kein Unmensch, aber was soll ich machen. Ich weiß über meine Wirkung auf Frauen. Ich bin unwiderstehlich und kann es mir erlauben wählerisch zu sein.” Er rülpste. ”Hast du schon mal von Vaginalverjüngung gehört?” fuhr er fort. ”Wenn du mehr als drei Sexualpartner hattest, wird das nötig sein, denke ich,” sagte er. ”Nur zwei,” sagte Käthe erleichtert. ”Gut, ich kann es mir ja mal anschauen,” meinte Detlef. Käthe nickte. ”Du,” sagte er. ”Jetzt will ich aber ein Dessert. Nachdem ich schon die Torte im Traum vernascht habe.” Er lachte. Er klang wie ein Walross mit Asthma. Er spuckte ein paar Essensreste auf Käthe, die ihm zwischen den Zähnen steckengelieben waren. Seine Zähne waren in BVB-Farben gehalten, dabei war er VfB-Stuttgart-Fan.

Käthe überkam ein Anfall von Eifersucht. Sie schrieb ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe. ”Das war doch nur ein Traum,” schrieb Christiane. ”Sei froh, dass du einen Mann hast. Ist doch egal, was der träumt,” schrieb Gamse. ”Willst du dir so einen Traummann entgegen lassen? Du eifersüchtige Furie,” schrieb Ralph mit Ph und nicht mit F. Nein, sie war schon zu verliebt. ”Was möchtest du denn zum Nachtisch, Schatz?” flötete sie. Detlef grunzte wie ein Schwein. Das ließ sein Nasenhaar vibrieren. ”Herr Ober,” rief er und winkte den Kellner heran. ”Bringen Sie mir alle Ihre Desserts und das ein bisschen plötzlich. Ich brauche was zu mampfen.” ”Sehr wohl,” sagte der Kellner. Kurze Zeit später kam er mit unzähligen Desserts zurück. Käthe wusste teilweise gar nicht, was der Kellner da an ihren Tisch brachte. Das hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie ging ja nie in feine Restaurants. Strenggenommen ging sie nie in irgendwelche Restaurants und jetzt, wo sie nichts mehr aß, schon gar nicht.

Detlef begann zu esssen. Er langte ordentlich zu. Er schmatzte fürchterlich laut und ein paar Leute vom Nachbartisch räusperten sich mehrmals. Damit wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie entrüstet waren und sich gestört fühlten. ”Das ist unerhört,” sagte eine vornehm gekleidete Dame, die ein Chanel Twin-Set und teuren Schmuck trug. Ihre Begleitung nickte. Käthe schrieb ihrer Whatsapp-Gruppe: ”Leute im Restaurant meinen, ich sei nicht gut genug für Detlef” gefolgt von 15 Wein-Emojis.” ”Du musst eben noch mehr abnehmen,” schrieb Lina und Käthe nahm sich fest vor noch schlanker zu werden. Sie müsste mindestens fünf Stunden Sport am Tag machen. Dann würde das schon klappen. Ab sofort würde sie die Karotte, die sie am Tag aß, streichen oder Moment, vielleicht doch besser die Gurke? Was hat weniger Kalorien? Sie wollte googlen oder ihre Whatsapp-Gruppe fragen oder nein, Detlef – der wusste doch so viel. ”Du, Schatz,” sagte sie. ”Schatz.” Aber Detlef reagierte nicht. Er lag mit dem Gesicht im Kuchenteller. ”Schläfst du wieder, Schatz?” fragte sie. ”Schahatz?” Aber Detlef machte keine Regung.

Und das nie wieder. Man stellte bei ihm eine Herzverfettung fest und deshalb hatte er das Zeitliche gesegnet.

Käthe war untröstlich. Wo sollte sie nur wieder so einen tollen Mann herbekommen? Nicht mal ihre Whatsapp-Gruppe wusste Rat.