Zunehm-Freunde

Man muss gute Geschäftsideen haben. Eine Selbsthilfe-Gruppe für dünne Menschen, die zunehmen möchten statt abnehmen zum Beispiel, wo jeder 250 Euro für zwei Stunden bezahlen muss. Damit bin ich sozusagen dick im Geschäft. Ich nenne sie Zunehm-Freunde.

 

“Ich nehme einfach nicht zu. Ich habe schon ein Stück Zwieback und eine Möhre mehr am Tag gegessen und nehme nicht zu. Ich kann essen, was ich will und nehme nicht zu“, sagt Bohnenstangen-Manfred und sieht ganz traurig aus. Er scharrt mit dem Fuß am Boden herum wie ein bestürztes Fohlen. Er trägt Funktions-Sandalen ohne Socken, graue Khahi-Shorts und ein schwarzes Motörhead-T-Shirt. Seine Haare sind lang und grau und er trägt einen Pferdeschwanz.

“Ich auch nicht“, sagt die magere Margarete und wischt sich Tränen mit dem Ärmel ab. Ihr Gesicht ist lang und hager. Sie hat lange, graue Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und trägt eine pinkfarbene Funktions-Jacke mit weißen Streifen an der Seite, einen grauen Wollrock, der bis zu ihren spitzen Knien reicht und braune Trekkingsandalen.

“Ich verstehe das nicht“, sagt der dünne Roland. “Ich esse doch genug.“ Er holt eine kleine Tupperdose aus seinem Jutebeutel, öffnet diese, holt eine grüne Paprika heraus und knabbert daran. Er trägt eine Jeans, gelbe Flipflops, ein buntes Regenbogen-Batik-Shirt und seine Haare sind lang, grau und er trägt sie in einem Pferdeschwanz.

“Ja“, stimmt Magerquark-Mark zu und wirft sein langes, graues Haar in den Nacken. Er trägt eine Lederhose. Er trägt keine Schuhe und sein Oberkörper ist nackt. Man kann jede Rippe sehen. Er hat sich zwei Zigaretten angesteckt. Er hält eine in der linken, die andere in der rechten und zieht abwechselnd genüsslich daran und ab und zu auch an beiden gleichzeitig. Er sagt, dass an ihn das an die Brüste seiner Mutter erinnert, die ihn mit neun noch gesäugt hat.

Die gertenschlanke Gerda, der dürre Hans-Georg, der knochige Knackbert, Strichmännchen-Steffen, Size-Zero-Sören und die anderen nicken.

Es gibt einen Konferenzraum in dem Luxushotel. Da ist ein Sofa aufgebaut und noch ein Fernseher. Dann gibt es noch ein Bett und eine Küchenzeile mit Kühlschrank und einen Herd.

Die Kursteilnehmer müssen sich um mich herum stellen und machen sich Notizen.

“So“, sage ich. “Ich liege jetzt hier auf dem Sofa und starre an die Decke und denke nach.“

“Über was denkst du denn nach?“ fragt die gertenschlanke Gerda, die sich als Anführerin der Gruppe behaupten möchte, nach ungefähr einer Stunde.

“Über so Sachen“, sage ich. “Geht dich doch nichts an, worüber kluge Leute nachdenken.“

“Hm“, macht die gertenschlanke Gerda und sieht die anderen fragend an, die mit den Schultern zucken.

Ich stehe auf. Alles sieht mich fragend an. Ich gehe zur Küchenzeile, nehme mir eine Tüte Chips und einen Tiefkühl-Kuchen. Den Kuchen lege ich auf einen kleinen Tisch zum Auftauen neben das Sofa. Ich lege mich wieder aufs Sofa. Ich lege mich auf den Rücken. Die Chipstüte lege ich auf den Bauch und esse die Chips. “Ey du, Magerquark-Max“, sage ich. “Ich heiße Magerquark-Mark“, sagt dieser. “Ja ja“, sage ich. “Gib mir mal die Fernbedienung.“ Magerquark-Mark reicht mir die Fernbedienung. Ich mache irgendetwas an und starre gebannt auf den Fernseher, während ich meine Chips weiteresse. Es ist etwas, das mich gar nicht interessiert. Nach einer Weile fällt mir ein, dass ich ja auch umschalten kann. Fernsehen ist so überfordernd irgendwie. Ich schalte um. Ich möchte nun meinen Kuchen essen. Es ist ein schöner Schokoladenkuchen. Ich strecke meinen Arm aus, aber komme nicht so recht an den Küchen heran. Ich rücke immer einen Zentimeter weiter- bin aber zu erschöpft von dem Marsch vom Sofa zur Küchenzeile, um aufzustehen, und rücke immer weiter bis ich den Kuchen mit den Fingern zu mir schieben kann. Da ich kein Messer habe, um den Kuchen zu schneiden und ich vorhin ja schon die fünf Meter zur Küchenzeile gelaufen bin, greife ich mit der Hand in den Kuchen und stopfe ihn mir so in den Mund. Als ich den Kuchen gegessen habe, mache ich erst mal Mittagsschlaf. Mein engelsgleiches Gesicht ist vom Schokoladenkuchen verschmiert.

Ich erwache aus süßem Schlafe und trinke erst mal eine 2-Liter-Flasche Cola. Dann lege ich mich noch mal aufs Sofa und sprühe mir eine Sprühsahnen-Flasche in den Mund. Danach mache ich meinen zweiten Mittagsschlaf. Während ich schlafe, esse ich Schokolade. Ich wache immer kurz auf, beiße ab und schlafe weiter und beiße wieder ab.

“Wir müssen jetzt einkaufen gehen“, sage ich nach meinem zweiten Mittagsschlaf zu meinen Schützlingen. “Zum Supermarkt. Da lernt ihr mit mir, wie man richtig einkauft, ihr dünnen Heringe.“ Ich klatsche in die Hände.

“Willst du nicht dein Gesicht waschen?“ fragt Gerippe-Günni. “Du hast ja überall Schokolade.“

“Sag mir nicht, was ich machen soll“, herrsche ich ihn an.

Der ermüdente Fußmarsch von etwa 500 langen Metern führt uns an einer Eisdiele vorbei, wo wir uns erst mal stärken. “Meister, lass das gleich mal mit den Kugeln. Das ist doch nichts“, sage ich zu dem Eisdielenverkäufer. “Da wird doch kein Mensch satt von. Jeder bekommt einen Bottich für sich allein. Wie viele Kugeln sind in so einem Behälter? Spargeltarzan-Eckbert, welche Eissorte willst du? Hörst du, Eisdielenverkäufer, gib dem Mann Banane, aber flott.“ und so isst jeder eine ganze Eissorte auf. Draußen vor der Tür plärren ein paar kleine Kinder, dass die gemeinen Erwachsenen das ganze Eis aufgegessen haben. Der schmale Hans findet ein Päckchen Kaugummis in seiner Hosentasche und bittet den Bälgern versöhnlich Kaugummis an. Die Kaugummis sind zuckerfrei. Ich sehe ihn verächtlich an.

Es ist Zeit aufzubrechen.

Im Supermark marschiere ich schnurstracks zu einem Käsestand, wo man kostenlos Käse probieren kann. Die Frau am Käsestand hat Zahnstocher in einzelne Käsestücke gesteckt. Ich nehme mehrere und beiße den Käse ab. “Schmeckt gut“, sage ich mit vollem Mund und winke die Kursteilnehmer heran. “Kann ich noch mal von dem da probieren?“ sage ich und zeige auf einen Blauschimmelkäse. Die Frau sieht mich etwas verwirrt an. Da ich alle Käsestücke gegessen habe, muss sie erst weiteren Käse in Stückchen schneiden und mit Zahnstochern drapieren. “Ist schon gut“, sage ich. “Ich nehme einfach das ganze Stück.“ und beiße herzhaft hinein. “Kann ich auch von dem hier probieren?“ Nach kurzer Zeit hat die Frau keinen Käse mehr. “Na, so was“, sage ich. “Wer hat denn hier denn ganzen Käse gegessen?“ Ich lache und signalisiere den Dünnen, dass es an der Zeit ist weiterzuziehen. “Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Hunger“, sage ich. “Jeder nimmt sich einen Einkaufswagen und ihr kauft schön ein“, sage ich.

“Das ist so anstrengend mit euch und ich mag euch alle auch gar nicht“, sage ich zur Gruppe. “Ich muss mich erst mal von den Strapazen erholen.“ In einem der Gänge gibt es Camping-Ausrüstungen wie Zelte, Stühle usw. Ich setze mich in einen Klappstuhl und ordne Skinny-Steve an mir beim Bäcker zehn belegte Brötchen zu kaufen. Die anderen schicke ich los ihre Einkaufswagen mit Waren zu füllen. Ich lasse mir die Brötchen schmecken und schwelge in Erinerungen an meinen schönen Schokoladenkuchen. Als ich die Brötchen gegessen habe, sage ich der spitzen Silke, dass sie mir Kuchen beim Bäcker kaufen soll. Ich mache danach noch ein Schläfchen.

Die Kursteilnehmer kehren mit ihren Einkaufswagen zurück. Bevor sie an die Kasse gehen, prüfe ich erst, was sie gekauft haben. Ich bin mit einigen sehr, sehr unzufrieden. “Was ist das?“ schreie ich Knochengerüst-Kevin an. “Das ist Salat. Was willst du denn damit? Das einzige Grüne, das du Idiot kaufen sollst, sind die grünen Pringles.“ Ich schreie, bis ich ganz rot im Gesicht werde. “Das einzige Rote, das du kaufen kannst, sind rote Pringles“, sage ich und werfe Tomaten aus dem Einkaufswagen. Die scharfkantige Svetlana weint ein bisschen. “Zuckerbrot und Peitsche“, rufe ich. “Sonst lernt ihr das ja nie. Wollt ihr dick und schick werden oder nicht?“ Die scharfkantige Svetlana nickt. “Na, also“, sage ich.

Ich laufe durch die Gänge und reiße Chips, Schokolade, Pizza, Pommes frites, Sahne, Mayonnaise, Eis, Kuchen, Gebäck aus den Fächern, Regaln und Schränken und werfe das alles in die Einkaufswagen. “So“, sage ich zufrieden.

Auf dem Heimweg bin ich zu müde zum Laufen und muss vom schmalen Hans und Spargeltarzan-Eckbert getragen werden. Vor lauter Hunger und Müdigkeit bin ich ganz ausgemergelt. “Ich habe seit einer Stunde nicht mehr geschlafen und seit zehn Minuten nichts mehr gegessen“, sage ich verzweifelt und auch ein bisschen vorwurfsvoll. “Wenn ich mit euch Idioten hier nicht herumhängen müsste, könnte ich jetzt schön zuhause essen“, sage ich schmollend. Schacklikspieß-Erwin möchte mich besänftigen und füttert mich mit Bonbons. Vor lauter Hunger beiße ich ihm ein bisschen in die Hand. “Ist schon gut“, sagt er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der mickrige Mustafa möchte es Schachlikspieß-Erwin gleichtun und reicht mir eine Gurke. “Ich will deine dämliche Gurke nicht“, schreie ich.

Wir pausieren an einer Frittenbude und ich esse ein Kilo Pommes-Rot-Weiß.

“Gartenzaun-Gerda, mach mir Nudeln mit Käse-Sahne-Soße“, sage ich im Hotel angekommen. “Ich heiße gertenschlanke Gerda“, sage sie. Ich stöhne genervt auf. “Es ist mir egal, wie du blöde Funzel hast. Mach mir endlich etwas zu essen“, brülle ich. Die gertenschlanke Gerda beginnt Nudeln zu kochen. “Salz, Salz“, brülle ich. “Eine ganze Packung rein.“ – “Wieviele Nudeln möchtest du?“ fragt sie mich. “Was ist das für eine dumme Frage, du hysterische Kuh? Natürlich fünf Packungen.“ Ich bin wirklich außer mir vor Wut. “’Ich kann so nicht arbeiten“, sage ich. Als dann diese verblödete Schnepfe versucht Soße mit nur einer Packung Sahne und einer Packung Käse zu machen, reicht es mir und ich bereite mir meinen Nachmittags-Imbiss lieber selbst zu. Die Situation eskaliert und ich schreie: “Raus, raus, raus mit euch, es reicht. Raus mit euch, ihr unkultivierten Barbaren“, sage ich, mache mir meine leckeren Nudeln und lasse es mir erst mal schmecken.

Natürlich bekommt niemand sein Geld zurück.

Careerwoman

Ich habe mich um einen Job beworben und mir dafür eine seriöse Email-Adresse gemacht und mit dieser die Bewerbung abgeschickt. Nicht so etwas wie 420legalizeitalter@aol.de oder so. Ich war da so müde und habe die Emailadresse vergessen. Jetzt muss ich vielleicht von 420legalizealter@aol.de schreiben: ”Ey Bruder, hast du meine Bewerbung bekommen? Ich habe meine Email vergessen. Deshalb muss ich von der hier antworten. Also, was ist jetzt? Von der schnellen Sorte bist du aber nicht. Wenn du mir bis 12 Uhr nicht antwortest, suche ich mir etwas Neues.” und wenn er dann immer noch nicht schreibt, schreibe ich noch mal: ”Schreibst du jetzt mal oder was?” und dann wie ein beleidiger ”Nice Guy” schreibe ich: ”Ich will deinen dummen Job sowieso nicht.” und dann noch ein paar Beleidigungen das Aussehen des Mannes betreffend wie ”Du bist mir sowieso zu hässlich. Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt geschrieben habe. Ich kann jeden haben. Ich habe deinen Job nicht nötig. Was denkst du denn, wer du bist, Schlampe”, aber er scheint ein netter Typ zu sein, mein neuer Nicht-Chef.