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Sie war jetzt Autorin. Schriftstellerin. Sie war darüber stolz wie man über etwas stolz sein kann, was man einfach so macht. Das erste, das ihr einfiel, war, dass dies bedeutete, dass sie schreiben müsste, was sie nicht gerne tat, aber wenn sie damit nun Geld machte, konnte sie nicht anders. Das zweite war, dass sie sich einen billigen Schreibtisch kaufen musste und dann würde sie ihn in ihr Wohnzimmer stellen und das Zimmer von der Steuer als Arbeitszimmer absetzen können. Sie war über Punkt zwei sehr glücklich. Sie schrieb in ihren Terminkalender für morgen: 7-10 Uhr schreiben 10.40 Uhr Zahnarzt Sie wusste nicht, was schlimmer war, aber beides musste gemacht werden, so dachte sie. Bei ihrem Verlag war man ganz begeistert von ihrer Einstellung. Eine Autorin, die nicht gerne schrieb, würde es weit bringen in Deutschland und gut verkaufen, denn darauf kam es an. Lesereisen würde sie auch machen, denn sie mochte Publikum, das sie verehrte. Sie war auch gut zu vermarkten, was man an ihren ”Selfies” erkennen konnte. Hin und wieder vertrat sie mal eine gewagte These. ”Sie polarisiert,” sagte ihre Lektorin und weinte ein bsschen. ”Und sie ist selbstsicher,” was man auch arrogant, grundlos, nennen könnte, aber so aufgeweckt war man beim Verlag und bei ihrer Agentur nicht. Man war zufrieden. Der Feuilleton hatte auch schon angebissen.

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Fernsehauftritt

 

Schon damals, als ich mit Ulf Poschardt in der Sendung ”Willkommen in Österreich” auftrat und über ihn, auf ihn, ein Glas Wasser ausschüttete, wusste ich, dass aus mir mal etwas ganz Großes werden sollte. Dabei war mein Auftritt in dieser Sendung eher ein Missverständnis. Christoph Grissemann und Dirk Stermann hießen die Moderatoren. Das hatte ich nachts bei Wikipedia gelesen. Ich befand mich in einem Zustand der verzehrten Wahrnehmung der sogenannten Realität bedingt durch illegale Substanzen, die ich mir einverleibt hatte, weil ich im Einverleiben ziemlich gut bin. Nicht jeder muss viele Talente haben. Ein oder zwei reichen völlig aus und an den anderen kann man ja arbeiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gehalfen, außer vielleicht ein Genie, was aber die wenigsten Menschen sind. Nach dem Einverleibnis – ich benutze das als schlechten Witz, um zu unterstreichen, dass mein Ego groß genug ist für schlechte Witze – hatte ich das alles ein bisschen verwechselt. Christoph Grissemann hielt ich für den französischen Fußballspieler Antoine Griezmann und freute mich schon auf unser Zusammentreffen. Die Ernüchterung war groß, als ich dann auf einmal vor diesem Thomas Gottschalk, Dolly, das Schaf-Klon saß. Da war noch ein anderer schrecklicher Mann. Brauchte ich eine neue Brille? Mehr Schlaf und Nüchternheit? Oder was war das? Als ich verstanden hatte – ich bin ein Schnellschalter in Denkfragen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte, konnte ich meine Verärgerung und Enttäuschung nur schlecht verstecken. Als dann noch dieser schreckliche Ulf auftrat, da konnte ich mir nicht anders helfen. Es war alles in allem kein sonderlich guter Fernsehauftritt. Nur beim Buffet hatte ich ordentlich zugelangt.  Der Östereicher oder auch die Österreicherin, wenn sie mal reden darf, nennt das Büffet. Der Bauch hing mir schon aus der Hose. Ich hielt ihn mir. ”Voll meta,” sagte der dumme Ulf, den ich deshalb Dulf nannte. ”Bitte nicht meta,” sagte ich. ”Das ist so ein Trend-Wort der Pseudointellektuellen. Ich als Intellektuelle mag das nicht. Ich möchte auch nichts mehr von Filter bubble oder Filterblase hören oder welche Wörter DU nicht magst und bitte keine Witze über Bitcoins und Hipster, du Wichser.” Ich vergaß für einen kurzen Moment meine guten Manieren. Einer der schrecklichen Moderatoren-Männer machte einen ”Witz” über Natascha Kampusch. Ich holte meinen Pfefferspray aus meiner Lui-Witöng-Tasche und sprühte ihn damit ein. Ich musste an Patrick Süskinds ”Das Parfum” denken. Es ist nicht immer leicht ein Star zu sein.

Saarbrücken, Bêtise Royale

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Ich bin nach Saarbrücken gefahren, um da meine Angst zu lassen. Warum Saarbrücken? Warum lässt man in Saarbrücken seine Angst zurück? Die Angst ist nicht rational, die Angst ist verrückt, die Angst lässt mich verrückte Sachen machen, obgleich nach Saarbrücken fahren nicht so verrückt ist. Nur ein bisschen zufällig. Man man macht sich selbst zum Feind, den man selbst zieht die Fäden. Man selbst lässt sich von der Angst leiten, verleiten. Die Angst ist dumm, feige und unhöflich. Nein, das ist keine Angst wie sie viele haben. Es gibt berechtige Angst, die man kennt, kennen sollte. Es gibt diese vernünftige Angst und es gibt zu viel Angst. Diese Angst ist ein Diktator. Man kann irgendwann nicht mehr ”funktionieren” und das sollte man in unserer ”Leistungsgesellschaft”. Vielleicht hat man deshalb Angst. Selbst zum Supermarkt zu gehen wird schwer mit der Angst. Warum? Weil man es selbst zugelassen hat, dass es so weit kommt. Man hat aufgegeben. Man hat der Angst zu viel Platz gewährt und sie macht sich breit wie ein ungebetener Gast, der den Kühlschrank leerfrist, in Unterwäsche fernsieht und bleibt. Bis alles in Unordnung gerät. Die Angst ist nicht gut. Die Angst ist kein Gefährte. Die Angst ist bockig und laut. Die Angst stört und ist doch vertraut.

Die Hotelwände in Saarbrücken sehen mich an, das Zimmer ist ein bisschen klein, aber sauber. Ich habe zwei Nächte durchgemacht, nicht geschlafen. Deshalb störe ich mich nicht daran, dass das Zimmer teuer ist. Ich habe die Vorhänge zugezogen. Der Fernseher läuft ohne Ton im Hintergrund. Es ist früher Nachmittag. Die Angst sitzt tief verborgen, aber schweigt ein bisschen. Zumindest im Gegensatz zu sonst. Ich hätte gerne Xanax. Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Stattdessen liege ich im Bett. Die Bettwäsche ist weiß und bequem. Wird man die Angst los, indem man sich im Bett versteckt? Oder muss man aufstehen und wie ein Ritter bei einem Turnier mit einer Lanze gegen die Angst antreten? Man kann nichts für die Angst. Sie kam irgendwann oder war schon immer da. Die Frage ist, was man braucht, um nicht mehr diese Angst haben zu müssen. Therapie hilft, aber ich kenne viele Psychologen, die selbst Hilfe bräuchten. Menschen, die man so bei Partys und abends beim Ausgehen kennenlernt. Menschen, die meist den Drogen nicht abneigt sind und ihr Päckchen voller psychologischer Unzulänglickeiten zu tragen haben. Wie ich. Das Vertrauen ist nicht da. Natürlich kann man von seinem Drogenfreunden Psychopharmaka bekommen und die Angst hält die Klappe für ein paar kurze Stunden, aber davon geht die Angst nicht weg. Sie verschwindet nur kurz und kehrt zurück wie sie das immer gemacht hat. Die Angst ist peinlich, die Angst ist dumm. Man muss die Wurzen herausreißen. Was ist des Pudels Kern? Drogen helfen nicht, Alkohol nur ein bisschen. Wer Angst hat, der muss, selbst herausfinden, was gut für einen ist. Das kann Therapie sein, das kann Yoga und Meditation sein. Sport, Kunst, soziale Arbeit, Erfolg, Liebe. Ich habe zu wenig gemacht und die Angst machen lassen. Versteckspiele und Müßiggang. Schlafloskigkeit.

Saarbrücken ist leise. Hier laufen die Dinge langsamer als in Berlin. Die Menschen sind nett. Ich frage ein Paar nach dem Weg. Sie fahren mich kurzerhand dorthin, wo ich hinmöchte, weil das auf dem Weg liegt. Der Mann ist ein bisschen dunkler und hat einen ausländischen Akzent. Wir reden über Wien, weil ich heute Abend nach Wien fahre. Es ist eine schöne Stadt mit viel Kunst und Architektur”, sage ich. Die Frau erzählt, dass ihre Tochter letztes Jahr in Wien war. ”Ich bin oft da,” sage ich. Ich sage, dass man Deutsche in Wien Piefke nennt. Das wusste die Frau nicht. Ich hatte Angst beim Einsteigen. Wer steigt schon bei fremden Menschen ein? Dafür braucht man keine Angst wie ich, dafür muss man einfach nur ein bisschen klug sein. Damit habe ich es aber nicht so. Ich habe vor allem Angst, aber steige dann bei Fremden ein. Sie sind nett. Es ist eine schöne Fahrt. Ich bin müde von der Angst, von den Zwängen. Ich kann das Paar übernehmen lassen. Sie fahren mich und ich rede mit ihnen und die Angst ist stumm und da denke ich mir, dass das ist, was ich gegen die Angst machen muss. Man muss sich auf nette Menschen einlassen, denn es gibt sie, die netten Menschen. Man kann sich nicht immer von seiner, wie soll man sagen, Misanthropie leiten lassen. Man muss sich auch ein bisschen öffnen. Nein, man sollte nicht bei fremden Menschen in Autos steigen. Ein bisschen reden. Das sollte man tun. Ich bin ein ”einsamer Wolf”, ein Einzelgänger. Da ist man viel mit der Angst allein. Die Angst wird stärker, weil man eine Art der Selbstfolter und Isolation betreibt. Da ist viel Unmut.

Viele Menschen sprechen Französisch in Saarbrücken. Es klingt schön. Ich habe mal einer deutschen Journalistin dabei zugehört, wie sie erzählte, dass sie an der Sorbonne studiert hat und deshalb Französisch spricht. Ihr Französisch war nicht schön. Eine Frau an Bahnschalter am Hauptbahnhof, die vermutlich nicht an der Sorbonne studiert hat, um hier arbeiten zu dürfen, spricht ein schöneres Französisch. Man kann nichts für seinen Akzent. Er ist vermutlich wie die Angst. Man kann aber daran arbeiten. Ich möchte das Französisch der Journalistin auch deshalb nicht, weil sie zickig und arrogant war. Arroganz ist schrecklich. Nur in Deutschland kommt Arroganz so gut an. In jedem anderen Land wird ungebründete Arroganz nicht lobgepriesen. Mit Ausnahme der USA vielleicht, aber Deutschland ist ein bisschen wie die europäischen USA. Hier schreibt man ”Bücher” wie ”Tristesse Royale, Das popkulturelle Quintett”, in dem sich aufgeblasene Idioten: Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg – mindestens drei haben sich bei Springer prostitutiert – im Hotel Adlon treffen und darüber reden, dass man nie in Wohnungen ohne Gästetoilette wohnen würde und auf ”kiffende Hippies” schimpft, ohne selbst etwas geleistet zu haben, Durchsage: Schlechte Bücher schreiben kann jeder und Berlin ist nicht das neue New York. Es kommt auch etwas über ”Lesben”. Über Lesben haben dumme Menschen immer eine Meinung. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass man in einer patriarchalischen Gesellschaft wegen der Verweigerung des heiligen Penisses auf Lesben wütend ist. Meinungen haben und laut verkünden ist keine Leistung. Der betrunkende oder berauschte Obdachlose, der ein Selbstgespräch führt, hat auch Meinungen. Ich würde mir lieber seine Meinungen anhören, als die der Tristesse Royale Herren. Bêtise Royale wäre passender. Auch für meine Angst. Ich habe das Buch bei Oxfam gekauft für einen Euro. Vielleicht waren es auch zwei Euro. Ich habe andere Menschen sozusagen davor gerettet. So viel tue ich für die Menschheit. Ach. Ich wollte nicht, dass es jemand anderes liest und verdorben wird von dieser Arroganz und dann auch so viele ”Meinungen” hat. Ich werfe das Buch auf den Boden. Der Hotelzimmerboden ist mit einem grauen Teppich ausgelegt. Diese Männer, diese hochtrabenenden ”Autoren” halten sich vermutlich für ”Dandies”. Für mich sind sie einfach nur ein bisschen peinlich. Erst dachte ich, dass es gut war, dass ich das Buch bei Oxfam gekauft habe. Ich kaufe meine Bücher lieber da, und nicht bei Amazon, weil das Geld, so könnte man meinen, für einen guten Zweck eingesetzt wird, aber erst vor Kurzem gab es einen ”Sex-Skandal” bei Oxfam. Männer fuhren nach Haiti, um dort zu ”helfen” in Form Frauen in Not für Prostitution bezahlen. Ich weiß nicht mehr, wo ich meine Bücher kaufen soll. Da sollte man sie vielleicht selbst schreiben oder vielleicht kann einen besonders netten Flohmarktverkäufer finden. Und dann denke ich – nachdem ich das Buch auf den Boden geworfen habe- das ist nicht gut für die Angst. Schlechte Bücher lesen, das ist schlecht. Das ist wie Futter für die Angst. Warum mache ich das? Das ist wie schlechte Gesellschaft, falsche Freunde, schlechtes Essen, schlechte Gespräche. Das ist negativ. Das fördert die Angst. Ein gutes Buch, ein gutes Gespräch, gutes Essen. Das ist der Gegensatz. Das sollte man tun. Angst braucht Wut, Langeweile, Schlafmangel, kein oder kaum Essen, negative Gefühle.

Ich habe nicht geschlafen und wenig gegessen. Zu viel Koffein. Das macht die Angst wild wie ein Tier bei Tollwut. Ich hatte die Angst nicht immer so, sie war mal schwächer. Ich war mal ein bisschen mutig, aber die Angst war da. Vielleicht habe ich zu viele Drogen genommmen oder hatte eine Quarter life crisis. Die Angst ist ein Vandale, sie zerstört so viel. Die Angst ist ein Tyrann. Ein Despot. Ein Mobber. Ich habe ein Stück der Angst in Warschau gelassen, aber dann kam sie wieder. Vielleicht bleibt sie in Saarbrücken.

Die Angst wird beim Reisen bei vielen größer. Ist man nicht mutig genug, fährt man nicht nach Südamerika, man fährt nach Saarbrücken und versucht sich ihr langsam zu stellen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Tritt in die Angst für mich.

Olelele

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”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

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Marlies Hübner, Autorin von Verstörungstheorien: Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne

erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

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                 Danke, Marlies und viel Erfolg mit deinem zweiten Buch.

Cat Marnell

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Ich wollte mir das Buch von Cat Marnell zunächst nicht kaufen, weil sie Pelz trägt, aber in einem Interview sagte sie, dass sie Pelz als Neujahrsvorsatz aufgegeben hat.

Cats Autobiografie, die sie mit gerade mal 34 veröffentlicht hat, How to Murder Your Life erscheint am 22. April nun auch auf Deutsch bei Rowohlt und wird noch mit dem albernen Zusatz ”Selbstporträt eines Hochglanzjunkies” versehen.

Bekannt wurde Cat durch ihre Artikel auf der US-amerikanischen Seite XoJane. Danach schrieb sie für Vice.

Das Buch ist in einem einfachen, schnellen Ton geschrieben.

Cat erzählt über ihre Kindheit, ihre Arbeit als Beauty-Redakteurin bei Frauenzeitschriften, New York, Ex-Freunde, Bulimie und Drogen. Sie ist aus gutem Hause – eine klassische ”Poor little rich girl”-Geschichte.

Man muss nicht hervorragend Englisch sprechen, um das Buch zu lesen. Die Sprache ist nicht kompliziert, aber wer möchte, kann die deutsche Veröffentlichung abwarten.

Das Buch ist allen party girls and gay dudes gewidmet.

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Der Autor

Er wollte den ganz großen Roman schreiben, hatte er sich überlegt. Den Roman auf den alle gewartet hatten. Das heißt, alle Männer und ein paar Frauen, aber selbstverständlich nur die coolen Frauen – er wollte keinen Roman für uncoole Frauen schreiben. Es müssten schon die coolen Frauen sein. Nicht die komplizierten Frauen, die immer zicken. Nein, die Frauen, die gerne Bier trinken und Sex haben und nicht zickig sind. Für solche Frauen wollte er ein Buch schreiben. Natürlich müssten sie politisch links sein. Er war gegen Rechte wie die AfD. Das musste man ja immer wieder betonen wie schrecklich das alles ist mit der AfD. Er als linker Mann war so betroffen davon. Seine Leserinnen müssten aber nichts vom Politik verstehen, dachte er. Er wollte kein politisches Buch schreiben. Er würde es nicht zu kompliziert für sie machen. Es würde vielleicht schon ein bisschen Politik im Buch vorkommen, aber das eher versteckt. Man musste schon ganz ausgefuchst sein, um die tiefere Bedeutung zu verstehen. Er würde vielleicht ein paar Anspielungen machen, die nur die ganz Klugen verstehen oder vielleicht Metaphern? Er überlegte, während er auf seinem Sofa saß. Er ließ das Whisky-Glas kreisen. ”Hm,” machte er und beobachtete das Glas in seiner Hand. Das Braun des Whiskys. Er nahm sein Macbook: ”Ihre Haut war so braun wie Single Malt Whisky. Ein sattes Goldbraun,” schrieb er. Damit wollte er andeuten, dass ein Charakter in seinem Buch vorkam, der nicht ganz weiß war. Er war keinesfalls Rassist – er hatte schließlich Sex mit einer Frau, die nicht ganz weiß war und sie kam gleich im ersten Absatz vor. Er beschrieb die namenlose Frau mit der hellbraunen Haut auf über einer Seite. Er überlegte, ob er ihre Scheide beschreiben sollte, aber das kam ihm dann doch etwas zu frivol vor. Er wollte ja als intellektueller Autor wahrgenommen werden. Sein Alter Ego Fritz – er hatte sich bewusst für einen altmodischen Namen entschieden, weil das die Leser irritieren sollte – sie sollten erst mal nicht erahnen, was für ein Testosteron-Protz Fritz war – war ihm zwar ähnlich und beruhte auf ihm, aber durch ihn konnte er seine geheimen Fantasien, die er hegte, doch ein wenig ausleben. Fritz war er, nur hatte Fritz mehr Sex und kam bei den Frauen noch ein bisschen besser an und ja, Fritz’ Penis war an die fünf Zentimeter größer als seiner, aber ansonsten gab es einige Parallelen. Sie beide waren gut angezogen, tranken den besten Whisky, hörten die beste Musik.

Er stand auf und legte eine Vinyl auf. Sollte Musik im Buch vorkommen? Natürlich. Damit würde er seinen guten Musikgeschmack in Buchform verewigen. Er seufzte. Ach, was soll’s, dachte er. Er würde ihre Scheide beschreiben. Warum denn nicht? Er wollte nicht prüde sein. Keinesfalls wollte er prüde sein. Er beschrieb ihre Scheide auf noch einer weiteren Seite und beendete die Schilderungen über die Frau mit: ”… und sie fragte sehnsüchtig, beinahe ein wenig verzweifelt: ”Rufst du mich an?” Er verachtete sie dafür. Er zuckte mit den Achseln und ließ die Zigarette in seinem Mundwinkel absinken. ”Vielleicht, Kleines,” sagte er, ging durch die Tür und rief nie wieder an. Er war zufrieden. Sein Verlager würde es sicher auch sein. Er schätzte sich glücklich, dass er das Angebot bekommen hatte ein Buch zu schreiben. Dass man sein Talent erkannt hatte. Sein Iphone machte einen Ton. Er seufzte. Er sah, wer ihm geschrieben hatte. Es war Julia. Sie fragte, ob er am Freitag zu ihrer Party kommen würde. Er antworte nicht. Er sah nach, ob Franzi schon geschrieben hatte. Hatte sie nicht. Was hatte die schon Besseres zu tun, dachte er. Sie sollte dankbar dafür sein, dass er sich überhaupt mit ihr abgab. Er könnte vielleicht ein kurzes Treffen mit ihr am Freitag einschieben und danach zu Julias Party gehen. Er hatte gehört, dass Meike wieder Single war und zur Party kommen wollte. Sie hatte bei Facebook zugesagt. Er seufzte. Wieder einmal lenkten ihn die Frauen von der Arbeit ab. Er musste weiterschreiben. An seinem Roman.

Er überlegte, wie er den Roman nennen sollte, aber ihm fiel nicht so recht ein guter Name ein. Er ging zu seinem Bücherregal und nahm eines seiner Bukowski-Bücher und blätterte darin, um sich inspirieren zu lassen, aber sein Verstand war wie ein weißes Blatt Papier. Nichts stand drauf. Nur weiß, weiß. Er seufzte und setzte sich wieder auf das Sofa. Vielleicht sollte er sich ein bisschen entspannen und dann würde ihm schon etwas einfallen? Er nahm sein Macbook, klickte auf eine Seite und sah sich an wie eine schlanke Dunkelhäutige gewürgt und angespuckt wurde und dann von hinten ordentlich durchgenommen wurde. Er öffnete die Hose. Ein bisschen Masturbation konnte nicht schaden, dachte er. Nachdem er so hart gearbeitet hatte. Danach döste er ein wenig und hörte Kollegah, aber ein Titel fiel ihm immer noch nicht ein.

Vielleicht sollte er einfach weiterschreiben und wenn das Buch erst mal fertig war, würde er schon einen Titel wissen oder er könnte sich mit seinem Verlag oder Agenten beratschlagen. Er musste weiterschreiben. ”Du musst weiterschreiben,” sagte er laut zu sich selbst. ”Jeden Tag fünf Seiten.” Er hatte heute erst zwei geschrieben.

Wie sollte es weitergehen, überlegte er. Fritz verabschiedet sich von seiner Geliebten – eine von hunderten – meist kurzweilige Abenteuer – aber was geschieht dann? Er legte die rechte Hand an sein markantes Kinn. Er nahm seine Zigaretten und rauchte gedankenverloren. Verrückte Ex-Freundin, dachte er. Er müsste über eine verrückte Ex-Freundin schreiben. Er füllte eine Seite mit einer verrückter Ex-Freundin, die auf Fritz in seiner Wohnung wartet, bis er sie herausschmeißt. Nicht ohne vorher Sex zu haben, denn die Verrückten sind immer gut im Bett. Er war glücklich. Eine Seite mehr. Wie sollte es weitergehen? Wieder fiel ihm nichts ein. Sollte er sich einen Kaffee kochen?

Warum nicht in ein Café gehen und da weiterschreiben? Er mochte die Atmosphäre in Cafés. Ideal zum Schreiben. Auch wenn er es dort meist nicht lange aushielt. Es reichte immer nur für ein paar Seiten. Dann wurde es ihm zu viel. Er war oft abgelenkt, wenn gutaussehende Frauen ins Café kamen. Er konnte sich dann nicht mehr konzentrieren, weil er beim Schreiben darauf achten musste gut zu schreiben und dabei gut auszusehen. Aber männlich-gut, nicht männlich-schwul. Das war gar nicht so leicht. Sicherlich fragten die Frauen sich, woran er da schrieb, wenn er hochkonzentriert auf sein Macbook oder auf sein Moleskine starrte, die Stirn in Falten legte und mit den Fingern trippelte. Am liebsten würde er seine Vintage-Schreibmaschine ins Café mitnehmen – das würde mächtig Eindruck bei den Mädels schinden – aber die war so schwer und passte nicht in seine Ledertasche.

Er zog seinen Mantel an und betrachtete sich im Spiegel. Drei-Tage-Bart. Sein Haar sah etwas unordentlich aus. Etwas wild. So gefiel er sich. Er übte noch kurz im Spiegel, wie er männlich-gut beim Schreiben aussehen könnte. Als er mit seiner Pose zufrieden war, verließ er die Wohnung. Nicht ohne noch kurz vorher etwas Eau de Toilette aufzutragen. Davidhoff Cool Water.

Er ging zur Tür hinaus. Die Helligkeit des Tages knallte ihm entgegen. Das Tosen der Passanten und der vorbeifahrenden Straßenbahn. Auf dem Bordstein blieb er plötzlich stehen und erschrak ein wenig, weil ihm eingefallen war, dass er ja auch ein Autorenfoto benötigte. In allen guten Büchern gibt es immer ein Autorenfoto. Darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht. ”Shit,” fluchte er leise. Warum war ihm das nicht schon vorher eingefallen? Jetzt musste er sich darüber auch noch Gedanken machen. Die Sache mit der Schreiberei – das war so ein Stress – er würde sich heute Abend etwas Koks kaufen müssen, damit er besser arbeiten konnte.

”Hallo Hendrick,” sagte die Bedienung und kicherte. Sie stand sicher auf ihn. ”Hallo Kleines, das Gleiche wie immer,” sagte er cool und nahm seine Sonnenbrille ab. Er sah sich um. Es waren heute keine gutaussehenden Frauen da. Die Rothaarige, die am Tisch in der Ecke saß, war nicht schlecht, dachte er, aber er musste kurz überlegten, ob sie natur oder gefärbt war. Er mochte keine roten Schamhaare.

Die Bedienung brachte ihm seinen Kaffee. Schwarz, ohne Milch und Zucker. ”Danke, Süße,” sagte er und trank sogleich davon. ”Der Kaffee ist brühend heiß,” sagte die Bedienung entsetzt. ”Ich weiß,” sagte er. ”Stör mich jetzt nicht. Ich muss an meinem Roman schreiben.” ”Ist gut,” sagte sie.

Er nahm sein Macbook aus seiner Tasche und kaum hatte er es eingeschaltet und war bereit zum Schreiben, da gab sein Iphone wieder einen Ton von sich. Er sah auf das Display. Anke hatte ihm ein Nacktfoto geschickt. Sie könnte auch mal ein bisschen Sport machen, dachte er, aber im Großen und Ganzen war es kein schlechtes Bild. ”Was machst du am Dienstag um drei Uhr nachts? Ich hätte da Zeit für dich,” schrieb er ihr. Warum hatte ihm Ronja eigentlich noch kein Bild geschickt? Zumindest in sexy Unterwäsche? Es muss ja nicht sofort ein Nacktbild sein. Sie hatte bis jetzt nur Selfies geschickt, auf welchen sie voll bekleidet war. Er schrieb ihr: ”Wie geht’s?” Nun, war aber Schluss mit der Ablenkung. Er stellte sein Iphone auf Lautlos und machte sich ans Werk. Er musste weiterschreiben. Noch drei Seiten.

Das Koffein hatte ihn etwas aufgeweckt, aber ihm wollte nicht so recht ein Gedanke zufallen. Was sollte er schreiben? Nervös sah er auf sein Macbook. Drei Seiten hatte er heute schon geschrieben, es fehlten noch zwei. ”Scheiße,” schrie er laut. Ein paar Leute sahen sich nach ihm um. Er beachtete sie nicht. Er musste weiterschreiben, aber wie konnte er weiterschreiben, wenn der doch eine Schreibblockade hatte? Er nahm sein Handy und schrieb Holger, dass er drei Gramm Koks kaufen wollte. Dann starrte er wieder auf sein Macbook.

Die Tür ging auf. Er konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass gutaussehende Frauen hereinkamen. Er musterte sie verstohlen. Nicht übel, dachte er. Gar nicht mal so übel. Vor allem die Blonde gefiel ihm. Jetzt war schnell handeln angesagt. Er setzte sein männlich-gutes-Schreibgesicht auf, nicht ohne die Frauen weiter heimlich zu beobachten. Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Er würde schnell die drei Seiten schreiben. Die Seiten, die noch fehlten, damit er mit seinem Tages-Vorsatz fertig war und dann würde er mal sehen, ob er irgendwie mit den Frauen connecten könnte. Ein bisschen Augenkontakt hier, ein durchdringender Blick da, aber erst musste er noch weiterschreiben. Worüber sollte er nur schreiben? Worüber nur? Er legte den Kopf schief und legte den Zeigefinger auf seine Lippen. Er sah in die Luft. Da kam ihn ein Gedanke. Er würde über Fritz schreiben. Fritz würde sich vorstellen. Erst kommt die Frau vor, mit der er Sex hat. Die Frau mit der Single Malt-Whisky Haut. Dann die Ex-Freundin. Aber der Leser ist doch neugierig auf Fritz. Der Leser möchte doch wissen, wer Fritz ist. Dass ihm das nicht sofort eingefallen war. Natürlich. Es war doch so simpel. Er sollte vielleicht ein paar Tinder-Dates streichen, etwas mehr schlafen und dann würde ihm so etwas nicht mehr passieren oder nein, er würde einfach ein bisschen Koks ziehen. Dann würde das schon gehen. Er lächelte zufrieden. Heute Abend, dachte er. Er sah zu den Frauen. Sie unterhielten sich angeregt miteinander. Egal. Sie würden schon zu ihm herübersehen, aber erst mal musste er weiterschreiben.

Er schrieb:

”Ich bin Fritz. Gott ist groß, aber nicht so groß wie mein Schwanz.” Er lachte. Der war gut. Die Frauen sahen sich nach ihm um. Großartig, dachte er. Er schrieb weiter: ”Willst du meinen Schwanz? Ja? Du musst dich erst mal hinten anstellen.” Die Frauen steckten die Köpfe zusammen und sahen in seine Richtung. Redeten sie über ihm? Er machte sein männlich-gut-Gesicht und tippte weiter: ”Ich bin tagsüber Arzt und nachts Privat-Detektiv. Mein Schwanz hat nur Zeit für einen Quickie mit dir.” Das war gut, dachte er, das war richtig gut. Er hatte einen Lauf. ”Vergiss alle Männer, die du bisher gekannt hast, denn jetzt kennst du mich. Mein Schwanz fickt dich in tausend Himmel und in die Hölle zurück. Ich brenne wie Feuer. Ich kann jede haben. Ich bin der Erwählte. Der Gesuchte. Merk dir meinen Namen. Du wirst ihn schreien. FRITZ. Mein Schwanz fickt wie der Blitz, aber nur wenn du nicht schon ausgeleiert bist.” Er schrieb drei ganze Seiten voll.

Als er zu Ende geschrieben hatte, sah er auf, aber die Frauen waren schon weg. Er zuckte mit den Achseln. Er war nicht auf sie angewiesen. 80% der eingespeicherten Nummern in seinem Handy waren weiblich und es kamen jeden Tag neue dazu.

Er wollte sich nicht noch mal durchlesen, was er geschrieben hat. Das kam ihm irgendwie verweichlicht vor. Er würde die Seiten einfach seinem Verleger schicken und die sollten das noch mal überarbeiten, falls das überhaupt nötig war. Wahrscheinlich nicht. Er hatte seinem Verleger schon einige Textproben geschickt und er war jedes Mal begeistert gewesen. Er hatte ihn sogar ein Genie genannt. Er hätte dem Verleger gerne lautstark zugestimmt, aber dachte, dass es besser wäre nur stumm zu nicken und kurz: ”Nice.” zu sagen. Der Coolness wegen.

Er war stolz auf sich selbst. Erfolgreich, intelligent, gutaussehend, witzig, cool, ein großer Hit unter den Frauen. Er nahm sein Handy und machte ein paar Selfies. Er wollte schon mal üben, wie er auf seinem Autorenportrait schauen sollte. Eher den Kopf ein bisschen nach links oder rechts? Schlafzimmerblick oder selbstbewusst? Sollte er sein Haar kürzer schneiden oder lang wachsen lassen? Oder so lassen? Mit oder ohne Gel? Wenig Bart, etwas mehr oder glattrasiert? Was sollte er tragen? Er würde das noch mal mit seinem Verleger besprechen müssen. Oder mit Julia. Julia war Mode-Studentin.

Er packte das Handy in seine Hosentasche. Er hatte sich für heute genug mit seinem Debüt-Roman befasst, dachte er. Er verließ das Café und ging in einen Supermarkt. Er kaufte die TAZ, die GQ und ein Bier. An der Kasse sah er ein paar Prolls. Sie trugen Fußball-Trikots und dazu passende Schals. Er mochte zwar hin und wieder Fußball, aber musste man sich so gehen lassen? Diese deutschen Kartoffen, dachte er und verzog das Gesicht. Sie waren nicht so links wie er. Er wollte nach Hause gehen und weiterschreiben. Aber nicht an seinem Roman. Morgen wieder. Nein, daran wollte er heute nicht mehr schreiben.

Er ging nach Hause, öffnete das Bier und setzte sich an den Schreibtisch. Draußen wurde es schon dunkel. Er knipste die Schreibtischlampe an und zündete sich eine Zigarette an. Morgen müsste er sich einen weiblichen Charakter ausdenken, der vielleicht ein paar Sätze spricht. Das war leicht. Er seufzte laut. Frauen haben es einfacher als Männer, dachte er. Eine Frau müsste man sein. Man hat eine sexuelle Macht über Männer und die einzige Sorge, die man hat, ist, was man anziehen soll. Morgen würde er den Charakter erfinden und ohne Anstrengung eine Seite füllen. Aber erst mal musste er an etwas anderem arbeiten.

Er hatte einen Bachelor und Master und jetzt musste er noch an seiner Doktor-Arbeit schreiben. Er stockte. Sein Blick ging ins Leere. Er schüttelte den Kopf ein wenig, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war ein stolzes Lächeln. Er konnte es selbst nicht glauben. Bald würde er Buchautor sein und wenn er die Arbeit abgab – und das würde nicht mehr lange dauern und dann müsste er nur noch ein bisschen warten – ja, dann – er konnte es nicht glauben – er lächelte – ja, dann, würde er – er lächelte verschmitzt, ja, dann würde er Doktor sein. Doktor der Schwanzistik und Linke-Machologie. Und Buchautor. Dabei wollte er früher immer Arzt oder Privat-Detektiv werden. Zumindest war er jetzt Arzt und Privat-Detektiv in seiner Prosa und konnte sich da künstlerisch austoben. Er, Männerautor.