Olelele

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”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

”Da gab’s so lecker Avocado-Toast”, schreit der Mann. ”Ich habe da so einen Artikel in Der ZEIT gelesen. Der hat mich voll zum Denken angeregt”, schreit er. ”Oder nein, war‘s die WELT?”, ”Hast du meinen neuen Artikel gelesen? Dein Artikel über unsere Generation war voll gut und so. Keine Generation hatte es so schwer wie unsere. Wir haben einfach so viele Auswahlmöglichkeiten.”, ”Manche Leute haben ja echt keinen Stil irgendwie”, sagt er. ”Polen und Ungarn sind doch voll scheiße. Wir Deutschen sind jetzt die Guten. Die nehmen ja gar keine Flüchtlinge auf und wir zahlen auch noch für die. Wir sollten denen kein Geld mehr geben.”, ”Haha, mein Tinder-Match hat ja voll den Ossi-Namen.”, ”Oh mein Gott, wenn du nichts Vernünftiges gelernt hast, wirst du Youtuber.”, ”Das wäre schon nice irgendwie, wenn ich einen Adelstitel hätte.”, ”Die macht doch nur diesen Charity-Scheiß, weil dann die Leute denken, die wäre voll der gute Mensch.”

Ein paar Minuten geht das so. Die Frau sieht kaum von ihrem Iphone auf.

”Guck mal, die”, sagt die Frau schließlich. ”Boah, wenn ich so Oberschenkel hätte, würde ich aber keine Hotpants tragen.”

Sie kichern.

Ich hole mein Handy und tue so, als würde ich telefonieren. ”Wenn ich unfassbar dumm wäre, würde ich nicht die ganze Zeit reden”, sage ich.

Die Frau und der Mann sehen mich sprachlos mit offenen Mündern an.

”Wenn man zu lange den Mund geöffnet hält, fliegt vielleicht eine Fliege hinein”, sage ich ins Handy. ”Das hat ein chinesischer Philosoph aus dem 16. Jahrhundert gesagt.”

Ich stehe auf und setze mich in ein anderes Abteil. Da sitzt nur ein alter Mann. Er führt ein Selbstgespräch.

”Früher hamse das nicht gemacht”, murmelt er. ”Kaiser Wilhelm”, sagt er und seufzt laut. Er holt ein Dosenbier aus einer Plastiktüte und öffnet es ungeschickt mit zittrigen Händen. Sie sind faltig und trocken. Blaue Adern schimmern durch. Das Bier spritzt auf sein rechtes Hosenbein. Es ist jetzt ganz nass und es sieht so aus, als hätte ihn jemand angepinkelt. Ein Hund vielleicht. Oder ein Verrückter. Der Mann stöhnt laut auf.

”Wollen Sie ein Taschentuch?” frage ich.
Er reagiert nicht.
”Wollen Sie ein Taschentuch?” wiederhole ich. Dieses Mal lauter.
”Was?” sagt der Mann.
Ich stehe auf und gebe ihm gleich ein paar.
Verwirrt sieht er mich an.

 

Der Zug rollt los und lässt die Stadt hinter sich herziehen. Häuser, Straßen, vereinzelte Menschen, Autos, Träume, Geschichten. In Hamburg sagt man Tschüss.

 

In Spandau steigen einige Frauen und Männer ein. Sie sind Ende 20, Anfang 30. Sie sitzen jetzt mir gegenüber. Der alte Mann ist noch in Hamburg ausgestiegen.

Eine der Frauen erzählt über einen Stuhl, den sie gebraucht gekauft und selbst restauriert hat. Ein Mann erzählt von einer Reise nach Afrika. Er hat dort mit Kindern gearbeitet. Unentgeltlich. Ein Junge hat laut geweint, als der Mann wieder nach Deutschland zurück musste. ”Warum kannst du nicht bleiben? Ich spiele auch mit dir”, hat er gesagt. Der Junge hat dem Mann ein kleines Holzpferd geschenkt. Eine Figur für die der Mann einen passenden Platz in seiner Wohnung sucht. Einen Ehrenplatz. Die Freunde beratschlagen sich darüber, welcher Platz dafür geeignet wäre.

Ein junges Paar steigt ein. Sie küssen sich wild und hemmungslos.

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen. Außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen.

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Speichel austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.
Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen.

Liebe ist das Schönste und Großartigste.

Ich lächle dem Paar zu, aber sie beachten mich nicht.

 

Die Zugfahrt geht schnell vorbei. Ich höre Musik und lese Gedichte von Rimbaud. Als ich sie das letzte Mal gelesen habe, war ich so alt wie er, als er sie geschrieben hat. Süßer Vogel Jugend.

 

Ich steige aus. Die Luft ist warm und angenehm.

Ein Bettler fragt nach ein bisschen Kleingeld, ich trinke Kaffee und denke ans Meer. Ich krame in meinen Taschen, ich gebe ihm ein bisschen Geld. ”Da ein Riß ist durch die Welt! Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen Von oben nach unten fällt”.

Ich schreibe in mein Notizbuch

Getriebene, du kennst den billigen Wein und das Schlafen auf Parkbänken. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist der schwermütige Gast der Party zu der dich niemand eingeladen hat. Du bist der, der sich selbst in einen Käfig gesteckt hat. Schwermut, Melancholie. Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol. Selbstfolter. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist das Kind, das allein gekommen ist. Du bist der Poet ohne Gedichte. Du bist der Narr, den niemand kennt. Halbwissen und Bücher, billiger Wein. Angst, Depression. Du wanderst ohne Ziel, du versuchst dich zu verstecken. Das ist zu viel Gefühl. Zu viel Angst. Die Angst ist dein Käfig. Erzähl mir keine Geschichten, ich kenne sie alle schon. Ich sehe die Menschen an, unsere Blicke treffen sich, ich sehe weg, sehe auf den Boden. Ein Windhauch, die Sonne bricht durch Wolken. Ich bin ein Träumer. Ich habe mich in Träumen verloren. Da ist ein Buch in einem Second-Hand-Buchladen. Ein Buch über Pompeji. Ein Bildband mit geschichtlichen Fakten. Vor dem jüdischen Laden steht wie immer Polizei. Die Menschen ändern sich nie, es ändern sich nur die Zeiten. Ich versuch zu schlafen. Leg mich ins Bett. Betrunken vom billigen Wein. Niemand ruft mich an, ist mir egal. Verkorkst, derangiert, alles ist in Unordnung geraten. Wo der Bettler heute schläft, ob er auch ein bisschen Wein hat? Ob er mal jemanden hatte, der ihm die Hand hält? Ich sitze auf den Dächern der Großstädte, lese Gedichte im Park, betrunken, ein bisschen traurig. Wer die Menschen kennt, ist traurig. Ich verstecke mich vor der Realität im Nichts. Ich trage eine Maske aus falschen Floskeln. Ich bleibe distanziert. Ich bleibe Beobachter, misstrauisch, scheu.

Poète maudit, denke ich. Nichtsnutz. Baby, you’re so repulsive.

”Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen und dein Mund ist viel zu groß”, singt Hilde.

Ich rufe Finn an, aber er ist im Entzug. Alex ist wieder in der Psychiatrie. Die Alten waren im Krieg, die Jungen spielen Krieg.

 

Ich treffe mich mit Freunden.

”Selbstdarstellung – das hatte etwas Avantgardistisches, früher, weißt du, da hat man geschrieben oder sich in Salons getroffen, in Gesellschaften diskutiert, gezeichnet und gemalt, Gedichte geschrieben, Theaterstücke, Romane oder man traf sich im Café oder in Kneipen, in Varietés und Theatern, in der Oper und bei Bällen, Empfängen, Ballett, auf dem Schiff nach Amerika oder durch Bekannte oder Freunde und als es dann schon Kameras gab, machte man Fotos von sich selbst – aber nicht nur – man experimentierte, und als der Film aufkam, machte man Filme, surrealistische zum Beispiel, und man machte Kunst, viel Kunst, und erfand vielleicht sogar eine neue Kunstrichtung. Eine neue Epoche. Man war Künstler. Man schrieb und reiste, zog nach Paris oder New York oder Berlin. Später gab es dann Andy Warhol. 15 Minuten Ruhm. Selbstdarstellung ist seit Warhol vulgär. Niemand hat es so gut wie er gemacht. Die Konservendosen? Die Bananen? Das Alltägliche zu etwas Besonderem machen mit der richtigen Attitüde. Ein paar Bands haben sich noch in den 80ern inszeniert. Menschen im Internet auf Plattformen wie Myspace. Instagram war noch ganz cool, als es noch nicht jeder hatte, aber jetzt kannst du das ja völlig vergessen. Das hat doch jetzt jeder und das mit der Selbstdarstellung ist so peinlich, so peinlich. Ich bin zu pomo für Selfies. Ich habe mich da völlig zurückgezogen. Bekannte fragen mich schon, warum ich nie etwas poste. Ich sehe mir auch nie Posts von anderen an. Na ja, so gut wie nie. Es ist aber meist langweilig”, sagt Mascha. Sie wirft ihr langes, blondes Haar in den Nacken.

”Was ist pomo?” frage ich.

”Postmodern”, sagt Mascha. ”Ich habe mir eine Literatursendung angesehen”, sagt sie. ”Ich möchte auf dem Laufenden bleiben. Kultur in Deutschland. Ich lese immer nur die alten Schriftsteller und aus dem Ausland. Du weißt, wen ich mag. Da war auch eine dieser Selbstdarsteller. Irgend so eine Bloggerin, die ein Buch geschrieben hat. Ich habe darin geblättert – schrecklich, unoriginell, gewöhnlich, schlecht geschrieben, kein Tiefgang, unwahr, snobistisch, bourgeois, spießig, mechanisch, plump, wertlos, unnütz. Es soll sich verkaufen und so ist es geschrieben. Nur Phrasen und Worthülsen, Selbstbeweihräucherung. Das Treten nach unten und Eitelkeit. Niemand ist wie die Autorin. Ich würde ja Protagonistin sagen, aber die Protagonistin ist die Autorin. Die Autorin hat im Interview gesagt, dass sie keine Fantasie hat und das Schreiben hasst, verabscheut. Warum schreibt sie? Ein Autor ohne Fantasie schreibt nur über sich oder seine Freunde. Zu mehr reicht es nicht. Die Autorin ist dann sogar noch eingebildet und sagt, sie sei ein ”Schreib-Talent”. Sieh dir die Sendung in der Mediathek an. Der Moderator, ein älterer Herr mit Halbglatze und Bierbauch und teurem, schlechtsitzendem Anzug, sieht so aus als ob er einen trockenen Samenerguss bekommt, weil die Autorin so begnadet ist und dann noch so schön. Schön. Waren diese Männer noch nie in Paris? Oder Los Angeles? Brasilien? Frankreich? Italien? Asien? Ein schlechtes Buch kann man verzeihen, aber ein schlechtes Buch und Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, das ist unverzeihlich. Warum lässt man sie Bücher schreiben? Ich verstehe es nicht.” Sie nimmt einen Schluck von ihrem Whisky. ”Ich dachte anfangs, dass ich neidisch auf diese Autorin bin, aber ich bin nur neidisch auf das Geld, das sie mit dieser Faux-Literatur verdient. Ich bin nicht neidisch auf Ruhm und Einladungen in Fernsehsendungen. Es wäre mir peinlich so ein Buch zu schreiben und damit im Fernsehen aufzutreten. Es geht mir nur ums Geld. Aus Scheiße Gold machen – es klingt nach wenig Arbeit für austauschbare Bücher von Langweilern, aber ich würde das nicht machen. Ich möchte nicht die Kunst verkaufen. Kein Ausverkauf der Kunst für Anti-Intellektualität. Ich bin ihr treu. Sie ist mein partner in crime.”

”Ist der Massengeschmack nicht immer so? Das Mittelmäßige – oder etwas besser als das Schlechte – setzt sich durch mit den richtigen Kontakten und überzogenem, unbegründetem Selbstbewusstsein?”

”Das kann sein”, sagt Mascha und macht ein nachdenkliches Gesicht.

”Mascha, was ist das für ein Lippenstift?” fragt ein kleines, hellbondes Mädchen mit blauen Augen. Sie ist blass und trägt ein lockersitzendes, weißes Tanktop, einen weißen BH und eine graue skinny Jeans. Ich glaube, sie ist aus Finnland. Ihr Deutsch ist schon so gut. ‘‘Ich wollte euch nicht unterbrechen,” fügt sie hinzu. Sie ist auf MDMA.

”Der ist von DM oder Rossmann”, sagt Mascha. ”Ein günstiger, denke ich, aber ich weiß leider nicht mehr welcher.”

Das Mädchen lacht. ”Ich hätte gedacht, dass du nur so etwas wie Chanel nimmst.”

”Nein, warum das?” sagt Mascha. ”Ich gebe mein Geld lieber für Reisen, Drogen, Bücher, Mode und Champagner aus.”

Das Mädchen verschwindet, geht zu ihren Freunden und sie tanzen zu Devendra Banhart. Gleich danach kommt ein Lied von Adele.

”Die Talentierten setzen sich nicht durch, weil sie Selbstzweifel und Angst haben. Sie möchten immer noch üben, umschreiben, lernen und die anderen machen. Sie denken nicht so viel, sie zögern nicht,” sage ich.

”Die mit dem meisten Talent zweifeln am meisten.”

”Es gibt heute nicht mehr so viel gute Musik, Literatur und Kunst.”

”Irgendjemand, vielleicht Karl Kraus oder ein US-Amerikaner, hat gesagt, dass man nicht Talent haben muss. Man muss ein Talent sein oder so ähnlich, aber das sind die wenigsten. Man muss kein Talent mehr sein. Man muss sich nur gut verkaufen, eine Marke sein und nicht zu gut.”

”Die Masse möchte nichts lesen, was gut ist. Man würde es ja doch nicht verstehen.”

”Nicht die Leute verschrecken, Darling. Die sollen doch weiterkaufen.”

”Mascha, hast du mal wieder etwas geschrieben, etwas gemalt, fotografiert?”

”Ich verweigere mich.”

”Du sagst, dass es so wenig gute Literatur und Kunst gibt, aber du machst selbst nichts? Du könntest. Warum machst du es nicht? Vielleicht denkt jeder mit Talent so wie du. Die Künstler haben sich von Selbstdarstellern verdrängen lassen und die Kunstliebhaber sind Konsumenten. Es gibt keine Hochkultur mehr, es gibt Unterhaltung.”

Mascha nickt.

”Bist du zu postmodern zum Künstler sein? Zu pomo? Ich denke, du bist es. Du bist für alles zu postmodern. Alles, was du früher mochtest. Sieh dich an, wie du schlank du bist. Du isst nicht mal mehr und früher hast du es so geliebt. Was machst du?”

”Ich schreibe nicht. Ich mache keine Musik. Ich mache keine Kunst.”

”Du möchtest nicht so sein wie diese eingebildete Bloggerin oder die anderen, die kein oder wenig Talent haben, aber du musst dich doch nicht der Kunst verweigern? Du wirst keinen Erfolg beim Mainstream haben und die ans Mittelmaß-gewohnten-Massen überzeugen, aber du überzeugst dich und die anderen Künstler. It takes one to know one’’, sage ich. ”If a poet has a dream, it is not of becoming famous, but of being believed. Jean Cocteau.”

Mascha holt ein kleines, dunkelblaues Moleskine aus ihrer Tasche und schreibt etwas auf.

”Was schreibst du?” frage ich.

”Einen Songtext”, sagt sie. ”Ich schreibe wieder.” Sie lacht.

”Worüber redet ihr?” fragt Kijoko.

”Über die Revolution”, sage ich.

”Kann ich mitmachen?” fragt sie.

”Möchtest du in ihr tanzen?”

”Was wäre das denn sonst für eine Revolution”, sagt sie.

”Kein Verstecken mehr. Wagnisse und Mut. L’art pour l’art”, sage ich.

 

Ich denke nach.

Da ist Liebe, da ist Kunst. Da sind alte Zeiten, Nostalgie. Wir fühlen uns unserer Zeit nicht verbunden. Alles fühlt sich gekünstelt an, nichts ist echt. Alles ist Trugschluss und Fassade. Billige Kopien, keine Kreativität, nur Blabla. Früher war es underground, heute sieht man es sich im Internet an, aber man kann sich nicht immer verstecken, wenn man etwas kreieren möchte, muss. Nur weil die Arroganten und Lauten bei den Dummen ankommen. Was hat das mit uns zu tun? Wenn da ein Gefühl ist, eine inneres Verlangen? Man kann sich nicht nur betrinken oder mit Drogen berauschen. Man muss etwas erschaffen oder etwas Gutes tun. Für die Welt, für sich, für die Kunst. Man muss Kunst machen, ohne Erfolg. Helfen. Wenn zehn Menschen deinen Namen kennen, reicht das völlig aus. Wahrhaftigkeit. Wir müssen in unserer Zeit ankommen. Auch ohne Proust oder Camus und die anderen. Ohne die Komponisten oder Bands der 60er. Wir müssen unsere eigenen Künstler und Intellektuellen sein. Wir müssen uns nur trauen. Nicht nur jammern.

Ich tänzle die Treppen herunter, gehe nach Hause. Nach Hause. Was ist da schon? Doch nur da, wo die Bücher sind.

Ich lese einen Text online
Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, “unsere Generation“ und warum man “den“ Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die “richtigen Kontakte“, die sie “nach oben“ führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei “VIP-Partys“, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Ich öffne ein Bier und lache. Ich betrinke mich und gehe hinaus in die Nacht. Die Nacht glitzert und leuchtet. Da ist ein Funkeln. Es ist elektrisierend. Es nimmt dich mit, es ist wie Fliegen. Mein Herz ist sehnsüchtig und wach. Ich möchte auf Künstler treffen. Sie sind irgendwo da draußen. Wir müssen nur mehr vertrauen. Bleib hungrig.

Marlies Hübner, Autorin von Verstörungstheorien: Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne

erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

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                 Danke, Marlies und viel Erfolg mit deinem zweiten Buch.

Cat Marnell

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Ich wollte mir das Buch von Cat Marnell zunächst nicht kaufen, weil sie Pelz trägt, aber in einem Interview sagte sie, dass sie Pelz als Neujahrsvorsatz aufgegeben hat.

Cats Autobiografie, die sie mit gerade mal 34 veröffentlicht hat, How to Murder Your Life erscheint am 22. April nun auch auf Deutsch bei Rowohlt und wird noch mit dem albernen Zusatz ”Selbstporträt eines Hochglanzjunkies” versehen.

Bekannt wurde Cat durch ihre Artikel auf der US-amerikanischen Seite XoJane. Danach schrieb sie für Vice.

Das Buch ist in einem einfachen, schnellen Ton geschrieben.

Cat erzählt über ihre Kindheit, ihre Arbeit als Beauty-Redakteurin bei Frauenzeitschriften, New York, Ex-Freunde, Bulimie und Drogen. Sie ist aus gutem Hause – eine klassische ”Poor little rich girl”-Geschichte.

Man muss nicht hervorragend Englisch sprechen, um das Buch zu lesen. Die Sprache ist nicht kompliziert, aber wer möchte, kann die deutsche Veröffentlichung abwarten.

Das Buch ist allen party girls and gay dudes gewidmet.

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Der Autor

Er wollte den ganz großen Roman schreiben, hatte er sich überlegt. Den Roman auf den alle gewartet hatten. Das heißt, alle Männer und ein paar Frauen, aber selbstverständlich nur die coolen Frauen – er wollte keinen Roman für uncoole Frauen schreiben. Es müssten schon die coolen Frauen sein. Nicht die komplizierten Frauen, die immer zicken. Nein, die Frauen, die gerne Bier trinken und Sex haben und nicht zickig sind. Für solche Frauen wollte er ein Buch schreiben. Natürlich müssten sie politisch links sein. Er war gegen Rechte wie die AfD. Das musste man ja immer wieder betonen wie schrecklich das alles ist mit der AfD. Er als linker Mann war so betroffen davon. Seine Leserinnen müssten aber nichts vom Politik verstehen, dachte er. Er wollte kein politisches Buch schreiben. Er würde es nicht zu kompliziert für sie machen. Es würde vielleicht schon ein bisschen Politik im Buch vorkommen, aber das eher versteckt. Man musste schon ganz ausgefuchst sein, um die tiefere Bedeutung zu verstehen. Er würde vielleicht ein paar Anspielungen machen, die nur die ganz Klugen verstehen oder vielleicht Metaphern? Er überlegte, während er auf seinem Sofa saß. Er ließ das Whisky-Glas kreisen. ”Hm,” machte er und beobachtete das Glas in seiner Hand. Das Braun des Whiskys. Er nahm sein Macbook: ”Ihre Haut war so braun wie Single Malt Whisky. Ein sattes Goldbraun,” schrieb er. Damit wollte er andeuten, dass ein Charakter in seinem Buch vorkam, der nicht ganz weiß war. Er war keinesfalls Rassist – er hatte schließlich Sex mit einer Frau, die nicht ganz weiß war und sie kam gleich im ersten Absatz vor. Er beschrieb die namenlose Frau mit der hellbraunen Haut auf über einer Seite. Er überlegte, ob er ihre Scheide beschreiben sollte, aber das kam ihm dann doch etwas zu frivol vor. Er wollte ja als intellektueller Autor wahrgenommen werden. Sein Alter Ego Fritz – er hatte sich bewusst für einen altmodischen Namen entschieden, weil das die Leser irritieren sollte – sie sollten erst mal nicht erahnen, was für ein Testosteron-Protz Fritz war – war ihm zwar ähnlich und beruhte auf ihm, aber durch ihn konnte er seine geheimen Fantasien, die er hegte, doch ein wenig ausleben. Fritz war er, nur hatte Fritz mehr Sex und kam bei den Frauen noch ein bisschen besser an und ja, Fritz’ Penis war an die fünf Zentimeter größer als seiner, aber ansonsten gab es einige Parallelen. Sie beide waren gut angezogen, tranken den besten Whisky, hörten die beste Musik.

Er stand auf und legte eine Vinyl auf. Sollte Musik im Buch vorkommen? Natürlich. Damit würde er seinen guten Musikgeschmack in Buchform verewigen. Er seufzte. Ach, was soll’s, dachte er. Er würde ihre Scheide beschreiben. Warum denn nicht? Er wollte nicht prüde sein. Keinesfalls wollte er prüde sein. Er beschrieb ihre Scheide auf noch einer weiteren Seite und beendete die Schilderungen über die Frau mit: ”… und sie fragte sehnsüchtig, beinahe ein wenig verzweifelt: ”Rufst du mich an?” Er verachtete sie dafür. Er zuckte mit den Achseln und ließ die Zigarette in seinem Mundwinkel absinken. ”Vielleicht, Kleines,” sagte er, ging durch die Tür und rief nie wieder an. Er war zufrieden. Sein Verlager würde es sicher auch sein. Er schätzte sich glücklich, dass er das Angebot bekommen hatte ein Buch zu schreiben. Dass man sein Talent erkannt hatte. Sein Iphone machte einen Ton. Er seufzte. Er sah, wer ihm geschrieben hatte. Es war Julia. Sie fragte, ob er am Freitag zu ihrer Party kommen würde. Er antworte nicht. Er sah nach, ob Franzi schon geschrieben hatte. Hatte sie nicht. Was hatte die schon Besseres zu tun, dachte er. Sie sollte dankbar dafür sein, dass er sich überhaupt mit ihr abgab. Er könnte vielleicht ein kurzes Treffen mit ihr am Freitag einschieben und danach zu Julias Party gehen. Er hatte gehört, dass Meike wieder Single war und zur Party kommen wollte. Sie hatte bei Facebook zugesagt. Er seufzte. Wieder einmal lenkten ihn die Frauen von der Arbeit ab. Er musste weiterschreiben. An seinem Roman.

Er überlegte, wie er den Roman nennen sollte, aber ihm fiel nicht so recht ein guter Name ein. Er ging zu seinem Bücherregal und nahm eines seiner Bukowski-Bücher und blätterte darin, um sich inspirieren zu lassen, aber sein Verstand war wie ein weißes Blatt Papier. Nichts stand drauf. Nur weiß, weiß. Er seufzte und setzte sich wieder auf das Sofa. Vielleicht sollte er sich ein bisschen entspannen und dann würde ihm schon etwas einfallen? Er nahm sein Macbook, klickte auf eine Seite und sah sich an wie eine schlanke Dunkelhäutige gewürgt und angespuckt wurde und dann von hinten ordentlich durchgenommen wurde. Er öffnete die Hose. Ein bisschen Masturbation konnte nicht schaden, dachte er. Nachdem er so hart gearbeitet hatte. Danach döste er ein wenig und hörte Kollegah, aber ein Titel fiel ihm immer noch nicht ein.

Vielleicht sollte er einfach weiterschreiben und wenn das Buch erst mal fertig war, würde er schon einen Titel wissen oder er könnte sich mit seinem Verlag oder Agenten beratschlagen. Er musste weiterschreiben. ”Du musst weiterschreiben,” sagte er laut zu sich selbst. ”Jeden Tag fünf Seiten.” Er hatte heute erst zwei geschrieben.

Wie sollte es weitergehen, überlegte er. Fritz verabschiedet sich von seiner Geliebten – eine von hunderten – meist kurzweilige Abenteuer – aber was geschieht dann? Er legte die rechte Hand an sein markantes Kinn. Er nahm seine Zigaretten und rauchte gedankenverloren. Verrückte Ex-Freundin, dachte er. Er müsste über eine verrückte Ex-Freundin schreiben. Er füllte eine Seite mit einer verrückter Ex-Freundin, die auf Fritz in seiner Wohnung wartet, bis er sie herausschmeißt. Nicht ohne vorher Sex zu haben, denn die Verrückten sind immer gut im Bett. Er war glücklich. Eine Seite mehr. Wie sollte es weitergehen? Wieder fiel ihm nichts ein. Sollte er sich einen Kaffee kochen?

Warum nicht in ein Café gehen und da weiterschreiben? Er mochte die Atmosphäre in Cafés. Ideal zum Schreiben. Auch wenn er es dort meist nicht lange aushielt. Es reichte immer nur für ein paar Seiten. Dann wurde es ihm zu viel. Er war oft abgelenkt, wenn gutaussehende Frauen ins Café kamen. Er konnte sich dann nicht mehr konzentrieren, weil er beim Schreiben darauf achten musste gut zu schreiben und dabei gut auszusehen. Aber männlich-gut, nicht männlich-schwul. Das war gar nicht so leicht. Sicherlich fragten die Frauen sich, woran er da schrieb, wenn er hochkonzentriert auf sein Macbook oder auf sein Moleskine starrte, die Stirn in Falten legte und mit den Fingern trippelte. Am liebsten würde er seine Vintage-Schreibmaschine ins Café mitnehmen – das würde mächtig Eindruck bei den Mädels schinden – aber die war so schwer und passte nicht in seine Ledertasche.

Er zog seinen Mantel an und betrachtete sich im Spiegel. Drei-Tage-Bart. Sein Haar sah etwas unordentlich aus. Etwas wild. So gefiel er sich. Er übte noch kurz im Spiegel, wie er männlich-gut beim Schreiben aussehen könnte. Als er mit seiner Pose zufrieden war, verließ er die Wohnung. Nicht ohne noch kurz vorher etwas Eau de Toilette aufzutragen. Davidhoff Cool Water.

Er ging zur Tür hinaus. Die Helligkeit des Tages knallte ihm entgegen. Das Tosen der Passanten und der vorbeifahrenden Straßenbahn. Auf dem Bordstein blieb er plötzlich stehen und erschrak ein wenig, weil ihm eingefallen war, dass er ja auch ein Autorenfoto benötigte. In allen guten Büchern gibt es immer ein Autorenfoto. Darüber hatte er sich noch gar keine Gedanken gemacht. ”Shit,” fluchte er leise. Warum war ihm das nicht schon vorher eingefallen? Jetzt musste er sich darüber auch noch Gedanken machen. Die Sache mit der Schreiberei – das war so ein Stress – er würde sich heute Abend etwas Koks kaufen müssen, damit er besser arbeiten konnte.

”Hallo Hendrick,” sagte die Bedienung und kicherte. Sie stand sicher auf ihn. ”Hallo Kleines, das Gleiche wie immer,” sagte er cool und nahm seine Sonnenbrille ab. Er sah sich um. Es waren heute keine gutaussehenden Frauen da. Die Rothaarige, die am Tisch in der Ecke saß, war nicht schlecht, dachte er, aber er musste kurz überlegten, ob sie natur oder gefärbt war. Er mochte keine roten Schamhaare.

Die Bedienung brachte ihm seinen Kaffee. Schwarz, ohne Milch und Zucker. ”Danke, Süße,” sagte er und trank sogleich davon. ”Der Kaffee ist brühend heiß,” sagte die Bedienung entsetzt. ”Ich weiß,” sagte er. ”Stör mich jetzt nicht. Ich muss an meinem Roman schreiben.” ”Ist gut,” sagte sie.

Er nahm sein Macbook aus seiner Tasche und kaum hatte er es eingeschaltet und war bereit zum Schreiben, da gab sein Iphone wieder einen Ton von sich. Er sah auf das Display. Anke hatte ihm ein Nacktfoto geschickt. Sie könnte auch mal ein bisschen Sport machen, dachte er, aber im Großen und Ganzen war es kein schlechtes Bild. ”Was machst du am Dienstag um drei Uhr nachts? Ich hätte da Zeit für dich,” schrieb er ihr. Warum hatte ihm Ronja eigentlich noch kein Bild geschickt? Zumindest in sexy Unterwäsche? Es muss ja nicht sofort ein Nacktbild sein. Sie hatte bis jetzt nur Selfies geschickt, auf welchen sie voll bekleidet war. Er schrieb ihr: ”Wie geht’s?” Nun, war aber Schluss mit der Ablenkung. Er stellte sein Iphone auf Lautlos und machte sich ans Werk. Er musste weiterschreiben. Noch drei Seiten.

Das Koffein hatte ihn etwas aufgeweckt, aber ihm wollte nicht so recht ein Gedanke zufallen. Was sollte er schreiben? Nervös sah er auf sein Macbook. Drei Seiten hatte er heute schon geschrieben, es fehlten noch zwei. ”Scheiße,” schrie er laut. Ein paar Leute sahen sich nach ihm um. Er beachtete sie nicht. Er musste weiterschreiben, aber wie konnte er weiterschreiben, wenn der doch eine Schreibblockade hatte? Er nahm sein Handy und schrieb Holger, dass er drei Gramm Koks kaufen wollte. Dann starrte er wieder auf sein Macbook.

Die Tür ging auf. Er konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass gutaussehende Frauen hereinkamen. Er musterte sie verstohlen. Nicht übel, dachte er. Gar nicht mal so übel. Vor allem die Blonde gefiel ihm. Jetzt war schnell handeln angesagt. Er setzte sein männlich-gutes-Schreibgesicht auf, nicht ohne die Frauen weiter heimlich zu beobachten. Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Er würde schnell die drei Seiten schreiben. Die Seiten, die noch fehlten, damit er mit seinem Tages-Vorsatz fertig war und dann würde er mal sehen, ob er irgendwie mit den Frauen connecten könnte. Ein bisschen Augenkontakt hier, ein durchdringender Blick da, aber erst musste er noch weiterschreiben. Worüber sollte er nur schreiben? Worüber nur? Er legte den Kopf schief und legte den Zeigefinger auf seine Lippen. Er sah in die Luft. Da kam ihn ein Gedanke. Er würde über Fritz schreiben. Fritz würde sich vorstellen. Erst kommt die Frau vor, mit der er Sex hat. Die Frau mit der Single Malt-Whisky Haut. Dann die Ex-Freundin. Aber der Leser ist doch neugierig auf Fritz. Der Leser möchte doch wissen, wer Fritz ist. Dass ihm das nicht sofort eingefallen war. Natürlich. Es war doch so simpel. Er sollte vielleicht ein paar Tinder-Dates streichen, etwas mehr schlafen und dann würde ihm so etwas nicht mehr passieren oder nein, er würde einfach ein bisschen Koks ziehen. Dann würde das schon gehen. Er lächelte zufrieden. Heute Abend, dachte er. Er sah zu den Frauen. Sie unterhielten sich angeregt miteinander. Egal. Sie würden schon zu ihm herübersehen, aber erst mal musste er weiterschreiben.

Er schrieb:

”Ich bin Fritz. Gott ist groß, aber nicht so groß wie mein Schwanz.” Er lachte. Der war gut. Die Frauen sahen sich nach ihm um. Großartig, dachte er. Er schrieb weiter: ”Willst du meinen Schwanz? Ja? Du musst dich erst mal hinten anstellen.” Die Frauen steckten die Köpfe zusammen und sahen in seine Richtung. Redeten sie über ihm? Er machte sein männlich-gut-Gesicht und tippte weiter: ”Ich bin tagsüber Arzt und nachts Privat-Detektiv. Mein Schwanz hat nur Zeit für einen Quickie mit dir.” Das war gut, dachte er, das war richtig gut. Er hatte einen Lauf. ”Vergiss alle Männer, die du bisher gekannt hast, denn jetzt kennst du mich. Mein Schwanz fickt dich in tausend Himmel und in die Hölle zurück. Ich brenne wie Feuer. Ich kann jede haben. Ich bin der Erwählte. Der Gesuchte. Merk dir meinen Namen. Du wirst ihn schreien. FRITZ. Mein Schwanz fickt wie der Blitz, aber nur wenn du nicht schon ausgeleiert bist.” Er schrieb drei ganze Seiten voll.

Als er zu Ende geschrieben hatte, sah er auf, aber die Frauen waren schon weg. Er zuckte mit den Achseln. Er war nicht auf sie angewiesen. 80% der eingespeicherten Nummern in seinem Handy waren weiblich und es kamen jeden Tag neue dazu.

Er wollte sich nicht noch mal durchlesen, was er geschrieben hat. Das kam ihm irgendwie verweichlicht vor. Er würde die Seiten einfach seinem Verleger schicken und die sollten das noch mal überarbeiten, falls das überhaupt nötig war. Wahrscheinlich nicht. Er hatte seinem Verleger schon einige Textproben geschickt und er war jedes Mal begeistert gewesen. Er hatte ihn sogar ein Genie genannt. Er hätte dem Verleger gerne lautstark zugestimmt, aber dachte, dass es besser wäre nur stumm zu nicken und kurz: ”Nice.” zu sagen. Der Coolness wegen.

Er war stolz auf sich selbst. Erfolgreich, intelligent, gutaussehend, witzig, cool, ein großer Hit unter den Frauen. Er nahm sein Handy und machte ein paar Selfies. Er wollte schon mal üben, wie er auf seinem Autorenportrait schauen sollte. Eher den Kopf ein bisschen nach links oder rechts? Schlafzimmerblick oder selbstbewusst? Sollte er sein Haar kürzer schneiden oder lang wachsen lassen? Oder so lassen? Mit oder ohne Gel? Wenig Bart, etwas mehr oder glattrasiert? Was sollte er tragen? Er würde das noch mal mit seinem Verleger besprechen müssen. Oder mit Julia. Julia war Mode-Studentin.

Er packte das Handy in seine Hosentasche. Er hatte sich für heute genug mit seinem Debüt-Roman befasst, dachte er. Er verließ das Café und ging in einen Supermarkt. Er kaufte die TAZ, die GQ und ein Bier. An der Kasse sah er ein paar Prolls. Sie trugen Fußball-Trikots und dazu passende Schals. Er mochte zwar hin und wieder Fußball, aber musste man sich so gehen lassen? Diese deutschen Kartoffen, dachte er und verzog das Gesicht. Sie waren nicht so links wie er. Er wollte nach Hause gehen und weiterschreiben. Aber nicht an seinem Roman. Morgen wieder. Nein, daran wollte er heute nicht mehr schreiben.

Er ging nach Hause, öffnete das Bier und setzte sich an den Schreibtisch. Draußen wurde es schon dunkel. Er knipste die Schreibtischlampe an und zündete sich eine Zigarette an. Morgen müsste er sich einen weiblichen Charakter ausdenken, der vielleicht ein paar Sätze spricht. Das war leicht. Er seufzte laut. Frauen haben es einfacher als Männer, dachte er. Eine Frau müsste man sein. Man hat eine sexuelle Macht über Männer und die einzige Sorge, die man hat, ist, was man anziehen soll. Morgen würde er den Charakter erfinden und ohne Anstrengung eine Seite füllen. Aber erst mal musste er an etwas anderem arbeiten.

Er hatte einen Bachelor und Master und jetzt musste er noch an seiner Doktor-Arbeit schreiben. Er stockte. Sein Blick ging ins Leere. Er schüttelte den Kopf ein wenig, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war ein stolzes Lächeln. Er konnte es selbst nicht glauben. Bald würde er Buchautor sein und wenn er die Arbeit abgab – und das würde nicht mehr lange dauern und dann müsste er nur noch ein bisschen warten – ja, dann – er konnte es nicht glauben – er lächelte – ja, dann, würde er – er lächelte verschmitzt, ja, dann würde er Doktor sein. Doktor der Schwanzistik und Linke-Machologie. Und Buchautor. Dabei wollte er früher immer Arzt oder Privat-Detektiv werden. Zumindest war er jetzt Arzt und Privat-Detektiv in seiner Prosa und konnte sich da künstlerisch austoben. Er, Männerautor.