Saarbrücken, Bêtise Royale

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Ich bin nach Saarbrücken gefahren, um da meine Angst zu lassen. Warum Saarbrücken? Warum lässt man in Saarbrücken seine Angst zurück? Die Angst ist nicht rational, die Angst ist verrückt, die Angst lässt mich verrückte Sachen machen, obgleich nach Saarbrücken fahren nicht so verrückt ist. Nur ein bisschen zufällig. Man man macht sich selbst zum Feind, den man selbst zieht die Fäden. Man selbst lässt sich von der Angst leiten, verleiten. Die Angst ist dumm, feige und unhöflich. Nein, das ist keine Angst wie sie viele haben. Es gibt berechtige Angst, die man kennt, kennen sollte. Es gibt diese vernünftige Angst und es gibt zu viel Angst. Diese Angst ist ein Diktator. Man kann irgendwann nicht mehr ”funktionieren” und das sollte man in unserer ”Leistungsgesellschaft”. Vielleicht hat man deshalb Angst. Selbst zum Supermarkt zu gehen wird schwer mit der Angst. Warum? Weil man es selbst zugelassen hat, dass es so weit kommt. Man hat aufgegeben. Man hat der Angst zu viel Platz gewährt und sie macht sich breit wie ein ungebetener Gast, der den Kühlschrank leerfrist, in Unterwäsche fernsieht und bleibt. Bis alles in Unordnung gerät. Die Angst ist nicht gut. Die Angst ist kein Gefährte. Die Angst ist bockig und laut. Die Angst stört und ist doch vertraut.

Die Hotelwände in Saarbrücken sehen mich an, das Zimmer ist ein bisschen klein, aber sauber. Ich habe zwei Nächte durchgemacht, nicht geschlafen. Deshalb störe ich mich nicht daran, dass das Zimmer teuer ist. Ich habe die Vorhänge zugezogen. Der Fernseher läuft ohne Ton im Hintergrund. Es ist früher Nachmittag. Die Angst sitzt tief verborgen, aber schweigt ein bisschen. Zumindest im Gegensatz zu sonst. Ich hätte gerne Xanax. Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Stattdessen liege ich im Bett. Die Bettwäsche ist weiß und bequem. Wird man die Angst los, indem man sich im Bett versteckt? Oder muss man aufstehen und wie ein Ritter bei einem Turnier mit einer Lanze gegen die Angst antreten? Man kann nichts für die Angst. Sie kam irgendwann oder war schon immer da. Die Frage ist, was man braucht, um nicht mehr diese Angst haben zu müssen. Therapie hilft, aber ich kenne viele Psychologen, die selbst Hilfe bräuchten. Menschen, die man so bei Partys und abends beim Ausgehen kennenlernt. Menschen, die meist den Drogen nicht abneigt sind und ihr Päckchen voller psychologischer Unzulänglickeiten zu tragen haben. Wie ich. Das Vertrauen ist nicht da. Natürlich kann man von seinem Drogenfreunden Psychopharmaka bekommen und die Angst hält die Klappe für ein paar kurze Stunden, aber davon geht die Angst nicht weg. Sie verschwindet nur kurz und kehrt zurück wie sie das immer gemacht hat. Die Angst ist peinlich, die Angst ist dumm. Man muss die Wurzen herausreißen. Was ist des Pudels Kern? Drogen helfen nicht, Alkohol nur ein bisschen. Wer Angst hat, der muss, selbst herausfinden, was gut für einen ist. Das kann Therapie sein, das kann Yoga und Meditation sein. Sport, Kunst, soziale Arbeit, Erfolg, Liebe. Ich habe zu wenig gemacht und die Angst machen lassen. Versteckspiele und Müßiggang. Schlafloskigkeit.

Saarbrücken ist leise. Hier laufen die Dinge langsamer als in Berlin. Die Menschen sind nett. Ich frage ein Paar nach dem Weg. Sie fahren mich kurzerhand dorthin, wo ich hinmöchte, weil das auf dem Weg liegt. Der Mann ist ein bisschen dunkler und hat einen ausländischen Akzent. Wir reden über Wien, weil ich heute Abend nach Wien fahre. Es ist eine schöne Stadt mit viel Kunst und Architektur”, sage ich. Die Frau erzählt, dass ihre Tochter letztes Jahr in Wien war. ”Ich bin oft da,” sage ich. Ich sage, dass man Deutsche in Wien Piefke nennt. Das wusste die Frau nicht. Ich hatte Angst beim Einsteigen. Wer steigt schon bei fremden Menschen ein? Dafür braucht man keine Angst wie ich, dafür muss man einfach nur ein bisschen klug sein. Damit habe ich es aber nicht so. Ich habe vor allem Angst, aber steige dann bei Fremden ein. Sie sind nett. Es ist eine schöne Fahrt. Ich bin müde von der Angst, von den Zwängen. Ich kann das Paar übernehmen lassen. Sie fahren mich und ich rede mit ihnen und die Angst ist stumm und da denke ich mir, dass das ist, was ich gegen die Angst machen muss. Man muss sich auf nette Menschen einlassen, denn es gibt sie, die netten Menschen. Man kann sich nicht immer von seiner, wie soll man sagen, Misanthropie leiten lassen. Man muss sich auch ein bisschen öffnen. Nein, man sollte nicht bei fremden Menschen in Autos steigen. Ein bisschen reden. Das sollte man tun. Ich bin ein ”einsamer Wolf”, ein Einzelgänger. Da ist man viel mit der Angst allein. Die Angst wird stärker, weil man eine Art der Selbstfolter und Isolation betreibt. Da ist viel Unmut.

Viele Menschen sprechen Französisch in Saarbrücken. Es klingt schön. Ich habe mal einer deutschen Journalistin dabei zugehört, wie sie erzählte, dass sie an der Sorbonne studiert hat und deshalb Französisch spricht. Ihr Französisch war nicht schön. Eine Frau an Bahnschalter am Hauptbahnhof, die vermutlich nicht an der Sorbonne studiert hat, um hier arbeiten zu dürfen, spricht ein schöneres Französisch. Man kann nichts für seinen Akzent. Er ist vermutlich wie die Angst. Man kann aber daran arbeiten. Ich möchte das Französisch der Journalistin auch deshalb nicht, weil sie zickig und arrogant war. Arroganz ist schrecklich. Nur in Deutschland kommt Arroganz so gut an. In jedem anderen Land wird ungebründete Arroganz nicht lobgepriesen. Mit Ausnahme der USA vielleicht, aber Deutschland ist ein bisschen wie die europäischen USA. Hier schreibt man ”Bücher” wie ”Tristesse Royale, Das popkulturelle Quintett”, in dem sich aufgeblasene Idioten: Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg – mindestens drei haben sich bei Springer prostitutiert – im Hotel Adlon treffen und darüber reden, dass man nie in Wohnungen ohne Gästetoilette wohnen würde und auf ”kiffende Hippies” schimpft, ohne selbst etwas geleistet zu haben, Durchsage: Schlechte Bücher schreiben kann jeder und Berlin ist nicht das neue New York. Es kommt auch etwas über ”Lesben”. Über Lesben haben dumme Menschen immer eine Meinung. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass man in einer patriarchalischen Gesellschaft wegen der Verweigerung des heiligen Penisses auf Lesben wütend ist. Meinungen haben und laut verkünden ist keine Leistung. Der betrunkende oder berauschte Obdachlose, der ein Selbstgespräch führt, hat auch Meinungen. Ich würde mir lieber seine Meinungen anhören, als die der Tristesse Royale Herren. Bêtise Royale wäre passender. Auch für meine Angst. Ich habe das Buch bei Oxfam gekauft für einen Euro. Vielleicht waren es auch zwei Euro. Ich habe andere Menschen sozusagen davor gerettet. So viel tue ich für die Menschheit. Ach. Ich wollte nicht, dass es jemand anderes liest und verdorben wird von dieser Arroganz und dann auch so viele ”Meinungen” hat. Ich werfe das Buch auf den Boden. Der Hotelzimmerboden ist mit einem grauen Teppich ausgelegt. Diese Männer, diese hochtrabenenden ”Autoren” halten sich vermutlich für ”Dandies”. Für mich sind sie einfach nur ein bisschen peinlich. Erst dachte ich, dass es gut war, dass ich das Buch bei Oxfam gekauft habe. Ich kaufe meine Bücher lieber da, und nicht bei Amazon, weil das Geld, so könnte man meinen, für einen guten Zweck eingesetzt wird, aber erst vor Kurzem gab es einen ”Sex-Skandal” bei Oxfam. Männer fuhren nach Haiti, um dort zu ”helfen” in Form Frauen in Not für Prostitution bezahlen. Ich weiß nicht mehr, wo ich meine Bücher kaufen soll. Da sollte man sie vielleicht selbst schreiben oder vielleicht kann einen besonders netten Flohmarktverkäufer finden. Und dann denke ich – nachdem ich das Buch auf den Boden geworfen habe- das ist nicht gut für die Angst. Schlechte Bücher lesen, das ist schlecht. Das ist wie Futter für die Angst. Warum mache ich das? Das ist wie schlechte Gesellschaft, falsche Freunde, schlechtes Essen, schlechte Gespräche. Das ist negativ. Das fördert die Angst. Ein gutes Buch, ein gutes Gespräch, gutes Essen. Das ist der Gegensatz. Das sollte man tun. Angst braucht Wut, Langeweile, Schlafmangel, kein oder kaum Essen, negative Gefühle.

Ich habe nicht geschlafen und wenig gegessen. Zu viel Koffein. Das macht die Angst wild wie ein Tier bei Tollwut. Ich hatte die Angst nicht immer so, sie war mal schwächer. Ich war mal ein bisschen mutig, aber die Angst war da. Vielleicht habe ich zu viele Drogen genommmen oder hatte eine Quarter life crisis. Die Angst ist ein Vandale, sie zerstört so viel. Die Angst ist ein Tyrann. Ein Despot. Ein Mobber. Ich habe ein Stück der Angst in Warschau gelassen, aber dann kam sie wieder. Vielleicht bleibt sie in Saarbrücken.

Die Angst wird beim Reisen bei vielen größer. Ist man nicht mutig genug, fährt man nicht nach Südamerika, man fährt nach Saarbrücken und versucht sich ihr langsam zu stellen. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein großer Tritt in die Angst für mich.

Lifestyle-Journalistin

”Chia-Samen”, schrie Sophia. ”Trendy Nahrung, Hipster”, murmelte sie. Sie haute in die Tasten auf ihrem Macbook Pro. Sie saß am Küchentisch. Kurz hielt sie inne, legte den Zeigefinger an die Lippen und atmete ein. ”Muss Essen so hip sein?” sagte sie. ”Wie schreibe ich das bissiger? More judgy? Es soll die Leser ja zum Nachdenken anregen und die Hater sauer machen.” Sie lachte und biss in ihren Avocado-Toast. Oder Avo-Toast, wie sie das nannte.

Sophia war Lifestyle-Journalistin bei einer überregionalen Tageszeitung.

Manfred betrat die Küche. Es war früh morgens. Er war noch ein bisschen verschlafen.

”Sophia, kann ich mir Frühstück machen?” sagte er.

”Du siehst doch, dass ich arbeite”, sagte Sophia sauer.

”Ja, ist gut”, sagte Manfred. ”Ich gehe dann mal Piranha füttern.”

Piranha war Manfreds Meerschweinchen. Es hieß Piranha, weil es versuchte Manfred beim Füttern zu beißen. Vielleicht hielt es aber Manfred Finger für Karotten. Detlef rauchte Kette und sie waren ein bisschen verfärbt.

Nachdem Manfred Piranha gefüttert hatte, setzte er sich aufs Sofa im Wohnzimmer und stopfte Zigaretten. Nach getaner Arbeit, rauchte erst mal eine. Er überlegte vielleicht zu Penny zu gehen.

Da rauschte Sophia ins Wohnzimmer. ”Mann”, schrie sie. ”Rauchst du schon wieder diese stinkenden Kippen? Alter.” Sie nahm eine von ihren aus der Designer-Tasche. Marlboro Lights. ”Rauch doch mal normale Zigaretten, ey”, sagte sie. ”Die hier raucht Kate Moss.” Sie wollte sich eine anzünden, aber fand kein Feuerzeug. Manfred gab ihr Feuer. Sie sagte nicht danke. Sophia rauchte lasziv wie Schauspielerinnen in Filmen. Sie hatte das lange vor dem Spiegel und vor der Kamera ihres Macbooks geübt. Na, gut. Sie rauchte vielleicht nicht ganz so lasziv wie die Schauspielerinnen und ganz so glamorös war sie auch nicht, aber sie war schon nicht so schlecht. Für Berlin.

”Wer?” sagte Manfred, aber Sophia antworte nicht. ”Ich habe eine Whatsapp bekommen. Kannst du mal kurz die Klappe halten? Meine Fresse.”

Sie setzte sich nun aufs Sofa, aber mit Abstand zu Manfred. Sie sah auf ihr Handy. ”Emilia Schüle”, sagte sie. ”DIE HÄSSLICHE SCHLAMPE”, brüllte sie. ”DUMME NUTTE.”

Manfred erschrak. Für gewöhnlich schrie Sophia nicht so. Sie beleidigte erfolgreiche Frauen für gewöhnlich in Zimmerlautstärke.

”Die denkt wohl auch, die wär’s”, fuhr Sophia fort. Sie war schon ganz rot im Gesicht.

”Was ist denn?” fragte Detlef zögerlich.

”Die war wieder bei einer VIP-Party und hat mehr Follower als ich. Dabei bin ich viel klüger und schöner. Diese Schauspielnutte. Was kann die schon.”

”Aha”, sagte Detlef.

Sophia sprang auf und ging in die Küche. Sie setzte sich an den Tisch und schrieb weiter an ihrer Kolumne.

”Ob die schöne Emilia Schüle auch trendy Hipster-Nahrung zu sich nimmt? Ist sie deshalb so schön?” schrieb sie. Dann schrie sie laut. ”AHHHHHH.” Der Nachbar von oben klopfte mit dem Besen. ”Halt die Fresse”, schrie Sophia. Sie war so sauer, dass sie sich zum Herunterkommen erst mal ein paar Youtube-Videos ansehen musste und danach noch eine Folge Die Bachelorette. Das war gut für ihr Ego sich diese unterbelichteten Tussis anzusehen, so dachte sie. Sie hatte es schon mit Germany’s Next Topmodel versucht,  und ja, die Määädels waren dümmer als sie, Sophia, aber auch um einiges jünger. Sie hatte vor lauter Wut drei Tage lang nichts gegessen und mit ihrem Freund Schluss gemacht.

”Ich brauche einen Kaffee”, sagte sie und packte das Macbook in die Ledertasche, die sie sich in München gekauft hatte, als sie zu Besuch bei Larissa war. Sie ging in ihr Stammcafé, das genau gegenüber der Wohnung lag.

Sie bestellte sich einen Kaffe für 7.99. ”Überteuerter Szene-Kaffee”, schrieb sie. ”Warum tut es nicht normaler Filterkaffee? Der Kaffee als Statussymbol.”

”Boah, du bisch die Sophia? Ich les deine Artikel voll gerne”, schwäbelte ein dickliches Mädchen zu Sophia. Dabei war Sophia gerade in einem Schreib-Flow. ”Kann ich ein Autogramm haben? Deine Kolumnen regen mich echt voll zum Denken an. Ich wüsste ohne dich gar nicht, was ich denken soll. Ich liebe dich.” Wütend blickte Sophia von ihrem Macbook auf. ”Ja”, sagte sie zerknirscht. Als sich das Mädchen ihr mit dem Rücken zugewandt an einen Tisch setzte, machte sie ein Bild von den Mädchen und schickte es an Larissa. Sie kommentierte es mit ”Schwäbischer Pottwal”. Larissa schickte drei Lach-und-wein-Emojis.

Die arme Sophia – kaum hatte sie ein paar weitere Sätze für ihren Artikel über die Essgewohnheiten hipper Menschen geschrieben, da sprach sie Daniel an. Daniel war Redaktionsleiter einer Zeitung. Vielleicht auch stellvertretender. So genau wusste das Sophia nicht. Es interessierte sie auch nicht sonderlich. Was sie aber wusste war, dass Daniel auf sie stand. Sie war genau sein Beuteschema: klug, aber nicht so klug wie er, so dachte er – dabei waren sie beide eher so, lassen wir das. Gewissermaßen hübsch und um einiges jünger. Das machte aber nichts. Daniel konnte locker mithalten mit seiner jugendlich-feschen Kleidung und der kurzen, peppigen Friseur, die seinen langsam einsetzenden Haarverlust, versteckte. Normalerweise stand er auf noch jüngere. Sophia war mit Mitte 20 schon ein bisschen zu alt für ihn. Er mochte es süß, jung und unverbraucht. Er erklärte den jungen Damen gerne die Welt. ”Sophie”, säuselte er. Er dachte, wenn er ihr einen Spitznamen gab, würde das eine Art Vertrauen signalisieren. Sophie für Sophia war überaus originell. Er beugte sich zu ihr herunter und wollte ihr zwei Küsschen geben. Sophia stand nicht schnell genug auf und ihre Köpfe knallten aneinander. ”Du hier”, sagte er noch, während ihrer Kollision. Eine horizontale Kollision wäre Daniel lieber. Er schraubte schließlich schon lange genug daran. Selbst bei der einen Kleinen von den Identitären über die er einen Artikel geschrieben hatte- über die Mode der Indentitären – hatte er sich die  – noch durchaus guten – Zähne ausgebissen. Warum wollten junge Frauen keinen Sex mit Daniel? Er war darüber nur ein klein bisschen verbittert und man konnte es nur manchmal bei seinen Artikel herauslesen, wenn er auf die Feministinnen schimpfte, die irgendwie an allem Schuld waren. Würde Daniel ernsthafte Artikel schreiben, über Politik und Gesellschaft, hätte er ihnen wahrscheinlich auch noch die Schuld an Klima-Erwärmung und Krieg gegeben, aber Daniel schrieb keine ernsthaften Artikel. Er war Lifestyle-Journalist wie Sophia.

Sie führten ein bisschen Small-Talk. Über Partys, wer fett geworden ist, auf wen mit Erfolg man neidisch ist – das sagte man scherzhaft, aber meinte es ernst, Artikel von Kollegen, wer miteinander Schluss gemacht hat und wer – man munkelt darüber – Sex hatte und dergleichen. ”Du, ich muss jetzt los”, sagte Daniel nach einer Weile. Es klang ein wenig erwartungsvoll. ”Was machst du denn heute Abend?” fragte er. ”Ich muss dir noch von meiner Italien-Reise erzählen. Du hast dir ja meine Posts bei Instagram angesehen.” ”Äh”, sagte Sophia. ”Du, ich habe Karten…”, fuhr er fort, aber Sophia unterbrach ihn. ”Du, sorry”, sagte sie. ”Aber ich muss den Artikel fertigkriegen.” Shit, dachte Daniel. Schon wieder kein Treffer versenkt. ”Ach so”, sagte er und versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Das gelang ihm nur halb. Er tätschelte Sophias Schulter. Das war ihr ein bisschen unangenehm. Sie schlief nur mit Männern mit mehr Einfluss. ”Du, dann, tschüß”, sagte er. ”Tschüß”, sagte Sophia. ”Ich muss auch noch einen Artikel schreiben”, sagte Daniel und winkte. Ein paar Tage später erschien ein Artikel von Daniel: ”Undankbare Feministinnen. Warum Frauen nicht dankbar für Männer mit Manieren sind”. Sophia las ihn beim Sonntags-Frühstück – sie aß nur ein Ei, denn sie wollte nachher noch zum Brunch – und stimmte in vielen Punkten zu und ließ sich für ihre Artikel inspieren. Sie notierte sich ”fette Lesben” als Inspiration und ”passendes Foucault Zitat googlen”. Es kam immer gut an, hatte sie gehört, wenn man Foucalt zitierte. Aber zurück in die Gegenwart.

Sophia atmete tief ein und wieder aus. ”Ich kann so nicht arbeiten,” sagte sie laut. Zuhause war Manfred, aber der hielt wenigstens die Klappe, wenn sie ihm das sagte. Sie war ein wenig erschöpft von der harten Arbeit und überlegte sich ein Taxi zu bestellen, aber entschied sich dann doch dagegen und dachte, dass ein bisschen Bewegung nicht schaden würde. Von frischer Luft konnte ja leider in Neukölln nicht die Rede sein. Sie gab ”fünf Minuten Spazieren” bei ihrer App Fitnesspal ein. Die fünf Minuten bis zur Wohnung zogen sich in eine unerträgliche Länge, aber schließlich war sie angekommen. Home sweet home. Na ja, fast. Schließlich wohnte da leider auch noch Manfred. Vielleicht war er nicht zuhause. Er traf sich manchmal draußen mit seinen versifften Freunden – in die Wohnung durften die ja nicht – oder ging in den Supermarkt, den Tafeln oder zum Jobcenter oder was auch immer. Im Prinzip hatte Sophia nichts gegen arme Leute, aber es war ihr schon lieber, wenn das arme Flüchtlings-Syrer oder so waren. Die machten sich besser auf Selfies. Manfred war nicht sonderlich fotogen und Eindruck schinden konnte man mit ihm auch nicht. Arme Deutsche kamen nicht an, nur Ausländer und da auch nur bestimmte. Osteuropäer zum Beispiel nicht. Die mochte keiner. Selbst wenn das Sinti und Roma waren. Momentan waren Moslems in. Sophia seufzte.

Zu früh gefreut. Leider war Manfred zuhause.

”Was ist denn hier los?” brüllte Sophia, nachdem sie das Wohnzimmer betreten hatte. ”Was wird das hier? Warum ist das so unordentlich?”

”Aber Sophia”, sagte Manfred erschrocken. ”Ich dachte, du kommst erst abends.”

”Es geht dich nichts an, was ich mache”, brüllte Sophia weiter. ”Ich muss arbeiten. Was ist das hier?”

”Entschuldige bitte, Sophia. Ich wollte Piranha ein Kunststück beibringen. Heute kommt doch Egon.”

”Wer?” brüllte Sophia.

”Egon. Piranhas neuer Freund. Ich hole ihn heute aus dem Tierheim.”

”Was? Du schaffst uns noch mehr von diesen Dingern an?”

”Ja,” sagte Manfred kleinlaut.

”Also, jetzt reicht’s”, sagte Sophia. ”Du zieht heute noch aus.”

”Aber der Vertrag”, sagte Manfred.

”Der Vertrag ist mir egal”, sagte Sophia.

”Wo soll ich denn hin? Ich habe doch meine Wohnung erst nächsten Monat.”

”Das ist mir doch egal. Du kannst ja in ein Obdachlosen-Asyl.”

Das war zu viel. Ja, hatte sie gedacht, es würde sie nicht stören, dass Manfred die Woche bis zum Monatsende hier noch wohnen würde und günstiger war es auch – Manfred bezahlte für diesen Monat noch die Miete und sie musste kein Geld für einen Stauraum für ihre Möbel und Kleidung ausgeben und konnte gleich einziehen, aber das war zu viel. Es ging so nicht mehr weiter. Es war ein Fehler gewesen zu denken, dass sie und Detlef sich schon irgendwie arrangieren würden. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, dass sie damit zeigen konnte, wie sozial eingestellt sie war. Sie kamen aus zwei verschiedenen Welten. So viel war klar.

”Ich muss arbeiten”, sagte Sophia etwas versöhnlicher. ”Du störst hier nur. Bitte check es: Das hier ist nicht mehr deine Wohnung. Ich wohne jetzt hier. Du und deinesgleichen – ihr passt hier einfach nicht mehr rein in diesen hippen Szene-Bezirk. Das ist nicht böse gemeint, aber es ist so.” Sie sah wieder auf das Handy und las einen Artikel ”Sapiosexuel, deminisexuel – ja, gibt’s es denn auch noch Normale?”. ”Darüber schreibe ich auch”, sagte sie gedankenverloren.

Und somit zog Manfred eine Woche früher als gedacht aus der Wohnung. Er und Piranha. Egon konnte er erst später aus dem Tierheim holen. Piranha musst er in der Bahnhofsmission verstecken. Tiere waren da nicht erlaubt.

 

Männerfreundschaft

”Ich würde das auch so machen, wie’s Felix gesagt hat,” sagte Daniel. ”Man muss es noch ausarbeiten, aber ich find’s gut.”

Er sah zu Felix herüber, der zufrieden nickte.

”Meinungen?” sagte der Chef fragend in die Runde.

”Es ist gut, aber ich würde es ein bisschen anders machen,” sagte Lisa. ”Ich denke, dass der Kunde eher nach etwas anderem sucht. Ich habe ihn genau beobachtet und denke, dass Felix’ Einfall gut ist, aber nicht ganz das, was der Kunde möchte.”

Felix fiel die Kinnlade herunter, Daniel riss die Augen und den Mund auf. Er sah aus wie ein Fisch an Land.

”Gut,” sagte der Chef. ”Morgen habe ich Ihre Version auf meinem Schreibtisch, Frau Schwedt. Schönen Tag noch.”
Er stand auf, nahm seine Akten vom Tisch und ging in sein Büro.

”Warum hast du das gemacht?” sagte Felix, als der Chef außer Sicht- und Hörweite war.

”Was?” fragte Lisa.

”Na, das.”

”Was?”

”Gesagt, dass du es anders machen möchtest?”

”Warum nicht? Warum darf ich nicht meine Meinung sagen?” fragte sie nüchtern.

”Ich spüre hier zickige Schwingungen,” sagte Felix.

Daniel lachte.

”Bitte? Eine Frau äußert eine Meinung und ist gleich eine Zicke?”

”Moment mal,” sagte Felix. ”Wer hat dich bitte zickig genannt?”

”Du übertreibst ja maßlos,” sagte Daniel. ”Das hat keiner gesagt. Hast du deine Tage oder was?”

Sie lachten.

”Ich bin mal gespannt, was du aus dem Projekt machst,” sagte Daniel verächtlich.

”Komm, Felix, wir gehen lieber. Hier ist mir die Stimmung zu geladen.”

”Es kann ja nicht jeder mit dem Chef ficken,” sagte Felix.

”Bitte?” sagte Lisa entrüstet. ”Was soll das jetzt hier?”

”Oh, da zickt sie wieder,” sagte Daniel. Beide Männer lachten.

Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und arbeitete ihre Version der Kampagne in einer halben Stunde aus und übergab sie dem Chef.

”So schnell, Frau Schwedt?” sagte der Chef lobend.
Er überflog ihr Konzept. ”Gut,” sagte er. ”Sie halten gleich eine Präsentation und dann entscheide ich mich.”

 

Die Mitarbeiter wurden einberufen und saßen wieder am großen Tisch zusammen.

Lisa war ein bisschen aufgeregt. Sie war noch neu in der Agentur, aber sie wusste, dass sie das machte, was ihr lag. Dass sie Talent hatte. Ihre Stimmte zitterte etwas bei der Präsentation, aber schnell verflog die Aufregung und sie erzählte frei. Der Kunde wollte eine Werbe-Kampagne, die den jungen Mann von heute ansprach. Der Mann, der modern ist und weltoffen. Lisa fiel das leicht. Sie dachte an ihren Bruder, ihren besten Freund und ihren Freund und sie dachte auch daran, wie ein Mann ihrer Meinung nach sein und nicht sein sollte.

”Gut,” sagte der Chef. ”Meinungen?”

Felix räusperte sich. ”Ja, es ist ja nicht schlecht,” sagte er. ”Aber ich muss schon sagen, dass ich als junger, moderner, weltoffener Mann mich da nicht so angesprochen fühle.”

”Ich auch nicht,” warf Daniel ein.

”Es klingt schon etwas zu weiblich. So wie Frauen Männer sehen oder so etwas.”

”Ja, so Sex and the City-mäßig so mit Gefühlen und gut angezogen.”

”Das ist ja keine Kampagne für eine Frauenzeitschrift oder Make-up.”

”Was hat das damit zu tun? Das ist keine konstruktive Kritik. Ich sehe mir nicht Sex and the City an, ich lese keine Zeitschriften und ich trage auch kein Make-up,” sagte Lisa.

”Das solltest du vielleicht mal,” sagte Daniel. ”Würde dir gut stehen.” Er lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

”Das ist doch nur ein Witz,” sagte er. ”Du bist immer so sensibel. Was soll das?”

”Wollen wir professionell arbeiten oder Witze machen?” sagte sie.

”Das ist sie wieder, Lisa, die Zicke,” sagte Felix.

”Meine Herren, verschieben Sie Ihr Geplänkel auf später. Der Kunde wartet. Wir stimmen ab. Wer ist für Herr Schmidt-Finks Kampagne?”

Felix sah zu Matthias. Matthias hob die Hand. Er sah zu Julian, Murat, Ulf, Ralf und Claudia. Sie hoben die Hände. Auch die anderen hoben nacheinander die Hände. Felix lächtelte zufrieden.

”Wer ist für Frau Schwedts Vorschlag?”

Nur Alex hob die Hand, aber er war ohnehin nicht beliebt und würde bald herausfliegen.

”Gut,” sagte der Chef. ”Ich mochte beide Kampagnen, aber Sie haben mich überzeugt.”

Lisa war noch in der Probezeit und musste die Sprüche und gemeinen Zettel nicht lange aushalten. Lisa, die Zicke. Selbst Claudia, die einzige Frau neben Lisa, hielt sich aus der Sache heraus. Sie wollte nicht als Zicke wie Lisa gelten. Sie war nicht so. Sie war ganz anders. Sie stand gerne bei den Männern und spielte sich nicht so auf wie Lisa. Sie war nicht so wie Lisa. Nicht so eine Zicke wie Lisa.

Der Kunde war nicht zufrieden mit Felix’ Vorschlag und man bot ihm nachher Lisas Version an, die ihn begeisterte, aber da war Lisa schon nicht mehr in der Agentur. Sie konnte die Kampagne später im Fernsehen und auf Plakaten bewundern. Die Agentur erhielt ein großes Lob in der Branche und gewann sogar einen Preis. Lisa ging wieder auf Jobsuche. Das war gar nicht so leicht, weil sich herumgesprochen hatte, dass sie ein bisschen schwierg war.

Schöner wohnen

5

„Er muss…“, sagt Ella. “süß und locker sein. Und humorvoll. Nicht so ein spießiger Sockenfalter. Zuverlässig und gerne kochen. Und Margaret Cho kennen.“ “Hast du weitere Wünsche?“, frage ich sie, während wir auf ihrem kleinen Balkon sitzen, uns mit einer Flasche Rotwein betrinken und eine Tüte rauchen. “Nein“, sagt sie und nippt an ihrem Glas. Möge das Casting beginnen.

Ella wohnt mit Bernhard, dem Langweiler, Johannes, dem Jung-Anwalt, Janina, der Modetussi und ihrer Mutter in einer geräumigen 5 1/2-Zimmer-Wohnung in der begehrten Stadtmitte. Ihre Mutter Rosanna, Studentin im dritten Semester (Agrartechnologie), wird ein Praktikum im Ausland absolvieren. Eine Miete weniger. Ella hat in Zeitungen und im Netz inseriert, und zahlreiche Bewerber zeigten großes Interesse. Nun sollen sie kommen. Einer nach dem anderen. Schön, wie sich das gehört. Frauen lehnt Ella ab. Die sind kompliziert und anstrengend, sagt sie.

Als am Donnerstag eine Minute nach vier Frank an der Tür klingelt, sitzen wir zu fünft gespannt am Küchentisch. Ich diene als unparteiischer Berater. Frank trägt einen unförmigen Anzug, eine rote Krawatte und hat Blumen mitgebracht. Er druckst herum. “Blumen. Wie aufmerksam.“ Ella ist entzückt. Ihre Mutter zeigt heimlich mit dem Daumen nach unten. Warum? Hm. Es ist Ellas Mutter. Sie ist, wie sie ist. Vielleicht deshalb? Frank ist um die 40, stottert und schwitzt. Seine Stirn ist bedeckt mit Schweißperlen. Als er sich verabschieden möchte, stößt er gegen den kleinen Tisch, auf dem die zickige Janina die Blumen hergerichtet hat. “Macht doch nichts“, faucht Ellas Mutter und schiebt ihn unsanft zur Tür. “Tschüss.“

Der nächste Bewerber ist Tim. Ella errötet. Das ist ihr Partyflirt. Sie hatten Sex im Auto. In Ellas Fiat Panda. Aber sicher ist sich Ella nicht. Sie war sehr betrunken. Es kann auch nur Petting gewesen sein.

Verstehe.

Als Wasif, ihr langjähriger, bester und selbstverständlich rein platonischer Freund, das sah, haben sich Wasif und Tim gleich am Parkplatz geprügelt, und bei diesem wilden Faustkampf schlug Wasif Tim einen Zahn aus. Anzeigen wollte ihn Tim jedoch nicht. Da war noch diese Sache mit dem illegalem Waffenbesitz. Tim ist vorbestraft. Keine Bullen und so. Das war Wasif recht, denn er hat gar keine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Zähneknirschend gingen die beiden Streithähne auseinander, nicht sich noch ein paar Beleidigungen zuzuwerfen. Ella kann ihrer Mutter nun natürlich nicht mitteilen, warum sie sich gegen einen Einzug Tims ausspricht. Sie ist 21, aber ihre Mutter möchte nicht, dass sie raucht, trinkt oder herumhurt. Nur Drogen sind ok. Wenn Besuch im Hause ist und ein Gläschen Wein oder Bier trinkt, sagt Ellas Mutter: “Du nicht.“ Und stellt ihr ein Glas Hohes C auf den Tisch.

Tim sieht sie irritiert an. Auf einer Skala von null bis Schnaps kann er sich neun an Ella erinnern – und sie? Sie bringt die Führung und den Small-Talk rasch über die Bühne. Als Tim aus der Wohnung ist, sagt Ellas Mutter: “Nett, aber so ’n bisschen ungepflegt. Dem fehlt ja sogar ein Zahn.“

Keine Frauen, sagte Ella, aber dagegen legte Johannes ein Veto ein. Nun steht Roxy in der Tür. Sie sieht aus wie die Frontfrau von Garbage nur in Gegenteil von gutaussehend. Sie trägt schwarz-weiß-gestreifte Armstulpen, ein schwarzes Top, einen kurzen schwarzen Rock, eine Netzstrumpfhose und schwarze Stiefel. Sie beendet jeden Satz mit “und so“. “Ich mein, ey. Ich bin keine Satanistin, weil ich schwarzgefärbte Haare habe und manchmal gelbe Kontaktlinsen einsetze und so. Ich höre Musik von der Band von meinem Freund ‚Schmerz deiner kranken Seele‘, weißt du, und die Leute denken, ich wär‘ scheiße und so. Ich bin voll gegen die konforme Gesellschaft und so. Voll Anti-Mainstream, weil ich anders bin und so.“

Roxy ist Studentin der Sozialpädagogik und fängt mit Janina an einen Streit an. Ihr gefällt Janinas aprilfrische Pastell-Pferdemädchen-Kleidung nicht. Bernhard hat ein Foto von seiner verstorbenen Großmutter in seinem Zimmer aufgestellt. Roxy nimmt es in die Hand mit ihren schwarz lackierten Nägeln und sagt: “Ey, jeder ist irgendwann am Sterben und so. Ist doch geil und so.“ Als sie sich im Bad die Rasierklingen zu lange ansieht, wird sie aussortiert.

Dann kommt Holger. Holger ist um die 50 und hat eine Halbglatze. Er ist Busfahrer und sehr verschmust. Ohne seine Katze Inge kann und möchte er nicht einziehen. Verständnis. Holger kann kochen und mit flotter Musik im Hintergrund putzt er für sein Leben gern. Noch Fragen? Holger soll einziehen. Als ihn Ella drei Tage später anrufen möchte, erfährt sie von seinem Noch-Mitbewohner Manfred, der eine sehr schöne Telefonierstimme hat, dass Holger im Knast sitzt. Er hat wohl ’n paar Rechnungen nicht bezahlt.

Zurück auf vorher. Eduardo kommt. Er ist homo und tatsächlich Friseur. Er siehr sehr gut aus. Ella und er beschimpfen sich wüst und diskutieren über hungernde Kinder in Afrika, nachdem Eduardo es wagte, sein halbvolles Glas ACE-Saft in die Spüle zu schütten. Hendrik, der Sportlehrer, wird von Johannes abgelehnt. Das ist der Typ, der im Fitnesstudio ununterbrochen das Laufband Turbo Super 3000 blockiert. Niemals. Johannes protestiert. Waldemar, Kandidat Nummer 7, spricht Russisch und circa dreißig Wörter Englisch. Ella wird ungeduldig. Der süße Lukas kommt aus Dresden und ist Rapper. Nebenbei studiert er BWL. Ella ist Feuer und Flamme. Als er zu reden beginnt, hält sich Ellas Mutter die Ohren zu. Er ist ihr zu sächsisch. Dismissed. Disqualifiziert. Game over.

Am Ende bin ich dann eingezogen. Zum Probewohnen. Bernhard sah mich ununterbrochen mit lüsternem, stierendem Blick an und wollte mir seine Überraschungseierfiguren-Sammlung in seinem Zimmer präsentieren. Neben Johannes‘ langbeinigen Amazonenfrauen fühlte ich mich wie Supersize-Me-Aschenputtel. Janina wollte mir andauernd ihre Instagram-Seite zeigen und über Detox Tea reden, und Ella war dauerbekifft und extrem unordentlich. Sie strapazierte mein Nervenkostüm durch Dauergestreite mit ihrem Freund. Als ginge es darum einen internationalen Rekord zu halten, knallten die beiden am frühen Morgen mit den Türen und warfen Tassen und Teller an die Wand.

“Gib doch zu, dass du mit der Sprechstundehilfe beim Kieferorthopäden geflirtet hast“, schrie Ella und zielte mit einem Blumenkübel auf Jason. “Nein, habe ich nicht“, entgegnete dieser. “Aber geil war die schon.“ Der Kübel traf ihn am Kopf. Keine Sorge. Die Platzwunde musste nur mit sechs Stichen genäht werden. Drei Nächte lang hatten die beiden daraufhin lauten, ekstatischen Versöhnungssex. Wer von euch schon mal Katzen beim Akt belauschen durfte, weiß, wovon ich spreche.

Ich zog kurz danach aus. WG oh nee. Zum Glück wurde Holger eine Woche später aus dem Gefängnis entlassen und konnte sein Zimmer freudestrahlend beziehen.