Was man muss

Man “muss” gar nichts erreicht haben. Es reicht die Matratze auf dem Boden im WG-Zimmer mit 20, 30, 40 oder auch 80, wenn man dafür etwas macht, was man liebt, auch wenn man damit kein großes Geld verdient. Man “muss” keine Beziehungen gehabt haben, Affären, One-night-Stands. Du bist nicht “prüde”. Du bist du. Keine Reisen in ferne Länder, wenn man lieber nach Dänemark fährt. Du musst dir kein neues Smartphone kaufen, weil das, was du jetzt hast schon ein halbes Jahr alt ist und damit nicht mehr aktuell. Man muss nicht aktiv auf sozialen Medien sein. Es gibt keine Bücher, die jeder gelesen haben muss. Keine Sexstellungen, Saftkuren, Apps, Haarfrisuren, Diäts, Enemas, Datingseiten, überteuerte “Szene-Getränke” in “In-Bars”, die jeder probiert haben muss. Keine Filme und Serien, die jeder gesehen haben muss. Es gibt keine Fremdwörter, die man kennen muss. Du bist dann nicht mehr oder weniger klug. Es ist egal, ob du mit 14 von der Schule abgegangen bist oder einen Dr. Pr-Titel hast. Du bist deshalb nicht mehr oder weniger “wert”, weil es ja doch jemanden gibt, dessen Gesicht erleuchtet, wenn es dich sieht. Das kann auch “nur” dein Hund sein. Oder du selbst im Spiegel. Ist doch egal. Liebe ist Liebe. Du musst keine Model-Maße haben oder “heiße Kurven”. Es reicht ein gutes Herz und ein bisschen Verstand, wenn möglich. Du musst nicht heiraten wollen oder Kinder haben wollen, aber es ist schön für dich, wenn du willst. Du musst wissen, was dich glücklich macht und womit du andere glücklich machst. Du musst nicht immer erreichbar sein, wenn du mal ein bisschen Zeit für dich brauchst. Du musst dich nicht immer für andere klein machen. Du kannst auch mal an deine Träume glauben. Und an dich. Du musst keine teure Kleidung tragen. Du musst dir kein teures Auto kaufen. Du musst dich nicht in einem dritte-Welt-Land “selbst finden” oder über jene spotten, die dort helfen wollen. Du musst dich nicht für Lücken im Lebenslauf schämen, weil es einfach nicht mehr ging und du dir Zeit für dich nehmen musstest. Du musst keinen Schönheitsidealen entsprechen oder alles erreicht haben, was Gleichaltrige erreicht haben. Du musst dich mit niemand messen. Es sei denn du bist Sportler oder arbeitest beim Vermessungsamt. Du musst keine Million “Follower” haben und keine Likes. Du musst keine peinlichen blauen Verifiziert-Häkchen haben außer du bist Beyoncé oder Produkte von Apple. Es gibt keine “Stimme unserer Generation”. Es gibt keine Wahrheiten für alle. Keine Universalträume. Du musst nicht Geld anhäufen und Statussymbole. Schöne Erinnerungen, den Moment genießen und sich auf etwas freuen, sind viel besser. Such Freunde und keine Konkurrenten. Trau keinen Werbeversprechen und Werbegesichtern und den meisten Politikern. Wenn du dich selbst rettest, rettest du auch ein bisschen die Welt, denn du bist ein Teil davon. Tu Gutes für andere, aber auch für dich selbst.

Careerwoman

Ich habe mich um einen Job beworben und mir dafür eine seriöse Email-Adresse gemacht und mit dieser die Bewerbung abgeschickt. Nicht so etwas wie 420legalizeitalter@aol.de oder so. Ich war da so müde und habe die Emailadresse vergessen. Jetzt muss ich vielleicht von 420legalizealter@aol.de schreiben: ”Ey Bruder, hast du meine Bewerbung bekommen? Ich habe meine Email vergessen. Deshalb muss ich von der hier antworten. Also, was ist jetzt? Von der schnellen Sorte bist du aber nicht. Wenn du mir bis 12 Uhr nicht antwortest, suche ich mir etwas Neues.” und wenn er dann immer noch nicht schreibt, schreibe ich noch mal: ”Schreibst du jetzt mal oder was?” und dann wie ein beleidiger ”Nice Guy” schreibe ich: ”Ich will deinen dummen Job sowieso nicht.” und dann noch ein paar Beleidigungen das Aussehen des Mannes betreffend wie ”Du bist mir sowieso zu hässlich. Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt geschrieben habe. Ich kann jeden haben. Ich habe deinen Job nicht nötig. Was denkst du denn, wer du bist, Schlampe”, aber er scheint ein netter Typ zu sein, mein neuer Nicht-Chef.

Männerfreundschaft

”Ich würde das auch so machen, wie’s Felix gesagt hat,” sagte Daniel. ”Man muss es noch ausarbeiten, aber ich find’s gut.”

Er sah zu Felix herüber, der zufrieden nickte.

”Meinungen?” sagte der Chef fragend in die Runde.

”Es ist gut, aber ich würde es ein bisschen anders machen,” sagte Lisa. ”Ich denke, dass der Kunde eher nach etwas anderem sucht. Ich habe ihn genau beobachtet und denke, dass Felix’ Einfall gut ist, aber nicht ganz das, was der Kunde möchte.”

Felix fiel die Kinnlade herunter, Daniel riss die Augen und den Mund auf. Er sah aus wie ein Fisch an Land.

”Gut,” sagte der Chef. ”Morgen habe ich Ihre Version auf meinem Schreibtisch, Frau Schwedt. Schönen Tag noch.”
Er stand auf, nahm seine Akten vom Tisch und ging in sein Büro.

”Warum hast du das gemacht?” sagte Felix, als der Chef außer Sicht- und Hörweite war.

”Was?” fragte Lisa.

”Na, das.”

”Was?”

”Gesagt, dass du es anders machen möchtest?”

”Warum nicht? Warum darf ich nicht meine Meinung sagen?” fragte sie nüchtern.

”Ich spüre hier zickige Schwingungen,” sagte Felix.

Daniel lachte.

”Bitte? Eine Frau äußert eine Meinung und ist gleich eine Zicke?”

”Moment mal,” sagte Felix. ”Wer hat dich bitte zickig genannt?”

”Du übertreibst ja maßlos,” sagte Daniel. ”Das hat keiner gesagt. Hast du deine Tage oder was?”

Sie lachten.

”Ich bin mal gespannt, was du aus dem Projekt machst,” sagte Daniel verächtlich.

”Komm, Felix, wir gehen lieber. Hier ist mir die Stimmung zu geladen.”

”Es kann ja nicht jeder mit dem Chef ficken,” sagte Felix.

”Bitte?” sagte Lisa entrüstet. ”Was soll das jetzt hier?”

”Oh, da zickt sie wieder,” sagte Daniel. Beide Männer lachten.

Lisa ging zu ihrem Schreibtisch und arbeitete ihre Version der Kampagne in einer halben Stunde aus und übergab sie dem Chef.

”So schnell, Frau Schwedt?” sagte der Chef lobend.
Er überflog ihr Konzept. ”Gut,” sagte er. ”Sie halten gleich eine Präsentation und dann entscheide ich mich.”

 

Die Mitarbeiter wurden einberufen und saßen wieder am großen Tisch zusammen.

Lisa war ein bisschen aufgeregt. Sie war noch neu in der Agentur, aber sie wusste, dass sie das machte, was ihr lag. Dass sie Talent hatte. Ihre Stimmte zitterte etwas bei der Präsentation, aber schnell verflog die Aufregung und sie erzählte frei. Der Kunde wollte eine Werbe-Kampagne, die den jungen Mann von heute ansprach. Der Mann, der modern ist und weltoffen. Lisa fiel das leicht. Sie dachte an ihren Bruder, ihren besten Freund und ihren Freund und sie dachte auch daran, wie ein Mann ihrer Meinung nach sein und nicht sein sollte.

”Gut,” sagte der Chef. ”Meinungen?”

Felix räusperte sich. ”Ja, es ist ja nicht schlecht,” sagte er. ”Aber ich muss schon sagen, dass ich als junger, moderner, weltoffener Mann mich da nicht so angesprochen fühle.”

”Ich auch nicht,” warf Daniel ein.

”Es klingt schon etwas zu weiblich. So wie Frauen Männer sehen oder so etwas.”

”Ja, so Sex and the City-mäßig so mit Gefühlen und gut angezogen.”

”Das ist ja keine Kampagne für eine Frauenzeitschrift oder Make-up.”

”Was hat das damit zu tun? Das ist keine konstruktive Kritik. Ich sehe mir nicht Sex and the City an, ich lese keine Zeitschriften und ich trage auch kein Make-up,” sagte Lisa.

”Das solltest du vielleicht mal,” sagte Daniel. ”Würde dir gut stehen.” Er lachte.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

”Das ist doch nur ein Witz,” sagte er. ”Du bist immer so sensibel. Was soll das?”

”Wollen wir professionell arbeiten oder Witze machen?” sagte sie.

”Das ist sie wieder, Lisa, die Zicke,” sagte Felix.

”Meine Herren, verschieben Sie Ihr Geplänkel auf später. Der Kunde wartet. Wir stimmen ab. Wer ist für Herr Schmidt-Finks Kampagne?”

Felix sah zu Matthias. Matthias hob die Hand. Er sah zu Julian, Murat, Ulf, Ralf und Claudia. Sie hoben die Hände. Auch die anderen hoben nacheinander die Hände. Felix lächtelte zufrieden.

”Wer ist für Frau Schwedts Vorschlag?”

Nur Alex hob die Hand, aber er war ohnehin nicht beliebt und würde bald herausfliegen.

”Gut,” sagte der Chef. ”Ich mochte beide Kampagnen, aber Sie haben mich überzeugt.”

Lisa war noch in der Probezeit und musste die Sprüche und gemeinen Zettel nicht lange aushalten. Lisa, die Zicke. Selbst Claudia, die einzige Frau neben Lisa, hielt sich aus der Sache heraus. Sie wollte nicht als Zicke wie Lisa gelten. Sie war nicht so. Sie war ganz anders. Sie stand gerne bei den Männern und spielte sich nicht so auf wie Lisa. Sie war nicht so wie Lisa. Nicht so eine Zicke wie Lisa.

Der Kunde war nicht zufrieden mit Felix’ Vorschlag und man bot ihm nachher Lisas Version an, die ihn begeisterte, aber da war Lisa schon nicht mehr in der Agentur. Sie konnte die Kampagne später im Fernsehen und auf Plakaten bewundern. Die Agentur erhielt ein großes Lob in der Branche und gewann sogar einen Preis. Lisa ging wieder auf Jobsuche. Das war gar nicht so leicht, weil sich herumgesprochen hatte, dass sie ein bisschen schwierg war.