Betrunken blamiert

Wie man damit umgeht, sich betrunken blamiert zu haben
Der Alkohol floss in Strömen und Sie wurden gefühlsduselig, haben peinliche SMS verschickt, fremde Menschen mussten als Ihre Therapeuten oder Therapeutinnen herhalten, nackt waren sie vermutlich auch noch und haben so viel geredet, dass niemand anderes zu Wort kam. Leider haben Sie nichts sonderlich Intelligentes gesagt, im Gegenteil, wenn ich so sagen darf und jetzt schämen Sie sich verständlicherweise. Was können Sie trunkener Tunichtgut nun für Ihr Ego tun?

Viele Menschen mögen Listen. Deshalb hier eine Liste für alle beschämten Trunkenbolde.

 

1.

Wer immer schon mal daran gedacht hat auszuwandern – weit weg, nach China zum Beispiel – jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Sachen packen und los geht’s. Üben Sie sich aber bitte in der neuen Heimat in Abstinenz oder maßvoller Selbstkontrolle. Sonst müssen Sie innerhalb weniger Tage – oder vielleicht sogar am Ankunftstag – wieder auswandern, weil Sie sich schon wieder betrunken blamiert haben. Da kann man aber eine Karriere als Vertreter/in durchaus in Erwägung ziehen. Lassen Sie sich in Ihrer Arbeitsagentur beraten

 

 
2.

Falls Sie es mit der betrunkenen Blamage nicht sein lassen können, können Sie sich vielleicht in ein islamisches Land versetzen lassen bzw. den Arbeitgeber wechseln. Da ist Alkohol gleich verboten. Wenn Sie sich da nüchtern immer noch daneben benehmen, liegt es nicht am Alkohol, dass Sie so sind wie Sie sind. Das nur mal so. Lassen Sie das dann vielleicht lieber sein, falls Sie sich nicht in eine existenzielle Sinnkrise stürzen möchten.
Wer nicht auswandern möchte, kann sich ja in der Nachbarstadt absetzen, wo einen niemand kennt

 

 
3.

Wer öfter mit dem Gedanken gespielt hat Schönheitsoperationen auszuprobieren und sich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, hat jetzt einen guten Grund dazu. Auch schön wäre eine vorgetäuschte Transsexualität mit Namenswechsel. Wenn Sie zwar dem Alkohol nicht abgeneigt sind, aber Aufwand und Ambition scheuen und deshalb das Obige für Sie nicht in Frage kommt, dann wäre es für Sie empfehlenswert ab sofort nur noch verkleidet vor die Haustür zu gehen. Niemand wird Sie erkennen und Sie können so tun als sei nichts gewesen

 

 
4.

Gibt es Außerirdische? Warum nicht Astronaut/in werden oder gar selbst ein Raumschiff bauen, damit ins All fliegen und es herausfinden. Wenn es keinen Alkohol auf dem neuen Planeten gibt, kann ja nichts schiefgehen

 

 
5.

Falls Sie sich vor einer Gruppe Menschen betrunken blamiert haben, die sich jetzt über Sie lustig macht und das auf überaus gemeine Art, kann man sich doch einfach ein paar Gerüchte über diese unangenehmen Zeitgenossen ausdenken und verbreiten, die um noch um einiges peinlicher sind. Schon redet niemand mehr über Sie

 
6.

Verdrängen Sie

 

7.

Betrinken Sie sich wieder und dieses Mal trinken und blamieren Sie sich noch mehr. Dann ist das eine Mal, als Sie sich betrunken blamiert haben, nicht so peinlich, weil es öfter vorkommt. Irgendwann gewöhnt man sich daran

 

8.

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass die Menschen, die Sie in Ihrem betrunkenen Zustand aushalten mussten, Sie schon vorher nicht mochten und nun hat sich die Abneigung gegen Sie nur nochmals vertieft? Es ist doch schön für Sie, dass Sie schon vorher unbeliebt waren

 

9.

Reden Sie sich ein, dass die anderen Menschen langweilig sind und deshalb nicht Ihr peinliches, betrunkenes Verhalten zu schätzen wissen

 
10.

Werden Sie Prank-Youtuber und verdienen Sie Millionen. Da kann man für Geld peinlich sein und seinen Freunden weismachen, dass das betrunkene, peinliche Verhalten nur Übung für die bevorstehende Youtube-Karriere war

 
11.

Wechseln Sie den Freundeskreis. Wenn Sie nur noch mit Ballermann 6 – und Balaton-Saufbrüdern befreundet sind und Ihre Wochenenden ab sofort aus einem Junggesellenabschied nach dem nächsten in den Rotlichtmilieus diverser europäischer Städte bestehen, ist die Erwartungshaltung an Sie eine ganz andere und Sie erhalten sogar noch Lob für besonders peinliches, betrunkenes Benehmen

 

12.

Vielleicht liegen Ihnen aber auch Drogen einfach mehr als Alkohol. Man kann aber auch immer noch die heftigste Droge überhaupt versuchen: Nüchternheit, bei Ihren armen Mitmenschen entschuldigen und aus den Fehlern lernen

 

Mykonos, bitch

 

 

Vielleicht sollte ich auch mal wieder abends ausgehen statt melancholisch herumzuhängen und zunehmen,  aber ich denke aus dem Alter bin ich heraus. Es ist erst wieder “hip” auszugehen, wenn man alt ist. Ab einem gewissen Alter hat das alles so ein bisschen etwas von: Hat er oder sie nichts Besseres zu tun tun? Und meistens ist es ohnehin langweilig. Und dann macht man eine kleine Pause von drei bis vier oder fünf Jahrzehnten und taucht wie Phoenix aus der Asche als Techno-Rentner auf, der länger wachbleiben kann als die jungen Hüpfer und dank neuem Hüftgelenk auch besser tanzen kann. Aber andererseits ist das nur so eine Art “Alters-Shaming”. “Feiern gehen” war schon mit 18 langweilig und nur dank diverser Muntermacher und dergleichen besser als nicht feiern.

Vielleicht ist das auch irgendwie nur eine Winterdepression, die aber einfach ein bisschen aufdringlich ist und sich in allen Jahreszeiten breitmacht.  Ganz schön großes Ego. Vielleicht soll ich sie als Inspiration nehmen.

“Du sprichst aber gut Deutsch”

Celestes Karriere

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Da standen wir bei einem “Kulturevent” und unterhielten uns.

Ich war schon ziemlich angetrunken und lallte über irgendetwas, was nichts Neues oder Außergewöhnliches ist.

Meine Bekannten waren alte Schulkameraden und Kameradinnen. Wir standen in einem Kreis, als ein Mann und eine Frau mittleren Alters uns ansprachen. Eigentlich unterhielten sie sich nur mit Celeste.

“Ich hole mir noch etwas zu trinken”, sagte ich.
“Schon wieder?” fragte Stephanie.
“Der Mensch ist ein Gewöhnheitstier”, entgegnete ich.

Es gab kostenlosen Wein. Ich nahm mir dieses Mal gleich drei Gläsern mit, damit ich nicht ständig neuen Wein holen musste. Die drei Gläser Wein würden für eine halbe Stunde reichen. Das war genug, um betrunken, aber nicht zu betrunken zu werden. Ich hatte mir das mit dem nicht zu Betrunken vorgenommen. Zu oft hatte ich mich blamiert. Ich musste an mein Ego denken. Mein Ego hielt mich für merkwürdig.

Als ich wieder zu den anderen zurückkam, standen die Frau und der Mann mittleren Alters immer noch um Celeste herum, aber jetzt hatten sich nur mehr Menschen mittleren Alters angesammelt und auch ein paar jüngere Menschen und so standen sie da wie leere Pfandflaschen. Die älteren sahen aus wie CDU und Schmuck aus dem Afrika-Laden, die jüngeren wie Junge Union mit Antifa gemischt. Irgendwie spießig und langweilig, was ihnen aber selbst nicht bewusst war. Solche konnte man drei Meter gegen den Wind erkennen. Sie hielten sich selbst für cool und weltoffen. Sie waren für Flüchtlinge und offene Grenzen, weil das en vogue war. Sie redeten so viel über Flüchtlinge, aber nie mit Flüchtlingen. Wahrscheinlich wählten sie nicht mal CDU. Sie waren so links, dass sie schon konservativ waren. Aber vielleicht irrte ich mich auch. Das soll vorkommen. Besonders bei steigendem Alkoholpegel. Na ja, wenigstens steigt etwas. Eine seltene Erfolgskurve.
Über was unterhielten sie sich, fragte ich mich.

Ich kam ein bisschen näher. Die anderen, Malik, Eze und Stephanie, standen nun auch mit Celeste und den übrigen zusammen. Ah, sie unterhielten sich über Celestes Karriere. In puncto Karriere konnte und wollte ich nicht so recht mitreden und trank lieber von meinem Wein. Celestes berufliche Erfolge waren auch beeindruckend, aber mich beeindruckte eher, dass der Wein nicht wie der Wein, den ich sonst trank, schmeckte. Nicht nach billigem Essig mit Ethanol in einer Garage in einer Kleinstadt zusammengepanscht, wo sich der dortige Puffbetreiber noch eine Nebeneinkunft sichern möchte – als hätte er nicht schon genug Geld – und denkt, er, als “Lebemann” könnte doch Wein herstellen und “Champagner”, den er Schlampagner nennt und der im Gegensatz zu seinem Wein nach Ethanol, Wasser und Zucker schmeckt. Das wird dann im Supermarkt oder wo auch immer verkauft. Der Wein hier bei diesem “Event” war hingegen gut. Ich trank zwei der Gläser aus. Eigentlich war es vorgesehen, dass jeder nur ein Freigetränk bekommen sollte, aber ich war mal so frei. Alkohol ist meistens kein guter Eskapismus, aber größtenteils ein einfacher, solange es nicht zu einer Sucht wird. Das ist ein schmaler Grat, den ich in Kauf nahm.
Ich legte die ausgetrunkenen Gläser ab und hielt nur noch ein Glas in der Hand. Das war so schön normal.

Eine dünne Trulla mit Dutt mit undefinierbarer Haarfarbe, ungefähr Ende 20, wedelte mit ihrer knochigen, rechten Hand umher. In der anderen hielt sie ein Weinglas. Sie trug einen Siegelring am kleinen Finger der rechten Hand und Kleidung in Erdtönen. Die Augen waren schwarz geschminkt, was ihre Schlupflider betonte. Mir fiel das mit den Schlupflidern auf, weil ich über “die größten Make-up-Fehler, die man machen kann” gelesen hatte. Wenn man nur Make-up-Fehler macht, ist ja alles gut. Dazu trug sie noch dunkelroten Lippenstift, der ihre trockenen, vollen Lippen betonte. Sie sah, dass ich sie beobachtete. Ihr betont gelangweilter Blick wechselte zu arrogant. Ich ahnte, dass sie dachte, dass ich sie auf Grund ihrer Schönheit beobachtete. Adriana Lima war das jetzt nicht, aber das interessierte nie jemanden in Deutschland, wenn es um grundlose Arroganz, verzerrte Wahrnehmungen und aufgeblasene Egos ging.

“Ich mein, man sollte seinen Körper schon verbrauchen. Ich gebe da gar nicht drauf auf diesen ganzen Lifestyle-Mist. Wellness, Selbstfindung und sowas. Man sollte trinken rauchen, wenig schlafen, wenn man will. Scheiß auf die Ernährung. Das ist doch das eigene Recht. Warum alles konservieren, wenn man ja doch nur älter wird. Das ist doch egal. Erfolg ist egal. Lass dich gehen. Bleib im Bett liegen. Warum überhaupt aufstehen, wenn es doch im Bett am schönsten ist. Scheiß auf Verantwortung. Wir haben doch alle so Angst vorm Versagen. Warum es nicht einfach mal nicht versuchen. Warum es nicht einfach mal sein lassen. Dieser ganze Erfolgsdruck. Einfach mal nicht hingehen. Liegenbleiben. Einen Monat schlafen.”

“Das ist ein interessanter Ansatz”, sagte eine der mittelalten. Sie trug eine Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover, einen grauen Blazer sowie eine Perlenkette.

“Ja”, sagte einer der Jüngeren begeistert.

“Ja, sie haut immer so kluge Sachen raus”, meinte einer der Älteren.

“Und wie bezahlst du deine Miete?” fragte ich. Alle sahen zu mir herüber. “Hartz IV?”

Die aroogante Trulla sah mich ein bisschen erschrocken an. Mit solch einem abstrusen Gedankengang hatte sie nicht gerechnet, aber anscheinend auch niemand ihrer unterbelichteten Feunde.

Sie zuckte zusammen. “Selbstverständlich kein Hartz IV”, sagte sie. “Das habe ich nicht nötig.”

Nicht Adriana Lima, aber auch Einstein nicht.

Da man auf meine Frage keine Antwort wusste, wechselte man das Thema schnell. Sie redeten wieder über Celeste Karriere. Ausbildung, Studium, Freiwillgenarbeit und jetzt auch “Social Media Influencerin”.

“Das ist ja auch so wahnsinnig spannend, dass Sie als Social Media Influencerin arbeiten. Dass Sie das mit diesen ganzen neuen Medien machen. Das ist ja ein ganz neuer Markt. Wer hätte das gedacht, dass das so florieren würde. Dass man damit Geld verdienen kann. Erzählen Sie mal, wie läuft das so ab? Sie machen Videos über Ernährung und was noch?” fragte die ältere Frau.

“Naturkosmetik, Minimalismus, Umweltschutz”, sagte Celeste.

“Das ist ja ganz süß als Hobby, aber das ist doch kein Beruf”, sagte die Trulla. “Wie gesagt halte ich auch von diesem ganzen Wellness-Zeug nichts.”

“Besser als im Bett liegen als Möchtegern-Soziologe”, sagte ich.

“Ich bin Schriftstellerin und Autorin”, sagte die Trulla empört.

“Ich mache ja nicht nur das”, sagte Celeste.

“Sie verdient aber genug”, sagte ich.

“Ich möchte aufklären über Nachhaltigkeit, Selbstliebe, Rassismus”, sagte Celeste. “Das ist eben so, dass man auf diesen Plattformen wie YouTube und Instagram eine große Reichweite hat und ich erreiche so viele Menschen und das ist eine Message, die ich überliefern möchte. Das hat jetzt nichts mit angeben zu tun, aber ich habe bei Instagram und Youtube ungefähr 250.000 Follower und ich möchte auch, dass Menschen, die so aussehen wie ich, repräsentiert werden in den Medien. Menschen mit dunkler Haut in Deutschland.”

Die Frau unterbrach sie. “Rassismus”, sagte sie. “Rassismus. Ich habe mich schon gefragt, woher Sie so gut Deutsch sprechen können.”

“Ja, ich mich auch”, sagte ein Mann. “Ein großes Lob. Wo haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?”

“Sind Sie Flüchtling?” fragte ein weiterer Mann. Es schien so aufgeregt zu sein wie ein Hund mit dem man gleich Gassi gehen würde. Unterhielt er sich etwa mit einem echten Flüchtling?

Die Augen der jüngeren und älteren Menschen leuchteten.

Celeste sah sie verwirrt an. “Nein”, sagte sie. “Ich bin in Deutschland aufgewachsen” sagte Celeste. “Ich bin Halb-Deutsche.”

Die Unterdrückung der Enttäuschung wurde mit schlechten schauspielerischen Leistungen vorgetragen.

“Du hast so viele Follower?” fragte die Trulla.

Es war mal wieder ein bescheidener Abend. Da hätte man auch gleich zu Hause bleiben können aber da gab es keine Freigetränke.

Glamourös trinken

Meine Mitbewohnerin hat gesagt, dass sie anfangs Angst hatte, dass ich stundenlang das Bad blockieren würde, weil ich mich da drin so lange schminke und dass ich mir ständig irgendwelche Typen nach Hause einladen würde und zickig sein könnte. “Du weißt ja wie manche Frauen sind”, versuchte sie zu erklären.

Es ist ihr aber aufgefallen, dass ich leider eher dem Alkohol nicht abgeneigt bin und es mit anderem oben erwähnten nicht so habe wie manch andere. “Immer noch besser als fremde Typen”, sagte sie. Das stimmt wahrscheinlich, aber vielleicht sollte ich es mal mit lange Make-up auftragen im Bad versuchen.

Nachts

love

Zimmer mit Aussicht. Mit Blick auf die Garonne. Straßenlaternenlicht spiegelt sich in den zarten Wellen. Sie ist nicht grün wie am Tag. Straßenlärm. Es ist noch nicht spät. 00:05.

Wenn nur noch Pastis da ist, um sich zu betrunken und der kleine Supermarkt von gegenüber schon geschlossen hat. Wenn man irgendwie ein bisschen einsam ist und gerne mit Freunden in einem Restaurant oder Bar draußen sitzen und Wein trinken würde. Draußen, weil es schon ein wärmer ist. Es ist noch ein bisschen kühl, aber süßer Frühling.

Der Mitbewohner, der viele Zigaretten raucht und den ganzen Tag trinkt, ist nicht da.

Es ist schön gute Gesellschaft zu haben. Es ist schön auch mal allein zu sein.

Nur betrunken wäre ich gern.

Kognitive Dissonanz

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”Kognitive Dissonanz”, sagte sie. Ihre Stimme klang tief. Sie zog an ihrer Zigarette.
”Ja”, sagte er und lachte. ”Weißt du”, fuhr er fort. ”Es ist so eine Sache mit der Identität.”
”Ja”, stimmte sie zu. ”Es ist so krass schwer zu wissen, wer man ist.”
”Ja”, sagte er betroffen. ”Der Mensch strebt nach Identität. Laut dem Soziologen Lothar Krappmann ändert sich die Identität eines Menschen, wenn er auf andere Menschen trifft. Er ist nicht immer gleich und ändert sich stets bei unterschiedlichen Menschen mit denen man es zu tun hat.
Sie stockte kurz. Dann sagte sie: ”Das ist ja wahnsinnig spannend. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht, aber jetzt, wo du es sagt, finde ich, dieser Soziologe – wie heißt der noch gleich?”
”Lothar Krappmann.”
”Lothar Krappmann hat Recht. Es ist wirklich so. Man ist nicht bei allen Menschen gleich.”
”Ja, es ist immer ein Zusammenspiel. Es geht um Kommunikation.”

Erst redeten sie über ihre ”Identität”, dann darüber, was soziale Medien ”mit uns” machen, ”unsere Generation”, Tinder, das sie nicht benutzte, er schon und über das nach Berlin ziehen.

”Jeder macht da so einen riesen Ding draus”, sagte sie. ”Über das nach Berlin ziehen. Für mich ist das nichts Besonderes.”

Dann redeten sie eine halbe Stunde über das nach Berlin ziehen.

Sie sagte: ”Wie findet man sich? Ohne jetzt nach Asien oder Indien zu fahren und sich da ficken zu lassen und Kumbaya nach dem Yoga-Retreat zu singen.” Sie lachten beide.

”Indien liegt in Asien”, sagte er schließlich. ”Ich hoffe, dass das jetzt nicht so klugscheißerisch herüberkam”, fügte er schnell hinzu.

”Nein, du, gar nicht”, sagte sie und lachte. Sie fuhr sich durchs Haar.

Dann redeten sie darüber, dass sie schon ein bisschen betrunken waren.

Wobei wir beim Thema waren.

Ich war es leider noch nicht.

”Könnt ihr jetzt mal die Klappe halten? Was soll das mit eurem dummen Gerede? Ich möchte mich hier in dieser abgefuckten Bar besaufen und nicht eurem deutschen Streber-Gedöns zuhören müssen. Was macht ihr überhaupt hier? Habt ihr Wohlstandskinder euch verlaufen?” aber ich sagte dann doch nichts, weil die bestimmt mindestens einen Anwalt kennen. Es ist der Vater oder der Onkel oder vielleicht auch die Tante und ich hatte schon Ärger mit der BVG, die lügt, wenn sie sagt, dass sie mich liebt und wollte mich nicht noch mit Bonzen auf Selbstfindungstrip anlegen. Sie dachten wohl, diese Bar würde unterstreichen, dass sie so ”ganz anders” waren und in solche Bar gingen und nicht nur in die vornehmen. Ich holte meine Kopfhörer aus der Tasche, legte sie laut seufzend mit viel Augen verdrehen an und hörte mir von den Kanalratten ”Bonzenschweine” an.

Ich war dann doch ein wenig betrunken, denn ich dachte darüber nach, dass ich Schweine mag, nur Bonzen nicht. Ich esse sie auch nicht. Also, die Schweine. Ich sah zu dem jungen Mann und der Frau, die am Nachbartisch saßen. Ihre Münder bewegten sich, aber ich konnte nicht mehr hören, was sie sagten. Ich lachte zufrieden und begann laut bei dem Lied mitzusingen. Sie sahen irritiert zu mir herüber. Ich war betrunken. Es war mir egal.