Paare

mmm

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie Kinder mal haben möchten.

Man müsste mal

Man muss mal einen klaren Gedanken fassen, man muss mal kurz anhalten. Diesen ganzen Denk-Apparat anhalten, denn das ist kein Denken, das ist Grübeln. Das ist sich im Kreis drehen. Immer wieder und immer zu. Das ist kein Denken. Das ist kein Vorankommen. Das ist wie ein Hamster im Rad. Immer im Kreis. Zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf. Man kommt ja doch zu keiner Erkenntnis und zermartert sich nur selbst. Es ist die pure Selbstqual, weil man es nicht anders gewöhnt ist oder weil man denkt, dass man es so verdient. Man hat das so für sich selbst bestimmt und gönnt sich keine ruhige Minute. Immer zu geht das so. Wie eine Baustelle von der es rattert und lärmt und man hört den Schlagbohrer. Rund um die Uhr. Nie herrscht Ruhe, nie ist es still. Gedanken rasen wie Express-Züge in abgelegene Bahnhöfe. Durchfahrtszüge. Cargo. Nie halten sie an. Sie rasen nur durch. Durchfahrt. Zu viele Passagiere, die schnattern. Denken wie eine Maschine. Wie ein schlecht programmierter Computer. Da helfen auch kein Alkohol oder Drogen, denn nüchtern werden muss man ja irgendwann doch. Es sei denn man verliert den Verstand, aber wenn es so weitergeht, ist man davon nicht mehr allzu weit entfernt. Angst, irrational, fahrig, unausgeschlafen, zittrig. Wie lange soll der Urlaub sein, denn man bräuchte, um sich mal ein bisschen erholen? Leisten kann man es sich ja doch nicht.

Bye Berlin

Bye good mdma, pretentious German country bumpkins who think they’ve ”made it” because they moved to Berlin and work in media, ugly architecture, flea markets, techno, S-Bahn acquaintances, high-rise sunsets, dog poo everywhere, people from the US who look like extras from the 90’s film Slacker, bad and terribly biassed journalism, appalling sexism, affordable organic food, tasty veggie burgers, ”don’t mention the war”, endless talks about sausages, people who tell you ”Berlin is the new New York” (it’s not), east Europe bashing and the adoration of Sweden, the holy country for Germans, exorbitant rent increases, tourists talking about Berghain, tourists not used to taking a lot of drugs and taking too many, losing it, the nice lakes in the woods, Kotti, Wedding, Neukölln, gentrification, fifth floor but no lift, stucco, rubbish, cheap wine, people who brag about being successful models but aren’t signed with an agency, sad people, rude people, copycats without original ideas, low priced and good international cuisine, low-key racism, classism, sanctimony, spacious flats, everything’s getting more expensive by the minute, guessing if it’s an eastern European or Scandinavian hipster, loud Americans shouting, tourists taking embarrassing The Memorial to the Murdered Jews of Europe / the Holocaust Memorial selfies, waiting for summer during a seemingly infinite and cold winter, foreign indie bands who moved to Berlin because it’s cheaper and they like the ”vibe”, talking about the new big city everyone should move to if they haven’t already because it isn’t Berlin anymore, that city everyone’s looking for, maybe Leipzig? maybe Warsaw?, bad literature, mediocre music, sometimes a good film, questionable fashion sense with exceptions, unfounded arrogance, cute coffee shops, nice art students and actors, long parties, never saying sorry, show-offs, start-ups, bye Berlin

Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.

”I think I understood something. You see, I’ve never liked my generation. Facebook, texts, all that – it has no romanticism. And then, when I came here, and discovered techno and that whole scene, I felt like I belonged to my generation. And I think you have to be modern, absolutely modern. So, as I’m proud of my generation, I decided to stop running away from modernity. I can’t remember who said this but it’s something like: whoever puts his hands in the wheel of time gets his arm ripped off. I belong to my time; we have our music and our drugs. And I don’t want to be like all the people who talk about all that but I have no choice. I want to abandon myself to modernity.”

Oscar Coop-Phane

Erfolg

Wenn man dir einredet, dass du etwas Vernünftiges machen sollst, etwas, das alle anderen auch machen, machen wollen; du dort hingehen sollst, wo sich alle tummeln, ein Sandkorn in einer Sanduhr, nach außen glücklich, auf eine unangepasste Art angepasst, aber hinter verschlossenen Türen kommt man dann auch mal ins Grübeln. Wenn man dir sagt, dass du das doch schon erreicht haben solltest oder man dir eine Summe vorgibt, eine Summe, die besagt, wieviel Geld du auf dem Konto haben solltest, eine To-do-Liste ”100 Dinge, die man vor 30 erreicht haben sollte” oder so ähnlich und man dir vorgekaute Meinungen serviert wie früher manche Mütter den Kleinkindern das Essen. Zieh eine Nummer und stell dich an. Such dir Vorbilder mit Ellbogen, großer Klappe, aber mit wenig Moral. Du willst es doch auch ”nach oben” schaffen. Deinen Namen in der Zeitung lesen oder ihn aus den Mündern einflussreicher Leuten hören. Es geht um Geld, Macht und gutes Aussehen. Wie kommt man da nur hin? Mit viel Schein und wenig Sein, mit Sex-Appeal, Provokation, Lügen und großen Sprüchen. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Sich verkaufen können. So läuft das. Fake it ’til you make it. Photoshop-Bildchen von dir für deine tausenden Follower bei den sozialen Medien. Eine kleine, leise Träne läuft deine heißen Wange herunter, weil jemand, den du kennst, vielleicht wart ihr zusammen auf der Schule, noch mehr Follower hat als du. Oder mehr Geld. Und irgendwann stehst auch du vielleicht mit einem Prosecoo-Glas bei einer Stehparty oder hast eine Sekretärin, mit der du verkehrst, sexuell, oder bist im Vorstand oder schreibst Artikel in konservativen und ”linksliberalen” Zeitungen mit deinen ”Gedanken” oder fährst ein ”gutes” Auto und kannst dir zwei Mal im Jahr Urlaub leisten und schimpst auf jeden, der anders ist, anders aussieht, sich verweigert und die Nachbarn grüßen recht freundlich, aber du denkst, dass ist Neid, denn du kennst nur wenige Gefühlsrichtungen und ein Lachen ist oft falsch wie bei dir. Sie sind neidisch, denkst du. Auf dich und deinen Erfolg. ”Wichtig ist, dass sie dir beibringen: Es gibt keine alternative zum Nichtstun” schrieb Ronald M. Schernikau. Du möchtest ja gar nicht nichts tun. Du möchtest kein Hippie sein wie die ganzen Verlierer der Gesellschaft, sagst du verächtlich. Du möchtest nur nicht hart arbeiten. Und das machst du auch nicht. Man kann es auch ohne harte Arbeit zu etwas bringen. Man sieht es ja an dir.

Diät-Käthe

Käthe hatte sich angestrengt und ganze 28 Kilo abgenommen. Ihr war zwar öfter schwindelig und sie fiel manchmal um, aber was machte das schon, wenn sie jetzt Kleidergröße XXS tragen konnte? Strenggenommen passte ihr XXS gar nicht und sie musste die neue Kleidung, die sie gekauft hatte, zum Schneider bringen, damit die Hosen, T-Shirts und Röcke und sonstiges nicht an ihrem dünnen Körper herumschlackerten. ”Kaufen Sie sich doch mal vernünftige Kleidung,” hatte sie schon die Nachbarin aus dem dritten Stock gerügt. Die, die immer so neugierig war. Käthe wog so wenig – man hätte meinen können, dass sie ein Windstoß umnietet, aber Käthe mochte sich so. Das war ihr neues Ich. Sie liebte ihren neuen ”Look”. Sie fühlte sich wohl. Sie aß eine Karotte am Tag, manchmal auch ein Stück Gurke und wenn sie ganz großen Hunger hatte, gab sie Zitronensaft in ihr Wasser. So kam sie auf ganze 50 Kalorien pro Tag. Der Briefträger hatte sie gar nicht mehr wiedererkannt wegen ihrer eingefallenen Wangenknochen.

Der schnieke Detlef war ganz begeistert, als er Käthe sah. Hatte er ihr doch gesagt, dass er nur auf schlanke Frauen steht, als sie sich bei Tinder kennenlernten. Detlef hatte gesagt, dass er eine Aversion gegen ”fette Weiber” hätte und sich ”mit so einer” nicht blicken lassen könnte und nebenbei bemerkt, dass Käthe ”ja schon etwas fülliger” sei. Als Käthe weinte, sagte er, dass er ja nur ehrlich sei und sie an ihrer Figur arbeiten sollte. ”Laut BMI habe ich Normalgewicht,” entgegnete Käthe. ”Willst du mir gefallen oder diesem BMI?” erwiderte Detlef und verzog das Gesicht. ”Ist das ein Schatten oder ein Damenbart, du Fettklops?” sagte er zu ihr sichtlich angewidert, als sie ihm einen Abschiedskuss geben wollte. Mit so einer könnte er nicht ankommen. Was würden die Jungs vom Stammtisch über ihn denken? Für Detlef war sein guter Ruf von großer Bedeutung. Das war schon immer so. Selbst als er mal ein ganz kleiner Detlef gewesen war. Detlef, oh Detlef, du Lebemann.

Käthe fragte: ”Detlef, wann treffen wir uns wieder?” Detlef seufzte laut und sah gar nicht von seinem Handy auf und swipte fleißig nach links und rechts. ”Hm, die ist nicht schlecht,” murmelte er. ”Aber die ist mir zu alt. Die ist ja schon 37.” Detlef war 39. ”Detlef,” schluchzte Käthe, aber er schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

Nun war Detlef selbst kein Adonis. Gewiss, die Geheimratsecken und die Speckrollen am Bauch, die Schweißfüße und das Furunkel am After und seine schlecht durchbluteten, dicken, bleichen Beinchen machten ihn zu keiner Attraktion für die Damen- oder Homowelt, wenn er im Vorgarten seiner Mutter herumstolzierte und die Nachbarn lautstark auf ihr Fehlverhalten hinwies (wie den Polizisten Rainer, der im Haus schräg gegenüber wohnte und der immer drei Zentimer zu weit auf dem Bordstein mit seinem Privatauto parkte – Detlef hatte nachgemessen – oder die Friseurin Roswitha, die er beschuldigte ein illegales Bordell zu betreiben, weil sie manchmal Männerbesuch bekam), aber darauf kam es nicht an. Bei einem Mann kam es schließlich auf ganz andere Dinge an. Zum Beispiel darauf, dass Detlef so klug war. Er war so klug, dass andere Menschen gar nicht begriffen, dass er so klug war. Nur die Jungs von seinem Stammtisch begriffen das, aber die begriffen so einiges. Die durchschauten einfach alles und Detlef war ihr Anführer. Natürlich hatte man ihn nicht gewählt oder so etwas, aber er war so eine Art stiller Anführer. Das imponierte Käthe mächtig, dass ihr Detlef – nun, bald würde sie ihn den ihren nennen können, so dachte sie – so klug war und so viel wusste und so einen guten Ruf genoss und so viel begriff. Da hatte ihr das bisschen Hungern gar nichts ausgemacht. Erst hatte sie Almased gemacht und dann eine Fastenkur. So hatte sie in Null Komma Nichts abgespeckt und war jetzt rank und schlank. Detlef pfiff vor Begeisterung bei ihrem zweiten Date. ”Käthe,” sagte er. ”Jetzt kannst du dich wahrlich blicken lassen. Du bist ja nur noch Haut und Knochen. Käthe, es ist um mich geschehen.” Er fiel vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand – seine war schweißnass – und küsste sie. Käthe schmolz dahin. So einen Kavalier hatte sie noch nie kennengelernt. Wie konnte sie nicht verliebt sein? Selbst sein Beruf begeisterte sie. Steuerberater. Etwas Solides. Wie schneidig er aussah mit den Socken und den Sandalen und dem fettigen, schütteren Haar. Sie mochte den würzig-schweißigen Körpergeruch, der ihr in die Nase stieg – Detlef rauchte Kette, aß nur Fleisch und trank literweise Bier. Da können die Ausdünstungen schon mal etwas pikanter riechen. Käthe kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Das sollte ihr neuer Freund sein? Ihr neuer Freund? Der sah ja fast so gut aus wie Richard Gere in Pretty Woman. Träumte sie oder war ein Rosamunde-Pilcher-Film Realität geworden und sie spielte die Hauptrolle? Es konnte nicht wahr sein. Jemand müsse sie zwicken, dachte Käthe und verdrückte ein paar Freudentränchen. Sie war verliebt, so verliebt.

Detlef, der Genießer, führte sie zum Rendezvous in ein feines Restaurant. Er aß ein Drei-Gänge-Menü und Käthe aß nichts. Sie musste ja ihre Linie halten. Sie trank nur ein Glas Leitungswasser. Nach Zitrone war ihr heute nicht. Sie hatte – seit sie gar nichts mehr aß – Unmengen an Geld übrig und konnte Detlef zum Essen einladen. Sie war spendabel und konnte es auch sein, da ja keine Kosten mehr für Nahrungsmittel für sie selbst anfielen. Detlef griff zu und bestellte das komplette Menü, das er soeben gegessen hatte, gleich noch mal, so hungrig war er. Er rieb sich den Bauch, als er zu Ende gegessen hatte und ließ sich noch drei Schnaps vom Kellner bringen. ”Zur Verdauung,” sagte er und ließ einen fahren. ”Blähungen,” sagte er. Käthe nickte verständnisvoll. Es gefiel ihr, dass Detlef nicht so vornehm war. Ihr letzter Freund, Daniel, war so etepete gewesen und sie war so froh, dass Schluss war und sie sich neu verliebt hatte. Außerdem hatte sie mal gelesen, dass man die Winde nicht halten sollte, wenn sie doch herausmussten. Sie überlegte, konnte sich aber nicht mehr erinnern, wo sie das gelesen hatte. Der Gedanke, die Erinnerung daran, war wie vom Winde verweht. Sie sah Detlef an. Er war mit offenem Mund eingeschlafen und hatte sich ein bisschen vollgesabbert. Sie war entzückt. Seine schwabbelligen, roten Arme kamen mehr als gut zur Geltung, weil er ein sportlich-elegantes Unterhemd trug. Dazu eine modische Radlerhose. Sie nahm ihr Handy und machte ein Bild von ihm. ”Ist er nicht hinreißend?” schrieb sie ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe ”Magerwahnsinn” und fügte 15 Herzchen-in-Augen-Emojis an. Sie bekam hunderte von Herzchen zurück. ”Was für ein Bild von einem Mann,” schrieb Susi. ”Du Glückliche, ich bin neidisch,” schrieb Julia. ”Hat der einen Bruder, der Single ist?” schrieb Almgart. Käthe seufzte. Sie verspürte ein Bauchkribbeln. Es war Liebe, das musste Liebe sein, dachte sie. Die Astrologin bei AstroTV, die sie angerufen hatte, hatte Recht gehabt. Bald würde sie ihren Herzensmann treffen, hatte sie gesagt und nun saß er vor ihr. Das war die 178,91 Euro wert, die sie für den Anruf bei der Hotline bezahlen musste. Sie war verliebt, so verliebt. So unendlich verliebt.

Detlef erwachte. ”Hab kurz geschlafen,” sagte er. ”Ich habe von so einer geilen Ollen geträumt mit der ich es getrieben habe. Die war so dünn.” Detlef machte es mit den Händen nach. ”So dünn,” sagte er. ”Ihr Hüftumfang war so dünn, guck so. Die hatte aber Silikon-Dinger. So dünne Weiber haben ja oft nichts in der Bluse, wenn du verstehst, aber die hatte mindestens D oder E. Da konnte man ordentlich kneten. Wie Sauerteig oder so was. Die waren ungefähr so groß, so wie Melonen.” Er leckte sich über die braunen, trockenen, fleischigen Wurst-Lippen. ”Wann willst du dir Silikon reinmachen lassen?” fragte er. ”Ich sag’s dir gleich, ich bezahle dir das nicht, ich hasse das, wenn Weiber immer Geld von einem haben wollen. Das sollen die schön selbst bezahlen und du Käthe, hast es bitter nötig, muss ich dir sagen. Deine Euter sehen aus als hätte man da die Luft rausgelassen, jetzt, wo du abgenommen hast und du solltest so schnell wie möglich, ich sag mal, aufrüsten. Wenn du dir kein Silikon reinmachst, kann ich auch nicht treu sein. Eine Frau muss sich schon ein bisschen Mühe geben für einen Mann. Ich bin nur froh, dass du nicht mehr so fett bist. Wären wir in den Bergen zum Wandern gewesen, hätten die Leute ja gedacht, dass eine Lawine auf sie zurollt, wenn sie dich sehen und beim Spaziergang bei Sonnenuntergang am Strand, würden die ja meinen, es gibt eine Sonnenfinsternis, wenn du fette Wachtel mit mir entlangläufst. Oder die von der NASA oder Esta hätten gemeint, sie hätten einen neuen Planeten entdeckt und dabei wär’s nur dein Hintern. An der Hand hätte ich dich nicht gehalten. Das wäre mir ja peinlich. Ich meine, so einer wie ich kann jede haben. Nur gut, dass du abgenommen hast. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich dich abservieren könnte, ohne deine Gefühle zu verletzen. Ich bin ja kein Unmensch, aber was soll ich machen. Ich weiß über meine Wirkung auf Frauen. Ich bin unwiderstehlich und kann es mir erlauben wählerisch zu sein.” Er rülpste. ”Hast du schon mal von Vaginalverjüngung gehört?” fuhr er fort. ”Wenn du mehr als drei Sexualpartner hattest, wird das nötig sein, denke ich,” sagte er. ”Nur zwei,” sagte Käthe erleichtert. ”Gut, ich kann es mir ja mal anschauen,” meinte Detlef. Käthe nickte. ”Du,” sagte er. ”Jetzt will ich aber ein Dessert. Nachdem ich schon die Torte im Traum vernascht habe.” Er lachte. Er klang wie ein Walross mit Asthma. Er spuckte ein paar Essensreste auf Käthe, die ihm zwischen den Zähnen steckengelieben waren. Seine Zähne waren in BVB-Farben gehalten, dabei war er VfB-Stuttgart-Fan.

Käthe überkam ein Anfall von Eifersucht. Sie schrieb ihrer Diät-Whatsapp-Gruppe. ”Das war doch nur ein Traum,” schrieb Christiane. ”Sei froh, dass du einen Mann hast. Ist doch egal, was der träumt,” schrieb Gamse. ”Willst du dir so einen Traummann entgegen lassen? Du eifersüchtige Furie,” schrieb Ralph mit Ph und nicht mit F. Nein, sie war schon zu verliebt. ”Was möchtest du denn zum Nachtisch, Schatz?” flötete sie. Detlef grunzte wie ein Schwein. Das ließ sein Nasenhaar vibrieren. ”Herr Ober,” rief er und winkte den Kellner heran. ”Bringen Sie mir alle Ihre Desserts und das ein bisschen plötzlich. Ich brauche was zu mampfen.” ”Sehr wohl,” sagte der Kellner. Kurze Zeit später kam er mit unzähligen Desserts zurück. Käthe wusste teilweise gar nicht, was der Kellner da an ihren Tisch brachte. Das hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie ging ja nie in feine Restaurants. Strenggenommen ging sie nie in irgendwelche Restaurants und jetzt, wo sie nichts mehr aß, schon gar nicht.

Detlef begann zu esssen. Er langte ordentlich zu. Er schmatzte fürchterlich laut und ein paar Leute vom Nachbartisch räusperten sich mehrmals. Damit wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie entrüstet waren und sich gestört fühlten. ”Das ist unerhört,” sagte eine vornehm gekleidete Dame, die ein Chanel Twin-Set und teuren Schmuck trug. Ihre Begleitung nickte. Käthe schrieb ihrer Whatsapp-Gruppe: ”Leute im Restaurant meinen, ich sei nicht gut genug für Detlef” gefolgt von 15 Wein-Emojis.” ”Du musst eben noch mehr abnehmen,” schrieb Lina und Käthe nahm sich fest vor noch schlanker zu werden. Sie müsste mindestens fünf Stunden Sport am Tag machen. Dann würde das schon klappen. Ab sofort würde sie die Karotte, die sie am Tag aß, streichen oder Moment, vielleicht doch besser die Gurke? Was hat weniger Kalorien? Sie wollte googlen oder ihre Whatsapp-Gruppe fragen oder nein, Detlef – der wusste doch so viel. ”Du, Schatz,” sagte sie. ”Schatz.” Aber Detlef reagierte nicht. Er lag mit dem Gesicht im Kuchenteller. ”Schläfst du wieder, Schatz?” fragte sie. ”Schahatz?” Aber Detlef machte keine Regung.

Und das nie wieder. Man stellte bei ihm eine Herzverfettung fest und deshalb hatte er das Zeitliche gesegnet.

Käthe war untröstlich. Wo sollte sie nur wieder so einen tollen Mann herbekommen? Nicht mal ihre Whatsapp-Gruppe wusste Rat.

In Wien

Gestern saufen im Beisl, heute verkatert zu Voodoo Jürgens.

Ich habe ihn am 2. Mai in Berlin verpasst, weil ich (da auch) zu verkatert war, um mir rechtzeitig eine Karte zu kaufen. Ein Bekannter, der zu dem Konzert mitkommen wollte, wollte uns Karten an der Abendkasse kaufen, aber als er dort ankam, waren sie schon ausverkauft, worüber ich ein bisschen traurig war.

Ich bin im Nachhinein froh darüber, dass ich ihn in Wien live gesehen habe. In Wien, seinem Zuhause, in seiner Stadt, in der man ihn versteht.

Und jetzt gebt den Sandlern Göd.