”Selfie-Generation”

Ich poste keine Selfies mehr. Ich mag es nicht. Es hat so etwas Billiges, weil es meist Gepose ist. Halb geöffnete Münder, stark geschminkt, Beine ausstrecken, damit man schlanker wirkt, Brust raus, Bauch rein, Filter und dann möchte man den Ex-Freund vielleicht eifersüchtig machen oder die neue Eroberung an. Es wird geprotzt und versucht gut auszusehen. Nur ”authentisch” sind das Festhalten von schönen Momenten, ein aufrichtiges Lachen.

Wir, die ”Millenials”, sind die ”Selfie-Generation”. Das ist kaum abzustreiten. Das hat aber nicht nur etwas mit ”Generation” zu tun, denn es veröffentlichen Menschen jeden Alters Bilder von sich. Nur die Millenials eben ein bisschen mehr. Das macht die Technik möglich. Dass es mehr junge und noch halbwegs junge Menschen machen, das Posten, ja, das macht die Jugend. Mit mehr Technik hätten die Menschen von früher vermutlich auch ”Selfies” gemacht.

Wie kann man das Posten von Bildern von sich selbst weniger peinlich machen?

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Sie war jetzt Autorin. Schriftstellerin. Sie war darüber stolz wie man über etwas stolz sein kann, was man einfach so macht. Das erste, das ihr einfiel, war, dass dies bedeutete, dass sie schreiben müsste, was sie nicht gerne tat, aber wenn sie damit nun Geld machte, konnte sie nicht anders. Das zweite war, dass sie sich einen billigen Schreibtisch kaufen musste und dann würde sie ihn in ihr Wohnzimmer stellen und das Zimmer von der Steuer als Arbeitszimmer absetzen können. Sie war über Punkt zwei sehr glücklich. Sie schrieb in ihren Terminkalender für morgen: 7-10 Uhr schreiben 10.40 Uhr Zahnarzt Sie wusste nicht, was schlimmer war, aber beides musste gemacht werden, so dachte sie. Bei ihrem Verlag war man ganz begeistert von ihrer Einstellung. Eine Autorin, die nicht gerne schrieb, würde es weit bringen in Deutschland und gut verkaufen, denn darauf kam es an. Lesereisen würde sie auch machen, denn sie mochte Publikum, das sie verehrte. Sie war auch gut zu vermarkten, was man an ihren ”Selfies” erkennen konnte. Hin und wieder vertrat sie mal eine gewagte These. ”Sie polarisiert,” sagte ihre Lektorin und weinte ein bsschen. ”Und sie ist selbstsicher,” was man auch arrogant, grundlos, nennen könnte, aber so aufgeweckt war man beim Verlag und bei ihrer Agentur nicht. Man war zufrieden. Der Feuilleton hatte auch schon angebissen.

Generation Z

Ein paar junge Frauen Anfang 20. Nicht älter als 22. Die älteste ist vor drei Wochen 22 geworden und fühlt sich ”alt”. Wie ich. ”Damals”. Ich unterhalte mich mit ihnen in Frankreich. Sie sind US-Amerikannerinnen, eine Französin, eine Britin. Sie sind hübsch, modisch, nett. Sie haben sich bei Instagram kennengelernt. Sie sind so jung und auf eine Art auch weise. Vor allem für ihr Alter. Die eine ist sogar erst 17. Sie unterhalten sich über Liebe, Selbstfindung und Einsamkeit, Selbstliebe, ”what’s your purpose”. Die eine liest Eckhart Tolle. Sie sind völlig unironisch und cool. Ironisch ist ja eher etwas, dass man ”meiner Generation” zuschreibt. Sie fragen mich nach Instagram. Es ist mir ein bisschen peinlich, weil ich Instagram nicht benutze und bei meinem Account vielleicht 20 Follower habe. Sie haben alle über 100 000. Sie reden so, als wären wir im gleichen Alter. Ich sage nichts.

Es ist schön mit ihnen zu reden. Sind sie doch ganz anders. Zwei von ihnen sind ein Paar. Sie halten sich an den Händen und küssen sich. Sie fragen mich, ob ich mit ihnen Acid nehmen möchte. Ich verneine. Ich fühle mich schon ein bisschen so als hätte ich es genommen. Die Jugend von heute.

Fair Trade Kokain

Erkentnisse

Alles ging irgendwie so ein bisschen den Bach herunter seit ich mit dem Koksen aufgehört habe. Das mit dem Ego und der guten Laune und dem Spaß sowieso. Es gibt nur noch Ich-Zerfall. Wäre Koks Alkohol wäre es Prosecco.

Koksen kann natürlich zum Problem werden, aber für wie reich muss man mich halten, dass ich mir so viel leisten könnte, dass es zu einem wird? Nicht reich außer mit Liebe im Herzen.

Meistens ließ ich mich auch nur einladen, aber da auch nur so viel und so oft, dass man von mir als Gegenleistung oder Entgegenkommen nichts oder nur wenig erwartet wurde. Manche nennen das Schnorren, ich nenne das eine kleine Gefälligkeit, wenn man the life of the party bei seiner Party möchte. Es war also alles im grünen Bereich. Oder eher im weißen. 

Was kann nur diese Leere füllen? Und damit ist nicht die Leere in den Nasenlöchern gemeint.

Manche hören mit dem Koksen ihrer Nasenscheidewand zuliebe auf oder weil sie paranoid werden. Ich habe damit aufgehört, weil ich den Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität nicht unterstützen möchte.

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich nicht irgendwann mal schwach werde und vielleicht eine Line ziehe, aber seit mindestens drei Jahren bin ich stark.

Wann gibt es endlich Fair Trade Kokain?

”Writing. You become addicted. Writing is a drug, too.”

Ein Interview von Thomas Bernhard lesen. Es ist Nacht. Es ist windig.

”Writers work at night”, sagt er.

Thomas Mann war, langweilig und uninspiriert, gutbürgerlich und schrieb für ein bürgerliches Publikum. Typisch deutsch-gutbürgerlich.

”The typical German-language writer. If long hair is in fashion, then he has long hair, if it’s short hair, then his is short too. If the left is in government, he runs to the left, if it’s the right, he runs that way, always the same. They’ve never had any character. Only those who died young, mostly. If they died at 18 or 24, well, at that age it’s not so hard to maintain some character, that only gets hard later. You get weak. Under 25, when no one needs more than an old pair of trousers, when you go barefoot and content yourself with a gulp of wine and some water, it’s not so difficult to have character. But afterwards. Then they all had none. At 40 they were all absorbed into political parties, totally paralysed. The coffee they drink in the morning is paid for by the state. And the bed they sleep in, and the holidays they go on, all paid for by the state. Nothing of their own any more.”

Q: Could a German author write the same way as an Austrian?

A: ”Certainly not. Thank God. The Germans are unmusical, it’s something quite different. And it’s noticeable. Before you even open the book you notice it, even in the title, a quite different… it has a totally different stink to it.”

”Writing. You become addicted. Writing is a drug, too.”

”You have to be here and be there. If you only frequent one section of society it’s stupid. You end up stunted. You need to take in and cast off as much as possible all the time. Most people make the mistake of remaining within a single caste and class, only mixing with butchers because they’re butchers, or only with bricklayers because they’re bricklayers, or with labourers because they’re labourers, or counts because they’re counts, or kings.”

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Fernsehauftritt

 

Schon damals, als ich mit Ulf Poschardt in der Sendung ”Willkommen in Österreich” auftrat und über ihn, auf ihn, ein Glas Wasser ausschüttete, wusste ich, dass aus mir mal etwas ganz Großes werden sollte. Dabei war mein Auftritt in dieser Sendung eher ein Missverständnis. Christoph Grissemann und Dirk Stermann hießen die Moderatoren. Das hatte ich nachts bei Wikipedia gelesen. Ich befand mich in einem Zustand der verzehrten Wahrnehmung der sogenannten Realität bedingt durch illegale Substanzen, die ich mir einverleibt hatte, weil ich im Einverleiben ziemlich gut bin. Nicht jeder muss viele Talente haben. Ein oder zwei reichen völlig aus und an den anderen kann man ja arbeiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gehalfen, außer vielleicht ein Genie, was aber die wenigsten Menschen sind. Nach dem Einverleibnis – ich benutze das als schlechten Witz, um zu unterstreichen, dass mein Ego groß genug ist für schlechte Witze – hatte ich das alles ein bisschen verwechselt. Christoph Grissemann hielt ich für den französischen Fußballspieler Antoine Griezmann und freute mich schon auf unser Zusammentreffen. Die Ernüchterung war groß, als ich dann auf einmal vor diesem Thomas Gottschalk, Dolly, das Schaf-Klon saß. Da war noch ein anderer schrecklicher Mann. Brauchte ich eine neue Brille? Mehr Schlaf und Nüchternheit? Oder was war das? Als ich verstanden hatte – ich bin ein Schnellschalter in Denkfragen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte, konnte ich meine Verärgerung und Enttäuschung nur schlecht verstecken. Als dann noch dieser schreckliche Ulf auftrat, da konnte ich mir nicht anders helfen. Es war alles in allem kein sonderlich guter Fernsehauftritt. Nur beim Buffet hatte ich ordentlich zugelangt.  Der Östereicher oder auch die Österreicherin, wenn sie mal reden darf, nennt das Büffet. Der Bauch hing mir schon aus der Hose. Ich hielt ihn mir. ”Voll meta,” sagte der dumme Ulf, den ich deshalb Dulf nannte. ”Bitte nicht meta,” sagte ich. ”Das ist so ein Trend-Wort der Pseudointellektuellen. Ich als Intellektuelle mag das nicht. Ich möchte auch nichts mehr von Filter bubble oder Filterblase hören oder welche Wörter DU nicht magst und bitte keine Witze über Bitcoins und Hipster, du Wichser.” Ich vergaß für einen kurzen Moment meine guten Manieren. Einer der schrecklichen Moderatoren-Männer machte einen ”Witz” über Natascha Kampusch. Ich holte meinen Pfefferspray aus meiner Lui-Witöng-Tasche und sprühte ihn damit ein. Ich musste an Patrick Süskinds ”Das Parfum” denken. Es ist nicht immer leicht ein Star zu sein.

Morgenpost-Kolumne

 

Irgendetwas googlen, auf einem Artikel landen. Eine Kolumne einer Frau Ende 20 aus Berlin. Gut geschrieben meiner Meinung nach. Ich lese gleich mehrere ihrer Artikel, aber dann erschaudere ich ein wenig, als ich bemerke, dass ich auf der Online-Seite der ”Mopo” bin. Springer-Presse. Grauenvoll. Zumindest ist mein Adblocker an (den ich ausschalte bei Seiten, die ich mag). 

Ich google die Autorin. Sie war auf der Springer-Akadamie.

Was, frage ich mich, treibt einen Menschen dazu? Kein Rückgrat, kein Stil, keine Moral? Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten.

Ich habe mal eine Folge ”Wer wird Millionär” gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte. Das ist schon ein bisschen länger her. Ich ziehe zu oft um für Fernseher. Eine junge Frau, blond, blass, schlank, langweilig, aber adrett gekleidet, war als Kandidatin in der Sendung. Die Frau studierte (oder wie sich das nennt, was man da macht) an der Springer-Akademie. Jauch frage nach, schien verstehen zu wollen, was jemand dazu bewegt an der Springer-Akademie studieren. Er schien eher ein bisschen kritisch darüber zu denken, was die Frau aber nicht bemerkte. Jauch ist eben auch eine andere Generation. ”Enteignet Springer” sagt ihm vermutlich mehr als ihr. Er ist vielleicht zu intelligent und stilvoll für Springer. Selbst Jauchs Arbeitgeber RTL ist um einiges besser. Sie war aber so stolz, dass sie es da hin geschafft hatte. Sie verbriet alle Joker und bettelte bei Günther Jauch um Hilfe.”Machen Sie denn irgendetwas selbst?” frage Jauch sichtlich irritiert. Diese Frau war eine gute Präsentation für Springer.

Heutzutage ist Springer nicht mehr so verpönt wie früher. Man kann nicht sagen, dass der Mensch in Deutschland dümmer geworden ist, ohne eine Studie zu machen. Man kann nur annehmen, dass er vielleicht dümmer geworden ist und weniger idealistisch. Mehr karriereorientiert. Konsum. Selbstdarstellung. Likes, Followers. Oberflächlichkeit.

Die Frau bei der Morgenpost.

Ich lese dennoch Kolumne dieses Mal. Ich bin auf eine Art fasziniert, dass ein Mensch sich für Springer hergibt und sich nichts dabei denkt. Auch angeekelt. Das ist ja verständlich.

Die Journalistin schreibt in der Kolumne, die ich lese, über ”Influencer”. Das sind Menschen, die bei Instagram und Youtube hundertausende oder Millionen von Followern haben oder haben wollen und Geld mit Sponsoren verdienen. Mode, Detox tea, Werbung für Hotels, Make-up und dergleichen. Man kann mit vielem Geld verdienen. Die Journalistin geht auf eine Party, wo sie auf eben solche, meist weibliche, Influencer trifft. Die Journalistin urteilt über diese. Spottet.

Moment mal, denke ich. Du arbeitest bei Springer und urteilst über andere? Es gibt, wenn man mal darüber nachdenkt, unfassbar dumme Menschen.

Nachts

love

Zimmer mit Aussicht. Mit Blick auf die Garonne. Straßenlaternenlicht spiegelt sich in den zarten Wellen. Sie ist nicht grün wie am Tag. Straßenlärm. Es ist noch nicht spät. 00:05.

Wenn nur noch Pastis da ist, um sich zu betrunken und der kleine Supermarkt von gegenüber schon geschlossen hat. Wenn man irgendwie ein bisschen einsam ist und gerne mit Freunden in einem Restaurant oder Bar draußen sitzen und Wein trinken würde. Draußen, weil es schon ein wärmer ist. Es ist noch ein bisschen kühl, aber süßer Frühling.

Der Mitbewohner, der viele Zigaretten raucht und den ganzen Tag trinkt, ist nicht da.

Es ist schön gute Gesellschaft zu haben. Es ist schön auch mal allein zu sein.

Nur betrunken wäre ich gern.

#deletefacebook

Was haben sich diese ganzen Menschen gedacht – oder nicht gedacht, die so erstaunt darüber sind, dass sie von Facebook ”ausgehorcht” werden und #deleteFacebook – auf sozialen Medien – verkünden? Man muss sich doch seit dem NSA-Skandal denken können, dass man sich im Internet nicht ”sicher” fühlen kann.

Dass man im Internet beobachtet wird, haben meine schizophrenen Freunde und Freundinnen schon länger gesagt. ”Ja, ja” habe ich gesagt. Ich frage mich aber mittlerweile, womit sie noch so Recht haben.

Sex

”Wenn man zu viel Sex hat,” sagt die Frau in der Fernsehsendung bei den öffentlich Rechtlichen.

Ich kichere.

Ich bin gefühlt ein 12-jähriger Junge.

”Wenn man zu viel Omega-6 isst,” verbessert sich die Frau schnell.

Es ist eine Sendung über Bratöle. Man kann, sagt die Bratöl- und Sechs-Expertin, Sonnenblumenöl oder Rapsöl nehmen und braucht nichts anderes wie Kokosfett zu kaufen.

 

Echo Verleihung, Kollegah und Farid Bang

Man echauffiert sich in Deutschland gerne über Trump, Orban, die politischen Verhältnisse in Polen und dergleichen und das zu Recht, aber man kehrt doch eher selten vor der eigenen Tür im so unfehlbaren Deutschland. Wenn man in den Feuilletons liest, was da für unterbelichtete Menschen, weiblich, männlich, ”Meinungen” zum ”Besten” geben und wem man in Deutschland Preise verleiht, da denkt man an Deutschland in der Nacht. Preise in Deutschland gehen an Typen wie Kollegah und Farid Bang. Ist das gut?

Es ist ja nicht so, dass die beiden – wie so viele andere der bekannten deutschen ”Rapper” – nicht schon vorher mit frauenfeindlichen Texten aufgefallen wären, was aber unter ”künstlerische Freiheit” fällt und ”das ist eben so beim Rap”.

Man müsse sich einmal vorstellen es gäbe einen weiblichen Rapper, der solche Texte darbieten würde. ”Männnerfeindliche” Texte. Das Geschrei – man würde es von Norden bis Süden, Mitte, Osten, Westen, bis in die entferntesten Ecken und kleinsten Winkeln, Großstädte, Kleinstädte, Dörfer, Waldschrat-Hütten hören. Die armen Männer! ”Männerrechtler” würden gleichzeitig weinen und sich bepinkeln und das würde nur mehr Arbeit für die Frau bedeuten, die ihre Wäsche macht. Der Sexismus, der unsägliche Männerhass! Dafür gäbe es sicherlich keine Preise. Es gäbe nur Vergewaltigungsdrohungen, Beleidigungen und Hass, denn die Weibsbilder brauchen keine ”künstlerische Freiheit”. Die sollen lieber halbnackt auf der Motorhaube posieren und sich für Blowjobs hergeben, denn dafür sind sie bekanntermaßen gut. Die ”billigen Bitches” für Sex und die braven können ein paar Kinder herausdrücken und kochen. Leider aber fordern die wenigen weiblichen Rapperinnen nicht ihre künstlerische Freiheit ein und schießen doch eher gegen andere Frauen in ihren Texten und kein Mann muss zur Toxic Masculinity-Entgiftungs-Kur nach Bayern fahren.

Jetzt sind Kollegah und Farid Bang nicht nur für ihre frauenfeindlichen Texte bekannt. Das sind abwechslungsreiche Künstler. Als wäre die Frauenfeindlichkeit nicht genug, aber das wird gerne toleriert. Die Frauen sollen sich mal nicht so anstellen. Das ist doch nicht so gemeint. Das ist nur ein Witz. Das ist Kunst! Man muss auch mal über sich selbst lachen können! Ihr seid braucht mal wieder Sex! Sonst hättet ihr ein bisschen Humor! Haha! Nein, Kollegah und Farid Bang sind zusätzlich auch noch homophob, aber die schwulen Männer sind ja ein bisschen wie Frauen. Sie haben zu viele Emotionen. Streng genommen sind ja schwule Männer keine richtigen Männer und Halb-Frauen (oder umgekehrt) und deshalb fällt die Beleidigung dieser ebenfalls unter die künstlerische Freiheit der großen deutschen Rapper, die so schreiben, als würden sie mit einem Reimebuch auf dem Schoß ihre Textchen zusammenstellen. Die Frauen und homosexuellen Männer sind ja nicht in etwa so von Sexismus und Gewalt bedroht wie der arme heterosexuelle Mann, der seit Neuestem wegen des internationalem Feministinnentums unter Generalverdacht steht! Da kann man sich in der U-Bahn gar nicht mehr entblößen oder am Arbeitsplatz beherzt der Arbeitskollegin an Brust oder Po fassen, ohne dass ein verrückter Feminazi #metoo schreit! Aber Kunstfreiheit geht über den Homo-Mann wie auch über die Frau. Schützenswert ist das Recht des heterosexuellen Mannes auf künstlerische Freiheit.

Wenn jetzt aber dieser heterosexuelle, männliche, große, talentierte, unverzichtbare Künstler auch noch so ein bisschen antisemitisch ist, ja, da weiß man nicht weiter. Es ist vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist doch Kunst!

Wenn man aber mal ein bisschen nachdenkt – insofern man nicht zu verblödet dafür ist – fällt einem auf, dass der deutsche Rap meistens nichts weiter als eine schlechte Kopie des US-amerikanischen ist und manchmal – wenn man ein bisschen talentierter und kreativer ist – des franzöischen. Es ist meist unoriginell, peinlich und geschmacklos. Die Texte sind so schlecht, dass man meinen könnte, jemand aus dem deutschen Feuilleton oder Literaturbetrieb hätte sich als Ghostwriter betätigt, nachdem er (oder sie!) zu viele Hollywood-”Gangsta”-Filme gesehen hat und da kommt dann so etwas, das sich deutscher Rap nennt und es ist einfach nur p to the einlich. Warum? Weil da dumme Menschen schreiben. Menschen ohne Stil und Moral. Und es passt so gut ins Zeitgeschehen und zu Deutschland und es ist witzig und traurig zugleich.

Ich würde gerne mal mit den Dümmlingen, die Campino kritisieren und als ”Moralapostel” beschimpfen an einem psychologischen Experiment teilnehmen. Es ginge bei diesem Experiment zum Beispiel um menschliche Gier. Man sitzt Personen gegenüber. Vor einem ein Hebel. Wenn man denkt, dass jemand zu viel isst, muss man der Person einen elektrischen Schlag verpassen. Das würde dann etwas über mich als Mensch sagen. Ob ich nett oder gemein bin und es ginge gar nicht um Gier. Ich würde allen Campino-Kritikern gewaltige Stromschläge verpassen und der Leiter oder die Leiterin des Experiments wäre verwirrt und würde sagen: ”Aber er hat doch nur ein trockenes Stück Brot gegessen!” und ich würde laut lachen. In etwa so: ”HAHAHA.” Vielleicht sollte ich mit meinen Gewaltfantasien eine Karriere als Rapper in Betracht ziehen. Nur mit dem Frauenhass, der Homophobie und dem Antisemitismus habe ich es noch nicht so.

Zeigt man mit dem Finger auf andere, zeigen immer vier andere auf einen selbst, Deutschland.

Jugend-Idole

Er sagte, dass er damals mit dem Sänger der Band in der Toilette des Ratinger Hofs in Düsseldorf Sex gehabt hätte. Damals in den 80ern. Und dass der Sänger einen krummen Penis hatte.

Mein Jugend-Idol, der Sänger, ist nach Spanien gezogen, hat er in einem Interview gesagt und dass er nicht mehr bisexuell und nur noch heterosexuell ist, weil das mit den Männern so ein bisschen langweilig ist. Es ginge nur um Sex. Über seinen Penis hat er in dem Interview nichts gesagt. Ich weiß nicht, ob er immer noch krumm ist. Vielleicht gibt es für krumme Penisse so etwas wie eine Penis-Zahnspange. Ich möchte hier aber kein krummer-Penis-”Shaming”. Kein Leser mit krummen Penis soll das hier lesen und sich schlecht fühlen und weinen bis salzige Tränen auf euren krummen Penis niederprasseln und dann ist er zwar immer noch krumm, aber nass und es brennt vielleicht ein bisschen. Ein krummer Penis ist genauso schön oder hässlich wie jeder andere Penis auch. Ich sollte vielleicht auf mein Idol hören. Männer aufgeben klingt äußerst vernünftigt. Vielleicht wird jeder mal erwachsen. Vielleicht sollte ich das auch machen. Nur ich weiß nicht, ob ich nach Spanien ziehen möchte. Die Regierung scheint so ein bisschen faschistisch zu sein. Spanisch lernen müsste ich aber nicht. Ich kann alles, was man wissen muss, auf Spanisch sagen. Donde comprar marihuana, caliente, soy una chica loca, adiccion a la heroina arruino su matrimonio. Mehr braucht man nicht, denke ich. Ah, Penis heißt ”pene” auf Spanisch. Das fällt mir ein, weil ich einen kolumbianischen Bekannten, der Felipe heißt, immer Felipene nenne. Ich bin ziemlich gut im Spitzamengeben. Wenn ihr auch möchtet, dass ich euch einen so guten gebe, dann mache ich das gerne, nachdem ich ungefähr 500 Euro von euch erhalten habe. Man sollte sich nicht unter Wert verkaufen.

Podcasts

Manchmal frage ich ich, ob ich eine der wenigen Menschen bin, die noch keinen Podcast haben oder haben möchten oder einem zuhören. Vermutlich würde ich bei meinem Podcast auch nur nach einer Weile, nach ungefähr drei Minuten ”Warm-up”, über Missstände, Politiker und Medien schreien und mich betrinken und irgendwie ist das nicht so gut. Es gibt sicherlich eine Erklärung dafür, warum das nicht so gut ist, für das Wohlbefinden, die Psyche, und dann muss man auf chinesische Medizin zurückgreifen und mit dem Meditieren anfangen und ins ”Gym” und das klingt mir zu stressig. Lieber denke ich nach, auch wenn es oft zu viel wird. Dabei gäbe es über viel zu schreien. Über die Tafeln, die zu wenig unterstürzt werden, Hebammenmangel, #Metoo, Panama Papers, mal wieder Trump, Anti-Semitismus in Europa und so weiter.

Vielleicht gibt es deshalb diese ganzen Podcasts. Es geht meist um nicht so viel, es ist eher Small-Talk und Selbstdarstellung, seichtes Geplänkel mit wenig Witz, weil es wie so oft die sind, die nichts so viel zu sagen haben, die am lautesten reden, aber vielleicht – vielleicht – ist das gut. Vielleicht braucht der Mensch genau so etwas. Um nicht verrückt zu werden oder verrückter. Einzuschalten um abzuschalten. Vielleicht ist über Podcasts schreiben schon genug.

 

Sind Sie Künstler?

”Meine Kunst muss authentisch sein,” sagte sie. Ich verstand nicht, denn ich wusste nicht, ob ich ein Künstler bin oder sein möchte. Was ist ein Künstler? Was macht jemanden zu einem Künstler? Heutzutage sind die Grenzen vermischt. Jeder kann etwas machen, herstellen, veröffentlichen. Das macht das Internet möglich oder Eigeninitiative. Wer ist heute Künstler? Warum sollte das eine Kunstgalerie bestimmen, ein Agent, eine Schule, ein Verlag, wenn man sich selbst ein Publikum suchen kann. Oder nicht. Man kann auch Künstler ohne Publikum sein. Vielleicht ist man dann erst authentisch, weil man sich nicht verstellt oder auf andere reagiert, sich abhängig macht. ”Authentisch,” wiederholte sie, so als hätte ich es nicht gehört. Ich nickte. ”Was ist für dich authentisch?” fragte ich. ”Es muss aus mir herauskommen, es muss widerspiegeln, was ich denke und fühle. Es darf nicht falsch sein, es darf nicht unecht sein. Es muss ich sein.” ”Dafür muss man sich selbst kennen,” sagte ich. ”Weiß man das denn immer? Wer man ist?” ”Dann darf man vielleicht keine Kunst machen,” sagte sie. ”Ist das nicht sehr analytisch?”, sagte ich. ”Geht es bei Kunst nicht auch um Gefühl, das man nicht erläutern kann?” ”Nein, es muss authentisch sein. Es muss eine Message haben. Es muss man selbst sein. Sonst ist das keine gute Kunst. Sonst ist das irgendetwas, aber keine Kunst. Das ist ein Anspruch, den ich mir stelle. Ich bin anspruchsvoll an mich und an andere. Das leugne ich nicht. Deshalb mache ich es mir nicht leicht, weil ich nur aufrichtige Kunst machen möchte, die tief aus mir herauskommt und zu der ich stehen kann. Worüber ich micht nicht schämen muss. Etwas, das nicht halbfertig ist, halbgar, unverdaubar. Es soll die Leute aufrütteln, bewegen, nachdenken lassen, fühlen, verstören, glücklich machen, alles, weil ich das alles bin. Ich kann mich deshalb nicht ablenken lassen von Dingen wie anderen Menschen. Kurzweilige Liebeleien, Shopping oder sonst etwas. Ich gebe mich meiner Kunst hin und deshalb muss ich authentisch sein.”

Ich dachte noch lange darüber nach, wie sie das gemeint hatte. Ich verstand es, aber verstand es auch nicht.