Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.

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