Om shanti om

Der Politkteil stimmt wie immer traurig, aber weiß man von nichts, schottet man sich vor allen Informationen ab- was ist man für ein Mensch? Ja, manche Esoteriker raten dazu. Man soll sich von allem Negativem abschotten- aber ja, die Frage lautet: Was ist man dann für ein Mensch? Ein entspannter Mensch mit Liebe im Herzen und Gelassenheit. Mentally chill statt mentally ill. Man hat die Erleuchtung gesehen. Die Illuminaten klopfen gleich an. Man rutscht Regenbogen herunter, sagt ”Om Shanti om” und trinkt Yogi-Tee, fährt zum Schweige-Retreat ins Kloster, meditiert stundenlang, isst Rohkost, duscht selten, erkennt Wildkräuter, die am Straßenrand in der Stadt wachsen, sagt ”Liebe und Licht”, läuft gern barfuß auf Wiesen und Beton, trägt selbstgebatikte T-Shirts aus Bio-Baumwolle oder Funktionssandalen, steht im Park mit einem ”Free hugs”-Plakat, geht containern, ist den Jakobsweg schon entlang gepilgert, war in Indien, weil jeder nach Indien fährt, nimmt Drogen, aber kein Aspirin oder Paracetamol oder Ibufen, weil das nicht ”natürlich” ist, mag vegane Brotaufstriche, studiert schon seit 2001, aber man nimmt das Studium eher locker, denn man ist eben nicht einer von diesen ”fleißigen Karriereorienterten”, die mit 21 schon im Master-Programm sind. Man sitzt lieber gemütlich zuhause und liest in einem Buch über Kamasutra und Tantra. Man überlegt, ob man sich nicht zu einem Tantra-Masseur ausbilden lassen könnte. Man hat da doch so jemand in Indien kennengelernt. Da könnte man mal anfrufen und fragen. Der hat doch eine Schule mit seiner Frau. Gallensteine könnte man mit Öl aus dem Magen leiten, steht in einem Artikel, den man liest. Na, das geht doch etwas zu weit. Man steht auf und macht sich einen grünen Saft. Om shanti om.

Ich bin noch nicht soweit. Ich lese die Zeitung, ARD und ZDF. Krieg, Umweltkatastrophe, Terror. Fernseher aus. Ich blättere weiter.

Männer und Frauen, meist ab Mitte, Ende 40, im Feuilleton erzählen mir, was jetzt ”angesagt” ist. Wen ich lesen soll. Auf wen ich hören soll. Was ”Hipster” in Berlin bewegt. Wo man gut brunchen kann. Welcher 20-jähriger Sänger, den man schon länger kennt, jetzt der Sänger der Stunde ist. Wer ein ganz tolles Buch über die Generation Y geschrieben hat. ”Oh, es erinnert mich an den und den Autoren. Es ist so frech, so rotzig und so pfiffig. So eine Kodderschnauze” – oder ”so traurig, so berührend”. Ich möchte keine ”rotzig-frechen” Bücher lesen. Ich möchte Wahrhaftigkeit.

Ich lege die Zeitungen weg. Ich lese online. Alles wieder schrecklich. Nicht aufregen. Om shanti om. Ich lege das Handy weg und frage mich abschotten oder informieren? Was für ein Mensch möchte man sein?

Man muss sich vielleicht ablenken vom Weltgeschehen.

Ich gehe in die Bibliothek. Ich blättere in einem Bildband. ”Die Geschichte der 68er und des Punks in Deutschland” oder so ähnlich. In diesen Buch wird Matthias Mattussek zitiert. Er sagt: ”In Studienzeiten ließ man auch schon mal den Joint herumgehen bei uns in der WG in Stuttgart. Da hörte man noch laut Musik bis nachts um halb zwei. Das waren schon wilde Zeiten.” Matthias Exzess Mattussek. Ich lege das Buch weg, gehe raus aus der Bibliothek.

Ein Mann sagt ”Entschuldigen Sie”. Ich stehe ihm im Weg. ”Ist das der Sonderzug nach Pankow?”, sage ich. ”Nein.”, sagt er verwirrt. ”Sonderzug? Das ist die S-Bahn nach Oranienburg.” Ein älterer Mann lacht laut auf. Er sitzt auf einer Bank hinter mir. Auf dem Boden vor ihm steht eine Tüte, neben ihm auf der Bank eine weitere, zwischen seinen Füßen schläft ein Hund. Er lacht. Ich auch. Vielleicht sollte ich öfter mal spazieren gehen.

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