Mit Julia

Man kann manche Leute gar nicht ernst nehmen. Zum Beispiel Leute, die sich selbst als Rebellen betrachten. Das sind Leute mit welchen man ins Gespräch kommt, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt, den man selbst kennt und irgendwo hat man sich schon mal unterhalten, aber hat keine Erinnerung mehr daran, aber der Rebell erinnert sich. Der Rebell.

Man ist jemand, der ”aneckt”. Jemand, der ”seine eigenen Regeln” aufstellt. Jemand, der nicht einer von den ”Gewöhnlichen” ist. Jemand, der denkt, dass man auch ein bisschen nach unten treten darf. Jemand, der zumindest ein klein bisschen besser ist als die ”anderen”. Vielleicht ein bisschen mehr als nur ein bisschen, aber das darf man ja nicht so sagen. Man darf es nur so ein bisschen andeuten. Man selbst hat den besseren Geschmack, die tiefgründigeren Gedanken. Viel mehr zu sagen und deshalb sagt man auch so etwas wie:  ”Es gibt so Leute, weißt du, da fragt man sich echt: Denken die denn nicht nach irgendwie? Die checken doch gar nichts.” und der Rebell verzieht das Gesicht und man selbst sagt: ”Was sollen die denn ‘checken’?” und der Rebell stöhnt auf, etwas verächtlich, denn offenbar checke ich auch nichts und ich möchte es auch gar nicht.

Der Rebell fängt sich wieder und erzählt weiter: ”Eine Kommiliton geht zu einer Lesung von Julia Engelmann. Das wäre mir ja so peinlich. Wie kann man so etwas lesen?” Und man selbst sagt: ”Ich habe noch nie etwas von ihr gelesen. Nur ein Interview von ihr gesehen. Sie scheint nett zu sein und nicht abgehoben. Das sind doch die Wenigsten mit Erfolg. Wenn’s ihr gefällt, deiner Kommiliton, dann soll sie doch hin.” Und wieder hat man den Rebellen verstimmt und er verdreht die hübsch geschminkten Augen und fährt sich mit den perfekt lackierten Fingern durch das braun getönte Haar, das nach Shampoo mit viel Parfum riecht.

Und dann hat dieser große Rebell, dieser Unangepasste – denn er erzählt ja so viel – als Motto ”live laugh love” oder so ähnlich und vielleicht ein Tattoo mit Schmetterlingen und Schwalben, hat ganz brav Abitur gemacht, Praktika, eine abgeschlosse Ausbildung oder Studium wie sich das gehört, einen Allerweltsnamen wie Julia (wie Julia Engelmann), mag Popcorn-Kino, liest mittelmäßige bis schlechte Romane mit bunten Covern, hat die spießbürgerliche Zeitung ”Die Welt” abonnniert und liest auch gerne mal Frauenzeitschriften oder ”Generationentexte” (nur um sich selbst besser zu verstehen, versteht sich) und redet über die Ex-Freunde, irgendein André und irgendein ein Tom, André kennt sie von Tinder und den anderen aus einem Club, und Julia ist immer noch traurig und hat sich Sendungen auf Netflix angesehen, als sie Liebeskummer hatte und sie möchte 1 1/2 Kilo abnehmen, sagt sie, weil sie über die Feiertage zugenommen hat, damit die Lieblings-Skinny-Jeans wieder passt und Mode ist wichtig, weil Image Image Image und Instagram-Filter und Bilder von Essen oder den Füßen und Facebook-Likes und dann kommt ein Bettler und fragt nach Kleingeld und selbstverständlich gibt Julia nichts, nicht mal einen Cent und man selbst hat viel weniger Geld als Julia, aber man gibt ein bisschen und denkt, nein, man weiß, man hat sich die rebellischen Wunschfantasien eines neoliberalen Spinners angehört und denkt sich, dass die Menschen schon ein bisschen seltsam sind?
Nicht seltsam auf eine angenehme Art. Eine Eissorte, die man noch nie zuvor probiert hat, kann ”seltsam” schmecken und vielleicht mag man sie dann auch. Oder vielleicht klingt eine Band anfangs etwas seltsam und dann mag man sie genauso wie das Eis. Eine japanische Band, deren Mitglieder große Fans von finnischem Metal sind und die japanische Band, oder vielmehr der japanische Sänger oder die japanische Sängerin, singt auf Finnisch und es klingt seltsam, aber irgendwie gut.

Möchtegern-Rebellen sind nur seltsam. Nichts weiter. Selbsteinschätzung ist auch etwas Seltsames. Für manche zumindest. Selbstüberschätzung sowieso.

”Ih, guck dir die mal an.” sagt Julia und zeigt auf ein Mädchen mit ein bisschen Übergewicht. ”Wie kann man sich nur so gehen lassen? Was hat die denn an?” und sie kichert und man kichert nicht mit und dann sieht man auch schon Julias Lui-Witöng-Tasche und es fehlt nur noch der Starbucks-Becher und man denkt aha, okay, Julia.

Man darf sich nicht in Gespräche verwickeln lassen. Am besten zieht man auf die Faröer-Inseln ohne Nachbarn oder vielleicht sollte man auch mal zu einer Lesung von Julia Engelmann, denn wenn ”Rebellen” sie nicht mögen, kann es ja gar nicht so schlecht sein.

Der Rebell redet über sich, aber irgendwo da draußen und auch mal vor unserer Haustür geht die Welt zu Grunde. Das ist für Rebellen wohl nicht von Belang.

Wir stehen vor einem Supermarkt in einer überdachten Einkaufshalle. Auf einem Bildschirm werden die Nachrichten angezeigt.

 ”Was ist mit Aleppo, Julia?” sagt man. Julia verzieht das Gesicht. ”Was ist mit den Menschen, die gerade in Serbien frieren, Julia?” Julia setzt ihr Wichtig-Gesicht auf: ”Ja, du, das ist voll schrecklich, du.”

”Ich muss nach Hause, Julia.”, sagt man. ”Meine Tiefkühl-Erbsen tauen auf.” und Julia nickt verständnisvoll und sieht auf ihr 700-Euro-Smartphone.

Ich sollte mir vielleicht ein Buch von Julia Engelmann bestellen. Vielleicht gibt es online irgendwo ein Gebrauchtes für ein ein paar Euro.

9 thoughts on “Mit Julia

  1. nochwas… ohne aufdringlich sein zu wollen; nochmal langsam gelesen: es ist eine super zeichnung wahrscheinlich deiner generation oder ein paar ihrer teilhaber, sehr sorgfältig gezeichnet und mit einer zuerst ziemlich augenscheinlichen bissigkeit, die aber beim genau lesen in einer wirklich gut durchdachten und präzisen, feinen sprache (ausgedrückt ist), also die eigene (überlegenheit, die nirgendwoanders (inhaltlich) zum vorschein kommt) dergestalt dem leser vermittelt, daß man denkt, ja, okay, wer so schreiben kann und beobachten, kann sich auch ein bißchen (überheben). wenn du das noch nicht getan hast oder sowieso in solchen gegenden unterwegs bist (oder eh schon weit -vorn-), würde ich den text unbedingt mal vorlesen irgendwo, wo nicht unbedingt biergläser nebenbei klingeln, also einem forum; ich habe oft leuten bei sowas zugeschaut, die genau solche sprache ziemlich gut pflegten und eine menge netter bilder einer generation zeigten, die einem (mir) sonst nicht mehr sichtbar würde – und die phänomene an sich sind ja dieselben geblieben. es gibt ein paar echt gute so flapsige stellen, die den literarischen charakter neben dem der glosse ausmachen. ein bißchen tucholsky; der hat auch nicht mit seiner eigenen persona im vordergrund gestanden, sondern durch die höhe der sprache… (geschrieben in der annahme, du bist an kritik grundsätzlich interessiert und nicht nur an buttons…)

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    1. Danke 🙂

      Nein, das ist doch nett von dir, dass du mir das schreibst. ”ein bißchen Tucholsky” ❤

      Ich möchte bloggen, weil ich nicht weiß, ob ich gut, schlecht oder mittelmäßig schreibe und ob jemand meine Texte mag oder nicht. Ich habe früher viel geschrieben, aber aufgehört, weil ich dachte, dass ich vielleicht night gut genug dafür bin und möchte wieder mehr schreiben. Was ist schon gut schreiben?

      Was für ein Forum meinst du?

      Ich würde gerne ein E-book schreiben. Ich denke nicht, dass ein Verlag meine Texte mögen würde und weshalb nicht selbst etwas veröffentlichen? Ich muss das aber erst mal schreiben.

      Vielen Dank noch mal für deinen Kommentar. Ich werde noch mehr posten und vielleicht magst du es oder nicht, wenn du wieder lesen solltest. Ganz liebe Grüße.

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  2. hej nochmal, ich hatte irgendwie nicht die ganze antwort gelesen, deshalb erst jetzt…schön also dasz du nochmal was geschrieben hast, was aber auch nicht mehr zu finden ist (was nebenbei gesagt ein interessanter effekt ist, also eben wie bei einer echten lesung, wo man ja den text auch nur einmal hört, das macht ihn schon wertvoller) mit forum meinte ich wie ich es in berlin kenne treffen von leuten, die wirklich -literarische- texte vortragen, also nicht unbedingt oder selten so typische slampoetrysachen, die ja eher in lauten, bierseligen gesellschaften stattfinden. hier gibt es jdfs. eine menge solcher öffentlichen bühnen, die teilweise echt gute leute hervorbringen. ich habe lange oder auch immer noch abundzu an verschiedenen orten vorgelesen und mit der kritik kann man dann gut weiterarbeiten, anders eben als bei klatschbühnen, wo eben eher so lachtexte ankommen. dein text ist ja auch -lustig- aber doch auf einem niveau, wo man ihn wirklich aufmerksam verfolgen musz. (tschuldige den stil grad, geb mir sonst mehr mühe). selbst veröffentlichen ist auch gut, sollte man sich aber gut überlegen ob man das macht, bevor man wirklich alle oder viele möglichkeiten ausgeschöpft hat, verlegt zu werden. dieses hier forum finde ich auch erstmal ganz gut, um die ernsthaftigkeit im schreibprozesz zu erhalten weil man ja doch sehr anders schreibt mit dem leser im kopf, und das dann in hoher frequenz möglich ist. also, weitermachen, den kritischen blick bewahren…

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    1. danke für deinen netten kommentar und entschuldige, dass ich jetzt erst schreibe. ich habe keine internet-verbindung momentan und bin nur ab und zu mal online. ich habe mich über deine kommentare grefreut. ich habe es wieder online gestellt ha. lieben dank für die information. könntest du mir etwas empfehlen, wo ich etwas mal vorlesen sollte?
      ich nutze öffentliches wlan und muss schnell schreiben ha, aber ich mag, was du schreibst und da ist das ein großes kompliment, dass du den text magst.
      ich antworte dieses mal etwas schneller, falls du wieder schreiben solltest.

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      1. hej… auch wenn ich ce vite antworte heiszt das keinesfalls dasz ich das erwarte, ernsthaft… / einige bühnen von denen ich aber nur noch von einer weisz dasz es sie mit sicherheit gibt sind: autorenforum in der schwartzschen villa in steglitz (die gibts auf jeden fall noch und schon ewig), büchertisch am mehringdamm (nepomuk ullmann, kann sein dasz die jetz umgezogen sind weil der träger da probleme hatte), literaturlabor lauter niemand, die immer irgendwo in prenzlberg sind oder vielleicht auch nicht mehr, habich jetzt nich nachgekuckt… dort zumindest sind echt gute leute draus -hervorgegangen- oder immer mal wieder aufgetaucht, war ich aber schon lange nicht. im zitty unter lesungen findest du auch abundzu neben eben den anderen publikumswirksamen bühnen auch solche. aber mittlerweile sind ja bei so openmic oder poetryslam auch schon ernsthaftere sachen oder -ruhigere- angenommen, musz halt dann ein text und vortrag sein der mit so einem groszen unruhigen publikum klarkommt. mehr namen habich erstmal nicht, weil manche bühnen eben auch nicht lange hielten… ich finde jedoch dasz man schon hier auf diesem platz auch diesen bühneneffekt für sich nutzen kann, weil ja doch abundzu ein feedback kommt und man eben mit dem blick auch auf dieses wirklich kleine format schon einen anderen ernst in sein schreiben -packt-. / (was wenn du nochmal in deiner antwort zurückliest heiszen deine kurzen -ha- oder -ah-? tippfehler? sonst habich nur seltsame assoziationen dazu, is nich wichtig…/ dein kreuzberg text hat mir jdfs gut gefallen und in der rudidutschkestr habich auch schon öfter was eingesteckt, nur jdfs erstmal umsonst, und auch bei den groszen gegenüber kann man -nur für den schreiber in einem- was liegenlassen… ich versuche jdfs irgendwo unterzukommen für -kleine brötchen- und kost ja erstmal nix. dir viel glück… (was heiszt nochmal eloquent??)

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      2. hey, danke. vielen dank 🙂
        meine ”has” und ”ahs” sind nur so eine art marotte. kurz für ”haha” und ”ah” war so gemeint wie ”ahhh, das ist mir peinlich.” eloquent ist so etwas wie sprachgewandt, was ich ja nicht war in meiner antwort.
        ich war mal beim büchertisch am mehringdamm und da habe ich einen mann gehört, der da arbeitete und traurig und ein bisschen sauer sagte: ”das ist eben kapitalismus”. da habe ich mich gleich wohlgefühlt ha. (da war das ”ha” wieder).
        danke für die vielen tipps und dass du meinen text magst.
        vor publikum lesen ist dann auch noch mal so eine sache. kritik muss sein, aber erst mal vorlesen ist ja schon mal eine überwindung. da muss ich wohl erst mal schnaps trinken 😉

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