Careerwoman

Ich habe mich um einen Job beworben und mir dafür eine seriöse Email-Adresse gemacht und mit dieser die Bewerbung abgeschickt. Nicht so etwas wie 420legalizeitalter@aol.de oder so. Ich war da so müde und habe die Emailadresse vergessen. Jetzt muss ich vielleicht von 420legalizealter@aol.de schreiben: ”Ey Bruder, hast du meine Bewerbung bekommen? Ich habe meine Email vergessen. Deshalb muss ich von der hier antworten. Also, was ist jetzt? Von der schnellen Sorte bist du aber nicht. Wenn du mir bis 12 Uhr nicht antwortest, suche ich mir etwas Neues.” und wenn er dann immer noch nicht schreibt, schreibe ich noch mal: ”Schreibst du jetzt mal oder was?” und dann wie ein beleidiger ”Nice Guy” schreibe ich: ”Ich will deinen dummen Job sowieso nicht.” und dann noch ein paar Beleidigungen das Aussehen des Mannes betreffend wie ”Du bist mir sowieso zu hässlich. Du kannst froh sein, dass ich dir überhaupt geschrieben habe. Ich kann jeden haben. Ich habe deinen Job nicht nötig. Was denkst du denn, wer du bist, Schlampe”, aber er scheint ein netter Typ zu sein, mein neuer Nicht-Chef.

Tipp für die Ladies

Ich war vor Kurzem mal in einer Bar mit einem Freund. Es war schon Morgen und Resteficken-Zeit.

Ein Typ nach dem anderen wollte mich ”klarmachen”, was mir wenig schmeichelte, da sie alle betrunken oder auf Drogen waren (oder beides) und ich, neben einer mürrisch blickenden Goth-Braut mit der Ausstrahlung eines unkastrierten Pitbulls, die mich finster ansah, die einzige Frau in dieser heruntergekommen Kneipe war.

Ich rede mit dem Freund und da kommt so einer an und sagt: ”Worüber redet ihr?”

Das war so ein ”Hipster-Bro”, der vermutlich gerne Bier trinkt, How I met your mother guckt, Tiefkühlpizza isst (mache ich natürlich auch), Internet-Pornos und Tattoos mag und denkt, dass er ein guter Skater sei und unpolitisch ist und Kollegah ist sein großes Vorbild, aber nicht Haftbefehl, denn der ist zu straße und zu ghetto und damit kann man sich so schlecht identifizieren.

Er trug eine Wollmütze. Das ist ja der Hipster-Bro-Style.

Der Typ kommt zu mir und sagt: ”Worüber redet ihr?” und ich sage wahrheitsgemäß: ”Feminismus.”

Der Typ sieht mich angeekelt an und sagt ”Igitt.” und will gehen.

Ich, in meiner bierseeligen Stimmung, möchte nett sein und ihm erklären, was Feminismus ist, weil die Ignoranten, die den Feminismus nicht ”mögen”, wissen ja nie, was das ist. Sie sind ja nicht umsonst ignorant mit Tendenz zur Dummheit. Die denken, dass Feministinnen allesamt behaarte Kampflesben sind, die Männer hassen (shout-out to euch, ich mag euch. Lasst es sprießen) oder ”leichte Mädchen”, die so hohl und narzisstisch sind, dass ihr Horizont sich auf #freethenipple und ihre Unzufriedenheit oder Zufriedenheit mit ihrem Körper beschränkt und warum Polyamorie das viel bessere Beziehungs-Modell ist und die spießigen Zweier-Paare haben das nur nicht begriffen und ”queer” sind diese Trend-Feministinnen natürlich auch, aber sie sind nie mit Frauen zusammen und Femen sind ja voll toll und so und Pussy Riot, omg, so krass toll und so.

Ich wollte dem Hipster-Bro erklären, dass es Strömungen im Feminismus gibt und dass Feminismus eine internationale Bewegung ist mit vielen verschieden Meinungen, was nun gut oder die ”Wahrheit” ist und dass Feminismus etwas ist, dass jeder vernunftbegabte, intelligente Mensch unterstützt und dass es eben immer noch viel zu tun gibt, was die Gleichberechtigung der Geschlechter betrifft und nur ein Trottel würde das nicht verstehen, aber der Hipster-Bro hatte es ja so eilig wegzukommen und da dachte ich mir, dass ich endlich weiß, wie man aufdringliche Typen los wird:

Fangt an über Feminismus zu reden und schlagt sie in die Flucht.

Das dürfte auch bei ”Prolls” klappen. Prolls sind die, die jeden Sommer an den Ballermann fahren und da One-Night-Stands haben oder es versuchen und die mal eine Statistenrolle bei Berlin Tag und Nacht hatten und die schon mal bei einem Frauenarzt-Konzert (der Rapper) waren und auch bei Bass Sultan Hengzt und deren Lieblings-Djs sind David Guetta und Robin Schulz und ihre Mutter macht noch ihre Wäsche. Die sind eigentlich ganz nett, aber ihr werdet sie mit Feminismus langweilen.

Vorsicht:

Passt auf, dass ihr nicht an den ”Feminismus-Versteher” geratet. Das ist der, der so tun wird, als sei Feminismus auch für ihn wichtig und er macht einen auf verständnisvoll und hört euch zu und so, aber das macht er nur, weil ihr eine Vagina habt (oder nicht, aber eine Frau seid) und er einen Penis und er denkt, dass die beiden sich mal näherkommen sollten.

Mit wirklichen ”männlichen Feministen” solltet ihr natürlich munter drauflosschnackseln oder ihr könnt heiraten und nach Norwegen auswandern oder so oder Freunde werden oder ein gutes Gespräch führen und nett sein. Falls ihr Kinder bekommt, impft die doch bitte und verlasst euch nicht auf die Herdenimmunität.

Bitte, gern.

Äußerstes Wohlbefinden

Sie hatte ein Frédéric Beigbeder-Zitat als Wandtattoo. ”Ich möchte Teil einer Teilchenbewegung sein,” sagte sie und nahm einen Zug von ihrem Joint. Ich wusste nicht so genau, wie sie das meinte oder warum sie das sagte, aber ich hatte schon viele Bücher gelesen, die ich nicht verstand und war geübt im nicht Verstehen.

”Es ist wie es ist,” sagte sie.

Ich fragte, ob ich auch mal an dem Joint ziehen könnte.

”Sei nicht so gierig,” sagte sie und zog noch zwei Mal daran.

”Ja,” sagte ich. ”Gier ist, was man vermeiden sollte. Das sagt auch der Buddhismus.”

”Glaubst du an so etwas?” sagte sie und wurde wütend. Sie randalierte in der Wohnung.

”Vielleicht solltest du auch mal etwas darüber lesen,” sagte ich.

”Ich schreibe an meinem neuen Berlin-Roman Friedrichshain Blues,” sagte sie.

Es war ein ganz normaler Abend. Draußen explodierte irgendetwas und man hörte ein paar Sirenen. Sie machte Lana del Rey an und begann zu tanzen. Die Welt ging ein bissschen zu Grunde, die Apokalype stand bevor, aber Alice tanzte zu Lana del Rey, die sang ”When the world was at war we kept dancing”. Ich wollte lieber ”The World Was a Mess But His Hair Was Perfect” hören.

”Was wird jetzt?” fragte ich.

”Keine Angst, ich bin bei Scientology,” sagte sie. ”Das Raumschiff kommt gleich.”

Sie flog in die Galaxie, aber für die anderen und mich war leider kein Platz.

Amsterdam

In Amsterdam

 

In enem Schreibwarengeschäft. Ich stehe an der Kasse und bezahle. Die Kassierin sieht mich missbilligend an und rollt den zusammengerollten 5-Euro-Schein auf, damit sie ihn in die Kasse legen kann. Ich weiß nicht, wo ich den Schein herhabe. Wechselgeld. Mir ist auch gar nicht aufgefallen, dass er so zusammengerollt ist. Die Kassierin gibt mir mein Wechselgeld. Sie ist unfreundlich und ich muss mir das Grinsen verkneifen. Sie hält mich für ein Party Girl. Es ist fünf Uhr nachmittags und ich habe mir erst mal ein paar Lines genehmigt, denkt sie, bevor ich mir etwas in einem Schreibwarengeschäft kaufe. Ich bin so. Ich bin ein Party Girl, wild und verwegen. Ich habe aber keine Drogen konsumiert. Nur Wodka die Nacht zuvor getrunken. Nicht mal gekifft.

Ich kann die Verkäuferin schon verstehen, wenn sie mich für eine Touristin hält, die in Amsterdam ”Party macht” und sie stören die die vielen Touristen.

Ich muss sagen, dass ich noch nie etwas mit einem 5-Euro-Schein gezogen habe. Es muss schon mindestens ein 10-Euro-Schein ein. Auch Proletarier haben ihren Stolz. Wobei es darauf ankommt, was man zieht. 1 Gramm Koks mit einem 5-Euro-Schein ist laizez-faire, so ein Schrott wie Speed ist irgendwie peinlich, aber dann auch wieder laizez-faire, weil abgefuckt und ”ist mir egal”. (Ich kokse aber nicht mehr wegen der südamerikanischen Kinder).

Fastenkur

Sie sagte, dass sie einen Monat nichts mehr essen wollte, vielleicht auch sechs Wochen. Sie wollte sich nur noch von Licht und Glück ernähren. Sie wollte zu sich finden.

Dass sie mal so etwas bringen würde, hatte ich mir sofort gedacht, als ich sie das erste Mal sah. Sie trug eine bunte Haremshose, ein weißes, langes Top und eine weite Jacke darüber und hatte langes, hellblondes Haar. Sie war gebräunt, aber nicht geschminkt. Sie trug keine Schuhe. So sah sie eigentlich immer aus. Nur ab und zu trug sie mal Schuhe. Irgendein Paar, das sie sich mal auf Bali gekauft hatte. Ich hatte gedacht, dass sie vielleicht Kifferin sein würde, aber davon hielt sie leider nichts. Ich mochte sie, aber das war eine Enttäuschung. Es muss ja nicht jeder Kiffer sein, aber versuchen kann man es  zumindest. Nicht mal LSD oder Pilze nahm sie. Ich war darüber schon ein bisschen enttäuscht. Ich hatte gedacht sie sei ein Hippie, dabei war sie nur Esoterikerin. Die beiden Begriffe können sich überschneiden, aber leider nicht immer.

”Ich werde dann auch mal in den Wald gehen”, sagte sie.

”Okay”, sagte ich.

”Und meditieren.”

”Klingt gut.”

Ich war nicht so begeistert, dass sie ging, ohne mich zu fragen, was ich heute noch so machen würde. Ich lege großen Wert auf Höflichkeit wie man sich denken kann. Als könnte sie meine Gedanken lesen, drehte sie sich um.

”Und was machst du heute noch so?” fragte sie.

”Das sage ich nicht”, sagte ich. Ich bin jemand, der großen Wert auf Privatsphäre legt.

”Ach, so”, sagte sie.

”Wenn Fabian vorbekommt, kannst du ihm sagen, wo ich bin?”

”Ja”, sagte ich.

Fabian war ihr Freund. Sie nannte ihn aber nicht ”ihren Freund”, weil sie meinte, dass das zu besitzergreifend klang. Fabian wollte sich mit ihr verloben, aber das lehnte sie konsequent ab. Sie kamen zusammen, als sie beide 15 waren. Das heißt 12 Jahre waren sie jetzt schon ein Paar. Erst hatte sie Fabians Heiratsanträge immer so abgelehnt, indem sie sagte, dass sie erst heiraten wollte, wenn auch die Homo-Ehe legal sein würde. Als es dann so weit war, sagte sie einfach immer nur nein. Fabian hatte es schon mit Rosen, Kerzen, Geigern, mit einer romantischen Reise auf die Malediven als Vor-Hochzeitsreise sozusagen, einem Tattoo mit ihrem Namen auf der Haut über seinen Herzen und selbstgeschriebenen Gedichten, versucht, aber nichts konnte sie umstimmen. Fabian wollte unbedingt heiraten. Fabian war Scheidungskind.

”Kannst du ihm auch sagen, dass ich nein sage, falls er wieder mit einem blöden Heiratsantrag ankommt?”

”Ja”, sagte ich.

Ich war froh darüber, dass sie für ein paar Stunden im Wald bleiben würde. Endlich konnte ich mich nackt ausziehen. Na ja, nicht ganz. Ich trug noch ein Bikini-Oberteil. Ich mag das nicht so, wenn die Brüste herumschwingen. Wäre ich Jennifer Lopez, würde ich mir vielleicht jemanden einstellen, der mir die Brüste hält, aber so tat es das Oberteil.

Was würde ich machen? Ich betrank mich mit zwei Flaschen Wein und tanzte in der Küche und im Wohnzimmer. Ich konnte das aber nicht so genießen, weil ich nicht wusste, wann sie nach Hause vom Meditieren kommen würde. Ich bin ein bisschen schüchtern und möchte nicht, dass mich jemand nackt sieht. Das gehört sich irgendwie nicht. Das könnt ihr nicht verstehen. Ihr seid ja alle verdorben. Sie kam aber auch nach Mitternacht nicht. Ich schickte Fabian eine SMS und fragte, wann sie kommen würde. ”Sie bleibt im Wald”, schrieb Fabian zurück. ”Wie meinst du das?” fragte ich. ”Wegen der Fastenkur”, schrieb er. ”Wie lange macht sie das?” fragte ich. ”Das hat sie doch gesagt. Sie hat gesagt mindestens einen Monat. Vielleicht kürzer, vielleicht länger. Es hängt davon ab, ob sie die Fastenkur durchhält.” Dann folgte noch ein ellenlanger Monolog über das, was Fabian dachte. Er hatte Angst, dass sie bei seinem nächsten Heiratsantrag vielleicht zu hungrig sein würde und nicht mehr ganz bei Verstand und wenn sie annahm, dann meinte sie das vielleicht nicht so. Ich brauchte zehn Minuten, um das zu überfliegen. Ich schrieb zurück ”k”.

An sich freute ich mich darüber, dass ich die Wohnung ein paar Tage oder vielleicht ein bisschen länge für mich allein haben würde, aber ich konnte mich nicht so gut entspannen, weil ich mich immer fragte, wann ich mich anziehen müsste und sie nach Hause kommen würde. Ich wollte ja nicht nackt sein. Das hatte ich bereits erwähnt. Wenn ihr nicht so verdorben wärt, würdet ihr das verstehen. Ein paar Tage ging das so. Ich versuchte, aber konnte es nicht genießen. Ich sagte mir immer wieder, dass ich es genießen sollte und dann genoss ich es kurz und vergass es wieder und dachte darüber nach, dass sie ja bald kommen würde und wie schnell könnte ich mich anziehen, bevor ich die Tür hörte und sie mich nackt sah? Ich trank Energy-Drinks, damit ich nicht schlief und mir keine Sekunde allein zu Hause entging. Ich war ein bisschen zittrig davon und nach einer kurzen Zeit fühlte ich mich so, als hätte ich Halluzinationen. ”Was ist denn das für ein Zeug”, schimpfte ich und dachte darüber nach mir Speed zu kaufen. Davon bekam ich zumindest keine Halluzinationen, aber Speed war mir irgendwie zu unglamorös und ich bin meiner Meinung nach eher glamorös. Und außerdem musste man beim Speed-Kauf auch immer so blöden Small-Talk mit dem Dealer führen. Ich kenne leider keinen wortkargen Dealer. Alle reden sie auf einen über irgendeinen Mist ein, der mich so gar nicht interessiert. Beim Energy-Drink-Kauf muss man nur kurz hallo und danke sagen. Man kann Blickkontakt vermeiden. Ja, sicher. Man kann beim Drogenkauf Sonnenbrille tragen und wenn man das beim Energy-Drink-Kauf im Supermarkt macht, konnt man so möchtegern-cool herüber, wenn man die Brille nicht an der Kasse abnimmt, aber ich weiß auch nicht. Supermarkt ist unpersönlicher. Aber wenn man da immer hingeht, kennen sie einen ja auch als die Verrückte, die immer Energy Drinks kauft und dann muss man immer zu anderen Supermärkten, bevor jemand einen kennt. Immer noch besser als Dealer. Außerdem bieten mir Dealer oft etwas ”umonst” an gegen Sex, aber ich möchte mich nicht für Speed prostitutieren. Dreier mit ihren Drogenfreundinnen bietet man mir auch an, aber ich möchte keine Dreier mit dünnen, blassen Frauen und Männern zu lautem Techno in einer deprimierienden Wohnung. Ich mag eher braungebraunte, wohlgenährte Menschen. Ein Dreier klingt mir aber auch zu stressig irgendwie.

So ging das noch ein paar Tage weiter und dann hörte ich sie. Sie war an der Tür. Die Tür wurde geöffnet und sie war zurück. Ich hatte mich dazu entschieden auch das Bikini-Unterteil dauerhaft zu tragen und hatte nicht mehr so große Angst von ihr nackt gesehen zu werden. Bikini war mir auch ein bisschen unangenehmen, ich bin ja nicht so drauf wie ihr, aber es war nicht nackt.

Ich erschrak ein bisschen. ”Wie siehst du denn aus?” fragte ich.

Ihr Haar sah zerzaust aus. Sonst war es immer schön weich. Sie hatte Erde im Gesicht. Sie sah aus, als hätte sie sich ”black face” gemacht. Sie stank auch ein bisschen. Und sah unfassbar dünn aus.

”Ich habe mit Pflanzen gesprochen”, sagte sie. ”Ich habe mich von Licht ernährt. Ich hbae mich verletzt und geheilt. Ich habe auf dem Boden gelegen und mich in der Erde gewälzt. Ich habe die Luft inhaliert. Ich habe mich mit Tieren angefreundet. Ich habe Käfer gestreichelt”, sagte sie.

”Hast du abgenommen?” fragte ich. ”Vielleicht sollte ich auch mal in den Wald.”

”Ja”, sagte sie.

Dann ging aber auch schon die Tür auf und Fabian stürmte herein.

”Mein Baby”, brüllte er und fiel ihr in die Arme. Sie fingen an sich laut mit viel Zunge zu küssen.

”Ich habe dich so vermisst”, sagte sie.

”Ich dich auch”, sagte er. ”Willst du mich jetzt endlich heiraten?”

”JA”, sagte sie.

”Du meinst es doch auch?”

”JA’,’ schrie sie.

”Nein, Baby. Erst musst du wieder essen und dieses Mal musst du mich fragen, wenn du willst.”

”Ja.”

”Wisst ihr”, sagte ich. ”Fabian scheint der Richtige zu sein. Ich stehe hier im Bikini und er hat mich nicht mal angesehen, dabei bin ich ein Prachtweib. Ich mag das auch, dass Fabian dich nur heiraten möchte, wenn du auch willst. Er fragt vielleicht zu oft, aber er möchte dich nur heiraten, wenn du auch willst”

”Äh”, sagte Fabian beschämt. ”Danke.”

Er nahm seinen Jutebeutel und holte Karotten heraus und begann seine Bald-Verlobte zu füttern. Das war Romantik. Ich würde bei der Hochzeit das Blumenmädchen sein, sagte ich.

Würde Würde Würde

Würde? Liebe? Letztlich nur Konjunktive

Wir würden zusammen in den Park gehen und Kirschen essen. Und nachts Baileys auf der Wiese trinken. Wir würden barfuß durch den Regen laufen. Ich würde dir Gedichte vorlesen, während du mit deinem Kopf auf meinem Schoß liegst. Wir würden tanzen. Durch die Nacht. Und Musik hören. Seifenblasen auf dem Feld. Eis essen in der Stadt. Ein Zelt teilen. Grillenzirpen. Ich würde dir meine Bücher leihen. Und Platten. Wir würden zusammen kochen. Und lachen. Du ließest mich mit deinem Auto fahren. Mit geschlossenen Augen. Gegen die eisige Kälte würdest du mich wärmen. Wir würden auf Geländern balancieren. Und nach Italien fahren, um uns alte Häuser anzusehen. Ich wäre deine Prinzessin. Du mein Prinz. Wir würden zusammen Schach spielen und lachen, weil du alle Tricks anwenden würdest, um zu gewinnen. Wir würden uns alte Filme aus den 50-Jahren ansehen. Und Träumen. Von Japan und New York. Und, was die Zukunft so bringt. Wir würden Hand in Hand in den Sonnenuntergang schreiten. Alles ist wie pappsüßes Kaugummi. Wir würden barfuß durch den Schnee gehen. Fotografieren. Diskutieren. Streiten. Versöhnen. Lieben. Wir würden auf dem Flohmarkt alte Hüte anprobieren. Und die Wolken beobachten. Niemand wäre so wie du. Du wärst mein Krieger, mein Held, mein General. Ich würde dich streicheln. Und Küssen. Ganz nahe bei dir liegen, bis die Zeit stehen bleibt. Wir würden uns Edith Piaf anhören und Wein trinken. Sushi essen. Wir würden reisen. In ferne Länder. Ich würde mich an deine Schulter lehnen. Schluchzen. Weinen. Du würdest mich halten. Umarmen. Deine Stimme würde in mein Ohr hauchen wie rauchiger Jazz. Obsessive Momente. Ein unaufhörliches Schweigen, das Stärke gibt. Ein ausgelassenes Lachen, das Freude gibt. Ein unerhörtes Gefühl. Zusammen würden wir die Erdanziehung überwinden. Ich würde dir vergessene Orte zeigen. Du würdest aus deinem Leben erzählen. Seite an Seite würden wir zusammen einschlafen und morgens würde uns sie Sonne wachkitzeln. Ich würde für dich eine Apfel-Tarte backen und dir über deine zarten Locken streichen. Hand in Hand würden wir am See ins Wasser springen. Wir gegen den Rest der Welt. Ich würde dich nachts anrufen und mit dir reden. Einfach so. Bis der Morgen anbricht. Und dir ein Herz in den Schnee malen. Ich wäre dein Engel. Und du mein Beschützer. Ich wäre ein Regentropfen und du fingest mich auf. Ein freier Vogel auf einem sicheren Ast. Ich wäre deine Königin und du mein König. Wir würden nachts ins Schwimmbad gehen und auf dem Jahrmarkt Mandeln essen. In dem alten Programmkino würden wir in der letzten Reihe dicht beieinander sitzen. Und meine Familie im Ausland besuchen. Im Club triefen sich unsere Blicke, obgleich du bei deinen Freunden stündest. Wir wären zwei und doch eines. Es wären Augenblicke voller Wärme. Flackernde Kerzen. Das Gold des Laubes würden wir in uns aufsaugen. Ping Pong spielen. Wir würden an der Nordsee segeln gehen. Und im Süden Lämmer streicheln. Am Meer würdest du mich küssen. Und es würde niemals aufhören. Du würdest mir zart über die Wange fahren. Am Lagerfeuer. Wir würden die Melancholie des Moments genießen. Um uns herum überall die Kirschblüten. Wir würden die Romantik in kleinen Dingen erkennen. Kein Geld, keine Macht. Wir würden nur uns vertrauen.

Doch leider bist du gar nicht mein Typ. Es sind nur Konjunktive. Bei uns. Bloße Fiktion.

Friedhelm

Ein Mann Mitte, Ende 20. Er hat dunkelbraune, leicht gewellte Haare und einen Schnurbart. Er trägt eine Brille mit schwarzem Rand, mintgrüne Shorts mit Umschlag, ein weißes Hemd mit einem Tukan auf der Brust, schwarz-weiße Hosenträger, weiße Tennissocken von Nike und hellblaue Loafers. Er hat noch einen dunkelgrauen Wollpullover um die Hüfte gebunden. Er hat einen Turnbeutel dabei auf dem #wasted draufsteht.

”Ich bin Fjodor”, sagt er.

”Oh, nach Dostojewski?” sage ich.

”Nein, ich heiße Friedhelm, aber das war jetzt nicht so prickelnd. Das ist jetzt nicht so der Hammername irgendwie. Ich weiß auch nicht, was sich meine Eltern da gedacht haben. Ich heiße halt Uth mit Nachnamen und meine Eltern fanden das halt witzig, dass ich Friedhelm Uth heiße. Wenn ich das sage, klingt das ja wie Fried Helmut. Meine Eltern waren halt schon so die Original Hipster. Voll ironisch haha. Ich habe dann immer gesagt, dass ich Fjodor heiße und jetzt hat sich das irgendwie eingebürgert. Die Menschen sind schon echt krass dumm. Ich meine’, jetzt nicht alle, aber manche kennen Dostojewski nicht und fragen mich, was das für ein Name sein soll, wenn ich mich bei ihnen vorstelle. Ich muss mir dann immer voll das Lachen verkneifen, weil die so dumm sind haha. Ich habe bis jetzt von Dostojewsi nur ein Buch gelesen, aber ich habe so gut wie alle seine books beim fleamarket gekauft und lese die, wenn ich mal Zeit habe. Ich bin aber schon immer übelst busy. Ich bin ja Journalist und habe auch eine eigene Webseite. Da muss ich schon mega viel Zeit reininvestieren. Ich habe noch einen zweiten Namen. Steffen, aber der ist mir jetzt irgendwie zu unspektakulär. Ich will nicht heißen wie jeder. Man muss sich schon irgendwie von der Masse abheben. Ich habe auch einen zweiten Nachnamen. Örkl. Friedhelm Steffen Örkl Uth, aber ich benutze nur Friedhelm Uth und dann halt Fjodor. Ich hab’s auch mal mit Fred versucht, aber ich wollte das man das English ausspricht und die Leute sprachen das immer auf Deutsch aus und zogen das immer so lang und Freddy klingt irgendwie so niedlich. Das klingt wie so ein Name für ein Shetlandpony. ‘Da ist ja Freddy. Freddy komm mal her.’ Das wollte ich dann auch nicht. Friedl klingt so nach Opa. Fritz nenne ich meinen ersten Sohn und möchte mich dann nicht selber so nennen. Der Name sollte schon individuell klingen und sich von er Masse abheben und halt auch einen leicht intellektuellen Touch haben, ehrlich gesagt. Es gibt halt so krass viele dumme Leute irgendwie und da muss man sich schon irgendwie abgrenzen und beim Namen geht’s ja schon los. Ich lese ja gerne und kenne mich mit Kunst und klassischer Musik aus und so. Damit muss man sich ja auskennen. Mir fehlt jetzt noch Jazz, aber da kann ich ich mich halt echt nicht dazu durchringen mir das anzuhören- ”

Ich sehe Friedhelm an. Seine Lippen bewegen sich. Er hat lange Nasenhaare. Seine Nase ist spitz. Eine Art weißes Pulvers hat sich auf seinem Schnäuzer festgesetzt. Seine dunklen Augenbrauen sind buschig und er hat schon ein paar graue Haare zwischen den schwarzen Haaren. Er reißt seine blauen Augen beim Reden immer wieder auf und verzieht das Gesicht zu Grimassen. Er hat eine eigenartige Art zu sprechen. Ich stelle ihn mir auf dem Klo vor. Press, Friedhelm, press. Du schafft es. Konzentrierter Gesichtsausdruck. Ich muss lächeln. Ich muss oft bei Gesprächen mit Menschen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, weil sie zu sehr von sich selbst überzeugt sind, lächeln und diese Menschen denken dann, dass ich beeindruckt von ihren dümmlichen Angeber-Geschichten bin. Dabei lache ich sie aus, aber bin zu höflich, um sie das wissen zu lassen. Das könnte man auch als hinterhältig bezeichnen und vielleicht ist es auch verkehrt dieser Leute Ego zu füttern, indem ich nur lächle und nicht offen über sie lache oder sie in ihre Schranken weise. Wenn ich in einer einsamen Waldhütte fern von jeglicher Zivilisation wohnen würde, hach, dann würde mir das nicht passieren. Höchstens, wenn ich zum Einkaufen in einen Supermarkt fahren muss, aber das kann man ja auf einen Monats-Besuch beschränken und nur dann einkaufen gehen, wenn wenig los ist. Ich wäre dann Walden 2.0, aber natürlich bin ich nur ein fauler, versoffener Melancholiker und nicht so wie Thoreau und wäre vielleicht nur Walden 0,5.

”…ja und da waren dann so Pelikane auf meiner Vintage-Badehose, die ich mir in Milano gekauft habe und ich bin so am Pool und schon mittags voll besoffen und ich nenne den Pool Boy Costa Bravo, weil wir doch an der Costa Brava sind und der Pool Boy Grieche ist und er checkt den Joke nicht und ich saufe noch einen und schrei so: ‘Ey, ich bin der Prinz vom Prenzlberg’ und falle um, so voll besoffen mit dem Drink in der Hand, und in den Pool rein und ich rufe noch: ‘Ey Hannah, hast du davon ein Bild gemacht? Ey, das muss ich bei Facebook und Instagram reinstellen.’ und sie so  ‘Ja’ und ich so ‘Voll gut. Zeig mal.’ und sie zeigt mir das und das ist echt voll stylo und ich stelle das sofort bei Facebook und Instagram rein und krieg gleich voll die Likes. So gleich 100 Likes bei Facebook und 50 bei Instagram. So nach zehn Minuten, ey. Nice. Das war auch ein Hammerbild. Soll ich dir es mal zeigen? Der Akku von meinem Handy ist leer. Es lädt gerade drüben. Ich zeige es dir später. Boah, aber der Urlaub. Boah, so krass, ey. Ich war da jeden Tag besoffen und wir hatten all inclusive im Hotel. Ich sah dann halt so voll nach Heroin Chic aus. Wie so ein Junkie halt. So voll fertig halt. Nicht so laser.” Er lacht.

Friedhelm Fjodor hat einen leichten fränkischen Dialekt. Er klingt ein bisschen wie Lothar Matthäus. Er redet schnell und ist aufgedreht.

”Ich hatte ja schon …, bevor das alle hatten”, sagt er.

”Bitte?” sage ich. ”Ich habe nicht verstanden, was du gesagt hast. Was hattest du?”

”Vinyls”, sagt er überheblich. Das sind Schallplatten. Du weißt schon so die runden Dinger. Die sind so schwarz und man braucht einen Player, um die abzuspielen. Ich habe mir meinen bei Urban Outfitters gekauft.”

Vinyl, denke ich. Nicht Vinyls.

”Ich muss mich ja nicht von der Masse abheben”, sagt er. ”I am who I am. I ain’t changin’ for nobody”, sagt er stolz.

”Interessant”, sage ich.

”Boah, ultrakrass. Ich muss das gleich mal mit dem sich von der Masse abheben notieren. Dafür habe ich hier diesen Bleistift hinter mein Ohr geklemmt. Der ist nicht nur zur Deko. Ich habe den Stift letztens in New York gekauft. Ich flieg voll oft nach New York. Was sind deine Lieblingsorte in New York? Du warst doch schon mal in New York? Du musst echt mal hin. Boah, ultra. Mein Stift ist nicht gespitzt. Ich habe auch noch einen Spitzer. Den habe ich mir in Milano gekauft. Voll teuer für stationary. Haha, stationary klingt wie missionary. Die Stellung, du weißt schon. Er oben und sie unten haha. Der Stift hat 25 Dollar gekostet und der Spitzer auch so 20 Euro. Ja, das ist ein besonderes Design und ja, da hat man hat schon länger was von, aber man hätte von dem Geld auch einmal essen gehen können. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das eigentlich nicht so teuer. Ich schreib’ viel mit dem Stift und muss ihn spitzen, aber von dem Spitzer habe ich schon was. Warst du schon mal in Milano? Ich war schon so oft da. Das ist schon wie meine neighborhood. ”

Er kramt in seinem Turnbeutel.

”Uno momento, ich suche nur mal mein Koks. Ah gut, es ist noch da. Ich bin da voll paranoid, weil ich habe das schon mal verloren. You say Co, I say Caine. Es geht mir jetzt nicht ums Geld, weil so teuer ist Koks jetzt nicht, aber es geht mir um den hassle. Warte mal, ich muss mal kurz einen Tweet machen. ”Bin bei einer Party in Kreuzberg, du Muschi.” So, fertig. Warte, ich mache noch ein Selfie. Da sieht mein Schnäuzer irgendwie suboptimal aus. Ich mache noch mal eins. Jetzt, endlich fertig. Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau, Hassle wegen dem Koks. Dann muss ich wieder den Dealer anrufen und so. Oh, sorry, wenn dich das jetzt schockiert. Es nimmt ja nicht jeder Drogen und so und schon gar nicht so harte Drogen wie Koks. Es kiffen ja viele. Ich laber manchmal echt einfach drauflos und denke nicht.”

”Keine Sorge, ich habe mit Drogen so meine Erfahrungen gemacht. Ich nehme momentan Subutex. Du kannst gerne über Drogen mit mir reden”, sage ich. Es ist gelogen.

”Subu-was?”

”Subutex.”

”Was ist das denn?”

”So etwas ähnliches wie Methadon. Kennst du das?”

”Methadon? Ja klar, Mann. Hast- hast du Heroin genommen?”

”Ja, aber jetzt ja nicht mehr. Jetzt nehme ich ja Subutex.”

Friedhelm sieht mich für einen Moment an. ”Boah, krass”, sagt er. ”Ich hätte dich gar nicht so eingeschätzt. So kann man sich täuschen. Hast du das auch gespritzt?”

”Natürlich. Ein Freund, seit den 80ern an der Nadel, hat gesagt rauchen wäre voll peinlich und man muss es schon richtig machen und er hätte es schon mit sieben geraucht und da konnte ich ja mit elf, als ich angefangen habe damit, nicht rauchen, weil er mich ausgelacht hätte und ich habe gleich gedrückt. Ich kann es nicht sniffen, weil ich mir vom Koksen die Nasenscheidewand weggekokst habe. Ich hätte mir da eigentlich eine Platinplatte reinmachen müssen, aber ich wollte vernünftig sein und habe mit dem Koksen aufgehört und es nur ab und zu mal gespritzt.”

Friedhelm reißt die Augen weit auf. ”Boah. Und jetzt nimmst jetzt Subu-, Subu- ?”

”Subutex.”

”Krass, ey. Ich habe davon bestimmt schon mal was bei Vice gelesen. Sag mal hättest du nicht Bock mit mir mal einen Artikel zu machen? Das kann natürlich auch anonym sein, aber das wäre schon echt die krasse Story und so. Du könntest so erzählen, wie es da bei dem Programm ist und so. Wie ist Heroin so? Ich mein’, wie fühlt sich das an?”

”Ja, schon so wie bei Trainspotting”, sage ich.

”Boah.”

”Und Koks- das kann man auch spritzen?”

”Ja.”

”Das habe ich ja noch nie gehört. Wie ist das so?”

”Voll gut, aber am besten ist ein Speedball.”

”Speedball? Du meinst Speed?”

”Nein, das ist Heroin und Koks. Wenn du willst, kann ich dir mal einen Schuss setzen. Ich habe Spritzbesteck dabei und du hast ja Koks. Heroin können wir uns ja kaufen.”

Friedhelm sieht mich erschrocken an. ”Boah nee, du, danke, das ist nett von dir, aber es kommen gleich Freunde von mir und dann will ich nicht so wasted bei der Party sein.”

Ich sehe auf seinen Turnbeutel. ”Verstehe”, sage ich. ”Bei was für einer Zeitung oder Magazin arbeitest du denn?”

”Ich arbeite bei X. Das ist nicht das XX oder so ein Kack. Das ist schon Qualitätsjournalismus. Ich bin aber freier Autor und arbeite für mehrere Sachen und ich weiß nicht, ob die X den Artikel will. Wenn nicht, würde ich es im XXX veröffentlichen. Die lieben da meinen Shit. Ich hatte auch mal was mit der Chefredakteurin. Ich schreibe halt immer über so Hipster-Themen und so.”

”Subutex ist ein Hipster-Thema für dich? Wie meinst du das?”

”Warum?”

”Du weißt schon, dass hunderttausende Menschen heroinsüchtig sind und das kein ‘Hipster-Thema’ ist. Da geht es um Leid und Not. Der erste Schuss ist vielleicht noch ganz nett und die nächsten Male auch, aber dann steckst du da meistens auch schon drin. Am Anfang nimmst du’s vielleicht nur am Wochenende und irgendwann brauchst du es jeden Tag. Du kannst nicht mehr ohne. Es macht dich kaputt. Das ist für dich ein Hipster-Thema?”

”Du weißt schon” sagen immer so Besserwisser-Menschen, die bei Twitter sind, denke ich mir.

Friedhelm reißt die Augen wieder weit auf. ”Ja, du, äh, sorry”, sagt er.

”Schon in Ordnung”, sage ich und lache.

Friedhelm lacht nun auch wieder.

”Du kannst ja beim nächsten Mal einen Speedball haben. Kann ich dir auf Twitter folgen? Ich schreibe dir dann wegen des Artikels.”

”Ja, Mensch, geilo. Ich heiße da XXXXXX”

”Es war nett mit dir zu reden.” Ich gebe ihm die Hand.

 

Namen geändert

”Selfie-Generation”

Ich poste keine Selfies mehr. Ich mag es nicht. Es hat so etwas Billiges, weil es meist Gepose ist. Halb geöffnete Münder, stark geschminkt, Beine ausstrecken, damit man schlanker wirkt, Brust raus, Bauch rein, Filter und dann möchte man den Ex-Freund vielleicht eifersüchtig machen oder die neue Eroberung an. Es wird geprotzt und versucht gut auszusehen. Nur ”authentisch” sind das Festhalten von schönen Momenten, ein aufrichtiges Lachen.

Wir, die ”Millenials”, sind die ”Selfie-Generation”. Das ist kaum abzustreiten. Das hat aber nicht nur etwas mit ”Generation” zu tun, denn es veröffentlichen Menschen jeden Alters Bilder von sich. Nur die Millenials eben ein bisschen mehr. Das macht die Technik möglich. Dass es mehr junge und noch halbwegs junge Menschen machen, das Posten, ja, das macht die Jugend. Mit mehr Technik hätten die Menschen von früher vermutlich auch ”Selfies” gemacht.

Wie kann man das Posten von Bildern von sich selbst weniger peinlich machen?

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Sie war jetzt Autorin. Schriftstellerin. Sie war darüber stolz wie man über etwas stolz sein kann, was man einfach so macht. Das erste, das ihr einfiel, war, dass dies bedeutete, dass sie schreiben müsste, was sie nicht gerne tat, aber wenn sie damit nun Geld machte, konnte sie nicht anders. Das zweite war, dass sie sich einen billigen Schreibtisch kaufen musste und dann würde sie ihn in ihr Wohnzimmer stellen und das Zimmer von der Steuer als Arbeitszimmer absetzen können. Sie war über Punkt zwei sehr glücklich. Sie schrieb in ihren Terminkalender für morgen: 7-10 Uhr schreiben 10.40 Uhr Zahnarzt Sie wusste nicht, was schlimmer war, aber beides musste gemacht werden, so dachte sie. Bei ihrem Verlag war man ganz begeistert von ihrer Einstellung. Eine Autorin, die nicht gerne schrieb, würde es weit bringen in Deutschland und gut verkaufen, denn darauf kam es an. Lesereisen würde sie auch machen, denn sie mochte Publikum, das sie verehrte. Sie war auch gut zu vermarkten, was man an ihren ”Selfies” erkennen konnte. Hin und wieder vertrat sie mal eine gewagte These. ”Sie polarisiert,” sagte ihre Lektorin und weinte ein bsschen. ”Und sie ist selbstsicher,” was man auch arrogant, grundlos, nennen könnte, aber so aufgeweckt war man beim Verlag und bei ihrer Agentur nicht. Man war zufrieden. Der Feuilleton hatte auch schon angebissen.

Generation Z

Ein paar junge Frauen Anfang 20. Nicht älter als 22. Die älteste ist vor drei Wochen 22 geworden und fühlt sich ”alt”. Wie ich. ”Damals”. Ich unterhalte mich mit ihnen in Frankreich. Sie sind US-Amerikannerinnen, eine Französin, eine Britin. Sie sind hübsch, modisch, nett. Sie haben sich bei Instagram kennengelernt. Sie sind so jung und auf eine Art auch weise. Vor allem für ihr Alter. Die eine ist sogar erst 17. Sie unterhalten sich über Liebe, Selbstfindung und Einsamkeit, Selbstliebe, ”what’s your purpose”. Die eine liest Eckhart Tolle. Sie sind völlig unironisch und cool. Ironisch ist ja eher etwas, dass man ”meiner Generation” zuschreibt. Sie fragen mich nach Instagram. Es ist mir ein bisschen peinlich, weil ich Instagram nicht benutze und bei meinem Account vielleicht 20 Follower habe. Sie haben alle über 100 000. Sie reden so, als wären wir im gleichen Alter. Ich sage nichts.

Es ist schön mit ihnen zu reden. Sind sie doch ganz anders. Zwei von ihnen sind ein Paar. Sie halten sich an den Händen und küssen sich. Sie fragen mich, ob ich mit ihnen Acid nehmen möchte. Ich verneine. Ich fühle mich schon ein bisschen so als hätte ich es genommen. Die Jugend von heute.

Fair Trade Kokain

Erkentnisse

Alles ging irgendwie so ein bisschen den Bach herunter seit ich mit dem Koksen aufgehört habe. Das mit dem Ego und der guten Laune und dem Spaß sowieso. Es gibt nur noch Ich-Zerfall. Wäre Koks Alkohol wäre es Prosecco.

Koksen kann natürlich zum Problem werden, aber für wie reich muss man mich halten, dass ich mir so viel leisten könnte, dass es zu einem wird? Nicht reich außer mit Liebe im Herzen.

Meistens ließ ich mich auch nur einladen, aber da auch nur so viel und so oft, dass man von mir als Gegenleistung oder Entgegenkommen nichts oder nur wenig erwartet wurde. Manche nennen das Schnorren, ich nenne das eine kleine Gefälligkeit, wenn man the life of the party bei seiner Party möchte. Es war also alles im grünen Bereich. Oder eher im weißen. 

Was kann nur diese Leere füllen? Und damit ist nicht die Leere in den Nasenlöchern gemeint.

Manche hören mit dem Koksen ihrer Nasenscheidewand zuliebe auf oder weil sie paranoid werden. Ich habe damit aufgehört, weil ich den Drogenhandel und die damit verbundene Kriminalität nicht unterstützen möchte.

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass ich nicht irgendwann mal schwach werde und vielleicht eine Line ziehe, aber seit mindestens drei Jahren bin ich stark.

Wann gibt es endlich Fair Trade Kokain?

”Writing. You become addicted. Writing is a drug, too.”

Ein Interview von Thomas Bernhard lesen. Es ist Nacht. Es ist windig.

”Writers work at night”, sagt er.

Thomas Mann war, langweilig und uninspiriert, gutbürgerlich und schrieb für ein bürgerliches Publikum. Typisch deutsch-gutbürgerlich.

”The typical German-language writer. If long hair is in fashion, then he has long hair, if it’s short hair, then his is short too. If the left is in government, he runs to the left, if it’s the right, he runs that way, always the same. They’ve never had any character. Only those who died young, mostly. If they died at 18 or 24, well, at that age it’s not so hard to maintain some character, that only gets hard later. You get weak. Under 25, when no one needs more than an old pair of trousers, when you go barefoot and content yourself with a gulp of wine and some water, it’s not so difficult to have character. But afterwards. Then they all had none. At 40 they were all absorbed into political parties, totally paralysed. The coffee they drink in the morning is paid for by the state. And the bed they sleep in, and the holidays they go on, all paid for by the state. Nothing of their own any more.”

Q: Could a German author write the same way as an Austrian?

A: ”Certainly not. Thank God. The Germans are unmusical, it’s something quite different. And it’s noticeable. Before you even open the book you notice it, even in the title, a quite different… it has a totally different stink to it.”

”Writing. You become addicted. Writing is a drug, too.”

”You have to be here and be there. If you only frequent one section of society it’s stupid. You end up stunted. You need to take in and cast off as much as possible all the time. Most people make the mistake of remaining within a single caste and class, only mixing with butchers because they’re butchers, or only with bricklayers because they’re bricklayers, or with labourers because they’re labourers, or counts because they’re counts, or kings.”

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Fernsehauftritt

 

Schon damals, als ich mit Ulf Poschardt in der Sendung ”Willkommen in Österreich” auftrat und über ihn, auf ihn, ein Glas Wasser ausschüttete, wusste ich, dass aus mir mal etwas ganz Großes werden sollte. Dabei war mein Auftritt in dieser Sendung eher ein Missverständnis. Christoph Grissemann und Dirk Stermann hießen die Moderatoren. Das hatte ich nachts bei Wikipedia gelesen. Ich befand mich in einem Zustand der verzehrten Wahrnehmung der sogenannten Realität bedingt durch illegale Substanzen, die ich mir einverleibt hatte, weil ich im Einverleiben ziemlich gut bin. Nicht jeder muss viele Talente haben. Ein oder zwei reichen völlig aus und an den anderen kann man ja arbeiten. Es ist noch kein Meister vom Himmel gehalfen, außer vielleicht ein Genie, was aber die wenigsten Menschen sind. Nach dem Einverleibnis – ich benutze das als schlechten Witz, um zu unterstreichen, dass mein Ego groß genug ist für schlechte Witze – hatte ich das alles ein bisschen verwechselt. Christoph Grissemann hielt ich für den französischen Fußballspieler Antoine Griezmann und freute mich schon auf unser Zusammentreffen. Die Ernüchterung war groß, als ich dann auf einmal vor diesem Thomas Gottschalk, Dolly, das Schaf-Klon saß. Da war noch ein anderer schrecklicher Mann. Brauchte ich eine neue Brille? Mehr Schlaf und Nüchternheit? Oder was war das? Als ich verstanden hatte – ich bin ein Schnellschalter in Denkfragen, dass es sich hierbei um ein Missverständnis handelte, konnte ich meine Verärgerung und Enttäuschung nur schlecht verstecken. Als dann noch dieser schreckliche Ulf auftrat, da konnte ich mir nicht anders helfen. Es war alles in allem kein sonderlich guter Fernsehauftritt. Nur beim Buffet hatte ich ordentlich zugelangt.  Der Östereicher oder auch die Österreicherin, wenn sie mal reden darf, nennt das Büffet. Der Bauch hing mir schon aus der Hose. Ich hielt ihn mir. ”Voll meta,” sagte der dumme Ulf, den ich deshalb Dulf nannte. ”Bitte nicht meta,” sagte ich. ”Das ist so ein Trend-Wort der Pseudointellektuellen. Ich als Intellektuelle mag das nicht. Ich möchte auch nichts mehr von Filter bubble oder Filterblase hören oder welche Wörter DU nicht magst und bitte keine Witze über Bitcoins und Hipster, du Wichser.” Ich vergaß für einen kurzen Moment meine guten Manieren. Einer der schrecklichen Moderatoren-Männer machte einen ”Witz” über Natascha Kampusch. Ich holte meinen Pfefferspray aus meiner Lui-Witöng-Tasche und sprühte ihn damit ein. Ich musste an Patrick Süskinds ”Das Parfum” denken. Es ist nicht immer leicht ein Star zu sein.

Morgenpost-Kolumne

 

Irgendetwas googlen, auf einem Artikel landen. Eine Kolumne einer Frau Ende 20 aus Berlin. Gut geschrieben meiner Meinung nach. Ich lese gleich mehrere ihrer Artikel, aber dann erschaudere ich ein wenig, als ich bemerke, dass ich auf der Online-Seite der ”Mopo” bin. Springer-Presse. Grauenvoll. Zumindest ist mein Adblocker an (den ich ausschalte bei Seiten, die ich mag). 

Ich google die Autorin. Sie war auf der Springer-Akadamie.

Was, frage ich mich, treibt einen Menschen dazu? Kein Rückgrat, kein Stil, keine Moral? Ich würde lieber Klos putzen als bei Springer arbeiten.

Ich habe mal eine Folge ”Wer wird Millionär” gesehen, als ich noch einen Fernseher hatte. Das ist schon ein bisschen länger her. Ich ziehe zu oft um für Fernseher. Eine junge Frau, blond, blass, schlank, langweilig, aber adrett gekleidet, war als Kandidatin in der Sendung. Die Frau studierte (oder wie sich das nennt, was man da macht) an der Springer-Akademie. Jauch frage nach, schien verstehen zu wollen, was jemand dazu bewegt an der Springer-Akademie studieren. Er schien eher ein bisschen kritisch darüber zu denken, was die Frau aber nicht bemerkte. Jauch ist eben auch eine andere Generation. ”Enteignet Springer” sagt ihm vermutlich mehr als ihr. Er ist vielleicht zu intelligent und stilvoll für Springer. Selbst Jauchs Arbeitgeber RTL ist um einiges besser. Sie war aber so stolz, dass sie es da hin geschafft hatte. Sie verbriet alle Joker und bettelte bei Günther Jauch um Hilfe.”Machen Sie denn irgendetwas selbst?” frage Jauch sichtlich irritiert. Diese Frau war eine gute Präsentation für Springer.

Heutzutage ist Springer nicht mehr so verpönt wie früher. Man kann nicht sagen, dass der Mensch in Deutschland dümmer geworden ist, ohne eine Studie zu machen. Man kann nur annehmen, dass er vielleicht dümmer geworden ist und weniger idealistisch. Mehr karriereorientiert. Konsum. Selbstdarstellung. Likes, Followers. Oberflächlichkeit.

Die Frau bei der Morgenpost.

Ich lese dennoch Kolumne dieses Mal. Ich bin auf eine Art fasziniert, dass ein Mensch sich für Springer hergibt und sich nichts dabei denkt. Auch angeekelt. Das ist ja verständlich.

Die Journalistin schreibt in der Kolumne, die ich lese, über ”Influencer”. Das sind Menschen, die bei Instagram und Youtube hundertausende oder Millionen von Followern haben oder haben wollen und Geld mit Sponsoren verdienen. Mode, Detox tea, Werbung für Hotels, Make-up und dergleichen. Man kann mit vielem Geld verdienen. Die Journalistin geht auf eine Party, wo sie auf eben solche, meist weibliche, Influencer trifft. Die Journalistin urteilt über diese. Spottet.

Moment mal, denke ich. Du arbeitest bei Springer und urteilst über andere? Es gibt, wenn man mal darüber nachdenkt, unfassbar dumme Menschen.

Nachts

love

Zimmer mit Aussicht. Mit Blick auf die Garonne. Straßenlaternenlicht spiegelt sich in den zarten Wellen. Sie ist nicht grün wie am Tag. Straßenlärm. Es ist noch nicht spät. 00:05.

Wenn nur noch Pastis da ist, um sich zu betrunken und der kleine Supermarkt von gegenüber schon geschlossen hat. Wenn man irgendwie ein bisschen einsam ist und gerne mit Freunden in einem Restaurant oder Bar draußen sitzen und Wein trinken würde. Draußen, weil es schon ein wärmer ist. Es ist noch ein bisschen kühl, aber süßer Frühling.

Der Mitbewohner, der viele Zigaretten raucht und den ganzen Tag trinkt, ist nicht da.

Es ist schön gute Gesellschaft zu haben. Es ist schön auch mal allein zu sein.

Nur betrunken wäre ich gern.