Olelele

1

 

”Olelele”, sagt er. ”Das sagt man so bei uns.” Er lacht.

Wir sind zwei Fremde in einer regnerischen Stadt. Es ist Abend. Er verabschiedet sich.

Als der Zug einfährt, setze ich mich ans Fenster und sehe hinaus. Der Bahnhof ist um diese Zeit ziemlich leer. Es ist schon spät. Im Zug sitzen kaum Menschen. Ein Mann und eine Frau steigen ein. Sie sind ungefähr Ende 20.

”Weißt du, wen ich letztens beim Brunch getroffen habe?” sagt der Mann. Er schreit.

”Nein, wen?” sagt die Frau.

Sie setzen sich.

”Da gab’s so lecker Avocado-Toast”, schreit der Mann. ”Ich habe da so einen Artikel in Der ZEIT gelesen. Der hat mich voll zum Denken angeregt”, schreit er. ”Oder nein, war‘s die WELT?”, ”Hast du meinen neuen Artikel gelesen? Dein Artikel über unsere Generation war voll gut und so. Keine Generation hatte es so schwer wie unsere. Wir haben einfach so viele Auswahlmöglichkeiten.”, ”Manche Leute haben ja echt keinen Stil irgendwie”, sagt er. ”Polen und Ungarn sind doch voll scheiße. Wir Deutschen sind jetzt die Guten. Die nehmen ja gar keine Flüchtlinge auf und wir zahlen auch noch für die. Wir sollten denen kein Geld mehr geben.”, ”Haha, mein Tinder-Match hat ja voll den Ossi-Namen.”, ”Oh mein Gott, wenn du nichts Vernünftiges gelernt hast, wirst du Youtuber.”, ”Das wäre schon nice irgendwie, wenn ich einen Adelstitel hätte.”, ”Die macht doch nur diesen Charity-Scheiß, weil dann die Leute denken, die wäre voll der gute Mensch.”

Ein paar Minuten geht das so. Die Frau sieht kaum von ihrem Iphone auf.

”Guck mal, die”, sagt die Frau schließlich. ”Boah, wenn ich so Oberschenkel hätte, würde ich aber keine Hotpants tragen.”

Sie kichern.

Ich hole mein Handy und tue so, als würde ich telefonieren. ”Wenn ich unfassbar dumm wäre, würde ich nicht die ganze Zeit reden”, sage ich.

Die Frau und der Mann sehen mich sprachlos mit offenen Mündern an.

”Wenn man zu lange den Mund geöffnet hält, fliegt vielleicht eine Fliege hinein”, sage ich ins Handy. ”Das hat ein chinesischer Philosoph aus dem 16. Jahrhundert gesagt.”

Ich stehe auf und setze mich in ein anderes Abteil. Da sitzt nur ein alter Mann. Er führt ein Selbstgespräch.

”Früher hamse das nicht gemacht”, murmelt er. ”Kaiser Wilhelm”, sagt er und seufzt laut. Er holt ein Dosenbier aus einer Plastiktüte und öffnet es ungeschickt mit zittrigen Händen. Sie sind faltig und trocken. Blaue Adern schimmern durch. Das Bier spritzt auf sein rechtes Hosenbein. Es ist jetzt ganz nass und es sieht so aus, als hätte ihn jemand angepinkelt. Ein Hund vielleicht. Oder ein Verrückter. Der Mann stöhnt laut auf.

”Wollen Sie ein Taschentuch?” frage ich.
Er reagiert nicht.
”Wollen Sie ein Taschentuch?” wiederhole ich. Dieses Mal lauter.
”Was?” sagt der Mann.
Ich stehe auf und gebe ihm gleich ein paar.
Verwirrt sieht er mich an.

 

Der Zug rollt los und lässt die Stadt hinter sich herziehen. Häuser, Straßen, vereinzelte Menschen, Autos, Träume, Geschichten. In Hamburg sagt man Tschüss.

 

In Spandau steigen einige Frauen und Männer ein. Sie sind Ende 20, Anfang 30. Sie sitzen jetzt mir gegenüber. Der alte Mann ist noch in Hamburg ausgestiegen.

Eine der Frauen erzählt über einen Stuhl, den sie gebraucht gekauft und selbst restauriert hat. Ein Mann erzählt von einer Reise nach Afrika. Er hat dort mit Kindern gearbeitet. Unentgeltlich. Ein Junge hat laut geweint, als der Mann wieder nach Deutschland zurück musste. ”Warum kannst du nicht bleiben? Ich spiele auch mit dir”, hat er gesagt. Der Junge hat dem Mann ein kleines Holzpferd geschenkt. Eine Figur für die der Mann einen passenden Platz in seiner Wohnung sucht. Einen Ehrenplatz. Die Freunde beratschlagen sich darüber, welcher Platz dafür geeignet wäre.

Ein junges Paar steigt ein. Sie küssen sich wild und hemmungslos.

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen. Außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen.

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Speichel austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.
Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen.

Liebe ist das Schönste und Großartigste.

Ich lächle dem Paar zu, aber sie beachten mich nicht.

 

Die Zugfahrt geht schnell vorbei. Ich höre Musik und lese Gedichte von Rimbaud. Als ich sie das letzte Mal gelesen habe, war ich so alt wie er, als er sie geschrieben hat. Süßer Vogel Jugend.

 

Ich steige aus. Die Luft ist warm und angenehm.

Ein Bettler fragt nach ein bisschen Kleingeld, ich trinke Kaffee und denke ans Meer. Ich krame in meinen Taschen, ich gebe ihm ein bisschen Geld. ”Da ein Riß ist durch die Welt! Und der bleibt zwischen uns, weil der Regen Von oben nach unten fällt”.

Ich schreibe in mein Notizbuch

Getriebene, du kennst den billigen Wein und das Schlafen auf Parkbänken. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist der schwermütige Gast der Party zu der dich niemand eingeladen hat. Du bist der, der sich selbst in einen Käfig gesteckt hat. Schwermut, Melancholie. Zu wenig Schlaf, zu viel Alkohol. Selbstfolter. Wenn man dich fragt, wer du bist, du bist das Kind, das allein gekommen ist. Du bist der Poet ohne Gedichte. Du bist der Narr, den niemand kennt. Halbwissen und Bücher, billiger Wein. Angst, Depression. Du wanderst ohne Ziel, du versuchst dich zu verstecken. Das ist zu viel Gefühl. Zu viel Angst. Die Angst ist dein Käfig. Erzähl mir keine Geschichten, ich kenne sie alle schon. Ich sehe die Menschen an, unsere Blicke treffen sich, ich sehe weg, sehe auf den Boden. Ein Windhauch, die Sonne bricht durch Wolken. Ich bin ein Träumer. Ich habe mich in Träumen verloren. Da ist ein Buch in einem Second-Hand-Buchladen. Ein Buch über Pompeji. Ein Bildband mit geschichtlichen Fakten. Vor dem jüdischen Laden steht wie immer Polizei. Die Menschen ändern sich nie, es ändern sich nur die Zeiten. Ich versuch zu schlafen. Leg mich ins Bett. Betrunken vom billigen Wein. Niemand ruft mich an, ist mir egal. Verkorkst, derangiert, alles ist in Unordnung geraten. Wo der Bettler heute schläft, ob er auch ein bisschen Wein hat? Ob er mal jemanden hatte, der ihm die Hand hält? Ich sitze auf den Dächern der Großstädte, lese Gedichte im Park, betrunken, ein bisschen traurig. Wer die Menschen kennt, ist traurig. Ich verstecke mich vor der Realität im Nichts. Ich trage eine Maske aus falschen Floskeln. Ich bleibe distanziert. Ich bleibe Beobachter, misstrauisch, scheu.

Poète maudit, denke ich. Nichtsnutz. Baby, you’re so repulsive.

”Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen und dein Mund ist viel zu groß”, singt Hilde.

Ich rufe Finn an, aber er ist im Entzug. Alex ist wieder in der Psychiatrie. Die Alten waren im Krieg, die Jungen spielen Krieg.

 

Ich treffe mich mit Freunden.

”Selbstdarstellung – das hatte etwas Avantgardistisches, früher, weißt du, da hat man geschrieben oder sich in Salons getroffen, in Gesellschaften diskutiert, gezeichnet und gemalt, Gedichte geschrieben, Theaterstücke, Romane oder man traf sich im Café oder in Kneipen, in Varietés und Theatern, in der Oper und bei Bällen, Empfängen, Ballett, auf dem Schiff nach Amerika oder durch Bekannte oder Freunde und als es dann schon Kameras gab, machte man Fotos von sich selbst – aber nicht nur – man experimentierte, und als der Film aufkam, machte man Filme, surrealistische zum Beispiel, und man machte Kunst, viel Kunst, und erfand vielleicht sogar eine neue Kunstrichtung. Eine neue Epoche. Man war Künstler. Man schrieb und reiste, zog nach Paris oder New York oder Berlin. Später gab es dann Andy Warhol. 15 Minuten Ruhm. Selbstdarstellung ist seit Warhol vulgär. Niemand hat es so gut wie er gemacht. Die Konservendosen? Die Bananen? Das Alltägliche zu etwas Besonderem machen mit der richtigen Attitüde. Ein paar Bands haben sich noch in den 80ern inszeniert. Menschen im Internet auf Plattformen wie Myspace. Instagram war noch ganz cool, als es noch nicht jeder hatte, aber jetzt kannst du das ja völlig vergessen. Das hat doch jetzt jeder und das mit der Selbstdarstellung ist so peinlich, so peinlich. Ich bin zu pomo für Selfies. Ich habe mich da völlig zurückgezogen. Bekannte fragen mich schon, warum ich nie etwas poste. Ich sehe mir auch nie Posts von anderen an. Na ja, so gut wie nie. Es ist aber meist langweilig”, sagt Mascha. Sie wirft ihr langes, blondes Haar in den Nacken.

”Was ist pomo?” frage ich.

”Postmodern”, sagt Mascha. ”Ich habe mir eine Literatursendung angesehen”, sagt sie. ”Ich möchte auf dem Laufenden bleiben. Kultur in Deutschland. Ich lese immer nur die alten Schriftsteller und aus dem Ausland. Du weißt, wen ich mag. Da war auch eine dieser Selbstdarsteller. Irgend so eine Bloggerin, die ein Buch geschrieben hat. Ich habe darin geblättert – schrecklich, unoriginell, gewöhnlich, schlecht geschrieben, kein Tiefgang, unwahr, snobistisch, bourgeois, spießig, mechanisch, plump, wertlos, unnütz. Es soll sich verkaufen und so ist es geschrieben. Nur Phrasen und Worthülsen, Selbstbeweihräucherung. Das Treten nach unten und Eitelkeit. Niemand ist wie die Autorin. Ich würde ja Protagonistin sagen, aber die Protagonistin ist die Autorin. Die Autorin hat im Interview gesagt, dass sie keine Fantasie hat und das Schreiben hasst, verabscheut. Warum schreibt sie? Ein Autor ohne Fantasie schreibt nur über sich oder seine Freunde. Zu mehr reicht es nicht. Die Autorin ist dann sogar noch eingebildet und sagt, sie sei ein ”Schreib-Talent”. Sieh dir die Sendung in der Mediathek an. Der Moderator, ein älterer Herr mit Halbglatze und Bierbauch und teurem, schlechtsitzendem Anzug, sieht so aus als ob er einen trockenen Samenerguss bekommt, weil die Autorin so begnadet ist und dann noch so schön. Schön. Waren diese Männer noch nie in Paris? Oder Los Angeles? Brasilien? Frankreich? Italien? Asien? Ein schlechtes Buch kann man verzeihen, aber ein schlechtes Buch und Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, das ist unverzeihlich. Warum lässt man sie Bücher schreiben? Ich verstehe es nicht.” Sie nimmt einen Schluck von ihrem Whisky. ”Ich dachte anfangs, dass ich neidisch auf diese Autorin bin, aber ich bin nur neidisch auf das Geld, das sie mit dieser Faux-Literatur verdient. Ich bin nicht neidisch auf Ruhm und Einladungen in Fernsehsendungen. Es wäre mir peinlich so ein Buch zu schreiben und damit im Fernsehen aufzutreten. Es geht mir nur ums Geld. Aus Scheiße Gold machen – es klingt nach wenig Arbeit für austauschbare Bücher von Langweilern, aber ich würde das nicht machen. Ich möchte nicht die Kunst verkaufen. Kein Ausverkauf der Kunst für Anti-Intellektualität. Ich bin ihr treu. Sie ist mein partner in crime.”

”Ist der Massengeschmack nicht immer so? Das Mittelmäßige – oder etwas besser als das Schlechte – setzt sich durch mit den richtigen Kontakten und überzogenem, unbegründetem Selbstbewusstsein?”

”Das kann sein”, sagt Mascha und macht ein nachdenkliches Gesicht.

”Mascha, was ist das für ein Lippenstift?” fragt ein kleines, hellbondes Mädchen mit blauen Augen. Sie ist blass und trägt ein lockersitzendes, weißes Tanktop, einen weißen BH und eine graue skinny Jeans. Ich glaube, sie ist aus Finnland. Ihr Deutsch ist schon so gut. ‘‘Ich wollte euch nicht unterbrechen,” fügt sie hinzu. Sie ist auf MDMA.

”Der ist von DM oder Rossmann”, sagt Mascha. ”Ein günstiger, denke ich, aber ich weiß leider nicht mehr welcher.”

Das Mädchen lacht. ”Ich hätte gedacht, dass du nur so etwas wie Chanel nimmst.”

”Nein, warum das?” sagt Mascha. ”Ich gebe mein Geld lieber für Reisen, Drogen, Bücher, Mode und Champagner aus.”

Das Mädchen verschwindet, geht zu ihren Freunden und sie tanzen zu Devendra Banhart. Gleich danach kommt ein Lied von Adele.

”Die Talentierten setzen sich nicht durch, weil sie Selbstzweifel und Angst haben. Sie möchten immer noch üben, umschreiben, lernen und die anderen machen. Sie denken nicht so viel, sie zögern nicht,” sage ich.

”Die mit dem meisten Talent zweifeln am meisten.”

”Es gibt heute nicht mehr so viel gute Musik, Literatur und Kunst.”

”Irgendjemand, vielleicht Karl Kraus oder ein US-Amerikaner, hat gesagt, dass man nicht Talent haben muss. Man muss ein Talent sein oder so ähnlich, aber das sind die wenigsten. Man muss kein Talent mehr sein. Man muss sich nur gut verkaufen, eine Marke sein und nicht zu gut.”

”Die Masse möchte nichts lesen, was gut ist. Man würde es ja doch nicht verstehen.”

”Nicht die Leute verschrecken, Darling. Die sollen doch weiterkaufen.”

”Mascha, hast du mal wieder etwas geschrieben, etwas gemalt, fotografiert?”

”Ich verweigere mich.”

”Du sagst, dass es so wenig gute Literatur und Kunst gibt, aber du machst selbst nichts? Du könntest. Warum machst du es nicht? Vielleicht denkt jeder mit Talent so wie du. Die Künstler haben sich von Selbstdarstellern verdrängen lassen und die Kunstliebhaber sind Konsumenten. Es gibt keine Hochkultur mehr, es gibt Unterhaltung.”

Mascha nickt.

”Bist du zu postmodern zum Künstler sein? Zu pomo? Ich denke, du bist es. Du bist für alles zu postmodern. Alles, was du früher mochtest. Sieh dich an, wie du schlank du bist. Du isst nicht mal mehr und früher hast du es so geliebt. Was machst du?”

”Ich schreibe nicht. Ich mache keine Musik. Ich mache keine Kunst.”

”Du möchtest nicht so sein wie diese eingebildete Bloggerin oder die anderen, die kein oder wenig Talent haben, aber du musst dich doch nicht der Kunst verweigern? Du wirst keinen Erfolg beim Mainstream haben und die ans Mittelmaß-gewohnten-Massen überzeugen, aber du überzeugst dich und die anderen Künstler. It takes one to know one’’, sage ich. ”If a poet has a dream, it is not of becoming famous, but of being believed. Jean Cocteau.”

Mascha holt ein kleines, dunkelblaues Moleskine aus ihrer Tasche und schreibt etwas auf.

”Was schreibst du?” frage ich.

”Einen Songtext”, sagt sie. ”Ich schreibe wieder.” Sie lacht.

”Worüber redet ihr?” fragt Kijoko.

”Über die Revolution”, sage ich.

”Kann ich mitmachen?” fragt sie.

”Möchtest du in ihr tanzen?”

”Was wäre das denn sonst für eine Revolution”, sagt sie.

”Kein Verstecken mehr. Wagnisse und Mut. L’art pour l’art”, sage ich.

 

Ich denke nach.

Da ist Liebe, da ist Kunst. Da sind alte Zeiten, Nostalgie. Wir fühlen uns unserer Zeit nicht verbunden. Alles fühlt sich gekünstelt an, nichts ist echt. Alles ist Trugschluss und Fassade. Billige Kopien, keine Kreativität, nur Blabla. Früher war es underground, heute sieht man es sich im Internet an, aber man kann sich nicht immer verstecken, wenn man etwas kreieren möchte, muss. Nur weil die Arroganten und Lauten bei den Dummen ankommen. Was hat das mit uns zu tun? Wenn da ein Gefühl ist, eine inneres Verlangen? Man kann sich nicht nur betrinken oder mit Drogen berauschen. Man muss etwas erschaffen oder etwas Gutes tun. Für die Welt, für sich, für die Kunst. Man muss Kunst machen, ohne Erfolg. Helfen. Wenn zehn Menschen deinen Namen kennen, reicht das völlig aus. Wahrhaftigkeit. Wir müssen in unserer Zeit ankommen. Auch ohne Proust oder Camus und die anderen. Ohne die Komponisten oder Bands der 60er. Wir müssen unsere eigenen Künstler und Intellektuellen sein. Wir müssen uns nur trauen. Nicht nur jammern.

Ich tänzle die Treppen herunter, gehe nach Hause. Nach Hause. Was ist da schon? Doch nur da, wo die Bücher sind.

Ich lese einen Text online
Wir sind Künstler, sie stellen her. Sie sind Konsumenten, wir sind Minimalisten. Wir sind Reisende, sie sind Touristen. Wir sind nett, sie sind berechnend. Wir sind verträumt, sie sind immer wach. Wir sind Punks, sie sind Spießer. Sie feiern fein, wir ausgelassen oder gar nicht. Wir sind Dandys, sie sind Neoliberale. Sie gehen ins Kino in den neuesten Film, wir sind Cineasten. Wir sind französische Poesie aus dem 19. Jahrhundert, sie sind Artikel über Selfies, Emojis, Tinder, Whatsapp, Narzissmus, “unsere Generation“ und warum man “den“ Feminismus nicht versteht. Wir sind Max Uthoff, sie sind Jan Böhmermann. Wir sind Weltbürger, sie sind stolze Berlin-Zugezogene. Sie hören Musik, wir sind Musik. Wir sind Rudi Dutschke, sie sind Axel Springer. Wir sind schüchtern, ein bisschen scheu, sie sind laut und eitel. Sie wollen die “richtigen Kontakte“, die sie “nach oben“ führen. Wir wollen die richtigen Kontakte, die uns zu uns selbst führen. Wir wollen die Welt fotografieren, sie wollen sich selbst fotografieren. Wir wollen uns verlieben oder verliebt bleiben, sie sind verliebt in sich selbst. Wir wollen nachdenken. Sie wollen reden. Über sich selbst. Sie sind gierig, wir sind großzügig. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, wir sind bescheiden. Wir sind melancholisch, ein bisschen ängstlich, sie sind von sich überzeugt. Sie sind Smartphones, wir sind Bücher. Sie glauben an Geld, wir an Moral. Wir sind die Wahrheit, sie sind Lügen. Wir wollen gut sein, sie wollen gut aussehen. Wir wollen kreieren, weil wir müssen, sie wollen Erfolg. Sie haben nichts zu sagen, aber reden ununterbrochen. Wir haben so viel zu sagen, wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen. Sie wollen Ruhm und Geld, wir wollen Liebe, Freundschaft, Wissen, Sehnsucht und Kunst. Sie wollen Trends, wir wollen Gutes und Beständigkeit. Sie wollen Gold, wir wollen glitzern und gold bleiben. Wir sind Freunde, sie sind Namen im Smartphone. Sie sind laut, wir sind äußerlich leise. Wir sind Fair Trade, sie sind corporate. Sie sind Generation Produktiv und individualistisch, aber einer oder eine von vielen. Wir sind unsere eigene Generation, individuell und unabhängig. Wir sind kreativ, sie kopieren. Sie sind Egomane, wir sind hilfsbereit. Sie sind Damien Hirst, wir sind unbekannt, aber avantgarde. Wir sind arm aber sexy, sie sind Gentrifizierer. Wir sind genügsam, sie haben genug und wollen immer mehr. Wir sind die UdK, sie die Axel Springer Akademie. Wir sind Stefanie Sargnagel, sie sind Welt Feuilleton. Wir sind ein Schwarz-Weiß-Film aus den 60ern, sie sind Popcorn-Kino. Wir sind die Bohème, sie sind Neureiche. Wir sind Linke, sie sind Linksliberale und Konservative. Wir haben Geschmack, sie haben Geld. Wir sind billiger Rotwein, sie sind teure Restaurants in Mitte oder Pberg-Cafés. Wir sind sensibel, sie sind hohl. Sie sind altklug, wir sind ein bisschen weise. Wir sind französische Chansons, sie sind Charts. Wir sind philosophische Bücher, sie sind Artikel und Kolumnen in Frauenzeitschriften. Wir sind ein bisschen öko, sie lachen uns dafür aus, aber das ist uns egal. Wir wollen die Welt verändern, verbessern, sie wollen Heuchelei, Anerkennung und Konsumgüter. Wir sind mutig, sie sind platt und selbstgefällig. Wir sind international, sie sind ein kleiner Kreis. Sie sind langweilig und leicht zu durchschauen, wir sind unergründbar. Wir wissen, was Arbeit ist, sie wissen, was Small Talk ist. Wir sind Hippies, sie sind Philister. Wir sind politisch oder sozial engagiert, sie posten nur bei Facebook und Twitter. Sie zählen ihre Follower, wir zählen Muscheln, die wir am Strand gesammelt haben. Wir tanzen barfuß im Regen, sie bei “VIP-Partys“, wo wir kellnern. Sie lesen Bücher mit bunten Covern, wir Bücher mit Inhalt. Wir sind natürlich, sie sind affektiert. Wir sind Spaziergänger, Flanierer. Sie gehen immer geradeaus mit Ziel. Wir sind Künstler, sie sind gekünstelt. Wir sind junge Alte oder alte Junge, sie passen sich an. Wir sind Dichter und Denker, sie sind Besitzer und Macher. Wir tanzen während der Revolution, sie stehen uns im Weg. Auf uns.

Ich öffne ein Bier und lache. Ich betrinke mich und gehe hinaus in die Nacht. Die Nacht glitzert und leuchtet. Da ist ein Funkeln. Es ist elektrisierend. Es nimmt dich mit, es ist wie Fliegen. Mein Herz ist sehnsüchtig und wach. Ich möchte auf Künstler treffen. Sie sind irgendwo da draußen. Wir müssen nur mehr vertrauen. Bleib hungrig.

Getriebene

Getriebene, du kennst den billigen Wein und das Schlafen auf Parkbänken. Du bist zu betrunken, um das Buch von Robert Musil zu lesen. Du denkst an andere Zeiten, du denkst an Verzicht und obdachlose Männer, die beteuern nicht obdachlos zu sein und von verlorenen Lieben erzählen. Du denkst an star-crossed lovers, du denkst an Schwulenbars. Du bist eine von vielen und doch gibt es dich nur einmal. Du hörst alte, französische Lieder und Syd Barret. Was ist die Welt, wenn nicht? Was? Da ist zu viel Gefühl, da war schon immer zu viel Gefühl. Sie kennen nicht deinen Namen und wenn sie dich fragen, sagst du ihn nicht.

Paare

mmm

Es gibt ja Menschen, die sich nicht gerne allein mit Paaren treffen (außer für eine Ménage à trois vielleicht oder zum Skat spielen).

Ich mag das – aber nur, wenn das Paar nicht frisch zusammen ist. Da fühlt man sich dann nämlich wirklich wie das dritte Rad am Wagen, wenn die sich die ganze Zeit abschlecken, Saliva austauschen, sich Küsschen geben, streicheln, verliebt ansehen, in Babysprache miteinander reden, über Namen für ihre zukünftigen Kinder reden, die mögliche Hochzeit oder Hochzeitsreise planen, Bilder voneinander machen, sich unter Kleidungsstücke fassen und der Penisträger in der Beziehung (oder beide im Fall eines schwulen Paares) muss womöglich noch eine Erektion verstecken und die Person (oder die Personen) mit Scheide hat vielleicht eine besonders feuchte Scheide und sondert überall Scheidensekret aus bei Erregung wie ein spuckendes Lama und man selbst als Unbeteiligter sitzt nur blöd daneben und denkt, dass Menschen sehr komisch sind.

Paare, die schon länger zusammen sind, eignen sich viel besser, um sich mit ihnen zu treffen. Ich – wenn ich vielleicht nicht mehr so ganz nüchtern bin – als Berufsjugendliche – führe mich dann immer ein bisschen so auf wie als wären sie meine Babysitter, was gut ist, denn an mir können sie üben, wie es ist Eltern zu sein, falls sie Kinder mal haben möchten.

Man müsste mal

Man muss mal einen klaren Gedanken fassen, man muss mal kurz anhalten. Diesen ganzen Denk-Apparat anhalten, denn das ist kein Denken, das ist Grübeln. Das ist sich im Kreis drehen. Immer wieder und immer zu. Das ist kein Denken. Das ist kein Vorankommen. Das ist wie ein Hamster im Rad. Immer im Kreis. Zu viele Gedanken, zu wenig Schlaf. Man kommt ja doch zu keiner Erkenntnis und zermartert sich nur selbst. Es ist die pure Selbstqual, weil man es nicht anders gewöhnt ist oder weil man denkt, dass man es so verdient. Man hat das so für sich selbst bestimmt und gönnt sich keine ruhige Minute. Immer zu geht das so. Wie eine Baustelle von der es rattert und lärmt und man hört den Schlagbohrer. Rund um die Uhr. Nie herrscht Ruhe, nie ist es still. Gedanken rasen wie Express-Züge in abgelegene Bahnhöfe. Durchfahrtszüge. Cargo. Nie halten sie an. Sie rasen nur durch. Durchfahrt. Zu viele Passagiere, die schnattern. Denken wie eine Maschine. Wie ein schlecht programmierter Computer. Da helfen auch kein Alkohol oder Drogen, denn nüchtern werden muss man ja irgendwann doch. Es sei denn man verliert den Verstand, aber wenn es so weitergeht, ist man davon nicht mehr allzu weit entfernt. Angst, irrational, fahrig, unausgeschlafen, zittrig. Wie lange soll der Urlaub sein, denn man bräuchte, um sich mal ein bisschen erholen? Leisten kann man es sich ja doch nicht.

Bye Berlin

Bye good mdma, pretentious German country bumpkins who think they’ve ”made it” because they moved to Berlin and work in media, ugly architecture, flea markets, techno, S-Bahn acquaintances, high-rise sunsets, dog poo everywhere, people from the US who look like extras from the 90’s film Slacker, bad and terribly biassed journalism, appalling sexism, affordable organic food, tasty veggie burgers, ”don’t mention the war”, endless talks about sausages, people who tell you ”Berlin is the new New York” (it’s not), east Europe bashing and the adoration of Sweden, the holy country for Germans, exorbitant rent increases, tourists talking about Berghain, tourists not used to taking a lot of drugs and taking too many, losing it, the nice lakes in the woods, Kotti, Wedding, Neukölln, gentrification, fifth floor but no lift, stucco, rubbish, cheap wine, people who brag about being successful models but aren’t signed with an agency, sad people, rude people, copycats without original ideas, low priced and good international cuisine, low-key racism, classism, sanctimony, spacious flats, everything’s getting more expensive by the minute, guessing if it’s an eastern European or Scandinavian hipster, loud Americans shouting, tourists taking embarrassing The Memorial to the Murdered Jews of Europe / the Holocaust Memorial selfies, waiting for summer during a seemingly infinite and cold winter, foreign indie bands who moved to Berlin because it’s cheaper and they like the ”vibe”, talking about the new big city everyone should move to if they haven’t already because it isn’t Berlin anymore, that city everyone’s looking for, maybe Leipzig? maybe Warsaw?, bad literature, mediocre music, sometimes a good film, questionable fashion sense with exceptions, unfounded arrogance, cute coffee shops, nice art students and actors, long parties, never saying sorry, show-offs, start-ups, bye Berlin

Nancy Sinatra

Unordentliche Zimmer, Bücher, Magazine auf dem Boden, auf der Fensterbank, eine Zimmerpflanze, ein Klavier, eine Matratze auf dem Boden. Alles provisorisch, alles zum Aufbruch bereit. E. telefoniert laut auf Spanisch. Ich höre ihn in laut ”política” und ”democracia” sagen. Er redet sehr schnell. N. raucht in der Küche. Sie macht das Radio an, klappert mit Geschirr.

Am Abend sitzen wir zusammen in der Küche, rauchen und trinken Bier. Ich glaube N. ist ein bisschen verliebt in E., aber ich glaube E. ist schwul. Ich kann es mir denken, als er und ich uns über unsere Lieblings-Dichter unterhalten und N. nicht mitreden kann, aber das muss auch nicht sein. Ich kann mich auch täuschen. Mein Gaydar funktioniert nicht immer. Jedenfalls schmachtet N. ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Er hat gekocht. Pilze in der Pfanne angebraten mit ein paar Tomanten, es gibt Brot.

Ich frage N. etwas über die USA. N. wird wütend. Ich frage, ob sie denkt, dass Kellner und Verkäufer in den USA netter sind als in Deutschland. Das würde man immer so sagen. N. sagt: ”Nicht alles ist besser in Europa.” Ich verstehe nicht, warum sie das sagt. Eine Frage nach netteren Kellnern und Verkäufern ist nur schwer als Kritik an den USA misszuverstehen, denke ich. Ich habe sie ja nicht mal nach Donald Trump gefragt oder ”Bombing for peace in the middle east”. Ich schweige. E. spielt Musik auf seinem Macbook. Wir mögen beide Jazz und Blues. Wir rauchen ein bisschen Gras. E. spielt Nancy Sinatra. N. kennt Nancy Sinatra nicht. Ich dachte, die meisten Amerikaner würden sie kennen. E. sagt, er hasst die USA. N.s Augen flackern kurz auf. Schweigen. Sie sagt nichts. Also doch, sie ist verliebt in ihn oder vielleicht blickt sie auch nur zu ihm als Mensch auf, vielleicht ein bisschen zu viel, und möchte ihm nicht missfallen. N. sagt, dass sie Berlin mag und bei einer Alternative Walking Tour gewesen ist. Sie kramt in ihrer Tasche, holt ein Notizbuch heraus, einen Stift und einen alten Ipod. Einer von den ersten Generationen. Ich bin schon ein bisschen betrunken und habe Gras geraucht – ich bin fasziniert davon, dass sie noch diesen alten Ipod hat. Ich habe schon so viele Ipods kaputtgemacht. Meist unter Wasser. Einmal wusch ich mich am Waschbecken, ich machte eine kleine Katzenwäsche, und hörte dabei Musik. Der Ipod wurde nass und hörte auf zu spielen. Das letzte Lied, das er für mich spielte war ”I did it my way” von Frank Sinatra. Kein schlechter Abgang für einen Ipod. Na ja. Mein letzter Ipod wurde mir ja gestohlen. Ich hatte davor, vor dem Diebstahl, schon gedacht, dass ich eigentlich keine teuren Gegenstände besitzen dürfte. Ich würde ja doch immer etwas verlieren oder kaputtmachen. Immer dachte ich, dass ich diesen, ja, diesen Ipod verlieren würde. Einmal dachte ich, dass ich diesen letzten Ipod verloren hatte, aber ich fand ihn dann doch in meiner Tasche wieder und küsste ihn vor Freude und sang ganz laut nachts betrunken auf der Straße ”Music was my first love”. Konsumismus, denke ich. Ziemlich blöde Sache. Luxusprobleme. N.s Ipod ist schon wirklich sehr alt. Ich sehe mir N. an. Brünett, schöne Augen, hübsch, nicht ganz schlank, aber nicht ”etwas kräftiger” wie man so sagt. Sie trägt, was ich als typische ”Reisender-urbaner-hipper-bohemian-Mensch-Mode” bezeichnen würde. Ich weiß nicht. Ich erkenne Leute, die gerne reisen immer schnell. Die Farben, die Stoffe, die Muster, die Accessoires, die Schuhe. Da ist es egal, aus welchem Land sie vielleicht ”ursprünglich” kommen. N. schreibt in ihr Notizbuch. Sie macht sich kleine Notizen zu Berlin. Ich denke daran, dass ich mal so ein Reise-Notizbuch in Schweden hatte und am Strand saß und auf das graublaue Meer blickte und die dunkelgrauen Wolken. Meist war es windig, weil es erst April war, als ich das letzte Mal da war. Auf einmal komme ich mir, für einen kurzen Moment, jung und hip und urban vor wie E. und N. Schon von Kindheit an fühle ich mich uralt. Hier sitze ich mit Menschen, die sich jung fühlen und jung sind. Ich weiß nicht, wie alt N. und E. sind. Nicht älter als Ende 20, 30 schätze ich. Nicht jünger als Mitte 20. Nicht mehr jung, nicht alt. Das spielt auch keine Rolle. Man kann auch mit 90 ”young at heart” sein sowie ich schon mit fünf ”old at heart” gewesen bin. Ich wäre lieber jung im Herzen.

N. erzählt, dass sie nur vorübergehend in Berlin ist. Sie wohnt momentan in Israel. ”Oh, you’re Jewish?”, sage ich. ”Yeah.” E. sagt: ”I hate Israel.” Ich sage: ”Do you hate the government or the people? I don’t think you can say you hate Israel just like that.” N. lächelt mich an. E. zählt auf, welche Regierungen er hasst. Er ist Südamerikaner. Es gibt ein Wort, das Südamerikaner für einander benutzen. Es fällt mir nicht ein. Es ist so etwas wie Brüder. Vielleicht sagt man auch Brüder. Oder Cousins. Darauf, auf diese ”Verwandtschaft”, scheint E. keinen Wert zu legen: Er mag auch manche südamerikanischen Staaten nicht.

Ich frage N. über Israel. Ihre Augen leuchten auf

Wir wollen noch ein bisschen Bier kaufen. Wir haben schon alles getrunken. N. und ich gehen die Straße runter in einen Späti. Wir sind in Kreuzberg in E.s WG. Ich witzle mit dem jungen Mann, der im Späti arbeitet, herum. N., die kein Deutsch spricht, fragt, worüber wir reden. Wir gehen zurück in die Wohnung. N. möchte vielleicht noch ins Berghain. Ich möchte halb mit, halb nicht. Ich bin müde. E. erzählt von einer Party zu der er noch geht. Eigentlich könnten wir mit, aber eigentlich auch nicht. Es wäre ”schon eine Verpflichtung für ihn”, sagt er. Er weiß nicht, wie er sich fühlt. Wir könnten schon mit, aber hm, er ist sich nicht sicher. Er weiß nicht, ob er sich um uns kümmern kann, ob er nicht lieber mit seinen Freunden sprechen möchte. ”Das ist schon in Ordnung,” sage ich. Er kann uns ja mal sagen, wo die Party ist, sagt er, aber ”wie schon gesagt” weiß er nicht, wie das wird etc., etc. Es langweilt mich. E. sagt, dass er Berlin mag, aber Minimal Techno nicht. Seine alten Mitbewohner fingen Freitag Nachmittag damit an, Mininal Techno zu hören und dann gingen sie in Clubs und als sie wiederkamen hörten sie Techno oder machten Techno selbst noch ”aufgeputscht” von der ”Club-Atmosphere” und von den Drogen, dann schliefen sie, wachten auf, hörten Techno, gingen in den Club, hörten Techno. Ja, das ist Berlin. N. und ich gehen schlafen und nicht in einen Club oder zu der Party, bei der uns E. nicht so recht haben möchte.

Später sagt N., dass ich ihr sagen soll, wenn ich mal in Israel bin und dann wird sie mir ihre Lieblingsplätze in Tel Aviv zeigen.

”I think I understood something. You see, I’ve never liked my generation. Facebook, texts, all that – it has no romanticism. And then, when I came here, and discovered techno and that whole scene, I felt like I belonged to my generation. And I think you have to be modern, absolutely modern. So, as I’m proud of my generation, I decided to stop running away from modernity. I can’t remember who said this but it’s something like: whoever puts his hands in the wheel of time gets his arm ripped off. I belong to my time; we have our music and our drugs. And I don’t want to be like all the people who talk about all that but I have no choice. I want to abandon myself to modernity.”

Oscar Coop-Phane

Erfolg

Wenn man dir einredet, dass du etwas Vernünftiges machen sollst, etwas, das alle anderen auch machen, machen wollen; du dort hingehen sollst, wo sich alle tummeln, ein Sandkorn in einer Sanduhr, nach außen glücklich, auf eine unangepasste Art angepasst, aber hinter verschlossenen Türen kommt man dann auch mal ins Grübeln. Wenn man dir sagt, dass du das doch schon erreicht haben solltest oder man dir eine Summe vorgibt, eine Summe, die besagt, wieviel Geld du auf dem Konto haben solltest, eine To-do-Liste ”100 Dinge, die man vor 30 erreicht haben sollte” oder so ähnlich und man dir vorgekaute Meinungen serviert wie früher manche Mütter den Kleinkindern das Essen. Zieh eine Nummer und stell dich an. Such dir Vorbilder mit Ellbogen, großer Klappe, aber mit wenig Moral. Du willst es doch auch ”nach oben” schaffen. Deinen Namen in der Zeitung lesen oder ihn aus den Mündern einflussreicher Leuten hören. Es geht um Geld, Macht und gutes Aussehen. Wie kommt man da nur hin? Mit viel Schein und wenig Sein, mit Sex-Appeal, Provokation, Lügen und großen Sprüchen. Am richtigen Ort zur richtigen Zeit sein. Sich verkaufen können. So läuft das. Fake it ’til you make it. Photoshop-Bildchen von dir für deine tausenden Follower bei den sozialen Medien. Eine kleine, leise Träne läuft deine heißen Wange herunter, weil jemand, den du kennst, vielleicht wart ihr zusammen auf der Schule, noch mehr Follower hat als du. Oder mehr Geld. Und irgendwann stehst auch du vielleicht mit einem Prosecoo-Glas bei einer Stehparty oder hast eine Sekretärin, mit der du verkehrst, sexuell, oder bist im Vorstand oder schreibst Artikel in konservativen und ”linksliberalen” Zeitungen mit deinen ”Gedanken” oder fährst ein ”gutes” Auto und kannst dir zwei Mal im Jahr Urlaub leisten und schimpst auf jeden, der anders ist, anders aussieht, sich verweigert und die Nachbarn grüßen recht freundlich, aber du denkst, dass ist Neid, denn du kennst nur wenige Gefühlsrichtungen und ein Lachen ist oft falsch wie bei dir. Sie sind neidisch, denkst du. Auf dich und deinen Erfolg. ”Wichtig ist, dass sie dir beibringen: Es gibt keine alternative zum Nichtstun” schrieb Ronald M. Schernikau. Du möchtest ja gar nicht nichts tun. Du möchtest kein Hippie sein wie die ganzen Verlierer der Gesellschaft, sagst du verächtlich. Du möchtest nur nicht hart arbeiten. Und das machst du auch nicht. Man kann es auch ohne harte Arbeit zu etwas bringen. Man sieht es ja an dir.