Tinder

So stelle ich mir Tinder vor

 

Malte-Erik, 26: “Öhm ja, ich hatte schon voll viele Tinder-Dates und so, ja. Das letzte war schrecklich. Das lief erst mal so voll gut, die sah voll gut aus und war auch übelst klug und so, weil beim Date meinte sie so: “Omg ja, wir sind irgendwie voll die verlorene Generation und so. Weil, weißt du so, wir haben so krass viel Verantwortung und so. Welchen Filter nehme ich bei Instagräm, soll ich meinen Ex-Freund bei Facebook als Freund löschen, weil ich jetzt mit seinem Bruder zusammen bin, ist es uncool, wenn ich zu einem Vortrag in meiner Uni von Michael Nast gehe, obwohl sein Buch doch so voll wichtig ist und so, aber mein Ex-Freund meinte, der wäre irgendwie uncool, hm, und Michael Nast ist doch irgendwie so voll süß und ich weiß jetzt gar nicht, was ich machen soll, ich habe doch schon die Karten für Michael Nast, hm ja und soll ich lieber einen Mode- oder Food-Blog haben, zu welcher Fäschn Week soll ich gehen, welchen Detox Tea kaufen und hm, und ähm, ja, und was ich auch noch sagen wollte, ist, ja, also, ich sage das jetzt einfach mal, dass das nämlich ja auch irgendwie voll scheiße ist irgendwie, auf gut Deutsch gesagt, und das muss auch mal gesagt werden, und darum sage ich das jetzt mal, ja, also, ich wollte sagen, dass der zweite Weltkrieg jetzt schon sooooo lang her ist und wir Deutschen sind ja immer noch voll schuld wegen der ganzen Juden und so. Können die Juden nicht mal irgendwie aufhören rumzustressen? Omg, war das jetzt rassistisch oder so? Ich habe nichts gegen Juden. Die sollen halt nur mal irgendwie über was anderes reden und so. Das sind irgendwie voll die Hobbylosen und so. Und warum sind wir Deutschen immer schuld? Was ist denn mit den blöden Ösis? Ich meine ja nur, Malte-Erik.“ und ich sagte: “Endlich mal eine kluge Frau. Ich dachte, es gäbe nur Dumme. Ja, Stalin hat ja auch voll viele umgebracht und Maoam auch und so. Das habe ich mal bei einer Ntv-Dokumentation gesehen. Darüber redet ja auch keiner. Immer nur wir Deutschen. Hm, oder war das auf N24?“ und sie so: “Stalin? Ist das ein DJ? Ich glaub, ich habe den schon mal im Berghain gesehen.“ und da war ich voll beeindruckt irgendwie, mein Herz pochte ganz laut und ich hatte gleichzeitig eine Erektion und das war so Herz-Emoji irgendwie und ich konnte es nicht glauben, dass ich mit so einer klugen Frau bei einem Date bin, die sich irgendwie voll viele Gedanken macht und so und ich wollte halt schon ein Start-up-Unternehmen mit ihr gründen, als sie meinte, dass sie immer ironisch ins St. Oberholz geht, weil sie da um die Ecke wohnt und sie hat zwar auch ein Macbook, aber das nimmt sie da nicht mit, weil ihr das irgendwie peinlich wäre, weil sie ja nur einen Kaffee trinken will und die im St. Oberholz haben ja eh irgendwie nichts zu sagen und sollten aufhören zu schreiben und so, weil sie hat viel mehr zu sagen. So voll einsteinmäßig, ja, aber dann, dann hat sie Foucault falsch ausgesprochen, Foucault, weil sie hat nämlich Fucker gesagt und sie meinte, sie hat ihn gelesen, weil das ja voll zu einem intellektuellen Menschen irgendwie dazugehört, dass man den liest, aber sie hat gar nicht verstanden, was er da schreibt und so und dann hat sie ihn bei unserem Date falsch ausgesprochen und das war so schrecklich irgendwie. Da habe ich das Date gleich abgebrochen und bin schreiend rausgerannt und musste einen frischen, grünen Smoothie für 10 Euro trinken, weil wegen der Vitamine und der freien Radikale und so, weil ich die nach dem Date dringend brauchte für meinen Detox. Hm, ja.“ und er fängt an zu weinen. “Ich studiere Soziologie. Und dann das. Bitte, schnell. Bring mir einen Smoothie. Fucker!“ und er bricht zusammmen, kauert auf dem Boden in der Ecke und schlägt mit dem Kopf gegen die Wand. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. “Ich leide an posttraumatischer Belastungsstörung! Smoothie! Schnell. Hiiiiiiiiiilfe! Buhuhu. Foucault! Ich werde allein sterben! Niemand liebt mich! Ich will zu meiner Mama! Ich hasse euch alle!“

Julia, Nickname Bi-Girl69, 24 schreibt: “Ich habe in meinem Profil geschrieben, dass ich natürlich Feministin bin, damit die geilen Weiber, die Feministinnen sind, nicht denken, dass ich was gegen sie habe. Ich habe geschrieben: “Ein bisschen bi, schadet nie. Schreibt mir, ihr heißen Girls.“ Und da kommt so eine zum Date und die ist irgendwie so voll behaaart, so voll Urwald-mäßg, und ungeschminkt? Und ich so wtf?! Und ich so: ‘ewwwww. Wie siehst du denn aus?‘ und die so: ‘Warum?‘ – ‘Ja, du bist so behaart und hässlich halt?‘ und dann kam dann raus, dass das irgendwie voll das Missverständnis war. Ich: Feminismus= freethenippple, sex positive, Porn is empowering for women, omg, you guys, habt voll viel Sex mit jedem, weil sonst seid ihr voll prüde lolz und Christen halt, Prostitution is empowering for women, Pussy Riot, Femen und die so: Typ Kampflesbe in Flanell, BMI mindestens 28, kauft Sexspielzeug im Baumarkt, second Wave Feministin. Hm ja, dann date ich jetzt vielleicht doch wieder nur süße Boys und keine hässlichen Weiber. Am besten Boys in Bands, aber nur der Sänger oder vielleicht noch der Gitarrist. Weißt du, was ich meine?“

Daniel-Hendrick, 28: “Jan Böhmermann ist so voll witzig haha. Das ist der beste Satiriker vom Deutschland. Omg, Satire darf alles, okay? Das mit dem Ziegenficken hahahahaha. So witzig. Oder waren das Schafe? Ich liebe Böhmi so. Wie viele Satiriker ich sonst noch kenne? Ja, öhm, keine. Nein, warte mal, Klaus Winterschledt? Und Otto Walkes. Ist Otto Walkes ein Satiriker? Ja, oder? Hm, dann noch Mario Barth vielleicht. Und du so?“

Dennis 26: “Es ist echt wichtig informiert zu sein und Nachrichten und so zu lesen. Ich bewundere ja total Leute, die bei Springer arbeiten. Ich würde da auch voll gerne arbeiten, aber ich bin halt nicht so talentiert. Ich meine, Frededick Schniedeln omg, das ist so ein voll krasser Hipster-Typ. Der ist so der König von Mitte, ey. So wie halt der König von Mallorca Jürgen Drews, aber Mitte-Hipster halt und nicht Mallorca oder meinst du der wohnt im Prenzlberg? Omg, ich wohne auch im Prenzlberg. Letztens war ich so in Kreuzberg gewesen. Omg, das war voll dreckig da irgendwie und die chicks waren auch nicht so prall. Ich mein, ich konnte die gar nicht auschecken, weil die halt so ihre Moslemtücher umgebunden haben und so. Frededick ❤ Ich will auch so ein cooler Hipster-Typ sein. Ist das jetzt irgendwie gay? Liest du gerne den Focus und die Welt? Diese Zeitungen regen voll zum Nachdenken an. Denken ist ja eigentlich voll lame so und macht voll müde. Ich lese ja sonst nur die Schlagzeilen der Bild im Spätkauf lolz. So voll gut. Ich habe früher auch voll gerne die FHM gelesen, aber die gibt es ja leider nicht mehr. Ich liebe auch Don Alphonso. Der ist so klug, ey.  Der ist jetzt auch bei der Welt hihi. Was liest du denn so? Hm, kenne ich nicht. Klingt irgendwie langweilig und so. Bücher von französischen Autoren? Ich kenne mich schon mit Französisch aus, aber nicht mit Büchern hahahahahaha. Wolle wu kuschä aveck moah? Hahahahahahahahahahahahahahahahaha. Blasen geht auch. Hahahahahaha. Kannst du mir mal ein Nacktbild von dir schicken? Ich will ja schon mal vorher checken, ob sich ein Treffen mit dir überhaupt lohnt, Baby. Magst du anal?“

Marvin, 23: “Du kennst ja irgendwie nur so alte Musik und Filme und Bücher und so? Voll langweilig.“

Ingo, 30: “Ich liebe dich, warum schreibst du mir nicht? Ich habe dir vor zwei Minuten schon mal geschrieben und du ignorierst mich? Wer denkst du, wer du bist, du dumme Schlampe? Ich bin dir wohl nicht gut genug, was? Ihr Frauen wollt doch eh nur Typen mit Geld und einem dicken Auto. Ich wollte dir gar nicht schreiben. Ich habe mich verklickt. Dir will doch sowieso keiner schreiben. Darum hast du dich auch hier angemeldet, weil du keinen abkriegst. Du hässliche Schabracke. Du bist so dumm.“ Weitere Nachricht: “Hure.“

Patrick, 29: “Dickpic“.

Daniel, 35: “Sorry, du bist mir zu alt. Ich suche nur 18 – 23”.

Luis, 28: “Nein, das hier ist keine kostenlose Werbung für mich, aber geh mal auf diese Seite. Das ist mein Unternehmen. Wenn du Waren im Wert von 1000 Euro bestellst, können wir ein Date haben. Vielleicht kaufst du bei unserem Date noch mehr.”

Finn-Luca, 18: “Wollen wir uns treffen, bae? Ich steh voll auf Milfs und du bist echt #onfleek Mein Opa sagt auf alten Schiffen lernt man segeln. Magst du Bibi’s Beautyplace? Wer ist deine Lieblings-Kardashian? Was trinkst du gerne bei Starbucks? Findest du auch, dass Justin Bieber jetzt cool geworden ist? In meinem Profil steht zwar 18, aber ich bin erst 16. Deshalb vor meinem 18. Geburtstag nur Petting lmao. Ich fasse dich kurz für eine Sekunde am Arm oder Ohr an oder so, du stöhnst ganz laut und dann cumshot wie in den Pornos. Du willst ja nicht in den Knast? Wie bei Orange is the new Black rofl. Age is just a number und 1 Gefängniszelle ist auch nur 1 Raum bahahahaha muahahaha. Auf, schreib, mir, grandma. Komm schon, hoe. Bist du gut in Englisch? Ich bräuchte Hilfe bei den Hausaufgaben. Ich bin versetzungsgefährdet. Hast du 1 Auto? Du kannst mich gerne mal von der Schule abholen und meinen bros und mir Bier kaufen. No homo. Ich und meine bros hätten voll gerne Tattoos. Wir dachten so an Tränen unter den Augen. Kannst du mit ins Tattoo-Studio kommen und sagen, dass du unsere Mom bist? Du hast halt früh angefangen lmfao. Bitch lol.” Augerginen-Emojis.

Pollyanna 27 und Manfred 30: “Hi, wir sind ein Poly-Paar und suchen eine Gespielin. Wärst du interessiert? Wir wollen aber noch mal explizit erwähnen, dass wir POLY sind. Das heißt, wir schnackseln mit jedem und kennen keine Eifersucht. Hi, jetzt schreibt Manfred. Also, ich war schon mal eifersüchtig, als die Pollymaus was mit meinem Chef hatte, die haben es wie die Karnickel auf dem Kopierer getrieben, aber das war ja nur ein Quickie. Das ist einfach dieses soziale Konstrukt der Monogamie, das uns aufgezwungen wurde, das mich noch voll an den Eiern hat, aber ich löse mich immer mehr. Hier wieder, Pollyanna. Ja, also, wir wollen nur mal schreiben, dass die Scheiß-Monogamie so voll obsolet ist. Diese ganze heteronormative Spießerscheiße, ey. Die Leute lügen sich nur was vor und die sind halt mal so gar nicht glücklich. Also, was ist? Kommst zu zum Schnackseln vorbei? Wir können uns auch bei dir treffen. Was sind deine sexuellen Vorlieben und Tabus? Kannst du vorher einen Chlamydien-Test machen? Manfred hat schon mal Chlamydien von seinem Bankberater bekommen und das hat so gejuckt. Bist du rasiert? Manfreds Maße sind 19×6. Heiße Küsse, Pollyanna und Manfred.”

Julia, 25: “Ich bin Journalistin und Autorin. Ich wohne in BERLIN. BERLIN ist das neue New York. Das sogenannte New new York. Ich bin nur hier wegen eines Artikels über Tinder. Soll ich dir von meinem Tag erzählen? Ein Mann in billigen, verschlissenen Klamotten sieht MICH an, wie ICH ins Taxi steige. Sein schmutziges Gesicht ekelt MICH an. Ja, ICH habe Geld, armer, hässlicher Mann. Ja, ICH steige ins Taxi. Ja, ICH fahre in die Redaktion. Ja, ICH treffe mich mit meinem CHEFredakteur Dulf Schnorchlhardt und du bist arbeitslos. Ja, ICH. ICH rauche eine Zigarette und blase ihm den Rauch ins Gesicht. Er will Kleingeld. ICH gebe ihm keines. “Verpiss dich, hässlicher Mann“, sage ICH. “Du bist arm und erbärmlich und ICH bin eine überaus erfolgreiche, talentierte Medien-Lady.“ ICH fahre im Taxi an Jugendlichen vorbei. ICH hasse sie. Da sind auch noch hässliche Frauen. Überall sind die. ICH hasse auch sie, diese unterbelichteten Nutten, aber ich verspüre auch etwas Mitleid. Sie können nichts dafür, dass sie nicht ICH sein können. ICH. Es ist Wetter, es ist ein Tag. Das Wetter tut, was das Wetter tut. Schlapp wettert es sich vor sich hin. Das Wetter, es ist nicht Jörg Kachelmann. ICH bin nicht das Wetter. ICH bin. ICH. ICH. Unsere Generation ist depressiv. Ennui, Ennui. ICH, ICH. Der Tag tagt mal wieder eine Tagung. Bis die Tage will ICH sagen, aber morgen wird schon ein neuer Tag sein. Das ist, was der Tag macht, er kommt immer wieder wie Herpes. Man kann den Tag nicht vertagen. Tag ein, Tag aus, ist da Tag, so viel Tag und das Wetter, das Wetter, ja, das auch. Wir sind reich und darum so arm. ICH bin so tiefgründig. ICH bin ICH. ICH gucke mir Tschörmani’s Näxt Topfmodel an. ICH bin schöner als wie die alle. ICH. ICH bin zu famous geworden. Darum lege ich mir ein Pseudonym zu. ICH bin ja auch irgendwie voll pseudo hihi. ICH nenne MICH Schwére von Bägriffe. Das Von bitte nicht vergessen. ICH bin schön und klug und ihr seid alle dumm und ekelhaft. Kauft euch Rotkäppchen-Sekt von eurem Hartz IV. Ihr widerliches Gesindel. Pöbel. Seid ihr dumme, fette, feministische Kampflesben oder Psycho-Autisten oder beides irgendwie? Gebt MIR Geld, ihr dummen, primitiven Affen. ICH fahre an euren Arme-Leute-Hochhäusern und der Klapse vorbei und lache euch aus. Ihr werdet nie ICH sein.“

Ralph-Thorben, 49: “Willst du nicht mal einen richtigen Mann? Diese ganzen Grünschnabel haben doch nichts drauf, Süße. Die arbeiten doch alle bei Vice or machen ein Praktikum und nehmen schlechtes Koks. Du willst dich doch nicht auf einer dreckigen Matratze in einem WG-Zimmer von so einem schwängern lassen? Versau dir nicht die Zukunft, Mädchen. Mir gehört eine Werbeagentur und ich habe gutes Koks. Ich habe eine Eigentumswohnung mit Dachterrasse. Also, was ist? Schick mir mal deine Nummer? Ich habe das ja hier alles eigentlich gar nicht nötig, aber ich war mal neugierig, Darling.“

Julian, 25: “Nein, Schatz, ich bin hier nicht angemeldet, um Frauen kennenzulernen. Bist du dumm? Wie kommst du darauf, dass ich das hier machen will? Was unterstellst du mir? Ich will nur dich. Du bist ja paranoid. Ja, und? Ist es verboten sein Bild bei Tinder zu ändern? Das bedeutet nicht, dass ich hier aktiv bin. Du bist doch verrückt. Nein, das war keine Benachrichtigung von Tinder. Ja, das weiß ich doch nicht, warum Tinder mir das schickt. Du solltest eine Therapie wegen deiner Eifersucht machen. Das ist ja nicht normal. Ja, deine Freundinnen haben mich bei Tinder gesehen, als wir Streit hatten, weil du wieder so zickig und eifersüchtig warst und ich mich ablenken musste. Ich brauche das für meine Ego. Ich suche nur Freunde. Ich weiß nicht, warum ich mich hier angemeldet habe. Mein Hund hat sich bei Tinder eingeloggt.”

Horst-Joachim, 82: “Na, du kesse Biene. Willst du mal um meinen Stängel herumschwrirren? Ich habe euch eine Ladung Nektar für dich. Ich habe eine Großpackung Viagra. Magst du Rollenspiele?“

 

Alle erwähnten Personen sind natürlich frei erfunden.

Betrunken blamiert

Wie man damit umgeht, sich betrunken blamiert zu haben
Der Alkohol floss in Strömen und Sie wurden gefühlsduselig, haben peinliche SMS verschickt, fremde Menschen mussten als Ihre Therapeuten oder Therapeutinnen herhalten, nackt waren sie vermutlich auch noch und haben so viel geredet, dass niemand anderes zu Wort kam. Leider haben Sie nichts sonderlich Intelligentes gesagt, im Gegenteil, wenn ich so sagen darf und jetzt schämen Sie sich verständlicherweise. Was können Sie trunkener Tunichtgut nun für Ihr Ego tun?

Viele Menschen mögen Listen. Deshalb hier eine Liste für alle beschämten Trunkenbolde.

 

1.

Wer immer schon mal daran gedacht hat auszuwandern – weit weg, nach China zum Beispiel – jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Sachen packen und los geht’s. Üben Sie sich aber bitte in der neuen Heimat in Abstinenz oder maßvoller Selbstkontrolle. Sonst müssen Sie innerhalb weniger Tage – oder vielleicht sogar am Ankunftstag – wieder auswandern, weil Sie sich schon wieder betrunken blamiert haben. Da kann man aber eine Karriere als Vertreter/in durchaus in Erwägung ziehen. Lassen Sie sich in Ihrer Arbeitsagentur beraten

 

 
2.

Falls Sie es mit der betrunkenen Blamage nicht sein lassen können, können Sie sich vielleicht in ein islamisches Land versetzen lassen bzw. den Arbeitgeber wechseln. Da ist Alkohol gleich verboten. Wenn Sie sich da nüchtern immer noch daneben benehmen, liegt es nicht am Alkohol, dass Sie so sind wie Sie sind. Das nur mal so. Lassen Sie das dann vielleicht lieber sein, falls Sie sich nicht in eine existenzielle Sinnkrise stürzen möchten.
Wer nicht auswandern möchte, kann sich ja in der Nachbarstadt absetzen, wo einen niemand kennt

 

 
3.

Wer öfter mit dem Gedanken gespielt hat Schönheitsoperationen auszuprobieren und sich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, hat jetzt einen guten Grund dazu. Auch schön wäre eine vorgetäuschte Transsexualität mit Namenswechsel. Wenn Sie zwar dem Alkohol nicht abgeneigt sind, aber Aufwand und Ambition scheuen und deshalb das Obige für Sie nicht in Frage kommt, dann wäre es für Sie empfehlenswert ab sofort nur noch verkleidet vor die Haustür zu gehen. Niemand wird Sie erkennen und Sie können so tun als sei nichts gewesen

 

 
4.

Gibt es Außerirdische? Warum nicht Astronaut/in werden oder gar selbst ein Raumschiff bauen, damit ins All fliegen und es herausfinden. Wenn es keinen Alkohol auf dem neuen Planeten gibt, kann ja nichts schiefgehen

 

 
5.

Falls Sie sich vor einer Gruppe Menschen betrunken blamiert haben, die sich jetzt über Sie lustig macht und das auf überaus gemeine Art, kann man sich doch einfach ein paar Gerüchte über diese unangenehmen Zeitgenossen ausdenken und verbreiten, die um noch um einiges peinlicher sind. Schon redet niemand mehr über Sie

 
6.

Verdrängen Sie

 

7.

Betrinken Sie sich wieder und dieses Mal trinken und blamieren Sie sich noch mehr. Dann ist das eine Mal, als Sie sich betrunken blamiert haben, nicht so peinlich, weil es öfter vorkommt. Irgendwann gewöhnt man sich daran

 

8.

Haben Sie schon mal daran gedacht, dass die Menschen, die Sie in Ihrem betrunkenen Zustand aushalten mussten, Sie schon vorher nicht mochten und nun hat sich die Abneigung gegen Sie nur nochmals vertieft? Es ist doch schön für Sie, dass Sie schon vorher unbeliebt waren

 

9.

Reden Sie sich ein, dass die anderen Menschen langweilig sind und deshalb nicht Ihr peinliches, betrunkenes Verhalten zu schätzen wissen

 
10.

Werden Sie Prank-Youtuber und verdienen Sie Millionen. Da kann man für Geld peinlich sein und seinen Freunden weismachen, dass das betrunkene, peinliche Verhalten nur Übung für die bevorstehende Youtube-Karriere war

 
11.

Wechseln Sie den Freundeskreis. Wenn Sie nur noch mit Ballermann 6 – und Balaton-Saufbrüdern befreundet sind und Ihre Wochenenden ab sofort aus einem Junggesellenabschied nach dem nächsten in den Rotlichtmilieus diverser europäischer Städte bestehen, ist die Erwartungshaltung an Sie eine ganz andere und Sie erhalten sogar noch Lob für besonders peinliches, betrunkenes Benehmen

 

12.

Vielleicht liegen Ihnen aber auch Drogen einfach mehr als Alkohol. Man kann aber auch immer noch die heftigste Droge überhaupt versuchen: Nüchternheit, bei Ihren armen Mitmenschen entschuldigen und aus den Fehlern lernen

 

Zusammen

Sie hatten sich ein Reihenhaus gekauft. Tillman, Larissa die zwei Kinder und der Hund. Die Kinder sagten, sie hätten noch gerne ein Meerschweinchen, aber Tillmann und Larissa wussten nicht so recht, ob der Hund nicht schon als Haustier ausreichte. Man musste so oft mit ihm Gassi gehen und er war süß, aber groß und nahm viel Platz in Anspruch und jetzt auch noch ein Meerschweinchen? Sie waren sich nicht sicher. Zu zwei Meerschweinchen hatte ihnen Klothilde, die Tierfreundin aus der Nachbarschaft, mit der sie manchmal Smalltalk führten, geraten. Man hält mindestens zwei Meerschweinchen, nicht eines allein, sagte Klothilde. So ein Meerschweinchen, oder zwei besser gesagt, das nimmt nicht viel Zeit und Platz in Anspruch, so dachten sie, aber zusätzlich zum Hund noch zwei Meerschweinchen? Würde das nicht zu viel werden für sie und die Kinder? Die Kinder waren noch klein und die meiste Arbeit den Hund betreffend fiel auf sie ab. Tillmann und Larissa sagten zwar “sie”, aber meinten damit eigentlich nur Larissa.

“Es ist jetzt fünf Jahre her, dass wir uns bei einer Dating-App kennengelernt haben”, sagte Larissa, nachdem die Kinder im Bett waren.

“Ja, das ist doch schön Schatz”, sagte Tillmann.

“Ein Arbeitskollege, Luis, hat schon wieder gefragt”.
“Schöne Grüße”, sagte Tillmann.

“Und der Paketbote.”
“Ist der nicht schon in Rente?”

“Nein.”

“Der sieht so alt aus.”
“Schatz.”
“Was kochst du heute? Ich hätte mal wieder Lust auf Thüringer Klöße”, sagte Tillman.
Larrisa stöhnte.
“Müde, Schatz?”
“Nein”, sagte Larissa. “Ich würde nur gerne mit dir reden.”
“Das trifft sich gut. Ich auch mit dir. Hast du schon über die Meerschweinchen nachgedacht?”

“Schatz, können wir darüber bitte ein anderes Mal reden?”
“Aber Larissa”, sagte Tillmann. “Willst du nicht, dass die Kinder happy sind?”
“Nein,” sagte Larissa laut. “Ich meine doch.”
Eines der Kinder weinte.
“Na toll, Larissa. Jetzt hast du die Kinder geweckt.”
Larissa seufzte. “Ich gucke mal, was er hat.” Aber da verstummte das Kind wieder.
“Er schläft weiter”, sagte Larissa.
“Ja”, sagte Tillmann und blickte wie hypnotisiert auf sein Handy-Display.
“Zwei Meerschweinchen, Schatz?” fragte er.
“Tillmann, ich muss mit dir reden.”
Tillmann stöhnte auf. “Was ist denn, Larissa? Hast du deine Tage?”
“Nein, aber ich will mit dir reden.”
Tillmann blickte nicht vom Handy auf.
“Ich rede mit dir”, sagte Larissa.
“Was?” sagte Tillmann gereizt.
“Sind wir zusammen oder nicht?” sagte Larissa.
“Fängst du schon wieder damit an?” sagte Tillmann. “Ich habe dir gesagt, dass ich keine Labels mag. Du sollst nicht immer so emotional und aufdringlich sein.”
“Wir sind seit über fünf Jahren zusammen, haben Kinder und ein Haus.”
“Hund”, sagte Tillmann.
“Bitte?” sagte Larissa.
“Wir haben auch einen Hund und vielleicht auch noch Meerschweinchen.”

Feministische Mode

Aufdrücke wie ”Feminist”, ”Girls support girls” und ”This is what a feminist looks like” zieren die T-Shirts und Tops in den Bekleidungsgeschäften und Online-Verkaufsseiten westlicher Länder und viele Menschen fragen sich: Ist das feministisch? Ist das feministische Mode?

Zu Recht wird von Feminist/innen selbst, aber auch von den verbissenen Anti-Feminist/innen kritisiert, dass die Kleidung in ärmeren Landern in Asien von Mädchen und Frauen genäht wird, die für einen Hungerlohn und unter schlechten Arbeitsbedingungen arbeiten müssen und ausgebeutet werden, damit – so lautet die Kritik – ignorante Frauen im Westen mit erhobener Brust politische Statements, die für Solidarität unter Frauen stehen sollen, auf der so modisch-“woken” Kleidung präsentieren können. Im normalen Alltag, auf sozialen Medien, beim Women’s March.

Es war 2014 als Karl Lagerfeld mit seinen Models bei der Präsentation der Chanel-Frühlingskollektion eine feministische Demonstration inszenierte. Ist das Feminismus oder Marketing wurde gefragt. Vermutlich ging es Lagerfeld eher um Geld. Das Auffangen eines Trends. Femnistinnen galten nicht mehr als unmodische lila Latzhosen-Trägerinnen, nein – oftmals jung und aufgeschlossen, kaufkräftig, hip und ”empowered”. Daraus musste Kapital geschlagen werden.

Es geht um Geld in der Mode-Industrie. Die großen und kleinen Modehäuser möchten verkaufen. Moderne Frauen posten auf sozialen Plattformen wie Instagram über Feminismus. Man ist nicht mehr wie früher die ”behaarte Männerhasserin” und wenn man behaart ist, sieht man dabei gut aus. Feminismus ist seit ein paar Jahren ”in”. Der Mainstream-Feminismus ist ein liberaler Feminismus. Die bestimmenden Themen sind sexuelle Freizügigkeit, die Unterstützung von Porno-Industrie und Sex Work und ”Identity politics”. Der liberale Feminismus lässt sich gut verkaufen. Man kann ”gut aussehen”, Konsumentin und Feministin sein.

Ist es daher gut, wenn meist junge Frauen diese ”feministischer” Mode kaufen?

Ja und nein.

Selbstverständlich ist es von Feministinnen abzulehnen, dass die so frauenfreundlich-scheinende Kleidung von armen Mädchen und Frauen in Asien genäht und dann im Westen verkauft wird, aber zumindest beschäftigen sich die Feministinnen in der westlichen Welt mit Feminismus und stehen dazu, schämen sich nicht mehr, denn auch wenn Feminismus nicht mehr so einen schlechten Ruf hat – immer noch bei unpolitischen, konservativen und weltfremden Menschen, aber auch bei den Möchtegern-“coolen Girls”, die alles daran setzen Mann zu gefallen und ja nicht negativ aufzufallen wie die ganzen ungezähmten, hysterischen Feministinnen – und die feministische Bewegung unterstützt wird von aufgeklärten, modernen Menschen, sind noch nicht alle Menschen über Missstände aufgeklärt. Diese sogenannte feministische Mode bietet Berührungsfläche mit dem was Feminismus sein könnte. Es ist oberflächlich, aber es ist eine erste Begegnung und ein Statement: ”Seht her, ich bin Feministin.” Frau schämt sich nicht, denn es gibt nichts, worüber man sich schämen muss. Frau ist stolz und das ist gut.
Frau zeigt anderen Frauen, dass sie stolz ist. Es ist besser, dass vielleicht die Lieblings-Influencerin Feministin ist und das auch nach außen trägt als Vorbild für ihre Followerinnen als dass eine spießige Anti-Feministin zum millionsten Mal verkündet, warum sie “den” Feminismus ablehnt und keine Feministin ist. Sie ist “kein Opfer”, sie mag Männer, “Frauen geht es hier doch gut”, eine Frau, die Feministin ist und die aber keineswegs als Vertreterin aller Feministinnen gewählt wurde, hat mal etwas gesagt, was der Anti-Feministin nicht zusagt und deshalb sollte sich jeder von “dem” Feminismus lossagen. Es ist immer das Gleiche. Dann lieber eine kluge, moderne Frau mit einem feministischen Slogan auf der Brust, der neuen feministischen Werbefläche. Aber es gibt einiges zu kritisieren.

Nicht nur die Herstellung der feministischen Mode und die Kritik an dieser ist etwas, womit man sich beschäftigen muss.

Es kam in diesem Sommer heraus, dass der Gründer und CEO Alan Martofel des Modelabels “Feminist Apparel”, das sich, wie der Name erahnen lässt, auf feministische Mode spezialisiert hatte, Frauen sexuell belästigt hatte, bevor er seine Berufung als feministischer Geschäftsmann gefunden hatte und das zu Geld gemacht hatte. Als Angestellte des Betriebs daraufhin seine Kündigung forderten, entließ Martofel diese.
Wir wissen nicht immer, wer hinter feministischer Mode steckt und was deren Beweggründe sind. Ein gutes Herz? Selten im Kapitalismus. Das muss auch nicht immer Feminismus im Kapitalismus sein. Beauty- und Mode-Label und andere Großkonzerne, die auf einmal auf “Body positivy” und “inclusivity” setzen, sind nicht immer authentisch und man sollte, wenn es um Geld geht, nicht zu naiv sein.

Ist es egal, ob man feministische Mode trägt, die von armem Frauen genäht wurde, weil das Top ohne feministischen Bezug auch von diesen Frauen genäht wird? Nein, das wäre scheinheilig.

Dass die Tops, Pullover und T-Shirts eben nicht Fair Trade sind – das muss kritisiert werden. Warum nicht jemand unterstützen, der eigene Mode, Mode mit feministischen Aufdrücken, verkauft oder warum nicht selbst machen?

Warum nicht mit Frauen fair zusammenarbeiten?

Wir alle sollten unser Konsumverhalten hinterfragen und uns Gedanken über Fast fashion machen, weniger kaufen. Die Kritik an feministischer Mode sollte eine Kritik an aller Mode sein. Es ist nur ein kleiner Ansatz. Feministische Mode ja, aber nicht ohne sich vorher Gedanken gemacht zu haben, was man mit dem Kauf dieser Mode unterstützt.

Mykonos, bitch

 

 

Vielleicht sollte ich auch mal wieder abends ausgehen statt melancholisch herumzuhängen und zunehmen,  aber ich denke aus dem Alter bin ich heraus. Es ist erst wieder “hip” auszugehen, wenn man alt ist. Ab einem gewissen Alter hat das alles so ein bisschen etwas von: Hat er oder sie nichts Besseres zu tun tun? Und meistens ist es ohnehin langweilig. Und dann macht man eine kleine Pause von drei bis vier oder fünf Jahrzehnten und taucht wie Phoenix aus der Asche als Techno-Rentner auf, der länger wachbleiben kann als die jungen Hüpfer und dank neuem Hüftgelenk auch besser tanzen kann. Aber andererseits ist das nur so eine Art “Alters-Shaming”. “Feiern gehen” war schon mit 18 langweilig und nur dank diverser Muntermacher und dergleichen besser als nicht feiern.

Vielleicht ist das auch irgendwie nur eine Winterdepression, die aber einfach ein bisschen aufdringlich ist und sich in allen Jahreszeiten breitmacht.  Ganz schön großes Ego. Vielleicht soll ich sie als Inspiration nehmen.

Bewerbung als Reporterin

SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG

Ericusspitze 1

20457 Hamburg

Hi, ihr Süßen,

ich habe gehört, dass bei euch eine Stelle frei geworden ist, da Claas Relotius gekündigt wurde hihi.

Ich bin momentan auf Expedition in Südamerika, in Bolivien genauer gesagt, wo ich ein Naturvolk entdeckt habe über das es noch keine Erforschungen gibt. Ich bin hier seit einem Monat und habe inzwischen die Sprache des Stammes, der mich aufgenommen hat, erlernt. Erst waren die Ureinwohner misstrauisch auf Grund meiner schönen, blonden Haare, aber mittlerweile haben sie mich ins Herz geschlossen. Ich bin ja auch ziemlich süß und liebenswürdig. Der Häuptling hat bestimmt, dass ich seine Nachfolge antreten soll, da er inzwischen in die Jahre gekommen ist. Ich denke aber nicht, dass ich das Angebot annehmen kann.

Ich bin noch ein bisschen erschöpft von meiner Reise an den Kilimanjaro, den ich schuhlos in Rekordzeit von einer Stunde allein bestiegen habe – nicht ganz – mit einem Alpaka mit dem ich mich angefreundet habe und mit dem ich über intentionale Schwingungen – ein physikalisches Phänomen, das ich auch entdeckt habe – kommuniziert habe. Ich warte noch auf die Email des Guiness-Buch der Rekorde, die bestätigt, dass ich mit meinem neuen Rekord aufgenommen wurde. Es ist ärgerlich, dass hier im Urwald der Empfang nicht so gut ist. Ich kann auch nur schlecht in Kontakt mit der syrischen Familie bleiben, die ich bei der Besteigung des Kilimanjaros kennengelernt habe. Das ist eine ganz witzige Geschichte.

Hoch oben auf dem Gipfel traf ich eine Familie mit drei kleinen Kindern. Sie sahen müde aus und waren ausgemergelt, aber hatten ein Leuchten auf den zarten Gesichtern. Zu meinem großem Erstaunen hatten sie eine Deutschlandfahne auf dem Gipfel drapiert. “Warum hängt hier eine Deutschlandfahne?” fragte ich auf Syrisch, das ich kürzlich dank einer App, die ich selbst entwickelt habe, erlernt hatte.

“Wir sind hier in Deutschland”, sagte der Vater stolz. Er zeigte auf etwas. Ich trat näher. Ein Bild von Bundeskanzlerin Merkel. Eingerahmt. Es stand auf so etwas wie einer Kommode. Nicht fachmännisch zusammengezimmert und mit Schnee bedeckt.
Der Vater erzählte von der mühsamen Reise, von Geld, das von einer Hand in die andere wechselte, von schlaflosen Nächten und Hungersnot. Die Flucht – angetrieben von Angst aber auch Zuversicht.
Ich versuchte den Syrern zu erklären, dass sie falsch lagen. Dass dies nicht Deutschland war. Ungläubig blickte man mich an. Mein blondes, teutonisches Haare blendete sie und meine Worte sorgten für Verwirrung. Es stellte sich heraus, dass sie einmal links falsch abgebogen waren. Ich versprach wiederzukommen und die Familie nach Deutschland zu führen. Ich rufe deshalb zu einer Spendenaktion in Ihrem Blatt für diese Familie auf. Ich werde das Geld, das zusammenkommt, selbstlos verwalten und es persönlich übermitteln. Vielleicht fliege ich dafür mit einem Raumschiff nach Deutschland. Mein Altruismus ist grenzenlos.

Ich lernte in Brasilien ein weiteres Urvolk kennen, das den Kontakt zu jeglicher Zivilisation scheut. Mein blondes Haar wirkte vertrauenswürdig und nach kurzem Small Talk auf Spanisch, das ich ebenfalls fließend wie Tagalog, Ungarisch, Französisch, Englisch, Latein, Alt-Griechisch und Zulu beherrsche und das ein Jüngling, der Sohn des reichsten Mannes dieses Volkes, der einige Zeit in Andalusien verbracht hatte, sprechen konnte und sich mit mir angeregt unterhielt, führte man mich zu einem Feld und sagte, dass dort regelmäßig ein UFO landete und man in Kontakt zu Außerirdischen stünde. Ich muss aber noch einmal zurück und das Ganze erforschen. Ich lerne derzeit brasilianisches Portugiesisch, was mir meine Erforschungen erleichtern wird. Ich möchte ja keine Fake News verbreiten. Ich mache keine Lügenpresse, hihi.

Das erinnert mich aber ein wenig an meine Reise nach Indonesien, wo ich beinahe ein neues Welt-Wunder entdeckte, aber es dann doch nicht dazu kam, weil ich eine gesamte Großstadt durch meine außerordentlichen Fähigkeiten rettete.

Ich bin ein bescheidener Mensch und es beschämt mich, dass das hier den Anschein erwecken könnte, dass ich mich selbst rühme. Mein Talent als Reporter ist aber unleugbar, wenn ich das so sagen darf. 

Ich kann nicht so viel schreiben, weil ich ein gestohlenes Kunstwerk an seinen rechtmäßigen Platz in einem südeuropäischen Museum mit meinem selbstgebauten Hubschrauber zurückfliegen muss. Ich habe dafür einen Deal mit einem international bekannten Kunstfälscher und einem russischen Oligarchen in Tokio ausgehandelt, sodass das gestohlene Gemälde wieder in Kürze im Museum von der Öffentlichkeit studiert werden darf. Das ist alles top secret und leider kann ich noch nicht so viel darüber schreiben. Ich habe dafür meine Kontakte spielen lassen und gegen Diamanten, die mir ein afrikanischer Prinz hat zukommen lassen, eingetauscht. Ich und meine Deals, hihi. Ich hätte sie natürlich auch selbst behalten können, aber so bin ich nicht.

Ich muss mich eigentlich für meine Rolle als neuer James Bond vorbereiten, aber es gibt so viel zu tun als erfolgreicher Reporter. Mein Handy klingelt. Wer kann das sein? Ah, es ist Trump, dieser US-amerikanische Trottel. Sicherlich möchte er mich mal wieder zum Golfspielen einladen, aber dabei bin ich schon mit Obama verabredet. Trump hat mir erzählt, dass er eine Rakete aus Mexikanern bauen und dann im Mittleren Osten abwerfen lassen wollte. Ich konnte es ihm aber durch mein diplomatisches Gespür ausreden, habe aber auch auf meine saudi-arabischen Kontakte gesetzt. Ich habe unzählige Kontakte und habe so viel zu tun, aber helfe, wo ich kann.

Edward Snowden, Julian Assange und ich arbeiten momentan an einer gemeinsamen Fernsehserie für Netflix und ich habe 100 Kinder aus Syrien und dem Irak bei mir aufgenommen, aber ich hätte Zeit, um bei Ihnen als Reporter anzufangen.

Kiss
❤❤❤❤❤

Was man muss

Man “muss” gar nichts erreicht haben. Es reicht die Matratze auf dem Boden im WG-Zimmer mit 20, 30, 40 oder auch 80, wenn man dafür etwas macht, was man liebt, auch wenn man damit kein großes Geld verdient. Man “muss” keine Beziehungen gehabt haben, Affären, One-night-Stands. Du bist nicht “prüde”. Du bist du. Keine Reisen in ferne Länder, wenn man lieber nach Dänemark fährt. Du musst dir kein neues Smartphone kaufen, weil das, was du jetzt hast schon ein halbes Jahr alt ist und damit nicht mehr aktuell. Man muss nicht aktiv auf sozialen Medien sein. Es gibt keine Bücher, die jeder gelesen haben muss. Keine Sexstellungen, Saftkuren, Apps, Haarfrisuren, Diäts, Enemas, Datingseiten oder überteuerte “Szene-Getränke” in “In-Bars”, die jeder probiert haben muss. Keine Filme und Serien, die jeder gesehen haben muss. Es gibt keine Fremdwörter, die man kennen muss. Du bist dann nicht mehr oder weniger klug. Es ist egal, ob du mit 14 von der Schule abgegangen bist oder einen Dr. Pr-Titel hast. Du bist deshalb nicht mehr oder weniger “wert”, weil es ja doch jemanden gibt, dessen Gesicht erleuchtet, wenn er oder sie dich sieht. Das kann auch “nur” dein Hund sein. Oder du selbst im Spiegel. Ist doch egal. Liebe ist Liebe. Du musst keine Model-Maße haben oder “heiße Kurven”. Es reicht ein gutes Herz und ein bisschen Verstand, wenn möglich. Du musst nicht heiraten wollen oder Kinder haben wollen, aber es ist schön für dich, wenn du willst. Du musst wissen, was dich glücklich macht und womit du andere glücklich machst. Du musst nicht immer erreichbar sein, wenn du mal ein bisschen Zeit für dich brauchst. Du musst dich nicht immer für andere klein machen. Du kannst auch mal an deine Träume glauben. Und an dich. Du musst keine teure Kleidung tragen. Du musst dir kein teures Auto kaufen. Du musst dich nicht in einem dritte-Welt-Land “selbst finden” oder über jene spotten, die dort helfen wollen und Freiwilligenarbeit leisten. Du musst dich nicht für Lücken im Lebenslauf schämen, weil es einfach nicht mehr ging und du dir Zeit für dich nehmen musstest. Du musst keinen Schönheitsidealen entsprechen oder alles erreicht haben, was Gleichaltrige erreicht haben. Du musst dich mit niemand messen. Es sei denn du bist Sportler oder arbeitest beim Vermessungsamt. Du musst keine Million “Follower” haben und keine Likes. Du musst keine peinlichen blauen Verifiziert-Häkchen haben außer du bist Beyoncé. Du brauchst keine Produkte von Apple. Es gibt keine “Stimme unserer Generation”. Es gibt keine Wahrheiten für alle. Keine Universalträume. Du musst nicht Geld anhäufen und Statussymbole. Schöne Erinnerungen, den Moment genießen und sich auf etwas freuen, sind viel besser. Such Freunde und keine Konkurrenten. Trau keinen Werbeversprechen und Werbegesichtern und den meisten Politikern. Wenn du dich selbst rettest, rettest du auch ein bisschen die Welt, denn du bist ein Teil davon. Tu Gutes für andere, aber auch für dich selbst.

Wir sind jung

Wir sind jung oder jung geblieben. Uns liegt die Welt offen. Wir sind orientierungslos.
Kein Ziel vor Augen. Nur Träume.
Musik, schlechter Sex, Magazine. 3000 Seiten Fashion und Lifestyle. iPod, iPhone, iPad.
Wir lachen, weinen und schlafen. Oder schlafen nicht.
Zigaretten, Alkohol und Aphorismen.

Wir lesen Gedichte und fahren auf gestohlenen Fahrrädern den Illusionen entgegen.
Lang ist die Zeit, kurz ist der Tag, sehnlichst die Nacht.
Wir sind 18 und erwachsen. Wir sind 20 und verloren. Wir sind 25 und süchtig.

 Wir haben eine Stimme, aber bleiben stumm.

 Die Realität ist unser ständiger Begleiter, gestützt auf unsere Utopien.
Die formierte Welt ist unser Spielball und wir wälzen uns in unserer Verzweiflung.
Wir haben eine Stimme, aber bleiben stumm. Der Party-Dunst ummantelt unsere Illusionen.
Die Trugschlüsse und Irrungen und Wirrungen, die sich in Spiegelschrift verdoppeln.

Wir haben gelitten, haben geweint oder verdrängt. Oder heruntergespült.
Haben im Selbstmitleid gebadet. I don’t think you really know what pain is.
Wir wissen, dass wir schlecht sind. Wir wissen, dass wir gut sind.
Ego, Ego. Mittelmaß, Einsamkeit, Untergehen in der Masse.

Wir sind gelangweilte Selbstdarsteller, zynische Pragmatiker,
besorgte Bausparer. Verweigerer des Tatendrangs.
Rühr-mich-nicht-ans und Kleinbürger im Tarnanzug des Bohemians.
Wir sind die Welt.

Wir haben Existenzangst, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Bindung.
Wir glauben an nichts, aber an irgendetwas muss man doch schließlich glauben.
Moralische Grundvorstellungen mit Heiligenschein.

Wir fahren nach Paris und Barcelona. New York, Berlin, London.
Besuchen unsere alte Schulfreundin in Afrika. Reise nach Indien und sparen für Tokio.

 Wir glauben Disney und Hollywood und unsere kleine Schwester weint sich nachts in den Schlaf.

 Wir sind mal wieder verliebt.
Wir schalten den Fernseher ein.
2000 Kanäle. Satellit, Kabel, Digitalfernsehen.
Wir sind mal träge, mal leichtfüßig.
Wir glauben Disney und Hollywood und unsere kleine Schwester weint sich nachts in den Schlaf.

Wir wollen Familie, aber hassen die Last auf unseren Schultern.
Wir lassen uns von den Medien aufziehen, erziehen, steuern, manipulieren.
Wir wollen schön sein, reich sein. Oder einfach nur anders.
Anders als der, der man nicht sein möchte, obgleich man mit diesem Jemand niemals zuvor gesprochen hat.

Wir sind verwöhnt. Wir sind traumatisiert.

Wir sind traurig.
Wir sind mühsam angestrengt.
Wir versuchen, unsere Begierden in Maß zu halten.
Und wir scheitern.

Es ist die Episode des Versagens, die uns auf allen Sendern verfolgt.
Wir haben Waffen, wir haben Mittel.
Wir tanzen ekstatisch in sukzessiven Lichtblitzen und suchen doch nur jemanden, der unsere Hand hält.

Was sagen die anderen?
Was denken sie über uns?
Soziale Medien.
Immer dünner, immer schneller, immer lauter. Immer müde.

Wir schließen uns zu festen Kreisen zusammen.
Wir suchen Schutz.

Man strebt nach dem Individuellen.
Doch der Individuelle hat tausend Verwandte.
Und jeden als Individuum als Feind im Nacken.

Wir sind klug, wir sind kühn, wir sind berechnend.
Wir lesen, um mitreden zu können.
Wir reden, um andere übertrumpfen zu können.
Wir schreien, um andere unterwerfen zu können.

Profilneurosen, Wortgefechte, Atemstillstand.
Es ist schön, jung zu sein.
Es ist schrecklich, jung zu sein.
Wir feuersanieren Gebrechliches.

Apathie.
Wir sind verloren im Nichts und gefangen im Sein.
Dissertation. Habilitation. Rehabilitation.
Wir sind aufrichtig verlogen.
Wir sind stolz, doch nein, wir haben keinen Respekt und kein Selbstwertgefühl.
Wir suhlen uns im Elend.

Meine Gedanken sind frei wie ein wilder Vogel, doch ich weiß nicht, wie ich aus dem Käfig ausbrechen soll.

Depression als Lebensgefühl.
Stigmata. Traumata.
Meine Gedanken sind frei wie ein wilder Vogel, doch ich weiß nicht, wie ich aus dem Käfig ausbrechen soll.
Privilegierte Wohlstandsscheiße, Junkies, Künstler, Spießbürger, Dreck, Drogen, Musik, Literatur und Freunde.
Du kannst mir nichts erzählen, was ich nicht schon weiß, außer du erzählst von Atomphysik.

Ich weiß nicht, wer du bist.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ist doch egal

Nett aber langweilig

Früher in meiner Jugend, Opa erzählt vom Krieg, war Sarah Kuttner so etwas wie der “Shooting-Star” der ‘”Generation Y”, die damals vielleicht gar nicht so hieß und der Kuttner altersmäßig auch gar nicht angehörte. Sie war damals für mich schon “ziemlich alt”, bestimmt Mitte 20. So etwas holt einen meistens ein. Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer jungen Frau in einer Bar. Ich hielt sie für Ende 20, weil sie “business casual” angezogen war. Sie kam gerade von der Arbeit. Es stellte sich heraus, dass sie erst 18 war und sie konnte es nicht fassen, dass ich schon “so alt” sei. Sie war so fasziniert davon, dass sie eine Gruppe jüngerer Männer um die 20 über mein hohes Alter informierte. Mittlerweile ist es mir auch schon passiert dass Teenie-Jungs, als ich sagte, dass sie zu jung für mich wären und mich nicht anmachen sollen, erwiderten, dass sie auf “ältere Frauen” stehen. Über Befindlichkeiten im “Alter” und den Umgang mit der Jugend soll es aber in diesem Text nicht gehen, wenn Opa aber erst mal ins Plaudern kommt.

Zurück zu Sarah Kuttner. Früher war mir nicht so ganz bewusst, warum sie einen gewissen Ruhm genießen konnte. Bis auf ihren recht guten Musikgeschmack – die Indie-Bands, die zu der Zeit so gut wie alle Boys und Girls in Skinny Jeans hörten, die ich auch mochte, wirkte sie auch mich größtenteils nett aber langweilig. Dann gab es noch Charlotte Roche mit eigenwilligen Modegeschmack, ein bisschen alternativer als Kuttner, aber für mich ebenfalls nett und ein bisschen langweilig.

Das hat mich gewissermaßen auch wie das, was ich über das Alter dachte und wann es beginnt, eingeholt.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass da auch eine gewisse deutsche Sozialisation mitspielt. Nicht unbedingt nur Deutsch. Es umfasst vermutlich den gesamten deutschsprachigen Raum. Insbesondere Deutschland und Österreich. Wobei man sich da ganz einfallslos vom großen Bruder USA “inspirieren” lässt. Die Rede ist von “das wird man ja wohl noch sagen dürfen”-Meinungen und “Humor”.

Zadie Smith hat in einem älteren Interview gesagt, dass man besser keine “Opinion pieces” von Journalist/innen lesen sollte und viel besser Hochliteratur. Es ist besonders ratsam diese Empfehlung in Deutschland zu befolgen, wo sich regelmäßig peinliche Brüllaffen zu irgendetwas des Brüllens wegen “äußern”. Journalisten und Journalistinnen, wenn man sie so nennen darf, Autoren und Autorinnen, Komiker und Komikerinnen – wobei der Name für diese ebenfalls deplaziert erscheint, Kabarettisten und Kaberattisten, irgendwelche Wichtigtuer, die Stolz verspüren, weil sie bei Twitter und Instagram ein blaues Häkchen haben und denken, damit zur High Society und geistigen Elite zu gehören und man sie ja doch googeln muss, wenn man zufällig auf ihr Profil mit ihren dämlichen “Selfies” und hihi “ironischen” Sprüchen stößt, die sie von Memes stehlen und auf Deutsch übersetzen und als ihre Witzchen verkaufen, hihi, so bissig, so schlagfertig und man dann ihre selbst verfasste Wikipedia-Seite lesen muss, die vermutlich im Koksrausch geschrieben wurde, wie sich das für ein Medien-“Genie”, so denken sie, der Neuzeit gehört.

Zum tausendsten Mal wird in deutschen Medien “der” Feminismus oder Hashtags wie #metoo kritisiert. Das deutsche “N-Wort” benutzt, weil die anderen sich mal nicht so anstellen sollen und man das immer schon so gesagt hat und mindestens von einer dunkelhäutigen Person gehört hat, dass sie das nicht stört oder weil man selbst als “weißer Anti-Rassist” dieses Wort benutzen “darf”, um auf die anderen Rassisten “humorvoll” hinzuweisen. “Witze” über Autisten und Autistinnen. Ganz lapidar wird das Wort “Krüppel” benutzt oder ein Text oder Stand-up in Bibel-Länge geschrieben und verbissen darauf bestanden, dass man doch noch “Zigeunerschnitzel” sagen darf. Auch dieses Wort hat man doch “schon immer” benutzt. Außer man ist Veganer, aber Veganer sind ohnehin der Prügelknabe oder das weibliche Pendant für so viele der “mutigen” Meinunghaber und Sager. Diese naiven, unverbesserlichen Weltverbesserer und Hippies, die zu viel reisen. Wo bekommen die eigentlich ihr Protein her? Zumindest gibt es, wenn man diese erwähnt, nicht die üblichen “Shitstorms” wie so üblich beim deutschen Shitstorm-Journalismus. Deutschland, das Land in dem eine Kabarettistin wie Hazel Brugger gefeiert wird und als “lustigste Frau im deutschen Fernsehen gilt. Sie hat ein Buch geschrieben. Gleich auf den ersten Seiten redet sie davon dem Hotelpersonal gerne mehr Arbeit zu bereiten. So wahnsinnig “bissig” und “bitterböse” raunt es durch die Massen der Dauerlangweiler, die genauso langweilig sind wie Hazels Treten-nach-unten-Humor wie es ihr schillernde Persönlichkeiten im Olymp der politisch-inkorrekten Dummheit wie Jan Böhmermann zeigen. Ja, “Satire darf alles” wird mantra-artig von den Böhmermann-Jüngern wiederholt. “Sozialkritische” Witze über Erdogan mit rassistischen Kümmeltürke-Vorurteilen, Judenwitze, N-Wort und sonstiges und wenn man etwas dagegen sagt, versteht man eben keine “Satire”. So gute Satire wie die von Serdar Somuncu oder auch Lisa Echkart. Frau Eckhart, wenn auch weniger einschläfernd als so manch andere, hat ein paar Wörter aus dem Fremdwörterbuch bei ihren IPhone-Notizen gespeichert und erwähnt, dass sie Faust und Hegel gelesen hat und schon gilt sie als eloquente Hochbegabte, die in ihrem Programm Witze über Hunde- und Katzen-essende Chinesen macht, darüber dass die Metoo-Aktivistinnen zu prüde wären, Krüppel und Autisten und Veganer kommen auch wie so oft vor und so ist das bei unzähligen Persönlickkeiten im deutschsprachigen Raum. Ganz egal, ob da mal wieder so ein einfach gestrickter Mensch wie Don Alphonso hetzt oder der Welt- oder Zeit-Feuilleton nachziehen. Einige Beispiele unter vielen. Es ist so gut wie immer das Gleiche. Schlägt man den deutschen Feuilleton auf, gibt es das und ähnliches in regelmäßigen Abständen zu lesen. Es hat etwas Weltfremdes, Provinzielles, selbst wenn die selbstgefälligen Verfasser Berlin-Zugezogene sind. Wir haben genug von den lauten Stimmen gehört, die, man kann es annehmen, zu Klaus Kinski-Mitschnitten bei YouTube masturbieren und auch gerne so großartig (Spoiler: Kinski und auch sie sind es nicht) wären. Ja, ja. Erschrocken findet man ja doch wieder zu Max Uthoff und Volker Prispers zurück.

Arroganz ist kein Talent. Politisch-inkorrekte Witze sind nicht mutig.

Wer intelligent und stilvoll ist, darf sich nicht einschüchtern lassen. Wenn Satire alles darf, dann darf sie auch klug sein und es können sich auch mal weniger beschämende Intelligenz- und Stil-Allergiker zu Wort melden. Schwieriger wird es bei den Zeitungen, aber man kann immer noch unlustiger, veganer Weltbesserer werden und den “Kulturteil” der Zeitungen meiden.

Nett, aber ein bisschen langweilig. Das sind genau die Stimmen, die wir wieder dringend brauchen. Vielleicht sind sie gar nicht langweilig, denn ihr wisst schon, stille Wasser sind tief. Vielleicht kommen sie nur nicht zu Wort, weil die anderem so laut schreien. Größenwahn mit mittelmäßigen bis wenig Talent ist genügend da.

Das Mädchen aus Texas

Ich traf Jessica vor einiger Zeit. Jessica ist ein Mädchen aus Texas. Sie ist 23, going on 24. Ein hübsches Ding. Nicht ungewöhnlich. Keine außergewöhnliche Schönheit. Die dunklen Haare fallen ihr bis auf die zarten Schultern, die braunen Augen sind klein, aber sie beobachten dich. Jessica ist also ein ganz normales Mädchen. Mit einem Gespür für Mode. Aufgerüscht war sie. Ja. Ein wenig. Sie trug ein Kleid zu einer schwarzen Strumpfhose und grüne Schuhe. Es war kein flattriges Kleid. Keins, das man sich vorstellt, wie es sich auf Nachbarsleine im Wind hin und her schmiegt. Kein Sommerkleid. Keine Blümchen. Mehr Vintage. Dunkel. Die 60er. Sie hatte einen Trolley dabei. Das ist ein Koffer mit Rollen, für die, die es noch nicht wussten. Und einen Rucksack trug sie mit sich. Ich traf sie im Zug von Amsterdam-Hamburg-Einmal umsteigen. Unsere Blicke trafen sich. Ich wusste nicht, was ich von ihr zu halten hatte. War ja auch nicht so wichtig. “Hi, I’m Jess.“, stellte sie sich vor, als wir durch irgendeinen unbedeutsamen Zufall ins Gespräch kamen. Ich gab ihr meine Hand. Sie erwiderte meinen Händedruck. Wir redeten. Small-Talk. Bla bla. Ganz unbedeutsam. Und. Sie sprach über sich. Über ihre Familie. Der Vater zu dem sie ein schwieriges Verhältnis hatte. Zu stark hatte er sie im Kindes-und Jugendalter bedrängt und zu verändern versucht. Nun hatten sie keinerlei Kontakt. Sie zeigte mir Fotos. Ich sah ein kleines dunkelblondes Mädchen verschüchtert beim großen Familienfoto links in der Ecke stehen. “I dye my hair.“ sagte sie erklärend. Ah ja. Sie sprach über ihre gescheiterten Beziehungen. Ich nickte. Der Zug rollte in Hamburg ein und unsere Wege sollten sich trennen, doch dann bot sie mir an, noch etwas zusammen zu unternehmen und ich willigte ein. Ich war froh. Sie war mir sympathisch. Wir liefen umher und teilten uns eine Flasche billigen Wein. Unsere Taschen hatten zwir in Schließfächern verstaut. Wir gingen zum Hafen und setzten uns. Rauchten rote Galouises. Sie erzählte. Sie hatte ein besonderes Talent. Sie sprach von unspektaluränen oder alltäglichen Dingen wie von etwas ganz Großem. So wie eine Traumtänzerin. Ich war fasziniert und lauschte ihrem Redefluss. Jessica zeigte mir eine Mappe mit Zeichnungen. Sie waren großartig. Frauen mit allen erdenklichen Formen. Ganz Dünne, Kräftige, Frauen mit starker Fettleibigkeit, deren Augen leuchteten. Der Wein verfehlte seine Wirkung nicht an diesem verregneten Abend am Hamburger Hafen. Nach einer Zeit saßen wir beide zusammen voller Sehnsucht am düsteren Hamburger Hafen und weinten. Keine Ahnung warum.

“Du sprichst aber gut Deutsch”

Celestes Karriere

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Da standen wir bei einem “Kulturevent” und unterhielten uns.

Ich war schon ziemlich angetrunken und lallte über irgendetwas, was nichts Neues oder Außergewöhnliches ist.

Meine Bekannten waren alte Schulkameraden und Kameradinnen. Wir standen in einem Kreis, als ein Mann und eine Frau mittleren Alters uns ansprachen. Eigentlich unterhielten sie sich nur mit Celeste.

“Ich hole mir noch etwas zu trinken”, sagte ich.
“Schon wieder?” fragte Stephanie.
“Der Mensch ist ein Gewöhnheitstier”, entgegnete ich.

Es gab kostenlosen Wein. Ich nahm mir dieses Mal gleich drei Gläsern mit, damit ich nicht ständig neuen Wein holen musste. Die drei Gläser Wein würden für eine halbe Stunde reichen. Das war genug, um betrunken, aber nicht zu betrunken zu werden. Ich hatte mir das mit dem nicht zu Betrunken vorgenommen. Zu oft hatte ich mich blamiert. Ich musste an mein Ego denken. Mein Ego hielt mich für merkwürdig.

Als ich wieder zu den anderen zurückkam, standen die Frau und der Mann mittleren Alters immer noch um Celeste herum, aber jetzt hatten sich nur mehr Menschen mittleren Alters angesammelt und auch ein paar jüngere Menschen und so standen sie da wie leere Pfandflaschen. Die älteren sahen aus wie CDU und Schmuck aus dem Afrika-Laden, die jüngeren wie Junge Union mit Antifa gemischt. Irgendwie spießig und langweilig, was ihnen aber selbst nicht bewusst war. Solche konnte man drei Meter gegen den Wind erkennen. Sie hielten sich selbst für cool und weltoffen. Sie waren für Flüchtlinge und offene Grenzen, weil das en vogue war. Sie redeten so viel über Flüchtlinge, aber nie mit Flüchtlingen. Wahrscheinlich wählten sie nicht mal CDU. Sie waren so links, dass sie schon konservativ waren. Aber vielleicht irrte ich mich auch. Das soll vorkommen. Besonders bei steigendem Alkoholpegel. Na ja, wenigstens steigt etwas. Eine seltene Erfolgskurve.
Über was unterhielten sie sich, fragte ich mich.

Ich kam ein bisschen näher. Die anderen, Malik, Eze und Stephanie, standen nun auch mit Celeste und den übrigen zusammen. Ah, sie unterhielten sich über Celestes Karriere. In puncto Karriere konnte und wollte ich nicht so recht mitreden und trank lieber von meinem Wein. Celestes berufliche Erfolge waren auch beeindruckend, aber mich beeindruckte eher, dass der Wein nicht wie der Wein, den ich sonst trank, schmeckte. Nicht nach billigem Essig mit Ethanol in einer Garage in einer Kleinstadt zusammengepanscht, wo sich der dortige Puffbetreiber noch eine Nebeneinkunft sichern möchte – als hätte er nicht schon genug Geld – und denkt, er, als “Lebemann” könnte doch Wein herstellen und “Champagner”, den er Schlampagner nennt und der im Gegensatz zu seinem Wein nach Ethanol, Wasser und Zucker schmeckt. Das wird dann im Supermarkt oder wo auch immer verkauft. Der Wein hier bei diesem “Event” war hingegen gut. Ich trank zwei der Gläser aus. Eigentlich war es vorgesehen, dass jeder nur ein Freigetränk bekommen sollte, aber ich war mal so frei. Alkohol ist meistens kein guter Eskapismus, aber größtenteils ein einfacher, solange es nicht zu einer Sucht wird. Das ist ein schmaler Grat, den ich in Kauf nahm.
Ich legte die ausgetrunkenen Gläser ab und hielt nur noch ein Glas in der Hand. Das war so schön normal.

Eine dünne Trulla mit Dutt mit undefinierbarer Haarfarbe, ungefähr Ende 20, wedelte mit ihrer knochigen, rechten Hand umher. In der anderen hielt sie ein Weinglas. Sie trug einen Siegelring am kleinen Finger der rechten Hand und Kleidung in Erdtönen. Die Augen waren schwarz geschminkt, was ihre Schlupflider betonte. Mir fiel das mit den Schlupflidern auf, weil ich über “die größten Make-up-Fehler, die man machen kann” gelesen hatte. Wenn man nur Make-up-Fehler macht, ist ja alles gut. Dazu trug sie noch dunkelroten Lippenstift, der ihre trockenen, vollen Lippen betonte. Sie sah, dass ich sie beobachtete. Ihr betont gelangweilter Blick wechselte zu arrogant. Ich ahnte, dass sie dachte, dass ich sie auf Grund ihrer Schönheit beobachtete. Adriana Lima war das jetzt nicht, aber das interessierte nie jemanden in Deutschland, wenn es um grundlose Arroganz, verzerrte Wahrnehmungen und aufgeblasene Egos ging.

“Ich mein, man sollte seinen Körper schon verbrauchen. Ich gebe da gar nicht drauf auf diesen ganzen Lifestyle-Mist. Wellness, Selbstfindung und sowas. Man sollte trinken rauchen, wenig schlafen, wenn man will. Scheiß auf die Ernährung. Das ist doch das eigene Recht. Warum alles konservieren, wenn man ja doch nur älter wird. Das ist doch egal. Erfolg ist egal. Lass dich gehen. Bleib im Bett liegen. Warum überhaupt aufstehen, wenn es doch im Bett am schönsten ist. Scheiß auf Verantwortung. Wir haben doch alle so Angst vorm Versagen. Warum es nicht einfach mal nicht versuchen. Warum es nicht einfach mal sein lassen. Dieser ganze Erfolgsdruck. Einfach mal nicht hingehen. Liegenbleiben. Einen Monat schlafen.”

“Das ist ein interessanter Ansatz”, sagte eine der mittelalten. Sie trug eine Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover, einen grauen Blazer sowie eine Perlenkette.

“Ja”, sagte einer der Jüngeren begeistert.

“Ja, sie haut immer so kluge Sachen raus”, meinte einer der Älteren.

“Und wie bezahlst du deine Miete?” fragte ich. Alle sahen zu mir herüber. “Hartz IV?”

Die aroogante Trulla sah mich ein bisschen erschrocken an. Mit solch einem abstrusen Gedankengang hatte sie nicht gerechnet, aber anscheinend auch niemand ihrer unterbelichteten Feunde.

Sie zuckte zusammen. “Selbstverständlich kein Hartz IV”, sagte sie. “Das habe ich nicht nötig.”

Nicht Adriana Lima, aber auch Einstein nicht.

Da man auf meine Frage keine Antwort wusste, wechselte man das Thema schnell. Sie redeten wieder über Celeste Karriere. Ausbildung, Studium, Freiwillgenarbeit und jetzt auch “Social Media Influencerin”.

“Das ist ja auch so wahnsinnig spannend, dass Sie als Social Media Influencerin arbeiten. Dass Sie das mit diesen ganzen neuen Medien machen. Das ist ja ein ganz neuer Markt. Wer hätte das gedacht, dass das so florieren würde. Dass man damit Geld verdienen kann. Erzählen Sie mal, wie läuft das so ab? Sie machen Videos über Ernährung und was noch?” fragte die ältere Frau.

“Naturkosmetik, Minimalismus, Umweltschutz”, sagte Celeste.

“Das ist ja ganz süß als Hobby, aber das ist doch kein Beruf”, sagte die Trulla. “Wie gesagt halte ich auch von diesem ganzen Wellness-Zeug nichts.”

“Besser als im Bett liegen als Möchtegern-Soziologe”, sagte ich.

“Ich bin Schriftstellerin und Autorin”, sagte die Trulla empört.

“Ich mache ja nicht nur das”, sagte Celeste.

“Sie verdient aber genug”, sagte ich.

“Ich möchte aufklären über Nachhaltigkeit, Selbstliebe, Rassismus”, sagte Celeste. “Das ist eben so, dass man auf diesen Plattformen wie YouTube und Instagram eine große Reichweite hat und ich erreiche so viele Menschen und das ist eine Message, die ich überliefern möchte. Das hat jetzt nichts mit angeben zu tun, aber ich habe bei Instagram und Youtube ungefähr 250.000 Follower und ich möchte auch, dass Menschen, die so aussehen wie ich, repräsentiert werden in den Medien. Menschen mit dunkler Haut in Deutschland.”

Die Frau unterbrach sie. “Rassismus”, sagte sie. “Rassismus. Ich habe mich schon gefragt, woher Sie so gut Deutsch sprechen können.”

“Ja, ich mich auch”, sagte ein Mann. “Ein großes Lob. Wo haben Sie denn so gut Deutsch gelernt?”

“Sind Sie Flüchtling?” fragte ein weiterer Mann. Es schien so aufgeregt zu sein wie ein Hund mit dem man gleich Gassi gehen würde. Unterhielt er sich etwa mit einem echten Flüchtling?

Die Augen der jüngeren und älteren Menschen leuchteten.

Celeste sah sie verwirrt an. “Nein”, sagte sie. “Ich bin in Deutschland aufgewachsen” sagte Celeste. “Ich bin Halb-Deutsche.”

Die Unterdrückung der Enttäuschung wurde mit schlechten schauspielerischen Leistungen vorgetragen.

“Du hast so viele Follower?” fragte die Trulla.

Es war mal wieder ein bescheidener Abend. Da hätte man auch gleich zu Hause bleiben können aber da gab es keine Freigetränke.

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sind meistens schlecht.

Sagt es weiter. Es hat sich noch nicht genug herumgesprochen.